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Full text of "Zeitschrift für bildende Kunst"

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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BILDENDE KUNST 



Herausgegeben 



PROF. DR. CARL VON LÜTZOW 

Bibliothekar der K. K. Akademie der Künste zu Wien. 



Mit dem Beiblatt Kunstchronik 



NEUE FOLGE 

Erster Jahrgang 




LEIPZIG 

Verlag von E. A. Seemann 
1890. 



BIBLIOTHEK 



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aüH äo 1970 






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Zeitschrift für bildende Kunst. 

Neue Folge. 




Inhalt des ersten Jahrgangs. 



Seite 

Zum Beginn. Von C. von LiU\uin 1 

Architektur. 

Bilder aus Salzburg. Von J. Lawjl 8. 32 

Wiener Neubauten und ihrScbmuck. Von CronLüixow 4G 
Hauskapellen und Gese.hlechterhäuser in Regensburg 

II. III. Von C. TL Poldicj 57. 93 

Das städtische Spiel- und Festhaus in Worms. Von 

Th. lüitschmami 173 

BerlinerArchitektur 1875—90. Von A.Rosetiberg 253. 283. 314 
Der Baustil der alten Germanen. Von O. Wichmann 2G9 
Die Marienburg und ihi-e gegenwärtige Wiederher- 
stellung. Von H. Ehrenberg 277 

Hissarlik als Feuemekropole. Von E. Buc/ticlicr . . 333 

Plastik. 

Alexandrinische Dekorationskunst. Von Ad. Michaelis 71 
Die bronzene Apostelstatue in der Poterskirehc. Von 

Fr. Wickhoff 109 

Neue antike Kunstwerke. 11. Von 11. Hcydemann 117. 151 

Der Zeus des Phidias zu Olympia. Von W. Amelung 197 
Werke und Schicksale der Plastik im heutigen Wien. 

Von C. von Lütxow 261 

Wurzelbauers Bronzegruppe „Venus und Amor". Von 

E. Jonas / 299 

Malerei. 

Chr. L. Bokelmann. Von Ad. Rosenberg 3 

Lorenzo Lotto im Städtischen Museum zu Mailand und 

in der Dresdener Galerie. Von G. Frizzoni .... 16 

Carl Fröschl Von Krsnjari 31 

August C. von Pettenkofen. Von C. von Lütxow 85. 124 

Johannes Janssens. Von C. Hofstede da Groot . . . 133 

Jusepe de Ribera. Von K. Woeriiiann .... 141. 177 

Wilhelm Riefstahl. Von H. E. v. Berlepsch . . 185. 205 

Jan Matejko. Von L. Lcpsxij 229 

Die Städtische Gemäldegalerie zu Wolverhampton . . 68 
Die Ausstellung alter Gemälde aus sächsischem Privat- 
besitz in Leipzig. Von A. Bredius .... 129. 189 



.Seite 
Die schottische Nationalgalerie in Kdinburg. Nach 

W. Armstrong 136 

Ein österreichischer Soldatenmaler. Von J. Dernjac . 222 

Indische Malerei. Von L. Tl. Fischer 238 

Leonardo da Vinci's und H. Holbeins d. j. Handzeich- 
nungen in Windsor. Von O. Frixxoni 245 

Das Snewelinsche Altarwerk des Hans Baidung Grien. 

Von O. von Tcrcij 248 

Die Zeichnungen zur Decke der Stanza d'Eliodoro. Von 

H. Dollmayr 292 

Die Akademische Kunstausstellung in Berlin I-IV. Von 

Ad. Bosenberg 301. 329 

Ein Spaziergang nach Grossgniain. Von J. Langl . . 309 

Graphische Kunst. 

Der älteste Kupferstich Dürers. Von A. Springer . . 20 

Dresdener Burgkmair.studien. Von K. Woermann . . 40 

Neue Kunstblätter 76. 193 

Kliustlerbriefe. 

Briefwechsel zwischen Moritz von Schwind und Eduard 
Mörike. Mitgeteilt von J. Baechtold . . 100. 158. 211 

Bücherschau. 

Handzeichnungen alter Meister im Nationalmuseum zu 

Stockholm 78 

Gurlitts Geschichte des Barockstils, des Rokoko und 

des Klassicismus 11J5 

Der neue Galeriekatalog der Akademie der bildenden 

Künste in Wien 305 

Publikationen der Internationalen chalcographischen 

Gesellschaft. Von Max Lchrs 324 

Notizen. 

Lefler, Menuett 22 

W. V. d. Velde, d. j., der Kanoncnschuss 52 

Aus der Düsseldorfer Malerschule 80 

Moes, Bildnis eines jungen Mannes 81 

NB. Die Kleinen Mitteilungen sind ins Kegister der Kunstohi-ouik 
aufgenommen und die Seitenzahlen durch Kursivlettern bezeichnet. 



IV 



INHALTSVERZEICHNIS. 



Verzeichnis der Illustrationen und Kunstbeilagen. 



;it t bezoichneten sind Eiiizelblätter.) 



Aiifiingsvigiiottc von F. lleiss 

•|-Die Auswiimk'ici-, CHMuükle von Chr. L. llokehiiaiin, 

Heliogravüre von R. l'anlusse)i 

l'oiiiät von Chr. L. liokelmann 

Singende Knaben, Studie von Bokehnann 

Kind aus Nordfriesland, Studie von Bokehnann . . . 

Damenbildnis, von demselben 

Ein Raucber, von demselben 

Bilder aus Salzburg: 

Gesamtansicbt 

Residenzbnumen 

Rosssebwemme vor dem Marstall 

Lustschloss Hellbrunn 

1 liiusei-gi-uppe am Stein 

Inneres des Domes 

Aus Scbloss Hellbrunu, Fresken des Mascagni . . 

Die Maximuskapelle 

Kolossalgi'uppo aus dem Mirabellgarten 

Vestibül im Mirabellscbloss 

Sigmundstlior 

Stiege im Mirabellsehloss 

Die Kapitelscbwemmc 

Die Kollegienkirohe 

Vase aus dem Mirabellgarten in Salzburg .... 

Wappen des Erzbischofs Paris Lodron von Salzburg 

Ornament aus Troviso 

Porträt von Lorenzo Lotto in Mailand 

Madonna von Lorenzo Lotto in Dresden 

Kupferstichstudien von A. Dürer 20. 

f.'Vdam und Eva. Kupferstich von Dürer . . Zu S. 
gelbstportrilt Dürers von 1493, nach der Radirung von 

L. Schulz 

fMenuett von Lefler. radirt von W. Ziegler .... 

Vignette von Carl Früschl 

Selbstportriit Carl Fnkrhls 

Schularbeiten. Zeichnung von Carl Frösclil. Holzschnitt 

von B. Bowj 

Mutterglück. Zeichnung von demselben 

Kleine Amazone. Zeichnung von demselben .... 
tBildnis der Frau M. , Pastell von C Früschl, Helio- 

gravüi'e von J. Blech higcr in V^ien ... Zu S. 
Wandgiebelschmuck aus dem Naturhistorischen Hof- 
museum in Wien 

Männer mit Streitilxten , bisher unpublizirtos Blatt aus 

Btirykmairs Triumphzug. (Nach dem Original im 

Königl. Kupfei'stichkabinet zu Dresden.) 

Aus Veitlis Deckenmalereien im Zuschauerräume des 

Deutschen Volkstheaters in Wien ... 46. 48. 
Treppenhaus des Naturhistorischen Hofmuseums in Wien. 

Holzschnitt von E. Helm 

Das Deutsche Volkstheater in Wien. Seitenansicht. 

Holzschnitt von Kacseberg <£• Ocrtcl 

fDer Kanonenschuss von W. van de Vcldc , d. j., Ra- 
dirung von TF. Stcciink 

tln der Klosterbibliothek, Gemälde von E. S. Zimmer- 
mann, radirt von L. Kühn 

Verzierungen der Schlussteine an St. Thomac am Röm- 
ling in Regensburg 



Seite 
5S 



1)4 



Grundriss der Verenakapelle 

Grundriss und Portal des Hauses an der Heuport . . 
Gewölbe und Grundriss von St. Andreae .... 00. 
Konsole und Schlussteine von der Alexiuskaiiellc . . 
Grundriss und Einzelheiten von St. Thomae am Röm- 

ling . ■ ■ , 

Kapelle St. Thomae am Römling ü5 

fDer Römling mit der Thomaskapellc. Heliogravüre 

nach einer Tuschzeichnung von C. Tit. Pohlig. Zu S. (J5 
Konsolen und Schlussteine von St. Thomae am Röm- 
ling m. ü7 

Am Tarne bei Ludlow. Von /. Niemann 68 

Der Kaminfeger. Von F. D. Hardy 69 

fDaidalosundPasiphae im Palazzo Spada in Rom. Helio- 
gravüre von Dtijardin*) 72 

*) Aus Schreiber, Hellenistisclie Bildwerke (Verlag von 
W. Engelmann). 

Flusslandschaft von Jan Bretighel 78 

Madonna von Oucreino 79 

Kopfleiste aus Bosenbcrg, Die Düsseldorfer Malerschule, 

E. v. Gebhardt und P. Janssen darstellend .... 81 

Liebesbotschaft von J. Aiibcrt. Holzschnitt von B. Bong 82 
Aus dem Werke: Moderne Kunst in Meisterholzschnitten. 
Verlag von R. Bong in Berlin. 

fBildnis eines jungen Mannes von Nie. Macs. Helio- 
gravüre von Hanfstängl Sl 

■fAm Spinnrocken. Gemälde von Aug. c. Pcttcnkofcn, 

radirt von Th. Alphons 85 

Pettenkofens Porträt 85 

Böhmische Legion. Von Pettenlcofen 86 

StürmendeösteiTeichische Infanterie 1796. Vondemselben 89 

Im Schustergässchen von Szolnok. Von demselben . 88 

Studienkopf, Kreidezeichnung. Von demselben ... 89 

Der Apotheker, Sepiazeichnung. Von demselben . . 90 

Marietta Zanelli, Tusohzeiohnung. Von demselben . 91 
Schluss- und Tragsteine aus der Sigismundskapelle in 

Regensburg 94 

St. Dorothea am Frauenbergel 96 

St. Salvatorkapelle im „Weissen Hahn" 97 

Grundriss der St. Salvatorkapelle 98 

Schlusstein mit bemaltem Wappenschild 99 

Wappen der Sarchinger 100 

Eckpfeiler von St. Dorothea am Frauenbergel ... 100 

Kopfleiste. Entworfen von B. Bcrthuld 101 

Der sichere Mann. Zeichnung von M. von Schwind 

zu dem Märchen von Mörike. (Nach einer Photographie) 107 
Seiten- und Vorderansicht der Apostelstatue in der 

Peterskirche 109. HO 

Marmorstatue des h. Petrus in den Grotten .... 111 

Marmorstatue Karls von Anjou 112 

Kopf der Marmorstatue Karls von Anjou 114 

Giebelfeld eines Tempels auf der Akropolis .... 117 

Der alte Athenetempel auf der Akropolis HS 

Kopf und Büste der Athene 119 

Zwei Bronzestatuen der Athene 120 

Marmorrelief der Athene 121 

Statue der Aphrodite 120 

Statuette der Athene 121 

Gruppe aus dem Ostgiebel des Parthenon 123 



INHALTSVERZEICHNIS. 



Seite 

Nereide 122 

Kopf des Eubuicus von Praxiteles 123 

Drei verschiedene Skizzen zum Gil Blas. Von A. v. I'dtcii- 

l;ofcn 124. 127. 128 

Porträt von A. v. Pettenkofen 125 

Kapuziner im Klosterhof. Von A. v. Pettenkofen . . 126 

Intei'ieur, (Semälde von Janssens 133 

Innenbild mit lesender Frau 134 

Die Findung Moses. Gemälde von Tiepolo 130 

Landschaft. Gemälde von Hohbema 137 

Ländliches Fest. Gemälde von Watteau 138 

tWouwerman, Die Hufschmiede. Photogravüre . . . 129 
t Die Andacht im Walde. Gemälde von H. Salcntin. Ra- 

(hrung von E. Forberg 140 

fWohnhaus am Posilippo. Radirung von Fr. Krostcwitx. 140 

Aus dem 4. Hefte des Vereins für Originalradiruug iu Berlin. 
(P. Bette). 

Standbild Ribera's in Valencia 141 

Diogenes, von Ribera. Dresdener Galerie 144 

Anbetung der Hirten, von Ribera. Louvre zu Paris . 145 

Martyrium des heil. Bartholomäus. Radirung von Ribera 147 

Silen. Radirung von Ribera 148 

Maria Magdalena von Ribera. Dresdener Galeric . . 149 

Vignette von M. v. Schiviml 150 

Aus den Album der Radirungen. 
Kopie der knidischen Aphi'odite des Praxiteles. Rom, 

Vatikan 151 

Marmorkopf aus Olympia 152 

Nubier mit Aft'en. Bronzefigur 152 

Relief, gefunden bei der Villa Ludovisi 153 

Grabstein des C. Julius Helius, römischen Militär- 
schusters 154 

Bestattung, Vasenbild 155 

Scene am Acheron, Vasenbild 155 

Vier Mumienporträts. Im Besitze des Herrn Th Graf 156 
Paginus Proculus und Gemahlin. Pompejanisches 

Freskobild 157 

Erzengel Michael. Federzeichnung von M. v. Schioind 

zu dem Gedichte von Mörike 160 

Das Pfarrhaus zu Cleversulzbach. Zeichnung von 

M. V. Schwind für Ed. Mörike 101 

* Jesuitenkirche zu Löwen von L.J'n./rf'AerÄc 1617 — 1697 100 
*Schönbomkapelle zu Würzburg. Von Joli. Balthasar 

Neumann 1087 — 1753 107 

*Schlosskapelle zu Charlottenburg. Von J. F. Eosander 

von Ooetlie 108 

*S. Giovanni in Laterano zu Rom. Von Alessaiidro 

Galilei 1691—1737 169 

* Aus C. Gtirlilt, Geschichte des Barockstils. (Verlag von V. Neff 
iu Stuttgart.) 

■j-Kreuzabnahme. S. Martino zu Neapel. Nach dem 

Gemälde v. J. Ribera, radirt von W. Kratiskopf Zu S. 177 
fDie Fontana der Villa Borghese in Rom. Nach 

dem Gemälde v. Rob. Russ, radirt v. Tli. Alphons Zu S. 172 
Das städtische Spiel- und Festhaus in Worms. Ansicht, 

Grundriss und Inneres 173. 175. 176 

Der heil. Procopius, von Ribera 178 

Der heil. Antonius von Padua, von demselben . . . ISO 

Der heil. Sebastian, von demselben 181 

Der heil. Hieronymus, lesend. Handzeichnung von dem- 
selben. Dresdener Kupferstichkabinet 183 

Wilhelm Riefstahl. Holzschnitt 185 

Prozession auf dem Forum Romanum, von W. Riefstald ISS 
Nach einer Photographie der Photographischen Gesellschaft. 



Seite 
fMädchen mit einem Kätzchen spielend, Originalradi- 

rung von H. Nordenherr/ Zu S. 196 

fFährmanns Tochter. Nach dem Gemälde von Ycctul 

Kiny, radirt von F. Krosteivitx Zu S. 193 

Zeusmünze 187 

Zeus von Otricoli. Zeichnung von ./. Lamjl .... 200 
Studien von W. Riefstahl .... 200. 207. 208. 210 
Studie zur ,.Segnung der Alpen", von demselben . . 208 
Zeichnung Schwinds zur „Schönen Lau" v. Ed. Mörike 212 

Le Chat noir, von M. v. Schwind 213 

*Unmögliche Attaque. Von F. v. Myrbach 222 

*Einquartierung bei Regen, von demselben 224 

* Vorrücken der Schwärme, von demselben 225 

'■■ Diese drei Abbildungen sind aas dem Werke „Unter den 
Fahnen", Verlag von G-. Fbeytag, entnommen, 
t Allerseelen. Nach dem Gemälde von W. Riefstald 

radirt von F. Krostcwitx. Zu S. 207 

fRembrandts Gattin. Heliogravüre von Dr. E. Albert 
nach dem Gemälde von Rcmbrandt ... Zu S. 189 

Jan Matejko. Holzschnitt 220 

Die Kinder Matejko's. Holzschnitt 232 

Kosciusko bei Raclawice. Gemälde von Matcjico, Holz- 
schnitt (Fragment) 233 

Sterbender Krieger. Bruchstück aus dem Koseiuszko 

von Matejko, Holzschnitt 237 

Buddhatempel; Buddha, aus den Fresken von Ajunta; 
Freskogemälde im Tempel von Tanjore; Modernes 
indisches Miniaturgemälde; Alte Buchillustration, 
Malerei aus Delhi; Altindisches Miniaturgemälde im 
Museum zu Labore; Alte Porträtstudie aus Delhi; 
Moderne indische Buchvignette ; Porträtstudie, Schah 
Jehan IT. Nach Photographien und Aquarellen von 

L. H. Fischer 238—245 

Lord Vaux, Zeichnung von H. Holbein 246 

Porträtstudie von Leonardo da Vinci in Windsor Castle 247 

Zwei Skizzen von H. Bakhmg 249. 250 

tFrau V. Montespan, Gemälde von C. Netschcr, Helio- 

gi-avüre von Dr. E. Albert dj Co Zu S. 252 

f Winterlandschaft von S. van Ruysdacl. Heliogravüre 

von Dr. E. Albert S Co Zu S. 189 

Die Kirche zum heil. Kreuz in Berlin, erbaut von Otxcn 250 
Die Königl. Kriegsakademie in Berlin, erbaut von 

Schwechten 257 

Das Provinzialständehaus von Brandenburg in Berlin, 

erbaut von Ende c& Boeckmann 260 

Der Tag, Gruppe in Zinkguss von Tli. Friedl, am Philipp- 
hof in Wien. Holzschnitt 261 

Eros und Psyche, Gruppe in Medolinostein von J. Benk, 
am Kunsthistorischen Hofmuseum in Wien. Holz- 
schnitt 262 

Grillpai'zer-Denkmal in Wien, Mittelbau mit der Statue 

des Dichters von K. Kwtdmann 264 

Marmorrelief vom Grillparzer-Denkmal, von R. Weyr . 265 
Entwm'f zum Wiener Goethe-Denkmal von Ed. Hcllmcr 267 
Bekrönung nach Motiven von Otto Lessing .... 268 
Stuckornament von der Decke der Villa Bötzow in 

Berlin 274 

fVor der Dorfschenke, Heliogravüre nach dem Gemälde 
von D. Teniers — Herr und Dame am Spiuett, Helio- 
gi-avüre nach dem Gemälde von Gair. Metsu. Zu S. 189 

Südostseite der Marienburg 280 

Plan der Stadt und des Schlosses Marienburg . . . 281 

Nordwestseite der Marienbm-g 282 

Brunnendekoration im Pschorrhause in Berlin . . . 285 



VI 



INHALTSVERZEICHNIS. 



Süito 

Kckhaus der Kaisoi-Willieliii-Strassc in liorlin . . . 28S 

Hoiohenheimstlics Wohiiliiius in lierlin 289 

Kntwurf zum Deckenbilde der Stanza d'EHodoro . . 292 
B. J'(Tia\i, Skizzenbuch in der Staatsbibliothek zu 

Siena 29:J 

Viktoria. Federzeichnung 296 

Federzeichnung 297 

Venus und Amor. Urunnengruppo von Wurzelbauer . 300 

(irossgniain bei lleichonhall. Zeichnung von J. Laiiijl 309 

Kirche S. Zeno. Zeichnung von J. Lamjl 309 

Madonna von Tliirmo. Zeichnung von .7. Laiigl . . 310 

.Tosus im Tenijiel unter den Schriftgelebrtcn .... 311 

Die Darstellung Jesu im Tempel 312 



Sopraportc im Festsaal des crbprinzl. Palais in Dessau. 

Von Ollii Lessinff 814 

A. W. Fabersches Ilaus in Berlin, erbaut von Oriscbaclt 316 

Villa Schwarz in Berlin, erbaut von Orisehach . . . 320 

Freundschcs Haus, erbaut von W. Wtdthcr .... 321 

•{-Brustbild eines alten Mannes, von Jan Livcns. Zu S. 824 

Die Dame mit dem Bindenschilde, vom Meister E. S. 325 

Der Evangelist Johannes, vom Meister E. S 326 

Die Lybische Sybille. Florentinischer Kupferstich des 

XV. Jahrh 327 

fStudienkopf, Originalradirung von Alb. Krüger. Zu S. 339 
"l-Mutterglück, nach dem Gemälde von A. Feuerbach, 

radirt von W. Krauskopf. Zu S. 339 




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Zeitschrift für bildende Kuust. 



|AS A'ierteljalirhundert, welches 
seit dem Beginne der ersten 
Folge dieser Zeitschrift nahezu verflossen 
ist, hat mit der Umgestaltung der poli- 
tischen Lage des Weltteils auch im Kultnr- 
und Kunstleben der Zeit bedeutsame Wand- 
lungen und Neubilduugen herbeigeführt. 
Von der idealen Gnmdstimmung in der 
Periode der klassischen und romantischen 
Kunst ist der letzte Hauch verflogen. Naturempfindung und Lebensgefühl 
sind die ersten Anforderungen, welche die Gegenwart an das Kunstwerk stellt. 
Das geistige und stoffliche Interesse, welches die Kunst der ersten Hälfte des 
Jahrhunderts forderte und erweckte, ist dem rein künstlerischen gewichen. 
Reiz der Form und des Kolorits, technische Geschicklichkeit, Feinheit der 
Stimmuug, dekorative Gesamtwirkung: das sind die Haupteigenschaften der 
gefeierten Meisterwerke des Tages. Der allgemeine Aufschwung des Kunst- 
gewerbes, die Verbreitung des Schönheitssinnes durch weite Gebiete des Lebens 
und der Produktion, die früher in kunstloser Dürftigkeit befangen blieben, 
stimmt zu dieser Entwickelung der neuen Zeit. Während am Beginn der 
modernen Kunstepoche die strengen Gesetze der Architektur und Plastik dem 
ganzen Schafieu ein festes Gepräge gaben, ist heutiges Tags der Malerei die 
Führerrolle zugefallen. Malerischer Sinn und malerischer Stil beherrschen die 
Kunst und den Geschmack der Gegenwart. Wenn der vorwiegend geistige und 
poetische Charakter der früheren Kunst zugleich ihrer nationalen Ausdrucks- 
weise fördersam war, so ist im Kunstleben der Gegenwart vielmehr ein inter- 
nationales Element zur wachsenden Herrschaft gelangt. Nur wenige Schulen, 
wie die insulare englische, bewahren noch ein ausgesprochen volkstümliches 
Gepräge. In den übrigen europäischen Kunstgebieten treten die Stilwandlungen 
und Moderichtungen mit aufi'allender Übereinstimmung auf, vornehmlich unter 

N. F. I. 1 



ZUM BEGINN. 



di'ui tonan<iol>eiuk'u EiiiHussc Friuikreichs. Ohne 
Zwoit'el liiit in erster Linie das mächtig entwickelte 
Verkehrsleben unserer Zeit zu der Ausgleichung der 
Völkeruuterschiede beigetragen. Das eiserne Band 
des Schienenstranges erweist sich stärker als der 
Nationalitätsgedauke; es überwindet allen ]}()litischen 
Zwist und Rassenkrieg. 

Die litterarische und wissenschaftliche Bewegung 
der Zeit hegleitet Schritt vor Schritt den Entwicke- 
luugsgaug der Kunst. Auch die Kunstlitteratur hat ihr 
klassisches und romantisches Jugendalter hinter sich 
und webt an einem weltumspannenden Riesenteppich 
geschichtlicher und kritischer Kunsterkenntnis, zu 
welcher die emsige Detailforschung Jahr um Jahr 
unzählige neue Fäden spinnt. Von der Kunst des 
alten Griechenlands wurden gleichzeitig die dunklen 
Anfange und die glänzenden Ausgänge aufgedeckt. 
Zu den antiken Kulturvölkern des Orients gesellte 
sich das moderne Ostasien, das Inselreich Japan, 
dessen Kunst und Kunstgewerbe durch unnachahm- 
liches Geschick, Naturwahrheit und Freiheit von jeder 
ästhetischen Tradition epochemachend eingriffen in 
das europäische Kunstleben. Hat sich die Sympathie 
der Menge auch von dem Mittelalter abgewendet, so 
beschäftigt dessen Denkmälerwelt doch unablässig 
den Geist des Historikers und Archäologen. Erst 
jetzt gelangen wir zu einer wissenschaftlichen euro- 
päischen Kunsttopographie. Vor allem aber ist es 
die Kunst der letzten Jahrhunderte, von der Renais- 
sance bis zur Gegenwart, welche in immer gesteigerter 
Thätigkeit Forscher und Sammler, Gelehrte und 
Liebhaber in Atem hält und in Tausenden von Pracht- 
werken, Monographien, Katalogen und historischen 
Darstellungen die Bibliotheken füllt, den Leseraum 
der Gebildeten schmückt. 

Der ins kaum Übersehbare gesteigerten littera- 



rischen Produktion entspricht eine nicht minder leb- 
hafte Thätigkeit aller vervielfältigenden Künste. Sie 
beschränken sich, wie jedermann weiss, lange nicht 
mehr auf die altehrwürdige Technik des Holzschnittes 
und des Kupferstiches, der moderneren Radirung und 
der ganz unserm Jahrhundert augehörigeu Litho- 
graphie. Das Lichtbild des Photographen hat eine 
Reihe neuer Vervielfältigungsarten ins Leben ge- 
rufen, welche als Heliogravüre und Lichtdruck mit 
der Radirung und der Lithographie in Wettbewerb 
getreten sind, als Zinkätzung und Autotypie dem 
Holzschnitte Konkurrenz machen. 

Eine Zeitschrift, wie die unsrige, muss ein treuer 
Spiegel dieser Bewegungen und Errungenschaften 
der Gegenwart sein. Aber sie darf nicht ohne Ziel 
und Steuer der Tagesströmung folgen. Indem sie 
das Kunstleben als ein Ganzes auffasst, in dessen 
Regungen die edelsten Organe der Menschheit wirken 
und schaffen, soll sie aus der Fülle der Erscheinungen 
den Blick erheben zu dem wahrhaft Grossen und 
Schönen. Und obwohl sie jeder berechtigten Erschei- 
nung ihren Platz anweist und vor keiner nationalen 
Eigenart das Auge verschliesst, soll sie doch vor 
allem der vaterländischen Kunst ein warmes Herz 
entgegen tragen, eingedenk der unumstösslichen 
Wahrheit, dass echte Kunst so wenig gedeihen kann 
ohne volkstümlichen Ausdruck wie echte Poesie ohne 
nationale Sprache. 

So beginnen wir denn mit frischen Kräften die 
neue Folge dieser Blätter! Einer treuen Schar be- 
währter Mitarbeiter, welche dem Herausgeber seit 
Beginn der Zeitschrift zur Seite stehen, haben sich 
zahlreiche jüngere Freunde beigesellt, welche mit 
Stift und Feder, mit Radirnadel und Stichel der ge- 
meinsamen Aufgabe ihre Dienste weihen. Ihnen 
allen gilt unser Willkommgruss: Glück auf zur Fahrt! 

CÄBL VON LÜTZOW. 





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CHRISTIAN LUDWIG BOKELMANN, 



VON ADOLF ROSENBEBG. 
MIT ABBILDUNGEN. 




IE Düsseldorfer Genremalerei hat 
im Laufe von sechs Jahrzehnten 
einen Lehensweg durchmessen, 
dessen Richtung sich bis auf die 
Gegenwart in beständig aufwärts 
führender Linie bewegt. Eine 
ähnliche Entwickelung lässt sich wohl auch an der 
Geschichtsmalerei, besonders an ihrer Abart, der 
Kriegs- und Militärmalerei, beobachten, aber in 
weniger stark markirten Stufen, und überdies er- 
freute sich die Geschichtsmalerei stets des Patronats 
der Akademie, welche erst im Frühling des Jahres 
IS74 dazu gelangte, das unabweisbar gewordene Be- 
dürfnis eines Lehrers der Genremalerei durch die 
Anstellung von Wilhelm Sohn zu befriedigen, nach- 
dem diese Gattung der Malerei, unabhängig und 
unbeeinflusst von dem allmählich erstarrten und er- 
grauten Lehrkörper der Akademie, zwanzig Jahre 
hindurch im Verein mit der Landschaftsmalerei den 
Ruhm der Düsseldorfer Schule aufrecht erhalten 
hatte. Sie war anfangs das Aschenbrödel der Schule 
gewesen, mehr geduldet als gepflegt. Trotz der 
übrigen Gegensätze in ihrer Kunstanschauung dachte 
Schadow ebenso geringschätzig von der Genremalerei 
wie Cornelius. Während sie aber letzterer gar nicht 



gelten liess, wenigstens nicht als selbständigen Zweig 
der Kunst, gestand ihr Schadow doch eine Berech- 
tigung als Vorschule zu, namentlich, wenn es sich 
um Genrebilder mit naturgrossen Figuren handelte, 
die aus der romantischen Dichtung und Sage ge- 
schöpft waren. Da die Erzeugnisse der bildenden 
Kunst immer dann auf den Menschen am stärksten 
wirken, wenn er sich selbst darin erkennt oder doch 
Stimmungen in ihnen wiederfindet, die gerade sein 
Herz bewegen, so konnte es nicht ausbleiben, dass 
romantische Genrebilder auch dem Verständnis einer 
Generation, deren geistige Nahrung aus Lord Byron, 
Walter Scott, Tieck, Schlegel und den durch diese 
vermittelten Shakespeare, Calderon und Cervantes 
bestand, am nächsten kamen. Die ersten Genre- 
bilder der Düsseldorfer Schule waren Illustrationen, 
je nach den Motiven empfindsam oder humoristisch 
aufgefasst, und wenn auch die Schöpfer dieser Bilder 
bei ihren Vorstudien ebenso gut und so eifrig nach 
lebenden Modellen arbeiteten, wie die Realisten der 
Gegenwart, so war doch die romantische Empfindung 
so allmächtig, dass in den ausgeführten Figuren 
jede individuelle Spur des benutzten Modells und 
damit überhaupt das wirkliche Leben fortgewischt 
wurde. 

1* 



Der Geist der Zeit wurde schliesslich mächtiger 
als der Geist der Schule. Schrodter und Hasen- 
clever suchten die Rheinländer beim Weine auf, 
Jakob Becker das Landvolk bei der Arbeit, Jordan 
die Schiffer und Fischer der Nordseeküste in Sturm 
und Not, bei Liebeswerbung und Fainilienfreude, und 
Karl llübner stellte sich, seiner Zeit vorauseilend, 
die Aufgabe, 
das unvermeid- 
liche soziale 
Elend luid die 
Härten der Ge- 
setzgebung auf 

beweglichen 
Bildern zu ver- 
anschaulichen. 
So stieg aus dem 
Nebel der Ro- 
mantik und aus 
der Lektüre der 

Dichter all- 
mählich die Be- 
obachtung des 
Lebens empor, 
allerdings noch 
von der Blässe 
der Empfind- 
samkeit ange- 
kränkelt und 
von der Unbe- 
holfenheit der 
Darstellung an 
unumschränk- 
ter Wirksam- 
keit gehemmt. 
Diese vollkom- 
mene Freiheit 
entfaltete sich 
erst, als die 
Maler nicht 
bloss geistig, 

sondern auch persönlich in das Volkstuui einkehrten 
und mit der Landbevölkerung der Rheiulande, West- 
falens und der Schweiz jene innige Fühlung ge- 
wannen, welcher wir abgerundete künstlerische Er- 
scheinungen wie Knaus, V^autier, Boetticher, Hidde- 
mann u. a. verdanken. Sie waren in erster Reihe 
die Träger Düsseldorfschen Künstlerruhms in einer 
Zeit, in der die Romantik abgethan und der kampfes- 
frohe Naturalismus der neuesten Zeit noch nicht 
erwacht war. Sie sind die vornehmsten A'ertreter 



CHRISTIAN LUDWIG BOKELMANN. 

jener Kunstepoche, in welcher sich die Genremalerei 
die Schilderung idyllischen Stilllebens auf dem Lande 
und in den kleinen Städten in Ernst und Scherz zur 
Hauptaufgabe machte und dabei nach strengster 
objektiver Wahrheit in der äusseren Darstellung wie 
in der Charakteristik der Individuen strebte, ohne in 
das Sentimentale oder in das Theatralische zu geraten. 

Nach 1870, 
als das reali- 
stische Zeitalter 
in Politik und 
Leben begann, 
trat die Idylle 
nach und nach 
zurück. Aus 
den rheinisch- 
westfälischen 
Fabrik- und 
Industriestädten 
erwuchs ein 
Volkstum, 
dessen buntes, 
wirres und lär- 
mendes Treiben 

der Genre- 
malerei andere 
Aufgaben bot, 
deren Bewälti- 
gung scharfe, 
helle Augen und 
Hände erfor- 
derte, welche 
energisch zu- 
greifen mussten, 
um die rauhe 

Poesie dieser 
wilden Hast des 
Tagewerks und 
der aus dem 
Kampfe entge- 
gengesetzter 
Interessen erwachsenden Tagesereignisse und Kata- 
strophen festzuhalten. Der erste der Düsseldorfer 
Genremaler, welcher sich diesen künstlerischen For- 
derungen einer neuen Zeit gewachsen zeigte, war 
Christian Lnduig Bokelmann. 

Der Weg dazu ist ihm nicht leicht gemacht 
worden. Am 4. Februar 1844 zu St. Jürgen bei 
Bremen als Sohn eines Lehrers geboren, trat er nach 
beendigter Schulzeit als Lehrling in ein kaufmänni- 
sches Geschäft in Lüneburg, wo er, den Wünschen 




ende Knaben. Studie von L. Bokelmann. 



CHRISTIAN LUDWIG BOKELMANN. 



seines praktisch gesinnten Vaters gehorsam , fünf 
Jahre lang blieb. Dann war er als Kommis in ver- 
schiedenen Kontoren in Harburg noch weitere fünf 
Jahre thätig, während welcher der mühsam nieder- 
gehaltene künstlerische Trieb mehr und mehr zum 
Durchbruch kam. Nachdem inzwischen sein Vater ge- 
storben und sich der Wahl eines neuen Berufes von 
dieser Seite wenigstens 
keine Hindernisse mehr 

entgegenstellten , ging 
Bokelmann auf den Ral 
eines Hamburger Malers 
1868 nach Düsseldorf, wo 
er zuerst die Vorberei- 
tnngsklassen der Akade- 
miedurchmachte und dan\i 
in das Privatatelier von 
Wilhelm Sohn, dem da- 
mals beliebtesten und er- 
folgreichsten Lehrer und 
Förderer aller jüngeren 
Talente, trat. Auch Bokel- 
mann kam unter seiner 
Leitung so schnell vor- 
wärts, dass er schon 1873 
sein erstes Bild ,,Im 
Trauerhause" malen 
konnte, welches ihm so- 
gar auf der Wiener Welt- 
ausstellung eine Auszeich- 
nung einbrachte. Der mit 
hellen und klagen Augeu 
ins Leben blickende Nord- 
landssohn stimmte im 
übrigen nicht mit der gei- 
stigen Richtung seines Leh- 
rers überein. Für ihn hatte 
die malerische Erschei- 
nung der Trachten und Kal- 
turformen der Renaissance 

keinen Reiz. Er sah das Leben zunächst, wie es die da- 
maligen Meister der Genremalerei, Knaus und Vautier, 
ansahen, und in ihren Stoffkreisen bewegten sich auch 
Bokelmanns erste Bilder: ausser jenem tiefergreifenden 
Blick in ein Trauerhaus, wo der würdige Geistliche die 
unter dem härtesten Schlage zusammengebrochene 
Witwe durch die Tröstungen der Religion aufzurichten 
sucht, eine wüste Wirtshausscene (Spieler, die „bis 
in den hellen Tag hinein" ihrer Leidenschaft frönen, 
1874) und eine Reihe von humoristischen Scenen 
aus dem Kinderleben, wie z. B. der Schusterjunge, 




äliidie vou L 



der in Abwesenheit seines Meisters eine Cigarre mit 
behaglicher Wonne raucht, die Radschläger, der 
Gänsemarsch, das kleine Mädchen , welches in der 
Werkstatt eines alten Schuhflickers auf die Repara- 
tur eines ihrer Stiefel wartet. Ist auch in diesen 
Kinderbildern der Einfluss von Knaus nicht zu ver- 
kennen, so bekundet sich doch bereits in der freieren 
und breiteren malerischen 
Behandlung, in der ausser- 
ordentlichen Schärfe und 
Lebendigkeit der Cha- 
rakteristik und in der von 
jedem Vorbilde völlig un- 
abhängigen Naturauf- 
fassung eine grosse Selb- 
ständigkeit. Auch zeigte 
sich schon in diesen Erst- 
lingsbildern Bokelmanns 
Begabung für das Indivi- 
duelle und das Porträt- 
massige, die ihn später 
auch zu einem Bildnis- 
maler von grosser Schlag- 
fertigkeit und Treffsicher- 
heit machte. 

Nach diesen Vorar- 
beiten that er 1875 den 
ersten Schritt aus der 
Sphäre idyllischen Hu- 
mors und kleinbürger- 
licher Existenz auf die 
Bühne des städtischen 
Lebens, indem er den 
Vorraum eines Leihhauses 
schilderte, eine öde, von 
grauem Dämmerlicht er- 
füllte Halle mit dem Ab- 
fertigungsschalter im 
Hintergrunde, vor wel- 
chem sich die Stammgäste 
mit geschäftsmässiger Gleichgültigkeit drängen, wäh- 
rend einige Grappen im Vordergrunde die indivi- 
duellen Züge in dieses Sittenbild eintragen. Sie 
erzählen von verschämter Armut, von zerrüttetem 
Wohlstand, von bitterer Not, von genusssüchtiger 
Frivolität und brutaler Habsucht, aber ohne eine 
Spur von falscher Empfindsamkeit und ohne das 
heuchlerische Pathos sozialdemokratischer Tendenz- 
macherei. Die kühle Objektivität, welche das gei- 
stige Merkmal dieser ersten grösseren Schöpfung 
Bokelmanns ist (für die Staatsgalerie in Stuttgart 



G 



CHRISTIAN LUDWIG BOKELMANN. 



angekauft), sprach sich hier wie in seinen späteren 
Werken auch durch die koloristische Haltung aus. 
Ein so scharfer Beobachter des Lebens konnte sich 
keines anderen Darstellungsmittels bedienen als prä- 
ziser Lokalfarben, die auf einen hellleuchtenden oder, 
■wenn es die Stimmung der Jahreszeit oder des 
Wetters notwendig machte, iiuf einen lichtgrauen, 
gedämpften Grundton gestimmt waren. Das roman- 
tische Helldunkel des überlieferten Goldtons oder 
das Schillern aller Farben des Spektrums unter 
einem aus poetischer Ferne hereinbrechenden Sonnen- 
strable hatten in diesem 
System absoluter Wahr- 
haftigkeit keinen Platz. 
Angesichts der jetzt so 
protzigauftreteudenGross- 
sprechereien der Hellmaler, 
die sich einbilden, zuerst 
die Natur entdeckt zu ha- 
ben, muss daran erinnert 
werden, dass Bokelmann 
einer der ersten unter den 
neueren Genremaleru war, 
welche ihre Figuren nicht 
mehr mit den an die künst- 
liche Atelierbeleuchtung 
gewöhnten Augen, sondern 
in dem zerstreuten Licht 
der freien Natur sahen 
und darstellten, aber mit 
gesunden, normalen Augen, 
nicht durch die violett, grün 
oder Waschblau gefärbten 
Brillen der naturalistischen 
Hellmaler. Diese Reife der Naturanschauung, diese 
Unbefangenheit des Sehens zeigten sich mit stetig 
wachsender Übung inBokelmanns nächsten Schöpfun- 
gen, welche wiederum kulturgeschichtlich bedeu- 
tungsvolle oder doch charakteristische oder drama- 
tisch ergreifende Momente aus dem Leben grösserer 
Städte widerspiegelten, in der „Volksbank kurz vor 
Ausbruch des Falliments" (1S77), vor deren Pi-acht- 
bau Betrogene aus allen Ständen ihre Empfindungen 
je nach Temperament und Bildungsgrad in erregten 
Gesprächen oder nur durch erbitterte Mienen oder 
stumpfe Resignation zum Ausdruck bringen, in 
dem „Wanderlager vor Weihnachten" (1878), einer , 
Strassenscene mit kauflustigen Frauen und Mädchen, 
welche der aus dem Laden schallenden Lockstimme 
der Verkäufer zu folgen sich anschicken oder noch 
unentschlossen auf dem schneebedeckten Pflaster 




Daineubilduia von L. Bokelmann. 



warten, in der „Testamentseröfinung" (1S79, in der 
Berliner Nationalgalerie), den „Letzten Augenblicken 
eines Wahlkampfes" (1880), der „Verhaftung" einer 
Frau, welche auf der Treppe eines niederen vor- 
städtischen Wohnhauses von einem Gendarmen 
erwartet wird, während draussen auf dem von den 
vertrockneten Blättern des Herbstes überwehten 
Vorplatze ein Kreis von guten Freunden und ge- 
treuen Nachbarn und Nachbarinnen mit dem Aus- 
drucke des Absehens, der Entrüstung, der gleich- 
gültigen Neugier, aber auch des Mitgefühls in 
flüchtiger Aufwallung des 
Schauspiels harrt (1881, 
im Provinzialmuseum zu 
Hannover, abgebildet in 
der „Zeitschrift für bil- 
dende Kunst" 18S2, S. 53), 
und in dem „Abschiede der 
Auswanderer" (1882, in der 
Dresdener Galerie). Wenn 
der Ernst der dargestellten 
Situation nicht auch die 
Wahl eines ernsten, auf 
graue Scbattirungen ge- 
stimmten Gruudtones nahe- 
legte, nahm Bokelmann die 
Gelegenheit wahr, seiner 

Palette die frischesten 
Lokaltöne zu entlocken, 
welche er sogar, wie z. B. 
auf dem „Wanderlager" 

und der „Testaments- 
eröffnung", zu einem email- 
artigen Glänze steigerte. 
Wir haben schon erwähnt, dass empfindsame Regun- 
gen niemals den Weg Bokelmanns gekreuzt haben, 
imd dies ist auch bei der „Testamentseröffnung" 
nicht der Fall gewesen, obwohl die Kunstgeschichte 
von klassischen, durch Thränenseligkeit ausgezeich- 
neten Darstellungen dieses feierlichen Knotenpunktes 
englischer Sensationsromane zu erzählen weiss. Viel 
bedeutsamer für Bokelmanns Entwicklungsgang ist 
die Beobachtung, dass er in der treuen Wiedergabe 
des mit dem höchsten Luxus des modernen Kunst- 
gewerbes ausgestatteten Salons, in welchem .sich 
die Zeugen der Testamentseröffuung versammelt 
haben, oifenbar zeigen wollte, dass seine koloristi- 
schen Fähigkeiten sich zu vollkommener Beherrschung 
jeglichen archäologischen Details entwickelt hatten. 
Unter diesem Gesichtspunkte ist auch das 1883 ent- 
standene Bild „Im Gerichtsvorsaale" zu betrachten, in 



CHRISTIAN LUDWIG ßOKELMANN. 



welchem der Maler einen architektouiscli und male- 
risch ungemein reizvollen Raum benutzt hat, um 
darin lebensvolle Gruppen und Einzelfiguren zu ver- 
sammeln, denen kein anderes gemeinsames Interesse, 
keine andre ideale Einheit zu Gnmde liegt, als schnell 
abgefertigt zu werden. 

Ein Künstler, welcher sich eine so vollkommene 
Kraft der Darstellung erworben hat, ist nicht an 
einen eng begrenzten Bezirk gebunden. Bokelniann 
fühlte einmal auch diesen Drang der Freiheit, die 
Lust, sein Können auf einem 
internationalen Terrain zu erp)ro- 
ben. Eine Reise nach Italien gab 
ihm das Motiv zu einem Spiegel- 
bilde der nervösesten Konzen- 
tration des modernen Touristen- 

und Abenteurerlebens. Die 
„Spielbank in Monte Carlo" 
(1884) zeigt den kaltblütigen 
Meister unbestechlicher Beob- 
achtung auf der Höhe. Das 
Bild giebt nichts, was ii-gend- 
wie an Pedanterie, an Straf- 
predigt, an melodramatische 
Zwischenfälle erinnert; aber es 
bietet auch keine Züge, welche 
den Künstler wesentlich über den 
Illustrator des Augenblicks em- 
porheben. In dem weiten glän- 
zenden Räume gelangen weder die 
einzelnen Figuren zu entsprechen- 
der Geltung noch lüsst die Fi- 
gurenfülle ein einheitliches oder 
ein auf einen bestimmten Punkt 
gerichtetes Interesse aufkommen. Bokelmanu scheint 
selbst empfunden zu haben, dass jene hohle Gesell- 
schaft ihm nur eine vorübergehende Zerstreuung bieten 
konnte. Schon im nächsten .Jahre kehrte er mit einem 
„Dorfbrand", dessen Motiv dem Holsteinischen ent- 
lehnt war, wieder auf den heimischen Boden zurück, 
aus welchem seine eigentümliche Kraft der Darstellung 
erwachsen ist und aus welchem sie auch die gesündeste 
Nahrung schöpft, und im folgenden Jahre eröffnete 
ihm eine zufällige Reise durch die Schleswigschen 
Marschen ein neues Arbeitsfeld, dessen eigenartige 
Reize ihn seitdem alljährlich dorthin zurückgeführt 
haben. Die zahlreichen dort gemachten Figuren- und 
Interieurstudien, von denen zwei diesen Aufsatz zieren, 
haben neben den bereits gekennzeichneten Vorzügen 
des Künstlers noch diejenigen einer meisterlichen 
Breite der malerischen Behandlung und einer grossen 




Virtuosität in der Einführung und Beherrschung der 
LichtefiTekte. Aus diesen Studien ist als erste aus- 
gereifte Frucht das „Nordfriesische Begräbnis", eine 
Leichenfeier vor einem Bauernhause, erwachsen, welche 
durch die vorjährigen grossen Ausstellungen in Wien 
und München weiteren Kreisen bekannt geworden ist. 
Gegenwärtig beschäftigen ihn drei Kircheninterieurs 
mit heiligen Handlungen, deren Motive aus derselben 
Gegend geschöpft sind. Die entschiedene Begabung 
Bokelmanns für das prägnante Erfassen der charak- 
teristischen Züge eines Individu- 
ums, welche sich schon in seinen 
Studien offenbart, tritt natur- 
gemäss noch schärfer in seinen 
wirklichen Bildnissen hervor, 
deren Lebendigkeit er durch 
genrehafte Auffassung und durch 
eine geschickte Wahl und An- 
ordnung der Umgebung noch 
zu steigern weiss. Er ist nicht 
der Porträtmaler einer bestimm- 
ten Menschenklasse, sondern er 
zeigt auch hier die Universa- 
lität seines Könnens. Wie er 
aus den wetterharten, herben und 
abgestumpften Zügen der Acker- 
bauer und der städtischen Ar- 
beiter ihre Gedanken, ihre 
Wünsche und Hofluungen, ihre 
Leidenschaften herauszulesen 
weiss, so versteht er auch den 
engen Ideenkreis des Spiess- 
bürgers aus den Runzeln eines 
alten Gesichts sprechen zu lassen 
oder die rastlose Gedankenflucht einer Dame oder 
eines Mannes aus der grossen Welt in ihrem Antlitze 
wiederzuspiegeln. 

In anderthalb .Jahrzehnten hat sich Bokelmann 
nicht nur eine künstlerische Ausdrucksweise von 
scharf ausgeprägter Persönlichkeit erworben, sondern 
auch eine Reihe von Werken geschaifen, in welchen 
sich die Bedeutsamkeit des Inhalts mit der künst- 
lerischen Erscheinungsform vollkommen deckt, welche 
aus dem Volksleben unserer Zeit geschöpft und des- 
halb dem Volke auch unmittelbar verständlich sind, 
welche wegen der gewissenhaften Treue der Auf- 
nahme sittengeschichtliche Urkunden unseres Zeit- 
alters sind und darum eine weitere Tragweite be- 
halten werden, als sie ihnen der Beifall des Augen- 
blicks zu verbürgen scheint. 



Studie vuu L. Bokeljiamn. 











Salzburg. Gesamtansicbt vom Bürgerwelirsüller aus. 



BILDER AUS SALZBURG. 



MIT ILLUSTRATIONEN. 




AS bilderreiche Salzburg, die Perle 
uuter den nördlichen Alj^eustädteu, 
verdankt seinen Ruhm nicht der 
herrlichen Lageinmitten der gross- 
artigen Gebirgswelt allein; sein 
Hauptreiz beruht vielmehr auf der 
malerischen baulichen Entfaltung und der seltenen 
Harmonie, die zwischen Kunst und Natur allent- 
halben herrscht. Künstlerisch abgeschlossene Bilder 
der Architektur und Landschaft, wie .sie uns hier 
begegnen, finden sich in solcher Mannigfaltigkeit 
imd Schönheit kaum irgendwo wieder. Und dabei 
waltet ringsum der Farbenzauber der Alpenwelt 
in saftigen Gründen und luftigen Perspektiven. 
Die Baugeschichte Salzburgs bildet ein interessantes 
Blatt in der deutschen Kunstgeschichte, namentlich 
für die Spätrenaissance, eine Zeit, deren kriegerische 
Stimmung baulichen Schöpfungen gerade in Deutsch- 
land nichts weniger als günstig war. Streift das 
Auge von einem der berühmten Aussichtspunkte über 
das von der rauschenden Salzach in schöner Win- 
dung durchschnittene Stadtbild, so fällt dem Be- 
trachter vor allem der eigentümliche südländische 
Charakter der Häuser auf, dazu der Pomp der kirch- 



lichen Baulichkeiten. Ein Heer von Kuppeln und 
Türmen taucht aus der vielgegliederten Masse empor, 
Zeugnis gebend von dem Kunstsinne und der Bau- 
lust der geistlichen Fürsten, die hier durch Jahr- 
hunderte neben dem Krumrastab auch das Zepter 
mit starker Hand zu führen wussten. Unten im 
Weichbilde der Stadt die Entfaltung der kirchlichen 
Macht, dahinter aber auf stolz emporragendem Fels 
die unvergleichliche Feste, als monumentales Zeugnis 
der Souveränetät der Erzbischöfe! 

Salzburg hat eine reiche Baugeschichte. Ab- 
gesehen von den Römern, welche seit der Gründung 
der Stadt durch Hadrian hier ein glänzendes Kultur- 
leben entfalteten, begegnen uns Denkmale aus der 
altchristlichen, romanischen und gotischen Zeit. Be- 
zeichnend aber bleibt es für das heitere Naturbild, 
welches die hier ses.shaften Bauherren weit mehr 
zur Lebensfreude als zur asketischen Zurückgezogen- 
heit einlud, dass weder der ernste Ronianismus noch 
die strenge Gotik hier einen besonders günstigen 
Boden fand, wenigstens nicht wie in anderen deut- 
schen Städten, sondern dass erst die Renaissance 
und der aus ihr übermütig hervorsprudelnde Barock- 
stil das richtige Ausdrucksmittel für das Leben in 



BILDER AUS SALZBURG. 




Salzburg, ßesidenzbrunuen. 



dieser Natur wurde. Die Spätreuaissauce bildet die 
bauliche Glanzepoche Salzburgs, welche der Stadt 
ihr heutiges Gepräge gab. Der „neue Stil" bemäch- 
tigte sich infolge der Verbindung der Erzbischöfe 
mit Rom rasch des Kirchenbaues, und mit dem 
genialen Wolf Dietrich um die Wende des 16. und 
17. Jahrhunderts begann eine rege Bauthätigkeit, 
die auch bei seinen Nachfolgern bis ins 18. Jahr- 
hundert hinein anhielt. Die gotischen und romani- 
schen Reste Salzburgs verschwanden unter den Bau- 
ten der Hochrenaissance oder wurden doch zurück- 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



gedrängt. Im Stadtbilde giebt nur der Chor und der 
spitze Turm der Franziskanerkirche Zeugnis davon, 
dass die Gotik auch hier nicht unthätig geblieben ist. 
Von hohem Interesse für die Geschichte der bau- 
lichen Entwickelung Salzburgs sind die alten Stadt- 
ansichten, welche uns bis ins 15. Jahrhundert über 
den wechselnden Charakter des Gesamtbildes Auf- 
schluss geben. Auf dem ältesten dieser Bilder, einem 
Holzschnitt im sogen. „Buch der Chroniken" (Nürn- 
berg 1 493), imd einer grossen kolorirten Federzeich- 
nung aus dem Jahre 1553 finden wir noch den Dom 

2 



10 



BILDER AUS SALZBURG. 



und das Laiigliaus der Franziskauerkirclie romauisch, 
obschon die „welsche Renaissance" damals bereits 
im Anz\ige war. In einem Bilde aus der Zeit des 
Erzbiscbofs Kuen Belasy (1565) begegnen uns schon 
die Formen des neuen Stiles, und der grosse Stich 
Philipps „Das Weichbild Salzburgs in höchster 
Vogelperspektive" bringt bereits die Bauten Wolf 
Dietrichs und den begonnenen Bau des neuen Domes 
zur Anschauung. Die Renaissance hatte in jener 



Schmiede- und Schlossergewerbe. Salzburg besitzt 
noch heute in seinen Kirchen, auf den alten Fried- 
höfen und a. a. 0. wahre Prachtstücke von Gitter- 
werk aus jener Zeit. 

Bevor wir die Bauten des eigentlichen baulichen 
Reformators Salzburgs, Wolf Dietrichs, in Betrach- 
tung ziehen, mag es des geschichtlichen Zusammen- 
hanges wegen gestattet sein, einen flüchtigen Blick auf 
das aus den früheren Epochen Erhaltene zu werfen. 







Salzburg. Rossschwemme vor dem Marstall. 



Zeit bereits das Feld erobert, und die ehrwürdigen 
Reste romanischen Ursprungs wurden erbarmungs- 
los umgestaltet, darunter auch die alte St. Peters- 
Basilika. Der Kunstsinn der geistlichen Fürsten 
teilte sich mehr und mehr auch den Bürgern Salz- 
burgs mit, und das Wohlleben der Patrizier erhielt 
äusseren Glanz in der künstlerischen Ausstattung 
ihrer Häuser und Wohnungen. So erwähnt Merian 
einen Gasthof jener Tage, „dessen Vornehmlichkeit 
eines römischen Kaisers würdig gewesen wäre." Die 
Aussenwände der Gebäude der Vornehmen waren 
gleich dem Rathause mit Fresken geschmückt, und 
im Kunstgewerbe erhob sich zu besonders hoher 
technischer und künstlerischer Vollendung ' das 



Unsere Schritte wenden sich nach dem Friedhof 
von St. Peter. Wer kennt nicht das unvergleiclilich 
schöne Bild dieser ehrwürdigen Stätte, in welchem 
sich Erhabenheit mit beseligender Lieblichkeit poesie- 
voll vereint! Tausendjährige Erinnerungen schauen 
von den Felswänden nieder nach den stillen Grüften, 
die als versöhnende Mahuzeichen der Vergänglichkeit 
hier mitten in die lebensfrohe Stadt gebettet sind. 

„Der fremde Wand'rer, kommend aus der Ferne, 
Dem hier kein Glück vermodert, weilt doch gerne 
Hier, wo die Schönheit Hüterin der Toten " 

singt Lenau in einem Sonette vom St. Petersfriedhof. 
An diesem Orte stand die Wiege des jetzigen Salz- 
burg. An der steilen Felswand des Möuchsberges 



BILDER AUS SALZBÜRG. 



11 




finden wir 
die Grotten, 

wo noch 
zur Römer- 
zeit die 



dieser ältesten Denkmiiler des Christentums auf deut- 
schem Boden. Welch gewaltiges Stück deutscher 
Kirchen- und Kulturgeschichte umspannt der Blick, 
wenn er aus den dunklen, feuchten Grotten hin- 
überschweift zu der stolz aufragenden Marmorpracht 



christliche Gemeinde ihre Zusammenkünfte hielt, und des Domes! Die wenigen Kuustformen der Felsen 
hier fand, als die Stürme der Völkerwanderung das .'^ klausen weisen auf das 11. und 12. Jahrhundert, auf 
alte Juvavum zur Rumenstadt gemacht und die "_ die Zeit, aus welcher auch die Urgestalt der St. Peters 



Trümmer mit Moos und Gestrüpp bewachsen ein 
Jahrhundert lang gelegen, der heil. Rupert um die 
Mitte des sechsten Jahrhunderts wieder die Zelle, 
wo der fromme Maximus mit seinen Gefährten durch 
Odoaker den Tod erlitten. Rupertus gründete 
St. Peter und legte den Grundstein zum nachmaligen 
Erzbistum. Mau wird an die Höhleubauten der 
Calixtuskatakomben in Rom erinnert in den Räumen 



kirche stammt. In dieser Epoche wurden, wie ander- 
wärts, so auch hier die kirchlichen Notbauteu durch 
Kunstbauten ersetzt, und die Chronik des Stiftes er- 
zählt, dass Abt Balderich nach einem grossen 
Brande die Klosterkirche in den Jaliren 1127 — 31 
neu gebaut habe. 

Die Kirche hat im Grundriss und Auflbau die 
Gestalt der romanischen Basilika mit einer Kuppel 



12 



BILDER AUS SALZBURG. 



- ^ ffr",'»^ ■"- -^^ 



ül)er der Vierung des (Jnerschiffs und einem Turm 
über dem Eingang. Heute dämmert der Kern des 
Bauwerkes unter dem barocken Überzug freilieh nur 
wie eine Schattengestalt liindurch. Rein erhalten 
sind bloss das schöne Portal und die Apsis der 
Katliarinenkapelle. Der romanischen Epoche ist auch 
noch ein Teil des Kreuzganges von St. Peter zuzu- 
zählen. — Ist an 

der Peterskirche 
die Gotik spurlos 
vorübergegangen 
und fiel das Ro- 
manische der Ba- 
rockzeit zum Opfer, 
so teilte nicht das 
gleiche Schicksal 

die in nächster 
Nähe liegende ehe- 
malige Pfarrkirche 

„ Unserer lieben 
Frau", welche um 
15S3 mit den Fran- 
ziskanern in Ver- 
bindung kam. Hier 
haben alle nach- 
folgenden Stile sich 
eingedrängt, so dass 
die Kirche zu einer 
wahren Muster- 
karte der Baukunst 

geworden ist. 
Romanisch ist nur 
noch das düstere, 
schwere, dreischif- 
fige Langhaus mit 
zwei Portalen, an 
welches sich ehe- 
dem ein Querschiflf 
mitdrei halbrunden 
Apsiden anschloss. 
Jetzt finden wir 




Salzburg, 



einen hochstrebenden gotischen Hallenbau mit Chor- 
umgang und Kapellenkranz, der in seinen schlanken 
Verhältnissen, in den luftigen Gewölben und der 
Fülle von Licht zu dem schweren Langhause in 
grellem Gegensatze steht. Den Kapellenkranz des 
Chores aber hat die Renaissance und das Barock 
mit Einbauten besetzt und mit Schnörkeln und klein- 
lichem Zierat förmlich übersponnen. Der Hallen- 
bau gehört der spätgotischen Zeit an und wurde bis 
zu Ende des 1."). .Talirhunderts fortgeführt. Sein Bau- 



meister war Hanns Stethamer von Burghausen, 
ein Altbayer aus der berühmten Bauhütte, seines 
Zeichens ein Steinmetz und gewöhnlich Meister 
„Hans" genannt. Der Turm datirt noch später und 
erhielt seinen „Riss" von Nürnberg. 

Trotz des Stilgemenges ist die Franziskaner- 
kirche von grossem malerischen Reiz, wozu nament- 
lich der phantasti- 
sche Beleuchtungs- 
wechsel zwischen 
Langhaus und Chor 
viel beiträgt. In 
ihrer hochragenden 
äusseren Erschei- 
nung steht die 
Kirche als Fremd- 
ling unter - ihren 
Kolleginnen da. 

Das Gewand 
der Spätgotik trägt 
auch die ursprüng- 
lich romanische 
Frauenstiftskirche 
Nonuberg. Das von 
der Nichte des heiL 
Rupertus, der heil. 
Erentraud, zu Ende 
des 6. Jahrhunderts 
gegründete Kloster 
wurde in der ersten 
Hälfte des 11. Jahr- 
hunderts von Kai- 
ser Heinrich II. 
unter der Äbtissin 
Wiradis I. neu ge- 
baut. Um 1423 
brannte der Bau ab; 
die Kirche wurde 
aber alsbald wieder 
unter Beibehaltung 
des ursprünglichen 
Grundrisses im spätgotischen Stil hergestellt. Wir 
treffen hier noch die alte Krypta (freilich auch 
gotisirt), den Kreuzgang, das Kapitelhaus und teil- 
weise das Portal als Reste des alten Baues. Von 
hohem Interesse sind die in einem Nebenraume der 
Kirche befindlichen wohlerhaltenen Malereien, Brust- 
bilder von Heiligen in ornamentaler Umrahmung, 
mit Anklängen an ravennatische und byzantinische 
Darstellungen. Das letzte Ausklingen der Gotik in 
Salzburg bezeugen das Margaretenkirchlein inmitten 



Tuppe am Stein. 



BILDER AUS SALZBURG. 



13 



des Petersfriedhofes, „poetisch augehaucht in seiner 
Erscheinung und gehoben durch die Weihe des 
Ortes", und das nicht minder malerisch postirte 
Schlosskirchlein St. Georg auf der Feste oben, welches 





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Salzburg. Inneres des Domes. 

Erzbischof Leonhard Kentschach zu Beginn des IG. 
Jahrhunderts errichtet und mit reichem Skulptur- 
schmuck ausgestattet hat. 

Wir haben nur noch eines mittelalterlichen 
Denkmales der Stadt zu gedenken, welches freilich 
spurlos verschwunden ist, aber in geschichtlicher 
Beziehung das höchste Interesse in Anspruch nimmt: 
es ist die alte Domkirche. Mit ihrem Fall und dem 



Neubau änderte sich mit einem Schlage der archi- 
tektonische Charakter der Stadt. Die ursprüngliche 
Kathedrale war nach den alten Stadtbildern und 
einer im städtischen Museum aufbewahrten Zeichnuno- 
des Benediktiner Mönches 

Jakobus Carolus (deren 
Echtheit neuestens aller- 
dings angezweifelt wird) 
eine stattliche dreischiffige 
Säulenbasilika mit stark 
ausladendem Qaerschiff. An 
den im Halbrund geschlos- 
senen Chor fügten sich in 
Fortsetzung der Seiten- 
schiffe quadrate Kapellen- 
räume an. Die Westseite 
war von Türmen flankirt 
und ebenso waren an das 
Querschiff beiderseits Türm- 
chen angebaut. Unter dem 
Chor befand sich eine ge- 
räumige Krypta. Das Bau- 
werk trug den rein roma- 
nischen Charakter, obschon 
infolge vielfacher Brände 
im Laufe der Jahrhunderte 
Um- und Ergänzungsbauten 
an demselben vorgenommen 
worden waren. 

Die Chronisten geben 
Nachricht von der reichen 
Ausstattung des Inneren, 
den gemalten Glasfenstern, 

dem reichen Gemälde- 
schmuck, dem grossen Or- 
gelwerk u. a. Da traf den 
Bau aus nicht völlig auf- 
geklärter Ursache 1589. 
neuerdings ein Brand und 
legte in wenig Stumlen die 
Bedachung vollständig in 
Asche. Es wäre wohl leicht 
möglich gewesen, das Ge- 
bäude zu restauriren und das ehrwürdige Gotteshaus 
als Kunstwerk der Nachwelt zu erhalten. Dem 
Erzbischof Wolf Dietrich kam aber nichts gelegener 
als dieser Brand, um Anlass zu finden, den alten 
Dom vollends aus der Welt zu schaffen und einen 
Neubau nach seinen Plänen auszuführen. Trotz des 
Unmutes der Bevölkerung wurde die Hacke an das 
Bauwerk gelegt und Mauer um Mauer abgebrochen, 



14 



BILDER AUS SALZBURG. 



Salzburg seine 
würde während 



bis 1006 der ganze Quaderban dem Bodeu gleich 
gemacht war. 

Wir stehen damit am Wendepunkte der Bau- 
geschichte Salzburgs und zugleich vor seinem genial- 
sten und mächtigsten, wenngleich zuweilen rück- 
sicht.slosen Bauherrn. Ihm hat 
Neugestaltung zu danken, und er 
einer längeren und glück- 
licheren Regierung sicher 
keine Spur vou der alten 

Stadt übrig gelassen 
haben. Wolf Dietrich 
war es nicht um einzelnes 
zu thun; sein Plan ging 
dahin, der ganzen Stadt 

einen neuen baulichen 
Charakter zu geben; das 

Mittelalterliche sollte 
vollständig verschwinden 
und der italienische Stil 
seiner Residenz einen hei- 
teren , festlichen Glanz 
verleihen. In Wolf ver- 
einigte sich Genie mit 
seltener Thatkraft; er be- 

sass die erhabensten 
Geisteskräfte, war aber 
nach Adelzreiters Urteil 
„ein unruhiger und nach 

Neuerungen ringender 
Kopf, ein Mann, dem, 
wenn er sich im Glücke 
gemässigt, nichts gefehlt 
haben würde, einer der 
grössten Fürsten zu sein." 
Zu Langenstein am 
Bodensee geboren , kam 
er zu seinem Oheim, dem 

Kardinal Marcus Sitticus von Hohenembs, dem Neffen 
Papst Pins VI., nach Rom und oblag unter dessen 
Aufsicht und Pflege den schönen Künsten und Wis- 
senschaften. In der ewigen Stadt lernte er die 
Meisterwerke der Renaissance kennen, und besonders 
begeisterte ihn der eben seiner Vollendung entgegen- 
gehende Petersdom in mächtiger Weise. Als er seine 
Studien im deutschen Kollegium vollendet hatte, 
machte er grosse Reisen in den verschiedensten Län- 
dern, überall beobachtend und lernend. Also vor- 
bereitet wurde der jugendliche, kaum achtundzwanzig- 
jährige Domherr am 3. März 1587 zum Erzbischof 
von Salzburg und Fürsten des Landes gewälilt. Sofort 



schritt er an die Durchführung seiner grossen bau- 
lichen Pläne. Sein Hofstaat hüllte sich in Pracht 
und Glanz, was allerdings vom Volke scheel an- 
gesehen wurde; doch gewann er durch kluges Be- 
nehmen bald die Liebe und Verehrung aller. Ein 
edler Ehrgeiz spornte ihn zu rastloser Thätigkeit 
an, nicht nur in lokalen Unternehmungen und Refor- 
men, sondern auch auf 
politischem und kirchen- 
politischem Gebiete. 
Rasch vom Glück empor- 
gehoben, vergass er leider 
in seinem Ringen und 
Streben ein ruhiges, über- 
legtes Tempo zu führen; 
er trat als Kämpfer auf 
und vertraute auf seinen 

Glücksstern; aber die 
Wogen, die er herauf 
beschwor, tobten immer 
mächtiger um ihn; er 

hatte sein Schiff den 
Wellen überliefert und 

war schliesslich zu 
schwach — oder zu feige, 
das Steuer weiter zu 
führen. 

Nach einem Besuche 
bei dem Papste Sixtus V. 
in Rom erschien Wolfs 
berühmtes Reformations- 
edikt; die Protestanten 
hatten Salzburg in kurz- 
gesetzter Frist zu ver- 
lassen. Diese Härte traf 
viele der angesehensten 
Familien, und durch die 
Ausweisung waren viele 
Wohnungen, ja ganze Häuser leer in Salzburg. 
Es war ein schwerer Schlag für die Stadt, welchen 
der Erzbischof aber sofort wett zu machen suchte, 
indem er viele der leeren Häuser niederreissen und 
durch glänzende Neubauten ersetzen Hess. Nicht 
weniger als 65 Gebäude kaufte er den Eigentümern 
ab und befahl sie zu demoliren, darunter viele um- 
fangreiche Baulichkeiten, welche adeligen Einwohnern 
gehörten. Auf dem Mönchsberge baute er Sommer- 
sitze für die Domherren; der kolossale Bau der 
„Residenz" und der „Neubau" wuchsen aus dem 
Boden empor. Bei aller Energie, mit der gebaut 
wurde, traten aber oft Verzögerungen durch die un- 




Lustscliloss Hellbrunn bei Salzburg. Aus den Fresken 
des Mascagni. 



BILDER AUS SALZBURG. 



15 



berechenbaren Launen des Bauherrn ein. Mancher 
schon weit vorgeschrittene Bau wurde wegen ge- 
ringfügiger Änderungen wieder abgetragen und neu 
begonnen. Seinem Bruder Jak. Hannibal baute Wolf 
Dietrich um 80 000 Gulden einen Palast, welchen er 
„wegen eines kleinen Unwillens, so er gegen ihn 
gefasst", wieder bis auf den 
Grund niederreissen liess. 

Mit dem gesteigerten Auf- 
wände des Erzbischofs steiger- 
ten sich auch die Steuern und 
Abgaben, und Wolf wählte 
nicht immer die glimpflichsten 
Massregeln, die erforderlichen 

Gelder einzutreiben. Über 
welche Mittel übrigens der 
Fürst zu verfügen wusste, be- 
zeugt sein Projekt mit dem 
Bau des neuen Domes. Er fasste 
nämlich keinen geringeren Plan, 
als darin den St. Petersdom zu 
Rom an Pracht und Grösse noch 
zu übertreffen. Zur Ausarbei- 
tung des Planes berief er den 
zur Zeit durch seine Bauten in 
Venedig und Florenz berühm- 
ten Architekten Vincenzo Sca- 
mozxi, der seine Aufgabe in 
den Jahren 1606 bis 1607 in 

Venedig vollendete. Der 
Grundstein zum Bau wurde 
jedoch erst im Jahre 1611 ge- 
legt. Es wäre ein Bauwerk von 
riesiger Grösse und genialer 
Anlage geworden, in welchem IS 000 Personen Raum 
gefunden hätten. 

Mit der Grundsteinlegung kam jedoch Wolf 
Dietrichs Glück bereits ins Schwanken. Dass er den 
Jesuiten sein Land verschlossen hielt und es ablehnte, 
der katholischen Liga beizutreten, wurde vom deut- 
schen Klerus mit scheelen Augen angesehen; dazu 
kam der Streit mit dem Herzog Maximilian von 
Bayern wegen des Salzzolles, welcher schliesslich 
zur vollkommenen Fehde führte. 




Maximilian rückte mit Waffengewalt gegen Salz- 
Ijurg vor und Wolf, der mit aller Welt den Kampf 
aufgenommen hatte, lässt, da er keinen diplomatischen 
Ausweg mehr findet, den Mut sinken — und flieht. 
An der Kärntner Grenze bei Gmünd wird er jedoch 
von den bayerischen Reitern eingeholt und gefangen 
genommen und bleibt infolge 
vielfach verwickelter Intriguen 
durch fünf Jahre Gefangener 
auf der Feste Hohensalzburg. 
In der grossen Anklageschrift, 

welche Maximilian an den 
Papst schickte, wurde Wolf 
beschuldigt, dass er die Ketzer 
begünstigte, die Witwen und 
Waisen bedrückt und in einem 

offenen Konkubinat gelebt 
habe; ja es wird darin sogar 
der Verdacht ausgesprochen, 
dass Dietrich, wenn er den 
Herzog besiegt hätte, Salzburg 
zu Gunsten seiner Söhne in 
ein weltliches erbliches Fürsten- 
tum verwandelt haben würde, 
zum Schaden der katholischen 
Religion. Auch wurde gegen 
ihn die Klage erhoben, dass 
er selbst oder seine Freundin 
Salome Alt durch einen am 
Abend im Oratorium zurück- 
gelassenen brennenden Wachs- 
stock den alten Dom geflissent- 
lich in Brand gesteckt hätte 
u. a. m. Nicht minder ver- 
folgte ihn auch sein Nachfolger Marcus Sitticus, ob- 
schon derselbe sein naher Blutsverwandter war. 
Wolf Dietrich starb in sein Schicksal ergeben, aber 
gebrochen am 16. Januar 1617. In der Mitte des 
Sebastiansfriedhofes, umgeben von den Arkaden, 
welche er für die Grabstätten vornehmer Bürger 
angelegt hatte, hat er auch seine Gruft gebaut; dort 
wurde er seinem Wunsche gemäss beigesetzt. 

J. LAXGL. 
(Schluss folgt.) 



Salzburg. Die Maximuskapelle. 




LORENZO LOTTO 

IM STÄDTISCHEN MUSEUM ZU MAILAND UND IN DER 
DRESDENER GALERIE. 



MIT ILLUSTRATIONEN. 




S ist im allgemeinen bekannt, wie 
die venezianische Malerei des 16. 
Jahrhunderts sich vornehmlich 
durch die mannigfache Äusserung 
von individuellen Anlagen und Be- 
strebungen auszeichnet. Ein Mei- 
ster aber, der sich in dieser Hinsicht ganz speziell 
hervorgethan hat, ist der Venezianer Lorenzo Lotto, 
dessen Name sich wohl von alters her eines guten 
Rufes erfreute, der aber trotzdem in vielen Fällen 
gänzlich verkannt worden ist. 

Seit ihm der verstorbene Otto Mündler in seinen 
Beiträgen ?.ii Jac. Burckhardts Cicerone (Leipzig, 
E. A. Seemann, 1870) einige Seiten der lebhaftesten 
Bewunderung widmete, ist uns noch gar manches 
über seine Wirksamkeit offenbar geworden, wodurch 
die Behauptimg des genannten Kritikers bekräftigt 
wird, dass kein Künstler mehr als er eine eigene 
Monographie beanspruchen könnte, um ihm einiger- 
massen gerecht zu werden. 

Welch eine glänzende und fruchtbare Laufbahn, 
welch eine ausgedehnte Thätigkeit wäre da zu schil- 
dern, von seinem zierlichen J ugendlnlde, dem kleinen 
heiligen Hieronyinus im Louvre vom Jahre 1500 und 
der Bellinesken Madonna mit Heiligen in Santa 
Cristina bei Treviso bis zu seinen spätesten Werken, 
welche noch heute in seinem letzten Aufenthalts- 
orte frommer Zurückgezogenheit, in Loreto aufbe- 
wahrt sind! — Aus Venedig gebürtig, wie dies durch 
mehrere neulich im Archiv von Treviso vorgefundene 



Dokumente bekundet wird ') , mag er daselbst eine 
Zeitlang unbedingt der Schar jener zahlreichen 
Schüler Giovanni Bellini's angehört haben. Was ihn 
aber von vielen derselben unterscheidet und sein 
eigentümliches Gep)räge ausmacht, ist die von geist- 
reichem Leljen durchdrungene Anschauung der natür- 
lichen Erscheinung, welche sich nicht nur in der 
Bewegtheit der Linien und Gebärden, sondern auch 
in der ebenso gefühlsinnigen wie wirkungsvollen Art 
zu offenbaren pflegt, mit welcher er seine Gegen- 
stände in eine feine, scharfe Beleuchtung zu stellen 
weiss. 

Dass er in dieser Hinsicht, wie Mündler bereits 
bemerkt, mit Correggio in einer merkwürdigen 
geistigen Verwandtschaft steht, wiewohl er nicht nur 
um etwa 15 Jahre älter als dieser war, sondern be- 
stimmt in seinen Schöpfungen eine ähnliche Richtung 
um mehrere Jahre früher als Correggio kundgieljt, 
kann bei Betrachtung seiner gesamten Thätigkeit 
immer noch konstatirt werden. 

Die Entstehung dieses Verhältnisses zu erklären, 
wäre nun eine recht lohnende Aufgabe für den Kuust- 



1) Spigolaturc dall' Archivio notarilc di Treviso. T)o- 
cii^nenti intorno a Lui: Lotto, in der Zeitsohr. Archivio 
Vencto, Serie II, Tomo XXXII, Parte II a. 1886. Diese inter- 
essante Veröffentlichung von Dokumenten verdanken wir 
dem Archivar von Treviso, Herrn Dr. Gustavo Bampo. In 
derselben Zeitschrift (T. XXXIV, P. II a. 1887) wird von 
demselben Gelehrten das Testament des Malers textuell ange- 
führt (a. 1546), woraus gleichfalls hervorgeht, dass er aus 
der Stadt Venedig stammt. 



LORENZO LOTTO. 



17 



forscher. Es fragt sich uämlich , ob eiue solche 
Übereiustimmung der Empfindung und der Dar- 
stelhing einzig und allein auf ähnlichen geistigen 
und. künstlerischen Anlagen beruhe, oder ob au/.u- 
nehmen sei, dass Correggio in seinen frühen Jahren, 
nachdem er in Ferrara mit den dortigen Koloristen 
in Verkehr gestanden, sich eiue Zeitlang im Vene- 
zianischen aufgehalten habe und dort mit Lotto in 



sei, was doch die "'ri'isste 



Berührung gekommen 

Wahrscheinlichkeit 
für sich hat, wenn- 
gleich aus den übrigens 
äusserst dürftigen No- 
tizen über seine Le- 
bensumstände nichts 
davon zu entnehmen ist. 
Wie dem auch sei, 
so viel ist nachweisbar, 
dass Lotto mehr als 
einmal in seinen Ge- 
mälden mit Correggio 
verwechselt worden, 
ausserdem aber auch 
in andern Fällen leider 

durchaus verkannt 
worden ist. 

Mehr oder weniger 
ist er wohl in allen 
grösseren Sammlun- 
gen Europas vertreten ; 

jedoch dürfte sich 

niemand getrauen, 
seine Natur gründlich 
zu kennen, der ihn 
nicht in Italien in sei- 
nen verschiedenartigen 
Arbeiten aufgesucht 
hätte. 

Seine Vielseitigkeit bezeugt schon, dass er sich 
im innersten Wesen zum Maler berufen gefühlt hat. 
Man kann sagen, dass er kaum eine zeitgemässe 
Gattung der Malerei unversucht gelassen hat. Denn 
thut er sich erstens in seinen zahlreichen, meistens 
brillanten Altarwerken auf Holz und auf Leinwand 
hervor, so lässt er andererseits seine genialen Aulagen 
nicht weniger in den Bildnissen nach der Natur und 
in den allegorischen und den mythologischen Gegen- 
ständen leuchten. Gewährt er auf Mauerflächen mit 
Freskomalerei den Schöpfungen seiner gedanken- 
reichen Phantasie freies Spiel, wie dies namentlich 
in einem Kirchlein zu Trescore bei Bergamo der 

Zeitsclirift für bildende Kunst. N. F. I. 




or.ENZo Lotto im Städtisclieu 51 
Nach einer Pliotograiiliie von Krogi, 



Fall war, so befindet er sich nicht weniger in seinem 
Elemente, wenn es heisst, sich nach heiteren Vor- 
lagen umzusehen zur Verzierung von Chorstühlen, 
wie man sie heute noch in Santa Maria, der Haupt- 
kirche von Bergamo, den Besuchern zeigt. Das 
Jahrzehnt, das er in dieser Stadt und Umgebung, 
mutmasslich zwischen 1515 und 1524, verlebte, war 
besonders reich an solchen Offenbarungen seiner 
Thätigkeit und ist als diejenige Periode zu bezeichnen, 
in der sich seine ei- 
gentümliche Anschau- 
ungsweise vollends 
entwickelte. Wird 
man wohl in seinem 
Hauptgemälde in San 
Bartolommeo (1516 
ausgeführt) noch ein- 
zelne Spuren der Belli- 
nesken Weise gewahr, 
so findet man ihn doch 
darin im ganzen be- 
reits sehr frei von 
der herkömmlichen 
ruhigen Auffassimg 
kirchlicher Darstel- 
lungen. 

Lotto ist eigentlich 
an und für sich nichts 

weniger als ein 
Künstler von religiö- 
sem Charakter; Seine 
Lebensfrische, ganz in 
Wohlgefallen an den 
weltlich bewegtesten 
Gegenständen aufge- 
hend, macht sich ohne 
jede Zurückhaltung in 
allen seinen Werken 
fühlbar. Ja, er geht darin so weit, dass er das Welt- 
liche bisweilen bis ins Verzerrte und Gemeine steigert 
und gelegentlich sogar in arge Verstösse gegen die 
Korrektheit der Zeichnung und die Harmonie der 
Farben verfiillt, namentlich bei der Ausführung von 
Aufträgen kleinerer Ortschaften. Einen besonderen 
Beiz pflegt übrigens in dieser Zeit seine Meisterschaft 
in der Behandlung des Helldunkels auszuüben. Als 
Beispiele dafür mögen die beiden Gemälde angeführt 
werden, von denen wir Abbildungen vorführen. 

Lebhaft steht es mir noch vor der Seele, wie 
das Porträt des unbekannten jungen Mannes, in 
welchem jetzt jedermann die Hand des Lotto wieder 

3 



18 



LORENZO LOTTO. 



erkennt (als Vermächtnis eines Privatmannes an das 
städtische Mnseum von Mailand) vor einer Reihe von 
Jahren als Arbeit eines ungenannten Malers auf die 
Staffelei des Restaurators kam, wo es mich sofort 



Der helle, vornehme Fleischton, das blonde Haar, 
von dem malerischen Barett beschattet, das asch- 
graue Gewand, mit dunklen Sammetstreifen besetzt, 
der blaue Vorhans als Hintergrund: das alles bringt 




Madonna von Lorenzo Lotto iu der Dresdener Galerie. 
Nach einer Photographie von Braun & Co. 



trotz der erlittenen Unbill an seinen wahren Urheber 
mahnte. Der geistreiche, sinnige Blick, die bewegte 
Stellung der Figur, der zarte Silberton, sowie die 
pikante Ausführung des Einzelnen, ja auch gewisse 
Unarten (namentlich der bezeichnende, etwas ge- 
quetschte Daumen der linken Hand) stimmen voll- 
kommen zu den bekannten Eigenschaften Lottos. 



eine bezaubernde Gesamtwirkung hervor, welche zu- 
gleich so originell ist, wie man sie kaum bei einem 
andern Maler wiederfindet, ausgenommen vielleicht 
bei einem Meister wie Correggio. 

Ist also eine Verwechselung dieser beiden Künstler 
in manchen Fällen leicht erklärbar, so kann man 
heutigen Tages nicht umhin zu staunen, dass es so 



LOREN ZO LOTTO. 



19 



viel Zeit erfordert hat, ehe jemand zu der Einsicht 
gekommen ist, dass das zweite der von uns abge- 
bildeten Gemälde, die Madonna mit den zwei Kindern, 
gleichfalls den Werken des Lotto und zwar gerade 
denen seiner Bergamasker Periode zuzuzählen sei. 

Wie oft hat nicht der Bergamasker, der diese 
Zeilen schreibt, seit er wiederholte Male die Schwelle 
der herrlichen Dresdener Galerie betreten, vor diesem 
Gemälde gestanden, mit dem Vei'langen, das Rätsel 
zu lösen, das es dem Betrachter stellte. Demi, dass 
die Beziehung auf einen so mittelmässigen und 
charakterlosen Maler, wie der Toskaner Vincenzo 
Tamagui von San Gimignano, welche in der Galerie 
seit dem Kataloge von 1812 angenommen wurde, ganz 
willkürlich aus der Luft gegriffen war, darüber konnte 
kein Zweifel obwalten. Nun ist unter den vielen wohl- 
erwogenen Verbesserungen, die der neue Woermann- 
sche Katalog von 1887 enthält, auch die hervorzu- 
heben, welche unser Madonuenbild betrifft. Woermann 
ist der Wahrheit jedenfalls viel näher gekommen, 
indem er den tiiclitigeti Meister als Oberitalien an- 
gehörend und unweit von Liouardo und von Correggio 
stehend bezeichnet (S. 128, Nr. 295). Ich glaube 
ein bestimmteres Urteil wagen zu dürfen, da es mir 
eines Tages plötzlich klar wurde (dank auch der 
herrlichen Photographie von Braun), dass das Bild 
keinem andern Urheber zuzuschreiben ist, als unserm 
eigentümlichen, vielseitigen Lorenzo Lotto. Dieser 
Ausspruch hat die Zustimmung mehrerer bewährter 
Kenner gefunden und ist seit dem vorigen Jahre 
auch öffentlich ausgesprochen in dem in London er- 
schienenen Handbook of the Italian Schools in the 
Dresden Gallery by C. J. Ff (Seite 141). Diese 
kritische Beschreibung der berühmten Galerie zeugt 
von dem gebildeten Kunstsinn der Verfasserin. 
Gänzlich neu von ihr bearbeitet sind die eingehen- 
den Erklärungen der in den Gemälden dargestellten 
Gegenstände. 

In der That stimmt das Gemälde sowohl in 
Farbe als Zeichnung vollständig mit den bekannten 
Werken des Meisters überein; ich glaube sogar, mau 



kann es mit der grössteu Wahrscheinlichkeit in den 
Anfang der zwanziger Jahre des 16. Jahrh. setzen. 
Hat doch mancher Zug eine nahe Verwandtschaft 
mit dem herrlichen Altarbilde, welches eine der Seiten- 
kapellen der Kirche Santo Spirito in Bergamo 
schmückt und den Namen des Autors nebst der 
Jahreszahl 1521 trägt. Besonders auffallend ist die 
Ähnlichkeit der Modellirung des Körpers des Christus- 
kindes auf dem Dresdener Bilde mit der des lachen- 
den Johamiesknaben in Bergamo, welcher unterhalb 
des Thrones liegt und das Lamm umarmt. Bezeich- 
nend sind darin die äusserst entwickelten Formen 
des Leibes und der Beine im Verhältnis zu den 
kleinen Extremitäten. Diese sind, wie gewöhnlich 
bei Lotto, zart und schmal, respektive flach gebildet. 
Die Haltung des gesenkten anmutigen Hauptes der 
Madonna entspricht ganz seiner Empfindungsweise, 
wie sie vornehmlich in dem merkwürdigen, übrigens 
sehr übertriebenen Gemälde in der Sammlung des 
Herrn Ant. Piccinelli zu Bergamo vorkommt, welches 
die Jungfrau mit dem Kinde zwischen den stark be- 
wegten Halbfiguren des heil. Rochus und Sebastian 
darstellt. Die beiden Madonnengesichter gleichen sich 
überhaupt in auffallender Weise und sind die besten 
Partien beider Bilder. Die dünn aufgetragene und 
in hellem Tone gehaltene Farbe ist dem Lotto eben- 
falls eigen und gemahnt besonders an sein Kapital- 
werk auf dem Hauptaltar zu San Bartolommeo. Die 
luftige, fein gefühlte Landschaft endlich, in die sich 
der Blick neben dem Vorhange vertieft, kommt bei 
ihm nicht selten vor und lässt sich z. B. ähnlich im 
dritten Altarbilde in Bergamo , nämlich in der 
Kirche San Bernardino di Pignolo, namentlich aber 
in dem höchst malerischen Hintergrunde zu seinem 
missglückten schwebenden Christus in der Sakristei 
von Sant Alessancü'O in Croce nachweisen. 

Es Hessen sich wohl der überzeugenden Ver- 
gleichungspunkte noch mehr anführen, wodurch die 
Bestimmung des Bildes noch fester begründet würde. 
Doch mag es mit dem Gesagten hier genug sein. 
G USTÄ V FBIZZONI. 





DER ALTESTE KUPFERSTICH DURERS. 




IE internationale clialkograpliische 
Gesellschaft hat im ersten Jahr- 
gange (1886, Nr. 10) das Blatt eines 
unbekannten deutschen Stechers 
aus dem ] 5. Jahrhundert in Helio- 
gravüre veröffentlicht und ihm 
folgenden üeleitschein auf den Weg mitgegeben: 
.,Zwei männliche und zwei weililiche Figuren zu je 
einer Darstellung von Adam und Eva gruppiri. 
Zeichnung und Behandlung sind der Richtung Mar- 
tin Schongauers verwandt." Das Blatt, bisher nur 
in einem einzigen Abdrucke nachgewiesen, ist durch 
Schenkung des bekannten Sammlers Dutuit an die 
Pariser Nationalbibliothek gekommen. 

Kann man der Persönlichkeit des Stechers nicht 
näher treten? Das Blatt verdient eine scharfe Prü- 
fung und eingehende Betrachtung. Es unterscheidet 
sich schon durch den Gegenstand der Darstellung 
wesentlich von den anderen gleichzeitigen Stichen. 
Es zeigt einen intimeren Charakter, da es offenbar 
nur als Studium , nicht für den Markt gestochen 
wurde und besitzt auch sonst manchen eigentüm- 
lichen Zug, welchen man in der Regel in den übrigen 
Blättern aus dem 15. Jahrhunderte nicht wiederfindet- 
Dr. Max Lehrs glaubt den Urlieber des Blattes zu 
kennen. Im Repertorium für Kunstwissenschaft (X, 
102) schreibt er: „Der Stecher dieses Blattes lässt 
sich mit Sicherheit unter den Mouogrammisten des 
15. Jahrhunderts ermitteln. Es ist der Meister P M, 
von dem das Berliner Kabinet und die Hofbibliotliek 
in Wien einen Schmerzensmann zwischen zwei Engeln 
(B. VI, 45, 1) mit der etwas undeutlichen Chiffre 
besitzen. Dieser Stecher steht dem Meister B R mit 



dem Anker am nächsten. Wie dieser gehört er der 
niederrheiuischen Schule an und zeigt sich in hohem 
Masse abhängig von Schongauer. Die Druckfarbe 
seiner Blätter ist jedoch minder schwarz, mitunter 
von zartestem Silbergrau. Die Zeichnung verrät 
gute Naturbeobachtung und ist nur ein wenig steif. 
Auffallend erscheint daneben der fast gänzliche 
Mangel an Kompositionstalent. Die Chiffre steht 
nur auf dem einen von Bartsch beschriebenen Stiche. 
Drei andere können dem Meister jedoch mit Gewiss- 
heit zugeschrieben werden: Zunächst die Studien zu 
Adam und Eva, sodann der Bethlehemitische Kinder- 
mord P. II, 213, 12 und ein unlieschriebener Kal- 
varienberg in Frankfurt a. M."' 

Ich habe nicht den Mut, besitze vielleicht auch 
nicht die Fähigkeit, Lehrs auf dem von ihm ein- 
geschlagenen Wege zu folgen. Meinem Formeu- 
gedächtnis traue ich nicht genug, um einem bisher 
ganz unbekannten Stecher mit Sicherheit Blätter zu- 
zuschreiben, wenn ich dieselben oder doch wenigstens 
Faksimiles von ihnen nicht zu vergleichendem Stu- 
dium vor mir liegen habe. Die Vorsicht steigert 
sich bei einem Meister, dessen Signatur nur ein ein- 
ziges, im Abdruck nicht frisches Blatt trägt. Eine 
zögernde Abgabe des Urteils über die Herkunft der 
genannten Blätter aus rein stilistischen Gründen wird 
auch durch den Umstand entschuldigt, dass gerade 
gegen das Ende des 15. Jahrhunderts nach einer all- 
gemein herrschenden Annahme mannigfache Ein- 
flüsse sich kreuzen und dadurch die genaue Bestim- 
mung der Schule und vollends des einzelnen Stechers 
den grössten Schwierigkeiten unterworfen bleibt. In 
einem Punkte können übrigens die Leser, welchen 




jrstich von Düeee. Vgl. S. 2ü. 

nteniationalen Cbalkogi-aph. Gesellschaft. (ISSO No. 10). 



DER ÄLTESTE KUPPERSTICH DÜRERS. 



21 



das Werk der chalkographisclien Gesellschaft zur 
Hand ist, ein selbständiges Urteil fällen. Der Jahr- 
gang 1886 bringt auch einen Stich des iMeisters B R 
mit dem Ailker, das grosse Blatt: Schach dem König, 
und bietet so eine bequeme Gelegenheit, die Ver- 
wandtschaft dieses Stechers mit dem angenommenen 
Meister unseres Blattes genau zu prüfen. 
Ich bin auf einem anderen Wege, durch 
ikonographisehe Vergleichung, in Bezug 
auf den Ursprung des Blattes zu einem 
ganz anderen Schlüsse gekommen, welcher 
mir wichtig genug erscheint, ihn schon 
jetzt den Fachgenossen mitzuteilen. 

Wer das Blatt mit der Doppelschil- 
derung Adams und Eva's unbefangen be- 
trachtet, gewinnt sofort die Überzeugung, 
dass es nicht für den Markt entworfen war, 
sondern offenbar zur Übung des Künstlers 
diente. Die Wiederholung der Figuren, 
der Mangel jeglichen Beiwerkes, 
wodurch die Sceue belebt würde, 
weisen auf diese Bestimmung hin. 
Bedeutsam erscheint weiter die 
Stellung der einzelnen Figuren 
mit Vorbedacht so gewählt, dass 
sowohl die volle Vorder- und 
Rückansicht des ganzen Körpers, 
als auch die Seitenansiclit zu ihrem 
Rechte gelangt. Auffällig ist be- 
sonders der vom Rücken gesehene 
Adam. (Fig. 2.) Seine Stellung wi- 
derspricht der gangbaren Auffas- 
sung und kann nur so erklärt wer- 
den, dass dem Künstler weniger an 
der Deutlichkeit der Scene als an der Beherrschung 
der Form und der Massverhältnisse gelegen war- 
Doch nicht Vermutungen, sondern Thatsachen sollen 
vorgeführt werden. Eine solche Thatsache ist der 
porträtmässige Charakter des Adamkopfes. (Fig. 4.) 
Derselbe ist nicht wie die beiden Evaköpfe nach 
einem feststehenden Typus gezeichnet, sondern 
zeigt individuelle, unmittelbar der Natur abge- 
lauschte Züge. Die gezwungene Haltung des Halses, 
der mehr nach aussen als in der Richtung des 
Kopfes gekehrte Blick weisen darauf hin, dass 
wir es mit einem Spicgelbilde zu thun haben. Der 
Künstler hat in Adam seinen eigenen Kopf wieder- 
gegeben. Dieser Kopf ist uns aber wohlbekannt. 
Es ist Dürers Kopf, wie er uns in dem Spiegel- 
bilde vom Jahre 1493, in dem bei Felix in Leipzig 
bewahrten Selbstporträt, entgegentritt. (Fig. 5.) Wenn 




man das Selbstporträt mit dem Adamkopfe zu- 
sammenhält und die Zeichnung nach dem Spiegel aus 
dem .lahre 1484 zu Rate zieht, so ergiebt sich die 
vollkommene Gleichheit der Züge. Entscheidend 
sind die Umrisse an der rechten Seite, der etwas vor- 
tretende Backenknochen, genau so, wie es das ge- 
malte Porträt zeigt, ferner die Bildung 
der Nase, an der Spitze stumpf, so dass 
die Nasenlöcher sichtbar bleiben, der 
starke Abstand der Nase von der Ober- 
lippe, der etwas vorspringende Mund 
mit geschwungener Unterlippe, das kräf- 
tige Kinn, die Zeichnung der Haare, 
welche in langen Strähnen herabfallen, 
erst unten sich schlängeln, vorn am Schei- 
tel ein wenig zurücktreten, die Linie der 
Augenbrauen und endlich die breite Wan- 
genlinie links vom Ohr bis zum Kinn. 
Wenn zwei Köpfe in so vielen Einzel- 
heiten sich vollständig decken, so 
kann nicht füglich von einem zu- 
fälligen Zusammentreffen ge- 
sprochen, sondern muss eine Iden- 
tität der Personen angenommen 
werden. Der Kopf Adams ist also 
das Selbstporträt Dürers; da er 
als Spiegelbild sich zeigt, so muss 
er von Dürer selbst eigenhändig 
gezeichnet sein. Dafür spricht 
noch eine andere Thatsache. Auf 
dem Kupferstiche vom Jahre 1504 
hält Eva in derselben Weise wie 
auf dem anonymen Blatte den 
Apfel halb versteckt in der herab- 
hängenden Hand. (Fig. 1.) Die Skizze zur Eva in der 
Bodleiana giebt die Armbewegung am deutlichsten 
wieder. (Fig. 3.) Das ist eine so eigentümliche, im 
älteren Kunstkreise so ungewöhnliche Armhaltung, 
dass man ihre Wiederholung gewiss nicht auf den 
reinen Zufall zurückführen kann. Was liegt näher, 
als anzunehmen, dass Dürer sich noch nach mehreren 
Jahren seines früheren Versuches erinnerte und das 
brauchbare Motiv bei der Wiedergabe der glei- 
chen Scene jenem entlehnte. Denn als einen ersten 
Versuch in der Kupferstechtechnik müssen wir wohl 
das Blatt mit der doppelten Darstellung Adams und 
Eva's auffassen. Noch ist der Künstler mit dem Grab- 
stichel nicht vollkommen vertraut. Er möchte gern die 
Flächen runden, die Gestalten modelliren; es stehen 
ihm aber dafür nur dünne, spitze Striche zu Gebote. 
Die letzteren folgen nicht immer willig, wie die linke 



22 



NOTIZ. 



Brust Adaius zeigt, der Körperforni , bekunden aber 
deutlich das Streben nach kräftiger Modellining. Im 
Zeichueu war der Künstler offenbar sclioii viel weiter 
fortgeschritten als im Stechen. 

Es ist begreiflich, dass ein Blatt, zu eigener 
Übung als erster Versuch mit dem Grabstichel ge- 
schaffen , noch einzehie Anklänge an die gerade 
herrschende technische Weise offenbart, mit gleich- 
zeitigen deutscheu Stichen verwandt erscheint. Die 
Wiedergabe weiblicher Figuren macht dem jungen 
Künstler grössere Schwierigkeiten als die Gestalt 
Adams. Hier individualisirt er mit keckem Mute, 
d^>rt begnügt er sich, den für Madonnen, Engel gang- 
baren Typus zu wiederholen. Der Evakopf erfreut 
sich im Gegensatze zu dem scharf persönlich er- 
fassten Adam unter den Schongauerstichen einer 
zahlreichen Verwandtschaft. Ebenso bleibt der An- 
fänger in der Zeichnung der Augenbrauen von seinen 
technischen Vorlagen abhängig. Er belebt die Bogen- 
linie durch feine senkrechte Striche. Dagegen sind 
die Umrisse der Gestalten fester gezogen, als bei den 
meisten Zeitgenossen. Sie wecken die Erinnerung 
an die Werkstätte eines Goldschmiedes, aus welcher 
ja auch Dürer hervorgegangen ist. Ausserdem be- 
müht er sich eifriger als die Mehrzahl der Genossen, 
trotz der eintönigen Strichelführung den KöriJerbau, 
die Muskeln auf das treueste wiederzugeben. Un- 
verständlich an dem ganzen Blatte, geradezu rätsel- 
haft erscheint mir das linke Bein vom Knie abwärts 
bei der Eva links. Dasselbe ist ganz mit Strichen 



bedeckt, übertrieben in Schatten gestellt, im Verhält- 
nis zu den anderen Körperteilen und übrigen Figuren 
auffallend schlecht gezeichnet und noch schlechter 
modellirt, als ob eine fremde, minder geschickte Hand 
darüber gefahren wäre. Die grosse Zehe ist ver- 
krüppelt und merkwürdig genug, es erscheint, worauf 
mich Fr. WickhofF aufmerksam machte, auch die 
gi'osse Zehe des einen Engels im Schmerzensmanne 
des P M ähnlich verkrüppelt. Entscheidend für 
den Ursprung des Stiches bleibt jedoch meines Er- 
achtens die Übereinstimmung Adams mit Dürers 
Selbstporträt und die unleugbare Thatsache, dass 
die Eva links als Vorstudie für die Eva auf dem 
Stiche vom Jahre 1504 gelten muss. 

Die Zeit, in welcher das Blatt entstanden ist, 
lässt sich scharf begrenzen. Es fällt kurz vor 1493, 
in welchem Jahre Dürer das Selbstporträt malte. 
Ist die Beobachtung richtig, dass das technische Ver- 
fahren der Richtung Schongauers folgt, so müssten 
wir seine Entstehung in die Zeit, in welcher Dürer 
in der Nähe Schongauers weilte, setzen. Erst nach 
Schongauers Tode 1491 kam Dürer nach Kolmar. 
Das Blatt würde demnach in den Zeitraum 1491 bis 
1493 fallen. Ob vor oder nach der ersten italieni- 
schen Reise Dürers? Die Betonung der Massverhält- 
nisse lässt das letztere vermuten. Jedenfalls begrüssen 
wir in dem Blatte, wenn nicht den ersten, so doch 
den frühesten bis jetzt bekannten Versuch Dürers in 
der Kunst des Kupferstiches. 

ANTON SPIUNGER. 



NOTIZ. 



* Das anmutige ,,MeMueU" im Stile Watteau's, 
welches in II'^ Zkglers Radirung diesem Hefte bei- 
liegt, ist als Mittelbild einer Fächer Verzierung ge- 
dacht, welche Ikinridi Leßcr in München vor kurzem 
entworfen und W. Ziegler für den gleichen Zweck 
in Kupfer ausgeführt hat. Auf blassgelber oder 
weisser Seide gedruckt , bildet die gefällige , von 
Amoretten auf Rankenwindungeu umspielte Kompo- 



sition einen reizenden Schmuck in Frauenhand. Der 
Urheber der Zeichnung, der begabte Heinrich Lefler, 
ist als Sohn des Wiener Malers Franz Lefler am 
7. November 1863 in Wien geboren, studirte anfangs 
an der Akademie seiner Vaterstadt unter Leitung 
Prof. Griepenkerls und besuchte dann in München 
mit schönem Erfolge die Komponirschule des Pro- 
fessors W^. Diez. 



3 s^ 

3 H 




KLEINE MITTEILUNGEN, 



* In einem (bei Weidmann in Berlin erschienenen) 
lesenswerten Schriftchen über Peter ron Cornelius und den 
Camposanto in Berlin von H. Pfiimlliellcr (Prediger an St. 
Jacobi daselbst) wird an die nationale Pflicht erinnert, die 
grossartigen Entwürfe des deutschen Altmeisters für die Ber- 
liner Friedhofhallen zur malerischen Ausführung zu bringen. 
Eine so organisch geordnete und allumfassende Geschichte 
der christlichen Lehre von der Hand ei)tcs Meisters existirt 
noch nirgends, betont der Autor mit Recht. Allerdings seien 
die Camposantobilder in Stich und Photogi-aphie verbreitet; 
aber diese können uns die farbige Wirkung im grossen nicht 
ersetzen. Die Hofl'nung. dass es zu der Ausführung der 
Fresken kommen werde, ist nun aber in neuester Zeit wieder 
beträchtlich herabgemindert worden. Der zur Annahme ge- 
langte Rasc/idorffsche Entwurf für den Dombau lässt für 
keinen Camposanto Raum; es könnten nur einzelne Fresken 
in der nördlich vom Dom projektirten Gruftkirche zur Ver- 
wendung gelangen. Und wo fänden sich schliesslich die ge- 
eigneten Kräfte, um uns die idealen Gebilde des Cornelius 
in stilgerechter farbiger Erscheinung vorzuführen? 

« Xiliolaiis Manuel Deutsch als Künstler ist der 
Gegenstand einer soeben bei J. Huber (Frauenfeld) erschie- 
nenen kleinen Monographie von Dr. BcrtJinld Hctendelce, 
welche als eine Ergänzung des trefflichen Buches von Jakob 
Baechthold über dieselbe Persönlichkeit als Schriftsteller 
aufzufassen ist. Der Verfasser schildert den Entwickelungs- 
gang des Berner Meisters in seinen drei verschiedenen Stil- 
epochen, welche durch die wechselnden Einwirkungen von 
Seiten Dürers und des Hans Fries. Hans Baidungs und Hol- 
beins d. j. hervorgerufen wurden, und würdigt eingehend 
sein dadurch bedingtes künstlerisches Schäften. Angehängt 
sind eine kurze Notiz über Hans Rudolf, Manuels Sohn, und 
ein vollständiges Verzeichnis der Werke des Meisters (Öl- 
bilder, Glasgemälde, Zeichnungen und Holzschnitte), deren 
Mehrzahl sich in Basel und in Bern, sowie in einigen deut- 
schen Sammlungen befinden. Vier Lichtdrucktafeln nach 
Zeichnungen von Nikolaus Manuel dienen als Illustrationen 
des hübsch ausgestatteten Büchleins. 

* L. V. Urlichs in Würzbui-g hat in dem eben er- 
schienenen 22. Programm des Wagnerschen Kunstinstituts 
(Würzburg, Stahel) neue „Beiträge zur Geschichte der Glypto- 
thek" herausgegeben , durch welche die 1867 erschienene 
Schrift des Autors über die Entstehung der berühmten Mün- 
chener Skulpturensammlung in sehr dankenswerter Weise er- 
gänzt und berichtigt wird. Als Hauptquellen für diesen 
Nachtrag dienten die Aufzeichnungen des Königs Ludwig I. 
selbst, und zwar teils einzelne Notizen, teils die nahezu voll- 
ständige Liste der Ankäufe, welche der König (anfangs noch 
Kronprinz) von 1812 — 1863 für seine Sammlung gemacht hat. 
Dazu kommen verschiedene Aufzeichnungen des Bildhauers 
Wagner, welcher bekanntlich bei den wichtigsten Ankäufen 
der Berater und Agent Ludwigs war. Interessante Notizen 
enthält die Schrift u. a. über die Perle der (ilyptothek, den 
sogenannten Ilioneus (S. 23 und 35). 



:s T)ie Pariser Alcademie ist mehr als die Hochschule 
der bildenden Kunst für Frankreich : sie darf als ein ehrwür- 
diger Mittelpunkt des europäischen Kunstlebens überhaupt 
bezeichnet werden und bietet zugleich in ihren reichen 
Kunstsohätzen dem kunstsinnigen Besucher der Seinestadt 
eine Fülle von Sehenswürdigkeiten geschichtlicher und künst- 
lerischer Art. Euyhie MiiHt.\, Konservator der Sammlungen 
des berühmten Instituts, hat soeben einen Führer durch 
dieselben herausgegeben (Guide de l'Ecole Nationale des 
Beaux-Arts), welcher über die Gemälde, die antiken, mittelalter- 
lichen und modernen Skulpturen, die wertvollen Handzeich- 
nungen, endlich über die interessanten Sammlungen der Ko- 
pien und Abgüsse den ersten zusammenfassenden Überblick 
gewährt. Eine geschichtliche Einleitung erzählt uns die 
wechselvollen Geschicke der bekanntlich unter Ludwig XIV. 
1648 gegründeten Anstalt. Das Haus Quantin hat den 
.300 Seiten starken Oktavband mit zahlreichen reizenden 
Illustrationen ausgestattet. 

ä! Pobcrt Ruß in Wien legt soeben die letzte Hand an 
ein grösseres Landschaftsbild, das nach Gegenstand und Be- 
handlung zu den reizvollsten Schöpfungen des Meisters zählt. 
Es ist ein Motiv aus dem berühmten Park der Villa Bor- 
ghese. Den Vordergrund nimmt das weite Bassin des Spring- 
brunnens ein, welchen vier plastische Meerpferde zieren. 
Darüber hinweg Ijlickt man in die breiten Alleen, auf denen 
die zum Korso vereinten Karossen und zahlreiche Spazier- 
gänger in den buntgemischten Trachten der römischen Ge- 
sellschaft erscheinen, darunter die nirgends fehlenden Preti, 
der junge deutsche Gelehrte im Strohhut, mit dem Buch in 
der Hand, die Männer und Weiber aus dem Volk in farbi- 
gem Kostüm u. a. m. Die Sonne eines Herbstnachmittags 
vergoldet die reich belebte, in zarten Duft gehüllte Scenerie. 

» Professor Sif/inund l'AUemand in Wien, der in letzter 
Zeit als Bildnismaler grosse Erfolge hatte — wir erinnern 
nur an sein vorzügliches Porträt des Erzherzogs Rainer — 
hat kürzlich wieder zwei höchst gelungene Werke dieser 
Art vollendet: das eine ist ein lebensgrosses Brustbild, das 
andere ein Miniaturporträt des Grafen Jaromir Czernin, des 
Besitzers der berühmten Wiener Gemäldegalerie. Das Brust- 
bild stellt den Grafen in der kleinen Geheimratsuniform mit 
dem Ordenszeichen des goldenen Vliesses dar. Auf dem 
Miniaturporträt sehen wir den Dargestellten im schlichten All- 
tagsrock in ganzer Figur neben einem vergoldeten Tische 
stehen, mit der Linken auf ein Buch gestützt, die Rechte in 
der Tasche. Im Hintergi-und ein Lehnsessel und ein roter 
Vorhang. Das Bild giebt den Charakter eines vornehmen 
Mannes in voller Unmittelbarkeit und Wahrheit wieder, ohne 
jede falsche Prätensiou; es ist ebenso gesund in der Malerei 
wie in der geistigen Auffassung. 

s Dem Ausschussbericht der Gesellschaft patriotischer 
Kmistfreimdo in Bölimen für das Jahr 1888 entnehmen wir, 
dass die unlängst vollkommen reorganisirte, von dieser Ge- 
sellschaft erhaltene Malerakademie sich einer erfreulichen 
Entwickelung rühmen darf. Es wirken daran für Figuren- 



24 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



nialerei die Professoren Fran\ Srqiwns und Hans Pirncr, 
wäbreud die Leitung der Spezialschule für Landschaftsmalerei 
in den Ililnden des trett'lichen .IiiJinit Mardk liegt; Kunstge- 
schichte lehrt Dr. Carl Cliijlil. Die Gemäldegalerie, Kupfer- 
stichsammlung und (iulerie lebender Maler, sämtlich im 
Rudolphinum untergebracht, haben im Jahre 1888 teils durch 
Ankäufe, teils durch Geschenke wieder namhafte Bereicherung 
erfahren. Die Sammlungen wurden in dem bezeichneten Jahre 
von 374Ü4 Personen besucht. Der Knnstverein für Böhmen, 
ebenfalls eine Schöpfung der Gesellschaft, weist einen kleinen 
Rückgang in der Mitgliederzahl auf. Die Jahresausstellung 
desselben überflügelte dagegen ihre Voi-gängerin bedeutend. 
Der Cassastand belief sich Ende 1888 auf 101004 Fl. 

• SehlicDianii.t Trojan iaelie Fiiiu/e bildeten in jüngster 
Zeit wieder den Gegenstand lebhafter Diskussionen. Auf dem 
anthropologischen Kongress in Wien kam ein Sendschreiben 
Kni.-if liorttiiliprs zur Verlesung, in welchem dieser neuer- 
dings für seine Überzeugung eintrat, dass in den von Schlie- 
mann auf Trqja gedeuteten Funden von Hissarlik die Reste 
einer alten Feuernekropole zu erkennen seien. Der Voi-- 
sitzcnde, (Jeheimrat Virclioir aus Berlin, begnügte sich da- 
mit, den (iedanken als „farohtbarMi Unsinn" einfach von 
der Hand zu weisen. Anders erging es demselben auf dem 
„Congres international d'anthropologie et d'archeologie" in 
Paris. Hier trat u. a. Saloninn Nc/iinrh, als Referent über 
Boettichers Buch „La Troie de Sohliemann une necropole ä 
incineration", entschieden für die Beweisführung des deut- 
schen Forschers ein, während Si-hliciiumn ihm selbstver- 
ständlich aufs heftigste opponirte und schliesslich sich er- 
bot, vor den Augen des Gegners auf dem Boden von Hissarlik 
den Beweis der Wahrheit seiner Behauptungen zu führen. 
Wie man hört, hat Boetticher den Vorschlag Sohliemanns, 
der die Kosten dieses neuesten trojanischen Krieges tragen 
will, angenommen und wir dürfen somit für die nächste 
Zeit interessanten Aufschlüssen von der Küste Kleinasiens 
entgegensehen. 

* liafl'ad in Poi-twjal. Es vergeht kaum ein Jahr ohne 
die Entdeckung irgend eines neuen ,,Raftael"; aber gleich 
ein volles Dutzend und mehr dieser bisher ungehobenen 
Schätze aufzufinden, das war dem Autor eines im vorigen 
Jahre zu Lissabon in französischer Sprache erschienenen 
Werkes vorbehalten, welches als Kuriosum den Kunstfreunden 
signalisirt werden mag. Das Kloster „Nossa Senhora de Re- 
fojos do Lima" in Portugal ist nach der Versicherung des 
Herrn Thomcix Mfiules Norton so glücklich, von Bramante, 
dem „Onkel Ratfaels", erbaut zu sein und mehrere grosse 
(iemälde, eine Madoiuia mit dem heil. Antonius, ein Abend- 
mahl, eine Anzahl von Wanddekorationen in Majolika, end- 
lich auch eine Statue des heil. Theotonio von der Hand des 
göttlichen Urbinaten zu besitzen. Näheres darüber ist nachzu- 
lesen in dem reich mit Lichtdrucken ausgestatteten Quartanten 
des genannten Verfassers, ins Französische übersetzt von 
L. C. Capderille. Abgesehen von der umständlichen Beweisfüh- 
rung, die natürlich ein Kartenhaus von lauter Uuglaublich- 
keiten ist, enthält der Band am Schluss eine französische 
Übersetzung der Schrift des Francisco de Hollanda (Dialogo 
de tirar pelo natural) von dem Maler Roquemont. 



• „Der Cicerone in den Kunstsammlungen Eurojjcis" be- 
titelt sich ein neues Unternehmen des rührigen G. Hirthschen 
Kunstverlags in München und Leipzig, welches die Beach- 
tung aller Kunstfreunde verdient. Der erste, voriges Jahr 
erschienene Band enthielt einen Führer durch die kgl. ältere 
Pinakothek zu München ; es sind davon in rascher Folge be- 
reits vier Auflagen erschienen. Der zweite, kürzlich ausge- 
gebene Band enthält den Cicerone für die königl. Gemälde- 
galerie in Berlin. Beide sind von Richard Mutlirr verfasst 
und von dem Verleger, Georg Hirt//, mit einer allgemeinen 
Einleitung versehen, welche als eine Art kurzgefasster Pro- 
paodeutik des Kunstverständnisses aufzufassen ist. Die ganze 
Anlage dieser kleinen Kunstbücher ist eine ebenso praktische 
wie w'iginelle. Sie schliessen sich an die grossen Museen 
Europas an, aber sie geben keine herkömmlichen Verzeich- 
nisse derselben, sondern führen den Leser auf kunstgeschicht- 
lichem Wege in das Studium der Sammlungen ein. Der oft 
verwirrende Eindruck, welchen die „Fülle der Gesichte" auf 
unsere Kunstpilger zu machen pflegt, wird hierdurch fernge- 
halten und die Mannigfaltigkeit der Schulen und Meister in 
einen lebensvollen Zusammenhang, zu klarer Übersicht ge- 
bracht. Die Einleitungen erörtern gewisse Grundfragen des 
Kunstinteresses , den Stilbegriff , die verschiedenen Auf- 
fassungen und Mal weisen der Meister, führen den Anfänger 
ein in die Vorhallen des kunstgeschichtlichen Verständnisses, 
in Kritik und Kennerschaft. Nimmt man dazu noch die 
Menge der zierlichen Autotypien, welche den Text zieren, so 
dass sich der Leser dadurch das Erinnerungsbild, das er von 
dem Originale mitnimmt , leicht auffrischen und vervoll- 
ständigen kann, so hat man den reichen Inhalt beisammen, 
der in diesen gefalligen Bändchen zusammengedrängt ist. 
Hotlentlich werden die Fortsetzungen, welche Dresden, Wien, 
Paris, London und die grossen Galerien Italiens, dann die 
Niederlande, Madrid und Petersburg zu behandeln haben, 
nicht lange auf sich warten lassen. Dem wachsenden Kunst- 
bedürfnis des gebildeten Reisepublikums wäre damit sehr 
gedient. 

« „Alis drin niodrrncn Italien" betitelt sich eine Samm- 
lung von Studien, Skizzen und Briefen, welche Dr. Sii/iiiniid 
Mün\, der Übersetzer von Minghetti's „Raflael", kürzlich 
(bei Rütten & Loening in Frankfurt a M.) hat erscheinen 
lassen. Der Inhalt dieser lebensvoll und frisch geschriebenen 
Schilderungen und Erinnerungen ist vorwiegend politischer 
Natur: die Führer auf staatlichem und kirchlichem Gebiet, 
Männer wie Cavour, Depretis, Crispi, Leo XIII., stehen dem 
Interesse des Autors ofl'enbar am nächsten; er ist ihnen al.s 
scharfer Beobachter nachgegangen und sein Herz schlägt warm 
für den Aufschwung des italienischen Volkes, aus dessen Leben 
und Wesen er zahlreiche farbige, charaktei-istisohe Züge dem 
Buche einverleibt hat. Aber da in diesem gottgeliebten 
Lande alles Gegenwärtige Gescliiobte, alles Lebendige Denk- 
mal wird, führt die Betrachtung des Modernen den Autor 
auch auf Schritt und Tritt zur Kunst und ihren ewigen 
Schöpfungen hinüber. Er erweist sich auch für sie als eine 
fein organisirte, empfangliche Natur. Blätter, wie die aus 
Assisi, aus Perugia und manche andere, wird der Kunst- wie 
der Gcschichtsfi-eund mit Genuss lesen. 



Ib'rausgeber: Carl von Lütxow in Wien.— Redigirt unter Verantwortlichkeit des Veriegers E. A. Scrmniiii. — 

Druck von August Pries. 




BILDNIS DER FRAU M 



/\ :-ofm-iTm ™ Tjoipzii« 



Druck v: F A.Brockhaus in Leipai) 




V) 



Vignette von Carl Fröschl. 

CARL FRÖSCHL. 

MIT ABBILDUNGEN. 




UF einer Fahrt nach Venedig war 
es, wo wir Freundschaft schlössen, 
die es mir eigentlich schwer macht, 
über Fröschl zu schreiben; aber 
das Urteil über seine Werke hat 
sich so allgemein, so unabhängig 
von aller Beeinflussung gebildet , dass selbst ein 
Freund sein Wirken und seine Arbeiten besprechen 
kann, ohne besorgt sein zu müssen, das Urteil werde 
durch Befangenheit von der strengen Wahrhaftig- 
keit abgelenkt werden; überdies muss über Fröschl 
ein Näherstehender schreiben, denn er ist eine so 
stille, in sich abgeschlossene Natur, dass nur die In- 
timsten den vollen Reichtum seines Gemütes und die 
Eigenart seines Geistes zu würdigen im stände sind. 
Fröschl spricht sehr wenig; wenn er aber den 
Stift in die Hand nimmt, so wird der stille Mann 
witzig, fein spöttisch und satirisch, seine Briefe sind 
launig und so gewandt stilisirt, dass man in ihm 
einen geistreichen Plauderer vermuten möchte. In 
intimen Kreisen zeichnet er sich überdies durch 
schauspielerisches Talent und witzige Gedichte aus. 
Sein Gemüt ist tief, sein Empfinden ein ungemein 
starkes, in Freud und Leid, als wirkte es um so 
stärker, je unmöglicher es ihm ist, zum Ausdruck 
zu kommen. Als seine arme Mutter starb, war die 
ganze Familie, deren Glück durch lange Jahre un- 
getrübt war, tief erschüttert; Fröschl sprach kein 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



Wort, nach dem Leichenbegängnis aber brachte ihn 
ein heftiges Nervenfieber selbst an den Rand des 
Grabes. Schweigend sich zu freuen und an anderer 
Freude teilzunehmen, schweigend zu leiden und allen- 
falls aus Trauer schweigend zu sterben, das ist so 
die Art Fröschls. 

Sehr bezeichnend für Fröschl ist seine innige 
Anhänglichkeit an seine Vaterstadt und das Vater- 
haus; er hat glänzende Anträge abgelehnt, um nicht 
fortreisen und in fremdem Haus auch nur einige 
Tage leben zu müssen. Selbst zu jener ersten ita- 
lienischen Reise hätte ich ihn nie bestimmen können, 
wenn ich nicht an seiner grossäugigen, stattlichen 
Schwester eine Bundesgenossin gefunden hätte, die 
ihn dazu bewog, nach Venedig zu ziehen. Die 
späteren italienischen Reisen machte Fröschl in Be- 
gleitung seines Vaters und seiner Geschwister; der 
Münchener Aufenthalt wurde stets als bittere Not- 
wendigkeit empfunden und so bald wie möglich auf- 
gegeben. Es ist ein echtes Wiener Kind, das sich 
nur im Bannkreis der schönen Kaiserstadt wohl 
fühlt. Auch die Sommermonate verlebt Fröschl seit 
seiner Kindheit im Wiener Wald, in dem lieblichen 
Weidling bei Klosterneuburg, das von der verstor- 
benen Aglaja von Enderes so intim und schön ge- 
schildert worden ist. Einige ihrer schönsten Arbeiten 
sind in der gastfreundlichen Villa Fröschl geschrieben. 

Zur Charakteristik Fröschls würde ein wiclitiges 

4 



26 



CARL FBÖSCHL. 



Merkm;il l'ehlen, wenu sein feiner Sinn für Musik 
nicht erwähnt würcle. Im Fröschischen Hause wurde 
einst viel Musik gemacht, als seine jüngste Schwe- 
ster noch lebte, die eine hochbegabte Sängerin und 
Pianistin war; der Sänger Kraus, Professor Gäns- 
bacher, Musikdirektor Scholz aus Dresden verkehrten 
viel im Hause und Julius Zellner zälilt zu den in- 
timen Freunden der Familie. 
Kiu hervorste- 



hiuausdringen; aber von dem ganzen Familien- und 
Kinderleben im Fröschischen Hause ist ein heller 
Strahl auch in die weite Welt gedrungen, es ist das 
Titelbild zu der Monatsschrift „Vom Fels zum Meer" 
und das schöne Bilderbuch: „Goldene Zeiten" , zu 
dem die hübschen Verse von dem oben genannten 
Hausfreunde herrühren. 

Ich mochte mit diesen Zeilen ein geschriebenes 
Porträt Fröschls 



cheuder Charakter- 
zug Fröschls , der 
in allen seinen Wer- 
ken zum Ausdrucke 

kommt, ist seine 
grosse und innige 
Liebe zu Kindern. 
Die Kinder seiner 

Schwestern sind 
seine Lieblinge; in 
vielen Illustratio- 
nen verewigte er 
ihr Leben und Trei- 
ben, sie waren die 

Modelle zu den 
ersten Pastellpor- 
träts, mit denen er 
so erfolgreich debü- 
tirte. Viele seiner 
Zeichnungen blei- 
ben für den engen 
Familienkreis be- 
stimmt; eine dieser 

seiner schönsten 
Zeichnungen 
schmückt eine i 

bibliographische, 
gewiss seltene 

Dichtung. In der jjj- 

Fröschischen Fa- 
milie verkehrt ein 
Hausfreund seit vierzig Jahren 
altes Hausmöbel zur Familie, die ohne ihn nicht 
vollständig scheint. Dieser versifizirte ein hüb- 
sches Märchen und Fröschl zeichnete als Titelblatt 
den alten Herrn, dejn die reizende Nichte Fröschls 
Hilda auf den Knieen sitzt, seiner Erzählung lau- 
schend. Das Buch samt Illustration wurde nur in 
fünfzehn Exemplaren gedruckt. Die Illustrationen 
eines „Hilda-Liedes" und viele köstliche Zeichnungen 
in Skizzenbüchern und auf losen Blättern werden 
kaum jemals über den engeren Kreis der Familie 






X 




liefern ; soll das- 
selbe gut und cha- 
rakteristisch sein, 
so muss ich auch 
seiner grossen Be- 
scheidenheit Er- 
wähnung thun; er 

drängt sich nir- 
gends vor, im Ge- 
genteil, wo es geht 
und nicht angeht, 
zieht er sich zurück. 
In Künstlerkreisen 
hat Fröschl trotz- 
dem viele Freunde, 
man wählte ihn 
zum Obmann des 

Aquarellisten- 
klubs; er fehlt sel- 
ten in einer Jury 
oder Ansstellungs- 
kommission. Wo 
ihm solch ein 
künstlerisches 
Richteramt zu teil 
wird, da übt er es 

mit einer ganz 
merkwürdigen und 
scheinljar unerklär- 
lichen Rücksichts- 

Selbstporträt Carl Fröschls. losigkeit. Sanft und 

er gehört wie ein bescheiden, still und in sich gekehrt, ist Fröschl 
dabei doch ein fester Charakter, der seine Über- 
zeugung, wo es geboten ist, mit voller Kraft durch 
die That zur Geltung zu bringen weiss; dazu hat 
Fröschl einen sehr hoch gegriffenen Massstab für sein 
Urteil, den er auch an seine eigenen Arbeiten und 
seine persönlichen Qualitäten anlegt. Von der jedem 
Künstler anhaftenden Einseitigkeit hat Fröschl uicht 
über das notwendigste Mass an sich. 

Bei der in sich gekehrten Natur Fröschls ist 
es kaum zu begreifen, wie er heiratete. Und wir. 



CARL FRÖSCHL. 



27 



die wir dabei waren, begreifen es noch heute nicht, 
wie es zugegangen! 

Im Jahre 1877 wanderte Fröschl wieder einmal 
nach München; er war durch seine italienischen 
Reisen eigentlich so disorientirt, dass er einer kräf- 
tigen Nachkur bedurfte. Wir verkehrten zu jener 
Zeit viel im Hause Fritz August Kaulbachs. Eines 
Tages sah ich bei Kaulbach einen herrlichen Frauen- 
koi>f auf der Staifelei und machte die Bemerkung, 
dass es wohl kaum ein so schönes Modell in Mün- 
chen gäbe. Kaulbach lächelte und sagte: „Gewiss 

— das ist meine Schwägerin." — Ich brannte vor 
Begierde, dieselbe zu sehen und erzählte Fröschl da- 
von. Er bemerkte kurz: „Die kenne ich schon lange". 

— „Na, wie du das zusammenbringst, davon nichts 
zu sagen, dich nicht in dieses Mädel zu verlieben, 
das begreif ich nicht." — „Wer sagt dir, dass ich 
nicht verliebt bin?" — „Ja, warum heiratest du sie 
denn nicht?" — „Das geht nicht." Ich wusste, warum 
es nicht geht; er hätte die Liebeserklärung und den 
Heiratsautrag nie über die Lippen gebracht! Ich 
erzählte die köstliche Geschichte Kaulbach und dieser 
natürlich seiner Schwägerin , welche gestand , die 
gleichen Gefühle zu hegen; nun war die Sache ge- 
macht; als wir bei nächster Gelegenheit, es war in 
der Galerie Schack, Fröschl und die schöne Johanna 
allein Hessen, da stand er lange stumm vor ihr und 
sie war in Verlegenheit, — da machte er der Sache 
plötzlich ein Ende, nahm sie beim Kopf und küsste 
sie; das war alles. Bei der Schwiegermutter warb 
er mit denselben „Worten" um die Hand seiner 
Braut und wir sagten lachend beim Champagner 
alles übrige. 

Fröschl bezog mit seiner anmutigen Frau Woh- 
nung und Atelier im Kaulbachschen Hause , wo er 
zwei Jahre blieb. Seine Liebeserklärung sprach er 
nachträglich in der ihm eigenen Art aus; er malte 
das Porträt seiner Frau mit einer innigen Empfin- 
dung, die so viel sagte, wie ein schönes Gedicht. 
Das Bild war in Wien 1879 ausgestellt und wurde 
damals in dieser Zeitschrift (Bd. XIV, S. 32) in einer 
Radirung Wörnle's unter dem Titel: „Das Burgfräu- 
lein" veröffentlicht. 

Fröschl konnte das rauhe Klima Münchens nicht 
vertragen, es war auch Heimweh nach seiner Vater- 
stadt dabei, kurz, er erkrankte recht ernstlich und 
nnisste nach der Riviera, um Erholung zu suchen. 
Zwei Winter brachte er in Nervi zu und kehrte 
dann geheilt zurück, aber nicht mehr nach München, 
sondern nach Wien, wo er sich häuslich uiederliess 
und sich ein recht behagliches Heim einrichtete. 



Der letzte Münchener Aufenthalt war für 
Fröschls Zukunft von entscheidender Bedeutung; der 
intime Verkehr mit Fritz August Kaulbach und mit 
dem gewählten Künstlerkreise, der in seinem Hause 
zusammenkam , gab Fröschl den lange gesuchten 
Halt und eine klare Richtung, die derselbe auch 
fest hielt und auf der er es zur Selbständigkeit und 
zu hervorragender Bedeutung brachte. 

Ich möchte behaupten , dass Fi'öschls langes 
Herumtasteu und späte Reife eigentlich daher rührt, 
dass er von seinem ursprünglichen Wege abgelenkt 
wurde. Ihm, einem Schüler der streng zeichnerischen 
Schule der Wiener Akademie, die er, noch ein Knabe, 
zu frequentiren begann, war die Münchener Rich- 
tung der Diez-Schule durchaus nicht kongenial. In 
Rom wäre es unter günstigen Umständen vielleicht 
Fröschl möglich gewesen, den rechten Weg schon 
früher zu finden; aber in der ewigen Stadt war da- 
mals mit ihm nichts zu macheu. Ein Diez-Schüler 
in Rom ist so gut wie verloren. Mit Raffael und 
Michelangelo ist für ihn nichts anzufangen und mit 
den lebenden Malern noch weniger. Damals stand 
die ganze römische Künstlerschaft unter der Herr- 
schaft des eigenartigen brillanten Fortuny, der so 
ziemlich alles auf den Kopf stellte, was in München 
für heilige Wahrheit galt. Siemiradzki malte da- 
mals seine „Fackeln Nero 's;" dies war für einen echten 
Diez-Schüler eine noch unverständlichere Richtung. 
Es vergingen auch wirklich die beiden römischen 
Winter ohne eine bedeutendere Leistung. „Spie- 
lende Kinder", römische Gassenjungen darstellend, 
war ein recht hübsches Bildchen, aber als Resultat 
eines zweimaligen römischen Aufenthaltes eigentlich 
recht wenig bedeutsam. Der Circolo internazionale 
und das „Privatakt"-Unternehmen Chigi's bot Fröschl 
Gelegenheit, einige Aquarell- und Aktstudien zu 
machen, und da erinnere ich mich eines Abends, au 
welchem Fröschl eine Aktstudie bei Chigi so schön 
zeichnete, dass die Anwesenden sich in der Zwischen- 
pause um ihn versammelten und ein Gemurmel der 
Bewunderung durch ihre Reihen ging. 

Fröschl traf zu jener Zeit mit dem kunstsinni- 
gen Bischof von Djakovar in Rom häufig zusammen. 
Der Kirchenfürst verkehrte täglich mit der Familie 
Fröschl und suchte den Künstler für die kirchliche 
Kunst zu begeistern, was ihm aber nicht gelang; 
erst mit der „Madonna" hat Fi-öschl einen Schritt 
auf diesem Gebiete gewagt; es ist in dem Bilde zwar 
alles das enthalten, was wir im Herzen in die Kirche 
tragen, aber von dem, was wir in der Kirche suchen 
und finden — nichts. 

4* 



28 



CAllL FUÜÖCIIL 




"* 1^ 






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1 ^- 










Schiüaibeiteu. 


Zeiclmu 


ug vou Cakl Fröschl. 



Fröschls Charakter zu schildern ist eine sehr 
dankenswerte Aufgabe; sein Leben zu beschreiben 
aber eigentlich schwer, denn es fliesst so ruhig und 
ungetrübt dahin, wie das aller glücklichen Menschen. 

Da wir schon gelegentlich der Veröffentlichung 
des ersten bedeutenden Porträts Fröschls einige bio- 
grapliische Daten mitgeteilt haben, wollen wir hier 
nur das Notwendigste kurz zusammenstellen. 

Als Sohn eines wohlhabenden Wiener Bürgers 
am 2',]. August 1848 geboren, hatte er niemals mit 



Sorgen zu kämpfen; seinen liebevollen, verständigen 
Eltern hatte er es zu danken, dass ihm der Weg 
zur Kunst von frühester Kindheit an geebnet war. 
Als Knabe zeichnete er bei Taubinger, kam 1865 an 
die Wiener Akademie, wo er bis 1870 weilte, um 
dann nach München überzusiedeln. Bis zum Jahre 1 873 
arbeitete er in der Diez-Schule, war bis 1875 in Italien, 
dann wieder von 1875 bis 1882 in München, wo er 
1878 heiratete. Im Jahre 1882 und 1883 brachte er 
den Winter in Nervi zu, seit 1884 lebt er in Wien 



CARL FRÖSCHL.. 



29 



Eine sonderbare Fügung des Schicksals will es, 
dass des so kinderfreundlicheu Malers glückliche Ehe 
kinderlos blieb. Da er auch zur Winterszeit im eigenen 
Heim Kinder nicht vermissen wollte, nahm er heuer 
ein hübsches, blondes, armes Waisenkind als Pfleg- 
ling an, was in einem so glatten Lebenslauf immer- 
hin ein Ereignis ist. 



Kind" und zwar hi den amerikanischen illustrirten 
Blättern ebenso wie in den europäischen mit und ohne 
Angabe des Namens. Fröschl liess alles lächelnd 
geschehen, ohne sich um seine Autorrechte jemals zu 
kümmern. 

Ausser diesen Bildern entstanden bis zum Jahre 
1878 nur wenige andere, unter denen „Mädchen mit 



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MutteigUick. Zeichnung von Carl Fröschl. 



Einer Besprechung der Fröschischen Bilder muss 
vorausgeschickt werden, dass vor seinem letzten 
Münchener Aufenthalte nur Weniges entstand, aber 
dass mit diesen Werken Fröschl schon die Grund- 
lage zu seinem Rufe legte. 

Der „Häusliche Zwist" und das „Schreiende 
Kind" sind sehr populär geworden und in unzähli- 
gen Exemplaren vervielfältigt. Wie die Drehorgel 
für den Musiker ein Zeichen der Popularität ist, so 
das Kleingewerbe für den Maler; in Thon, auf Ledei-, 
Papeterien und Holz prangte Fröschls „Schreiendes 



jungen Hunden spielend", ..Dame mit Papagei" und 
einige Illustrationen zu nennen sind. 

Das Jahr 1 S78 ist ein Wendepunkt in Fröschls 
künstlerischer Thätigkeit. Seit damals entstanden: 
„Frühling" (Eigentum des Prof. Urbantschitsch), „In 
der Hängematte" (veröffentlicht von Hanfstängl), 
„Siesta" (in Heliogravüre veröffentlicht von Schuster), 
„Goldene Zeiten" , ein Bilderbuch 1882 bei Ströfer 
erschienen, „Heini von Steyer", 1883 im Verlag von 
Ackermann erschienen, ..In der Klemme" und „Hasen- 
füsse", Pastellbilder, 1884 auf der Berliner Ausstellung 



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Kleine Amazoiie. Zeicliiiung von Carl Fröschl. 



CARL FROSCHL. 



31 



verkauft. Im selben Jahre beteiligte sich Fröschl an 
einer Konkurrenz, welche die Berliner Modewelt für 
ein Titelblatt ausschrieb; er gewann den Preis, aber 
sonderbarerweise wurde die schöne Zeichnung nicht 
für die Titelvignette verwendet. 

Durch Kaulbachs und Lenbachs Versuche in der 
Pastellmalerei angeregt, zeichnete Fröschl einige 
seiner kleinen Neffen und Nichten in Pastell und 
stellte diese Porträts ans. Auf Grund des Erfolges, 
den diese Bildnisse hatten, kam die anmutige Fürstin 
Thurn und Taxis in Fröschls Atelier und Hess sich 
porträtiren. Durch dieses Porträt wurden die höch- 
sten Kreise auf Fröschl aufmerksam. 

Im Jahre 1885 erlitt der Herzog von Sabran 
einen schweren Verlust; sein Sohn, ein schöner fünf- 
jähriger Knabe starb. Fröschl wurde ans Totenbett 
gerufen, um das sterbende Kind zu sehen und zu 
zeichnen. Der schwere Jammer , dessen Zeuge der 
tieffühlende Künstler war, ergriff ihn so sehr, dass 
er selbst erkrankte. 

Fröschl malte den kleinen Herzog am Arm 
seiner Mutter, die ihn mit inniger Liebe ans Herz 
drückt, es war dies der erste Keim zu seinem Ma- 
donnenbilde. Der Herzog war entzückt, Hess das 
Bild noch einmal malen und sich selbst porträtiren. 
Bald darauf berief ihn Se. Kaiserliche Hoheit der 
kunstsinnige Erzherzog Karl Ludwig zu sich in die 
Villa Wartholz und Hess sich, seine erlauchte Gemahlin 
und die Prinzen porträtiren. Nun folgten in rascher 
Folge die Porträts der Erzherzogin Elisabeth, des 
Kronprinzen, der Kronprinzessin, der vier Töchter 
des Erzherzogs Friedrich in Pressburg, der Erzher- 
zogin Maria Theresia von Toskana, des Erzherzogs 
Ferdinand, des Fürsten Auersperg und der beiden 
Prinzessinnen, der Prinzessin Willy Auer.sperg, des 
Fürsten Windischgi-ätz, der Prinzessin Cantacuzene 
(ausgezeichnet mit der goldenen Karl-Ludwigs-Me- 
daille), der Fürstin Schönhurg, der Gräfin Roman 
Potocka, Gräfin Sylva Tarouka, der Komtessen 
Schönborn - Hohenlohe und Schönborn - Schwarzen- 
berg, zweier Kinder des Grafen Rudolf Czernin, der 
Komtesse Larisch, Gräfin Geraldine Palffy, Gräfin 
Lamberg, Gräfin Weissenwolf, Baronin und Baronesse 
Stummer, Baronin Deresenyi, der drei Töchter der 
Baronin Hohenbruck, der Kinder des Baron Roth- 



schild, der Frau Gomperz-Bettelheim, Fräulein Mar- 
bach, des Herrn und der Frau Frank, Frau Marx, 
Frau Tilgner, der Frau und des Sohnes Miethke's 
und einer Tochter des Malers Darnaut und andere. 

Neben dieser Thätigkeit fand Fröschl auch Zeit, 
Illustrationen zu zeichnen, von denen er einige für 
das vom Kronprinzen herausgegebene Werk lieferte. 

Anfangs waren Fröschls Pastellporträts ganz 
im Fahrwasser der Kaulbachschen und Lenbach- 
schen Porträts; allmählicli arbeitete er sich aber zu 
voller Selbständigkeit heraus; seine Bilder bewahren 
die volle Frische einer Skizze, sind aber durchge- 
bildet wie Miniaturen; die Behandlung wählt Fröschl 
sehr verständnisvoll immer so, dass dieselbe dem 
Typus, der dargestellt werden soll, angepasst ist 
flott und rauh, in energischen Strichen sind die 
Männerj)orträts gezeichnet, durchgeistigt und edel 
die Frauenbildnisse, fein und zart die prächtigen 
Kinderporträts durchgebildet. Nie ist die Farbe 
konventionell; wie Fröschl die Ähnlichkeit der Züge 
trefflich erfasst und wiedergiebt, so die charakteri- 
stische Farbe jedes Individuums: ein Voi'zug, dessen 
sich die besten Porträtisten selten rühmen können. 
Auffallend im Katalog der Fröschlscheu Porträts ist 
die grosse Zahl der Frauenbildnisse; die vornehmen 
Bräute lieben es, zur Erinnerung an die Mädchen- 
herrlichkeit sich vor der Hochzeit bei Fröschl por- 
trätiren zu lassen, denn er ist ein Frauenlob mit 
dem Stift, er weiss das Liebe und Schöne in jedem 
Mädchenangesicht wiederzugeben. 

Durch die so vielseitigen Anforderungen als Por- 
trätmaler in Anspruch genommen, kommt er selten 
mehr dazu, ein anderes Bild zu malen; um so mehr 
überrascht war man, als Fröschl auf der Wiener 
Jubiläumsausstellung mit einer „Madonna" auftrat, die 
grossen Beifall erntete und durch die silberne Me- 
daille ausgezeichnet wurde. Fröschl findet bei seinen 
Schilderungen des Kinderlebens die mannigfaltigsten 
Töne und Ausdrucksweisen, aber zu so tiefgefühlten 
und mächtigen Tönen, wie in der „Madonna", hat 
er sich früher nie aufgeschwungen. Es ist das hohe 
Lied der Mutterliebe, welches Fröschl so sehr erhob, 
dass mau in dem Bilde kaum mehr den heiteren 

Genrenialer erkennt. 

ISIDDI! KRSX.IA VI. 



BILDER AUS SALZBURG. 



MIT ILLUSTRATIONEN. 
(ScMuss.) 





ARCUS SITTICHS suchte jede 
Erinnerung an seinen Vorgänger 
W' zu verwischen und kümmerte 
sich auch nicht um den begonne- 
neu Dombau, der in den Wirren 
der letzten Zeit liegen geblieben 
war. Sitticus wird von den Chronisten als sehr 
„fromm und andächtig" geschildert, hatte aber bei 
seinem Regierungsantritte denn doch nichts Eiligeres 
zu thun, als sich das Lust- 
schloss Hellbrunn mit seinen 
Wasserkünsten zu bauen. 

Endlich aber musste der 
Dombau wieder aufgenommen 
werden, aber nicht nach Wolf 
Dietrichs Ideen mit Scaniozzi's 
Grundriss, sondern nach dem 
in viel bescheidenei'en Dimen- 
sionen gehaltenen Plane des 
Santino Solari. Solari war zu 
Verna unweit des Luganersees 
geboren und stand im dreissig- 
sten Lebensjahre, als er zum 
Bau des Domes berufen wurde. 
Sein Entwurf zeigt wohl mit 
dem Prospekt Scamozzi's einige 
Ähnlichkeit, ist jedoch durch- 
weg eine selbständige Arbeit. 
Solari war aus guter Schule, 
jedoch mehr praktisch tüchtig, 
als dass er sich mit der Genia- 
lität eines Scamozzi hätte mes- 
sen können. Der Bau wurde 
unter Sitticus und Paris Lodron 
vierzehn Jahre hindurch rüstig 
fortgeführt und der Hauptsache 
nach vollendet. Am Rupertustage 1628 wurde unter 
ausserordentlichem Gepränge die Weihe vollzogen. 



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Salzburg. Kolossalgrupi)e aus dem Mirabellgavteu 



Der päpstliche Kapellmeister von St. Peter zu Rom, 
Orazio Benevoli, hatte zu dieser Feier eigens eine 
Messe komponirt, deren Originalpartitur sich noch 
im Besitze de.s städtischen Museums befindet. 

Scamozzi's Zeichnungen waren verschollen; erst 
in jüngster Zeit ist es gelungen, den Originalgrund- 
riss des Venezianer Meisters wieder zu entdecken \ind 
sein Verhältnis zu Solari's Plan festzustellen. Der- 
selbe ist im Besitze des Herrn Lorenz Urbani in 
Venedig, welcher auch Kopien 
des Durchschnittes und Auf- 
risses bewahrt. Scamozzi's 
Grundriss ist eiüe grossartige, 
bis ins kleinste Detail tief 
durchdachte Komposition, bei 
der ohne Frage der Geist Bra- 
mante's Pate gestanden hat. 
Vergleichen wir das Werk mit 
dem St. Petersdom, so finden 
wir alle Hauptdispositionen 
wieder; auch die Einschaltung 
des Viereckes in die Kreuzung 
der Schiffe ist ähnlich durch- 
geführt, nur sind bei Scamozzi 
Apsis und Kreuzarme halbrund 
abgeschlossen und das Lang- 
liaus im Verhältnis länger. In 
der Durchschneidung des drei- 
schiffigen Lang- und Quer- 
hauses erhebt sich, von Pen- 
di'utifs getragen, die gewaltige 
Kuppel. Fast in gleichen Di- 
mensionen, wie bei St. Peter, 
legt sich an der Südseite vor 
die Eingänge eine grossartige 
Vorlialle. In konstruktiver Be- 
ziehung hätte Scamozzi's Dom die Peterskirche noch 
übertroffen , denn sowohl die lichten Räume als 



BILDER AUS SALZBURG. 



33 




Vestibül im Mirabellschloss. 

auch die Mauer- und Pfeilermassen sind mit seltener 
Kühnheit angelegt. Das Ganze macht den Eindruck 
des Grossen und Reichen, verbunden mit streng logi- 
scher und mathematischer Folgerichtigkeit. 

Weit schlichter und in den Dimensionen um 
mehr als ein Dritteil kleiner ist Solaris Plan. r)er 
Meister Hess, obschon aluch ihm der St. Petersdom 
vorschwebte, vor allem die Vierung um den Kuppel- 
bau fort imd fügte zum dreischiffigeu Langhaus ein 
einschiffiges Querhaus; ferner wurde die Vorhalle in 
eine Arkadeuhalle verwandelt, an welche sich beider- 
seits die Türme anlegen. Die architektonische Ent- 
wicklung des Inneren gründet sich auf die gekup- 
pelten Pilaster, die, in römischer Ordnung reich 

Zeitschrift fiir bildeiiile Kunst. N. F. I. 



ausgestattet, die Gurtbogen der Gewölbe tragen. Die 
Tounenfelder der Wölbungen sind mit reichster Stuck- 
arbeit ausgefüllt; alle schwebenden Massen sind mit 
organisch entwickelter jilastischer Ornamentik über- 
kleidet. Die Dekoration ist reich , aber nirgends 
aufdringlich. Das Auge durchmisst den weiten luf- 
tigen Raum mit dem Gefühle hoher Befriedigung. 
Die Klarheit und das Ebeumass der Verhältnisse 
geben der Erscheinung die ruhige Grösse und Maje- 
stät eines wahren Gotteshauses. Es findet sich kein 
Prunk von Gold und Silber^ kein Schimmer von 
bunten Farben; hier wirken lediglich die Formen, 
die durch die zarte Beleuchtung eine wohlthueude 
Vergeistigung erfahren. 

Im Stil steht der Salzburger Dom schon hart 
an der Neige der Renaissance. Namentlich kokettirt 
die Stuckornamentik der Querschiäe und des Chores 
schon stark mit dem Barock. Im ganzen aber er- 
geht sich das Stucco, dieses erst in der Renaissance 
geschaffene Ziermaterial, in diesem Dom in Bezug 
auf technische Vollendung in wahren Meister- 
leistungen. 



34 



BILDER AUS SALZBURG. 



Eigentümliche Gegensätze begegnen sicli im 
Ausseren des ]3iiuwerkes. Die Fassade, aus warm- 
tönigem Marmor, ist gross und reich gegliedert und 
verbindet in glücklicher Weise das Vornehme und 
zugleich Lebensvolle des Stiles mit dem ernsten 

Charakter der 
Kirche; dagegen 
sind die beiden 
Lang- und Chor- 
seiten ohne jede 
architektonische 
Entwicklung in 
grobem Sand- 
stein hergestellt 

und nur von 
nüchtern umklei- 
deten rechtecki- 
gen Fenstern 
unterbrochen. 
Es liegt etvras 

Trotziges, 
Festungsartiges 
in diesen grauen 
Quaderflächen, in 
denen jedoch die 
Grunddispositio- 
nen des Baues 

markant zum 
Ausdrucke ge- 
langen. 

Ruhte wäh- 
rend des Dom- 
baues, der in der 
denkbar ungüns- 
tigsten Zeit, wäh- 
rend der des 
dreissigjährigen 
Krieges , durch 

Paris Lodron 
seiner Vollen- 
dung zugeführt wurde , 
kirchliche Bauthätigkeit , so kam zu Ende des 
17. Jahrhunderts ein geradezu stürmischer Baueifer 
über die Stadt und auch über das Land Salzburg. 
Doch zuvor noch einige Worte über Lodron. 
Er wird in den Chroniken mit Recht der Vater seines 
Volkes genannt, und die schwere Zeit, in die seine 
Hegentschaft fiel, gab ihm reichlichst Gelegenheit, 
ein solcher für sein bedrängtes Land zu sein. Deutsch- 
land blutete unter den Wunden des unheilvollen 
Krieges, und wiederholt schlug dessen Brandung bis 




Salzburg. Sigmundsthor, 
ziemlich die übrisje 



au das Salzburger Gebiet. Lodi'on wus.ste jedoch 
durch vortreffliche IVIassregeln kluger Politik das 
Unheil von der Stadt fern zu halten; ja seine Resi- 
denz wurde zu einer waren Helfenburg, einer Frei- 
stätte für Hunderte von Flüchtlingen aus Bayern, 

Schwaben und 
Franken, welche 
durch die einfal- 
lenden Schweden 
aus ihrer Heimat 
verscheucht wa- 
ren. Lodron war 
der eigentliche 
Befestiger von 

Salzbui-g und 
noch heute findet 

der Lustwan- 
delnde an den 
Thorbogeu des 

Mönchsberges, 
der Festung, am 
Kapuzinerberg, 
überall, wo zwi- 
sclien heiterem 
Grün die ernsten 
Reste von Basti- 
onen und Tür- 
men hervor- 
blicken, auf Mar- 
mortafeln den 
Namen des Er- 
bauers: Paris Lo- 
dron. 

Wir wenden 
uns zu der oben 

augedeuteten 
glanzvollen Bau- 
epoche unter dem 

Erbischof Jo- 
hann Ernst Thun 
(1G87 — 1709) und dem allmählichen Ausklingen 
des Barockstiles unter seinen Nachfolgern. In dem 
mit Kirchen reichlichst versehenen Salzburg ent- 
stehen in kurzer Frist nicht weniger als sechs neue 
Gotteshäuser, darunter die Erhardspfarrkirche im 
Nonuthal, die Universitäts- oder Kollegienkirche, 
die Priesterhauskirche, die Ursuliner Klosterkirche 
und die Johanuisspitalkirche. Sie gehören ganz 
dem Barockstil an, und mag man auch über 
den Kunstwert des einen oder des anderen Baues 
rechten, mit ihren hochaufragenden Kuppeln und 



l-f- 



BILDER AUS SALZBURG. 



35 



ihren Türmen sind sie dem Stadtbilde mulerisehe 
Zierden. Es sind durchweg Central bauten mit starker 
Höhenentwickhmg. Als ihr Urheber wird Fischer 
von Eiiarli genannt, dessen Hauptwerk in Salzburg, 
die „Kollegienkirche", im Auftrage des Erzbischofs 
Johann Ernst von 169G— 1707 ausgeführt wurde. 
Die Kirche dürfte 
die grösste An- 
lage dieser Art 
auf deutschem 
Boden sein; sie 
ragt als oblonger 
Centralbau, im 
Äusseren viel- 
fach gegliedert, 

in gewaltiger 
Masse aus der 
Stadt hervor und 
verleugnet in ih- 
rer schön ge- 
zeichneten Kup- 
pel nicht den 
Baumeister der 
Wiener Carls- 
kirche, wenn- 
gleich sie in der 
einheitlich 
künstlerischen 
Durchbildung 
diesem Werke 
nachsteht. Über- 
raschend ist die 
starke Höheuent- 
wicklung, welche 
zu den Breiten- 
dimensionen in 
keinem Verhält- 
nisse steht. Die 

Fassade, ein 
Prachtstück des 

Barockstiles, 

baut sich mit ausgebogenem Portale in drei Ge- 
schossen auf; zwei viereckige Türmchen mit eigen- 
tümlich zopfigem Abschluss flankiren den immerhin 
mächtig wirkenden Giebelbau, in dessen Schmuck 
der römische Pilaster die Hauptrolle .spielt. Das 
Innere ist von feierlichem Eindruck, wozu die ganz 
ausserordentliche Höhe das Ihre beiträgt. Auch hier 
bewirken die Pilaster die dekorative Gliederung, 
welche im ganzen edel und harmonisch durchgeführt 
ist. Nur ist alles kahl und schmucklos; die mäch- 




Salzburg. Stiege im Mirabellschlos: 



tigen Wände und Gewölbeflächen rufen nach Farbe, 
nach Bildern! Diese Unfertigkeit des Gebäudes steht 
mit den gewaltigen Dimensionen, in welchen es der 
hochsinnige Bauherr aufführen Hess, in rätselhaftem 
Widerspruch. 

Ward dem Stadtbild, dem äusseren Salzburg, vor- 
nehmlich durch 
die Kirchenbau- 
teu sein archi- 
tektonischer 
Schmuck verlie- 
hen, so erhielten 
durch eine Reihe 
prächtiger Pro- 
fanbauten die 
öffentlichen 
Plätze und 
Strassen des in- 
neren Salzburg 

ihr originelles 
und der Zeit ent- 
sprechendes Ge- 
präge. Es zeigt 
sich darin mehr 
die intime, welt- 
liche Seite der 
fürstlichen Bau- 
herren, die sich 
in der Verschö- 
nerung ihrer Me- 
tropole gerne 
selbst öffentliche 
Denkmale setz- 
ten. Interessant 
ist bei all diesen 

Monumenten 
wieder die Erin- 
nerung an den 
Süden, au Italien, 
woher die 
Bischofstadt 

nicht nur ihre baulichen Impulse, sondern grössten- 
teils auch ihre Künstler bezog. Freilich ist es durch- 
weg das ausgesprochene Barocco, die berauschte 
Renaissance; die Formen taumeln daher im Jubel 
der ungezügelten Freiheit. 

Ein prächtiges Dekorationsstück erhielt schon 
unter Erzbischof Max Gandolph der von den Palästen 
Wolf Dietrichs und dem Dom umrahmte Residenz- 
platz in dem monumentalen Brunnen, welchen der 
Italiener Dario um 16S0 vollendete. Das aus Unters- 



3() 



BILDER AUS SALZBURG. 









l^iKa-r-.. 



l)i'rger Marmor errichtete Werk ist originell ge- 
ilacht, voll Leben imd Frisclie. Ueutscliland dürfte 
kaum einen zweiten Brunnen von gleich malerischer 
Wirkung besitzen. Ein Salzburger „Silenliarius" aus 
jrui'r Zeit besingt das Werk in i)omiiösen Versen 
und preist es als - - 

achtes Wunder der 
Welt. Und dass nicht 
allein dem Auge, son- ^ 

dern auch dem Ohr 

am Residenzplatz 
seine Überraschung 
widerfahre, kam Jo- 
hann Ernst 1703 auf , 

den Einfall, vom 
Hofuhrmacher Sau- .^'-'' 

tcr für den Turm am 
„Neubau" ein hol- 
ländisches Glocken- 
spiel anfertigen zu 

lassen, das seine 
Weisen auch heute 
noch dreimal des Ta- 
ges ertönen lässt. 

Das sprudelnde 
Wasser, welches die 
öffentlichen Plätze 
Roms in so hohem 
Grade verschönt, fin- 
den wir auch in 
Salzburg hierfür her- 
beigezogen. So 
treffen wirhinterdem 
Dom die 1732 unter 

dem Erzbischot 
Leopold von Pfaffiu 
ger erbaute „Kapitel- 
schwemme", welche 
als Vorbild der nach- 
mals von N. Salvi zu 
Rom erbauten Fon- 
tana di Trevi gelten 
könnte: ein imposan- 
tes Architekturwerk, an welchem auch die figürlichen 
Beigaben (Neptun und Tritone) von trefflicher Wir- 
kung sind. Der edlen Rossezueht wurde von den 
Salzburger Erzbischöfen von Wolf Dietrich an, der 
zu seinen Reisezügen oft 100 bis 150 Pferde beizog, 
stets eine besondere Pflege zugewendet. Neben den 
grossen, reich ausgestatteten Reitschulen bildeten 

die Schwemmen günstige Motive für architektonische 







l&r 



Salzburg. Die Kapitelschwemme. 



Umrahmungen. So hatte auch Johann Ernst in der 
Nähe des Marstalles schon um 1695 einen solchen 
Bau hergestellt, welcher unter Leop. Ant. Harrach 
weiter verschönt wurde. Das geräumige Bassin ist 
mit einer marmornen, zierlich gehauenen Brüstung 
umgeben und in der 
Mitte dessell)en ragt 
ein Piedestal mit dem 
Marmorbilde eines 
Rossebändigers em- 
por. Dahinter erhebt 
sich als architekto- 
nische Umrahmung 
eine Wand, welche 
durch Pilaster in 
l*'elder geteilt er- 
scheint; dieselben se- 
ilen wohl heute etwas 
kahl und monoton 
aus, mochten aber 
mit ihren einstigen 

Malereien (Pferde 
verschiedener Rasse 
und in der Mitte 
„Der Sturz des Phae- 
ton") ein ungemein 
lebensvolles Bild ge- 
geben haben. 

Unmittelbar hin- 
ter der genannten 
Umfassungswand, 
und früher durch ei- 
nen Thorbogen zu- 
gänglich, erhebt sich 
das gewaltige Stein- 
portal des SiijnnDuh- 
oder Nriitliurt!. In 
grossen Linien steigt 
die architektonische 

Umrahmung des 
131 m langen Tun- 
nels, welcher die 
äussere Landschaft 




rw'w^^ 




mit der Stadt durch den Mönchsberg verbindet, empor. 
Es ist ein monumentales Werk im vollen Sinne des 
Wortes, welches in seiner imposanten malerischen 
Wirkung an den berühmten Tunnel des Agrippa am 
Posilippo bei Neapel erinnert. Es war für diese Zeit 
eine gewaltige technische Leistung. Die sinnvollen 
Worte „Te saxa loquuntur" sind dem Andenken Graf 
Sigismunds von Schrattenbach, dem Erbauer gewidmet. 



BILDER AUS SALZBURG. 



37 



Johann von Hagenaiirr. der hocbtürstliclie Truchsess und 
Hofstatiiar, hat die Ijeiden Portale mit Skulpturen 
geschmückt; an der Stadtseite befindet sich das Me- 
daillonporträt Sigismunds und gegen die Ritten- 
burg die Statue des heil. Sigismund mit verschie- 
denen Trophäen. Den Bau führte der Ingenieur 
Major i: Geyer in zwei Jahren durch. Hand- und 
Pferderobote wurden aufgeboten und selbst die 
„Büsser" (Arrestanten) zur Arbeit herangezogen. 

In wenig Schritten haben wir vom Neuthor aus 
die Höhe von 
Buglreit erstie- 
gen und lassen 
den Blick über 
die Flur nach 
den Bergen hin 
streifen. Im Vor- 
dergrunde erhebt 
sich aus buschi- 
gem Grün ein 
stattliches Ge- 
bäude, nicht so 
.sehr durch seine 
Architektur 
glänzend, als 
vielmehr durch 

seine schönen 
Verhältnisse zur 
Landschaft und 
seine malerische 
Lage am spie- 
gelnden Weiher. 
Es ist die „Leo- 
l)oldskrone", wie 
das Schloss von 




Salzburg. Die 

seinem Erbauer, dem Erzbischofe Leopold (1739) ge- 
nannt wurde. Hübner, der Salzburger Chronist, 
schildert noch die fürstliche Pracht, mit welcher 
das Schloss seiner Zeit ausgestattet war, die kost- 
baren Möbel, die Malereien, die Marmor- und Stuck- 
werke und die Gemäldegalerie, die 1175 Bilder 
zählte, darunter die interessante Galerie von Maler- 
porträts u. a. m. Alles dieses ist nach allen Wind- 
richtungen zerstreut worden; nur das enkaustische 
Kabinet wird in Wien bewahrt, und in das Salzburger 
Museum retteten sich einige Gemälde. 

Wir kehren nach der Stadt zurück, um noch 
dem geschichtlich und kunstgeschiclitlich interessan- 
ten Sclikhs-ü MinthcU einen kurzen Besuch abzustatten. 
Stainhauser, der geheime Archivdirektor Wolf Diet- 
richs, erzählt, dass der „hochwürdigste Fürst und 



Herr im Jahre 1606 am Gestade der Salzach ein 
schönes, gross, geviert, herrliches Gepeü wie ain 
Schlooss oder Vestung, mit ainen wohlgezierten, von 
Plech gedeckten, glanzeten Thurm und inwendig, 
auch aussen herumb, mit scliönen Gärten von allerlei 
Kreutlwerch, Paumgewäclis und Früchten geziert und 
versehen, pauen und aufrichten lassen, und solchen 
Plan Altenau genennt. In solchen schönen Gepeü 
hat der Erzbischof iind die Seinigen sich oftmalen 
belustiget und vielmals, sowol morgens als abents 

die Malzeiten 
daselbst genos- 
sen und allerlei 
kurzweil darin 
getrieben." Das 
Schloss war für 
Salome Alt, die 
schöne Salzbur- 
gerin bestimmt, 
in welche sich 
Wolf schon als 
Domherr verliebt 
hatte, und mit 
der er bis zu sei- 
ner Flucht in 
offenerEhe lebte. 
Salome stammte 
aus einem alten 
adeligen Patri- 
ziergeselilechte 
Salzburgs , wel- 
ches durch Jahr- 
hunderte hin- 
durch in der 
Stadt hohes An- 
begnadigte" Salome 



-0Bk 



Ü' 



KoUegienkirohe. 

sehen genoss. Wolf Dietrich 
und deren Kinder mit den Adelsfreiheiten der erz- 
stiftlicheu Landsassen und erhob das neuerbaute 
Schloss im Burgfried zu einem Adelssitz. Sie führte 
fortan den Namen Salome von Altenau. Salome war 
nicht nur eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, son- 
dern besass auch die vortrefflichsten Geisteseigen- 
schaften, mit denen sie nicht nur das Herz des 
Bischofs, sondern aller, die sie kannten, fesselte. Mit 
dem Sturze des Erzbischofs waren Salome's glück- 
liche Stunden zu Ende. Auch .sie wurde auf der 
Flucht gefangen, und musste ihre mitgenommenen 
Schätze ausfolgen. Man nahm ihr so ziemlich alles 
wieder, was sie von Wolf erhalten hatte, und ihre 
anderweitigen Liegenschaften musste sie, nach dem 
im geheimen Archiv zu Wien befindlichen Verzicht- 



:$s 



l)KI{ AUS SAI/ZHURG. 



brief, dein Domkuiiitcl /.uriitkerstatteu. Salome starb 
in Wels; aber keiu Stein, kein Epitaph bezeichnet 
die Stelle, wo sie begraben liegt, so sehr sich auch 
die Forschung darum bemüht hat. 

Wir sind wider WiUen ins Romantische hiueiu- 
tj;eraten; doch wer würde nicht dazu verfuhrt, in den 
schattigen Laubgängen des herrlichen Gartens, der 
heute noch das Gebäude umschliesst, der Vergangen- 
heit zu gedenken'? Der Bau Wolf Dietrichs ist 
(Uin-li die verschiedenen Umgestaltungen, welche 
die Erzbischöfe Paris Lodron, Guidobald und nament- 
lich Ernst Thuu und Harrach mit demselben vor- 
genommen haben, so ziemlich verschwunden und 
auch die Gartenanlage hat mannigfache Verände- 
rungen erfahren. Mit dem letzten Brand im Jahre 
1S18 und der Restauration durch Kaiser Franz I. 
liat das Hauptgebäude ebenfalls manches aus seiner 
älteren Zeit eingeljüsst. Schon Marcus Sitticus hatte, 
um dem Bau die Erinnerung an den Namen Alt zu 
nehmen, Altenau in Mirabella verwandelt. Der Gar- 
ten, im französischen Geschmack angelegt, bietet mit 
seinem architektonischen und plastischen Schmuck, 
seinen Blumen- und Wiesenteppichen, den schönen 
Laubgängen und Terrassen eine Fülle lieblicher und 
malerischer Motive. Er wurde grösstenteils nach den 
Plänen des erzbischöflichen Garteninspektors Ant. 
Dannreiter, der sich auch als trefflicher Architektur- 
zeichuer in Ansichten von Salzburg verewigt hat, 
angelegt, und erhielt seine bildnerischen Zierden durch 
Joh. Ernst Thun und F. Ant. Harrach um die Wende 
des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Balustraden mit 
den Blumeuvasen im Parterre verraten übrigens den 
Erbauer der herrlichen Stiege des Palastes: „Ijucca 
de Hikkhrandt." 

Man wird mit diesen Gartenskulpturen, welche 
dtirchweg mythologische Scenen oder Eiuzeltypen 
der Götterwelt darstellen, nicht strenge ins Gericht 
gehen dürfen; sie sind im Detail oft recht barbarisch, 
aber in der Totalwirkung prächtige Dekorations- 
stücke. Die schöne Balusterumfriedung des Blumen- 
parterres mit ihren geistvoll gedachten Vasen, die 
immer in neuen Motiven das Auge ergötzen, bilden 
gleichsam die Vorbereitung zu dem Werke Ililde- 
hrnndls, der erwähnten Prachtstiege. Als Erzbischof 
llarrach den vollständigen Umbau des Schlosses 
vornahm, berief er hierzu den damals hochberühmten 
,. Kayserlich en Ingenieur", der eben sein vornehmstes 
Werk, das Belvedei'e zu Wien, der Vollendung ent- 
gegen führte. Hildebrandt war 1660 zu Genua ge- 
boren, stand also im sechzigsten Leliensjahre. Er 
und Fischer von Erlach waren z\ir Zeit für Wien 



und ()sterreich die tonangebenden Architekten. Der 
Meister lieferte für den ganzen Bau die „Russe" 
und nahm auch auf das Technische bei der Aus- 
führung entscheidenden Einfluss. Da er jedoch in 
Wien weilte, gingen alle Ordres und Anfragen schrift- 
licli. Diese Korrespondenz, welche in Salzburg von 
dem erzbischöflichen Hofgärtner Friedr. Koch ge- 
führt wurde, ist vollständig erhalten und befindet 
sich im Besitze der Bibliothek des städtischen Mu- 
seums; sie bietet einen interessanten Einblick in die 
damaligen Bau- und Kunstverhältnisse überhaupt, 
sowie speziell in die Thätigkeit Hildebraudts an der 
genannten Stiege, über welche viele Verhandlungen 
gepflogen wurden. Obschon das Werk heute seines 
Gold- und Farbenschmuckes beraubt ist, gehört es 
noch zu dem Schönsten, was das Rokoko in Oster- 
reich uns hinterlassen hat. 

Die Stiege greift in grossen Dimensionen drei- 
armig durch zwei Stockwerke und wird im Inneren 
durch Pfeiler getragen. Die Decke war ehedem aus 
Stucco und enthielt ein grosses Gemälde von Alto- 
inonie, welcher Schmuck jedoch bei dem genannten 
Brande zu Grunde ging. Der Aufljau ist vollständig 
aus Marmor; doch ruht weniger in dem Material 
der Reiz als vielmehr in dem poetisch heiteren Ge- 
danken , der im Ganzen zum Ausdrucke gelangt. 
Das Geländer steigt in anmutig sich verschlingen- 
den Wellen von Pfeiler zu Pfeiler und bietet zu- 
gleich den Kandelabern feste Basen. Auf den Wellen 
der Ornamentik aber gaukelt ein Heer von aller- 
liebsten Genien in allen erdenklichen Stellungen 
empor, den Hinansteigenden mit ausgelassener Freude 
begleitend. Voll Lebenslust und Munterkeit treiben 
sie ihre harmlosen Spiele, das Auge durch die Schön- 
heit der Form und Anmut der Bewegung ergötzend. 
Sie sind durchweg vorzüglich gearbeitet und wohl 
würdig, auf den Namen Raphael Donner zurückgeführt 
zu werden, obschon die Akten hierfür keinen An- 
haltspunkt geben. Denken wir uns diese Pracht- 
stiege an der Wandseite mit üppigem Pflanzenwerk 
ausgestattet, die Balustrade mit vergoldeten Kan- 
delabern geschmückt und die Stufen mit kostbaren 
Teppichen belegt, so baut sich uns ein gar wunder- 
sames Bild des dekorativen Luxus jener Zeit auf 

Der unglückliche Wolf Dietrich sass als Ge- 
fangener auf der Veste Hohensalzburg , als Marcus 
Sitticus in unbeschreiblicher Hast (in 15 Monaten) 
am AValdemsberg das Liistschloss Hellbrunn mit seinen 
Wasservexii'spielen bauen Hess. Es ist ein herrlicher 
Punkt inmitten des malerischen Gebirgskessels, so 
reich von der Natur mit Schönheiten bedacht, dass 



BILDER AUS SALZBURG. 



39 



es keiner grossen iMittel bedurfte, liier ein fürst- 
liches Sommerheim zu schaffen. Mit wonnigem Be- 
hagen verweilt das Auge auf den von Weihern und 
Springquellen anmutig unterbrochenen Blumenflächen 
des Ziergartens; lauschige Schattengänge mit male- 
rischen Durchblicken, stille Grotten, herrliche Fern- 
sichten wechseln in immer neuen Bildern, — und 
dahinter das im Äther verklärte Bergpanorama! 

Der obere Teil des Parkes enthält, im Gegen- 
satze zu den Lieblichkeiten des Parterres, in dem 
„steinernen Theater" ein Naturschaustück, welches in 
seiner Grossartigkeit mit den Latomien des alten 
Syrakus verglichen werden könnte. — Das Heil- 
brunner Schloss wurde von dem Erzbischof als wahres 
Raritätenkabinet eingerichtet. Kleine Überraschungen 
und Absonderlichkeiten begegnen uns auf Schritt und 
Tritt, wozu namentlich das sprudelnde Wasser in Fülle 
Gelegenheit bot. Das Künstliche ersetzte das Künstle- 
rische, obschon es an Statuen und Gruppen nicht man- 
gelt; sie zeigen aber durchweg die handwerksmässige 
Barockbildnerei, vielleicht mit Ausnahme der Orpheus- 
gruppe, in der die Eurydice das Bild der schönen 
Frau von Mabon vorstellen soll , einer Gefeierten, 
die wir auch in den Fresken des Mnscagni im Schlosse 
wiederfinden. Mascagni wurde von Sitticus be- 
rufen , den Saal und Pavillon des Heilbrunner 
Schlosses mit „chevaleresken Konversationsgemälden" 
zu schmücken. Er lebte in Florenz, war Serviten- 
mönch und galt als der beste Schüler des Veronesers 
Jakoh Ligozxi. Mascagni vollführte in Salzburg (mit 
seinen Schülern Solari junior und Franz fon Siena) 
nicht nur diesen Auftrag, sondern malte in der Folge 
auch die Bilder im Dom, lieferte die Zeichnungen 
zu den Festtapeten daselbst und schmückte das Rat- 
haus und die städtische Trinkstube mit Fresken. 
Die letzteren Malereien gingen bald zu Grunde; doch 
waren die Zeichnungen hiervon bis zum Jahre lS3ß 
im Schlosse Leopoldskron vorhanden. Um diese 
Zeit verschwanden sie mit vielen anderen. 

Die Heilbrunner Fresken wurden erst in jüngster 
Zeit auf Befehl des Kaisers Franz Joseph durch den 
bayerischen Galeriekonservator Eigner vollständig 
restaurirt und prangen nun wieder in ihrer vollen 
Farbenfrische. Es sind Phantasiearchitekturen im 



italienischen Geschmacke mit Galerien, Balkoneu und 
weitläufigen Perspektiven, in denen sich in glücklich 
malerischer Anordnung vornehme Staffagen bewegen. 
Besonders prunkvoll ist der an den Hauptsaal an- 
stossende Pavillon ausgestattet, an dessen reichver- 
goldeten, mit Laubwerk umwundenen Säulen zier- 
liche Genien emporklettern und schöne Frauengestalten 
die Prospekte beleben. 

Haben die Gartenkünstler von Mirabell und Ilell- 
brunu es in vorzüglicher Weise verstanden, liebliche 
Bilder der Gartenarchitektur mit kleinem Gesichts- 
kreis zu schaffen, und das Künstliche der Natur in 
augenehmen Wechsel mit Werken der Kunst selbst 
zu bringen, so ist dem an Naturschönheiten so be- 
gnadeten Salzburg schliesslich in dem Furl,- von Aigen 
ein wahres Diorama von Naturbildern gegeben, 
welche an malerischem Wohllaut ihresgleichen 
suchen. Der Aigener Park ist ein Naturpark im 
vollem Sinne des Wortes, aber die Kunst hat das 
Ihre dabei gethan, dass alle Wege und Wandelpfade 
nach Punkten geführt sind, welche in ihren Aus- 
sichten stimmungsvolle Landschaftsbilder geben. Das 
ganze grosse Bergpanorama ist in poesie volle Ve- 
duten aufgelöst Bald ist es der mächtige Göll, bald 
sind es die schönen Formen des Untersberges, des 
Watzmanns schneeige Zinken oder die im Abend- 
duft verklärten Wände des Tännengebirges , welche 
von Bäumen malerisch umrahmt, in den Gesichts- 
kreis treten. Und je weiter wir die schattigen Wege 
emporsteigen, desto reicher und mannigfacher wird 
der Mittelgrund, der Garten des Salzachthales. Es 
ist ein wunderbarer Farbenzauher in diesem Bilde, 
wenn die rötlichen Strahlen der scheidenden Sonne 
über die Berge streifen, die hohen Felsenköpfe in 
zarter, durchsichtiger Plastik erglühen und das dunkle 
Gebüsch in der Tiefe sich mit goldenen Rändern 
schmückt. Im grauen Schattenriss aber erhebt sich 
aus der in der Fülle des Lichtes verschwimmenden 
Ebene die Feste Hohensalzburg mit ihren Zinnen 
und Türmen, und im Grunde tauchen allmählich die 
Paläste und Kirchenkuppelu der Stadt empor. Es 
ist Abend geworden, und das Glockenspiel sendet 
sein j.Ave Maria" in die Ferne. 

./. LAKOL. 




LA l 



Wamlgiebelscliinuck aus dein naturbistorischeu Hofmuseum in Wien. 



DRESDENER BURGKMAIR-STUDIEN. 

Von KARL WOEL'MAXX. 




AS köuigliche Kupf'ersticlikabinet 
vM Dresden besitzt einiges noch 
wenig beachtete, noch gar nicht • 
ausgebeutete Material zur Kenntnis 
flan-s Biirf/kmaim und seines Anteils 
am „Triumph Kaiser Maximilians 1." 
Dieses Material besteht aus der aus Burgkmair's 
eigenem Besitze stammenden, von ihm selbst als 
Richtschnur für seine Zeichnungen benutzten Ab- 
schrift des vom Kaiser MaxhniUan seinem Ge- 
heimschreiber Marx Tixiixsaurwcin mündlich ange- 
gebenen, von diesem niedergeschriebenen Entwurfs 
des Triumplizuges und aus 02 alten Abdrücken von 
Holzschnitten dieses Werkes, welche als ebenfalls 
aus Burgkmairs eigenem Besitze stammende Probe- 
drucke angesehen werden müssen, also eine noch 
ältere Abdrncksgattung darstellen als die von Sches- 
t('<J ') (S- 180) mit I bezeichnete Ausgabe von 152G. 
Kunstgeschichtlich interessant sind die mit Tinte 
geschriebenen, zum Teil sicher von Burgkmair's 
eigener Hand herrührenden Bemerkungen, welche, 



1) Franx. Schcstag , Kaiser Maximilian I. Triumph. 
lui ,,Jahi-buch der kunsthistorischen Sammhingen des Aller- 
höchsten Kaiserhauses" I, Wien 1883, S, 154 — 181. — Hierzu 
die Ausgabe des Holzschnittwerkes in 137 Tafeln. Wien 
1883— 1SS4. 



wie unsere Abschrift, so auch einige dieser Blätter 
enthalten; am wichtigsten aber ist es, dass sich 
unter ihnen ein bisher weder besprochenes noch ver- 
vielfältigtes Blatt Burgkmairs nach einem der ver- 
lorenen Holzstöcke befindet. Dieses bereichert also 
nicht nur die bisher bekannte Folge des Triumphs, 
sondern auch das Werk Burgkmairs. Der neben- 
stehende Lichtdruck giebt es , entsprechend ver- 
kleinert, wieder. Das Original stimmt natürlich an 
Gestalt und Grösse genau mit den übrigen Blättern 
ülierein. 

Erinnern wir uns zunächst kurz des Herganges 
bei der Entstehung des Triumphes, wie er schon von 
Bartsch.-) festgestellt, von Schcstag (a. a. 0.) und von 
Muther ^) angenommen worden! Der Kaiser selbst 
hatte den Entwurf zu seinem „Triumphwagen" er- 
sonnen. Sein Geheimschreiber Marx Treitzsaurwein 



2) Le Triomiihe de Tempereur Maximilien (Abdruck der 
135 erhaltenen Holzstöcke und der Beschreibung Marx 
Trcitxsavrwenis) etc. Imprime ä "Vienne chez Matth. Andrö 
Schmidt. 1796. {Bartseh nennt seinen Namen in dieser Aus- 
gabe nicht, doch ist es bekannt, dass er ihr Urheber ist). 

3) R. Uliifhcr , Chronologisches Verzeichnis der Werke 
Hans Burgkmairs des älteren 1473 — 1531. Im „Repertorium 
für Kunstwissenschaft" IX, 1886, S. 410 — 448, insbesondere 
S. 428. 




's .§ 



Zeitschrift für bildeiule Knust. N. F. 1. 



42 



DRESDENER BURGKMAIR STUDIEN. 



schrieb ihn nieder. Die Urschrift dieses Entwurfs, 
kalligraphisch mit roten Anfängen hübsch uml reich 
ausgestattet, befindet sich unter N. 2835 in der K. K. 
Hofljibliothek zu Wien, Veröffentlicht ist er zuerst 
1796 durch Ihrtsch (a. a. 0.), dann 1883 durch Sches- 
tiifi (a. a. 0.). Nach diesem schrif'tliclien Entwurf 
wurde der Zug zunächst in Miniaturgemäldeu aus- 
geführt, welche sich zum Teil im Original, voll- 
ständig in Kopien ebenfalls in der Wiener Hofbiblio- 
thek erhalten haben. Die Herstellung dieser Arbeiten 
nahm die Jahre 1512— l.")ll) in Anspruch. Darauf 
wurde beschlossen, auf Grundlage des Entwurfs und 
der Miniaturen ein grosses Holzschnittwerk anfertigen 
zu lassen. Die Zeichnungen und ihr Schnitt wurden 
verschiedeneu Händen anvertraut. Der Löwenanteil 
fiel Hans Burgkmair in Augsburg zu. Ihm, wie den 
übrigen Meistern, welche die Ausführung übernom- 
men, musste natürlich eine Abschrift des Entwurfs 
und mussten die Miniaturen zu den ihm übertragenen 
Kompositionen übersandt werden. Doch hielten die 
Künstler, hielt auch Burgkmaii-, sich keineswegs 
ängstlich an die Miniaturen, dafür um so strenger 
an den vom Kaiser selbst herrührenden schriftlichen 
Entwurf Durch den Tod des Kaisers im Jahre 1519 
wurde die Arbeit unterbrochen. Erst am I.März 152G 
gab Kaiser Fcrdhuiud I. den Auftrag, die Holzstöcke, 
soweit sie fertig geworden und wieder aufgefunden 
waren, sammeln und abdrucken zu lassen. 

I. Die Dresdener Abschrift des Entwurfs. 
Die obere Hälfte der Anssenseite des graublauen 
Papierumschlages unserer Abschrift zeigt das flüchtig 
mit der Feder gezeichnete österreichische Wappen, 
links von demselben die römischen Ziffern MD, rechts 
von ihm XVI, unter ihm Burgkmairs Namens- 
Initialen H. B. Auf der unteren Hälfte des Um- 
schlages steht ^ ISr schreihing Kay sx,: Maximil. Triuiiiph- 
rragcns.'^ Auf der Innenseite des inneren, weissen 
Umschlagblattes steht: 
//. Jliiri/J.nim'r. iiirilci: i/iiijrfiiiii/eii l'illi iidi 7. AhriUs. 



M ß.. 



sie der Inschrift ,, Hanns Burgkmair, alles Konterfei 
lölG- auf des Meistei-s Tierstudienblatt Nr. 694 im 
Berliner Kupferstichkabinet. Zusammengestellt ist 
unsere Inschrift mit anderen Schriftzügen Burgk- 
mairs schon durch Ernst Foerster in Eggers' „Deut- 
schem Kunstblatt" (III. 1852, Tafel neben S. 384), 
wo unser Manuskript übrigens nur beiläufig in an- 
derem Zusammenhang besprochen wird; imd zwar 
i.st hier gerade unsere Handschrift als besonders 
beweiskräftig für die übrigen hingestellt. In der 
That ist es auch von vornherein undenkbar, dass 
diese Inschrift, welche beweist, dass das Manuskript 
in Burgkmairs Besitz gewesen ist und dass dieser 
die Ausführung der Zeichnungen nach demselben am 
7. Apiril 1516 begonnen hat, von einer anderen Hand 
als seiner eigenen herrühren sollte. Die Festsetzung 
dieses Datums aber, welches Bartsch, Schestag und 
Muther nicht bekannt geworden, ist eins der Ergeb- 
nisse, die sich aus dem Dresdener Material ableiten 
lassen. Das von Foerster (a. a. 0.) nicht mit publi- 
zirte eigenartige, durch den Umriss eines von beiden 
Seiten ähnlich erscheinenden Bärenkopfes geteilte 
Wappenschild hinter der Inschrift zu Burgkmair 
wiederholt sich mit der Jahreszahl 1517 auf dem 
Holzschnitt Nr. 28. Es muss also wohl Burgkmairs 
eigenes Wappen darstellen. Ausserdem war es, wie 
Herr Geheimrat Diciitz aus Berlin, dessen Wappen- 
kundigkeit bekannt ist, die Güte gehabt hat, mir 
mitzuteilen, dasjenige des Nürnberger , ehrbaren Ge- 
schlechts" der Helchncr. 

Die Abschrift selbst, welche von Foerster n. a. 0. 
irrtümlich ebenfalls dem Meister zugeschrieben wurde, 
zeigt deutlich eine andere Hand als diejenige der 
Burgkmairschen Inschrift, welche sich, wie wir sehen 
werden, nur au einer Stelle am Rande des Manuskriptes 
wiederholt. Die Abschrift zeigt vielmehr unverkennbar 
die glatte, ausgeschriebene Hand eines berufsmässigen 
Abschreibers aus dem ersten Drittel des 16. Jahr- 
luniderts. Ihr Text stimmt, abgesehen von den noch 
zu erwähnenden|Randbemerknng('n, fast genau mit 



^■^ 



V»' »1T-viO»«-k. 



^ 




^^j^*:r^ t^i^ip^^ w^-u:^ 




Dass diese Bezeichnung von Burgkmairs eigener 
Hand herrührt, ergiebt sich zunächst ans dem Ver- 
gleich ihrer Handschrift mit den übrigen bekannten 
Handschriften des Meisters. Am auffallendsten "leicht 



demjenigen der Treitzsaurweinschen Urschrift in 
Wien überein. Ich habe ihn zunächst mit der Sches- 
tagschen Publikation der letzteren, dann, an zweifel- 
haften Stellen, in Wien selbst mit der Urschrift ver- 



DRESDENER BURGKMAIR-STÜDIEN. 



43 



glichen. Zunächst weicht nur die Rechtschreibung 
unserer Abschrift hier und da etwas ab. Sodann 
muss bemerkt werden, dass ein alter brauner Tinten- 
flecken, welcher alle Blätter des Dresdener Heftes 
durchdringt, einige Stellen unserer Handschrift mehr 
oder weniger unleserlich macht. Von späterer Hund 
sind einige dieser Stellen schwarz übersc'hriebeu, zum 
Teil dabei aber unrichtig ergänzt worden; und be- 
sonders eine im vorigen Jalirhundert nach der uusern 
genommenen Abschrift im Dresdener Kabinet liest 
eine Anzahl der durch den Flecken verwischten 
Stellen falsch. — In einigen Fällen, in denen unsere 
Lesarten von Schestags Veröffentlichung abwichen, 
konnte ich in Wien die Übereinstimmung unseres 
Textes mit demjenigen der Urschrift feststellen. In 
diesen Fällen ist also Schestags Druck zu berich- 
tigen. So liest Schestag S. 161 zu Holzschnitt 39 
..Hmujriscli ko/kr", während die Handschriften (und 
auch Bartsch 1796) ,,uiinririsch halben" haben; so 
lie.st Schestag S. 164 zu Holzschnitt 79 ,J'umphart'\ 
ol)gleich die Handschriften ..pumlnoi" haben; so liest 
Schestag S. 171 zu Min. 100 „Annckenrcwt", wo bei 
uns ,,Anckrnre,irfcr" steht und die Wiener Urschrift 
deutlich das Abkürzungszeichen für dieselbe Lesart 
zeigt. 

Wichtiger als diese Berichtigungen sind die 
Zusätze von fremder alter Hand, welche unserer 
Abschrift offenbar zu Burgkmairs Nachachtung 
eingefügt worden, ehe sie dem Künstler über- 
geben worden. E. Foerster (a. a. 0.), nahm ohne 
weiteres an, dass diese Zusätze von Kaiser Maxi- 
milians eigener Hand herrührten. Durch einen in Wien 
vorgenommenen Vergleich dieser Stellen mit aner- 
kannt echten Handschriften des Kaisei-s vermochte ich 
liierüber, obgleicli die mehr lateinische als deutsche 
Gesamtführung der beiden Schriftzüge eine gewisse 
Übereinstimmung zeigte, zu keiner sicheren Über- 
zeugung zu gelangen. Doch kommt auch wenig 
darauf an: dass es Zusätze zu der Wiener Urschrift 
sind, welche mit des Kaisers Wunsch und Willen 
gemacht worden, erscheint unzweifelhaft. Es handelt 
sich um drei Stellen. Schestag S. 159 oben, zu 
Holzschnitt 22, liest in Übereinstimmung mit der 
Urschrift und dem ursprünglichen Texte unserer Ab- 
schrift: .Jtcm der Maister solle sein Maisfcr Pauls 
Organist." Bartsch schob in seiner Ausgabe in 
Klammern schon (aus anderer Quelle) den Namen 
Ilo/fhaimcr ein. Bei uns (Fol. 6) lautet die durch 
die alte handschriftliche Einflickung verbesserte Les- 
art: ..Itc/n der 'nitiisirr solle sein Jierr jkikIs l/nfl/ainier 
ori/anisl." 



Ferner findet sich bei uns Fol. 18 (= Schestag 
S. 171 zu Min. 96) am Schlüsse des Verzeichnisses der 
Grafen unter den „Graven zti. Frannckepan" (Frangi- 
pani) noch der alte Zusatz: „cjraff Nidas von Sahn." 

Am wichtigsten aber ist der Zusatz auf Fol. 6 
(zu Schestag S. ] 59 Holzschnitt 23). Hier stehn bei 
uns rechts neben der Bes(;hreibung der „Musica 
sness Melodei/' die Worte: ..M/isica der siiessen 
nieloilci/ ■'<oll r(jr dem Ii'njal und jmsiliff gen nun Orgel 
nnd Canloreg sul peg einander sein, and nin Köleii 
(Kette) and dein hals". Links von unserem Texte 
aber steht in Burgkmairs eigener Hand: „der sol 
oben sten rur dein Ilegcd und positiff." Burgkmair 
hat sich, indem er dieses noch einmal für sich an 
den Rand schrieb, offenbar sieher stellen wollen, 
die anbefohlene Umstellung nicht zu vergessen. 
Später aber ist sie erklärlicherweise, da der Wiener 
Text den Zusatz nicht kannte, doch vergessen worden; 
und daher haben sowohl Bartsch als auch Schestag 
den AVagen mit dem Regal und Positif doch vor 
den Wagen mit der ..Musica süss Melodey" gestellt, 
obgleich es, wie aus den Dresdener Zusätzen her- 
vorgeht, der Schlusswille des Auftraggebers und des 
Künstlers war, den Orchesterwagen voranzustellen. 
Es müsste also die Umstellung in der Art vorge- 
nommen werden, dass die Blätter 24, 25 und 22, 23 
umgetauscht werden. 

IL Die Dresdener Holzschnitte. 

(Zu ihrer Bezeichnung werden sie im folgenden mit den 
Schestag'schen Nummern angeführt.) 

Dass das Dresdener Kupferstichkabinet 62 Holz- 
schnitte des Triumphs Kaiser Maximilians in alten 
Abdrücken besitzt, ist schon erwähnt worden. Es 
sind dies die Nummern 1 — 50, mit Ausnahme des 
Blattes Nr. 15, die Nummern 111, 112, 113, die 
Nummern 123, 124, 12.") und das neuaufgefundeue, 
bisher noch nicht publizirte Blatt. Da Ni". 125 
doppelt vorhanden ist, .sind es, genau genommen, 
sogar 63 Blatt. Von den bisher bekannten Holz- 
schnitten Burgkmairs fehlen unserem Exemplar also 
die Nummern 15, 114 und 129—131. 

Im besten Zustande befinden sich unsere Blätter 
nicht. Manche von ihnen haben kleine Löcher; 
viele von ihnen sind oberhalb der Darstellung (zum 
Glück nicht in der Darstellung selbst) verschnitten; 
doch sind sie alle vor Zeiten durch Unterklebung mit 
Papier befestigt und wieder in die gleiche Grösse und 
das gleiche Format gebracht worden; die Blätter sind 
je zu zweien aneinander geklebt und gemeinsam auf- 
gezogen. 

6* 



DI{,ESI)KNE1{, BURGKMAIR-STUDIEN. 



Diiss diese Blätter Abdrücke aus dein 1('>. Jalir- 
luiudi'rt sind, zeigt schon ihr Vergleicii mit den 
Bartsch'scheu und Schestag'schen Abdrücken beim 
ersten Blick. Die Fugen der aus verschiedenen. 
Stücken zusammengesetzten Holzstöcke, welche in 
diesen modernen Ausgaben auf vielen Blättern vi^eiss 
und aufdringlich zu Tage treten (z. B. auf Blatt 1, 
2, 13, IC), 19, 48), fehlen unseren Abdrücken noch 
vollständig. Die Holzstöcke waren, als diese ge- 
druckt wurden, eben noch nicht ausgetrocknet. Die 
ausgebrochenen und schadhaften Stellen der Holz- 
stöcke, welche in den Abdrücken von 1796 und 1883 
vielfach als unangenehm weisse Flecken mitten in 
der schönsten Schraffirung zum Vorschein kommen 
(z. B. auf Blatt 4, 6, 9, 11, 12, 13, 14, 19, 21, 22 
und oft) machen sich in unseren Abdrücken noch 
keineswegs bemerkbar. Einzelne nach aussen ab- 
stehende feine Linien, wie die Haare an den Pferde- 
nüstern auf Blatt 5, ti, 27, 29, das gekrümmte Stirn- 
haar des Pferdes zur äussersten Rechten auf Blatt 
31 und manche Fussbodenlinien , die in den Aus- 
gaben von 1796 und 1883 fehlen oder verkümmert 
erscheinen, kommen bei uns noch unversehrt zur 
Geltung. Überhaupt sind es Abdrücke, mit denen 
sich diejenigen von Bartsch und Schestag nicht 
entfernt au Reinheit, Feinheit und Klarheit ver- 
gleichen können. Rein äusserlich aber beweisen 
auch schon die mit Tinte geschriebenen Bemerkungen 
in einer unverkennbaren Hand des 16. Jahrhunderts, 
dass unsere Abdrücke dieser frühen Zeit angehören. 
Mit Abdrücken der ersten, von Schestag S. 180 
mit I bezeichneten Ausgabe von 1526 habe ich die 
unseren Blatt für Blatt noch nicht vergleichen 
können. Aber Schestags Angaben genügen schon, 
um zu beweisen, dass unsere Abdrücke iiicJd zu 
dieser Ausgabe gehören. Schestag sagt von dieser: 
, Sämtliche Spruchbänder und Reitntafeln tragen 
keine Schrift, weshalb sie im Abdrucke schwär x 
erscheinen. Das Papier hat als Wasserzeichen einen 
gekrönten Doppeladler mit einer Sichel auf dem 
Brustschilde. Die Entfernung der Drähte beträgt 
34 mm." Nun kommen die für die Inschriften be- 
stimmten Mittelfelder der Spruchbänder und Reim- 
tafeln bei uns keineswegs schwarz zum Vorschein. 
. Noch weniger aber waren diese Stellen schon fort- 
geschnitten, wie bei den Abdrücken von 1796 und 
1883, in denen sie deshalb weiss erscheinen. Viel- 
mehr erscheinen diese Stellen in unserer Ausgabe 
weiss, weil die Holzstöcke, nachdem sie mit der 
Druckerschwärze bedeckt waren, an ihnen wieder 
mit Papier zugeklebt worden. Soweit das Papier 



jiiclit reichte oder imgenau aufgeklebt war, traten 
schwarze Ecken und Ränder hervor. Am spassigsten 
und deutlichsten zeigt Blatt 44 das Verfahren. Die 
rechte untere Ecke des der Reimtafel aufgeklebten 
Papiers hatte sich hier vor dem Abdruck umgebogen; 
da aber diese umgebogene Ecke schon etwas Schwärze 
von ihrer Unterlage angenommen hatte, ehe sie um- 
bog, so ist sie deutlich als solche mit zum Abdruck 
gekommen. 

Ferner ist aber auch das Papier unserer Abdrücke 
nicht dasjenige der Ausgabe von 1526. In der ersten, 
überwiegend grösseren, früher entstandenen Hälfte (bis 
Blatt 49) zeigt imser Papier als Wasserzeichen einen 
Anker, von einem Stern bekrönt, in einemKreise; unddie 
Drähte sind nur 25 — 27 mm von einander entfernt. 
Die letzten vierzehn Blätter sind allerdings auf einem 
Papier gedruckt, dessen Wasserzeichen ein (wegen 
der Hinterklebung schwer erkennbarer) Adler, aber 
allem Anschein nach nicht ein Adler der von Schestag 
auf der Ausgabe von 1526 beobachteten Art ist, wie 
die Entfernung der Drähte hier auch keineswegs 34, 
sondern nur etwa 30 mm beträgt. 

Dass unsere Ausgabe des 16. Jahrhunderts nicht 
diejenige von 1526 ist, ist somit erwiesen. Dass sie 
ein früheres, aus Probedrucken, die für Burgkmair 
selbst gemacht worden, bestehendes Exemplar bildet, 
lässt sich ebenfalls nachweisen. 

Den unumstösslichsten Beweis bieten die Tafeln 
111 und 112 (die Gefangenen). Diese sind für unser 
Exemplar zum Abdruck gekommen, ehe die Holz- 
fläche oberhalb der Zeichnung fortgeschnitten worden. 
Die oberen umrisse der Darstellung sind daher nur 
von einem roh und eckig ausgeschnittenen weissen 
Rande umgeben, über dem das ganze übrige Papier 
schwarz erscheint. In der Ausgabe von 1526 aber 
(Herr Dr. Ed. Chmdarx, hatte die Güte, das Wiener 
Exemplar daraufliin für mich zu vergleichen) ist das 
Papier dieser Blätter bereits ganz weiss; das über- 
flüssige Holz war also inzwischen fortgeschnitten 
worden. Einen nicht minder unwiderleglichen Be- 
weis würde die mit Tinte geschriebene Jahreszahl 
1518 auf unserem Blatt 46 liefern, wenn es nach- 
gewiesen werden könnte, dass sie, wie ich allerdings 
annehme, in eben diesem Jahre, in welchem die 
Holzstöcke sich noch alle in Burgkmairs Obhut, wenn 
auch zum Teil noch in der Werkstatt der Form- 
schneider befanden, geschrieben sei. Wenn sie auch 
augenscheinlich nicht mit derselben Tinte und der- 
selben Feder geschrieben ist, wie die Inschrift 
„Deytseh Oestcch" auf demselben Blatte, dessen Schnitt 
Cornelius Liefrincl: 1517 besorgte, so liegt doch kein 



DRESDENER BURGKMAIR-STUDIEN. 



Grund vor, zu bestreiten, dass sie im nächsten Jahre 
in Burgkmairs Werkstatt hinzugefügt worden sei. 

Vervollständigt aber wird der Beweis, dass unsere 
Blätter Probedrucke aus Burgkmairs eigenem Be- 
sitze sind, noch durch die Erwägungen, dass 1) die 
mit Tinte geschriebenen Inschriften mancher unserer 
Blätter (besonders deutlich auf Blatt 26, 41, 52, 123) 
die uns bereits bekannte eigene Handschrift Burgk- 
mairs zeigen, dass sich 2) auf Blatt 54 sogar ein in 
keinem Abdruck vorkommender, mit Tinte gezeich- 
neter Zusatz zu der Komposition findet, dass 3) alle 
Blätter unseres Exemplars unzweifelhaft und aner- 
kanntermassen zu den von Burgkmair gezeichneten 
gehören und dass 4) die oben besprochene Abschrift 
des Textes und diese Blätter in Dresden stets als 
zusammengehörig bewahrt wurden, so dass man anneh- 
men darf, sie seien von einem Vorbesitzer auch zu- 
sammen aus Burgkmairs Nachlass erworben worden. 
Übrigens besitzt auch das Berliner Kupferstich- 
kabinet elf an den gleichen oder ähnlichen Merk- 
malen kenntliche Probedrucke des Triumphes, näm- 
lich Schestag Nr. 21, 22, 108, 111, 112, 122, 124, 
125, 135, 136, 137. Von diesen rühren nur sechs 
(Nr. 21, 22, 111, 112, 1 24, 125) von Burgkmair her, und 
imr diese wiederholen sich daher in unseren Blättern. 
Die mit Tinte geschriebenen Bemerkungen auf 
unseren Blättern 6, 41—56, 123—125 erteilen in 
einzelneu Fällen die im geschriebeneu Entwürfe fest- 
gesetzten Eigeunameu bestimmteu der dargestellten 
Persönlichkeiten zu (z. B. auf Blatt 26, 41, 44); in 
den meisten Fällen aber wiederholen sie die gegen- 
ständlichen Angabendes Textes. So"steht auf ßl. 42 
„Durnier xii Fus[ auf einem Sal'' , auf Bl. 44 ..Ikr 
Wolfyang von Bolhaim. Renn iiiul gestech mayster" , 
auf Bl. 45 „Welsch gestech", auf Bl. 49 „Das welsch 
Renen in der armeryc", auf Bl. 51 „das Tartschen ge- 
schift Renen" u. s. w. Näher auf_'diese Inschriften 
einzugehen, deren Zweck offenbar nur war, dem 
Künstler jederzeit sofort zu vergegenvvärtigeu , was 
das betreffende Blatt nacli Massgabe des Entwurfs 
vorstelle, würde sich hier nicht verlohnen. 

Uns bleibt daher nur noch das neuaufgefundene, 
beistehend in Lichtdruck wiedergegebene Blatt zu 
besprechen. Bisher waren ausser den 135 von 
Bartsch 1796 zum Wiederabdruck gebrachten Tafeln, 
zu denen sich die Holzstöcke erhalten haben, nur noch 
zwei andere aus der Ausgabe von 1 526_ bekannt, zu 
denen die Holzstöcke verloren gegangen sind. Diese 
beiden von Passavant in seinem Peintre- Graveur 
(III, 1862, S. 269) zuerst nachgetragenen Blätter hat 



Schestag, der die übrigen ebenfalls von den Original- 
holzstöcken abdruckt, seiner Gesaratausgabe als 
Bl. 90 und Bl. 132 in photozinkographischer Hoch- 
ätzung nach den im k. k. Kupferstichkabinet zu 
Wien befindlichen Exemplaren eingefügt. Unser 
Dresdener Blatt hätte natürlich dieser Ausgabe nicht 
fehlen dürfen, wenn es Schestag bekannt gewesen 
wäre. In dem handschriftlichen Entwürfe ist es 
übrigens vorgesehen. Es gehört der Abteilung 
„Vcchkrey" (Schestag, S. 161, Holzschnitt 32—40) 
an. In dieser folgen 1) fünf Personen mit Dresch- 
flegeln (Bl. 33), 2) fünf Personen mit kurzen Stangen 
(Bl. 34), 3) fünf Personen mit Lanzen (Bl. 35), 4) 
fünf Personen mit Hellebarden (Bl. 36), 5) fünf Per- 
sonen mit .,Streif.a.rcn" (diese fehlten bisher im Holz- 
schnitt), 6) fünf Personen mit „Puglder" (Bl. 37), 
7) fünf Personen mit „Tartschen" (Bl. 38), 8) fünf Per- 
sonen mit ,,Pafessen" und ungarischen Kolben (Bl. 39), 
9) fünf Personen mit Schwertern (Bl. 4(»). 

Die bisher fehlenden „fünf Personen mit Streit- 
äxten" sind nun in dem Dresdener Blatte wieder auf- 
gefunden. Beim ersten Anblick möchte man diese 
Streitäxte auch für Hellebarden halten; doch sind 
ihre Stangen bedeutend kürzer als diejenigen der 
Hellebarden des Blattes 36; und die Schneiden sind 
hier nicht gerade, wie bei diesen, sondern axtförmig 
rund geschliffen. Die Gruppenbildung unseres Blattes 
ist besonders lebendig und bei halbwegs aufmerk- 
samer Betrachtung mit derjenigen keiner anderen 
der neun Gruppen zu verwechseln. Besonders die 
Armbewegung des Vordermannes ist charakteristisch. 
Dass es, wie alle Blätter von Nr. 1—56 von Burgk- 
mair gezeichnet ist, geht schon aus seiner Formen- 
sprache unzweifelhaft hervor; es ist aber auch äusser- 
lich vollkommen als Werk Burgkmairs beglaubigt: 
Die Namensanfangsbuchstaben des Meisters stehen auf 
der Axt des zweiten Fechters. Ob unser Blatt ein 
Uniktim ist, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen, 
weil ich die alten Abdrücke des „Triumphs" nicht 
in allrn Sammlungen daraufhin verglichen habe. Es 
könnte irgendwo mit dem Blatte der Hellebarden- 
träger verwechselt worden sein. Da aber bisher 
noch niemand auf es aufmerksam geworden, bleibt 
es immerhin wahrscheinlich, dass es einzig in seiner 
Art ist. Im Dresdener Kabinet ist es stets an der 
richtigen Stelle eingereiht gewesen. Der Schestag- 
scheu Folge muss es zwischen Blatt 36 und 37 ein- 
gefügt werden, dem Mutherschen Verzeichnis der 
Werke Hans Burgkmairs des älteren (Repertorium 
für Kunstwissenschaft IX, 18S6, S. 430) als Nr. 359a, 




Aus Ell Veiths DeckennnUereien im Ziiscluuieiraume des Ueiitsclii 



WIENER NEUBAUTEN UND IHR SCHMUCK. 

MIT ABBILDUNGEN. 




AS ueue Wieu liat seineu küust- 
i'rischen Sclimnck iu den letzten 
Monaten nm zwei Werke bereichert, 
welche zwar an Umfang und Kost- 
barkeit sehr ungleich, aber für die 
Entwicklung unserer Kunst beide 
höchst charakteristisch sind: das am 10. August er- 
öffnete Xa/urkistorisclie llofiniiscum und das am 
14. September eingeweihte Detäscliß Volksiheatcr. 

Über den Bau des Naturhistorisclicnllofmuxcums, 
die gemeinsame Schöpfung Baron Carl Hasenauers 
und Gottfried f'evipcrs, hat die Zeitschrift ihren Lesern 
wiederholt berichtet. Im Jahre 1872 begonnen, steht 
der Kiesenbau im Äusseren bereits seit acht Jahren 
fertig da. Die Attika über dem Hauptportal trägt 
in goldenen Lettern die Inschrift: 
DEM REICHE DER NATUR UND SEINER ER- 
FORSCHUNG KAISER FRANZ JOSEPH I.' 
MDCCCLXXXI. 
Wie schon das architektonisch reich gegliederte 
Äussere seinen Schmuck vornehmlich durch die Hände 
der bildcuileu Künstler erhielt, welche die Spitzen 



der Kuijpelu und deren tabcrnakclförmige Trabanten, 
die Balustrade des Daches, die Feusterbekrönungen 
und Wandflächen mit einer Fülle von Statuen, Por- 
trätbüsten und Reliefs verzierten, so wurde auch für 
die Ausstattung des Inneren, des Treppenraumes na- 
mentlich , im weitesten Umfange die Hilfe der 
Schwesterkünste aufgeboten. Der Skulptur gesellte 
sich die Malerei; der ganze Reigen der dekorativen 
Künste schloss sich an; das Wiener Kunsthandwerk 
fand den breitesten Spielraum zur Entfaltung seiner 
Kräfte. Dann folgten die Jahre der Übersiedelung 
und Neuaufstellung der kolossalen naturwissenschaft- 
lichen Sammlungen in ihre jetzigen, über 15000 qm 
umfassenden Räumlichkeiten. Endlich koimten sich 
die Pforten dem Kaiser und der ihn umgebenden 
Festversammlung öffnen, und als der von dem In- 
tendanten des Museums, Hofrat i: Ilaiirr ') geführte 



1) Von dem hochvcrdiL'iiten gegciiwiirtigen Chef der 
Museumsverwaltung rührt auch der am Eröffnungstage aus- 
gegebene illustrirte Führer durch das Museum her, der eine 
sehr instruktive Ülsersicht über den gesamten Inhalt des Ge- 
bäudes bietet. 



WIENER NEUBAUTEN UND IHR SCHMUCK. 



Zug durcli die in Pracht und Schönheit erstrahlen- 
den Räume schritt, da drängte sich wohl jedem die 
Wahrnehmung auf, dass es im vollen Sinne des 
Wortes ein I'alast der Wissenschaft ist, welchen der 
kunstsinnige Monarch den von seinen Vorfahren er- 
erbten und unablässig vermehrten Schätzen dieses 
Arsenals der Naturforschung errichtet hat. 

Wir machen im Geiste den Rundgang durch die 
Hallen und Säle mit, um dem Leser einen Begriff 
von der Fülle bildlicher und ornamentaler Kunst zu 
geben, welche sich den Augen darbietet. Aus der 
dreithorigeu Eingangshalle gelangt man zunächst in 
ein achteckiges Vestibül, über dem sich eine flache 
Kuj^pel wölbt. Dieser Raum bildet gleichsam das 
Herz der Anlage; die ganze Cirkulation der Besucher 
geht von hier aus und kehrt hierher zurück. Nach 
links und rechts führen niedrige Trepf)enaufgänge zu 
deu Sälen des Hochparterres; in gerader Richtung dem 
Haupteingange gegenüber steigt man in den grossen 
Treppenraum empor, der den Aufgang in das Haupt- 
geschoss enthält. Bevor wir die Stufen betreten, 
blicken wir uns um in der von angenehmem Dämmer- 
licht erfüllten Vestibülhalle. Sie ist in lichten Tönen 
dekorirt; die Wände haben eine Bekleidung von 
gelbem Stuckmarmor; den Säulen aus grauem Tiroler 
Serpentin entsprechen gleich gefärbte graue Stuck- 
pilaster. Der figürliche Schmuck der flachgewölbten 
Decke des Vestibüls ist der Erinnerung an die 
früheren Direktoren der Sammlungen geweiht. Da 
schauen uns die Porträtmedaillons eines Vincenz 
KoUar, Karl v. Schreiber, Feuzl, Hochstetter und 
ihrer Vorgänger an; auch das Andenken an den be- 
rühmten Reisenden Johann Natterer, dessen brasi- 
lianische Sammlungen zu den bedeutendsten Schätzen 
des Museums zählen, ist hier im Reliefbilde verewigt. 
Alle diese Porträtmedaillons fertigte der Bildhauer 
Josrf Lar. Stellen wir uns in der Mitte des Raumes 
auf, so dringt der Blick durch die kreisrunde Decken- 
öffnung in den hohen Kuppelraum, der sich über 
dem Vestibüle des Hauptgeschosses wölbt: eine reiz- 
volle Durchsicht, die zugleich für den unteren Raum 
als willkommene Lichthilfsquelle dient. 

Jetzt betreten wir die im Hintergrunde gerade 
emporführende Haupttreppe. Die unteren Treppen- 
stufen bestehen aus kolossalen Blöcken grauen Ster- 
zinger Marmors, die bis zu sechs Meter Länge 
messen. Das Material der Geländer ist carrarischer 
Marmor. Die Treppe führt zunächst einarmig bis 
zu dem Podest empor und von diesem aus in zwei 
Armen rechts und links zu den oberen Räumen. 
Der Gesamtaublick des gewaltigen oblongen Treppen- 



hauses, welches den vorderen Teil des Mitteltraktes 
zwischen den grossen Höfen des Museums füllt, 
ist von imponirender und zugleich freundlich an- 
mutender Wirkung. Auch hier walten die hellen 
Töne vor: ein warmes Goldgelb der Wandflächen, 
mit dem die schwarzgrau geäderten Säulen und Pi- 
laster schön kontrastiren. In deu Lünetten und am 
Spiegelgewülbe der grossen Stiege i.st die Malerei 
zu breiter Entfaltung gelangt. Das grosse Mittel- 
bild ist Canons vielbesprochener „Kreislauf des 
Lebens", eine mehr mit dem Verstände als mit der 
Schöpferkraft der Phantasie erzeugte allegorische 
Darstellung des ewigen Werdens und Vergehens in 
der Natur, die durch ihre kühle Anlehnung an 
Rubens den Blick des Beschauers eher befremdet 
als fesselt. Ungleich schöner wirken die gleichfalls 
von Canon hen-ührenden zwölf trefflich komponirten 
und farbenfrischen Lünettenbilder, welche sich rings 
um die vier Wände des Treppenraumes über dem 
Hauptgesimse herumziehen. Sie stellen, in Grup- 
pen von allegorischen Figuren , die verschiedenen 
Zweige und Richtungen der Naturwissenschaften 
dar. Neben der Malerei ist aber auch der Skulptur 
im Treppenraum das Wort gelassen. Und zwar 
glücklicherweise wieder zu lebensvollen Bildnisdar- 
stellungen , diesmal ganzen Figuren , bedeutender 
Naturforscher , welche unterhalb der Lünetten an 
den Hauptpfeilern auf halbrund ausladenden Posta- 
menten stehen. Die acht aus Laaser Marmor ge- 
arbeiteten charakteristischen Gestalten stellen Ari- 
stoteles und Kepler, Isaak Newton und Linne, Abra- 
ham Gottlob Werner und Cuvier, Berzelius und 
Alex. V. Humboldt dar und rühren von Kundmann. 
Tilgner, Zunihusch und Wcyr her. 

Vorwiegend plastisch ist die Dekoration der 
Flächen und Wölbungen des grossen oberen Vesti- 
büls, in welches wir von dem Treppenraum aus ge- 
langen. Es ist der hoch strebende Kuppelraum, der 
mit seiner äusseren Wölbung den ganzen Bau do- 
minirt und auf seiner schlanken Laterne als Bekrö- 
nung die kolossale Bronzestatue des Helios von 
Benl: trägt. Die reizvoll gegliederten, in blassen Tönen 
dekorirten Innenflächen des achteckigen Kuppel- 
raumes werden durch mannigfach bewegte Tier- 
figuren, spielende Genien, auch einzelne genrehafte 
Gestalten von anmutiger Erfindung plastisch belebt. 
Die dazwischen angebrachten Inschrifttafeln mit deu 
Bezeichnungen der verschiedenen in dem Museum 
vertretenen Wissenschaften: Zoologie, Botanik, Mine- 
ralogie, Geologie, Paläontologie, Urgeschichte, Ethno- 
graphie und Anthropologie, dienen zur Erklärung 



'•(? ^ 




samf' JWjÄ 



WIENEB NEUBAUTEN UND IHR SCHMUCK. 



49 



dieser sinnig erfundenen Darstellungen, an deren Aus- 
führung Tilijncr. Bcnk und Wcip- beschäftigt waren. 
Um die kreisrunde Oünung im Boden zieht sich 
eine Mannorbalustrade mit Ruheliäuken herum, von 
der man den vollen Überblick über die geschilderten 
Räume nach allen Seiten, sowie nach oben und nach 
unten in das Vestibül des Erdgeschosses geniesst. 
Rechts und links öffnen sich die langen Reihen der 
Haujjtsäle, die im ersten Stock ausschliesslich den 
zoologischen Sammlungen gewidmet sind. 

Wir lassen diese Säle hier ausser acht, weil 
ihr künstlerischer Schmuck, obwohl nicht ohne Be- 



mineralogisch - petrographischen , die geologisch- 
paläontologischen, die prähistorischen und die ethno- 
graphisch-anthropologischen Sammlungen. Je nach 
dem Charakter dieser Abteilungen ist der Stil der 
Landschaften ein grundverschiedener: es sind zum 
Teil einfache Ansichten von realistischem Gepräge, 
zum Teil Idealbilder, zu deren phantastischer Aus- 
schmückung die Sammlungsstücke des Museums die 
Anhaltspunkte darboten. In dem einen Saale fin- 
den wir Vegetationsbilder aus den aufeinander ge- 
folgten Perioden der Erdbildung, in einem zweiten 
Charaktertv]ien aus den verschiedenen landschaft- 




ziehungen zu den in den Räumen aufgestellten 
Gegenständen, doch vorwiegend ornamentaler Gat- 
tung ist. Die Säle des Hochparterres dagegen tragen 
an den oberen Teilen ihrer Wäude eine grosse An- 
zahl von landschaftlichen Darstellungen von der 
Hand der tüchtigsten Meister. Wir müssen ihnen 
daher noch eine etwas eingehendere Betrachtung 
widmen. Es sind im ganzen neunzehn weite Räume, 
welche an den grösseren oder kleineren Wandflächen 
oberhalb der Schaukästen diesen malerischen Schmuck 
trpgen. Die Auswahl der dargestellten Gegenstände, 
welche noch von dem verstorbenen Intendanten Ferd. 
V. Hochstetter herrührt, richtete sich naturgemäss 
genau nach dem verschiedenen Inhalte der Säle. Die- 
selben umfassen vier Abteilungen des Museums: die 

Zeitschrift für bildende Kuust. N. F. I. 



liehen Sphären der Gegenwart, in einem dritten 
wiederum Schilderungen der Lebensweise, der Bauten 
und Trachten fremder Völker, in einem vierten Saale 
Bilder von Ausgrabungs- und Ruinenstätten u. s. w. 
Sämtliche Bilder sind in Ol auf Leinwand gemalt 
und in die Wandrahmen eingesetzt. Sie bieten dem 
Besucher des Museums namentlich an der Hand von 
Hauers „Führer" , der alle nötigen Winke zur Er- 
klärung der dem Laien oft nicht sofort verständlichen 
Darstellungen enthält, eine Fülle von Belehrungen 
aus den Gebieten des Natur- und Völkerlebens und 
sind von besonderem Interesse für den Kunstfreund, 
der hier alle hervorragenden Wiener Landschafter 
der neueren Zeit und mehrere einheimische Meister 
verwandter Fächer in charakteristischen Talentproben 

7 



50 



WIENER NEUBAUTEN UND IHK SCHMUCK. 



vereinigt findet. Eine Aufzählung der ganzen Reihe 
würde zu weit führen. E.s seien hier nur Alb. Zimmer- 
mann und E. r. Lichtcnfels, Julius r. Payer und Ad. 
Obcrmi'tllncr, Lcop. 3[i(n.<ifli und Auf/. Srhä/fcr, Jon. 
Hoflniann und Lial/r. Hans Fisrlicr, J. E. Schindler 
und Hob. liuss, IL Darnaut und Jul. v. Blaas , A. 
Sckönn und W. Dernatxik namhaft gemacht, um von 
der Mannigfaltigkeit und dem Werte dieser Natur- 
uud Lebensbilder eine Vorstellung zu erwecken. 



ül)erliegende kuusthistorische Hofmuseum gleichfalls 
der Vollendung zugeführt werden! Mit seinen im- 
vergleichlichen Schätzen, der Galerie des Belvedere, 
der Ambraser Sammlung, den Prachtrüstungen des 
Waffenmuseums , dem Münz- und Antikenkabinet 
wird es gewiss nicht in geringerem Grade als das 
Museum der Naturwissenschaften den empfänglichen 
Sinn der Bevölkerung anregen , ihren Geschmack 
veredeln und für Tausende von Fremden, welche 




Das Deutsche Volskstheater in Wieu. Seitenansicht. 



Der Gesamteindruck der mit edler Pracht aus- 
gestatteten Räume, von denen einige auch noch mit 
polychromirten Karyatiden von Weyr und Hofmann 
geschmückt sind, lässt den erhebenden Gedanken 
zurück, dass hier dem Zusammenwirken der tüch- 
tigsten Kräfte keinerlei Hemmschuh missverstandener 
Sparsamkeit lähmend entgegengetreten ist, dass viel- 
mehr Auftraggeber und ausführende Künstler sich in 
die Hände gearbeitet haben, um in dem Palast der 
Wissenschaft eine jeuer idealen Schöjrfungen hervor- 
zubringen, auf die unsere Zeit als ihr eigenstes Werk, 
ein Werk durchaus modernen Geistes, mit Stolz hin- 
blicken darf. — Möge sich nun auch unser oft aus- 
gesprochener Wunsch bald erfüllen und das gegen- 



bi.sher den Kunstbesitz des Kaiserhauses an weit zer- 
streuten Punkten suchen mussten, ein mächtiger An- 
ziehungspunkt werden. 

Das Deutsche Volksthealer , das wenige Wochen 
nach der Eröffnung des Naturhistorischen Museums 
das geistige Wien in seinen heiteren Räumen ver- 
sammelte, dankt seinen ürsjirung einem Gedanken, 
der im Schosse der Wiener Bürgerschaft entstanden 
und durch das opferwillige Zusammenwirken edler 
Kunstfreunde rasch ins Werk gesetzt worden ist. 
Aber der Muuificeuz des Kaisers muss auch bei dieser 
Schöpfung an erster Stelle gedacht werden. Ihr hat 
der Theaterverein den ungemein günstig, nahe dem 
Ring und den volkreichsten Vorstadtbezirken ge- 



WIENER NEUBAUTEN UND IHR SCHMUCK. 



51 



legenen Platz zu verdanken. In wenig mehr als 
zwei .Jahren haben die beiden Meister des Theater- 
baues, Felhicr und Hcimcr, auf diesem Platz, einem 
Teile des früheren Weghuhergartens, unweit von den 
Hofmuseen und vom Justizpalaste, den zierlichen 
Bau errichtet, der durch seine originelle Anlage wie 
durch seinen anmutigen Schmuck sich sofort in die 
Gunst des Publikums einschmeicheln musste. Ähn- 
lich wie bei ihrem neuen Karlsbader Theaterbau, 
wählten sie für die Dekoration einen modernen 
Rokokostil, in welchem die Traditionen der alten 
Wiener Schule mit Glück der heutigen Geschmacks- 
richtung angepasst erscheinen, während das Äussere, 
wie unsere Abbildung zeigt, sich in den Formen 
einer einfacheren Sj)ätrenaissance bewegt. Die Glie- 
derung der Haujstteile macht sich kräftig geltend. 
Auf den giebelgesehmückten Portalbau folgt der 
niedrige Zuschauerraum und auf diesen das hoch- 
gewölbte Bühnenhaus , alle drei kompendiös zu- 
sammengedrängt , ohne jede Massenverschwendung, 
aber mit so glücklicher Ausnutzung des gegebenen 
Raumes, dass über 2000 Personen bequem Platz 
finden und für die Cirkulation des Publikums auf's 
beste gesorgt ist. Das Charakteristische der An- 
lage des Zuschauerraumes besteht in der Annähe- 
rung an die antike Form der amphitheatralisch auf- 
steigenden Sitzreihen. Nur im Proscenium sind rechts 
und links je drei Reihen massig grosser Logen, fünf- 
zehn auf jeder Seite, angeordnet. Der ganze übrige 
Teil der Galerien ist frei emporgebaut, so dass die 
Sitzreihen eine zusammenhängende breite Masse bil- 
den, wie die Reihen des Parketts und Parterres. Aus 
allen diesen einzelneu Hauptabteilungen führen breite, 
bequeme Treppen und aus dem Parkett und Parterre 
eine grosse Anzahl von Thüren durch die dreizehn 
schmalen Umfassungsgänge sofort in's Freie. Selbst 
im Fall einer Gefahr ist hier also eine Stauung nicht 
zu befürchten. 

Da für die Herstellung des Ganzen kaum eine 
halbe Million Gulden zur Verfügung stand und 
der Charakter eines Volkstheaters übermässigen 
Reichtum ausschloss, hält sich die künstlerische und 
ornamentale Ausstattung in bestimmt vorgezeichneten 
Grenzen. Trotzdem ist der Eindruck ein ungemein 
eleganter und gefälliger, und nicht nur den dekora- 
tiven, sondern auch den bildenden Künsten war am 
Äusseren und vornehmlich im Inneren Raum zur 
Entfaltung ihrer Kräfte geboten. Die plastische Aus- 
stattung des Äusseren war den Händen Franz Vogels, 
eines aus Weyrs Atelier hervorgegangenen jungen 
Wiener Bildhauers, anvertraut. Er modellirte für 



den Portalbau die grosse Giebelgruppe („Scene aus 
den attischen Dionysien") sowie die von der Fassade 
herabgrüssenden Brustbilder Schillers, Lessings und 
Grillparzers , ferner die bekrönenden allegorischen 
Gruppen und Statuen auf der Kuppel und der Attika, 
sowie die gebälktragenden Figuren im Hauptvesti- 
bül. Alle diese Werke bekunden ein energisches 
dekoratives Talent, dem auch die Kraft der Charak- 
teristik nicht mangelt. — Den plastischen Teil der 
Dekoration des Zuschauerraumes übernahm der hoch- 
begabte Theodor Friedl , ein Meister in bewegten 
Gruppen und barocken Trägerfiguren, wie er sie für 
die Portal- und Logenumrahmungen , vornehmlich 
für die Prosceniumswölbung des Volkstheaters wieder 
mit wahrhaft genialer Kraft geschaffen hat. Die 
Träger am Proscenium stellen einen deutschen Krieger 
mit Schwert imd Stierhaut , einen Barden , einen 
preisgekrönten Sänger, eine Walküre und ein ger- 
manisches Weib mit dem Spinnrocken dar. Auch 
die in den Gewölbezwickelu angebrachten Genien des 
Ruhmes und der Dichtkunst und die kühn verkürz- 
ten sitzenden Gestalten, welche in den Rahmen des 
grossen Deckengemäldes hineinkomponirt sind, rühren 
von demselben Meister her. — Das Deckenbild, über- 
haupt der ganze malerische Teil der Ausschmückung 
des Plafonds und der Vorhang sind das Werk des 
in Wien und Paris herangebildeten Eduard Veith, 
welcher in dieser mit grossem Geschick und feinem 
Schönheitssinn durchgeführten Leistung seinen Beruf 
zu solchen Werken dekorativer Malerei in holfnung- 
erweckender Weise dargethan hat. Das erwähnte 
grosse Deckengemälde zeigt die Repräsentanten aller 
Stände der Wiener Bevölkerung vereinigt, um der 
Vindobona zu huldigen, in deren Rücken die Kuppel 
der Karlskirche sich erhebt. Ein zweites kleineres 
Bild, welches die Decke der Prosceniumswölbung 
schmückt, führt uns die Bekränzung des Wiener 
Volksdramatikers Raimund durch die Musen vor, in 
deren Gefolge Nestroy und Anzengruber, als die 
Hauptvertreter der neueren Volksdichtung, erscheinen. 
Dazu kommen noch eine Anzahl von Medaillons mit 
reizvoll bewegten Kindergestalten an den Gewölbe- 
kappen über der zweiten Galerie. Endlich der Vor- 
hang mit dem Bilde eines Maifestes zur Zeit Leopolds 
des Glorreichen. Wir führen den Lesern aus dem 
Prosceniumsbilde Veiths eine Anzahl von Proben 
vor, welche die Ausdrucksweise dieses aufstrebenden 
Talentes am besten versinnlichen können. 

Die beiden geschilderten Bauten zeigen aufs 
neue, wie fruchtbar der Wiener Boden für jederlei 
Aufgaben dekorativen Charakters ist. Besonders 



52 



WIENER NEUBAUTEN UND IHR SCHMUCK. 



wenn kein strenger Stil den Künstlern enge Grenzen 
zieht, wenn sich ihre Phantasie frei ergehen, in 
durchaus moderneu Formen mit ungebundener Lust 
uud Freudigkeit schaffen kann, erweisen sie sich aufs 
glüfklichste begabt und selbst dem Schwierigsten 
gewachsen. Wir könueu nur wünschen , dass die 



Pflege der Kunst mit der Vollendung Neu-Wiens 
nicht nachlasse vmd dass patriotische Fürsorge von 
oben wie aus dem Schosse der Bürgerschaft sich 
auch ferner stets der zahlreichen des Rufes gewär- 
tigen Kräfte erinnere. 

CARL VON LÜTZOW. 



NOTIZ. 



* Willem ran de Yelde der jüngere, von dem 
wir eines seiner schönsten und berühmtesten Bilder, 
den „Kanonenschuss" im Rijksmuseum zu Amsterdam, 
den Lesern in Radirung vorführen, ist als der grösste 
altholländische Marinemaler überall bekannt. Von 
seinem Vater, Willem van de Velde d. ä., nahm er 
die sichere Zeichnung, die genaue Kenntnis aller 
nautischen Einzelheiten an. Simon de Vlieger, zu 
dem er später in die Lehre kam, hat in ihm den 
Sinn für die Feinheit der Lichtwirkungen, für die 
stille Grösse des Meeres zu jener Höhe entwickelt, 
die den unvergleichlichen Zauber seiner Bilder aus- 
macht. Das vorgeführte Beispiel vereinigt alle diese 
Eigenschaften in seltenem Grade. Es gewälirt uns 
deu Anblick einer in klarer Durchsichtigkeit ruhig 
daliegenden See, auf welcher von dem grossen Schiff 
im Vordergrunde soeben ein Kanonenschuss abge- 
feuert wird. Meisterhaft ist der dicht aufwirbelnde 
Pulverdampf von der spiegelhellen Flut des Meeres 
abgehoben. An dem Bau, der Ausstattung, der Take- 



lage des Schiffes fesselt jedes Detail unsern Blick. 
Aber der Hauptreiz des Ganzen, die volle Meister- 
schaft des Künstlers zeigt sich in der zart durch- 
gebildeten Perspektive von Wasser und Licht, in der 
uns Meer uud Himmel mit der unendlichen Mannig- 
faltigkeit ihrer Töne und Reflexe mit der fesselndsten 
Naturwahrheit vor Augen gefühi-t werden. Das Ge- 
mälde bildet einen Bestandteil der Sammlung van der 
Hoop. — Der Urheber unserer Radirung, TF. Steelinl:, 
geb. 1826 zu Amsterdam, einer der tüchtigsten Schüler 
A. B. B. Taureis, hat sich namentlich als Stecher 
von Bildern und Zeichnungen moderner holländischer 
Genre- imd Porträtmaler hervorgethan, lieferte neuer- 
dings aber auch zahlreiche Platten nach alten Mei- 
stern , teils reine Radirungen , teils Arbeiten ge- 
mischter Manier, welche nicht ohne Glück nach 
malerischer Wirkung streben. Die Leser der Zeit- 
schrift werden ihn demnächst auch als Radirer nach 
Rembrandt und dem Delfter Jan Vermeer kennen 
lernen. 




..^ 



Aus den Deckeugemälileii des Deutschen Volkstheaters in Wien. 
Von Ed. Veith. 




TEHein van deTelde 3. j. piBX 



DFiR KANONENSCHUSS 



Vorlag y R A.Seemann in Leipzig 



Hvaok V F ABrockbaus in Leipii^ 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



Correggio's Vemis den Amor cnfwaffnrnd. Ein Exemplar 
dieses dem Correggio zugeschriebenen Bildes befand sich 
nach Jul. Meyer Correggio S. 385 (Allg. Künstler-Lex. I, 461, 
vgl. S. 410) ehemals bei Mayer in Strassburg, sodann am 
Anfang dieses Jahrhunderts bei dem Chevalier de Fabry in 
Genf; Meyer ist geneigt, es mit dem bei Lord Folkestone in 
Longford Castle befindlichen Bilde zu identifiziren. Dies ist 
unrichtig; das Bild erschien kürzlich auf einer von der „Ge- 
sellschaft der Kunstfreunde'- in Strassburg veranstalteten 
Ausstellung von Bildern in dortigem Privatbesitz. Wir ent- 
nehmen dem Katalog dieser Ausstellung folgende Angaben. 
Aus dem Besitz des Herrn Magno (so, nicht Mayer) in Strass- 
burg gelangte es in die Hände eines seiner Erben, des Che- 
valier de Fabry in Genf. Später brachten die Fräulein Fabry 
das Bild nach Paris und Hessen von David d' Augers einen 
halbdurchsichtigen Schleierzipfel, der einen Teil des rechten 
Schenkels und den Schoss der Göttin bedeckt, in Wasser- 
farben ergänzen. Mit dieser Verballhornung kam das Bild 
von Paria nach Strassburg zurück an den elsässischen Zweig 
der Familie Fabry-Simonis. Um 1862 ward es nach dem 
Müllerhofe in der Nähe von Strassburg verbi-acht". Während 
aller dieser Wanderungen hat das Bild niemals einem ein- 
zigen Eigentümer angehört. Infolge seines grossen Wertes 
ist es beständig unverteilt geblieben und in den letzten fünf- 
zig Jahren war das Eigentumsrecht in neun Teile geteilt, 
welche die Gebrüder Simonis (Alexis, Fran^ois und Theodore, 
nacheinander abgekauft haben." Der Stich Guerins, der 
natürlich den Anstandszipfel noch nicht kennt, ist im Gegen- 
sinne gehalten. Der Farbenton des Gemäldes ist sehr kräftig, 
die Gestalt des kleinen Amor besonders schön, die Stimmung 
der Landschaft vortrefflich. Dagegen fällt am rechten Arm 
des Amor auf der beleuchteten Seite die mangelnde Run- 
dung, vor allem aber an der linken Hand der Venus der 
verzeichnete , fast verkrüppelte Zeigefinger (bei Guerin ver- 
bessert) auf, der unmöglich von Correggio herrühren kann. 
Auch die ungeschickte Verkürzung des rechten Oberarmes 
und ein paar wie tiefe Schnitte wirkende Falten unterhalb 
der rechten Achsel und an der Brust stören den Eindruck 
des schönen und wohlerhaltenen Bildes. 

Strassburg i. E. Ad. Micitaclis. 

« Lermolieffs berühmtes Buch über die Werke der ita- 
lienischen Meister wird nächstens in völlig umgearbeiteter 
und beträchtlich erweiterter Gestalt erscheinen. Der erste 
Band, welcher noch in diesem Jahre zur Ausgabe gelangen 
soll, enthält nach einer methodologischen Einleitung die zu- 
erst in unserer Zeitschrift erschienenen grundlegenden Auf- 
sätze über die Galerie Borghese, welchen ein neu gearbeiteter 
Abschnitt über die Galerie Doria-Pamfili in Rom sich an- 
reiht. Nach dem Erscheinen kommen wir eingehend auf das 
Werk zurück. 

* Die berühmte Publikation der spanischen Denkmäler- 
welt, welche unter dem Titel .,MouumeiUos arquitectonicos 
de Es'pana" Jahrzehnte lang erschien und eine Fülle der 
hen-lichsten Aufnahmen ans allen Perioden der Kunst- 
geschichte Spaniens brachte, hat seit einiger Zeit zu er- 



scheinen aufgehört, ohne ganz abgeschlossen zu sein. Be- 
gonnen unter den Auspizien und mit Unterstützung der 
spanischen Regierung, wurde das Werk später durch Don 
Jose Oll Don-cgimty in Madrid, einem Bruder des Karlisten- 
generals, selbständig weitergeführt und zwar in derartig 
opulenter Weise, dass das ganze gi-osse Vermögen dieser 
Familie dadurch aufgezehrt worden sein soll. Die bekannte 
Verlagsbuchhandlung von Enist Wasmiitlt in Berlin hat nun 
den Rest der Auflage angekauft und bringt das Werk (3 Bde. 
Tafeln und 3 Bde Text in Fol.) zum Preise von 1800 Mark 
in den Handel. Bei der Seltenheit und Gediegenheit dieser 
glänzenden Publikation glaubten wir namentlich die Vor- 
stände unserer künstlerischen und kunstgewerblichen Fach- 
bibliotheken auf den obigen Besitzwechsel, durch den die 
Anschaö'ung des spanischen Prachtwerkes wesentlich erleich- 
tert wird, aufmerksam macheu zu sollen. 

* Das Denkmal Walthers von der Vogelireide von Beinr. 
Natter wurde am 15. September in Bozen feierlich enthüllt. 
Zahlreiche hervorragende Festgäste aus Österreich -Ungarn 
wie aus dem deutschen Reiche, Deputationen einer grossen 
Anzahl österreichischer und deutscher Städte, Vertreter der 
Universitäten, der Schriftsteller- und Sängervereine wohnten 
der Enthüllung bei. Vom österreichischen Kaiserhause be- 
ehrte S. kaiserl. Hoheit der Herr Erzherzog Heinrich mit 
Familie die Versammlung durch sein Erscheinen. Nachdem 
auf ein Zeichen von seiner Hand die Hülle gefallen war, 
hielt Prof. Dr. Karl Wcinhold aus Berlin die Festrede. Er 
sagte u. a. : „Gefeiert wird ein wunderbares Fest! Keinem 
Minnedichter ist bisher solche Ehre widerfahren. Tirol, Öster- 
reich, Deutschland sind hier vertreten, um dem Dichter zu 
huldigen. Walther, du bist unser!" Weinhold schilderte 
dann mit begeisterten Worten Walthers Bedeutung, seine 
Vorzüge, seine Vaterlandsliebe, seine Hochachtung der Frauen, 
seinen tief religiösen Sinn. „Tirol hat ihm endlich eine Hei- 
mat geschaffen. Walther, der heimatlos alle Länder durch- 
zog, ist nicht mehr heimatlos. Sein Heimatschein ist das 
nun enthüllte Marmorbild. Er möge in Bozen, wo deutsches 
und welsches Wesen aneinander grenzen, ein Markwart sein 
deutscher Sprache, Ehre, Sitte. Wir begehren nichts Frem- 
des, aber den eigenen Herd, auf dem die Flammen des deut- 
schen Geistes lodern , wollen wir erhalten. Männer von 
Tirol, gelobet, dass eure Thäler und Berge deutsch bleiben, 
und ihr Frauen stimmt ein! Die heutige Weihe gilt einem 
Wahrzeichen dieser Stadt; möge es dauern allezeit als 
Zeichen deutscher Ehre, Zucht, Sitte. Das walte Gott!" 
Bei dem Festmahle wurden Toaste auf Kaiser Franz Joseph I. 
und Kaiser Wilhelm II. ausgebracht. Prof. Dr. Schiffner, 
der Rektor der Inusbrucker Universität, sagte in seinem Trink- 
spruch u. a.: „Walther von der Vogelweide gehört Öster- 
reich und Deutschlaud gemeinsam an, weilte am Wiener Hof 
und pries die Milde der österreichischen Fürsten ; später lebte 
er am deutschen Königshof und trat für die Einheit des 
deutschen Reiches ein, das heute stolz wieder dasteht. Löwe 
und Aar gehen zusammoi, zwei Kaiser deutschen Stammes, 
beide Friedenssohirmer. Wir feiern heute hier ein Eintrachts- 



54 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



fest." — In voizomV'i' IjUS^i' auf Jörn Johannesiil-.itz erhebt sich 
nach einer Zeiclmun}^ llicscrs ein romanischer Brunnen. 
Schiklhaltende Löwen und ■wasser.speiende Schwäne über- 
ragen die Schale des ]?eckens und lustige Ranken, auf wel- 
chen sich muntere Vögel schaukeln, ziehen sich an dem 
Siiulenbündel empor, welches das Postament der weit über 
Lebensgrösse gebildeten Figur trägt. Der Sänger, aus weissem 
Laaser Marmor gebildet, steht aufi'echt da in der ritterlichen 
Tracht seiner Zeit; ein langer Mantel fallt ihm malerisch 
von den Schultern herab, an der linken Seite hängt ein 
mächtiges Schwert, und in den sinnend verschränkten Hän- 
den hält Walther das Attribut seiner fahrenden Kunst: die 
bauchige Fiedel. Das frei erhobene Haupt, mit einem kleinen 
Barett bedeckt, wendet sich den heimischen Bergen zu; ein 
Zug schwärmerischer Begeisterung adelt das männlich schöne, 
sanfte Gesicht. 

* Die Gemeinde des Vorortes Ottakriiig bei Wien hat 
zur Erinnerung an das vorigjährige Regierungsjubiläum des 
Kaisers Franz Josef I. die Errichtung eines Austriabruimens 
beschlossen und dessen bildnerische Ausschmückung dem 
Bildhauer Scherpc, einem Schüler Kundmanus, übertragen. 
Das von dem Genannten kürzlich vollendete Modell, ein 
geschmackvolles und gediegenes Werk, steht gegenwärtig in 
der k. k. Erzgiesserei zum Guss bereit. Dasselbe zeigt als 
Bekrönung der Brunnenschale die Gestalt der Austria mit der 
Rudolfinischen Hauskrone und dem mächtigen Lehensschwert. 
Der Mantel ist mit dem Doppelaar verziert, der Gürtel zeigt 
die Länderwappen. Die ganze Erscheinung atmet Hoheit, 
verbunden mit frischer Natürlichkeit. Zur Rechten ist ein 
Ovalmedaillon mit dem Bildnis des Kaisers angebracht. 
Das Unternehmen der Gemeinde verdient Anerkennung und 
Nachahmung. 

* Professor Auyiist EiKcniiiciiijrr in Wien hat soeben 
für die Decke eines Saales im Wiener Rathause zwei grosse 
allegorische Gemälde vollendet, welche in technischer wie 
in künstlerischer Hinsicht bemerkenswert sind und in erfreu- 
licher Weise bekunden, dass die Gemeinde fortfährt, für den 
idealen Schmuck ihres Hauses zu sorgen. Es ist der Vor- 
saal des Gemeinderatssaales, für dessen Plafond die beiden 
Bilder bestimmt sind. Vaterland und Vaterstadt werden in 
ihnen verherrlicht. Auf dem einen Bilde sehen wir die 
Austria am lichten Himmel daherschweben , getragen von 
der Liebe, der Treue und der Stärke. Sie ist mit einem Ge- 
wände aus Goldbrokatstofi' und mit dem Hermelinmantel be- 
kleidet und trügt a iif dem Hauiit die österreichische Kaiserkrone, 
in den Hiiiulrii Sirptir iiml lli iihsfahne. Dem Zuge voran 
schwebt die ( iererlitigkiit, darülier im Hintergrunde die Be- 
geistenmg. Auf dem zweiten Bilde ist die Vindobona dar- 
gestellt, eine üppige Blondine, welche auf den Resten der 
alten Bastionen sitzt. Der Gejiius der Freiheit zieht ihr so- 
eben den altersgrauen Schleier der vormärzlichen Zeit vom 
Haupte und die in Jugend und Schönheit strahlende Gestalt 
erscheint, das neue Wien versinnlichend, vor uns in voller 
Pracht, angethan mit einem rotsammtenen , goldgestickten 
Mieder, die Mauerkrone auf dem Haupte, mit der Rechten 
den Schild mit dem Stadtwappen aufstützend. Zu ihren 
Häupten steht ein Genius mit den Fasces. Im Hintergrunde 
links erscheinen der Ruhm und die Künste, die durch die 
Veijüngimg der Stadt zu neuer Thätigkeit^' erblühten. Zu 
Füssen der Vindobona liegt links ein mächtiger Löwe, zer- 
brochene türkische Trophäen in den Pranken, rechts sitzt die 
ehrwürdige Gestalt des an seine Ufer gefesselten Danubius 
und neben ihm der kleine wilde Dämon des Wienflusses. 
Der Hintergrund zur Rechten öffnet uns einen Ausblielc auf 
das Wasserschloss des Kaiserbrunnens mit den yucUeini^ ui- 



phen der Hochquellenleitung nml dem Schneeberg als Ab- 
schluss. Die reichen und gedankenvollen Kompositionen 
sind durch eine blühende Frische der Farbe ausgezeichnet, 
wie sie Eisenmenger nur in seinem früher von uns erwähn- 
ten Fries im neuen Burgtheater erreicht hat. Mit diesem 
haben die Bilder auch ihre eigentümliche Technik gemein. 
Sie sind nämlich ohne jede Unteimalung einfach auf der 
grundirten Leinwand lasirt, in Ol wie Aquarelle behandelt, 
ohne jede Deckfarbe. Die Technik ist ebenso solid wie die 
Wirkung hell und glänzend. Die Bildflächen haben eine 
Länge von ca. 2,50 m und eine Höhe von 1,85 m. Die Fi- 
guren sind fast lebensgross. 

» Oustar Klimi und Fniin Matsch haben für das histo- 
rische Museum der Stadt Wien zwei Lmenansichten des alten 
Burgtheaters gemalt, welche das ehrwürdige Schauspielhaus 
gefüllt mit seinem altgewohnten Publikum zur Darstellung 
bringen. Die eine Aufnahme veranschaulicht den Zuschauer- 
raum von der Bühne gegen das Haus, die andere von diesem 
gegen die Bühne gesehen. Die erste ist von Klimt, die andere 
von Matsch. Jedes der Bilder enthält mehr als hundert wohl- 
getroft'ene Bildnisse von hervorragenden und in diesen Räu- 
men oft gesehenen Persönlichkeiten, welche durch alle Ränge 
und Plätze verteilt sind. Beide Gemälde sind von jenem 
fesselnden Realismus und jenem Geschmack in der Behand- 
lung, welche die genannten Künstler schon bei ihrer gemein- 
samen Arbeit für das Theater in Karlsbad und in noch 
höherem Grade bei ihren dekorativen Malereien im neuen 
Wiener Burgtheater so glänzend bewährt haben. 

= tt. Der Priiix-Heinrich-Bnmnen für Kiel, modellirt 
von Prof. T". Liirssen, ist in Bronzeausführung durch die 
Berliner Erzgiessei'ei von Seliöffcr ((■ Walher vollendet und 
gelangt nunmehr zur Aufstellung. Die Grundform des etwa 
sieben Meter hohen Brunnens ist dreieckig; auf schön ge- 
gliedertem Postamente erhebt sich die mit einer Mauerkrone 
bedeckte „Kilia" und am Postamente selbst sind die wohl- 
gelungenen Reliefbilder des Prinzen Heinrich und der Prin- 
zessin Irene von Preussen angebracht. 

Litcheirj Ilicliter- Feier. Aus Hildesheim, wird uns ge- 
schrieben: Die Abendstunden des IS. Oktober waren einer 
erhebenden Richter-Feier in Knaups Theatersaale gewidmet, 
die uns wahrhaft Gelungenes und Schönes bot. Diese 
Feier war dem Gedächtnis des Künstlers gewidmet und der 
Ei-trag für das Richter-Denkmal in Dresden bestimmt. Herr 
Professor Küsthardt hielt zunächst einen Vortrag über den 
Lebensgang L. Richters und seine künstlerische Bedeutung. 
In knappen Zügen und formvollendeter Weise entwarf der 
Vortragende ein Lebensbild des berühmten Meisters, der 
für die deutsche Kunst von massgebender Bedeutung gewor- 
den ist. Herr Küsthardt wies nach, wie die Kunst Richters 
gerade für das deutsche Haus und die deutsche Familie von 
segenbringender und wahrhaft erziehlicher Wirkung gewesen 
und dass der Same, den er hier gestreut hat, zu prächtiger 
Saat aufgegangen sei und fortdauernd noch befruchtend 
wirke. Als Mensch sei Richter ein liebenswürdiger, beschei- 
dener Charakter gewesen, von innigem und tiefem Gemüts- 
leben, das in seinen künstlerischen Schöpfungen so wunder- 
bar zum Ausdruck kam. — Der Vortrag wurde von der 
zahlreichen und sehr gewählten Versaiumlung mit grossem 
Interesse aufgenommen. Der zweite Teil der Feier bestand 
in der Aufführung von lebenden Bildern mit Musikbegleitung. 
Damen , Herren und Kinder aus der Hildesheimer Gesell- 
schaft hatten sich in liebenswürdiger Weise zur Mitwirkung 
bereit gefunden. Die Bilder waren tadellos und von über- 
raschend malerischer , ja prächtiger Wirkung. Äusserst 
lelieiiswabr gali sich das „Kinderkonzert", sinnig und deutsch- 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



55 



fromm, von ideiilfui llimcli uiiitlosMen das ..Tischgebet", leben- 
dig und farbeusprülieud das „Winzerfest", stimmungsvoll und 
jioetisch mit etwas sentimentaler Wirkung die „ÜberfLihrt 
nach dem Schreckenstein", und lebenatmend, nuancenreich 
und von durchschlagender malerischer Gesamtwirkung das 
„Hochzeitsfest". Als Überraschung vpar noch ein sechstes 
Bild hinzugefügt, eine Iluldigumj für Ludirnj Uichtcr, dessen 
Büste mitten auf der Bühne auf hohem Postament stand 
und vom Volk aus allen Ständen — den Mitwirkenden — um- 
geben war, das bewundernd und verehrungsvoll zu dem Bilde 
des Künstlers aufschauend, ihm den Ehrenkranz weihte. Der 
Eindruck, den diese Bilder in ihrer farbigen Plastik machten, 
war ein gänzlich neuer, denn eigentlich kannte man doch 

— ausser den verhältnismässig wenigen Bildern, die Richter 
als junger Künstler gemalt hatte — nur die zarten, liebe- 
voll durchgeführten Zeichnungen, zumeist nur Holzschnitte. 

— Ein wesentlicher Anteil an dem schönen Gelingen der 
lebenden Bilder und der Ausstattung der Bühne gebührt den 
.jungen Düsseldorfer Malern, Herrn Enriii KiistJ/ardt, dem 
Sohn des hiesigen Bildhauers und Herrn Prtcr Schmitt, 
welche Herrn Prof. Kiistliarrlt helfend zur Seite standen. — 
Die Musikbegleitung wurde von Herrn W. Leineweber 
feinfühlig und mit gutem technischen Gelingen ausgeführt. 
Die Veranstalter der Feier, Herr Bildhauer Fr. Küsthardt, 
Herr Pastor J. Graen und Herr Direktor Dr. C. Bittmann, 
haben sich den Dank aller Kunstfreunde in hohem Masse 
erworben. Der erhebliche Reinertrag der Feier ist an das 
Dresdener Komitee zur Eri'ichtung eines Richter-Denkmals 
abgeführt. Der Ertrag waren 579 M., die Unkosten betrugen 
141 M. 40 Pf. so dass 437 M. 60 Pf. nach Dresden abgeliefert 
werden konnten. Was vereinte Kräfte in unserer kunst- 
sinnigen Stadt Schönes und Erspriessliches zu leisten im 
stände sind, das hat der Verlauf der Ludwig Richter-Feier 
von neuem bewiesen. 

^ tt. Ofl'enbacli a. M. Der Bildhauer Hermcmn Schurig 
hat die Büste des Erfinders A. Edison in dessen Auftrage 
modellirt; sie wird in der Müncheuer Erzgiesserei von Fcrd. 
füll Miller in Bronze gegossen werden. 

^ tt. Prof. Dr. .Jo.icpli Dum/ hat nach zweijähriger Bau- 
thätigkeit die neue grossherzogliche Kunstgewerbeschule in 
Karlsruhe nunmehr vollendet, und die aufblühende Anstalt 
zieht jetzt in ihr neues Heim; dasselbe bildet einen statt- 
lichen dreistöckigen Renaissancebau in Rechteckform mit 
einem grossen glasüberdeckten Säulenhofe. 

:=tt. Karlsruhe. Als Preisrichter der am 1. August 1890 
einzureichenden Modelle für das zu errichtende Kaiser- 
Wilhelm-Denkmal sind vom Stadtrate die drei Bildhauer 
Professor C. von Zii»ilm.ich-yVien und die zwei Berliner Pro- 
fessoren Oustav Eherlein und Fr. Schaper, sowie die beiden 
Architekten Paul Wallot - Berlin und Friedrich Thicrsch- 
München erwählt worden. Die genannten fünf Künstler haben 
ihr Erscheinen auch zugesagt. 

* Über die Pariser Einrichtungen -xur Hebung des T'b//,s- 
u-ohlstandes hielt der Abgeordnete Hofrath Exncr im Wiener 
Gewerbevei-ein kürzlich einen beachtenswerten Vortrag. Er 
sagte unter anderm: Die Weltausstellung im Jahre 1889, 
dieses grandiose Unternehmen zur Hebung des Pariser Wohl- 
standes, gab trotz des Fernbleibens von Mitteleuropa ein 
vollständiges und getreues Bild des gegenwärtigen Zustandes 
der künstlerischen, kunstgewerblichen, industriellen und 
Bodenkulturproduktion und zeigte uns an Hunderten und 
Hunderten von Einzelfortschritten die ungeahnten, weit- 
tragenden und nachhaltigen Erfolge menschlicher Arbeit 
im letzten Dezennium. Und dennoch muss der Gesamtein- 
druck der Verwaltungsmassregeln, die ergriffen wurden, um 



die Arbeit des französisclien Volkes in ihrer dominirendi-n 
Stellung zu erhalten, noch mehr imponiren; dennoch wird 
die beharrliche, gleichmässige Wirksamkeit der ött'entlichen 
Institute den Volkswohlstand nachhaltiger fördern, als die 
Ausstellung. Die technischen Lehranstalten Frankreichs, die 
Pariser Museen, die französische Akademie waren die Vor- 
bilder für viele analoge ausgezeichnete Anstalten in allen 
übrigen Kulturstaaten der Welt. Paris besass die erste poly- 
technische Schule, das erste technische Gewerbemuseum, die 
erste Hochschule für Brücken- und Strassenbau, die erste 
höhere Gewerbeschule, und der Staat, die Kommune und 
die Privatinitiative wetteifern in der Konservirung und Aus- 
gestaltung dieser sowie in der Schaffung neuer Institute. 
Das Conservatoire des arts et metiers, das älteste und bis 
lieute noch bedeutendste technische Gewerbemuseum, ist 
von ehrwürdigem Alter and gleichzeitig von unvergleichlich 
jugendlicher Thatkraft. Es besitzt die grösste technische 
Sammlung der Welt. Die 15 Lehrkanzeln versammeln in 
den G Wintennonaten circa 200000 Zuhörer, und die Biblio- 
thek wird von etwa 30000 Personen per Jahr besucht. Den 
modernen Bedürfnissen nach Belehrung in politischer Be- 
ziehung wurde durch die Errichtung der Ecole libre des 
Sciences politiques in der gründlichsten Weise entsprochen. 
Diese wirklich freie Hochschule mit nicht weniger als 38 
Lehrkanzeln kommt besonders den Welthandelsbeziehungen 
Frankreichs zu gute. Die Absolventen der genannten jungen 
Lehranstalt werden entweder dem Ministerium des Äussern 
oder dem Kolonialdienste zugeführt. Für die Erziehung von 
Exporteuren ist eine eigene Lehranstalt errichtet worden: 
die Ecole preparatoire au commerce d'exportation , welche 
unter der Leitung von Lesseps und Felix Faure steht. Der 
technische Unterricht hängt eben mit dem Exporte und mit 
diesem der Wohlstand des Landes zusammen. Der Wert der 
industriellen Produktion Frankreichs wurde von Clemenceau 
für das Jahr 1847 mit 5 Milliarden, für das Jahr 18ü0 mit 
10 Milliarden, für das Jahr 1888 mit 16 Milliarden geschätzt, 
von denen jetzt 4'/2 Milliarden allein auf Paris entfallen. 
Die Zahl der stabilen Pferdekräfte betrug in Frankreich im 
Jahre 1840 34450, im Jahi-e 1880 5441.Ö2 und im Jahre 
1885 702666. Diese rapide Steigerung der Industrie wurde 
nur durch den ausgezeichneten technischen Unterricht er- 
möglicht. Das glänzendste Beispiel hiefür ist die Staats- 
gewerbeschule in Paris, die Ecole centrale des arts et 
luanufactures, welche, im Jahre 1829 als Privatschule neben 
den technischen Hochschulen gegründet, im Jahre 1857 ver- 
staatlicht wurde. In allerjüngster Zeit bezog diese Anstalt 
ihren neuen Palast, für welchen die Kammer auf Grund 
eines Referates des Deputirten Spuller 6180000 Francs votirte, 
während die Schule selbst und die Kommune Paris mehr als 
3 Millionen Francs zur Verfügung stellten, so dass das Ge- 
bäude einen Wert von mehr als 9 Millionen Fi-ancs besitzt. 
Redner sohildeiHie sodann im Detail die Einrichtungen, 
welche in den letzten zehn Jahren durch den Staat, durch 
die Kommune Paris und durch die Privatinitiative entstanden 
sind, insbesondere die neuen Fachschulen, das Musee des 
arts decoratifs und das Musee des arts compares, deren Auf- 
gabe er mit jener der alten Museen in Vergleich stellte und 
bewies, dass man in Frankreich der Ansicht ist und die 
VeiTvaltung danach einrichtet, dass unsere gegenwärtige 
Civilisation und der Volkswohlstand hauptsächlich auf der 
Vei-wertuug der Wissenschaften beruhen. 

= tt. Heidelberg. Das Baubureau für die Untersuchung 
und Aufnahme der erhaltenen Reste des Heidelberger 
Schlosses wurde am 1. November dieses Jahres, nach nun- 
mehr 6V2Jähriger Thätigkeit, aufgehoben. Das Badische 



56 



KLKINE MITTEILUNGEN. 



Staatsministerium wird auf (liund der j^ewonnencn Res\il- 
tatt? und der fjeuau aufgi'nonimencu Zciclimin{;t'n nun den 
<temniichst zusammentretenden beiden Kanmiern der Land- 
stände seine Anträge bezüglich der auszuführenden Schloss- 
restaurationen unterbreiten, und wir hoffen, dass dieselben 
mit allseitiger Befriedigung begrüsst werden können. 

• Wirnrr KiDistniiltiiiiirii. Anfang Dezember kommt 
durch die Kunsthandlung li. 0. Miethke in Wien die ausser- 
gewöhnlich schöne und reichhaltige Sammlung aus dem 
Nachlasse des dort verstorbenen amerikanischen Kunsthänd- 
lers Adolf Kulm zur Versteigerung. Es sind darunter Werke 
der bedeutendsten MiiiiatKninilcr. wie Isabey, D. Saint 
Augustin, P. A. Hall, Petitot, Shelley, H. Füger, Daffinger. 
Jean Vestier, Moreau, Sicardi, Tellier, Du Bois, Lagrene, 
Toure, Delaj)lace, M. Lebrun, Singry, L. Auljry, Vangorp, 
Crescent u. a., bei 300 an der Zahl, ferner aus demselben 
Besitze sehönc altchinesisch'e und japanische Kunstgegen- 
stände, Bilder und Zeichnungen. — Gleichzeitig gelangen 
durch die Kunsthandlung H. 0. Miethke die berühmten Samm- 
lungen moderner Gemälde aus dem Besitze des in Wien ver- 
storbenen Herrn Henry Lusfiff sowie des Fabrikanten Herrn 
Edimrd Fast zum Verkaufe. Diese Sammlungen enthalten 
Werke von Andreas und Oswald Achenbach, Ziem, Brascassat, 
Willems, Paul Meyerheim's berühmtes Bild „die Schafschur", 
Verboekhoven, Ricard, Clays, Leopold Müller, Israels, Ary 
Scheffer, Geröme, Brillouin, A. Seitz, B. C. Koekkoek, Madou 
und anderen. — Den Schluss dieser l)(>de\itenilen Versteigerung 



bildet die von dem verstorbenen Freihrrrn Alexander von, 
Warsheni hinterlassene grosse Sammlung von Aquarellen 
und Zeichnungen, darunter solche von Corrodi, 0. Achenbach, 
Ziem, Werner, Calame, Rottmann, Preller, Darstellungen aus 
den klassischen Gegenden des Orients, die zum, Teil auf 
Veranlassung des als Sammler und Kunstkenner bekannten 
Eigentümers entstanden sind. Der lllustrirte Katalog er- 
scheint in der zweiten Hälfte des November und ist durch 
die Kunsthandlung H. 0. Miethke in Wien zu beziehen. 

X. Mänchencr Kunstanktion. Vom 18. November ange- 
fangen gelangt in München in den Centralsälen unter der 
Direktion des gerichtlich verpflichteten Kunstexperten Karl 
Maurer die bedeutende und wertvolle Gemäldesammlung des 
Schlosses Haag zur Versteigerung. Zugleich wird der Nach- 
lass von Gemälden , Kupferstichwerken und Antiquitäten 
einiger verstorbener Sammler mit versteigert. Der mehr als 
600 Nummern enthaltende Katalog nennt die Namen: Adam, 
Bassano, Boucher, Braith, Breughel, Canaletto, Canon, Cuyp, 
Dorner, Droogsloot, Eberle, Ebert, Ezdorf, de Heem, Heems- 
kerk, Hetsch, Honthorst, Horschelt , Huysum, Kaufmann, 
Kaulbach, Kirchner, Kohell, Lange, Leyden, Makart, Mafak, 
Matteuheimer, Millet, Palamedes, Peters, yuerfurt, Reni, 
Schoreel, Stanley, Storck, Teniers, Tiepolo, Titian, Voltz, 
Zimmermann, Zwengauer. Die öffentliche Besichtigung findet 
am 15. It). 17. November statt. Kataloge können durch den 
Kunstexperten Karl Maurer bezogen werden. 






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Salzburg. Vase aus dem Mirabellgarteii. 



Herausgeber: Carl von Lüt'MW in Wien. — Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers E. A. tSccniaiii, 

Druck von Aiu/ust Pries. 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER 
IN REGENSBURG. 



VON C. TH. POHLia. 
MIT ABBILDUNGEN. 



IL') 



Dio V^ereuakapelle in der Bachgasse. 




N DER Bachgasse, der bereits be- 
sprochenen Kreuzkapelle gegen- 
über, liegt die Verenakapelle im 
Hause Litera C. Nr. 113. Über 
die Lage dieser Kapelle war man 
lange im unklaren. Nach vorhan- 
denen Kegesten geschieht des Hauses der Baumburger, 
welche die Kreuzkapelle gründe- 
ten, gegenüber der „Vrenkirche" 
Erwähnung, und nach einer an- 
deren Stelle, die bereits bei Be- 
sprechung der Kreuzkapelle mit- 
geteilt wurde, übergab Jacob 
Meillinger die Briefe über ein 
Haus hl der Bachgasse „gegen 
des Woller Kirche über" 1399 
an Hans Läutwein und seine 
Schwester Ingolstetter. Es kann 
damit nur das Baumburgersche 
Haus gemeint sein; denn dieses 
gelangte gegen Ende des 14. Jahr- 
hunderts in den Besitz der Ingol- 
stetter und lag der Verenakapelle gegenüber. 
Es kann also keinem Zweifel imterliegen, dass 
diese Kapelle und das ehedem Wollersche Haus 
in dem jetzigen Hartweinschen Hause C. 113 
zu suchen ist. Die älteste Nachricht, welche 
über dieses Haus vorhanden ist, datirt vom Pfintztag 




r^ 



1-1/ 

Abb. 2( 



1) Vergl. Teil I in Bd. XXIV, S. 257 ff., wo unter Abbil- 
dung 17: Fenster am Orafenrcutcrschnn Baus zu lesen ist. 
Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



nach Martini des Jahres 1371, laut welcher Ulrich 
Woller der „Freukapelle in seinem Hause im Fach" 
zwei Weingärten verschreibt. Die Woller waren ein 
altes Regensburger Bürgergeschlecht, denen auch das 
grosse Eckhaus B. 64 am Haidpiatz gehörte, in wel- 
chem sich die St. Laurenzkapelle befand. Diese Ka- 
pelle ist längst verbaut und auch das stattliche Haus 
vielfach umgemodelt worden; nur an der Rückseite 
desselben gegi'U die Rote Hahnengasse bemerkt man 
noch einige frühgotische Fenster 
mit Säulchen und Knäufen. 

Nach den Wollern war das 
Haus in der Bachgasse im Besitze 
der Grafenreuter und später der 
Landolz. Unter dem Erker be- 
finden sich die Wappen dieser 
beiden Geschlechter; das Grafen- 
reutersche ist geschacht (schach- 
brettartiggeteilt), dasLandolzsch e 
enthält einen wagrecht liegenden 
Ast, mit drei nach unten wach- 
senden Lindenblättern. 

Das Gebäude hat sowohl 
'■* in seinem Ausseren als auch im 

Inneren mancherlei Wandlungen im Laufe der 
Jahrhunderte erfahren. Ursprünglich befand 
sich allem Anschein nach an der Ecke, wo die 
Kapelle befindlich, ein Turm. Darauf lassen 
sowohl die mit den Eckpfeilern über 1,50 m 
dicken Umfassungsmauern als auch die ungleiche 
Höhe der Fussböden in den oberen Stockwerken 
dieses Gebäudeteiles, gegenüber denen der anstossenden 

8 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHAUSER IN REGENSBURG. 



Räume, scliliessen. Das rundbogige Kreuzgewölbe mit 
seinen durch eine einfache Hohlkehle, Abb. 26, herge- 
stellten Gurten deutet auf spiitromanischen Ursprung. 
Die Diagonalgurten vereinigen sich nicht in einem 
Schlussstein, sondern schneiden an die Ecken eines 
Quadrates an, welches von dem Gurtenprofil gebildet 
wird. (Siehe den Grundriss Abb. 25.) Der Grund- 
plan ist nahezu ein Quadrat mit einem mittleren 
Durchmesser von 6,16 m, die Höhe beträgt 4,50 m. 
Neben der Kapelle sind zwei mit Tonnengewölben 
überdeckte Räume, von denen der zunächst liegende 
wohl als Sakristei gedient hat. Gegenwärtig be- 
findet sich eine Glaserwerkstatt darin und in der 
früheren Kapelle ein Verkaufsladen. Im 14. oder 
15. Jahrhundert fand ein teilweiser Umbau des Hauses 
statt. Als einziger archi- 
tektonischer Überrest 
dieser Periode ist noch ein 
kleines Spitzbogenfenster 
am Giebel vorhanden. Die 
nach rückwärts liegenden 
Räume erfuhren im 16. 
.Tahrhundert einen weiteren 
Umbau. Trotz einiger spä- 
ter eingezogenen Zwischen- 
wände und Weissdecken 
ist die Bauart noch deut- 
lich zu erkennen. Ein ob- 
longer Raum von beträcht- <^ 
lieber Grösse ist mit rund- 
bogigen Kreuzgewölben 
überspannt, die durch zwei Rundsäulen toska- 
nischer Ordnung getragen werden. Die mit den 
Rundsäulen korrespondirenden Gewölbeansätze 
an den Seiten und Ecken sind mit einem dem 
Säulenkapitäl entsprechenden Antenprofil ab- 
geschlossen. 

Das Haus an der Heuport mit der Andreas- 
kapelle. 
Dieses Haus gehörte im Mittelalter sowohl durch 
seine bevorzugte Lage im Centrum der Stadt, am 
Domplatz, als auch durch seine Ausdehnung und 
Bauart, wie nicht minder durch eine Reihe ange- 
sehener Besitzer aus den ältesten Patrizierfamilien 
zu den hervorragendsten Geschlechterhäusern Re- 
gensburgs. Es erstreckte sich von der Judeugasse, 
der jetzigen Residenzstrasse, bis ins Kramgässchen 
und wird in den Urkunden des 14. Jahrhunderts 
„das Haus an der Hewbart vor Pruckh '), genannt 

1) Auch „vor der Tuuaubruck". 





in dem Dörflein und die Kuchin" bezeichnet. Den 
letzteren Namen ,die Kuchin", oder „die Kuchen" 
führte der nördliche Teil des Hauses gegen das 
Kramgässchen. Der Platz vor dem Hause hiess im 
Mittelalter Heumarkt und noch die Diözesmatrikel 
von 1433 bezeichnet die Lage der Andreaskapelle 
„in foro foeni". Später hiess dieser Platz Eierraarkt, 
auch Eierwinkel, weil das Haus hier einen einsprin- 
genden Winkel bildet. Schon vor der Zeit, bis zu 
welcher unsere Urkunden zurückreichen, scheint hier 
ein ansehnlicher Bau gestanden zu haben. Die Sage 
meldet von einem kaiserlichen Palast der Karolinger, 
welcher Überlieferung auch der Kartäusermönch 
Grünewald ') Ausdruck verliehen hat, wenn er schrieb: 
„St. Andre im Ayrwinkel, auch Königshof am Krauter- 
markt, ist von Königen und 
Fürsten an die adeligen 
Burger kommen." Die 
Sage weiss ferner zu er- 
zählen, dass dieser kaiser- 
liche Palast später in ein 
Frauenkloster vom Orden 
des Berges Karmel um- 
gestaltet worden und dass 
die St. Andreaskapelle mit 
einem Kreuzgang dieses 
Klosters verbunden ge- 
wesen sei. Noch heute ist 

j 1 im Volke der Glaube ver- 

breitet, dass an gewissen 
Tagen zu Mitternacht eine 
Nonne mit weissem Wichel durch die Gewölbe 
wandelt. Ähnliche Spukgeschichten erzählt man 
sich übrigens auch von anderen alten Häusern, 
in denen sich früher Hauskapellen befanden. 
Urkundlich wissen wir weder von einem Palast 
der Karolinger an dieser Stelle, noch von 
einem Frauenkloster etwas. 

Die älteste Urkunde, w^elche über das Haus an 
der Heuport vorhanden ist, stammt aus dem Jahre 
1335 2). Es ist dies ein Gültbrief, worin das Ka- 
tharinenspital gegen 200 Pfund Pfennige, welche 
»Herr Carl der Crazzer an der Hewbart weyland 
Burger ze Regenspurg" dem Spital übergab, zehn 
Schaff Getreide ewiger Gült alle Jahr vor Emmerams- 
tag der Kapelle an der Heuport »ewiglich gewidmet 
hat." Dieser Karl Kratzer, Hansgraf 3) zu Regens- 



1) Grunewalds ßatisbonae II, Cap. VII. 

2) Im Besitze der Hauseigentümerin, Frau Buchhändlers- 
witwo Coppenrath. 

3) Hansgraf, Haudelsgraf, Richter in Handelssachen. 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



59 



bürg, dem das Haus im ersten Viertel des 14. Jahr- 
hunderts gehörte, war jedenfalls auch der Erbauer 
desselben. Es findet sich wenigstens unter den noch 
vorhandenen Bauformen nichts vor, was auf eine 
frühere Zeit hindeutet. Die ältesten Teile des Hauses 
weisen den frühgotischen Stil auf Es ist nicht mehr 
viel, was aus jener Zeit auf uns gekommen ist. Mehr- 
fache Umänderungen im Laufe der Jahrhunderte 
haben das Haus, und besonders das Äussere des- 
selben, sehr zu seinem Nachteil verändert. So wurde 
der grosse Eckturm 
am Kramgässcheu 
im 16. Jahrhundert 
bis zur Dachhöhe 
des Hauses abge- 
tragen, die Mass- 
werksgalerie, 
welche vordem das 
Gebäude krönte, ist 
verschwunden und 
von den gotischen 
Fenstern , welche 
den weitläufigen 
Bau zierten , sind 
nur noch dürftige 
Überreste vorhan- 
den. Eine spätere 
Zeit hat es vorge- 
zogen, dieseFenster 

herauszuschlagen 
tmd durch vier- 
eckige Mauerlöcher 
zu ersetzen. Nur 
ein einziges grosses 

Spitzbogenfenster 
mit Säulchen und Kapitalen au den reichprofilirten 
Feusterwandungen ist an der Aussenseite de.? Ge- 
bäudes vollständig erhalten geblieben. Es befindet 
sich in dem einspringenden Winkel des südlichen 
Flügels imd ist durch die vorgebaute Buchhandlungs- 
auslage teilweise verdeckt. Etwas besser sieht es 
noch im Inneren des Hauses aus. Tritt man durch 
das Hausthor ein, so wird man durch ein grandioses 
Treppenhaus überrascht, das sich mit weitgespreng- 
teu Spitzbögen gegen den Hof öffnet und mit goti- 
schen Kreuzgewölben überdeckt ist. Wie unsere 
Abbildung 29 zeigt, muss die Wirkung früher eine 
noch bedeutendere gewesen sein, ehe die ursprüngliche 
Anlage durch mancherlei Einbauten beeinträchtigt 
wurde, wie z. B. die glatte Wandfläche am unteren 
Teil des hinteren Spitzbogens, sowie die viereckigen 




^^■^"^<^-»;^HV. Vv^ 



Abb. 2y. Haus an der Heupuit, iiepi 



Fenster mit dem darüber befindlichen Ochsenauge 
an der Innenseite des Treppenaufganges. Am linken 
Eckpfeiler dieser Innenseite (auf unserer Abbildung 
nicht mehr sichtbar) befindet sich eine interessante 
Skulptur, die Figürchen einer klugen und einer thö- 
richten Jungfrau, fast ganz frei aus dem Stein ge- 
arbeitet, auf Konsolen und unter Baldacliinen stehend. 
An der Stirnseite des Treppenhauses ist eine Stein- 
tafel eingemauert, welche vier Wappen des Junkers 
Georg Krayss von Lindenfels enthält, dem das Haus 

im 17. Jahrhundert 
gehörte. Noch ver- 
dient ein reiches 
gotisches Gewölbe 
im Parterrege- 

•ibhoss Erwähnung, 
d IS durch seine 
ganz eigenartige 
Gewölbeführung 
iK ein Unikum be- 
/ iclmet werden 
darf und von dem 
Vi ir in Abb. 27 einen 
Giundriss geben. 
Dasselbe stösst mit 
einer Langseite an 
die Innenwand des 

Treppenhauses, 
(kssen unteres 

Fenster den Raum 
spärlich erleuchtet. 
Em zweites Fenster 
ist daher in der Ecke 

hineingebrochen 
und mündet in dem 



einspringenden Winkel aus, den die beiden Ge- 
bäudeflügel bilden. Wie aus dem Grundplan er- 
sichtlich, geht die Quergurte wegen des Fensters an 
der einen Langseite nur bis zur Mitte des Gewölbes, 
um sich dann von hier aus Ln die gegenüberliegen- 
den Ecken zu verzweigen. Die übrige Gurtenfüh- 
rung ist aus der Zeichnung ersichtlich. Abb. 28 giebt 
das Gurtenprofil. Die drei reich skulptirten Schluss- 
steine sind mit Blätterkränzen und darüber hervor- 
tretenden Rosetten geschmückt. Wenn man nach 
den vorhandenen Resten auf das Ganze schliessen 
darf, so muss der ursprüngliche Bau zu den hervor- 
ragendsten Beispielen gotischer Wohnhausarchitektur 
gehört haben. 

Kehren wir nach diesen Betrachtungen wieder 
zur Geschichte des Hauses und der Kapelle zurück. 

S* 



()ll 



II AUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



Es wird nicht leicht ein Haus in Regeusbiirg geben, 
über das so viele Urkunden aus allen Jahrhunderten 
seit seinem Bestehen vorhanden sind. Eine grosse 
Anzahl von Kauf- und Leheubriefen, Gültverschrei- 
bungeu , Reversen , Verträgen , Taxquittungen und 
W^aehtbescheiden bilden ein förmliches Hausarchiv» 
das hau])tsächlieh von dem vorletzten Besitzer, Buch- 
händler Mauz, durch Wiederervperbung abhanden ge- 
kommener Urkunden vervollständigt wurde. Aus 
dieser reichen Sammlung lässt sich eine vollständige 
Geschichte dieses alten Geschlechterhauses zusammen- 
stellen; im Nachfolgenden soll nur das Haujitsäch- 
lichste erwähnt werden. 

Bis zum Jahre 1341 war der ganze Gebäude- 
komplex samt Kapelle im Besitze des Hansgrafen 
Karl Kratzer und seiner Nachfolger. Nach ihnen 

hatte eine Reihe von 

edlen und „er baren" 
Geschlechtern den 
grossen Gebäudekoiii- 
plex ganz oder teil- 
weise in Besitz, so im 
1 4. Jahrhundert dir 
Siran hinger, Sim oh . 
Paiändorfer, Piill- 
reichsjicrfjer, Parräu Irr 
und Hädrar. Im 15- 
Jahrhundert begeg- 
nen wir den Sfayus- 
bergern und Sittauerii, 
den alten Regensbur- 
ger Geschlechtern der Gnnicr, Cmmprcchl und Ingol- 
stclter, ferner der Eckhardt, Peich und Grafenreuter. 
Näher darauf einzugehen, müssen wir uns an dieser 
Stelle versagen. Im 16. Jahrhundert gelangte das Ge- 
bäude in den Besitz des Ratsgeschlechtes der Portner. 

Unter Christoph Portner wurde die Kapelle pro- 
fanirt. Die 2 Zentner 39 Pfund schwere Glocke 
schenkte er 1560 an die Neupfarrkirche für die zu 
giessende grosse Uhrglocke, welche ausschliesslich 
aus Glocken säkularisirter Kapellen gegossen wurde. 
Im Jahre 1563 übergab er auf Wunsch des Rates 
die Gülten und Zinsen der Kapelle in seinem Hause 
an das Almosenamt der Stadt. Dieselben betrugen 
jährlich „41 Gulden, 5 Schilling Wiener (Pfennige) 
in Müntz Einkommen auf nachfolgenden Gründen 
und Stucken: Auf Georg Kolbingers Behausung gegen 
den Salzstadel über 11 Gulden, 3 Schilling Wiener; 
auf Hansen Meyers, Schiffmanns, Acker vor Jakobs- 
thor gelegen 1 Gulden, 5 Schilling, 13 Wiener und 
aus der von Christoph Portner selbst innehabender 



Hauptsumme von 570 Gulden, 28 Gulden, 3 Schilling, 
15 Wiener Zinsen." Von den zehn Schaff Getreide 
des Katharineuspitals ist jedoch keine Rede. Portner 
erbot sich „aus freien Stücken", die Summe von 
570 Gulden aus eigenen Mitteln auf 600 Gulden zu 
erhöhen und verpflichtete sich, diese Summe in sechs 
Jahresraten a 100 Gulden zu entrichten. Cammerer 
und Rat stellten ihm hierüber unterm 25. Dezember 
1563 einen Revers') aus und versprachen ihm, ge- 
wissermassen als Äquivalent für sein Entgegenkom- 
men, seinen Erben und Nachkommen, wenn sie in 
Not geraten sollten, Unterstützungen zu reichen 
oder ihnen Stipendien „sonderlich in Theologia" zu 
teil werden zu lassen. Ferner wurde ihm das Recht 
eingeräumt, „gedachte Kirchen zu verbauen und in 
seines Hauses Nutz zu verwenden, wie auch den sil- 
bernen Kelch, ein sil- 
bern Andreasbild und 
einen gestickten Mess- 
oruat behalten zu 
dürfen." Von der Er- 
laubnis, die Kapelle 
zu verbauen machte 
denn auch Portner 
den ausgiebigsten Ge- 
brauch. Er teilte den 
hohen stattlichen 

Raum in drei Stock- 
werke , schuf das 
zweite und dritte Ge- 
schoss in Wohnungen 
zu je drei Zimmern um und Hess unten ein Gewölbe 
einziehen. 

Die Andreaskapelle ist die zweithöchste der 
Regensburger Hauskapellen, sie wird nur um weniges 
von der Thomaskapelle im Auerhaus übertroffen. 
Ihre Dimensionen betragen 9 m in der Länge, 7,75 m 
in der Weite und 10 'l;, m in der Höhe. (Die Tho- 
maskapelle misst 11 m in der Höhe, das untere Ge- 
schoss dazu gerechnet.) Trotz der Verbauung der 
Andreaskapelle kann man sich ein vollständiges Bild 
derselben machen, da das gotische Gewölbe noch er- 
halten ist. Es reicht mit seinen Ti-agsteinen bis in 
den mittleren Stock hinab und man darf sich nur 
Fussböden und Zwischenwände entfernt denken, um 
sich das ursprüngliche Bild des stattlichen Raumes 
zu rekonstruiren. Unsere Abbildung 30 zeigt uns 
eine Ansicht des Gewölbes und Abb. 31 einen Grund- 
plan desselben. Was daran auffallig erscheint, ist 

1) Im Nachkiss des Hauptmanns C. W. Ncumauu. 




.'ölbe der Andreaskapelle. 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



Ol 



die grosse Nische in der 1,50 m dicken Mauer des 
anstossenden Turmes und die durch diese Nische 
bedingte Brechung oder Kröpfung der Wandbogen. 
An der Ostseite mag wohl früher eine Apsis ge- 
wesen sein, denn es fehlt an dieser Seite die Wand- 
gurte, und die beiden Gurtenansätze am östlichen 
Schlus.ssteiu (siehe den Grundplan) lassen auch etwas 
Ähnliches vermuten. Dass auf dieser Seite hohe 
Spitzbogenfenster angebracht waren, ist selbstver- 
ständlich, die jetzt vorhandenen Fenster entstammen 
dem Portnerschen Umbau im 16. .Jahrhundert. Die 
Profilirung der Gewölberippen ist eine reichere, als 
dies gewöhnlich der Fall ist. Sie besteht nach Fig. 32 
aus Platte, Einkerbung, Schräge und zwei aufein- 
ander folgenden 
Hohlkehlen , die 
nur durch einen 
schmalen Steg von 
einander getrennt 
sind. Abb. 33 giebt 
die Form eines 
Tragsteines. An 
einem der sehr be- / 
schädigten und 
verputzten Schluss- 
steine erkennt man 
einen frühgotischen 
Wappenschild, der 
vermutlich das 
Wappen des Bau- 
herrn, des Hans- 
grafen Karl Kratzer 
enthielt. 

Von den Portneru ging das Haus an der Heu- 
port gegen Ende des 16. Jahrhunderts an den .Junker 
Georg Krais von Lindenfels über, der eine geborene 
Portner zur Frau hatte. Aus einem Wachtbescheid 
vom 13. Sept. 1593 ersehen wir, dass Krais von 
Lindenfels im genannten Jahre bereits Besitzer des 
Hauses war. Er erhielt nämlich in diesem Jahre die Er- 
laubnis, den Turm bis auf 72 Werkschuh abzubrechen, 
das ist bis zu gleicher Höhe mit der Hausmauer, 
weil der obere Teil des Turmes baufällig geworden 
war. Nach dem erwähnten Wachtbescheid führte 
der Anwohner des Turmes, Gürtler Hans Hofmann 
in der Kramgasse I^lage gegen Junker Krais, weil 
sein Haus beim Abbruch des Turmes beschädigt 
worden war und wurde ihm vom Ratsherrn Tobias 
Adler als Wachtmeister der Wahlenwacht ') 60 Gul- 
den Schadenersatz zugesprochen. 

1) Die Stadt war in eine Anzahl Bezirke (Wachten) 




Abb. 31. Grundriss der Andreaskapelle. 



Von späteren Besitzern des Hauses verdient 
noch der Handelsherr und Stadtgerichtsassessor, der 
„Ehrenveste und Wohlfürnehme Herr Job. Ludwig 
Pürckhl* (seit 1706) Erwähnung, dessen Wappen an 
das Gewölbe im Erdgeschoss der verbauten Kapelle 
gemalt ist. Es zeigt ein schwarzes, rechtsspringen- 
des Einhorn mit einem dreiblätterigen Zweige im 
Maul und ist mit einem Spruchbande umgeben, das 
die Devise trägt: „Thue recht, lass Gott walten!" 
Zur Zeit ist der grössere Teil desselben im Besitze 
der Coppenrathschen Verlagsbuchhandlung , der 
kleinere mit der Kapelle im Besitze der Kaufmanns- 
witwe Markl. 

Die Alexiuskapelle. 

Nur um zwei 
Häuser von der 
eben besprochenen 

Andreaskapelle 
entfernt, im sogen. 
,Hohen Laden" 
A. 15 lag die Ka- 
pelle zu Ehren St. 
Alexy. Wenngleich 
dieselbe bei Einhal- 
tung der chrono- 
logischen Reihen- 
folge erst später zu 
behandeln wäre, so 
soll dieselbe doch 
wegen der unmittel- 
Ijaren Nähe an der 
obengenannten Ka- 
pelle und weil auch 
dieses Haus im Mittelalter zuweilen das Haus an der 
Heuport genannt worden sein soll, gleich hier eine 
Stelle finden. Zudem ist der Unterschied in der Bau- 
zeit nicht so bedeutend, nur die nachher noch zu be- 
sprechenden Kapellen St. Thomae und St. Sigismund 
gellen ihr zeitlich voran. Bot das Haus an der Heu- 
port mit der Andreaskapelle einen Reichtum an Ur- 
kunden, wie nicht leicht ein anderes der hiesigen 
Geschlechterhäuser, so besitzen wir über das Haus 
mit der Alexykapelle nur sehr dürftige Nachrichten, 
ja man war sogar im Zweifel , wo man die Alexy- 
kapelle zu suchen hatte. Während Schuegraf die 
Lage derselben im „Hohen Laden" angab, war Neu- 
mann der Ansicht, dass hier die Kapelle St. Mar- 
garetha und Sebastiani zu suchen sei. Was darüber 
aufzufinden war, spricht jedoch dafür, dass hier wirk- 



eingeteilt und jede Wacht hatte einen Vorsteher oder Wacht- 
meister, der in der Regel dem Rate angehörte. 



(>2 



HAUSKAPELLEN UND GESCIILECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



licli die Alexiuskapelle Lig. Der städtische Baiiamts- 
direktor Gölgel ') beschreibt in seinem Verzeichnis 
der Hauskapellen von 1724 die Lage derselben in 
einer "Weise, dass'kein anderes Haus damit geraeint 
sein kann, wenn er sagt: „Die Alexykapelle in Ehren- 
tri'ui'u, in Lindwurm genannt, befand sich in des 
Herrn Anton Kufuers, Handelsmanns und E. Erb. 
Allmosen Ambts Ass. (essors) Frauen Elieliebsten Be- 
luiusung gegen den Bischofshof und der Leyboldischeu 
Ajiotheke über." Diese Leyboldische Apotheke ist 
aber keine andere, als die heutige Leixl- Apotheke 
und war von 1683 bis 1796 im Besitze der Apo- 
thi'kerfamilie Leybold. Somit kann über die Lage 
der Alexykapelle kein Zweifel obwalten. Sie befindet 
sich in dem Hartlaubscheu Hause Litera F. 15, der 



noch weitere Benefizien hatte. So wird in einem 
Verzeichnis von 1583 auch ein Weingärtchen bei 
Winzer genannt, dessen Zins 1 Pfund Pfennige be- 
trug, von welchem die Kapelle zwei Drittel und das 
Hochstift ein Drittel zu beanspruchen hatte. Um 
die Mitte des 16. Jahrhunderts war Dr. Oberndorfer 
Besitzer von Haus und Kapelle '). Auf ihn folgte 
der Ratsgeschlechter und Handelsherr Hans Heu- 
singer, unter dem die Kapelle profanirt wurde. Im 
Jahre 1560 schenkte er die Glocke, die in einem jetzt 
nicht mehr vorhandenen Türmchen aufgehangen war, 
an die Neupfarrkirche zum Guss der grossen Uhr- 
glocke, und 1565 überwies er die bisher zur Kapelle 
geleisteten 6 Gulden, 3 Schillinge dem Almosenamt 
der Stadt mit der Erklärung, dass er das zur heil. 






Abb. 35. Von der Alexiuskaiielle. Abb. 37. Von der 

„Hohe Laden" genannt, welches der Apotheke und 
dem Bischofshof gegenüber liegt. 

Gegen Ende des 14. Jahrhvmderts soll Haus und 
Kapelle Ott dem Graner gehört haben, dessen Sippe 
auch den Teil des Hauses an der Heuport, genannt 
„die Kuchen", im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts 
iuue hatte. Damals soll die Kapelle weder einen 
Kajjlan, noch gestiftete Gottesdienste gehabt haben. 
Erst Konrad der Dürrnstetter und seine Schwester, 
Frau Dorothea Ingolstetter stifteten 1409 eine ewige 
Messe, indem der erstere der Kapelle 75 Pfund, die 
letztere 25 Pfund Regensburger Pfennige vermachte. 
Von Gölgel erfahren wir, dass von da an auch jeder 
Hausbesitzer jährlich 6 Gulden , 3 Schillinge für 
diesen Zweck beisteuerte, und dass die Kajselle auch 

1) Gölgel bekleidete dieses Amt von 1716 — 1730 nach 
einem Album im städtischen Archiv, welches das Personal 
des reichsstädtischen Bauamts — Direktoren, Beisitzer und 
Bauschreiber — von 1547 au enthält und mit einer grossen An- 
zahl von Porträts in Ol- und Wasserfarben geschmückt ist. 
Angelegt wurde es im Jahre 1600. 



Alexittskapelle. Abb. 36. Von der Alexiuskapelle. 

Messe gestiftete Weingärtchen zu Winzer — nach 
einer anderen Nachricht zu Pfafifenstein — hinfort 
selbst bebauen und die ihm zuständigen zwei Drittel 
Pfund Pfennige nach Abzug seiner Kosten ebenfalls 
dem Almosenamt überweisen wolle. Die Kapelle 
selbst verwendete er als Handelsgewölbe, und diesem 
Zweck dient sie bis zum heutigen Tage, wo das Ge- 
bäude im Besitze des Kaufmanns Hartlaub ist. 

Wie in allen ansehnlichen Häusern des Mittel- 
alters, so ist auch in diesem Hause das ganze Erd- 
geschoss überwölbt. Zur ehemaligen Kapelle führen 
von der Strasse aus fünf Stufen empor. Vordem 
stand an dieser Vorderseite wahrscheinlich der Altar, 
und der Eingang führte damals von der Hausflur 
aus an der südlichen Langseite der Kapelle ins Innere. 



1) Aber nicht wie Schuegi-af (wahrscheinlich gestützt auf 
eine aus dem Jahre 1711 stammende fehlerhafte Kopie einer 
älteren Diözesmatrikel) angiebt, Kaplan der Kapelle; denn 
Dr. Oberndorfer war nach den Ermittelungen Neumanns Arzt 
und Protestant. 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



03 



Dieselbe ist fast doppelt so lang als breit. Sie misst 
8,80 m in der Länge, 4,80 m in der Weite und 3,75 m 
in der Höhe. Das hübsche Spitzbogengewölbe hat 
Schlusssteine mit Rosetten und Konsolen, die in 
Blätterknäufeu enden. (Abb. 3r) und 36.) Die Ge- 
wölberippen zeigen die gewöhnliche Profilirung, Ab- 
schrägung und Hohlkehle. Hinter der Kapelle sind 
noch drei überwölbte Räume. Im mittleren davon 
befindet sich ein Schlussstein, der auf gotischem 
Schilde einen gefiederten Pfeil enthält. (Abb. 37.) 
Ein weiteres Gewölbe von beträchtlicher Ausdehnung 
liegt im hintersten Teil des Hauses. Es ist dies ein 
flaches Kreuzgewölbe, in der Mitte von einem massi- 
gen Rundpfeiler getragen und stammt allem An- 
schein nach aus dem 16. .Jahrhundert, während die 
Kapelle der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an- 
gehört. 

Das Auerhaus und die Thomaskapelle 
am Römling. 
Die bedeutendste und architektonisch interessan- 
teste der Regensburger Hauskapellen ist die Thomas- 
kapelle am Römling D. 62. Der Name Römling 
stammt ohne Zweifel von den römischen oder wel- 
schen Kaufleuten her, welche im frühen Mittelalter 
vorzugsweise in dem Stadtteil zwischen der Wahleu- 
strasse und Ludwigsstrasse ihren Sitz hatten. Schon 
im 11. .Jahrhundert wird die ganze Gegend vom 
Vitusbach bis zum Weissgerbergraben als Kaufleute- 
gau, „pagus mercatorum", wie es in einer Disserta- 
tion des Fürstabts Johann Baptist von St. Emmeram 
vom Jahre 1050 heisst, bezeichnet. In den ältesten 
Urkunden der Stadt wird die Gegend des heutigen 
Römling „locus inter romanum" genannt. Als Kauf- 
haus oder Börse jener welschen Kaufleute, in deren 
Händen sich im frühesten Mittelalter fast ausnahms- 
los der Handel befand , bezeichnet Neumann das 
querstehende Haus am Römling, D. 53, an dem rechts 
die St. Albansgasse, links die Methgerbergasse hinab 
zur Donau führt. 

Die Thomaskapelle gehört zu einem Gebäude- 
komplex, der im 13. und 14. Jahrhundert im Besitze 
des hochangesehenen und ritterlichen Geschlechtes 
der Auer war. Die Auer genossen durch ilire Macht 
und ihren Reichtum ein so ausserordentlichen An- 
sehen, wie sich dessen kaum ein zweites der alten 
Rpgensburger Geschlechter rühmen konnte. Zahl- 
reiche Besitzungen nannten sie ihr eigen, wie Bar- 
bing, Winzer, Salern, die Burgen und Herrschaften 
Weichs , Pentling, Adelnburg, Siegenstein, Grass, 
Triftelfing, Theisbach, Geblkofen, Rietenburg an der 



Altmühl, Stockenfels und Steffling am Regen, dazu 
kamen noch durch Heirat Ober- und Unterbrennberg, 
sowie die ihnen verpfändeten Burgen und Herr- 
schaften Lengenfeld und Kaimünz an der Naab, so- 
wie Lubburg an der schwarzen Laaber. Von 1287 
bis 1358 war Haus und Kapelle am Römling nach- 
weislich im Besitze der Herren von Au. Ihr Wap- 
pen, eine vierfache Mauerzinne, findet sich an einem 
Schlussstein der Kapelle. Urkundlich erwähnt wird 
1287 HeiT Friedrich von Au, Propst von Ober- 
münster. In seinem Stammhause am Römling wohnte 
während des Reichstages von 1295 der deutsche 
König Adolf von Nassau. Der älteste Sohn, eben- 
falls Friedrich genannt, war von 1316 — 1317 Bürger- 
meister. Ob der von 1331 bis 1334 die Bürger- 
meisterstelle bekleidende Friedrich der Auer der 
gleiche oder der Sohn des vorgenannten war, ist 
nicht mit Sicherheit zu unterscheiden. Durch seine 
Vermählung mit Agnes von Prennberg 1326 erhielt 
er die Burg und Herrschaft Prennberg als erledigtes 
Lehen vom Hochstift Regensburg und nannte sich 
fortan Friedrich Auer von Prennberg. Um seine 
Macht und seinen Eiufluss zu erhöhen, schloss er 
1330 mit den Handwerkern eine Eidgenossenschaft 
und Hess sich 1331 zum Bürgermeister wählen. Als 
solcher wird er als ein gar stolzer und gewaltthätiger 
Herr geschildert. Für sein herrisches und hofßirtiges 
Wesen ist der Umstand bezeichnend, dass er sich 
mit grossem Gepränge von vierzig gewappneten 
Mundmannen, einer Art Leibgarde, von seinem Hause 
am Römling zur Kirche geleiten Hess. Während 
seiner Amtsführung übte er eine wahre Schreckens- 
herrschaft aus und vertrieb viele der edelsten Ge- 
schlechter, die es wagten, seinem Willkün-egiment 
entgegenzutreten , aus der Stadt. So wurden der 
Hansgraf Ludwig Straubiuger und die Patrizier 
Heinrich und Ulrich Kratzer (letzterer der nachmalige 
Hansgraf) im Jahre 1333 als Häupter der Auerschen 
Gegenpartei auf vierzig .Jahre aus der Stadt verwiesen, 
kehrten jedoch im folgenden Jahre nach Vertreibung 
der Auer wieder zurück. Der Han.sgraf Rüger Löbel, 
der bereits 1330 den Auern entgegentrat, wurde auf 
fünf Jahre ratsunfähig erklärt und ihm und seinen 
Kindern, Messer, Schwert und Wafien zu tragen ver- 
boten. Löbel war indes nicht der Mann dazu, seiner 
Überzeugung ein Opfer zu bringen, denn er ent- 
schloss sich im Jahre darauf, der Auerschen Partei 
beizutreten. Schliesslich wurde jedoch die Unzu- 
friedenheit mit den herrschenden Zuständen eine so 
überwiegende, Hass und Unwille nahmen dermassen 
überhand, dass die Auer gestürzt wurden. Friedrich 



(54 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



vou All wurde 1334 mit seinen Söhnen und Anver- 
wandten aus der Stadt verbannt. Er zog sicli auf 
seine Burg Prennberg , sechs Stunden listlich vou 
llegensburg, zurück, von wo aus er erbitterte Fehden 
mit den Kegeusburgern führte. Diese setzten sich 
bis 1342 fort, in welchem Jahre ein Vergleich zu 
stände kam. Aber auch an Lichtpunkten fehlte es 
bei diesem herrischen 
Charakter nicht. So 
wirkt die unerschüt- 
terliche Anhänglich- 
keit und Aufopfening 
für Kaiser Ludwig 
den Bayer, die er sein 
ganzes Leben lang 
bethätigte, gewisser- 
massen versöhnend, 
und durch seine wohl- 
thätigen Stiftungen 
hat er sich in Regeus- 
burg ein bleibendes 
Denkmal gesetzt. So 
stiftete er 1318 mit 
seinem Bruder Gum- 
precht und seinem 
VerwandtenKarl Pra- 
ger das Oswaldspital 
uud erbaute die Os- 
waldkirche. Auch der 
Domljau erfreute sich 
einer grossen Förde- 
rung von seiner Seite. 
Die Mauerzinne der 
Auer findet sich als 
Glasmalerei an einem 
Cborfenster des Do- 
mes. Ihres Stamm- 
hauses nebst der Ka- 
pelle am Römling 
entäusserten sie sich 
erst im Jahre 1358, 
behielten sich aber das 

Lehensrecht der Kapelle voi-. Dieses besassen sie noch 
im Jahre 1402, wie aus Längs Regesten hervorgeht. 
Hiernach begab sich Friedrich der Auer zu Prenn- 
berg am 23. Mai 1402 aller Ansprüche, welche er 
an den Abt Johann und den Konvent zu St. Haymerau 
zu Regensburg hinsichtlich der iluu zu Lehen gehen- 
den Kapelle zu St. Thomae und Kaplan Wieders 
hinterlassene Habe gemacht hat'). Im Jahre 1483 
1) Hcinricli v. Lang, Regesta Vjoica XI, 250. 




erlosch das Geschlecht der Auer v. Prennberg mit 
Christoph dem Auer. 

Unter den nachmaligen Eigentümern des histo- 
risch und architektonisch interessanten Auerhauses 
findet sich manches edle Geschlecht, wie die Oraner 
und Diirrnstettcr, die reichen Ingolstetter, die wackeren 
Tunmicr und die hochangesehenen Trainer. Von 
Paul Kohl, dessen Vor- 
gänger es 1538 von 
den Trainern erwor- 
ben hatte, wurde 1570 
das Eckhaus im Re- 
naissancestil umge- 
baut und ein acht- 
eckiger Treppenturm 
im Hofe aufgeführt. 
Das Kohlsche Wap- 
pen, ein verkohlender, 
rotglühender Baum- 
ast, befand sich unter 
dem Erker und an 
einem Brunnen des 
Hofes 2). Später be- 
gegnen wir den 
Reichsfreiherren von 
Maxirain und Leubl- 
fing, dem Ratge- 
schlechter Perger, der 
1646 die Kapelle 
durch Einziehen eines 
Gewölbes in zwei 
Stockwerke teilen 
Hess, und den Mem- 
mingeru. Der gegen- 
wärtige Besitzer, Bau- 
meister Zinstag, Hess 
flen südlichen Gebäu- 
detrakt, der 1570 von 
Paul Kohl im Renais- 
sancestil umgebaut 
worden, in den Jahren 
1888 und 1889 durch 
einen Neubau ersetzen, wobei leider so manches 
Wertvolle, wie der achteckige Treppenturm des 
Hofes, der hübsche Erker des Eckhauses mit dem 
Kohlschen Wappen, hübsche frühgotische Fenster in 
einem älteren Hause des Hofes und manches andere 
zu Grunde ging. Nunmehr steht vou dem alten Auer- 



2) Näheres im T. Teil dieses Aufsatzes, BJ. XXIV de 
Zeitschrift, und jn dessen Separatdruok. 




llERRÖMLrae MIT DER THOMASKÄRBLLE IN REGENSBURG. 

•jag V h. -- aepmann ii< Leipüig Druck v. F.A.BrocBiaua , Leipzig. 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSEK IN KEÜENSBUKMi. 



liauso ausser der Kapelle nur noch das au die Ka- 
pelle aiistossende Gebäude mit abgetrepptem Giebel 
und gerade abschliessenden gotischen Fenstern. 

Über die Kapelle besitzen wir leider nur sehr 
dürftige Nachrichten. Die Diözesanmatrikel von 1433 
zählt sie zu den angesehensten Hauskapellen. Das 
Metzgerhandwerk hielt daselbst seine Bruderschaft 
feierlichst ab und stiftete zu diesem Zweck eine heil. 
Messe. Nach einem alten Kapellenverzeichnis bestand 
diese Stiftung in neun Äckern, welche 25 Gulden 




lit der ThomaskapeUe 



Zinsen abwarfen. Ausserdem zinsten noch einige Äcker 
bei Kumpfmühl zur Kapelle, sowie ein Acker bei Bruck- 
feld, den der Kaplan Erasmus Primbs zu Anfang des 
16. Jahrhunderts der Kapelle schenkte. Die uns be- 
kannten Kapläne waren der bereits obenerwähnte 
Heinrich Wyder, ferner Georg Steurer, dessen in 
einem Messbuch der Thomaskapelle vom Jahre 1486 
Erwähnung geschieht und der ebengenannte Erasmus 
Primbs, der Schüler Aventins um die Wende des 
16. Jahrhunderts. Weiter erfahren wir, das 1524 
Johann Hauser das Benefizium besass und davon 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



1 Gulden Stadtsteuer entrichten musste. Als Rat 
und Bürgerschaft 1542 die protestantische Glaubens- 
lehre annahmen , erlosch auch das Ansehen der 
Thomaskapelle. Der damalige Besitzer Paul Kolil 
entfernte den Altar und sein Nachfolger Christoph 
Kohl schenkte 1560, nach einem gleichzeitigen Bau- 
amtsprotokoll, die beiden Glocken im Gewicht von 

2 Zentner 24 Pfund zum Guss der gro.ssen Neu- 
pfarrglocke. Gleichwohl wurde aber das Benefizium 
von den Eigentümern mit bischöflicher Genehmigung 

an eigene Benefiziateu verliehen 
und in eine katholische Kirche 
verlegt. Dies währte Isis zum 
Jahre 1667. Die Einkünfte der 
Kapelle waren seitens der Besitzer 
dem protestantischen Almosenamt 
zugewiesen worden und der da- 
malige Benefiziat Johann Kestel, 
Chorherr zur alten Kapelle, be- 
mühte sich vergeblich, wieder in 
deren Geuuss zu gelangen, so dass 
die Haltung des Gottesdienstes 
nach den Intentionen der katho- 
lischen Stifter von selbst aufhörte. 
Die Thomaskapelle gehört 
zu den wenigen Regensburger 
Hauskapellen, die sich schon 
durch ihre äussere Erscheinung 
als Kapelle kennzeichnen. Sie ist 
ein hoher, mit Zinnen gekrönter 
Bau, deren Apsis mit drei Acht- 
eckseiten über die Strassenfront 
heraustritt. Die hohen Spitz- 
bogenfenster sind seit der Ein- 
fügung des Zwischengewölbes im 
Jahre 1646 teilweise vermauert, 
so dass nur mehr einzelne Partien 
desselben sichtbar sind. Über 
dem steil ansteigenden Dache der 
Apsis steigt ein Wimperg em- 
und hockenden Tieren auf der 
in eine über die Zinneubekrö- 
nung hinausragende Kreuzblume (gegenwärtig abge- 
brochen) endigend. Ein Gesamtbild des grossen Auer- 
hauses nebst Kapelle am Römliug wird dem nächsten 
Hefte als Heliogravüre beigegeben. Das vorderste 
Gebäude mit Erker und vorgekragtem Obergeschosse 
ist das von Paul Kohl im Jahre 1570 umgebaute 
Eckhaus. Auf dieses folgt ein gotisches Gebäude 
mit abgetrepptem Giebel imd hierauf die Kapelle. 
Das im Hintergrund sichtbare querstehende Gebäude 

9 



por, mit Krabben 
Schrägplatte, und 



(Hi 



IIAUSKAI'ELLEN UND GKSCllLKC'JlTP^IMlÄUSElv' IN REUENSBUKG. 




war im IViihi'u Mittelalter das Kaufhaus der rö- 
niisciien Ivaufleute. Von seiner ursjjrüiigliclien Bauart 
ist längst nichts mehr zu sehen. Seit langen Jahren 
führt es die Bezeichnung „das Auge Gottes", nach 
einer Abbildung über der Hausthüre. 

Wenden wir uns nun dem Innern der Kapelle 
zu. Wie Abb. 39 zeigt, ist die Grundform ein Qua- 
drat , in dessen 
Mitte eine 70 cm 
im Durchmesser 
haltende reich 
profilirte Säule 
aufsteigt, deren 
Profile nach oben, 
ohne Unter- 

brechung durch 
ein Kapital, in 
einen achtstrah- 
ligen Stern aus- 
laufen. Diese 
achtteilige Stern- 
figur lässt in den 
vier Ecken des 
umschliessenden 
Quadrates je ein 

quadratisches 
Feld frei. Diese 
Felder sind durcli 
je eine Diagonale 
geteilt, wodurch 
ein den Stern um- 

schliessendes 
Achteck entsteh t. 
Die ausserhalb 
desselben übrig 
bleibenden vier 
Dreiecke sind 
nochmal durch 
eine Kippe ge- 
teilt, wodurch 
das Gewölbe bei 
verhältnismässig 
einfachem Grundriss sich zu reicherWirkung entfaltet, 
wie dies besonders bei der Innenansicht Abbildung 40 
hervortritt. Gegen Osten ist eine Apsis vorgelegt, 
deren Gewölbe bis zu gleicher Höhe mit dem des 
Hauptraumes hinaufgeführt ist, jedoch ganz für sich 
abgeschlossen und ohne streng organische Verbin- 
dung mit dem Sterngewölbe erscheint. Der Apsis 
gegenüber, also auf der Westseite, befindet sich ein 
Glockeutürmchen mit steinerner Wendeltreppe, (siehe 





Coiisoleu in St. Thomae am liömliug 



Grnndplan Abb. 39) das früher über die Kapelle hinaus- 
ragte, gegenwärtig jedoch bis zur Dachhöhe des 
Hauses abgetragen ist Die Abbildungen 40 — 45 geben 
Pi-ofile von der Säule, von Gewölberippen und di- 
versen architektonischen Details. Wie bereits weiter 
oben erwähnt, wurde 1646 von dem damaligen Be- 
sitzer, dem Ratsherrn Perger, die Kapelle durch ein 

Zwischenge- 
wölbe in zwei 
Stuckwerke ab- 
geteilt. Das 
obere wurde als 
„Salettl" (kleiner 
Saal) das untere 
als Trinkstube 
eingerichtet, wo 
der Ratsherr 
seine an den Do- 
nanhöhen gebau- 
ten Weine aus- 
schenken liess. 

Gegenwärtig 
sind beide Hal- 
len dem König 
Gambrinus ge- 
weiht und diesem 
Umstände ver- 
dankt der schöne 
Bau seine gute 
Instandhaltung. 
Ehe das Zwi- 
schengewölbe 
eingezogen wor- 
den, befand sich 
an dessen Stelle 
eine seitlieh und 
hinten herumlau- 
fende Galerie, zu 
welcher von der 
Südseite, wie 
auch von dem au 
der Westseite be- 
findlichen Türmclien aus, eine Spitzbogenthür führte. 
Beide Thüren sind noch vorhanden und büden nunmehr 
die Eingänge zum oberen Lokal. Die Kapelle hat eine 
Lichtweite von 9/20 m. Die Höhe beträgt nunmehr 
6,50 m und mit Hinzurechnung des unteren Raumes 
lim. Was der Kapelle zu besonderem Schmuck ge- 
reicht, das sind die reichen Skulpturen an Kapitalen, 
Konsolen und Schlusssteinen. Hier zeigt sich ein Reich- 
tum an Motiven, eine Fülle von Phantasie und Gestal- 




HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSßURG. 



ß7 



tungskraft, wie dies au den Regensburger Haus- 
kapellen in diesem Umfang nicht wieder vorkommt. 
Jedes Kapital , jeder Trag- und Schlussstein zeigt 
anderes Laubwerk. Hopfen und Wein, Eichen und 
Ahorn, Platanen und Feigen, wilde Rosen und Epheu, 
Klee und Sumpfpflanzen sind in buntem Wechsel 
zum Schmucke verwendet und beleben mit ihren 



Blättern, Blüten und Früchten die architektonische 
Form. Unter dem Laubwerk der Tragsteine gucken 
Menschen- und Tierköpfe hervor (Abb. 47 und 48). 
Die Tragsteiue an den Eckpfeilern der Apsis sind 
mit grösseren Figuren geschmückt. Zur Linken 
kauert eine mit Lederriemen gegürtete Gestalt, viel- 
leicht die Figur des Baumeisters. Zur Rechten wächst 




eine männliche Figur aus 
dem Pfeiler heraus, welche 
zwei schweinsköpfige I)ra- 
clien am Genick, bezw. 
beiden Ohren packt. Die 
Figuren 49 und 50 geben 
eine Abbildung dieserTrag- 
steine. Der gleichen Man- 
nigfaltigkeit begegnen wir 
bei den Schlusssteiuen, von 
denen eine Anzahl unter 
Abb. 51— .58 abgebildet ist. 
Zunächst um die Mittel- 
päule in den acht ein- 
springenden Ecken der 
Sternfigur sind die Sym- 
liole der vier Evangelisten, 



abwechselnd mit vier anderen Skulpturen 
gruppirt. Diese letzteren sind ein weib- 
licher Kopf mit langem Haar, von Laub- 
werk umrahmt, vielleicht Eva vorstel- 
lend (Abb. 54); gegenüber eine Teufels- 
fratze, mit Feigenlaub und Früchten um- 
geben, oflPenbar das böse Prinzip und die 
Lockung zur Genusssucht, zur Sünde, 
versinnbildlichend (Abb. 53); in der Rich- 
tung gegen die Apsis das Lamm mit 
Fahne, die Erlösung undVersöhnung( Abb. 
57 auf S. 57) und gegenüber nach rück- 
wärts ein knieender Engel mit Spruch- 
band in den Händen, dem Herrn dankend 
und lobsingend. (Abb. 55.) Also Sün- 
denfall und Erlösung wäre demnach die 
Symbolik dieser vier Schlusssteine. Der 
Erlöser selbst nimmt die hervorragendste 





Stelle des Gewölbes ein, diejenige näm- 
lich, unter welcher der Altar stand. 
Sein Bild ist an dem Schlussstein der 
Apsis angebracht. Die Schlusssteine in 
den vier Eckc^uadraten enthalten Wap- 
penschilde und zwar an der Rückseite 
rechts, den Blick nach der Apsis ge- 
richtet, das Wappen des Bauherrn^ die 
Mauerzinne der Auer, Abb. 51, links ein 
Wappen mit abgetrepptem Giebel, aus 
dessen oberer Zinne eine Faust empor- 
wächst, die einen Hammer schwingt, 
Abb. 52, das Wappen des Baumeisters. ') 
Die Eckender Vorderseite enthalten links 
das Wappen des Hochstiftes, einen nach 
rechts absteigenden Schrägbalken, rechts 
den Rautenschild der bayerischen Her- 
zoge. (Schluss folgt.) 



1) Nach Schiiegraf wiire dies das Wappen der Hausfrau Friedrichs von Au, einer geborenen ErufcLs. Aber abgesehen 
chivon, dass die Hausfrau desjenigen Friedrichs von Au, um den es sich hier lediglich haudeln kann, Agnes von l'renn- 
lierg war, deren Wappen ein Dreilierg mit aufsteigenden Flammen ist, so weist auch kein (ieschlecht der Krnfclser 
das obige Wajiiien auf. 




Tpme-Laii.lsi'liaft 



DIE STÄDTISCHE GEMÄLDEGALERIE ZU 
WOLVERHAMPTON. 



:\HT ILLUSTRATIONKN. 




S ist eine für England bemerkens- 
werte Tliatsache, dass sich in allen 
Teilen des Landes heute ein stets 
wachsendes Interesse für Kunst und 
Kunstgeschichte kundgiel^t , und 
^^^ dass in den verschiedenen Pro- 
\iiizi;ilsl;iiltrii sdwohl von privater Seite als auch 
von den Munizipien selbst Anstrengungen gemacht 
werden, Kunstsammlungen und Kunstschulen ins 
Leben zu rufen. Fi-eilich sind es für die Gemeinden 
keine geringen Opfer, die zur Erhaltung einer Kuust- 
scjnile oder einer Gemäldegalerie gefordert werden, 
da die Lebensfiihigkeit solcher Institute nur durch 
regelmässige Subventionen zu ermöglichen ist. Wenn 
das englische Volk bisher in der Erziehung für die 
Kunst, dank der Abneigung mancher dortigen Be- 
hörden, künstlerischen Zwecken Unterstützung zu 
gewähren, hinter anderen Nationen zurückgeblieben 
ist, so darf ihm deshalb kaum ein Vorwurf gemacht 
werden. Zudem hat ein solcher auch heute schon 
beinahe .seine Berechtigung verloren. Liverpool, 
Birniiugiiam und vcrsc-hiedene andere Städte haben 



gezeigt, was durch die Thatkraft der Gemeinden und 
den Edelsinn reicher Bürger für die Hebung der 
Kunst gethan werden kann. Diesem Beispiele folgte 
neuerdings auch Wolverhamjjton , wenngleich dem 
Unternehmen sich dort mannigfache Schwierigkeiten 
entgegenstellten. 

Vor einigen Jahren widmete Herr lliilipp Jlors- 
iiinn, ein reicher Fabrikant, der Stadt ein hübsches 
Gebäude für die Errichtung eines öffentlichen Museums 
und einer Galerie, und damit diese Anstalten zugleich 
als Mittelpunkt des Kunstunterrichts für den Distrikt 
ins Leben träten, wurde der Stadtvertretung ein Ge- 
setzesvorschlag unterbreitet, welcher neben verschie- 
denen anderen Bestimmungen auch die enthielt, den 
freiwilligen Beitrag für die Bibliothek von einem 
Penny auf zwei zu erhöhen und den so gewonnenen 
Betrag dem Institute zuzuwenden. Der Antrag wurde 
abgelehnt, und es war zweifelhaft, ob Mr. Horsmans 
edelsinniges Projekt je verwirklicht werden könne. 
Nach einer einzigen Ausstellung von geliehenen 
Bildern wurde das Haus wieder geschlossen. Doch 
sieifte alsbald der Geist des Fortschrittes: ein der 



DIE STÄDTISCHE GEMÄLDEGALERIE ZU WOLVERHAMPTON. 



60 



Vertretung Wolverliamptous vorgelegter modifizirter 
Gesetzesvorsclilag wurde angenommen und vom Parla- 
mente bestätigt. 

Für wenige Städte Englands war eine Galerie 
so dringendes Bedürfnis , wie für Wolverhampton. 
denn zunächst für den Fremden bietet die Stadt fast 
gar nichts; sie enthält weder elegante Strassen noch 
imposante Gebäude; vergebens sehen wir uns nach 
schönen Landhäusern um, und es ist natürlich, dass 
die reicheren Bewohner so weit wie möglich aus 
dem Bereiche der Fabrikschornsteine fliehen, die mit 
ihrem Qualm den Himmel verdüstern und über die 
ganze Landschaft schwere Schleier breiten. Eine 
Galerie im Mittelpunkte einer solchen Stadt des pro- 
saischen Alltagslebens ist als wahre Wohlthat zu 
betrachten und ihr Einfluss auf die Bewohner kann 
mir ein segensvoller sein. 

Wolverhampton hat also nun seine Galerie, 
hoffentlich wird auch das Kunstgewerbemuseum, 
welches sich gegenwärtig noch etwas dürftig prä- 
sentirt, bald Bereicherungen erfahren, und die prak- 
tischen Folgen des Studiums mustergültiger Vor- 
bilder werden nicht ausbleiben. Der Unternehmungs- 
geist der Bevölkerung wurde bald belohnt; kaum 
war für die Existenz des Institutes gesorgt, so kam 
durch testamentarische Verfügung der Mrs. Cartwright 
eine herrliche Sammlung von Gemälden in dessen 
Besitz. Diese Bilder, 275 an der Zahl, bilden mit 
50 anderen, Geschenken verschiedener Gönner, den 
Kern der permanenten Kunstaustellung. Es sind 
darin eine Anzahl moderner Künstler, z. B. Seymour 
Lucas, Henry Moore, G. H. Boughton, v. Blaas u. a. 
mit guten Bildern vertreten; doch sind es weniger 
diese Arbeiten, welche unsere Aufmerksamkeit auf 
sich ziehen — Bilder von den genannten Malern 
können auch anderwärts gesehen und studirt werden. 
Was uns in der Galerie Wolverhamptons ganz be- 
sonderes Interesse bietet, ist eine Sammlung von 
Gemälden, welche vor circa 40 Jahren in England 
gemalt wurden, zu einer Zeit, in der die englische 
Kunst, von äusseren Eiuflüsseu unberührt, noch das 
unverfälschte englische Gepräge trug. Die figürliche 
Malerei stand damals auf einer sehr niedrigen Stufe; 
ausländische Schulen und Meister waren den Künstlern 
kaum bekannt, die Nationalgalerie hatte noch keine 
nennenswerte Bedeutung. Die britische Schule be- 
gnügte sich mit ihrem künstlerischen Können und 
ihrem künstlerischen Besitz ; in Etty besass sie ihren 
Tizian ; John Phillips wurde als der englische 
Velazquez betrachtet und Frith als der Hogarth des 
l'J. Jahrhunderts gefeiert. Eine Umwandlung in iler 



englischen Kunst vollzog sich sodann durch die 
Schule der Prae-Raffaeliten unter der l'ührung 
von Rossetti, Hunt und Millais und der für die neue 
Richtung begeisternden Schriften Ruskins. 

Bezeichnend für diese ältere Zeit der enghschen 
Kunst ist es, dass die Landschaftsmalerei sich zu 
einem bedeutenden Grade vervollkommnete und ihre 
Vertreter europäischen Ruf bekamen, während die 
Genremalerei weit zurückblieb. Die Wolverhampton- 
Galerie besitzt von jeder Gattung dessen, was vor 
etwa 40 Jahren Gutes und Schönes geschaffen wurde, 
vorzüglich charakteristische Exemplare, namentlich 
viele Landschaften, wenngleich Turner und Constable 
fehlen; ausserdem freilich auch eine Menge Bilder, 
deren Wert als ein rein historischer bezeichnet wer- 
den muss , und die der „Literary school" zuzuweisen 
sind; doch bringen wir einer Sammlung, die uns so 
ganz und gar in eine vergangene Generation versetzt 
und uns mit einem Blicke das Terrain überschauen lässt, 
von welchem die heutige englische Kunst ihren Ur- 
sprung nahm, unser vollstes Interesse entgegen. 

Unter den Landschaften ragen besonders die 
Bilder von E. J. Niemann hervor; zu den besten 
gehören ein Motiv am Flusse Eden bei Carlisle 
und ein zweites am Flusse Teme bei Ludlow, von 
welchem wir (S. 68) eine Abbildung bringen. Es 
ist eine heitere, sonnige Uferpartie mit der Brücke 
über den Teme und der Stadt Ludlow im Hinter- 
grunde ; ferner die wohlbekannten „Tannen bei 
Hampstead" mit der breiten Ebene gegen Harrow 
dahinter. 

Von IIcviij IJairson sind neun vorzügliche 
Stadien vorhanden, darunter ein herrlicher , Sonnen- 
untergang bei Croydon". Patrir-k Nasmyths breit be- 
handelte , Ansicht von Bristol" ist eines der besten 
Werke dieses Künstlers und verdient den Ehrenplatz, 
welchen es in der Galerie einnimmt. Von dem 
unglücklichen R. E. Boitington sind drei ()lbilder 
und das reizende Aquarell „Mont S. Michael'" zu 
verzeichnen. „Der Dogenpalast zu Venedig" und 
das „Fort Rouge" sind ausserordentlich charakte- 
ristisch für sein Talent, obschon die schwankende 
Zeichnung bei ersterem Mr. Ruskins strenge Kritik 
beinahe rechtfertigt. Er schreibt gelegentlich über 
den Künstler: „Wenn das junge Talent sich lieber 
die ersten Regeln der Perspektive zu eigen gemacht 
hätte, anstatt nach Paris und Venedig zu gehen, 
wäre es weitaus besser!" Erwähnung verdienen 
ferner die Studien von Darid Cox und einige seiner 
luftigen Aquarelle. TU. ./. Mittlers „An der Schelde- 
niüudung" ist ein gutes Bild, wohl etwas grau iui 



l)ll<: STÄDTISCHE GEMÄLDEGALKIJIF. V.V VVOLVERMAMPTON. 

liiirid Jldlieiin „Ruiuen des Kapitols 



Ton, (loch luit gescliickter Darstellimg der holläiuli- 
scheu Boote und geradezu meisterhafter Behand- 
lung der Luft. Der „Kopf eines Cingari Zanthus" 
von demselben Künstler ist eine Skizze voll Geist 
und Leben, kräftig in der l'arl)c und streng in der 
Zeichnung. 

■loliv IJnucIl ist mit zwei Werken der „Fütterung 
der Küchlein" und dem „Garten in Rrdliill" vertreten: 



Calais'" und 
zu Rom". 

Die Galerie von Wolverhampton ist so glück- 
lich, auch ein Werk des seltenen Marl; Aiithoiiij 
zu besitzen; es ist als die „üorfhochzeit'' bezeich- 
net; tiefes Gefühl und feine Empfindung .sprechen 
aus dem Motive, dessen Mittelpunkt eine alte Dorf- 
kirclie bildet. Wir erwiUmen unter den T/:ind-;cbnt'tern 




letzteres ist brillant in der Farbe und zeigt schon deut- 
lich den Einfluss der Prae-Raöaeliten. J. B. I'/jiw's 
„Ischia" ist ein Gemälde von ungewöhnlich hellem 
Ton; das strahlende Blau des Himmels und der See 
steht im starken Gegensatz zu den weiten Flächen 
des gelben Sandes. 

Die Schule von Norwich ist durch Old Cromc's 
herrliche „Liebesscene bei Norwich" und einige Werke 
von R. Ladbrooke und Stark vertreten. Zwei der 
bemerkenswertesten Bilder der ganzen Sammlung 
sind übrigens eine düstere Landschaft von Gains- 
horotigh, bezeichnet als „die Reisenden" und ein 
charakteristisches Morlandmotiv „der nahende Sturm" 
— schwere Gewitterwolken ziehen über die stille 
friedliche Gegend. Unsere Aufmerksamkeit wird 
ferner gefesselt durch Clurksuii Slaiifiehh „Ab von 



noch die Namen F. 11. Lcr, F. f'rcsirick, J. Wilson, 
WiUiam Liidon und R S. Bond, und es wird mit 
dem Gesagten zur Genüge dargelegt sein, dass jede 
andere Stadt auf die Landschaftsammluug vonAVolver- 
hampton stolz sein könnte; sie ist nicht nur als solclie 
vorzüglich, sondern besitzt auch das Verdienst, deu 
in England hervorragendsten Teil der Kunst würdig 
zu repräsentiren. 

Nicht so bedeutend ist die Sammlung an Ge- 
schichtsbildern. Ausser den Olskizzen G. R. Leslie's 
„Die Königin empfängt das Sakrament durch deu 
Erzbischof von Canterbury", der „Taufe der Kron- 
prinzessin" und IyffH(feee?-s ,,Im Windsor-Park" ist 
nicht viel Nennenswertes vorhanden. ./. E. Hudguonn 
grosse Entwürfe „Die Wiederkehr Sir Francis Drake's" 
luid ..Die Königin Elisabeth mustert die Flotte" sind 



DIE STADTISCHE GEMALDiaiALEUIE ZU WOLVEIIHAMPTON. 



wohl gelungen in der Komposition und Zeichnung, 
aber dünn gemalt und arm an Farbe. W. 0. Friihs 
,, Abgewiesener Poet", wie der Dichter Pope der Lady 
Mary Wortley Montagu eine Liebeserklärung macht, 
welche diese mit ironischem Lachen entgegennimmt, 
ist ein gutes Beispiel der ..Literary school" ; es ist 
schlecht in der Farbe, von theatralischem Effekt und 
vermag den Beschauer nicht sonderlich zu fesseln. 
Besser ist Pcttie's „Gefangene Hexe", eine Kompo- 
sition, welche gut durchdacht und kräftig gemalt 
ist. Der Mittelpunkt des Bildes ist das alte häss- 
liche Weib, welches gefesselt von einem Konstabier 
weggeführt wird, während der Moli sie zu lynchen 
droht. 

Unter den Genrebildern ist Edouard Frirr's- 
..Gebet" als das Wertvollste zu bezeichnen. Das 
Gemälde ist ungemein einfach in der Komposition: 
zwei Bauerukinder knieen an einem Bette. Der 
Vortrag ist schlicht und die Farbe in zartem Braun 
gehalten. Was in dem Bilde fesselt, ist die tiefe 
Empfindung, mit der die Gestalten gezeichnet sind, und 
die Wahrheit, welche aus der ganzen Scenerie spricht. 
Mr. Orchardsons „Geschichte eines Lebens" (eine 
Nonne erzählt ihre Lebensgeschichte einer Gruppe 
von Novizen) stammt aus den jüngeren Jahren des 
Meisters, zeigt aber in Farbe und Technik schon 
deutlich dessen spezielle Eigenschaften. Nicht zu 
vergessen sind ferner zwei spanische Schönheiten 



von Jolui Pltilipp. wovon .,La Seuorita" als eines 
der besten Bildnisse des Künstlers zu bezeichnen ist, 
wenngleich das Kolorit etwas gedämpft und kühl 
erscheint. Von Joseph Wright of Dcrbij's „Knabe, 
der Seifenblasen macht" ist nicht mehr zu sagen, 
als dass das Bild den Meister in seiner Manierirtheit 
kennzeichnet. 

In dem Cartwrightschen Nachlass finden sich 
nicht weniger als zwanzig Bilder von F. D. Hardij 
von verschiedenem Wert. Interesse bieten nament- 
lich seine sorgiultig ausgeführteninterieurs, in welchen 
das Gegenständliche, die Einrichtung einfacher Land- 
bewohner etc. mit grosser Treue wiedergegeben ist. 
„Baby's Geburtstag" ist ein Meisterwerk der Klein- 
malerei und der oben im Schnitt reproduzirte „Rauch- 
fangkehrer" hat überdies eine feine humoristische Seite. 

Wir schliessen unsere kurze Betrachtung der 
Wolverhampton-Galerie mit der Erwähnung von TU. 
Facds „Sonntag in den Backwoods" als eines der 
gelungensten Werke dieses Meisters; das bleiche 
kranke Gesicht des jungen Mädchens , welches in 
seiner Schwäche von Kissen gestützt wird, steht mit 
den wettergebräunten Männern der schweren Arbeit 
ihrer Umgebung in auffälligem Kontrast, und fast 
tritt die Absicht, durch den Kontrast zu wirken, 
etwas zu stark in der Scene zu Tage, was jedoch die 
Vorzüge des Gemäldes nicht abschwächen kann. 
i Tlir Maija \ ine /if Art.) 



ALEXANDRINISCHE DEKORATIONSKUNST.] 



Die Besprechung des hier genannten Ijedeuteu- 
den Werkes hatte für diese Blätter deren langjäh- 
riger Mitarbeiter Professor IL Hcijdc.maim in Halle 
übernommen, der auch den Vorläufer dieser Publi- 
kation, Schreibers Arbeit über die Wiener Brunnen- 
reliefs aus Palazzo Grimani, vor etwa anderthalb 
Jahren hier mit warmer Anerkennung besprochen 
liat (Kunstchronik XXIII, S. 459 ff.). Ein plötzlicher 
Tod hat den verdienten Gelehrten vor kurzem mitten 



*) Die hellenistischen Feliefhildcr. Mit Unterstützung 
des Kgl. säfchsischen Ministeriums des Kultus und öftentlichen 
Unterrichts und der philologisch -historischen Klasse der 
Königl. sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften heraus- 
gegeben und erläutert von Thcodnr Sriircibci; a. o. Professor 
der Archäologie an der Universität und Direktor des städti- 
schen Museums zu Leipzig. Erste Lieferung: Tafel I — X. 
Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann. 1889. Fol. 



aus voller Schaä'ensfreudigkeit hinweggeraftt. Weun 
ich auf den Wunsch der Redaktion an seine Stelle 
trete, obschon ich mich schon kurz im Litterarischen 
Centralblatt (f). Okt.) über das Werk ausgesprochen 
habe, so möge man es nicht unnatürlich finden, wenn 
ich das nicht thue, ohne zunächst dem ehemaligen 
Schüler und treuen Freunde ein paar Worte der 
Erinnerung zu widmen. 

Heinrich Heydemann war am 28. August 1842 
in Greifswald geboren, aber schon in früher Jugend 
mit seiner Familie nach Stettin übergesiedelt. Dort 
erhielt er seine Schulbildung, um dann nach einander 
in Tübingen, Bonn, Greifswald und Berlin seinen 
Studien obzuliegen, indem er sich mehr und mehr 
der Archäologie zuwandte. Im Jahre 1865 promo- 
virte er in Berlin mit einer Arbeit über Theseus- 



ALEXANDIIINISCHE DEKORATIONSKUNST. 



ihirstulliiiigou iiiul trat dann bei dem damals schon 
<^auz erblindeten Eduai-d Gerhard als dessen Helfer 
bei der archäologischen Zeitung und bei seinen 
übrigen Arbeiten ein. Mit der warmherzigen Hin- 
gebung, die dem Jüngling eigen war und die auch 
bei dem Manne zu den liebenswürdigsten Zügen ge- 
hörte, schloss sich Heydemann seinem greisen Lehrer 
an und bewahrte über dessen Tod hinaus ihm selbst 
wie seiner Gattin die treue Liebe eines Sohnes, wie 
er denn auch einem seiner Söhne den Namen Ger- 
hard gab. Seine erste grössere Arbeit, anknüiifeud 
an die von Otto Jahn ihm zur Verfügung gestellte 
Zeichmmg einer damals verschollenen Vase, war ein 
Gruss an seine heissgeliebten Eltern zu deren sil- 
berner Hochzeit (186(5). Die Behandlung aller mit 
der Iliupersis zusammenhängenden Kunstdarstel- 
luugen legte von unge^TÖhnlich ausgebreiteter 
Kenntnis des zerstreuten Materials Zeugnis ab und 
bezeichnete sogleich einen hervortretenden Zug in 
Heydemanns Arbeiten, das Streben nach möglichst 
vollständiger Beherrschung des Stoffes. Bald nach- 
her zog er gen Süden und durchwanderte Italien 
und Griechenland, überall eifrig beobachtend, notirend, 
durchzeichnend; ausser Rom und Athen waren Neapel 
und Ruvo mit den reichen Schätzen apulischer Vasen 
in der herrlichen Sammlung Giovanni Jatta's Orte 
längeren Aufenthaltes. Dass er sich an das deutsche 
archäologische Institut in Rom eng anschloss und 
sich fleissig an dessen Publikationen beteiligte, ver- 
stand sich bei dem Schüler Gerhards von selbst; 
mit Eugen Bormann, Otto Donner und anderen 
schloss er enge Freundschaft. Mit reicher Monu- 
mentenkenntnis, mit schweren Mappen voll selbst- 
gefertigter Durchzeichnuugen , das Herz erfüllt von 
Liebe zu der deutschen Braut, die er in Neapel ge- 
wonnen hatte, kehrte er 1869 zurück, um in Berlin 
zugleich an der Universität und am Museum eine 
Thätigkeit zu finden. Herzliche Freundschaft ver- 
band ihn hier mit dem tauben und daher schwer 
zugänglichen Julius FriaUändcr, dem ausgezeichneten 
und fem durchgebildeten Vorstand des Münzkabinets-, 
auch an Theodor Mommsen, der jede ehrlich gemeinte 
Arbeit, auch auf fremden Gebieten, anzuerkennen 
weiss, schloss er sieh in warmer Verehrung an. 
Ausser zahlreichen Arbeiten für die, archäologische 
Zeitung und die römischen Annalen gab er bald nach 
einander drei grössere Früchte seines Reisefleisses 
heraus. Die „griechischen Vasenbilder" (1870), mei- 
stens nach eigenen Zeichnungen abgebildet, sollten 
durch eine Reihe von Vasen sicher griechischen Fund- 
ortes die brennende Frage nach der Herkunft der 



bemalten Vasen lösen helfen. Die Widmung an 
Gerhard galt nicht bloss dem väterlichen Freunde, 
sondern auch dem Forscher und Organisator archäo- 
logischer Arbeit, der in unermüdlicher Weise sein 
ganzes Leben hindurch bemüht gewesen war, durch 
Herausgabe der einst in italienischen Wanderjahreu 
gesammelten Denkmäler den Anschauungsstoff der 
Archäologie zu bereichern. In ähnlichem Sinne widmete 
Heydemann seinen Katalog der Neapeler Vasensamm- 
lungen (1872), ein Werk emsigsten Fleisses (galt es 
doch, ungefähr 4400 Vasen zu verzeichnen), dem 
Andenken Otto Jahns, ebenfalls seines Lehrers, der 
in seinem Münchner Vasenkatalog für etwa drei 
Jahrzehute das Muster einer knappen, rein sachlichen 
Inventarisirung aufgestellt hatte. Endlich sollte die 
Beschreibung zerstreuter Bildwerke Athens (1874) 
Kekule's Katalog der Bildwerke des Theseion ergänzen, 
eine minder glänzende, aber doch auch dankenswerte 
Ausfüllung einer fühlbaren Lücke. Mit diesen Werken, 
die rasch auf einander folgten, hatte Heydemann 
ganz im Sinne Gerhards zu der einen nötigsten 
Aufgabe der heutigen Archäologie, der zuverlässigen 
Aufnahme des zerstreuten Denkmälerstoffs, seinen 
vollen Beitrag entrichtet. 

Das letztgenannte Buch ist Julius Friedländer 
„in dankbarster Erinnerung" zugeeignet. Die Hoff- 
nung, die Heydemann wohl im stillen gehegt hatte, 
in Berlin eine bleibende Stätte zu finden, war nicht 
in Erfüllung gegangen, dafür aber war er im Früh- 
jahr 1874 nach Halle auf den archäologischen Lehr- 
stuhl berufen worden, den vor ihm Conze, Schöne, 
Matz innegehabt hatten. Bald fand er an der Uni- 
versität eine ausgedehnte Wirksamkeit. Die lebhafte 
enthusiastische Art, mit der er alles behandelte, zog 
die akademische Jugend an, die in Halle sich zum 
grossen Teil aus Kreisen ergänzt, welchen derartige 
Interessen von Haus aus fern liegen. Ebenso wusste 
Heydemann einen Kreis von Damen zu fesseln, vor 
dem er eine Reihe von Jahren hindurch verschiedene 
Themen aus der alten Kunst und Kultur behandelte. 
Den Ertrag dieser Vorlesungen verwandte Heyde- 
mann ausschliesslich zur Vermehrung des akade- 
mischen Abgussmuseums, das dadurch weit reicheren 
Zuwachs erhielt als durch den spärlichen Jahresetat; 
in einzelnen Jahren konnte Heydemann dem Museum 
die stattliche Summe von 2000 Mark zuwenden. Da 
er auch sonst noch vermögende Kunstfreunde zu 
überaus reichen Spenden zu begeistern wusste, so 
hat er das Hallische archäologische Museum zu einem 
hohen Flor gebracht, ein Verdienst, dem nicht über- 
all die gebührende Anerkennung zu teil geworden 



ALEXANDRINISCHE ÜEKORATIONSKUNST. 



ist. Freilich staudeu der Wirkung die höchst unge- 
nügendeu Räumlichkeiten im Wege, deren Verbesse- 
rung lange nicht gelingen wollte. Als endlich ein 
Neubau gesichert war, sollte Heydemann seine Vol- 
lendung nicht mehr erleben. Künftige Vertreter der 
Archäologie in Halle werden dem Vorgänger die 
treue Sorge danken, mit der er um die BeschaiFung 
so reicher Mittel für die Anschauung bemüht ge- 
wesen ist. 

Sehr charakteristisch für Heydenianus Art ist 
eine andere Äusserung seiner akademischen Tliätig- 
keit. Gerhard und andere hatten zu Anfang der 
vierziger Jahre die kapitolinische Sitte der Feier von 
AVinckelmanns Geburtstag nach Deutschland verpflanzt 
und sich dadurch für die Belebung archäologischer 
Interessen in weiteren Kreisen ein nicht geringes 
Verdienst erworben. Während diese Sitte, nachdem 
sie ihren Hauptzweck erfüllt hatte, an den meisten 
Universitäten wieder abgekommen war, nahm Heyde- 
mann sie, gewiss im Andenken an Gerhard, wieder 
auf. Schon 186S hatte er durch eine eigene Gelegen- 
heitsschrift über „eine nacheuripideische Antigone" 
auf einem Vasenbilde von Rom aus an den hundert- 
jährigen Todestag Winckelmanns erinnert; von 1876 
au erschien regelmässig zum 9. Dezember ein „Hallisches 
Winckelmannsprogramm", am liebsten anknüpfend an 
eine oder mehrere unedirte Zeichnungen aus Heyde- 
manns Reisemappen, oder die mannigfachen Beob- 
achtungen erneuter Reisen (nach Italien, nach Paris) 
zusammenstellend. Nachdem dann auch die ordent- 
liche Professur, die es in Halle seit L. Ross für die 
Archäologie nicht mehr gegeben hatte, erreicht und 
ein eigenes schmuckes Haus gebaut war, in dem sich 
das glücklichste Familienleben entfaltete, da schien 
zum Glück nichts mehr zu fehlen, als eine gemein- 
same Reise nach Italien mit den Seinen, die er leb- 
haften Sinnes sich im Geiste ausmalte. Mit solchen 
Plänen fand ich ihn um Ostern dieses Jahres be- 
schäftigt. Bald darauf klagte er, wie schon oft, über 
sein Befinden; dann raffte ein tückisches, qualvolles 
Übel, dem weder die ärztliche Kunst noch die liebe- 
vollste Pflege Einhalt gebieten konnte, den immer 
schon zarten Mann in wenigen Monaten dahin. Er 
starb am lü. Oktober. 

Heydemanns Arbeiten zeugen sämtlich von um- 
fassender Beherrschung des weitzerstreuten archäo- 
l()gischen Materials, das er für das jeweilige Thema 
auch aus entlegenen Ecken beizubringen weiss, und 
von methodischer Verwertung desselben. Man kann 
überall Neues von ihm lernen. Weniger sicher ist 
sein Urteil, wo es auf vorwiegend künstlerische Ge- 

Zcitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



Sichtspunkte ankommt. Gewisse orthographische Lieb- 
habereien, denen er nicht entsagen mochte, und eine 
etwas aufgeregte, nicht immer ganz einfache Stil- 
weise, die dem sehr erregbaren und empfindsamen 
Wesen des Mannes entsprach, erschweren dem Leser 
ohne Not das Studium. Über die Archäologie hinaus 
widmete Heydemann auch der neueren Kunst über- 
haupt und insbesondere den Kunstzuständen Halle's 
und der Provinz Sachsen warmes Interesse, wie grade 
diese Zeitschrift und ihr Beiblatt vielfach bezeugen. 
Wer aber dem Manne im Leben näher gestanden, 
wem er seine Neigung oder Verehrung zugewandt 
hat, der weiss an ihm vor allem die durch und durch 
reine, persönliche Verstimmungen tapfer nieder- 
kämpfende und stets die Sache im Auge behaltende 
Sinnesart, das warme aufopferungsfähige Herz, die 
unerschütterliche Treue hochzuschätzen. Diese Eigen- 
schaften sichern ihm einen festen Platz im Herzen 
derer, die ihn kannten. — 

Heydemann gab in jener Besprechung von 
Schreibers Buch über die Grimani'schen Brunnen- 
reliefs eine kurze, im wesentlichen zustimüiende In- 
haltsangabe dieses Werkes, in dem Alexandrien in 
sein lange verlorenes Recht als ein Hauptsitz der 
hellenistischen Kunstentwickelung wieder eingesetzt 
wird. Ich habe seit fast zwanzig Jahren in meinen 
Vorlesungen dieselbe Ansicht vertreten und auf der 
Züricher Philologenversammlung vom Jahre 1887 
besonders auf die eine Thatsache hingewiesen, dass 
kaum in irgend einer Periode griechischer Geschichte 
die Erscheinungen der bildenden Kunst denen der 
Poesie, der Litteratur, der gesamten Kultur so genau 
entsprechen, wie in derjenigen Zeit, die wir als die 
alexandrinische zu bezeichnen gewohnt sind, und dass 
das kein Zufall sein kann. Auch Ludwig von Sybel 
nimmt in seiner „Weltgeschichte der Kunst" öfter 
auf Alexandrien Rücksicht, als es sonst in den Be- 
handlungen griechischer Kunstgeschichte üblich ist, 
die zum Teil gradezu die Berechtigung leugnen, von 
einer selbständigen Kunstübung Alexandriens zu 
sprechen. Schreiber gebührt aber das Verdienst 
dieses Problem energischer angegriffen zu haben. 
Wie er in den Mitteilungen des athenischen Instituts 
von 1885 an einer Anzahl alexandrinischer Erz- 
figuren eine besondere Art realistischer Auffassimg 
und etwas karikirter Wiedergabe als charakteristisch 
für Alexandrien nachwies, so erörterte jenes Buch 
über die Wiener Brunnenreliefs ein grosses,";fUr 
Alexandrien besonders bedeutsames Kapitel, das der 
Wanddekoration im Palast- und Hausbau der neuen 
Hauptstadt der spätgriechischen Welt. Mit ebenso 

10 



74 



ALEXANDKINISCÜIE DEKOKATIONSKUNST. 



viel Helesenlioit, iiucli in .sehr eutlegeiier Litteratur, 
wie Sebarfsiun iu der Kombination der Thatsaclien 
weist Schreiber nach, wie der Bau aus nngebranuten 
Ziegehi zur Verkleidung der Wände führte (was bei- 
spielsweise auch schon in Mausolos' halikarnassischem 
Palast, dem Vorbilde des alexandriuischen, der Fall 
gewesen war), und wie eine solche Verkleidung je 
nach dem Geschmack und den Mitteln sehr ver- 
schiedene Formen annehmen konnte, von der blossen 
Bemalung des Stuckbewurfes (die uns in dem stark 
alexandrinisirenden Pompeji entgegentritt) bis zu den 
Bekleidungen der Wände mit kostbarem Mosaik oder 
mit den in Ägypten von alters her verfertigten glän- 
zenden Erzeugnissen der Grlasfubrikation (Glasplatten, 
Glasreliefs, Glasmalerei u. s. w.). Von noch grösserer 
Tragweite und auch von grösserer künstlerischer 
Bedeutung ist die Wiederaufnahme der alten Metall- 
bekleidung heroischer Zeiten, freilich in ganz neuer 
Form, mit kunstvollerer architektonischer Gliederung 
der Wand und Anbringung prachtvoller Metallreliefs, 
besonders im Mittelpunkt der Dekoration, etwa so 
wie in Pompeji Gemälde die Mitte des farbigen Wand- 
schmuckes bilden. Diese äusserst kostbare Deko- 
rationsweise hatte endlich ihr immer noch reiches 
aber doch bedeutend billigeres Seitenstück in der 
Inkrustation der Wände mit verschiedenartigen far- 
bigen Marmorplatten, wie sie die Marmorbrüche 
Kleiuasiens und Afrika's so mannigfach darboten; 
natürlich auch hier in architektonischer Gliederung, 
wobei an die Stelle der Metallreliefs Marmorreliefs 
traten — eine Dekoratiousweise, deren Nachwirkung 
uns noch in den Prachtbauten des kaiserlichen Rom 
entgegentritt. 

Diese letzte Art der Wanddekoration ist es, mit 
der es die neue grosse Publikation Schreibers zu 
thuu hat. Anstatt der Bezeichnung „alexandriuisch" 
hat der Verfasser lieber die allgemeinere „hellenistisch" 
gewählt, weil natürlich nicht für jedes Erzeugnis der 
Gattung Alexandrieu als Heimat sichergestellt werden 
kann; freilich ist damit auch der Hinweis auf jenen 
Zusammenhang weggefallen, der diese Reliefs mit 
alexandrinischer Poesie und Empfindungsweise ver- 
bindet. Sehr glücklich ist der von Schreiber schon 
früher eingeführte Ausdruck „Rt^liefbilder". Damit 
ist auf die malerische Haltung der ganzen Gattung 
im Gegensatz gegen die ältere Reliefweise, wo sich 
jede Figur mehr oder weniger silhouettenhaft vom 
glatten neutralen Hintergrunde abhob, deutlich hin- 
gewiesen. Ein Überrest der älteren Weise bleibt 
zunächst noch darin bestehen, dass die Hauptfiguren 
selbst sich vom ebenen Reliefgnmde lösen, während 



rings alles in reicher Schilderung von Vorder-, 
Mittel- und Hintergrund sich auflöst, bald in hohem, 
frei herausspringendem, kunstvoll wie aus Metall ge- 
triebenem Hautrelief dem Beschauer entgegentretend, 
bald allmählich sich verlierend in das Dämmerlicht 
einer Höhle oder in duftiger Luftperspektive bis zu 
leichtestem Relief, ja bis zu fein eingeritzter Zeich- 
nung sich verflüchtigend. Was ^ die Renaissance auf 
dem Gebiete malerischer Reliefbehandlung geleistet 
hat, das finden wir vorgebildet auf diesen Relief- 
bildern hellenistischer Prachtkunst oder ihren rö- 
mischen Nachahmungen.' Jeder, der die Grimani'schen 
Brunnenreliefs, die Löwin und das Mutterschaf 
iu ihrer felsigen und waldigen Umgebung zuerst 
erblickt, begreift es, dass diese Reliefs lange für 
Renaissancewerke gegolten haben; ist uns doch der 
Sinn für hellenistische Kunst und ihre so stark ans 
Moderne streifende Eigentümlichkeit erst in den 
letzten Jahrzehnten aufgegangen. Und wenn die 
überraschende Mächtigkeit der pergamenischen Ent- 
deckungen zunächst das Interesse ganz auf sich zog 
und es den Anschein gewann, als ob hier der allge- 
mein gültige Charakter der hellenistischen Skulptur 
sich enthülle, so führen jene Reliefbilder uns in eine 
wesentlich verschiedene Region und ergänzen in er- 
wünschtester Weise das dort gewonnene Bild der 
hellenistischen Kunst: das raffinirte und dabei iu 
idyllischen Stimmungeu und in einer stadtflüchtigeu 
Naturfreude schwelgende Alexandrien mit den von 
hier ausgehenden Kunstströmungen tritt neben die 
rhodisch-pergamenische oder sagen wir lieber klein- 
asiatische Richtung auf hochpathetische Gruppen 
und rauschendes Kampfgewoge. 

Um dieser neuen Erscheinung zu ihrem vollen 
Rechte zu verhelfen, bedurfte es einer möglichst voll- 
ständigen Sammlung aller noch vorhandenen Exem- 
plare. Das kgl. sächsische Unterrichtsministerium 
und die philologisch-historische Klasse der Leipziger 
Gesellschaft der Wissenschaften haben den Heraus- 
geber in den Stand gesetzt, auf wiederholten Reisen 
dem weit zerstreuten Stoffe nachzugehen und überall 
photographische Aufnahmen zu erwirken. Künstliche 
Beleuchtung hat die Hindernisse beseitigt, die un- 
günstige Aufstellung in den Weg stellte, und ein 
eigenes Abwaschverfahren hat die entstellenden 
Flecken des Marmors entfernt, die die klare Wir- 
kung der Nachbildung zu beeinträchtigen drohten. 
Die Ausführung der Tafeln nach diesen Vorlagen, 
bei denen die kräftige Wirkung des Hautreliefs im 
Gegensatz zu den flachen, bis ins Einzelnste ausge- 
arbeiteten Hintergründen vor allem erstrebt werden 



ALEXANDRINISCHE DEKORATIONSKUNST. 



75 



musste, geschieht in Heliogravüre, und zwar durch 
die hierfür besonders berühmte Firma Dujardin iu 
Paris. Es müssen wohl triftige Gründe gewesen 
sein, die zur Wahl dieser Firma geführt haben, Gründe, 
die sich vmserer Beurteilung entziehen. Vergleicht 
man die ersten beiden Tafeln der vorliegenden Pu- 
blikation mit der heliographischen Wiedergabe der 
gleichen Reliefs in dieser Zeitschrift (XX zu S. 242 
und 266) und in Schreibers Werk von 1888, die von 
V. Angerer iu Wien herrührt, so scheint mir in der 
letzteren namentlich das Mutterschaf — bei der 
Löwin ist die Beleuchtung etwas zu scharf geraten 
— den Vorzug zu verdienen. Dies gilt vor allem 
von dem gewählten Farbenton. In Angerers Wieder- 
gabe empfindet mau den Marmor und das erhöht 
die Wirkung, in Dujardins Tafeln ist alles iu einen 
undurchsichtigen schmutzigbraunen Ton getaucht, 
der vielleicht für Bronzen geeignet sein könnte, aber 
dem Charakter des Marmon-eliefs durchaus nicht ge- 
recht wird. Bei Reliefs mit mehr glatten Flächen 
und deren natürlicher Lichtftille ist dies weniger 
aulfällig, aber auf das dringendste möchten wir bitten, 
den feinen zarten Kabinetstücken, die spätere Liefe- 
rungen bringen sollen, einen lichteren, mehr mar- 
morgemässen Farbenton zu geben. 

Das ganze Werk ist auf nicht weniger als 112 
Tafeln eines sehr stattlichen Folioformats berechnet, 
die in elf Lieferungen erscheinen sollen. Es zerfällt 
in zwei Hauptabteilungen. Die ersten 37 Tafeln 
sollen die grossen Prachtreliefs mit meistens my- 
thischen Gegenständen bringen, die sich durch ihre 
Grösse und ihr Hochformat deutlich als Hauptstücke 
der Dekoration grösserer Räume zu erkennen geben. 
Die vorliegende erste Lieferung enthält auf zehn 
Tafeln ebenso viele erlesene Stücke. Den Reigen 
eröffnen die beiden öfter erwähnten Grimani'schen 
Prachtreliefs, echte griechische Originale von wunder- 
barer Feinheit, die wir ohne Bedenken der ersten 
Ptolemäerzeit, der Blütezeit des Idylls und der 
naturhistorischen Interessen am Hofe von Alexan- 
drien, zuschreiben dürfen. Ihnen folgen jene acht 
Reliefs, die einst in der grossen Treppe zur Kirche 
Santa Agnese als Stufen gedient haben, dabei stark 
beschädigt worden sind und heutzutage in einem 
übelbeleuchteten Räume des Palazzo Spada aufbe- 
wahrt werden. Diese „römischen Reliefs griechischer 
Erfindung" sind aus einer stattlichen Publikation 
Emil Brauns bekannt, die der Begeisterung und der 
Freigebigkeit des jungen bayerischen Barons Alfred 
von Lotzbeck verdankt wird. Nichts kann deutlicher 
den Umscliwuno; in den Anfonleriuio-en veranschau- 



lichen, die man vor vierzig Jahren und in unserer 
photographisch geschulten Zeit an eine gute Wieder- 
gabe von antiken Bildwerken stellte und .stellt. Dort 
die feine, aber übermässig geleckte und daher leicht 
schwächliche Interpretation der antiken Reliefs durch 
moderne Künstlerhand; hier die unerbittlich treue 
Wiedergabe der Originale, mit ihren derben miss- 
lungenen Einzelheiten und mit den zum Teil recht 
massigen Ergänzungen (man vergleiche z. B. den 
garstigen Judenkopf des Adonis auf Tafel IV mit 
der empfindsamen Umstilisirung bei Braun Tafel II), 
dafür aber auch mit dem leichten, freien, teilweise 
frischen Charakter der Arbeit. So ist die erste Liefe- 
rung wohl geeignet, in der Zusammenstellung grie- 
chischer Originale und römischer Kopien für die 
Beurteihmg der einzelnen Exemplare, die leider 
meistens der zweiten Klasse angehören, und für die 
Rückübersetzung der römischen Nachbildungen in 
den Hellenismus der verlorenen Originale den rich- 
tigen Standpunkt anzugeben. 

Die letzten zwei Drittel des Werkes werden den 
Kabinetstücken gewidmet sein, die für Wände klei- 
nerer Räume oder untergeordnete Stellen der Wände, 
zum Teil auch für besonderen Gebrauch bestimmt 
gewesen sind. Es ist keine Gefahr, dass diese Stücke 
bescheideneren Umfanges an Interesse hinter den 
grösseren Prachtreliefs zurückstehen sollten, denn 
was ihnen an Ausdehnung abgeht, ersetzen sie reich- 
lich durch die miniaturartige Feinheit der Ausfüh- 
rung und durch die Mannigfaltigkeit des Inhalts. 
Neben die mythischen Stoffe treten hier die Genre- 
bilder, die Scenen von der Bühne und aus dem Leben 
der Dichter, historische Darstellungen genrehaften 
oder individuelleren Charakters. Grade in diesen 
Bildern und Bildchen ist ein grosser Reichtum an- 
ziehender Darstellungen und feinster Kunstvirtuosität 
enthalten. Den Schluss w^erden die erhalteneu Glas- 
reliefs als Zeugnisse der verschollenen Wauddeko- 
ration aus Glas, eine Reihe doppelseitig mit Relief 
verzierter Marmorscheiben und die nicht eben zahl- 
reichen Prachtreliefs bilden, die eigene Erfindungen 
der römischen Zeit nach dem Muster der helle- 
nistischen Vorbilder enthalten. 

So wird das gross angelegte Werk, das ganz 
dem Zuge der jetzigen Archäologie nach Zusammen- 
stellung von Klassen gleichartiger Kunstwerke folgt, 
eine Fülle von Genuss und Belehrung bieten. Es 
ist zwar nur eine Seite der alexandrinischen Kunst, 
die hier Licht erhält, aber eine sehr charakteristische, 
und obschon vielleicht der grössere Teil der Reliefs, 
wenigstens der besser erhaltenen, schon früher pu- 

10* 



76 



NEUE KUNSTBLÄTTER. 



blizirt war, so sichert doch erst die Zusamnienstel- 
lung der ganzen Klasse ihren bedeutsamen Platz in 
der griechischen Kunstgeschichte. Der Verleger lässt 
uns lioffen, dass das Werk im Laute des Jahres 1890 
vollendet vorliegen wird. Bis dahin wird man sich 
an den schönen Tafeln genügen lassen müssen. Mit 
der Schlusslieteruug soll auch der mit zahlreichen 
Textabbildungen und Hilfstafeln versehene Textband 



ausgegeben werden, anf dessen ohne Zweifel reiche 
Belehrung wir nach den vorgängigen Ausführungen 
in dem Buche über die Grimani'schen Reliefs gespannt 
sein dürfen. Das Kapitel von der alexandrinischen 
Kunst wird dann auch nach anderen Seiten mit 
grösserer Sicherheit bearbeitet werden können. 



Strassburff. 



AI). MICHAELIS. 



NEUE KUNSTBLÄTTER. 




ER Kunstverlag von Stiefbold & Co. 
in Berlin hat unlängst eine Reihe 
neuer Kunstblätter herausgegeben, 
deren Bedeutung hervorzuheben 
unser lebhafter Wunsch ist. Ein 
Meisterwerk der Malerei durch 
den Grabstichel meisterlich wiedergegeben, ist es zu- 
uächst, was unsere Aufmerksamkeit fesselt. Jeder, 
der nach Venedig kommt, kennt die heil. Barbara 
des Palma Vecchio. Das Bild übt seine Reize auf 
alle Beschauer aus; selb.st die, welche in Italien 
wenig Kirchen, Paläste und Museen besuchen, stehen 
verwundert vor so viel harmonischer Schönheit, wie 
sie das Bild in der Kirche S. M. Formosa ausstrahlt. 
Das merkwürdig Imposante dieses typischen Kunst- 
werks beruht nicht zum kleinsten Teile auf der Aus- 
einauderbreitung des Mantels, der nach unten in 
mächtigen Falten zusammenfliesst. Durch diese Kon- 
vergenz der Linieu, welche sich in dem Unterge- 
waud etwas massiger wiederholt, gewinnt die Figur 
jene Mächtigkeit und Sicherheit, welche der Schutz- 
patronin der Artillerie zukommt. Der ausdrucks- 
volle Kopf, gleichsam die prächtige Blüte der ganzen 
Gestalt, ist von allen Beschauern genugsam gerühmt 
worden. Man muss da immer den überaus präg- 
nanten Ausdruck Burckhardts von der centralen 
venezianischen Schönheit wiederholen. Hier in der 
That scheint das Centrum der venezianischen Malerei 
zu sein. 

Es muss ein selbstbewusster Meister sein, der 
die Reize dieser unberührbaren Gestalt mit dem 
Grabstichel aufs neue hervorbringen will. Die hohe 
(iewalt der Farbe , welche mit dieser Darstellung 
untrennbar verbunden scheint, soll weggedacht, das 
Ganze mit dem Auge des Farbenblinden betrachtet 
werden! Und dennoch lebt in dem Stiche von 



J. Burger noch ein Hauch jener unendlichen Har- 
monie, jener süssen Weichheit des Farbenspiels, die 
dem Originale eignen und von denen man so un- 
gern scheidet. Ebenso sinnend wie auf dem Bilde 
blickt die Gestalt hinaus: sie hat auf einen Augen- 
blick vergessen, welchen Zauber .sie auszuüben ver- 
mag, das wird man auch vor dem Stiche empfinden. 
Es ist eine reife, abgeklärte Wiedergabe des grossen 
Gegenstandes, in der die Wucht der Hauptlinien 
durch überaus zarte Behandlung glücklich ge- 
dämpft ist. 

Ein zweites Blatt, ganz anderer Art freilich, aber 
vorzüglich in jeder Beziehung ist eine Radirung von 
//. WiiiMiiiann nach einem Bilde von C. Sehrrrr.'i. 
Die Landschaften dieses Malers haben einen be- 
stinnnten Typus ; er liebt die strohgedeckten Bauern- 
häuser, die klare Luft nach einem längeren Regen, 
feuchten, zvim Teil mit Wasser bedeckten Boden und 
einen wolkenschweren Himmel. Der Radirer des 
vorliegenden Blattes erweist sich als fertiger Meister, 
der sichere Herrschaft über die Mittel übt, die dem 
Aquafortisten zu Gebote stehn. Wodui-ch dies Blatt 
aber ganz besonders hervorragt, das ist die Art, wie 
es gedruckt ist. Bei der echten Malerradirung kann 
die Nadel nur die Hälfte thun, die andere Hälfte 
giebt der Drucker. Der Radirer schafft so zu sagen 
das Skelett, der Drucker das Fleisch zu dem leben- 
digen Werke. Bei der „Überschwemmung' von 
Scherres nun zeigt sich der Drucker, V. Aiigcrer. 
als ein wahrer Meister, dessen Kunst die Wirkung 
des Blattes zur befriedigendsten Höhe erhebt. Durch 
Zufall sahen wir Druckversuche des vorliegenden 
Blattes, die anderen Händen entstammten. Wie ein 
menschliches Skelett von einem blühenden, atmen- 
den Körper unterschieden ist, so weit standen diese 
beiden Druckzustände von einander ab. So reich 



i 



NEUE KUNSTBLATTER. 



77 



und voll in der Tiefe, fein abgestimmt in den Zwischen- 
tüneu und zart und rein in den Lichtern, dass man 
überall die sensitive Hand des Künstlers zu sehen 
meint. Wenn solcher Musterstücke noch mehr ver- 
öffentlicht werden, so müsste es duch, wunderlich 
zugehen, wenn dem Publikum die Augen über den 
hohen Wert der ßadirung, die von Originalzeichnung 
und kaltem Stahlstich gleichweit entfernt ist, nicht 
aufgingen. 

An dritter Stelle nennen wir ein prächtiges 
Blatt nach Pnssmi, von Tli. AIj/Ikhis radirt. Von 
dem Maler ^können wir unsern Lesern kaum etwas 
Neues erzählen, ausser etwa, dass er der Alte ge- 
blieben ist. Ein Gemüseverkäufer, der einer Reihe 
von italienischen Schönen seine Kürbisse ausbietet, 
das ist im reinsten Venezianisch vorgetragen. Von 
dem Radirer haben wir im letzten Jahrgange zwei 
treffliche Proben unseren Lesern vorgeführt. Hier 
bewährt sich auf einem grossen Blatte seine sorg- 
fältige Technik, die ein leichtes „sfumato" interes- 
sant macht. 

Nicht ganz so hochstehend, doch als eine erfreu- 
liche Leistung lobenswert, sind die beiden Original- 
radirungen von H. Kohnert „Frühlingsmittag" und 
„Herbstdämmerung"; jenes Blatt zeigt Wald und 
Wiesenfläche mit einigen Hasen, dieses einen Weiher 
mit Schilf und Seerosen, über den wilde Enten trom- 
petend hinwegfliegen. Auf den Herbst und die 
Dämmerungsstimmung versteht sich der Künstler 
noch besser als auf den Frühling und den Mittag. 
Von Kohnerts Radirkunst haben wir schon bei Ge- 
legenheit der Besprechung der Publikation des Ver- 
eins für Originalradirung Rühmenswertes hervor- 
zuheben gehabt. Er zeichnet sauber und korrekt, 
wie an der tierischen Staffage und am Baumschlag 
zu sehen ist, weiss auch durch passende Behandlung 
die landschaftliche Fläche wohl zu gliedern. 



Endlich haben wir noch von den Stiefboldschen 
Blättern eine reizende radirte Fächerzeichnuug im 
Rokokogeschmack zu erwähnen, deren hübsches 
Mittelbild im ersten Hefte des neuen Jahrgangs vor- 
geführt wurde. Auf der halbkreisförmigen Fläclie 
schweben noch einige allerliebste moderne Amoretten 
herum, deren niedliche Bildung viel zum Reiz des 
Blattes beiträgt. Der Urheber des Fächermotivs ist, 
wie bekannt, H. Leflcr in München, der Radirer JV. 
Zicglcr. Das Blatt kostet 15 M. (Remarkdruck 40 M.) 
und ist in hochrotem Tone 'gedruckt,"^der festlich 
aussieht und nicht zu grell erscheint. — 

Gleichzeitig mit den Stiefjjoldschen Blättern 
ging uns vom Verlage von P. Bette in Berlin eine 
neue Porträtradirung, das Brustbild des Prinzen 
Heinrich von Preussen darstellend, zu. Sie rührt 
von Prof Eikrs her und bildet ein Gegenstück zu 
dem im Frühjahre veröffentlichten Bildnisse des 
Kaisers Wilhelm. Das Blatt ist mit Kupferstecher- 
sorgfalt ausgeführt; es ist eine Eigentümlichkeit der 
Eilers'schen Manier,' dass er dem Drucker fast nur 
so viel Anteil 'an der Wirkung lässt, wie ihm liei 
einem Linienstiche zukommt. Dadurch haben die 
Eilers'schen Blätter fast alle etwas Kühles, weil ihnen 
der vermittelnde, ausgleichende gewischte Ton fehlt, 
der das eine unerlässliche Merkmal einer echten 
Radirung bildet. Die gezeichnete und geätzte Linie 
allein kann nie das Blatt so reich macheu. Doch 
braucht diese Ausstellung kein Tadel zu sein. Bei 
der grossen Sorgfalt und dem erprobten Talent des 
bekannten Stechers war es gewiss, dass ein vor- 
zügliches Blatt auch in dieser Manier erzeugt werden 
musste. Der Künstler hat mit feinem Gefühl ein 
sehr lebendiges, wohlthuend weiches Porträt ge- 
schaffen, in welchem jede Linie die Sicherheit ver- 
rät, mit welcher der Meister zu arbeiten pflegt. 

A. S. 












Landschaft von Jan Brdeghel. 



BÜCHERSCHAU. 



Handzeichnungen alter Meister im National- 
museum zu Stockholm. 25 Tafeln (Photogra- 
phien) mit Text von Guatnr Upmark. Stockholm, 
Blaedel & Co. Fol. 

Unter den Schätzen des schwedischen National- 
museums in Stockholm nehmen die Zeichnungen 
nlter Meister einen hervorragenden Platz ein. — Der 
Grund dieser Sammlung wurde von dem kunstsinni- 
gen Staatsmanne und Diplomaten Grafen Carl Gustaf 
Tessin (1695—1 770) gelegt. Ein Sohn des berühm- 
ten Architekten Nicodemus Tessin d. j., wurde er 
schon früh mit künstlerischen Interessen vertraut 
und bildete sich später durch Reisen aus. Nach dem 
Tode des Vaters (1728) als de.ssen Nachfolger zum 
„Oberintendanten aller königl. Schlösser, Häuser, 
Gebäude und Gärten" ernannt, wurde er vielfach 
zu diplomatischen Aufträgen benutzt, u. a. als schwe- 
discher Gesandter am französischen Hofe 1739 — 41. 
Einige Jahre war er sogar Kanzleipräsident, d. h. 
Chef der Regierung. In Paris war er in persönliche 
V'erbindung mit der damaligen Künstler- und Ge- 
lehrtenwelt getreten und hatte sich nach und nach 
zu einem wahren ,.curieux" im damaligen Sinne des 



Wortes ausgebildet. Bei der Versteigerung der ko- 
los.salen Hahdzeichnungensammlung des l)erühniten 
Crozat im Jahre 1741 war Graf Tessin einer der 
eifrigsten Käufer. Ein in der königl. Bibliothek zu 
Stockholm befindliches Exemplar des von Mariette 
herausgegebenen Auktionskataloges mit Tessins eigen- 
händigen Randbemerkungen giebt genaue Aufschlüsse 
über seine bei dieser Gelegenheit gemachten Er- 
werbungen. Es geht daraus hervor, dass er aus der 
Sammlung Crozat insgesamt 2057 Zeichnungen zu 
dem nach heutigen Verhältnissen sehr massigen 
Preise von 5072 livres 10 sols gekauft hatte. Schon 
früher hatte er von seinem Vater eine bedeutende 
Menge von architektonischen und kunstgewerblichen 
Zeichnungen, Kostümblättern u. dergl. geerbt. Durch 
spätere Ankäufe, besonders von Werken der dama- 
ligen französischen Schule, vermehrte er seine Samm- 
lung, und als er sein, noch im Besitze des Museums 
befindliches , handschriftliches Verzeichnis dieses 
Teiles seiner Kunstschätze errichtete, war seine Haud- 
zeichnungensammlung allein auf mehr als 7000 Blätter 
gestiegen. 

Aus finanziellen Gründen sah er sich indessen 



BUCHERSCHAU. 



70 



genötigt, diese Sammlung in den fünfziger Jahren des liunderts in den Bestand des Natioualmuseums über, 
vorigen Jahrhunderts an den König Adolf Friedrich Heute zählt die ehemalige Tessinsche Sammlung von 
abzutreten. Als der König 1771 starb, ging sie Handzeichnungen alter Meister im eigentlichen Sinue 




Handzeicbnung von Guercino. 



durch Kauf in den Besitz seines Sohnes, König 
Gustav III. über, um endlich nachdessen Tode 1792 
Eigentum des schwedischen Staateszu werden Mit 
den übrigen Sammlungen des ehemaligen königl. Mu- 
seums ging sie in den sechziger Jahren unseres Jahr- 



beinahe 200ü Blatt mit mehr als 3000 Zeichnungen. 
Dazu kommen noch die scliwedische Abteilung und 
die sehr bedeutende Sammlung von Architektur- und 
Kunstgewerbeblättern. 

VonderTessinschen Sammlung bilden die Werke 



so 



BÜCHERSCHAU. 



itiilieuischor .Schuleu etwas mehr als die Hälfte, da- 
runter das bekannte schöne Blatt von Raäael mit der 
Anbetung der Könige. Besonders reich sind darin 
die Italiener der Spätrenaissance und Barockzeit ver- 
treten, doch hat die Sammlung auch eine stattliche 
Reihe Zeichnungen von den Meistern der Früh- und 
Hochrenaissance aufzuweisen. Die Werke der deut- 
schen Schule befinden sich spärlich vor. Von den 
vlämischen und holländischen Meistern des 17. Jahr- 
hunderts sind dagegen zahlreiche Arbeiten vorhanden. 
So werden z. B. gegen hundert Blätter dem Rem- 
brandt zugeschrieben. Sehr reich sind auch die 
französischen Meister des 17. und besonders des 
I S. Jahrhunderts vertreten, einerseits Poussin, Bour- 
don u. a., anderseits Boucher und seine Zeitgenossen. 
Aus dieser reichen Sammlung liegt hier eine 
kleine Auswahl vor, geeigne*^ eine Vorstellung von 
dem künstlerischen Gehalte des Ganzen zu geben. Es 
ist zu wünschen, dass dieselbe in weiteren Kreisen 
als bisher bekannt werde und dass sie die Anerken- 
nung finden möchte, welche ihr mit Recht zukommt. 



Aiix der Ditusddorfrr Malcrschidr , Studien und 
Skizzen von Adolf riosrnhcr<j. Den Abonnenten der 



„Zeitschrift' bietet die Verlagshandlung in diesem 
stattlichen Quartbande ein Seitenstück zu dem vor 
zwei Jahren erschienenen Werke über die Münchener 
Malerschule, indem sie ihnen eine nicht unbedeutende 
Preisermässigung gewährt. Der Verfasser ist den 
Lesern der Zeitschrift als einer ihrer ältesten und 
fleissigsten Mitarbeiter zur Genüge bekannt, so dass 
wir uns auf diese einfache Anzeige beschränken 
können. Unter den Abbildungen, die zum Teil aus 
ganz- und halbseitigen Holzschnitten, zum Teil aus 
Radirungen und Kupferlichtdrucken bestehen, be- 
finden sich manche, die unsern Lesern aus der Zeit- 
schrift in der Erinnerung sind, immerhin aber 
auch eine grössere Anzahl, denen sie hier zum 
ersten Male begegnen. Unter den Holzschnitten 
heben wir die unter den Kapitelanfängen ange- 
brachten ornamentalen Erfindungen von Klein- Che- 
valier hervor, in welche die Bildnisse von zwei Kory- 
phäen der Düsseldorfer Schule verflochten sind, 
ferner die von Brendamour ausgeführten vortreä- 
lichen Holzschnitte nach Jaiissens Wandgemälde in 
der Ruhmeshalle zu Berlin „Begegnung Friedrichs 
des Grossen mit Zieteu bei Torgau" und Far/crliiifi 
«femütvollem .Besuch bei der Grossmutter". ** 












Wappen des Erzbischofs Paris-Lodrou vou .Salzburg. 




H»h.:.^r.v.F. Hanfstängl 



MANNLICHES BILDNIS. 

Das Originalgemade befindet siel im Besitze des Herrn Josef Th. Schall ia BeiUn. 







BILDNIS EINES JUNGEN MANNES VON N. MAES. 



Das männliclie Porträt von N. Maes, welches 
kürzlich ans süddeutschem Privatbesitz von dem 
Kunsthändler J. Th. Schall in Berlin erworben 
worden ist, gehört jener kleinen Gruppe von Bild- 
nissen an, welche der Künstler, noch völlig unberührt 
von französischen Einflüssen, die den Porträts aus 
der zweiten Hälfte seines Lebens den Stempel der 
Manier aufprägten, in jener Zeit ausgeführt hat, wäh- 
rend welcher er in Amsterdam ßembrandts Schüler 
war. Nach der gewöhnlichen Annahme umfasst diese 
Lehrzeit die Jahre 1650 — 1654, und dieser frühen 
Zeit schreibt Woermann die „alte Frau" im Museum 
zu Brüssel, den »sinnenden Herrn" im Reichsmu- 
seum zu Amsterdam, den „Gelehrten" im Museum 
zu Braunschweig und das Bildnis des N. Heinsius 
in der Galerie Arenberg in Brüssel zu, welches letz- 
tere freilich bereits die Jahreszahl 1656 trägt. Wenn 
man unser Bildnis mit einem der genannten, z. B. 
mit dem Braunschweiger Bilde vergleicht und die 
noch etwas befangene , unfreie Anordnung und 
Stellung der Figur iu Betracht zieht, wird man es 
an den Anfang dieser Reihe setzen, also als eines 
der frühesten bekannten Werke des Maes ansehen 
dürfen. Gelernt hatte der junge, kaum zwanzig- 



jährige Künstler um diese Zeit freilich schon ziemlich 
viel. Das zeigt besonders die vortreffliche Modelli- 
rung der derben, fleischigen Hände in vollem, warmem 
Licht, welche mit dem breiten, fast faltenlosen Hemd- 
kragen die dunkle Masse des Wamses und des 
umgeschlagenen Mantels wirksam unterbrechen. 
Wie auf dem Braunschweiger Bilde, befindet sich 
auch hier im Hintergrunde ein hohes Regal mit in 
Schweinsleder gebundenen Folianten, von welchem 
der dunkle Vorhang halb zurückgezogen ist. Auf 
dem Rücken eines der Bände liest man oben die 
Signatur: N. MAES, welche sich bei der Reinigung 
und Wiederherstellung des Bildes durch A. Hauser 
als unzweifelhaft echt erwiesen hat und die auch im 
wesentlichen mit der Bezeichnung des viel freier be- 
handelten Braunschweiger iPorträts übereinstimmt. 
Unser Bild ist übrigens durch eine nahezu tadellose 
Erhaltung ausgezeichnet. Die wenigen, notwendig 
gewesenen Retouchen sind so geringfügig, dass ins- 
besondere die Leuchtkraft der Fleischpartien nir- 
gends beeinträchtigt wirdj, und die ursprüngliche 
Gesamtwirkung scheint an keiner Stelle durch Nach- 
dunkelung oder Versinken der Farbe alterirt zu sein. 
ADOLF ROSENBERQ. 



Zeitschrift für bildende Kunst. K. F. I. 




Liebesbotschatt \oi) 1 Aüin i 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



In der KlostcrbihUothck betitelt sich die diesem Hefte 
beigegebene Radirung von L/udwig Kühn, welche nach dem 
Gemälde von Reinhard Sebastian Zimmermann im Museum 
zu Hannover ausgeführt ist. Der Maler ist durch viele vor- 
treftliclie Genrebilder bekannt; besonders berühmt sind „Der 
Schrannentag in München", welches sich im Kölner Museum 
befindet, ,Die Impfstube", ,Das Zweckessen" , „Vor der 
Musikprobe" u. a. Der Geburtstag des Künstlers ist der 
!). Januar 1815, an welchem er in Hagenau am Bodensee 
das Licht der Welt erblickte. Sein Zeichentalent machte 
sich frühzeitig kund, aber erst 1840 kam er nach München 
an die Akademie, um sich der Kunst zu widmen. 1844 ging 
er nach Paris, wo er über ein Jahr lang sich aufhielt und 
Porträts malte, besuchte dann Belgien und England und lebt 
seit 1847 in München. 

» Die inodcrne Kunst in Mcisferholjiselinitten, welche 
im Verlage von R. Bong in Berlin erscheint, ist bis zum 
Beginn des 4. Bandes gediehen , dessen reiche Weihnachts- 
nummer soeben ausgegeben wurde (Preis 2 Mark). Sie will 
es den Christmas -Nummern des , Graphic' und „lllustrated 
London News" gleichthun und wetteifert durch eine sehr sorg- 
fältige, reiche Ausstattung und ein grosses Farbenbild .Kaiser 
Wilhelm und sein Gefolge" durchaus mit jenen. Der uns 
vorliegende 3. Band der Mustersammlung enthält eine lange 
Reihe mit blendender Virtuosität ausgeführter Schnitte; die 
von Weber in Brüssel und Bong in Berlin ragen besonders 
daraus hervor. Der Tonholzschnitt scheint nunmehr in der 
That seinen höchsten Gipfel erreicht zu haben; wir wüssten 
wenigstens nicht, auf welche Weise man diese Fertigkeit, 
diese alles ei'möglichende Technik übertrumpfen könnte, ohne 
in Künstelei zu verfallen und daher sich von dem echten Stil des 
Holzschnitts zu entfernen. Es'giebt Künsteleien, die so behandelt 
sind, dass sie bald einer Radirung, bald einer Tuschzeichnung 
auf den ersten Blick gleichen. Das ist Manierismus. Der 
Holzschnitt hat seine Selbständigkeit und seinen Stil erlangt 
und dai-f neben dem Kupferstiche sich kühn behaupten. Eines 
der kleinsten Bilder der Sammlung bringen wir als Probe ; 
das Format unserer Zeitschrift gestattete keine andere Wahl. 

Die Trierer Adahandschrift, bearbeitet und herausge- 
geben von K. Menzel, P. Corssen, H. Janitschek, A. Schnütgen, 
F. Hettner, K. Lamprecht. (Publikation der Gesellschaft für 
Rheinische Geschichtskunde VL) Gr. -Fol. — Wer die Rich- 
tung verfolgt hat, die H. Janitschek im Laufe der jüngsten 
Jahre mit seinen Studien hauptsächlich einschlug, musste ein 
vorwiegendes Betonen der Miniaturmalerei des frühen und 
hohen Mittelalters bemerken. Die Früchte seiner Forschungen, 
die in der „Geschichte der deutschen Kunst" nur in kleinem 
Rahmen verwertet werden konnten, hat er nun in einem Ab- 
schnitte des vorliegenden Prachtbandes niedergelegt, dessen 
Titel eigentlich viel zu bescheiden gewählt ist. Umfasst das 
Werk doch nicht allein eine Publikation der Adahandschrift, 
sondern auch einen Überblick über die gesamte Miniatur- 



malerei zur Zeit Karls des Grossen. Durch Arbeitsteilung 
war es möglich, neben der kunstgeschichtlichen auch eine 
gründliche textkritische und palaeographische Bearbeitung 
zu gleicher Zeit zu bieten, eine Leistung, die von einem Ein- 
zelnen iu gleich kurzer Zeit in derselben Vorzüglichkeit wie 
hier kaum geliefert werden könnte. Begrüssen wir also den 
schönen methodischen Fortschritt mit wärmstem Dank! Die 
grossen Abschnitte des neuen Buches sind folgende: „Codes 
und Schrift" von K. Menzel, ,Der Bibeltext" von P. Corssen, 
,Die künstlerische Ausstattung" von H. Janitschek, „Der 
Einbanddeckel" (mit dem Cameo) von A. Schnütgen und F. 
Hettner. Professor Lamprecht, der die wissenschaftliche Ver- 
mittelung zwischen den einzelnen Autoren, sowie die ge- 
schäftliche und technische Leitung des Unternehmens über-' 
nommen hat, sowie die Verlagsanstalt haben mit den ge- 
nannten Autoren glücklich zum Gelingen des bedeutenden 
Ganzen beigetragen. Für den Kreis unserer Leser dürfte der 
kunstgeschichtliche Teil der anregendste sein. Es werden 
darin die Miniatorenschulen besprochen, zunächst die eigent- 
liche Hofschule, deren Thätigkeit man hauptsächlich in 
Aachen zu suchen hat, und der wir die Evangeliare in Wien, 
Brüssel und Aachen verdanken, ferner die Schule von Tours, 
auf die viel zahlreichere Denkmale zurückgeführt werden, 
und die von Metz, welche uns zur Adahandschrift selbst 
führt. Dieses hochbedeutende Denkmal karolingischer Kunst 
wird endlich zum Schluss des ganzen Abschnittes ausführ- 
lich beschrieben. Als Einleitung giebt Janitschek einen 
Exkurs über die karolingischen Zierglieder. Ob seine An- 
sicht von dem nicht antiken Ursprung der Bandvei-schlingun- 
gen eine richtige ist , möchte ich dahingestellt seiu lassen 
Auch will ich ergänzend bemerken, dass die Anschauung 
vom antiken Ursprung dieses Ornaments schon im Jahi-e 1877 
von E. Müntz ausgesprochen worden ist. (Demnach ist auch 
Müntz gegen den Recensenten seiner „Etudes iconographi- 
ques" in den Mitteilungen des Österreichischen Museums 1889, 
S. 281, in Schutz zu nehmen.) Janitschek beweist übrigens 
an vielen anderen Stelleu seiner Arbeit, wie tüchtig er den 
Stoff durchgearbeitet hat, so dass wohl jeder von uns hier 
oder dort aus der neuen Publikation wird etwas lernen 
können. Die trefflichen Illustrationen auf den beigegebenen 
zahlreichen Tafeln sind in hohem Grade willkommen. 

TH. FRIMMEL. 

X. — Der Bucheinband von Paul Adam bildet das 
sechste in der Reihe von Seemanns Kunsthandbüchern und 
schliesst sich in würdiger Weise seinen Vorgängern au. Das 
Buch zerfällt in zwei Hauptabschnitte, von denen der erste 
die Herstellung des Bucheinbandes in eingehender und für 
jedermann leicht verständlicher Weise schildert. Werkzeuge 
und Handgriffe werden durch eingestreute Abbildungen ver- 
anschaulicht. Der zweite Abschnitt behandelt die Geschichte 
der Einbanddecke unter Verführung zahlreicher gut ge- 
wählter Illustrationen, bei denen auch die jüngsten Publi- 

11* 



84 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



kationen von Whcallcii und Qiinri/rli Berücksichtigung ge- 
funden haben. Ein Namen- und Sachregister ei'höht die 
Brauchbarkeit des hübschen Buches, das sich überdies durch 
einen massigen Preis (3 M. 60 l'f.) auszeichnet. 

Eine Xdclihili/ii»!/ lies Diircrsc/ioi lIol\s(:huhe.rportrüt.'! 
in Originalgrösse ist soeben von der artistischen Anstalt von 
Gustav W. Seit' in Wandsbeck ausgegeben -worden. Das 
Blatt ist in 18 Farben derartig ausgeführt, dass man eine 
vollständig getreue Ölkopie des Meisterwerks vor sich zu 
haben meint. Für die chromolithographische Ausführung 
bot gerade dieses Vorbild ganz besondere Schwierigkeiten 
daa-, wegen der peinlichen Ausführung der Haare, des Pelz- 
werks, der fein vertriebenen Fleischtöne. Die Fii'ma G. W. 
Seitz suchte sich aber eben deshalb das hervorragende Werk 
aus, um ihre ganze erstaunliche Kunst zu zeigen. Eine be- 
sondere dem Kunstblatte beigegebene Broschüre von A. r. Eye 
unten-ichtet über die umständlichen Vorbereitungen und die 
mannigfachen Arbeiten, welche vorhergehen mussten, ehe 
der Farbendruck entstehen konnte. Das Blatt, welches in 
Zeichnung und Kolorit dem Original täuschend ähnelt, kostet 
75 Mark und darf wohl einen der ersten Plätze auf dem 
grossen Gebiete der Chromolithogr:'.phie beanspruchen. 

Eine grosse Badiruw) der Riidclshnrr/ nach Art der 
Mannfeldschen Meisterblätter von einem jungen Radirers TT '?//;. 
Fcldmann ist soeben im Verlage von Raimund Mitscher in 
Berlin erschienen. Der Künstler hat dafür den Berliner 
Akademiepreis erhalten. Die Bildgrösse beträgt 53 X 43 '/a cm. 
Das Blatt kostet 15. 30 und 75 M., je nach Art des Druckes. 
W Im Österreichischen Kunsti-erein xiu Wien sind gegen- 
wärtig sechzehn Gemälde des kaiserl. russischen Professors 
der Akademie von St. Petersburg, Joh. r. Koeler- Wiliandi aus- 
gestellt, die uns sowohl durch ihren aussergewöhnlichen Inhalt 
als auch in ihrem Vortrag interessiren. Das Hauptbild: „Die 
Verfluchung der Loreley" durch die Beschwöruugsprozession 
am Lurleifelsen nach dem bekannten Gedichte ist ein Effekt- 
stück in Zichy's Art, in welchem besonders die Gegensätze der 
Beleuchtung. Mondlicht und Fackelschein, und die Kontraste 
unter den Figuren. Mönchen und gespenstigen Frauengestalten. 
das Auge fesseln. Sowohl dieses als auch die anderen 
gi-ossen Gemälde, „Eva vor und nach dem Sündenfall", eine 
„Kreuzigung", „Tartarin im Garten" u. a. zeigen eine vor- 
zügliche Technik, namentlich in der Farbe und Beleuchtung. 
Weniger vermag uns der Künstler in der Zeichimng zu be- 
friedigen; er verschönt zu viel an der Natur und verliert da- 
durch in der Seelensprache den richtigen Ausdruck, was be- 
sonders bei der grandiosen Affektsoene der „Loreley" auf- 
fallt. Dafür aber ist Koeler ein trefflicher Porträtmaler, wie 
dies seine ausgestellten Bildnisse aus dem russischen Herrsoher- 
hause zur Genüge bezeugen, und gleichfalls ein tüchtiger 
Landschafter. Die Motive aus der Krim und vom Ufer des 
Schwarzen Meeres (Ay Juri) sind in Stimmung und Farbe 
gleich meisterhaft. Der Gesamteindruck der Koelerschen 
Bilder wird leider beeinträchtigt durch eine Riesenleinwand, 
auf der die Drei-Kaiser-Zusammenkunft in Skierniewice 
1884. angeblich nach einer Momentphotographie, dargestellt 
ist. Es war ein recht unglücklicher Moment, den der Apparat 
gewählt hat, die Gestalten zu fixiren und nur schade um 
die gut gemalten Köpfe der Monarchen, die aus dem Bilde 
herausgeschnitten ganz wertvolle Porträts abgeben würden. 



Vom übrigen seien erwähnt, zunächst schon der berühmten 
Namen halber, Hub. Herkomers und Alma Tademas Porträts 
des Wiener Hofkapellmeisters Hans Richter, jedes langweilig 
in seiner Art; ferner Friedländers Invalidenscenen und hübsche 
Genrebildchen von Kern und Blume - Sichert. Von dem 
talentvollen Max Lewis, dem Pastellkünstler des Wiener 
Opernballetts, ist ein reizendes Frauenbildnis in derselben 
Technik ausgestellt und von den Landschaftern sind Boh. 
Buss und A. Chn-ala mit älteren guten Bildern vertreten. — 
Für die Abendausstellung wird über Carl Marrs „Wander- 
zug der Geisseibrüder' die grosse Trommel geschlagen. Das 
Gemälde macht vor seiner Übersiedelung nach Amerika noch 
eine Rundreise durch Europa und hält, von München her. 
seine erste Station im Sohönbrunnerhause. Die Beleuchtungs- 
efl'ekte erscheinen bei künstlichem Lichte wohl gesteigert 
und das Grässliche des Dargestellten gelangt durch die Iso- 
lirung des Bildes im dunklen Raum zu noch ungleich aus- 
drucksvollerer Wirkung; trotzdem aber wäre iins die Tages- 
beleuchtung für die koloristischen Vorzüge des Gemäldes 
lieber gewesen. Der Eindruck in München war ruhiger und 
die Komposition erschien bei zerstreutem, weissem Licht weit 
geschlossener, als es hier der Fall ist. 

= tt. Rom. Das Collegium GeiTuanicum in der Via 
San Nicola di Tolentino hat das Innere seiner nach den Plänen 
des Architekten Schmidt in Innsbruck neuerbauten St. Cani- 
siuskirche durch den Maler Franz Guillery aus Köln, einen 
der letzten Schüler Steinle's, mit Wandmalereien schmücken 
lassen. Auch der ornamentale Teil ist das Werk Guilleiy's, 
der diesen kleinen Kirchenbau zu einer Sehenswürdigkeit der 
Stadt Rom gemacht hat. 

= tt. rforr.lieim. Im Grossherzogtum Baden nimmt 
unter den Industriestädten Pforzheim eine erste Stelle ein, die 
Bevölkerung ist in steter Zunahme begriffen und hat be- 
reits 28000 Einwohner erreicht. Unter diesen befinden sich 
22 000 Protestanten, und da die Besucher der Gottesdienste in 
der St. Michaels-Schlosskirche und zu St. Martin in der Alt- 
stadt lange nicht mehr ausreichenden Platz finden, so wird 
nunmehr nach den Entwürfen des Banrates Liulirig Dicmer 
in Karlsruhe eine weitere evangelische Stadtkirche auf dem 
Lindenplatz zur Ausführung gebracht. 

^ tt. Konstanx. Das von der Kaiserin Augusta zur 
Erinnerung an die Aufenthalte Kaiser Wilhelms I. auf dej- 
Insel Mainau gestiftete vierzehn Meter hohe Steinkreuz wurde 
unterhalb des Allmannsdorfer Aussichtsturmes Ende Oktober 
aufgestellt. Der Entwurf zu dem sich über einer mit vier 
Ruhesitzen versehenen Sandsteinplattform erhebenden Denk- 
male fertigte Franz Baer, der erzbischöfliche Bauinspektor 
in Freiburg im Breisgau. 

= tt. Stuttgart. In der nach Professor li. Tteinhardts 
Entwürfen neuerbauten Breuzkirche in Weilderstadt wurde 
im Chore gegenüber der Kanzel die Büste des schwäbischen 
Reformators Johannes Brenz (zu Weilderstadt 1499 geboren), 
welche nach Prof. Karl Donndorfs Modell hier in Erz ge- 
gossen worden ist, zur Aufstellung gebracht. 

Die Münchener Kunsthandlung A. Rucpprcelits Nach- 
folger, Briennerstrasse 8, versendet zwei Kataloge ihrer per- 
manenten Ausstellung. Der erste umfasst 069 Nummern alte 
Meister, der zweite 417 moderne Stücke. 



Herausgeber: Carl von Lüt: 



Wien. — ■ Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers E. A. Sccmuiiii. 
Druck von August Pries. 






AM SPINNROCKEN 



g TE.A.Secmarui in Leipzig. 



Leipzig, 




PETirM>.(irEi\«! Poiträt. 
(Nach einer alteveu Plotograpliie.) 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



VON CARL VON LUTZOW. 
MIT ILLUSTRATIONEN. 




LS ich vor ungefähr einem Vier- 
teljahrhimdert zum ersten Mal 
nach Wien kam und in den Krei- 
sen Heiders und Eitelbergers die 
österreichischen Kimstzustilnde 
und Künstler näher kennen lernte, 
war bald einmal auch von der Wiener Genremalerei, 
diesem Schosskinde der erbgesessenen Kunstliebhaber 
and Kenner, die Rede. „Wir haben jetzt nur einen 
wahrhaft bedeutenden Gcmremaler", — sagte ein be- 
rühmter österreichischer Kunstgelehrter — „das ist 
Petteiikofen! Sie werden aber schwerlich seine Be- 
kanntschaft machen können; denn er lebt nur vor- 
übergehend in Wien und ist überhaupt nicht leicht 
zugänglich. Man hält ihn für hyj)ochondrisch, für 
menschenscheu." 

Die Worte hätten ganz gut auch im vorigen 
Jahre gesprochen werden können, und dann erst recht 
ihre Geltung gehabt. Bis zu seinem am 21. März 
1889 erfolgten Tode behauptete August von Petten- 
kofen unbestritten den Rang des grössten öster- 
reichischen Genremalers. Aber er wandelte unter 
uns fast wie ein Fremder, nur wenigen Intimen zu- 
gänglich, für die meisten unsichtbar; auf Ausstellun- 
gen glänzte er fast regelmässig durch seine Abwesen- 
heit. Die Auswahl seiner Werke auf der Wiener W^elt- 

Zeitsclirift für bildende Kunst, N. F. I- 



ausstellung von 1S73 wurde ohne seinWissen zusam- 
mengestellt. Er war nahe daran, sie zu hintertreiben. 
Als Herr Carl Sedelmayer vor einigen Jahren 
einmal im Künstlerhause eine Ausstellung seiner 
Wien-Pariserisclien Klientel veranstaltete, worauf alle 
die früher gut österreichischen, später französisch 
gewordenen Maler der modernen Schule mit ge- 
wählten Schaustücken paradirten, erschien zum Er- 
götzen der Feinschmecker auch Pettenkofen unter 
diesen exotischen Gewächsen mit seiner wunderbaren 
Pastellzeichnung: „Duell im W^alde". Es war wie 
ein Wehen des zartesten Parfüms, ein Klang aus 
geheimnisvollem Instrument, was den duftigen Tönen 
dieser angeschummerten Zeichnung entquoll. — Dann 
wieder jahrelanges Schweigen! Nur zeitweilig tauchte 
die hohe, aristokratische Gestalt in der Gegend am 
Schillerplatz auf. Die Akademie bot dem Meister 
in einem der für nicht dem Lehrkörper angehörige 
Künstler zur Verfügung stehenden Ateliers ein gast- 
liches Heim. Dort sah man alte Freunde und Gönner 
Pettenkofens, wie Fr. Xav. Mayer, Eugen Miller u. a. 
regelmässig verkehren. Oben, ein Stockwerk höher, 
waltet Leopold Müller mit seinen kimstgeübten Schwe- 
stern. Diese bildeten den treuen Freundeskreis des 
von ihnen begeistert verehrten Künstlers. Aber an 
der übrigen Welt huschte er vorüber, wie ein Stan- 

11! 



86 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



"=^, 



deslierr, der nicht gern das Geriiupch der Menge hört. 
Ein flüclitiger Grnss, ein kalter Blick, eine grämliche 
Klage über wirkliche oder eingebildete Leiden: das 
war alles, was die Fern erstehenden von dieser eigen- 
artigen Persönlichkeit sahen und vernahmen. Wer 
ohne ganz besonderen Beruf und die wärmste Em- 
pfehlung der Freunde vollends in das meist ver- 
schlossene Atelier eindrang und in das Schaffen des 
Künstlers Einblick zu gewinnen hoffte, der sah sich 
aufs empfindlichste getäuscht. Pettenkofen liebte 
es, solchen Eindringlingen nur die Kartons seiner 
Zeichnungen zu zeigen oder ein beiseite gestelltes 
Brett, auf dem irgend ein technischer Versuch ge- 
macht war, ohne , Reiz für 

den laienhaften Beschauer. -- 

Er that Fremden gegen- 3^— " 

über am liebsten so, als ~ 

wenn er gar kein Maler 
wäre und sich nur zu sei- 
nem und seiner Verehrer 
Unglück mit allerhand 
Grübeleien über die Kunst 
beschäftige. 

Und diese stolze, hy- 
pochondrische, exklusive 
Natur war in Wirklich- 
keit eine der thätigsten, 
feinfühligsten, beweg- 
lichsten, schöpferischsten 
Künstlerseelen, die jemals 
gelebt haben: begabt mit 
einem Auge für die male- 
rische Auffassung derWelt, 
wie es empfänglicher nicht 
gedacht werden kann, aus- 
gerüstet mit einem unerschöpflichen Reichtum von 
Kenntnissen und Beobachtungen, geleitet von dem 
erlesensten Geschmack, erfüllt von dem unablässigen 
Ringen nach Naturwahrheit und Schönheit. 

Duss Pettenkofen bei so seltenen und edlen Eigen- 
schaften doch kein eigentlich populärer Künstler ge- 
worden ist, findet übrigens nicht nur in seinem welt- 
fremdeuWesen seine Erklärung. Der Grund dafür liegt 
vornehmlich in der Stoffwelt und im Stil seiner Kunst. 
Er ist in jeder Hinsicht das Gegenteil der Wiener 
Genremaler der voraufgegangenen Generation. Diese 
waren volkstümlich im lokalen Sinn des Wortes: 
Waldmüiler schilderte das niederösterreichische 
Bauernvolk, Danhauser die Wiener Gesellschaft 
des Mittelstandes und dei- höheren Bürgerkreise, 
Gauermann die ö.sterreichisr-h(' Gcbirgs- und Tier- 



'^. 



O 



^»^-«^ 



#' 



Böhmische Legion. 
(Aus PKTiEMiOFENS niiistratioiieii zu Dullers „Erzherzog Carl".! 



weit. Feudi, Raffalt, Eyl)l, Schindler wieder andere 
Seiten des heimischen Wesens und der heimischen 
Zustände. Sie wurzeln im Wiener Boden wie 
Lanner und Strauss, wie Raimund und Nestroy. Sie 
sind der Ausdruck des österreichischen Stammes- 
charakters, der Wiener Gefühls- und Lebensweise; sie 
können daher auch nur dort, wo sie lebten und wirk- 
ten, voll gewürdigt und genossen werden. 

Auch Pettenkofen, der ja ebenfalls ein Wiener 
Kind war — er wurde am 10. Mai 1822 (nicht 1821, 
wie sich meistens angegeben findet) in Wien als der 
Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und Gut.sbe- 
sitzers geboren und erhielt in der bei S. Peter voll- 
zogenen Taufe die Namen 
i^- August Xaver Carl — lässt 

in seinen Anfängen den 
Boden deutlich erkennen, 
dem er entstammt. Manche 
seiner früheren Bilder, von 
denen uns die gegenwär- 
tige Ausstellung im Wiener 
Künstlerhause eine statt- 
liche Zahl vor Augen führt, 
sind Zeugnisse des Ein- 
flusses, den Eybl, Ritter, 
C. Schindler, Tremel,Rauftl 
und andere Genremaler der 
älteren Generation, vor 
allen der zuerst Genannte 
auf den jungen Petten- 
kofen ausgeübt. Aber seine 
reife Zeit hat ihn auf ganz 
davon abweichende Bahnen 
geführt. Er dehnte nicht 
nur seinen Stoffkreis über 
neue, von ihm erforschte Gebiete aus, sondern er gab 
auch seiner Auffassungs- und Behandlungsweise eine 
den älteren Meistern völlig unbekannte Richtung. Es 
ist die Welt des malcrisclien Scheins, die Welt der Töne 
und der Stimmungen, dieses unendliche, in der Man- 
nigfaltigkeit der Abstufungen und Wandlungen un- 
erschöpfliche Gebiet der rein malerischen Phantasie, 
welches Pettenkofen wie kein Zweiter zu beherrschen 
lernte. Alle anderen Rücksichten, stoffliche, geistige, 
gemütliche Beziehungen, die sonst in die Domäne 
des Genremalers fallen, treten bei ihm gegen dieses 
Eine, für ihn Höchste, zurück. Er .sieht die Welt nur 
mit dem Auge des Malers auf ihre zarten Licht- 
und Farbeuakkorde an; für diese aber sind seine 
Organe so empfänglich, dass sie überall, auch in dem 
Uuscheinbarsteu und Nichtigsten, den Reiz der ma- 




AUGUST CARL VON PETTENKOPEN. 



87 



lorischen Schönheit zu entdecken wissen. Er bedarf 
nicht der herzerschütternden Scenen, nicht der weichen 
Herzensstimmungen, er verschmäht den Glanz der 
Stoffe und das Glitzern der Metalle; die baumlose 
Ebene, das elende Zigeunerlager, die einsame Puszta, 
die russige Schmiede, die dumpfe Schusterwerkstatt, 
das öde Dachstübchen der armen Näherin, der staubige 
Winkel mit Besen und Gerät, das Gässchen, der Hof 
mit ihrem Kehricht- oder Düngerhaufen: alle sind 
sie ihm gleichwertig für die Entfaltung seiner ma- 
lerischen Reize. 

Der Lebens- und Entwickelungsgang Petten- 
kofens ist bisher noch nirgends 
eingehend und nach zuverläs- 
sigen Gewährsmännern darge- 
stellt. Ich will es versuchen, 
ihn in seinen Hauptmomenten 
klarzulegen *). Die Knaben- 
jahre verlebte Pettenkofen in 
Galizien auf der Besitzung 
seines Vaters, der früher am 
Michaelerplatz in Wien eine 
Materialienhandlung innehatte. 
Der Drang zur Kunst scheint 
sich früh in dem Kleinen ge- 
regt zu haben; denn schon am 
8. November 1834 trat er in 
die Elementarschule derWiener 
Akademie. Im Spätherbst 1837, 
also mit 15 ',2 Jahren, wurde 
er in die damals von L. Kupel- 
wieser geleitete historische Zei- 
chenklasse aufgenommen und 
erscheint in den Listen der- 
selben in den beiden Semestern 
des Schuljahres 1839 und im 
Wintersemester 1840. Er hat wohl eine Reihe von 
Jahren hindurch die Wiener Akademie frequen- 
tirt und hier den Grund zu seiner künstlerischen 
Bildung gelegt -). Vor dem Eintritt in die historische 
Zeichenklasse musste er statutenmässig eine Haupt- 



schule oder die vier Grammatikalklassen eines Gym- 
nasiums besucht haben. Eine Zeitlang wurde Pet- 
tenkofen jedoch den Studien völlig entfremdet durch 
das Zureden seines Oheims, eines hohen Militärs, der 
ihn veranlasste, in die Armee einzutreten. Er kam 
als Kadett zu einem in Italien stehenden Dragoner- 
regiment. Als dann aber der Oheim starb und Pet- 
tenkofen dadurch sich der Aussicht auf schnelleres 
Avancement beraubt fühlte, verliess er den ihm ohne- 
hin durch die allzu derbe Behandlung seines Reit- 
lehrers verleideten Dienst bei der Kavallerie und be- 
schloss, die Künstlerlaufbahn zu betreten. 




1) Wertvolle Mitteilungen für die frühere Zeit verdanke 
ich Pettenkofens langjährigem Freunde, Heii-n C. v. Kratzer, 
für die spätere vornehmlich Herrn Professor Leopold Carl 
Müller in Wien. 

2) Die Sohülerlisten der Akademie geben den Familien- 
namen so, wie er auch auf den ersten Bildern stets erscheint, 
nämlich „Pettenkoffer". Später hat der Meister den Namen 
Pettenkofen angenommen. Auf den Bildern und Zeichnungen 
aus dem Anfange der fünfziger Jahre pflegt er sich schon 
so zu schreiben. Daneben kommt aber auch wiederholt noch 
die ursprüngliche Schreibung Pettenkoffer oder Pettenkofer, 
letztere z. B. auf einem Bilde aus dem Jahre 1S56, vor. 



Stürmende österreichische Infanterie. — 17!)6, 
(Aus Pettenkofens Illustrationen zu Dullers „Erzherzog Carl".) 



Schon während der Militärzeit hatte sich das 
früh entwickelte Talent im Zeichnen seiner Kamera- 
den mannigfach bewährt. Auch Pferdestudien konnten 
selbstverständlich leicht und erfolgreich von ihm be- 
trieben werden. Die bunte Mannigfaltigkeit der Uni- 
formen, der Waffen und Gespanne bildeten den sicheren 
Grundstock seines Wissens. So entstand Pettenkofen, 
der Illustrator der österreichischen Kriegsgeschichte. 
Im Jahre 1847 gab Eduard Duller seine bekannte 
Biographie des Erzherzogs Carl heraus, unter deren 
Illustratoren neben Schwind, Job. Nep. Geiger, Hassl- 
wander, dem älteren L'Allemand und anderen auch 
unser „Pettenkoffer" erscheint. Die lebensvollen und 
flotten Bilder, von denen ich zwei hierneben repro- 
duzire, sind in auf Stein übertragener autographischer 

12» 



SS 



AUliUST CAKL VON TETTENKOFEK 




■'^M 



Im Sohusteigässcheu von Szoliiok, BleistiftzeicUnung von Auu 
(Sammlung Lobjievr in Wien.) 



VON Pettexkofen. 



Federzeichnung hergestellt, welche damals nach 
Geigers Vorgang vielfach zu solchen Zwecken an- 
gewendet wurde. Sie bilden unter den realistischen 
Illustrationen des Buchs ohne Frage die Glanzpunkte 
und können sich in ihrer schlichten Wahrheit und 
geistreichen Behandlungsweise kühn den besten 
deutschen und französischen Soldatenbildern jener 
Zeit an die Seite stellen. 

Die bewegten Jahre 1848 und 1849 führten dem 
nun schon bewährten jungen Meister eine Fülle dra- 
matischer Momente zu. Bevor wir ihn sich ihrer be- 
mächtigen sehen, halten wir Umschau unter den 
frühen Gemälden Pettenkofens. Die Ausstellung im 
Künstlerhause bringt solche aus den Jahren 1845, 
1846 und 1847: ein kleines Porträt im Jagdkostüm, 
„Die Horcher" (aus dem Besitze des Herrn Franz 
Xaver Mayer) und „Die Vorlesung der Grossmutter" 
(Eigentum des Herrn Anton Schey). Da haben wir 
noch ganz die Malerei der älteren Wiener Schule: 
bei dem Porträt in Jägertracht eine strotzende, ge- 
sunde, etwas schwere Farbigkeit, bei den andern 
Bildern eine lichtere, dünnflüssige, miniaturfeine 
Ausführung, die bei den an C. Schindler erinnernden 
horchenden Infanteristen jeden Knopf und jede Litze 
getreu wieder giebt, in der „Vorlesung der Grossmutter" 
ganz die Art und Ausdrucksweise des trefflichen Eybl. 



den wir als den eigentlichen Lehrer Pettenkofens 
in jener Zeit zu betrachten haben. Eybl hat ihn 
auch lithographiren gelehrt, und auf diesem Felde 
sehen wir Pettenkofeu bald eine höchst fruchtbare 
Thätigkeit entwickeln. 

Nachdem er zunächst verschiedene genremässige 
Einzelblätter, wie die empfindungsvolle und vorzüg- 
lich komponirte „Heilige Wegzehrung" (1843, Album 
der Künstler Wiens, Verlag von H. F. Müller), ver- 
öffentlicht hatte, lithographirte er für den Verlag von 
Alois Leykum die österreichischen Soldatentypen unter 
dem Titel: „Das kaiserl. und königl. Militär", vier- 
uudzwanzig Folioblätter, jedes mit einem grösseren 
Mittelbilde und sieben kleinen vignettenartigen Rand- 
zeichnungen, welche zu dem Thema gleichsam die 
Variationen bilden. Das österreichische Heer, das 
damals noch den ganzen malerischen Reichtum 
seiner Erscheinung bewahrt hatte, hat nienials 
einen eleganteren und für seine Schönheit be- 
geisterteren Darsteller gefunden. — Mitten in die 
Kämpfe der Revolutionsjahre führen uns dann eine 
Reihe von 1849 entstandenen Einzelblättern und 
die „Scenen aus der Ehrenhalle des k. u. k. Militär- 
Fuhrwesen-Korps aus dem Jahre 1849" für den 
L. T. Neumann'schen Verlag ausgeführt, letztere mit 
dem Datum 1851. Eine Ausnahme macht das merk- 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



würdige, bei Höfelicli in Wien als ausserordent- 
liche Beilage zu dem Journal „Die Bewegung" er- 
schienene Blatt mit 
Geistlichen , welche 
eilig ihre Schätze ver- 
graben. Mir ist das- 
selbe nur aus dem 
in der k. k. Hofbiblio- 
thek befindlichen Ab- 
druck bekannt. Die 
Mehrzahl der Blät- 
ter stellen Momente 
aus dem Kriege in 
Ungarn dar und zwar 
meistens Episoden zur 
Verherrlichung der 
Thaten einzelner Sol- 
daten, ihres Helden- 
mutes, ihrer Geistes- 
gegenwart, der auf- 
opferungsvollen Men- 
sehen- und Vater- 
landsliebe. Es sind 
dies nicht nur die dra- 
matisch bewegtesten 
Darstellungen, welche 
Pettenkofen geschaf- 
fen hat, Kompositio- 
nen, aus welchen die 
tiefe Erregtheit jener 
gewaltigen Zeit mit 
volkstümlicher Be- 
redsamkeit zu uns 
spricht, sondern es 
sind auch Darstel- 
lungen von einer sel- 
tenen Gemütstiefe und 
Innigkeit des Aus- 
drucks. Bei ihrer 
Entstehung ist nicht 
nur sein ganzes Ta- 
lent, sondern auch 
Herz und Seele mit- 
thätig gewesen. Dazu 
kommen die intimste 
Kenntnis von Land 
and Leuten, die 
strengste Zeichnung, 
die treffendste Cha- 
rakteristik, eine Fülle 



89 

und landschaftlicher Details. Die technische Be- 
handlung der Lithographie zeugt bereits von voller 



reizender genrehafter 




Studii-iüioiil, Kreidezeichming von Aui;. vo 



Sammlung LoiiMEVu in W'ieu.) 



l'l) 



AUGUST CA]{L \'0N PETTEN KOKEN. 



Meisterschaft. Ohne Zweifel sind dem Künstler das alles ist mit solcher Wahrheit und zugleich so 

damals die besten französischen Muster dieser Tech- übersichtlich und mit so geschickter Ausnützung 

uik, die berühmten Blätter von Charlet, De Lemude, des Raumes wiedergegeben, dass jeder den Augeu- 

Raffet, Horace Vernet u. a. wohl bekannt gewesen. blick mitzuerleben glauben muss, der das Blatt auf- 

Er hat sich all' ihre Vorzüge anzueignen gewusst, merksam betrachtet. Alle die genannten Blätter 

jedoch ohne dass man ihn deshalb ihren Nachahmer stammen aus den Jahren 1849 und 1850. In das 

neuneu dürfte. Er steht ebenbürtiö; da ncl>eu den erstere fallen auch die beiden Lithographien: „Die 



besten Franzosen. Unter 
den gelungensten dieser 
Pettenkofeuschen Litho- 
graphien seien genannt : 
„Der brave Tambour" (der 
das hilflose Kind aus der 
brennenden Hütte fort- 
trägt), „Die brave Marke- 
tenderin" (die den ver- 
wundeten Radetzky-Hu- 
saren aus der Schlacht 
geleitet), ,,Der mitleidige 
Soldat" (der mit den ihn 
imu'ingenden Bauernkiu- 
dern inmitten der rau- 
chenden Trümmer ihres 
Dorfs seinen kargen Im- 
biss teilt, — von Petten- 
kofen auch als Bild aus- 
geführt), das ergreifend 
schöne Blatt „Reitertod", 
„Der Reiter und sein 
Ross" (zu dem Gedichte 
von Joh. Nep. Vogl), so- 
dann das an innerem 
Leben und Zartheit der 
Behandlung unvergleich- 
liche Blatt: „Ungarischer 
Landsturm bei Press- 
burg", endlich die figu- 
renreiche Komposition 
„Der Sturm auf Ofen" 
(21. Mai 1849), der uns 
an Raffets berühmte Dar- 
stellungen der Belage- 
rung Constantine's erin- 
nert und ihnen an flotter, malerischer Behandlung 
mindestens gleichkommt, an ergreifender Wahrheit 
sogar überlegen ist. Das Fortstürmen der vielen 
Hunderte kleiner Gestalten, welche unter Trommel- 
wirbel den steilen Schlossberg zu der Bresche em- 
porklimmen, das Aufblitzen der Gewehrsalven, der 
Dampf der Geschütze, das Herabkollern der zer- 
schossenen Gesteinmassen von der Festungsmauer: 







Der .^iiutheker, Sepiazeicliming von Aua. von Petiknkoien 
(Sammlung LdiiMEVii in AVieu.) 



Überfallene Feldpost" und 
der „Transport von Ver- 
wundeten" , welche mit 
Recht zu Pettenkofens 
Meisterwerken gezählt 
werden, und von denen 
besonders der von dem 
Meister auch als Bild 
ausgeführte „Transport 
von Verwundeten" durch 
die tiefernste Auffassung 
des ergreifenden Gegen- 
standes und eine jeder 
Beschreibung spottende 
Meisterschaft der Technik 
hervorragt. — Auch einige 
grosse Lithographien, wie 
der „Ungarische Reichs- 
tag", „Kaiser Franz Josef 
mit Gefolge", „Radetzky 
beiNovara", „Haynau mit 
seinem Stabe" u. a. stam- 
men aus der nämlichen 
Zeit. 

Pettenkofen war schon 
vor 1848 nach Pest ge- 
kommen, verkehrte dort 
viel mit namhaften Per- 
sönlichkeiten aus der 
hohen Aristokratie und 
soll auch durch zarte 
Bande länger, als er es 
anfangs gedacht, in der 
ungarischen Hauptstadt 
gefesselt worden sein. 
Ums Jahr 1850 finden 
wir ihn wieder in Wien, und zwar in gemein- 
samer Wohnung mit seinem Freunde Josef Borsos, 
dem ungarischen Stilllebenmaler, von dem u. a. 
die Galerie des Belvedere ein v. J. 1850 datirtes 
Bild besitzt. Eine dem Baron Jul. Schwarz ge- 
hörige Porträtskizze, welche Borsos in seinem 
Atelier darstellt, mit rotem Barett, eine breite grüne 
Binde um den Hals, mit Anklängen an Amerlings 




AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



91 



bvintfai-bige Malweise, enthält die Pettenkofen-Aus- 
stelhmg des Künstlerhauses. Sie wird aus jeuer Zeit 
stammen, in der die beiden Maler zusammen in dem 
gegen die Schikanederbrücke vorspringenden Flügel 
des Freihauses auf der Wieden ihre Werkstatt auf- 
geschlagen hatten. Noch vor 1860 ist Pettenkofen 
dann in die Währingerstrasse (No. 18) gezogen und 
hat dort die längste Zeit 
seines Wiener Aufent- 
haltes zugebracht, bis im 
Jahre 1 870 durch den Bau 
des Gräfl. Chotekschen 
Palais der Abbruch des 
von ihm bewohnten schön 
gelegenen Hauses herbei- 
geführt wurde. Seit 1870 
bis zu seinem Tode, also 
nahezu zwanzig Jahre hin- 
durch , hat Pettenkofen 
kein ständiges Quartier 
mehr in Wien gehabt. 
Er wohnte, wenn er nach 
seiner Vaterstadt kam, in 
der Regel im Hotel Zur 
Kaiserin Elisabeth und 
hatte seit 1880, wie be- 
merkt, sein Atelier im 
Akademiegebäude am 
Schillerplatz. 

Von den Wanderzügeu 
und Studienreisen, welche 
den Meister wiederholt 
nach Ungarn, Deutsch- 
land, Frankreich und Ita- 
lien führten, sind seine 
Fahrten nach Paris und 
der wiederholte längere 
Aufenthalt dort für seine 
künstlerische Entwicke- 
lung weitaus am folgen- 
reichsten geworden. Die 
Berühruugmit Ungarn er- 
weiterte .seinen Stoffkreis, 

gab seiner Phantasie für lange Jahre Richtung und Ge- 
halt, das Studium der französischen Kunst hingegen 
führte einen vollständigen Umschwung in seiner Tech- 
nik herbei, begründete seinen malerischen Stil. Petten- 
kofen ist ein neuer glänzender Zeuge für die heilsame 
Wirkung, welche die deutsche Kunst der neuen Zeit 
dem Einflüsse der französischen zu verdanken hat. Er 
ist so wenig als Maler wie als Lithograpli ein blosser 




Marietia ZaiicUi, Tiisclizeichnuiig von AüG. VOK Pettenkofex. 
(Sammlung Loümeyr in Wien.) 



Nachahmer der Franzosen. Aber wir besässen in 
ihm nicht den vollendeten Meister der malerischen 
Darstellung und Empfindung, welcher er geworden 
ist, wenn er nicht iJiit aller Hingebung die Werke 
des modernen Frankreich studirt und seine technischen 
wie künstlerischen Errungenschaften sich zu eigen 
gemacht hätte. 

Zu den Bildern, welche 
gegen Ende der vierziger 
und Anfang der fünf- 
ziger Jahre entstanden 
sind, gehören der schon 
erwähnte, von Pettenko- 
fen lithographirte , Trans- 
port von Verwundeten* 
(ursprünglich für den 
Grafen Paul Esterhazy 
gemalt, dann im Besitze 
der Herren Beckers und 
Sarg in Wien, später 
bei Sedelmayer in Paris, 
neuerdings zu einem enor- 
men Preise nach Amerika 
verkauft), dann die „Un- 
garischen Rekruten", die 
, Infanterie, welche einen 
Fluss überschreitet"(l 85 1 , 
bei Herrn Oberndoerffer 
in Paris), das „Russische 
Bivouak"(1852,Eigentum 
des Freiherrn v. Königs- 
warter in Wien), ferner 
das lustige, bewegte Bild- 
chen, der , Wagen mit 
Freiwillgen" (früher in 
der Sammlung Evrard in 
Wien, später durch H. 
0. Miethke nach Paris 
verkauft), auch die höchst 
geistvolle, skizzenhaft be- 
handelte kleine ,Lauten- 
spielerin" (Eigentum L. 
Lobmeyrs in Wien), so- 
dann von den Aquarellen die dem Jahre 1851 an- 
gehörigen kleinen Ansichten von Klosterueuburg 
und Umgebung und das au die lithographirten 
„Scenen aus der Ehrenhalle" erinnernde Blatt; 
„Korporal Franz Matz im Treffen bei Nyaras". — Mit 
dem Jahre 1853 beginnen die ungarischen Markt- 
scenen. Der Schauplatz derselben ist meistens das 
Städtchen Szoluok an der Theiss, im Herzen von 



92 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



Ungarn, östlich von Pest. Der Marktplatz von 
Szolnok mit seiner weissgetiincliten Säule, mit den 
zahlreichen Buden, Ständen, Zelten, den Reihen 
von Gewissen, Krügen, Geschirren, den Haufen 
von Kürbissen imd anderen Feldfrüchten, mit dem 
bunten Gewimmel des dichtgedrängten Volks ist 
durch Pettenkofen weltberühmt geworden. Über- 
haupt wurde die ganze malerische Welt der ungari- 
schen Tiefebene, Natur und Leben auf der Puszta 
und Tanya, die reiche Abstufung der Volkstypen 
und Trachten, die Bevölkerung wie die Thierwelt 
Ungarns erst durch Pettenkofen für die Kunst er- 
schlossen und erobert. Die einheimischen magyarischen 
Künstler sind ihm auf der gleichen Bahn nach- 
gefolgt; mancher von ihnen leistet in Charakteristik 
und Malerei heute Vorzügliches; übertroffen aber 
hat den V^ieaer Meister auf diesem seinem eigen- 
tümlichsten Gebiete bisher noch keiner. 

In malerischer Hinsicht lassen sich die Ölbilder 
und Aquarelle der eben erwähnten Kategorie in zwei 
Gruppen scheiden: in eine farbige und eine graue. 
In den farbigen Darstellungen hält Pettenkofen die 
Lokaltöne fest, giebt das Leben des Volks in seiner 
vollen Buntheit; die Behandlung ist eine vorwiegend 
zeichnerische, sie geht in den oft miniaturartig klei- 
neu und dabei sehr figureni'eichen Darstellungen 
bis an die äusserste Grenze des Erreichbaren, ohne 
jedoch den prickelnden Reiz einer höchst geistreichen 
Pinselführung einzubüssen. In den grauen, ge- 
dämpften^ oft wie Mondscheinscenen wirkenden Bil- 
dern der zweiten Gruppe sehen wir den Meister da- 
gegen auf die feine Ausarbeitung eines einheitlichen 
Tones hinarbeiten, der Buntfarbigkeit aus dem Wege 
gehen, jeden lebhaften Kontrast von Schatten und 
Licht durch zarte Mitteltöne mildern. Hier tritt 
dann auch in gegenständlicher Hinsicht an die Stelle 
der früheren Bewegtheit die volle Ruhe: ein träge 
dahinziehendes Gespann, ärmliche Kinder, die am 
Boden spielen, ein Mädchen, das einen Krug Wasser 
holt, das sind bisweilen die einzigen atmenden 
Wesen, welche das einsame Bild beleben ; der Drama- 
tiker der Kriegsscenen ist zum reinen Lyriker ge- 
worden, dem der schlichte Ausdruck der Empfindung, 
die treue Wiedergabe einer von der Natur empfange- 
nen Seelenstimmung der alleinige Zweck der Kunst 
ist. Ein kostbares Beispiel dieser Gattung bietet 
das „Ungarische Dorf mit Ochsenwagen" (1856, 
Eigentum des Herrn G. Dreyfuss in Paris). Da 
breitet sich ein sandiger, mit wenigen Bäumen be- 
standener Dorfplatz vor uns aus, rechts darauf ein 
trüber Wassertümpel, zur Linken die Strasse mit 



dem Ochsengespann, vor dem ein Hirtenbub daher- 
schreitet, rings im Hintergrunde die niedrigen, weiss 
getünchten Häuser, um deren breitausladende Dächer 
Tauben flattern : das Ganze in ein gebrochenes Licht 
getaucht, aus dessen perlgrauen Tönen nur das Weiss 
der Häuser hell hervorleuchtet, der lichtblaue Him- 
mel mit dünnen Wolkenstreifen überzogen. Man 
kann sich kein schlichteres, anspruchsloseres Motiv 
denken. Und mit welchem Reiz hat es der Meister 
ausgestattet! Welche Fülle der zartesten Gegen- 
sätze, der bewundernswert fein beobachteten Einzel- 
heiten darin vor uns ausgebreitet! Von kaum 
geringerer Qualität, nur in einem etwas trüberen, 
weniger anziehenden Gesamtton gehalten, ist die 
aus dem Jahre IS.'iö datirte „Rumänische Post", eine 
weite Flusslandschaft, durch deren eben dahiufliessen- 
des Wasser der Postreiter mit seinem Gaule zieht. 
Ahnlich auch die fein gestimmte Steppenlandschaft 
mit der zu Boss und zu Wagen daherkommenden 
„Zigeunerkarawane", die „Jägerhütte mit Strohdach 
im Walde" (lS57j früher im Besitze der Gräfin Nako, 
jetzt bei Herrn L. Lobmeyr in Wien), und manches 
andere ungarische Bild aus der gleichen Epoche. 

Die Werke dieser Zeit lassen schon deutlich 
den Einfluss erkennen, welchen das Studium der 
Franzosen auf den Meister ausgeübt. Seine Reisen 
nach Paris datiren seit dem Anfang der fünfziger 
•fahre. Wiederholt nahm er einen monatelangen 
Aufenthalt dort, um sich „voll zu saugen", wie er 
sagte. Gleich das erste Mal schloss er innige Freund- 
schaft mit Willems und Stevens und arbeitete eine 
Zeit lang in des ersteren Atelier. Während des 
ersten Pariser Aufenthaltes entstand das bei-ühmte 
Bild „Nach dem Duell", das Mouilleron vorzüglich 
lithographirt und H. Sluijter für BufPa in Amsterdam 
gestochen hat Es verrät in der Wahl des Motivs 
und in der sorgfältigen Ausführung, vornehmlich der 
Stotfe, deutlich die Einwirkung von Willems und 
Meissonier; man hat letzteren sogar bisweilen irr- 
tümlich als den Urheber des Bildes betrachtet. Aber 
so manches auch der Wiener Meister seinen franzö- 
sischen Freunden und Vorbildern zu verdanken haben 
mag, an Breite des Vortrags und malerischer Kraft 
hatte er es ihnen bald zuvorgethan; er war daher 
auch in den Pariser Künstlerkreisen ein gern ge- 
.sehener Gast; so oft er sich sehen Hess, umdrängten 
ihn die Kollegen mit der Bitte, sie im Atelier zu 
besuchen, um ihre neuesten Bilder seiner imnach- 
sichtig strengen, aber stets fördersamen Kritik zu 
unterbreiten. In dieser Zeit des frohen Gebens und 
J]mpfangens, auf der Höhe seiner Mauuesjahre, ist 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



93 



Petteiikofen zu der vollen malerischen Keife ge- 
diehen, welche seine bald nach 1860 entstandenen 
Bilder zeigen. Die Grundlage seiner damaligen Tech- 
nik war noch immer eine streng zeichnerische. Er 
liebte es, alles in bestimmten Formen mit brauner 
Farbe zu umreissen, und diese Konturen trocknen 
zu lassen, um sie beim Malen nicht aus dem Auge zu 
verlieren. Das Malen ging ihm zwar immer flott 
von der Hand, aber er that sich schwer selbst genug, 
manches Stück wurde drei, vier, fünf Mal an- 
gefangen und immer wieder ausgewischt. Die 
trockenen Umrisse dienten dabei als feste Anhalts- 
punkte. Seine Art zu malen ward immer pastoser. 
Leider hat er sich nicht selten der verführerischen 
französischen Trockenmittel bedient, und infolge- 



dessen haben manche seiner Bilder durch Nach- 
dunkeln und Reissen gelitten. Auch das Blau ist 
zuweilen „ausgewachsen*. Wo aber diese Störungen 
fern gehalten blieben, da besitzen diese Bilder aus 
den sechziger Jahren eine leuchtende Kraft und 
einen Schmelz der Farbe, welche er nur selten 
überboten hat. Das „Zigeunermädchen mit Kind" 
(1860, bei Herrn Fr. Xav. Mayer), das „Rendezvous" 
im Belvedere(1867), das „Mädchen unter einem Thor" 
(1864, bei Herrn F'r. Xav. Mayer), das „Stelldichein" 
(im Besitze des Herrn Baron Albert Wodianer) sind 
vorzügliche Beispiele dieser farbensatten, bald in 
energischen Kontrasten sich bewegenden, bald in ein 
wohliges Halbdunkel getauchten Bilder. 
(Sohluss folgt.) 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER 
IN REGENSBURG. 



VON C. TH. POHLIG. 
MIT ABBILDUNGEN. 



in. 




LS Zeit der Erbauung der Tho- 
maskapelle darf man wohl das 
zweite Viertel des 14. Jahrhun- 
derts annnehmen. Es ist sehr 
wahrscheinlich, dass die Erbau- 
ung noch vor das Jahr 1334 fällt, 
da in diesem Jahre die Auer aus Regensburg vertrieben 
wurden. Zwar ging ihr Haus samt Kapelle erst 1358 in 
andere Hände über, aber es ist doch nicht anzunehmen, 
dass sie während ihrer Verbannung die Kapelle ge- 
baut hätten, und ob sie nach ihrer Verbannung, also 
nach dem Jahre 1342, wieder in Regensburg ihren 
Wohnsitz nahmen, ist nicht erwiesen. Sollte das 
letztere aber dennoch der Fall gewesen sein, so würde 
auch in Bezug auf die Bauformen nichts gegen eine 
Erbauung um die Mitte des Jahrhunderts sprechen. 
Auf keinen Fall aber lässt sich die Bauzeit in das 
erste Viertel des 14. Jahrhunderts oder gar noch in 
das 13. Jahrhundert setzen. Wenn trotzdem der- 
artige Behauptungen aufgestellt werden, so beweist 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



dies eine völlige Unkenntnis der mittelalterlichen 
Bauformen und beruht wahrscheinlich auf einer 
Verwechselung mit einer anderen Kapelle in der nahe- 
gelegenen Engelburger Gasse, die ebenfalls den Auern 
gehörte, und die nach einem alten Taxregister schon 
1252 vorkommt, jedoch schon zu Grünewalds Zeit 
verbaut war. 

Sighart nimmt in seiner Geschichte der bilden- 
den Künste in Bayern (Seite 354) für den Bau der 
Thomaskapelle ebenfalls die Blütezeit des gotischen 
Stiles an, meint jedoch, dass das Gewölbe, oder wie 
er sich ausdrückt, das Netzgurtenwerk, der letzten 
Epoche der Gotik angehört. Es ist dies eine An- 
nahme, die nicht gerechtfertigt erseheint, und Sig- 
hart lässt es auch an der Begründung seiner Ansicht 
fehlen. Den Beginn der spätgotischen Epoche 
nimmt man für Süddeutschland allgemein um 1370— 
1380 an, also mit dem letzten Viertel des 14. Jahr- 
hunderts. Abgesehen davon, dass um diese Zeit das 
Haus den Auern längst nicht mehr gehörte, so lässt 

13 



Ol 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



sich in bauteelmischer Hinsieht antuhi-en, dass der- 
artige Gewölbebildungen schon sehr früh vorkom- 
men, so z. B. im hohen Saalbau des Marburger 
Schlosses 1263 — 1308. Eine ganz ähnliche Anord- 
nung, wie in der Thomaskapelle, bietet ferner das 



in späterer Zeit Unterbrechungen durch Kapitale 
vorkommen, wie dies beispielsweise in der noch zu 
besprechenden Salvatorkapelle der Fall ist. Es liegt 
also gar kein Grund vor, das Gewölbe einer späteren 
Zeit zuzuschreiben, vielmehr erscheint alles wie aus 




Abb. fiO. 
Schluss- und Tragsteiiie au3 der Sigismimdskapelle. 



herrliche Stern gewölbe im Sommerrefektorium zu 
Bebenhausen, aus dem Jahre 1335, nur dass dieses 
noch reicher und zierlicher ist. Ebenso wenig lässt 
sich etwa aus dem Umstände, dass der Übergang des 
Pfeilerprofils, ohne Unterbrechung durch ein Kapital, 
in die Gewölberippen erfolgt, ein Schluss auf spätere 
Entstehung ziehen, denn solche Fälle kommen in 
der besten Zeit der Gotik vor, wie auch umgekehrt 



einem Guss, denn auch die Schlu.sssteine entsprechen 
vollständig den übrigen vorhandenen Skulpturen. 

Das untere Lokal der Thomaskapelle ist be- 
deutend niedriger als das obere. Das eingesetzte 
Gewölbe ist in flachem Korbbogen geführt, ohne 
Rippen, daher auch die profilirte Säule nicht in ihrer 
ursprünglichen Form beibehalten wurde , sondern 
durch Auscemeutiren der Profiliruugeu eine einfach 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



95 



achteckige Form erhielt. Li der Apsis, welche wegen 
Unterstützung des Gewölbes durch einen neu einge- 
setzten Pfeiler zum Teil verbaut ist, sieht man noch 
die schlanken Säulchen der Apsis bis zur Fenster- 
bank heruntergehen, wo sie auf zierlichen Konsolen 
aufsitzen. Dieses untere Lokal ist in mittelalterlichem 
Stile ausgemalt und mit sinnreichen Sprüchen des 
verstorbenen Historikers C. W. Neumaun geziert. 

Die Sigismundskapelle im Thou- 
Dittmerhaus. 

Das Thon-Dittmerhaus am Haidpiatz enthält 
ebenfalls eine sehr hübsche Kapelle aus der Blüte- 
zeit des gotischen Stiles. Während die übrigen Teile 
des grossen Gebäudes schon vielfach umgebaut wor- 
den sind, ist die Kapelle mit Ausnahme der Fenster 
noch in ihrem ursprünglichen Zustande erhalten. 
Das Haus war zu Anfang des 14. Jahrhunderts im 
Besitze des angesehenen Geschlechtes der Auer. 
Dietrich von Au verkaufte es an Conrad Frumolt 
und dessen Sohn Diepolt Frumolt trat es 1358 an 
Ott den Graner ab. Von 1477 bis 1598 war es im 
Besitze der Familie Schwäbel, woselbst König Fer- 
dinand I. während des Reichstages von 1532 sein 
Absteigequartier nahm. Im 1 7. Jahrhundert gehörte 
es der Familie Erlbeck. Seineu gegenwärtigen Na- 
men erhielt es durch den Hofkammerrat v. Dittmer, 
der es 1809 mit dem anstossenden Gebäude, in dem 
sich die Realschule befindet, erwarb und teilweise 
umbaute. Die nach dessen Tode in den Besitz des 
Hauses gelangte Familie Thon vereinigte ihren Namen 
mit dem des Erblassers, und wenn auch das ganze 
Anwesen bereits seit 1856 in den Besitz der Stadt ge- 
langte, so hat es doch den Namen „Thon-Dittmer- 
haus" bis auf den heutigen Tag beibehalten. 

Die Kapelle ist vom Hofe aus durch eine Spitz- 
bogenthüre zugänglich. Wenn auch an Grösse be- 
deutend hinter der Thomaskapelle zurückstehend, so 
zeigen die Profilirungen der Gewölberippen und 
Tragsteine dagegen noch reichere und vollere For- 
men, und der figürliche und ornamentale Schmuck 
ist fast noch lebendiger und eleganter durchgebildet. 
Die Kapelle ist 8,72 Meter lang, 6 Meter weit und 
etwas über 4 Meter hoch. Das Gewölbe ist durch 
eine Quergurte geteilt und mit kräftigen Rippen 
versehen, deren reiches Profil aus kleiner Abfassung 
Rundstäbchen, Plättchen, kräftiger Hohlkehle und 
eben solchem Rundstab mit vorstehenden Plättchen 
besteht, wie aus Abb. 59 des näheren ersichtlich ist. 
Von den beiden prächtig skulptirten Schlusssteinen 
Abb. 59 und 6ü enthält der eine einen jugendlichen 



Kopf, von lebendig bewegtem Laubwerk umgeben, 
der andere auf reich ornamentirtem Hintergrund von 
Wein und wilden Rosen eine auf einem Thron ohne 
Lehne sitzende gekrönte Gestalt, wahrscheinlich den 
heil. König Sigismund darstellend, zu dessen Ehren 
die Kapelle geweiht war. Von den Tragsteinen 
ist die Mehrzahl mit architektonischer Gliederung 
oder Laubwerk versehen. Originell ist der unter 
Abb. 62 wiedergegebene Tragstein wegen der an 
demselben angebrachten seltsamen Gestalt, die aus 
zwei Leibern mit Mähnen, Schwimmfüssen und 
langen Schwänzen und einem gemeinschaftlichen 
weiblichen Kopfe besteht. Der Bau dieser Kapelle 
dürfte in das zweite Viertel des 14. Jahrhunderts zu 
setzen sein. Aufi^allend ist es, dass über dieselbe fast 
gar keine urkundlichen Nachrichten vorhanden sind. 
In einem Verzeichnis von 1711, die Kopie einer äl- 
teren Diözesmatrikel enthaltend ') wird S. Sigismund 
in Hans Schwäbeis Haus — Hans Schwäbel war um 
1508 Cammerer von Regensburg — unter denjenigen 
Kapellen und Benefizien aufgeführt, von deren Ein- 
kommen noch Steuern nichts gemeldet wird. 

Ausser der Kapelle bietet das Thon-Dittmerhaus 
noch ein weiteres Interesse durch den gotischen Erker 
über dem Hofeingang, sowie durch die Arkaden des 
westlichen Seitenflügels, welche aus der Renaissance- 
periode stammen und höchstwahrscheinlich von Al- 
brecht Altdorfer, Maler, Baumeister und Ratsherr 
zu Regensburg, aufgeführt worden sind. Sie wurden 
anfangs der sechziger Jahre vermauert und zu Zim- 
mern verwendet, so dass nunmehr lediglich die äus- 
sere Architektur zu sehen ist. ^) 

Die Dorotheakapelle am Frauenbergel. 

In keinem Teile der Stadt fanden sich die Haus- 
kapellen in so grosser Anzahl gehäuft, wie in der 
Nähe des Domes. Hier konnte man in massigem 
Umkreis, dessen westöstlicher Durchmesser von der 
Wahlenkapelle bis zur Halleruhr und dessen südnörd- 
licher Durchmesser von der Afrakapelle am Kassians- 
platz bis zur Donau reicht, nicht weniger als ein 
Viertelhundert solcher Kapellen zählen. Am Frauen- 
bergel allein fanden sich deren drei in nächster 
Nähe beisammen, nämlich St. Rupert im anstossen- 
den Salzburger Hof, St. Kiliani und St. Dorothea 



1) Im Archiv des historisclien Vereins der Oberpfalz und 
von Regensburg. 

2) Näheres hierüber, sowie Beschreibung und Abbildung 
der interessanteren Gebäudeteile in des Verfassers „Regens- 
burger Höfe'', Zeitschrift für bildende Kunst 1888 und Se- 
pai'atabdruck. 

14* 



96 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



am FraueubergeL Die beiden erstgenannten sind 
verschwunden, während St. Dorothea noch erhalten ist. 
Das Haus, in dem sich diese Kapelle befindet, 
gehörte nebst einigen anderen anstossenden Gebäuden 
zu einem Domherrnhof, der bereits im 14. Jahr- 
hundert als solcher vorkommt. Erbaut wurde die 
Kapelle von einem Angehörigen des im 13. und 
14. Jahrhundert weit verbreiteten Geschlechtes der 
edlen Sarchinger, deren Stammsitz die donauab- 
wärts gelegene Burg und Ortschaft Sarching war. 
Schon 1242 kommt 
ein Domherr Ort- 
lieb de Sarching 
in Regensburg vor 
und dem gleichen 
Namen begegnen 
wir bis 1290. Ein 
Ulrich de Sarching 
war von 1312-1319 
Domdechant. Con- 
rad Sarchinger war 
von 1312—1330 
Bürger und des 
Rates (Ratsherr) 
und kommt noch 
1342 vor. Berthold 
Gamerit v. Sarching 
war 1331 Domherr. 
Am bekanntesten 
ist der Erbauer des 
Domportals, Game- 
rit ni.vonSarching, 
Geschlechter (d. h. 
Patrizier) zu Re- 
gensburg, der von 
1371—1395, wo er 
starb, urkundlich 
vorkommt. Von ihm 
ist wahrscheinlich 
auch die Kapelle 

erbaut, denn die Bauformen weisen auf die zweite 
Hälfte des 14. Jahrhunderts hin. Das Gebäude, 
von dem unsere Abbildung 63 eine übersichtliche 
Darstellung giebt, ist in rechtem Winkel gebaut. Der 
nach dem Garten hereinragende Flügel hat einen ab- 
getreppten Giebel mit kleinen Spitzbogenfenstern und 
einem erkerartigen, ebenfalls mit Staffelgiebel ver- 
sehenen Vorbau. Der andere Flügel enthält im unteren 
Geschoss die Kapelle, die mit einem grossen Spitz- 
bogenfenster gegen die Hofseite versehen ist. Im 
oberen Stockwerk sieht man drei schmale gekuppelte 




Abb. 03. .St. Dorothea am Frauenbergel. 



Fenster, deren mittleres etwas überhöht ist. Ein 
überdeckter Gang mit rundbogigen Öffnungen und 
durchbrochener Steinbrüstung verbindet diesen Flügel 
mit dem auf der anderen Seite liegenden Gebäude. 
Ausserdem befindet sich noch an der vorderen Ecke 
dieses Flügels ein Strebepfeiler als Widerlager für 
das Gewölbe der Kapelle. 

Der Grundplan der Dorotheenkapelle am 
Frauenbergel ist ein unregelmässiges Viereck, 
dessen mittlerer Durchmesser 4,70 m. beträgt. Die 

Scheitelhöhe misst 
3,60 m. Das Spitz- 
))0genge wölbe hat 
kräftig profilirte 
Rippen (Abb. 64) 
und einen Schluss- 
stein mitdemWap- 
jien der Sarchinger, 

auf gotischem 
Schild zwei auf- 
wärts gerichtete 

Rosssehweife. ') 
Das gleiche Wap- 
pen findet sich am 
Hauptportal des 
Domes, welches von 
Gamerit (oder Ga- 
mered) V. Sarching 
zwischen 1380 und 
1395 erbaut wurde. 
Das Wappen ist 
links und rechts 
vom Eingang an- 
gebracht uud mit 

grosser Sorgfalt 
ausgeführt. Abb. 
65 giebt eine Ab- 
bildung des Wap- 
pens am Dompor- 
tal, da das am 
Schlussstein der Kapelle befindliche durch eine dicke 
Kruste Tünche und durch ungeschickte Ubermalung 
undeutlich geworden ist. Abb. 66 giebt dann noch 
einen Eckpfeiler der Kapelle, der mit einem weib- 
lichen Kopfe geschmückt ist. 

Von den das Haus bewohnenden Domherren 
sind uns einige bekannt. So kommt nach einem 



1) Nicht Fackeln, wie Max von Banmgarten in seinen 
genealogischen und heraldischen Notizen RegenshurgerBürger- 
geschleohter irrtümlich angiebt. 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



Steuerregister von 1480 Jobann Geginger vor; 
nach einem anderen von 1517 der Domherr Em= 
meram Zenger, nach dem das Haus längere Zeit 
den Namen führte. Nach einem in der Garten- 
mauer eingefügten Denkstein fand unter dem De- 
kan Johann Pyrrher im Jahre 1557 eine Restau- 
rirung und ein teilweiser Umbau der Gebäulicb- 
keiten statt, von dem aber das Hintergebäude am 
Frauenbergel, in dem die Kapelle liegt, nicht be- 
troffen wurde. Um 1577 wohnte der Domherr Job. 
Friedrich v. Hegnenberg daselbst. Neben dem er- 
wähnten Denkstein 
ist ein zweiter ein- 
gemauert, nach wel- 
chem Domherr Ig- 
natz V. Muckenthal 
um 1745 diesen 
Kanonikalhof be- 
wohnte. Der letzte 
Domherr war Graf 
Törring von 1793 
an, dessen Wappen 
noch in den fünf- 
ziger Jahren am 
Portale des Vorder- 
hauses in der Pfau- 
gasse zu sehen 
war. Nach Törrings 
Tode wurde das 
ganze Anwesen Ei- 
gentum des Herrn 
V. Hertwich und 
gegenwärtig gehört 
der ganze Gebäude- 
komplex Herrn 
Rechtsanwalt Dr. 
Reinliold. 

Abb. 67. S. Salvatork; 

Die Salvatorkapelle im „Weissen Hahn". 
Nächst der Thomaskapelle am Römliug ist eine 
der architektonisch bedeutendsten und auch bester- 
haltenen Kapellen die St. Salvatorkapelle, auch die 
Kapelle zu U. L. Herrn genannt. Sie befindet sich 
in dem nunmehrigen Gasthof zum „Weissen Hahn" 
Litera F. 93, gegenüber dem Bischofshof. In den 
Urkunden des 15. Jahrhunderts führt sie ausserdem 
noch den Beinamen zum Neuen Stift in der Ross- 
tränk. Veranlassung zu ihrer Erbauung gab der 
Umstand, dass der Inhalt eines während der Oster- 
zeit des Jahres 1476 bei St. Emmeram gestohlenen 




silbernen Ciboriums von dem Diebe in die Keller- 
öffnung des damaligen Widmannschen Hauses in 
der Kuifnergasse geworfen wurde. Zur Sühne dieser 
Frevelthat wurde die Kapelle gebaut und am 3. No- 
vember 1476 zu Ehren St. Salvatoris eingeweiht. 

Unter den vielen Regensburgern Hauskapelleu 
war St. Salvator eine der besuchtesten. War die 
Georgskapelle am Witfand, die sogenannte Wasser- 
kirche oberhalb der steinernen Brücke (nunmehr 
verbaut), gern von den zu Schiffe ankommenden 
Reisenden besuclit, um Gott für die glücklich abge- 
laufene Wasser- 
fahrt zu danken, so 
pflegten diejenigen, 
welche eine Schilfs- 
reise antreten woll- 
ten, in der Salvator- 
kapelle am Mor- 
gen vor der Abfahrt 
die Messe zu höi-en. 
Für diesen Zweck 
waren eigens zwei 
Benefiziaten ange- 
stellt. „Die beiden 
Benefizien" sagt ein 
Taxregister aus dem 
16. Jahrhundert, 
, haben die Burger 
zu leihen", und fügt 
hinzu „sind etliche 
Jahr nicht verliehen 
worden", was offen- 
l)ar schon auf die 
Zeit Bezug hat, da 
Rat und Bürger- 
schaft zum Pro- 
testantismus Über- 
getretenwaren. Die 
Kapelle besass drei 
Altäre und war so reicli dotirt, dass sich ihre 
jährlichen Erträgnisse auf "24 Gulden und 6 Schil- 
ling Pfennige beliefen, eine für die damalige Zeit 
beträchtliche Summe. Aus einem Gültbrief von 
1490 ') ersehen wir, dass Erhard Grafenreuter, 
Besitzer des Hauses an der Heuport, von seiner 
Gült im Betrage von 3 Pfund Regensburger Pfen- 
nigen, die er jährlich aus dem Hause seines Nach- 
bars Heinrich Murtingers, des Kramers bezog, 12 



Weissen Hahn" 



1) Unter den Dokumenten des Hauses an der Heuport, 
Besitze der Frau Witwe Coppenrath. 



98 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



Schilling jährlicher und ewiger Gült „der würdigen 
Kapellen unseres lieben Herrn, gelegen zu Regens- 
burg in der Rosstrenek, genannt zu der Neuenstift'' 
um 30 Pfund Regensburger Pfennige verkaufte, „die 
uns die Ehrsamen und weisen Liuhart Portner des 
Innern, Vinzenten Biburger des äussern Rates und 
Jakob Schaub, alle drei Burger zu Kegensburg, als 
derzeit Verweser und Pfleger benannter Kapellen 
von der benannten Kapellen Geld ausgericht und be- 
zahlt haben." Am 11. Oktober 1493 bestätigte Bischof 
Rupert die zur Kapelle gestiftete Kaplanei und drei- 
tägige Wochenmesse. Um diese Zeit war Stephan 
Mödl Kaplan. Um 1524 bekleidete Georg Portner, 
Sohn des Ratsgeschlechters Wolfgang Portner, eine 
Kaplansstelle an der Salvatorkapelle. Nach dem 
Übertritt des Rates 
und der Bürger- 
schaft zur neuen 
Lehre im Jahre 
] 542 wurde die Ka- 
pelle au den Bürger 
Sebastian Schlitt 
verkauft, der sie zu 
Wohnräumen ver- 
baute. Im Jahre 
1560 wurde die 1 
Zentner 58 Pfund 
schwere Glocke zum 
Guss der grossen 
Neupfarrglocke ge- 
schenkt. Später 
wurde das Haus als 

Gasthof zum 
..Weissen Hahn" 
eingerichtet , wo 

dann der untere Teil der Kapelle als Speisesaal, der 
obere zu Fremdenzimmern benutzt wurde. 

Die den Speisesaal mitten durchschneidende 
Säule war aber den Herren Hotelbesitzern wenig an- 
genehm, da sie sich in dem niedrigen Lokal durch 
ihre beträchtliche Dicke und ihre in dieser Verkür- 
zung formlose Gestalt ebenso fremdartig wie störend 
ausnahm, und da sie selbstverständlich nicht beseitigt 
werden konnte, so unternahm man das immerhin 
etwas gewagte Experiment, den unteren Teil des 
Schaftes, soweit er in den Speisesaal reichte, bis auf 
Zweidrittel seines Durchmessers abzumeisseln. Bei 
der im Jahre 1 888 bewerkstelligten Restaurirung der 
Kapelle wurde er dann mittels Eisen und Cement 
wieder auf seine ursprüngliche Stärke gebracht. Das 
Zwischengeschoss mit seinen Abteilungswänden wurde 




Alib. 68. Gruudris 



herausgerissen, so dass der prächtige Raum nunmehr 
in seiner ursprünglichen Schönheit wieder erstanden 
ist. Abbildung 67 giebt eine Ansicht des Innern, von 
Norden nach Süden gesehen. 

Die Salvatorkapelle unterscheidet sich von den 
bisher behandelten Kapellen in konstruktiver Hin- 
sicht sehr wesentlich und ist als ein hervorragendes 
Beispiel spätgotischer Hauskapellen zu betrachten. 
Der Eindruck, den der Eintretende empfängt, ist in 
der Tbat ein bedeutender, ich möchte fast sagen, ein 
bedeutenderer in Bezug auf die räumlichen Verhält- 
nisse, als dies bei der Thomaskapelle der Fall ist. 
Zwar ist die Thomaskapelle an Grundfläche grösser 
(88 Quadratmeter gegen 75 der Salvatorkapelle), aber 
der Umstand, dass bei ihr das später eingefügte 

Zwischengewölbe 
nicht entfernt ist, 
lässt ihre Gesamt- 
wirkung eben nicht 
in dem Masse zur 
Geltung kommen, 
als dies bei der 
Salvatorkapelle der 
Fall ist. Bei dieser 
letzteren ist es auch 
wesentlich der 
wirksame Kontrast 
zwischen den stäm- 
migen Säulen und 
kräftig profilirten 
Scheidbogen einer- 
seits und dem zier- 
lichen Netzgurten- 
werk des Gewölbes 
andrerseits, das den 
Eintretenden überrascht. Der Eindruck , welchen 
die Thomaskapelle auf den Beschauer hervorbringt, 
ist dagegen ein mehr harmonischer, die Säule in 
ihrer Gesamtwirkung — einschliesslich des im 
unteren Geschoss befindlichen Teils — schlank 
und zierlich zu nennen. Die Salvatorkapelle hat 
eine Länge von 10,75 m. und eine Weite von 7 m. 
Das Gewölbe misst an den Wandbogen 7 m., an den 
Scheiteln 7,25 m. in der Höhe. Im Mittelpunkt be- 
findet sich eine 73 cm. im Durchmesser haltende, 
nach oben etwas verjüngte Rundsäule, der an beiden 
Langseiten je eine Halbsäule entspricht. Auf kräftig 
profilirten Kapitalen erheben sich mächtige Scheid- 
bogen, die den ganzen Raum in zwei gleiche Hälften 
teilen. Jede dieser Hälften ist durch eine Längs- 
gurte in zwei Sterngewölbe geteilt, deren Rippen 



der St. Salvatorkapelle. 



HAUSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



99 



sich zu einem förmlichen Netz vereinigen, siehe den 
Grundplan Abb. 68. Die sechs Schlusssteine enthalten 
bemalte Wappenschilde mit kreisförmig umgelegter 
Bandverzierung, wie Abb. 69 an einem Beispiel zeigt. 
Von diesen Schlussteinen enthalten drei das Regens- 
burgerWappen — zwei gekreuzte silberne Schlüssel auf 
rotem Grunde — ein weiterer das Wappen des Hoch- 
stiftes — weisser Schrägbalken auf rotem Grunde — 
wieder ein anderer den bayerischen Rautenschild und 



der letzte eine geometrische Figur )C| , die ebensowohl 

eine Hausmarke, als das Steinmetzzeichen des leider 
unbekannten Baumeisters sein kann. Auf allen übrigen 
Rippenkreuzungen sind kleine, 
ebenfalls bemalte Schildchen 
angebracht. Wappenschilde 
finden sich ausserdem noch an 
den Tragsteinen des Gewölbes. 
Abb. 70 giebt das Profil der 
Gewölberippen. Störend wirkt 
in dem schönen Raum das in 
der nordöstlichen Ecke ange- 
brachte Glockentürmchen, das 
2 m. weit in die Kapelle hin- 
eingebaut ist. Ein kleiner über- 
wölbter Raum, in den mau von 
der östlichen Langseite gelangt, 
mag die Sakristei gewesen sein 
und dient jetzt als Schenke. 
Die Kapelle selbst ist seit ihrer 
Wiederherstellung Restaura- 
tionslokal und ihre Wandflächen sind mit lau- 
nigen Versen des verstoi'benen Historikers Carl 
Woldemar Neumann geschmückt. 

Die Sprüche an der nördlichen Langscite 
lauten: 

„Im „weissen Hahn" ward viel gezecht, 
Der Ritter wie der Edelknecht 
Und auch der Domherr wusst in Ehren 
Sein Schöpplein flott allda zu leeren." 

„Als man so vieles reformirt, 
Manch Kirchlein säkularisirt, 
Ward die Kapellen abgethan, 
Nun kräht darin der „weisse Hahn." 
An der Südseite steht: 

„Bocksberger auch, der Melchior') 
Hat hier gezecht mit viel Humor, 
Er wusste, dass der Wirt geduldig, 
Drum blieb er ihm die Zeche schuldig." 





„Die Bilder, die auf mancher Wand 
Bocksberger schuf mit kecker Hand, 
Wer kennt sie von uns allen hier? 
Nur seinen Durst, den kenneu wir!" 
Unter der hölzernen Galerie der Nordseite steht: 
„Wo eben Du dein Glas geleert 
Ward „unser Herr" dereinst verehrt." 
„Drum denk ans Sprüchlein: „trink und iss, 
Den lieben Gott mir nit vergiss! 

Von der grossen Anzahl der Hauskapellen des 
alten Regensburg bilden die liesprocheuen nur einen 
kleinen Bruchteil. Es sind dies lediglich diejenigen, 
welche in gutem Zustande auf unsere Zeit gekommen 
.sind. Die Mehrzahl ist, wie in der Einleitung des 
näheren dargelegt worden, ver- 
schwunden, und die wenigen, 
von denen noch nennenswerte 
Reste vorhanden sind, sollen 
zum Schlüsse wenigstens eine 
kurze Erwähnung finden. 

Von der nunmehr verbauten 
romanischen Trinitatiskapelle in 
der alten Freiung sind nur noch 
ein durch zwei Säulchen ge- 
teiltes Rundbogenfenster und 
ein Strebepfeiler als die ein- 
zigen architektonischen Über- 
reste vorhanden. 

Die Kapelle U. L. Frauen 
Heimsuchung im Pustetschen 
Hause B. 49 ist bis auf die 
Sakristei (jetzt Waschküche) 
zerstört. Die Spitzbogenthüre , welche von 
dieser in die Kapelle fühlte, ist noch als Wand- 
nische zu sehen. Die Kapelle selbst befand sich 
in dem dermaligeu Urbanschen Tuchladen. 
Erst in den sechziger Jahren wurde das Ge- 
wölbe herausgeschlagen. 

Von der Kapelle zu U. L. Frau hinter den 
Pfannenschmieden, auch Kesslerkapelle genannt — 
von den dort wohnenden Kessel- oder Pfannen- 
schmieden — sind zwei Schlusssteine an der Ausseu- 
seite des Hauses eingemauert. Ausserdem ist noch 
von der Gartenseite aus eine circa 4 m hohe Spitz- 
bogenthüre, jetzt Wandnische, die bis in das obere 
Stockwerk reicht, zu sehen. 



1) Von Melchior Bocksberger, der ein ebenso gewaltiger 
Trinker wie guter Fassadenmaler war, wird manches ergötz- 
liche Stücklein erzählt. So soll er häufig seine Stiefel von 
dem mit einem schützenden Tuche abgeschlossenen Maler- 



gerüst haben herabbaumeln lassen, um den Glauben zu er- 
wecken, als ob er fleissig bei der Arbeit sei, während er im 
„Weissen Hahn", oder son.st irgend wo, hinterm Schoppen 
sass. Er schmückte in der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts unter anderem auch das Waggebäude, das Rathaus, 
den Bischofshof und das Goliathhaus mit Fresken, 



100 



HArSKAPELLEN UND GESCHLECHTERHÄUSER IN REGENSBURG. 



Die St. Willibaldskapelle im jetzigen Poststall- 
gebiiude ist in den siebziger Jahren unten zu einem 
Pferdestall, oben zu Wohnräumen umgebaut worden. 
Die beiden herrlichen Schlusssteine, von denen der 
eine Christus auf dem See, der andre ein Meerunge- 
heuer enthält, sind in einem Gange des Hauses ein- 
gemauert. 

An die frühere Christopliskapello im Waggeliäude, 
jetzt Duuglege, und sonstiges obskure Gewinkel er- 
innern nur noch einige Gewölbeansätze mit Konsolen. 

Bei der Kapelle St. Pankraz und Pantaleonis 
im Spiegel, im Zantschen Hause G. 96 ist es noch 
imeutschieden, in welchem Teile des hochinteressan- 
ten, mit herrlichen gotischen Gewölben versehenen 
Hauses die Kapelle lag. Von den in Frage kommen- 



den Räumen hat das Giebelhaus gegen die Spiegel- 
gasse die grösste Wahrscheinlichkeit für sich, die 
Kapelle enthalten zu haben. Hier ist ein schönes, 
mit wappengeschmückten Schlusssteinen versehenes 
Gewölbe, welches auf zwei Pfeilern ruht. Doch 
lässt sich nicht mit Sicherheit angeben, ob dies 
wirklich die Kapelle war, da die Überlieferungen 
hierüber unzuverlässig sind und eine ältere Nach- 
richt auch von einer Verbauung der Kapelle .spricht. 
Einige andere Kapellen, von denen nur mehr 
ganz unbedeutende Reste übrig geblieben sind, 
können hier füglich übergangen werden, und somit 
sei diese Arbeit über das kapellenreiche Regens- 
burg und die dabei in Frage kommenden Ge- 
schlechterhäuser beschlossen. 




Abi). liS. Wappen der Sarchinger. 




Abb. 6(i. Eckpfeiler. 
Vou St, Dorothea am Fraueiibergel. 




Abb. (;4. Gewölberippe. 




BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND 
UND EDUARD MÖRIKE. 



MITGETEILT VON JÄKOB BAECHTOLD. 




US DEN Biographien Schwinds 
und Mörikes ist im allgemeinen 
iL'kannt, dass der grosse öster- 
reichische Maler und der grosse 
schwäbische Dichter treu zu ein- 
ander gehalten haben. So späten 
Datums die erste briefliche Verbindung der Ijeiden, 
damals bereits den Sechzigen sich nähernden Männer 
gewesen ist, um so schneller und fester nahm sie 
den Charakter einer innigen Freuudschaft an. Aus 
der Ferne witterte einer den verwandten Geistes- 
hauch des andern. Beide begegneten sich in der 
Freude an der Romantik, in der tiefen Zurück- 
gezogenheit in die Wunderwelt der Phantasie, in 
der Vorliebe für das Märchen, für das Belauschen 
der Natur, kurz für alles, was lieblich ist und wohl- 
lautet. In den Werken des einen wie des andei'n 
waltet die reine Schönheit und Anmut und ein gött- 
licher Humor. 

Mörike bedauerte einmal, nicht Maler geworden 
zu sein. Nach seinen Zeichnungen zu urteilen, hätte 
er das Zeug dazu wohl gehabt. Seinem Malerfrennd 
aber den Namen eines Dichters im höchsten Sinne 
des Wortes zuzuerkennen, war niemand bereitwilli- 
ger als er. Und noch auf einem Gebiete trafen sie 
sich gelegentlich, in der Andacht zum Unbedeuten- 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



den, welche für Mörikes Art so charakteristisch ist 
und welche auch einen Schwind dazu begeistert, seine 
reizenden Pfeifenköpfe, die Wirtshausschilder oder 
seine allerliebste Serie von Hausgeräten zu zeichnen. 

Schwind, der feine Kenner des wahrhaft Schönen 
in der Poesie, war ein enthuastischer Verehrer von 
Mörikes Dichtungen und hat eine Reihe derselben 
mit seinen anmuts- und humorvollen Illustrationen 
versehen. Keine aber hat den Beschenkten mehr ge- 
freut als das eine Blatt: „Das Pfarrhaus in Clever- 
salzbach", welches eine Reihe von Motiven aus den 
Gedichten Mörikes mit dem Familienleben des Dich- 
ters so zart und innig vereint. Schwind hat Mörike 
wiederholt besucht, in Stuttgart, oder in der Einsam- 
keit zu Lorch und Mürtiugen; dagegen ist es Mörike 
nie geglückt, bis nach der bajuwarischeu Residenz 
zu gelangen. 

Der echte Moritz von Schwind lebt in den nach- 
stehenden Briefen, unschätzbaren Selbstzeugnissen 
zur Kenntnis des Menschen und des Künstlers: bald 
derb-lustig und gutmütig-polternd, bald sarkastisch- 
heftig — einiges dieser Art musste unterdrückt wer- 
den — sind dieselben von Mörike selbst zu seinen 
köstlichsten Schätzen gezählt worden, und es war 
eine seltene Feierstunde seines späteren Lebens, wenn 
er einem vertrauten Freunde eine Epistel des Meisters 

14 



I02 



lUMKFWKAMISEL ZVVISCMIEN MOUITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



Moritz vorlas. Leiiler sind die Antworten Mürikes 
bis auf wenige Nummern niciit mehr vorhanden. 

Die Schwind- Briefe verdanke ich der hochver- 
eiirten Witwe E(hiard Mörikes; vier Briefe von Mörike 
au Scinvind hat mir Herr Justizrat Dr. Sichert in 
Frankfurt a M. freundlichst mitgeteilt. 

1. Sclnviml an Miirikü. 
Hochverehrter Herr! 

So muss es mir gehen. Wenn mir je was eine rechte 
Frenze gemacht hätte, so war' es, Ihnen, dem ich so viele 
schöne 8tiui<h>n ilankc, ehie kleine Freude zu machen, so 
gehts nicht. Dass ich Ihr unvergleichliches Gedicht') immer 
wieder gelesen, dass mir die zarte kränkliche sinnige Grie- 
chin ganz ans Herz gewachsen ist, können Sie sich denken. 
Dass es an und für sich kein übles Bildchen wäre, ein so 
liebliches Wesen am Putztisch, auch mit dem Ausdruck einer 
allgemeinen Bangigkeit hinzustellen, das ist kein Zweifel, 
und wenn Ihnen damit gedient ist, will ich mich gleich 
mit allem FAfer dran machen. Aber es wird aus dem 
Bilde nie zu lesen sein, was in Ihrem Gedichte geschrieben 
steht. Ganz abgesehen von dem kleinen Format, das solche 
äusserste Feinheiten im Ausdruck so gut als unmöglich 
macht, halte ich es für unmöglich, das unheimliche, das sie 
in ihrem Auge bemerkt, und ihr Stutzen darüber zugleich 
sichtbar zu machen. Wäre es ein weniger zartes und un- 
berührbares Ding, so wäre ich bald fertig, ich hielte mich 
au das höchst sichtbare Sprichwort; „Der Tod schpiit ihr 
über die Achsel." Aber sagen Sie selbst, ob das nicht un- 
erträglich plump und gi-ob ist gegen Ihr Gedicht. Es ist 
aber nicht anders. So gut es Gedichte giebt, denen man 
schaden wüi-de, wenn man sie in Musik setzt, so giebt es 
Gedichte, die so fein sind, dass sich ein Maler sicherlich 
blamirt, wenn er meint, dergleichen Hauche von Empfin- 
dungen Hessen sich sichtbar machen. Haben Sie denn gar 
nichts, wo irgend etwas vor sich geht? seien es so kolossale 
Dinge, wie sie „der sichei-e Mann" verrichtet, oder so ein- 
fache und heilige wie die schöne Dorothea.^) 

Uebrigens wenn Ihnen vielleicht der Zeitschrift gegen- 
über, oder sonst aus einem Grande damit gedient ist, so 
werde ich mich nicht lange zieren. So gut als ein anderer 
mach' ichs auch, aber ich möchte in Ihren Augen nicht 
als ein Hasenfuss erscheinen, der sich etwa einbildet da was 
rechtes zu leisten, wo man doch wissen muss, dass es nicht 
geht. Entscheiden Sie also nach Gutdünken, Ihnen zu lieb 
thut man auch einmal das kleinste. 

Da ich jetzt doch einmal das Recht habe, an Sie zu 
schreiben, verehrter HeiT, so frage ich auch an, ob es denn 
gar nicht denkbar ist, Sie einmal nach München zu per- 
suadiren. Ich weiss, dass Sie sich für meine Arbeiten ein 
wenig interessiren, und es wäre für mich von sehr grossem 
Werth, gerade Ihnen ein neues Werk vorzureiten, bevor wir 
es in die Welt hinausschicken. Es sind gegen 40 lyrische 
Bilder, die etwa unter dem Begriff „Reisebilder" ein zu- 
sammengehöriges Ganze bilden. Wenn Sie mit einer leid- 
lichen Herberge, einem bescheidenen Tisch und einem Glas 
Bier sich bescheiden wollen, so hätten Sie nichts zu thun, 
als in Stuttgart ein- und in München auszusteigen, das 
übrige würde ich besorgen. Ich mache mir aber wenig 



llort'nung. An dem guten Fellner') habe ich mich hallitodt 
gebettelt, und ihn nicht vom Fleck rühren können und 
man sagt Ihnen auch nach, Sie seien über die Massen an- 
sässig. Jedenfalls aber wird mich die erste Ahnung des 
Frühlings nach Frankfurt treiben, wo eine Tochter von mir 
verheiratet ist, und da werde ich mich nicht abweisen lassen, 
Sie ein paar Stunden mit meiner unheimlichen Gegenwart 
zu plagen. 

Bitte also, über mich zu disponiren und verldeibe mit 
der aufrichtigsten Verehrung 

Ihr ergebenster Schwind. 

München, 17. Dec. 1863. 

2. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Herr und Freund! 

Ich bin abwechselnd in der Stadt und auf dem Lande , 
so kömmt es, dass ich eine Zusendung später erhalte, und 
arbeite an zwei Sachen zugleich, mit dem grössten Eifer 
daher kömmt es, dass ich mit Briefschreiben gewaltig zu- 
rückbleibe, ja nahe daran bin, Bankrott zu machen. 

Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, dass Sie bei Ver- 
sendung des Anacreon^) an mich gedacht haben; habe mich 
auch gleich daran gemacht, ihn zu lesen, worin ich auch 
bis zu den Anacreonticis gelangt bin. Ich will Ihnen nur 
aufrichtig gestehen, dass mich Ihre Vorrede noch mehr an- 
gezogen hat, als die treffliche Uebersetzung der Gedichte. 
Erstens staune ich, was Sie für ein gelehrter Herr sind. 
Zweitens dachte ich — an den Anacreonteen ist es so schön, 
wie Sie bemerken, dass alles erlebt ist — die Lori und 
Sopherl und Miil von Lesbos und Chics, nirgends wird eine 
vor tausend Jahren einbalsamirte Aegypterin besungen, und 
schliesslich dachte ich: es lebe Deutschland, das alte, ge- 
lehrte, versessene Deutschland, das nie zugreifen kann und 
wenn man ihm's ums Maul schmiert. Nehmen Sie mir's 
nicht übel, aber es wird einem schlimm, wenn ein Mann 
yne Sie Zeit hat zu übersetzen, und vollends eine Ueber- 
setzung nebst Zubehör für den Di'uck herzurichten. Wenn 
uns diese Arbeit ein einziges Gedicht von Ihnen kostet, so 
ist der ganze Anacreon zu theuer bezahlt. Ich tröste mich 
damit, dass etwa die Beschäftigung mit den Alten Sie zu 
der unvergleichlichen „Erinna" veranlasst hat. Sagen Sie 
selber, ob ein so schönes Gedicht im Anacreon steht? Ich 
glaube es nicht. Doch genug von Sachen, die ich vielleicht 
nicht verstehe, und bei denen ich von einer nicht geringen 
Wuth beeinflusst bin, die ich nicht los werden kann, über 
den Schaden, den der ganz unberechtigte Vorzug der Antike 
mit allen seinen Folgen in unsrer Kunst angerichtet hat, 
und noch anrichtet. Es ist beiläufig eben so viel, als seiner 
Zeit die Unterdrückung der deutschen Sprache durch die 
lateinische. 

Im Frühjahr habe ich meine Reise zu meiner Tochter 
nach Frankfurt glücklich so eingerichtet, dass mich mein 
Weg über Stuttgart brachte, und schon dachte ich, es würde 
mir mein sehnlicher Wunsch gewährt werden, Sie zu sehen. 
Ich war aber von den unzähligen Besuchen in Frankfurt 
und Cax-lsruh so auf den Hund, ja beinahe krank, dass, als 
man mir noch sagte, es sei wegen obwaltendem Pferdemarkt 
wohl schwer, ein Unterkommen zu finden, ich in Gottes- 
namen weiterfuhr, mich getröstend, aufgeschoben sei nicht 
aufgehoben. Ihnen gegenüber, der von seinem Haus gar 
nicht wegzubringen ist, kann ich auch geltend machen, dass 



1) „Erinna an Sappho". 

2) „Erzengel Michaels Feder". 



1) Maler Ferdinand Fellner, 1799—1859. 

a) Anakreon und die sog. Anakreontischen Lieder. 18(34. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



103 



ich wohl wegzubringen bin, alier nach ein paar Wochen 
Abwesenheit mit Gewalt nach Haus verlange. Der Buch- 
händler, den Sie mir zugeschickt haben, ist ein cui-iosum. 
Um Ihrer Empfehlung Ehre zu machen, liess ich mich auf 
einen ganz schäbigen Handel mit ihm ein, glücklicher Weise 
mit dem Vorbehalt, den ich immer mache: da ist die Sach, 
da ist das Geld. Es kam aber nichts, und ebenso bei 
Freunden, die ihm die Sache gegeben haben. Ich kann 
also nichts dafür, wenn er über mich schimpft. 

Freund Scherzer') habe ich gesprochen, und bei mir 
auf dem Atelier gehabt. Wie Sie wohl denken, war von 
Ihnen viel die Rede. 

Leben Sie recht wohl, entschuldigen Sie mein unzu- 
sammenhängendes Gefasel, und seien Sie meines besten 
Dankes und gi-össten Verehrung für immer versichert. 
Ihr ergebenster Diener 

und Freund M. v. Schwind. 

Nieder Pöcking, 21. Sept. ISIM. 

3. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Herr und Freund! 
Ich befinde mich seit acht Tagen in einer unfreiwilligen, 
aber ganz behaglichen Vakanz. Eine Verkällung, die ich 
mir zugezogen, und die aussah, als wollte sie eine nieder- 
trächtige Grippe werden, hat sich durch Zuhausebleiben und 
Warmhalten in einen harmlosen Schnupfen aufgelöst, und 
ich habe den Profit davon, aus dem verwünschten Tage- 
werk herausgekommen zu sein, Studien zu zeichnen, die ich 
nicht recht sehe, und mit grauslicher Kohle zu zeichnen, 
von der man ganz schwarz wird, zu ändern, zu feilen, und 
mich zu ärgern, kurz, was man in diesem Leben Carton 
zeichnen heisst. Dieses verteufelte Geschäft treibe ich jetzt 
im dritten Monat, und froh, dass mich das Schicksal ein 
wenig zur Ruhe gesetzt hat, so habe ich doch Zeit einzu- 
sehen, dass ich mich bereits ganz dumm gearbeitet habe, 
und eine kleine Abwechslung das Beste sein wird, was ich 
mir anthun kann. Sie waren so freundlich, es eine Inspira- 
tion zu nennen, einmal der Zauberflöte zu Leib zu gehen, 
aber ich habe genug an der Inspiration, ich bin halb er- 
soffen in der Inspiration, das Ding nimmt kein Ende und 
ist immer nicht schön genug — also lassen wir's ein wenig 
ruhen, da doch das schwierigste überwunden ist, und denken 
wir daran, das Leben wieder ein wenig aufzuputzen und 
neue Freude in die Wirthschaft zu bringen. Wenn ein Acker 
so und so viel Teufelszeug hergegeben hat, um Frucht zu 
tragen, so muss er eben so und so viel Teufelszeug — die 
chemischen Ausdrücke kann ich mir nicht merken, wieder 
zurückbekommen, sonst hat das Fruchttragen ein Ende. Eben 
so wenn unsereiner so und so viel Vernunft hergegeben, muss 
wieder so und so viel Vernunft nachgeheizt werden, sonst 
macht man dummes Zeug. Bitte sich also zu erinnern, 
dass bei unserm fröhlichen Beisammensein Sie, mein ver- 
ehrter Freund, das Ansinnen, sich einmal nach München 
zu bringen, nicht ganz von der Hand gewiesen haben. Ich 
melde mich bei Zeiten und sage Ihnen ganz bescheident- 
lich, dass ich für Ostern meine Gedanken in dieser Richtung 
fleissig spazieren gehen lasse. Sie werden Ferien haben, 
werden hier mit Kirchenmusik regalirt, wie nirgends, erleben 
am Palmsonntag ein Concert, und was mich betrifft, hoffe 
ich Ihnen sowohl Zauberflöte als Reisebilder fertig vor- 
führen zu können, — zwei und siebenzig Nummern. Was 
meinen Sie? Sie haben manchen braven Kerl hier zum 
Freunde — ich habe schon an dem Speiszettel gearbeitet, 



wenn Sie ein Dutzend zu Tisch laden wollen. Der grimmige 
Scherzer pflegt um Ostern auch hier zu sein. Lassen Sie 
sich etwas zureden. Wahrscheinlich sehe ich Sie noch vorher, 
denn die Frau Tochter wird nächsten Monat in die Wochen 
kommen. Ist es ein Bub, soll ich Gevatter stehen, ist es 
ein Mädel, reise ich jedenfalls hin, dessen Bekanntschaft zu 
machen. Sie entgehen mir also doch nicht. Jetzt leben 
Sie recht wohl, verehrter Freund, empfehlen Sie mich der 
Frau Gemahliu und den kleinen Töchterin, von denen Sie 
eines mitbringen sollten. Ich habe auch ein neunjähriges 
Ding im Haus. 

Ihr ganz ergebenster 

M. V. Schwind. 
M. 16. Febr. 1835. 

4. Schwind an Mörike. 
Hochverehrter Freund! 
Wenn das neue Jahr nicht dazu da wäre, um bei 
seinen Freunden wieder anzuklopfen, so könnte es mir 
eigentlich gestohlen werden. Ich habe der neuen Jahre 
schon so viele auf dem Buckel, und sie fangen an so schnell 
zu verlaufen, dass deren Schluss, von mir aus, immer zu 
schnell kommt. Item, aber es ist so, und sein wir froh, 
dass wir gesund und thätig wieder so lang ausgehalten 
haben. 

Im September schrieb ich Ihnen, und war veranlasst 
abzureisen und zwar direkt nach Leipzig. Dort machte ich 
schlechte Geschäfte, denn mein Mäcen, statt einigeimassen 
anzuerkennen, mit welchem Eifer ich mich seinen Aufträgen 
hingegeben, legte sich auf's Zweifeln und Gritein, was ich 
doch eigentlich nicht mehr gewohnt bin, so dass ich ihm 
(und das zu meinem Heile) erklärte, wir wollten die ganze 
Sache gut sein lassen. Zu meiner grossen Freude machte ich 
die Bekanntschaft des alten Musikers Hauptmann, den in des 
alten Seb. Bach Wohnung, mit einer liebenswürdigsten Fa- 
milie, zu sehen, eine Freude fürs Leiten ist. Nach Berlin zu 
unserm alten Cornelius zu gehen, war mir nicht gegönnt, 
denn ein Unwohlsein, das auf der Reise des Teufels ist, 
jagte mich in einer Nachtreise zu meiner Tochter, wo ich 
mich wieder herstellte, und einen Tag um den andern liegen 
blieb, so dass für Stuttgart die Zeit versäumt war. Zu 
Hause angekommen, fand ich Ihren freundlichen Brief! — 
Versäumt wars! Ich machte mich an eine Arbeit, die ich 
vor meiner Abreise schon in Gang gebracht hatte, eine 
Reihe von Gerätschaften. Spiegel, Uhren, Tintenzeuge 
u. dgl., gegen 00 Stücke '). Sie waren fertig und ich war 
wieder daran, zu Ihnen zu fahren, als mir die Ankunft 
eines österreichichen Hofraths angekündigt wurde, und zwar 
dessen, der die Theater -Angelegenheit besorgt. Er kam 
an, und ich übernahm die Herstellung von 14 Bildern für 
das Foyer. Da hiess es denn gleich niedersitzen und tapfer 
arbeiten, was auch ganz gut gelang. Am 11. Nov. war der 
Kontrakt gemacht, am ü. Dec. reiste ich nach Wien, und 
am 9. legte ich die ganze Geschichte dem Kaiser vor. Gott 
sei Dank, lief Alles gut ab; höchsten Orts bei Minister, 
Comite — und allen Freunden. Vor Weihnachten kam 
ich zurück, und seitdem ist eine Wirtschaft, mit Anstalten 
und Briefschreiben, dass ich erst heute dazu komme, Ihnen 
die Geschichte meiner Irrfahrten, mein Leidwesen über den 
versäumten Besuch und meine guten Wünsche für Ihr und 
der Ihrigen Wohlergehen, in meinem -lehrreichen und be- 
rühmten Briefstil zu unterbreiten. Ohne von Zeit zu Zeit 



1) Der Musiker Otto Scherzer. 



1) Die Entwürfe aus dem Gebiete der Kunstindustrie, 
meist für die Kunstgewerbeschule in Nürnberg. 

14* 



KU BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



oinoii Hrief von Ihnpn zu bekoiuuicn, lialti' ich für ein »ehr 
zurückgekommenes und verarmtes Leben, und mir sagen zu 
müssen, diiss Sie nichts mehr von mir wissen wollen, liiesse 
soviel — es wird aber nicht so sein. Sie werden mir 
wieder einmal schreiben und wenn der ärgste Tratsch vorbei 
ist, werden wir uns auch wiedersehen. Heute habe ich auch 
die Cartons für die neue Arbeit angefangen, und soll so ein 
froher Tag mit dem freundlichsten Gruss an Sie und die 
Ihrigen schliessen. 

Ihr aufrichtigst ergebener 
M. V. Schwind. 
M. 7. .luni lS(Sti. 

.5. Sehwind an Mörike. 
Amice doctissimusi 
S. V. B. E. E. V. 

Possibiliter jam habebis- per viam ferream accejitum 
paccetum cum imaginibus quos pinxi in castcllo expectante, 
quod barbari dicunt Vartburg, et narrationem de Septem 
corvis aut sorore üdeli. Spero, quod tibi facinus aliquid 
gaudiuni et iidjunxeris eas collectioni tuae. Insuper venit 
in hoc litera facies mea ad memoriam perpetuam. Dies in 
societate et in atriis tuis it super millia ed plango solummodo 
unum, quod impediti praesentia hospitum non possuimus 
loquare de illustrationibus musiealibus, worüber ich gerne 
Ihre Meinung eingeholt hätte. Nehmen Sie mir nicht übel, 
dass ich Ihnen ein sehr übel gerathenes Exemplar von den 
7 Raben schicke, ich habe aber kein anderes mehr und neu 
kostet der Spass 46 Fl. Die lassen Sie sich nicht schenken. 

Ich bin sehr froh, dass Sie durch meinen frühen Aus- 
zug nicht in Ihrem Schlaf gestört worden sind, der Morgen 
mit seinem fi-ischen Nebel war sehr angenehm. Zu Haus 
fand ich Alles wohl, und See und Wald gefallen mir besser 
als je. In das Arbeiten mit der Brille muss ich mich nach 
und nach finden. Den ganzen Sommer habe ich keine ge- 
braucht. Hoft'entlich imponirt Ihnen die Probe einer reinen 
Latinität, mit der ich mein Schreiben eröüiiet habe, so weit, 
dass Sie mir die lateinischen Zeilen, mit denen Sie mein 
altes Bildchen so trefflich exponirt haben, aufschreiben und 
zuschicken. Ich habe diesmal ein sehr einfaches Mittel an- 
gewandt, mir über das Einpacken wegzuhelfen; ich habe 
nämlich zu einem gesagt: Sein Sie so gut und packen Sie 
das ein, adresse H. D. etc. das könnten Sie auch thun. 

Jetzt bedanke ich mich auch für genossene und unver- 
gleichliche Gastfreundschaft und wünsche nur, ich könnte 
sie recht bald erwidern oder wieder in Anspruch nehmen, 
wozu aber vor der Hand wenig Aussicht ist. Bitte der Frau 
Gemahlin, die weiss Gott Mühe genug gehabt hat und der 
nicht minder geplagten Frl. Schwester meine schönsten Em- 
pfehlungen , und den zwei kleinen Wesen meine schönsten 
Grüssc. Meine kleine Helene wäre sehr begierig sie kennen 
zu lernen. Veniant sollumodo cum |iatrc et matre, habemus 
lectos et cammeras. 

Cum respecto egi'egio 

amicus et servus 

M. v. Schwind. 
Nieder-Pöcking bei Stamberg, über München, 
ü, Sept. 1806. 
Auferrat diabolus omnes pennas ferreas! 

0. Sehwind an Mörike. 
Verehrter Freund! 
Wissen Sie, dass ich anfange Angst zu kriegen, ich hätte 
Sie mit meinem närrischen Briefe, oder noch schlimmer mit 
der Zusendung des etwas sehäbig<;n Exemplars gekränkt oder 



gar beleidigt? Und können Sie sich was anderes denken, 
als dass das eine mindestens sehr katzenjämmerliche Beigabe 
zum Leben ist? Es wäre ziemlich, um aus der Haut zu 
fahren. Ein Brieflein, in dem gar nichts stünde als ,,nein", 
könnte diesen Sorgen ein Ende machen. 

Was sagen Sie zu einem Beitrag zur „Freya?" Ich kann 
ohne Ihre Zustimmung nicht dran denken, einen Schritt in 
der Sache zu thun, denn es ist, was man in der Poesie nennen 
würde „Ode an Mörike" oder so was drgl.; in unsrer Kunst 
hat man für nichts einen Namen, weil man seit Jahren auf 
Historie und Genre herumreitet, wobei kein Mensch weiss, 
was er dabei denken soll. Nebenbei wäre es gar nicht zu 
verachten, wenn dei-selbige Vischer hin und her eine Ver- 
ständigung zwischen meinen Arbeiten und dem verehrlichen 
Publicum versuchte — und bei dieser Gelegenheit könnte 
man sehen, ob er sie selber lesen kann, oder lesen können 
will. 

Es muss an der Zeichnung noch etwas gemacht werden, 
was hier heraussen nicht gemacht werden kann, sonst schickte 
ich sie gleich mit. 

Es liegt mir übrigens gar nicht viel dran, ob die Arbeit 
in die Welt kommt oder nicht, ich bin vollkommen zufrieden, 
dass ich wieder etwas Lyrik gekostet habe. 

Das Wetter ist bei uns dermassen schön, dass ich mich 
noch nicht entschliessen kann, in die Stadt zu gehen, die 
mir nebenbei gesagt, seit ich wieder in Wien war, äusserst 
schäbig vorkommt. 

Ich bin mit meiner Frau ganz allein auf Malepartus, der 
Feste, zeichne nach Bequemlichkeit und gehe am See und 
im Wald spazieren. Hol der Teufel alle Politik und allen 
Patriotismus dazu! Wenn die Hanswursten nichts können 
als Scheibenschiessen und Männer-Quartette blärren, so sollen 
sie's haben! . . . Empfehlen Sie mich der Frau Geninliliii 
und Frl. Schwester allerbestens, umarmen Sie die präelitigcn 
Mädel und wenn Sie die verfluchten Photographien ärgern, 
schmeissen Sie's ins Feuer oder ins Wasser und lassen Sie 
uns wieder gute Freunde sein! 

Ihr aufrichtigst ergebener 

M. V. Schwind. 

Nieder-Pöcking, 1. Oktober 1800. 

München Sonnenstr. 2.3. 

7. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 

Ich war so froh, Ihren Brief zu bekommen und jetzt 
bleib ich wieder mit dem Schreiben stecken. Eine plötzliche 
Ordre des Königs, die nicht gut abzuweisen war, kostete 
mich die Zeit, die ich gebraucht hätte, die dritte „an Mörike" 
gerichtete Zeichnung fertig zu machen. Jetzt muss ein Carton 
fertig .werden, damit die Wiener Arbeit nicht ins Stocken 
kommt, und so dürfte es noch ein paar Wochen dauern, bevor 
die Sendung abgehen kann. Wenn man Ihnen eine Statue 
setzte, so müsste am Sockel auf einer Seite — um den Um- 
fang Ihrer dichterischen Kunst anzuzeigen — „der sichere 
Mann" angebracht sein, der mit der Kohle in sein scheuer- 
thiirones Buch schreibt, mit des Teufels Schweif als Merk- 
zciihen und auf der andern „schön Dorothea" mit der Feder 
des heiligen Michael schreibend, was sie selbst nicht weiss, 
Es ist also eine Zeichnung ohne die andere nichts rechtes, 
und die letzte verlangt einen nicht geringen Grad von Fein- 
heit der Ausführung. Ich werde aber schon dazu kommen 
und dann die Schmerzen des Einpacken» tapfer überwinden. 

Herrn Vischer — aus Tübingen habe ich leider sehr 
kurz gesehen, er war aber in meinem Atelier und hat Ihnen 
vielleicht einiges erzählt, was da gemacht wird. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. Kir. 

pfehle mich Iliren gi-ossen und kleinen Damen, und maclien's 
mit den Zeichnungen gnädig. Ihr ergebenster Freund 

Schwind. 
München d. 17. Jänner 18G7. 

Ü. Mörike an Schwind.') 
Verehrtester Herr und Freund! Ihre herrhche Sendung 
ist glücklich bei mir eingetroft'en und Alles ist davon be- 
zaubert! Ein ausführliches Schreiben darüber, das Ihnen 
zunächst meine Eindrücke schildert, liegt nur halb fertig 
neben mir; ich wurde mitten cbin durch eine angeknüpfte 
Unterhaltung wegen Ankaufs der 3 Blätter unterbrochen und 
schreibe diesmal nur das praktisch-Nöthige in aller Eile. — 
Soeben war H. Dr. M. Hartmanu, dem ich die Zeichnungen 
durch sichere vertraute Hand vorlegen Hess, bei mir. Er 
hatte, eh' er noch das Mindeste von diesen wusste. vor un- 
gefähr 8 Tagen den Chefs der Cotta'schen Buchhandlung, 
als deren erster, alles geltender Berather, aus eigenstem An- 
trieb und ohne mein Vorwissen den Vorschlag zu einer illu- 
strirten Ausgabe meiner Idylle von dem „alten Thurmhahn'- 
gemacht. Man schien nicht abgeneigt, „allein — frug man 
— wo kriegen wir dazu so bald den rechten MannV" Herr 
Hartmann nannte auf der Stelle Sie und gab den Herrn die 
Sache zur weiteren Überlegung. Nun kommen Ihre treff- 
lichen Blätter — mei-k würdiges Zu.sammentreffen! Hartmann 
will seinen Antrag jetzt eindringlich und zwar mit erwei- 
tertem Plan wiederholen. Es soll nach meiner Meinung ein 
ganzes Heft Darstellungen, darunter etwa 4 aus gedachter 
Idylle, 5—6 weitere nach andern Stücken meiner Sammlung, 
worob Ihre „Rahel", Ihr „Sicherer Mann" und die PfaiT- 
Garten-Soene zusammengestellt worden. Neben dem voll- 
ständigen Heft würde „der Thurmhahn"', auf welchen es 
Hartmann seiner grösseren Popularität wegen vorzüglich ab- 
gesehen hat, besonders ausgegeben. Es fragt sich nun, ob 
Sie, Verehrtester, im Fall die Buchhandlung sich zu diesem 
Unternehmen bereit erklären sollte, die Bilder liefern wollten? 
Ich fürchte nur, Sie haben nicht die Zeit zur ganzen Serie! 
Vielleicht aber doch zu 2—3 Stücken (Balladen oder dergl.)? 
Zwar Hartmann ist der wünschenswerthen Einheit des Cha- 
rakters wegen nicht für eine Theilung zwischen verschie- 
denen Künstlern. Was sagen sie dazu? 

Für ein Journal wie die „Freya" sind Ihre 3 Zeichnungen 
schlechterdings nicht. Sie gibt nur Holzschnitte, wenn's 
hoch kommt Kupfer- und Stahlstich, und wie das in der 
Regel wird, weiss man. Ein Minimum in Ihrer Zeichnung 
vom Stecher verhunzt, ein Punkt, ein Hauch verwischt, wäre 
zum Heulen! Die Photographie ist der einzige Weg. 

Die Cotta'sche Buchhandlung macht eben jetzt Anstalt 
zur 4. vermehrten Auflage von meinen Gedichten. Wird 
etwas aus den Illustrationen, nach dem gedachten Plan, in 
Bälde, so könnte Buch und BiUlerwerk, eines dem andern 
helfen. 

M. Hartmann ist eben der, von dem Sie schreiben. Mit 
Vergnügen erinnert er sich jener gemeinschaftlichen Reise; 
ich soll Ihnen die schönsten Empfehlungen sagen. In einigen 
Tagen schreibe ich wieder. Wenn Sie inzwischen so freund- 
lich sein wollten, uns auf obige Frage vorläufig etwas zu 
erwidern, wäre es recht gut. 

Ihre Blätter werden natöilich auf's beste geschont. Frau 



Mit Kaulbach habe ich einen langen Diskurs über Sie 
gehabt. Nebst Verehrung und Hochschätzung im höchsten 
Grade, ist er doch der Meinung, dass Ihnen einige Reiselust, 
wenigstens von Stuttgart bis München, sehr wohl anstehen 
würde. Sie sollten's ganz haben, wie Sie wollten. Still, 
spektaculös, in allen Abstufungen. Jetzt seien Sie freundlich 
und empfehlen mich Ihren grossen und kleinen Damen aufs 
beste, so wie dem Herrn mit der bredella! 
Ihr ganz ergebenster 

M. V. Schwind. 

München, 3. Nov. 1866. 

8. Schwind an Mörike. 
Verehrter HeiT und Freund! 

Ihr freundlicher und liebenswürdiger Brief traf mich in 
der angenehmen Situation, dass ich mir eben sagen konnte: 
jetzt hat der König sein Sach', und der 4. Carton ist auch 
fertig, da kann ich mich endlich hinsetzen, und die stumme 
Jüdin') zurecht zeichnen. Solches ist denn auch geschehen 
und ich lasse die Sachen nur noch aufziehen, dann kann ich 
sie Ihnen schicken. Sie werden dann sehr dringlich gebeten 
zu erklären, ob die Sachen Ihnen gefallen und ob Ihnen 
mit der Vervielfältigung für die „Freya" gedient ist oder 
nicht. Und da müssen sie sich gar nicht geniei"en. M. Hart- 
mann2) wird sich meiner wohl noch erinnern, wenn es näm- 
lich derselbe ist, in dessen Gesellschaft ich einmal die bel- 
gisch-holländische Grenze passirt habe unter Mitwirkung 
eines fürstlich Schwarzenbei'gischen Depeschen-Packets. 

Von Vischer habe ich etwas anders erwartet, nemlich 
irgend eine Anordnung hinsichtlich der betreffenden Zeich- 
nungen. Kaiser 3) ist eine Heide, sonst müsste er sich drum 
reissen, etwas, das Ihnen und Ihren Freunden Freude machen 
kann (wenn es nemlich der Fall ist), zu photographiren; der 
hält sich eben an Dürer und Raphael, weil die kein Honorar 
mehr verlangen. Jetzt warten wir ab, was sie sagen. Vous 
Monsieur, vous aurez saus doute une copie — parceque ma 
femme sich die Haare ausrupft wenn ich die Zeichnungen 
weggäbe. Sie gelten nämlich unter unsern Freunden für 
meine allerschönsten Arbeiten — auch gut. Was ist denn 
mit König Rother? Haben Sie ihn bearbeitet? Das wäre 
freilich anziehend. Lassen wir ihn nicht aus den Augen. 
Von Herzen gratulire ich zu Ihrem otio cum honore; der 
Teufel soll den dummen Mädeln Verse machen lehren ! ^ Ich 
habe auf der Akademie auch ein Ende gemacht, und erklärt, 
dass ich mit zwanzig Jahren gerade genug habe, sie sollen 
mich pensioniren oder was sie wollen, am liebsten mit 
doppeltem Gehalt, eine Massregel, die gewiss sehr grossen 
Anklang fände. Sie thun aber das eine und das andere nicht, 
und so lassen wirs beim Alten. Für unsern jungen König 
habe ich müssen die Weber-, Marschner- und Glucksohen 
Lunetten in Farben ausführen, alles ohne ein Wort mitein- 
ander zu sprechen. Ich schiebe meine Arbeit bei einer Thür- 
spalte hinein und bei der andern kommt das Geld heraus — 
das ist eigentlich ganz angenehm. Desgleichen habe ich 
seit Oktober 4 Carton gezeichnet, was auch gerade keine 
Kleinigkeit ist. Jedenfalls werde ich ziemlich auf den Hund 
kommen, bis alles fertig ist, und einer Erholung bedürfen, 
wovon wir ein paar Tage in Stuttgart absitzen wollen. Gott 
sei Dank wird der Tag länger. Leben Sie recht wohl, em- 



1) Dorothea in „Erzengel Michaels Feder". 

2) Moritz Hartmann, Herausgeber der „Freya". 

3) Stuttgarter Photograph. 

4) Auf Mörikes Rücktritt als Lehrer am Katharincnstirt. 



1) Nach p]mpfang der später bei Bruoknianii in München 
photographisch veröffentlichten reizenden drei Blätter: „Das 
Pfarrhaus in Cleversalzbach", „Erzengel Michaels Feder", 
„Uer sichere Mann" geschrieben. 



100 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



von Schwind üiat wahrlich sehr wohl daran, sie nach ge- 
machtem Gebrauch wieder zurück zu fordern. 

Ich schliease mit den herzlichsten Empfeliliingon von 
uns Allen. 

Ihr fjanz ergebener 

Mörike. 
Stuttg. den 2. Febr. 07. 

Sie machen uns ja Hoft'nung, Sie noch vor dem Frühjahr 
hier zu sehen — das wilre sehr schön! 

10. Schwind an Mörike. 
Verehrtester Herr und Freund! 

Die Hauptsache ist, dass Sie die Sachen richtig erhalten 
haben, und dass sie Ihnen gefallen. Der Cottasche Antrag 
scheint Ihnen Freude zu machen und da bin ich bei-eit, 
d'rauf einzugehen, obwohl ich mit den Zeichnungen andre 
Dinge vorhatte, die durch eine Vervielfältigung in der 
„Freya" nicht gestört worden wären. Fragt sich also nur, 
ob ein ordentliches Honorar geboten wird. Mit meiner Zeit 
steht's freilich schlecht, noch mehr aber nehme ich Anstand, 
irgend etwas Künstlerisches zu aceordiren. Man gibt das 
Recht aus der Hand, es wegzuwerfen, wenn es nicht genügend 
ausfällt. Das wird vor der Hand genug sein, nebst einem 
schönen Gruss Hrn. M. H. auszurichten. 

Auf Ihren Brief freue ich mich sehr. Es wird damit 
gehen , wie mit einer Recension , die der alte Goethe über 
gewisse Holzschnitte von mir geschrieben hat; sie ist zehn- 
mal schöner als meine Bilder'). 

Ich arbeite fort, wie in einem Tretrad, und bin noch 
immer nicht so weit mit freiem Kopf, an etwas anderes zu 
denken. 

Photographie ist auch keine Sicherheit, wenn das Glück 
gut will so verderben sie's grad so wie die Holzschneider 
und Kupferstecher. Geben Sie acht, wenn's drum und dran 
geht, wird alles anders gewünscht werden — ich habe längst 
auf allen Kunsthandel verzichtet. Also trachtet man bald 
ins reine zu kommen. 

Ihr ganz ergebener 

M. v. Schwind. 

M. 5. Febr. 1867. 

Eilig. 

11. Mörike an Schwind.2) 

Die mir durch Ihren 1. Brief vom 17. vor. Monats 
angemeldete Kiste kam letzten Montag Morgens d. 27. bei 
uns an. Ich öffnete sie sogleich selbst, das ungeduldige 
Verlangen, das eine gemessene Handhabung des nöthigen 
Schreinerwerkzeugs kaum erlauben wollte, nach Möglich - 
heit beschwichtigend. Schraube für Schraube, Nagel um 
Nagel vorsichtig auszuziehn — denn einige staken sehr 
boshaft verborgen im Holz — nahm eine gute Viertel- 
stunde weg. 

Da lag der Schatz nun aufgethan vor mir allein! Ich 
liess für's Erste Niemand zu, um mich der Sachen erst, von 
Anderer Stimmen un verworren, einigei-massen zu bemächtigen. 
Bald aber war ich, dieser überströmenden Fülle des Lieb- 
lichen und Grossen gegenüber, mir selbst nicht mehr genug; 
Frau und Schwester wurden zu Hilfe gerufen, die denn auch 
redlich mein Entzücken theilten. 

Zufällig kam ich zuerst an das Blatt mit dem „Sicheren 
Mann". Wenn meine Leute mich, wie sie behaupten, im 

1) Zeichnungen zu „Tausend und eine Nacht". Vgl. die 
Hempelausg. Goethe's 28, 847 tf. 

2) Der vorher versprochene längere Brief. 



dritten Zimmer durch zwei Thüren mehrmals laut auflachen 
hörten, so war dies keineswegs nur die einfache Wirkung 
des komischen Stoffs, welcher hier in das greifbarste Leben 
trat; es war weit mehr jene rein schöne, hohe, mit keinem 
andern Glück zu vergleichende Lust, die wir immer em- 
pfinden, wo die Kunst einmal wieder ihren Gipfel erreicht, 
wo uns der Genius selbst anlacht, eine fi-eudige Rührung 
und selbstloser Dank, der vorerst gar nicht weiss, wem er 
eigentlich gelte, bis man zunächst dann freilich nur dem 
Künstler um den Hals fallen kami. 

Ihre Auffassung des ungeschlachten Riesen könnte besser 
und wahrer unmöglich sein; und zudem muss ich sagen, 
sie lässt, was Bestimmtheit und malerische Eigenschaft be- 
trifft, mein eigenes Gedankenbild weit hinter sich zurück. 
Der gewählte Moment ist äusserst prägnant. Im Vorder- 
grund der Höhle liegt er auf seinem offenen Schreibbuch, 
verdrossen, dumpf und eigentlich mechanisch mit seiner un- 
möglichen Aufgabe beschäftigt. Nur schon die Art, wie 
er mit der andern Hand am Backen den Kopf aus Faul- 
heit stützt, während das linke Bein müssig hinten auf in die 
Luft schlägt und baumelt, -^ ist unschätzbar, nicht zu be- 
zahlen! Von seinem kraftvollen, durchaus nicht caricatur- 
mässig gedachten Gesicht wird von dem überhängenden 
Haupthaar, welches pelzartig in breite Zapfen getheilt und 
dabei immerhin im grossen Styl behandelt ist, mehr nicht 
als der untere Teil bis zur Hälfte der Nase gesehen, und 
doch hat man damit gleich Alles in der Vorstellung: die 
struppigen Augenbraunen, den dummen, halbverschmitzten 
Blick der sicherlich verhältnissmässig kleinen Augen. Man 
ahnt aus dem Ganzen genügend, was in dem altverrussten 
Grind da drin etwa vorgehen mag. Die weise Ökonomie, 
mit welcher der immense Scheuerthor-Folioband zur An- 
schauung gebracht wird, darf ich nicht ungerühmt lassen. 
Ausserordentlich gut macht sich der hohle Buchrücken mit 
den radienförmig aufgesperrten Blättern — man hört sie 
ordentlich knarren. Dann über dem Haupt des Propheten 
der Felsenüberhang mit dem entblössten Wurzelknorrenwerk 
der nächsten Tanne; der wohlthuende schmale Einblick in 
den Wald — wie trefflich geht Alles in solcher Enge zu- 
sammen! 

Um des Bedeutsamen so viel wie möglich in Einer 
Composition zu vereinigen, war natürlich über den buch- 
stäblichen Inhalt des Gedichts hinauszugehn. Der aus- 
gerissene Teufelsschweif zwischen den Blättern durfte nicht 
fehlen, und der schalkhafte Gott in dem Augenblick, wo 
er den Schreibenden von hinterher belauscht, ist eine ganz 
herrliche Zuthat. Demnach ist die erste Vorlesung in der 
Hölle bereits gehalten, soeben wird die nächste vorbereitet 
(zu deren wirklichem Inhalt ihm nur erst unmittelbar eh' 
er zu sprechen hat, der Gott durch Inspiration nothdürftig 
verhelfen wird) und Lolegi'in erscheint also zum zweiten 
Mal hier in der Grotte. 

Dieser geflügelte Dämon, die jugendlichste Hermesgestalt 
mit individueller und dem Charakter eines possenhaften 
Lieblings der Götter entsprechenden Physiognomie, rnnd- 
wangig, fast kindlich, hält sich auf der nach oben gekehrten 
Fläche des riesigen Stiefelabsatzes mehr schwebend als fest- 
sitzend (denn jeden Augenblick kann ja der Fuss des Alten 
wieder herunterfallen) in einer Stellung, mit einer Miene 
und Gebärde, wie sie graziöser nicht zu erdenken ist. Das 
ganze Geschlecht der Lustigmacher und Gaukler thut un- 
willkürlich Alles auf baroke Weise; der ideale Hanswurst 
in Sonderheit muss es auch ohne Zuschauer, ganz für sich 
selber so thun, und so ist dies Motiv (ich meine den Stand- 
oder Stützpunkt Lolegrins) ein Meisterzug ersten Grades, 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 107 




Der sichere Mann. Zeiclinung von M. v. Schwixd zu dem Märchen von Mörike. 



auf welchen ein Anderer, z. B. ich, durch den parallelen 
Vorgang im Gedicht (wo Lolegrin den liegenden Stiefel 
als Sitz benützt) niemals verfallen wäre. Auf dem schattigen 
Grunde der Felswand hebt sich der himmlische Knabe als 
der einzige geistige Lichtstrahl in dieser halbthierisch be- 
schränkten elementarischen Suckelborstswelt sehr bezeichnend 
und vortheilhaft ab. 

Und nun das zweite Blatt mit der schönen Jüdin. 
Hier würde man am liebsten gänzlich schweigen. Wer 
fände das treft'ende Wort für den unendlichen Reiz dieses 
beseelten Profils, für diesen Ausdruck von Erstaunen, in 
dem das Mädchen unter ihren Fingern ein Wunder werden 
sieht! 

Sie sitzt, die Schiefertafel auf dem Knie, und die selbst- 
laufende Feder nur lose in der rechten Hand, das Aug' be- 
giei'ig auf den unerhörten Aktus geheftet. Der Oberleib 
ist etwas vorgebeugt, der Kopf jedoch, das liebliche Kinn, 
in ziemlich weitem Abstand von der Sache, ein wenig auf- 
gerichtet, so dass die schöne Linie des Halses völlig sichtbar 
ist. Diese Stellung des Kopfs ist von der grössten Bedeu- 
tung. Sie wirkt in Eins zusammen mit dem, was das Gesiebt 
ausdrückt, als wie ein himmlischer Accord, der uns die ganze 
Seele mit einem Hauch hinnimmt. Wie einzig stimmt dazu 
das luftig über den Rücken ergossene Haar! Es scheint 
halb durchsichtig und goldähnlich. Letzteres kommt aller- 
dings auf Rechnung des gelblichen Sepia-Tons; wenn derselbe 
sich aber bei einer künftigen Reproduction erhalten Hesse, 
so gäbe ich für diese blonde Rahel herzlich gern die schwarz- 



behaarte hin. Dass neben ihr der Knabe während des 
wunderbaren Akts fortschläft (um erst am Ende noch so 
viel als nöthig ist, davon zu sehen) war wohl bedacht. Ein 
Künstler von weniger feinem Gefühl hätte die Scene durch 
den staunenden Antheil einer zweiten Person zu steigern 
geglaubt und durch ein Spektakel die ganze Zartheit des 
Moments zerstört. Der Schlaf eines unschuldigen Geschöpfs 
ist schon an sich heilig und dies wirkt hier fühlbar herein. 
Welch eine süsse Stille herrscht ringsum! und wie schön ist 
der Knabe mit offenbar nationaler Gesichtsbilduug, wie 
rührend seine schlafende Hand! 

Ein orientalischer Zug geht fast durch's ganze Bild, 
selbst das nächste Baumwerk will ihn nicht verläugnen und 
dessen Lichtheit ist völlig der Stimmung des Ganzen ge- 
mäss. An dem Costüm der Jungfrau endlich haben wir 
.\lles, jede Quaste, — den aufgeschlitzten Ärmel, das eigen- 
artige Käppchen, insonderheit aber den prächtigen Wurf 
jeder Palte bewundert. 

') Das dritte oder Mittel-Bild anlangend — welches 
für meinen innerlichsten und Privat-Menschen eigentlich 
das Hauptblatt ist — so wollte mir dazu die Prosa nicht 
genügen, ich hoffte mir vielmehr mit einigen Versen im 
Ton der musikalischen Gartenthür zu helfen. Wer aber 
könnte unter Umständen, wie gegenwärtig die meinen sind, 
an so etwas denken? 



1) Ein Stück von der Fortsetzung des Briefes. Aus dem 
Gedächtniss. Anmerk. Mörikos. 



ms HRIEFVVKrHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



VvWr ilom Datum lliior IdiiiNlU'iisi'lMMi (inlicu waltet 
ein eifjonor wohlwollender Spiritus familiaris. Die 7 Raben 
und die h. Elisabeth kamen auf meinen Geburtstag, den 
sie docli schwerlieh wussten ; die 3 neuen Zeichnungen auf 
den meiner jüngsten Tochter Marie! Ich stellte das Blatt 
mit der (larlenseene sofort in die Mitte des rothen Sophas 
unmittelbar hinter den runden, mit zwei brennenden Kerzen 
und grünen Gewächsen — einer Fiicherpabue und Asklepias 
— geschmückten Tisch, worauf ihre (ioschenkloin ausge- 
breitet lagen. — Konnte die schöne Muse, die ihre Hand 
demselben Kind auf's Haupt legt, zu einer glücklicheren 
Stunde kommen? 

12. Schwind an Mörike. 
Verehrtester Freund! 
Wenn ich ein paar Tage nach Empfang Ihres Briefes 
oder besser Hirer Sendung als ein eitler Esel herumgestiegen 
bin, so sind Sie schuld. Wenn man ein so günstiges und 
trefflich geschriebenes Referat liest, kommen einem die 
Sachen in einem ganz andern Licht vor. Ich könnte auch 
sagen, wenn ich ein Publicum mir gegenüber hätte, das so 
sehen kann, so ging's besser m't dem Arbeiten. Und am 
Knde, da ich mich mein ganzes Leben mit Hintemissen wie 
ein Reimpferd, geplagt habe, so sehe ich nicht ein, warum 
ich mir nicht einmal auch einbilden sollte, es sei was rechtes 
herausgekommen. Wenn wir ims mit dem Buchhändler 
einlassen, so geht die Sache aus ganz anderen Noten. Da 
fi'illt von vornherein alles weg, was eine Sache charakteri- 
sirt. Wenn ein Getbcht gut sein soll, darf es vor allem 
nicht zu lang und nicht zu kurz sein. Der „sichere Mann" 
darf 12 Seiten lang sein, ein anderes langt gerade zu 14 
Zeilen. Die Wahl des richtigen Versmasses entscheidet 
vielleicht den ganzen Erfolg. Nun hcisst es aber bei dieser 



venliimmteii Hace: Ein Bild so gross wie's andere, alle in 
dem gleichen hundsföttischen Gefusel gezeichnet und alle 
cancanisirt so viel als möglich, was soll da herauskommen ? 
Photographiren wäre schon recht, wenn die Handschrift 
wiedergegeben würde, aber das muss alles auf das niveau 
eines lausigen Kunstvereins - Geschenks herabgewürdigt 

werden. Beatus ille, qui procul — Es kann sein, 

dass es einen Phönix darunter gibt, aber Herr X ... ist 
es schwerlich. Vor vielleicht 20 Jahren wurde ich einmal 
hin berufen, um gewisse Aufträge zu erhalten. Der Himmel 
weiss, wie gut mir etlicher Verdienst gethan hätte. Da 
wurde mir aber eine französische Vignette gezeigt mit der 
Frage, ob ich meine Sachen so machen wolle. Was war 
dai-auf zu sagen, als: gehen Sie zu dem, der das gemacht 
hat, der machts so. 

Mit meinem Besuch werde ich hinausgeschoben. Wird 
noch acht Tage andauern. Schliesslich will ich auch nicht 
unerwähnt lassen, dass eine gewisse Stelle Ihres Briefes, 
wo auf einige Verse hingedeutet ist, die Ihnen vorschweben 
— mir sehr glatt eingegangen ist. Das wäre nichts kleines, 
und sollte zu meinen schönsten Schätzen gehören. Mehr 
sage ich nicht. 

Jetzt leben Sie recht wohl, sein Sie noch einmal be- 
dankt für die schönen Recensionen — Sie wissen, vielleicht 
nicht, dass die erste dergl. die ich erlebte vom alten Goethe 
war — und lassen Sie sich gesund und lustig wieder 
finden. 

Mit den schönsten Grüssen an Ihr ganzes Haus 
Ihr ergebenster 

M. v. Schwind. 

[Februar 1867]. 

An dem Pfarrhaus sollte der grosse Baum die Lieblings 
Buche sein? 




Vignette von M. v. Schwind 



DIE BRONZENE APOSTELSTATUE IN DER PETERSKIRCHE. 



VON FliAXZ WICKHOFF. 
MIT ABBILDUNGEN. 




UNSTWERKE, die vor aller Augen 
im grellen Lichte stehen, sind nicht 
immer diejenigen, die am schärfsten 
betrachtet werden. Glanz und Flitter 
nun gar, welche den Blick anziehen 
sollen, üben selten die beabsichtigte 
AVirkuiig aus. Auch der blendende Glasteppich mit 
seinem prunkenden, rotgoldenen Schnörkelmuster, den 

wohlmeinender ün- 
geschmack hinter 
der ehernen Statue 
des heiligen Petrus 
in seiner Kirche 
am Vatikan ausge- 
spannt, hat wohl 
noch keinen Kunst- 
freund zu längerem 
Verweilen verlockt. 
Es bildet sich je- 
doch gerade über 
Werke, die von 
jedermann gesehen, 
von wenigen be- 
schaut werden, eine 

feste allgemeine 
Meinung um so 
ichter aus, als 
Aiiii. 1.1 s- itriiaiiMriit solche nicht so sehr 

durch ihre Begrün- 
dung als durch beständige Wiederholung zur Geltung 
kommt. So kann mau heute überall lesen, jene Bronze- 
statue rühre aus altchristlicher Zeit her, sei eine letzte 
Frucht antiker Technik etwa aus dem fünften Jahr- 
hundert, als diese schon für das christliche Bedürf- 
nis arbeitete, und nur unter den klassischen Ar- 
chäologen ging oder geht heute noch esoterisch die 
Meinung um, sie wäre eine antike Konsularstatue, 
die durch spätere Zuthaten zu einem Bilde des 
Apo.stels gemacht wurde. 

Zeitschrift l'tir bildende Kunst. N. F I. 




Mögen immerhin einzelne Teile, der rechte Unter- 
arm, die Bartenden der Schlüssel, vielleicht auch der 
Kopf der Statue, besonders gegossen sein, wie das 
der Gewohnheit des antiken sowie des modernen 
Bronzegusses entsprechen würde, sie stimmen in 
Technik und Formengebung so vollständig überein, 
dass eine zeitlich verschiedene Entstehung ausge- 
schlossen ist. Entscheidend für die ursprüngliche 
Absicht des Künstlers, einen Petrus zu bilden, ist, 
wie die ringförmigen Griffe der beiden Schlüssel und 
das sie verbindende Lederriemchen in sanftem Relief 
auf dem Gewaude der Figur modellirt sind, wobei 
eine Einfügung nach Vollendung des Gusses aus- 
geschlossen ist. Das Attribut der Doppelschlüssel 
kommt aber nur Petrus zu. 

Wie er nun dasitzt, steif, aber voll lebendiger 
Frische, wie er sich zum Segnen anschickt, mit stram- 
mer Armhaltung, als ob ein Rekrut einen eben ge- 
lernten Griff exakt ausführte, da deutet nichts auf 
eine altcnuk Kunst, welche abgebrauchte Formen 
stumpf wiedergiebt, sondern auf die ringenden Ver- 
suche einer hnfjiHncndrii. 

Überall unversöhnte Gegensätze. Wenn sich an 
den archaischen Bildwerken der Griechen mit einem 
durchgebildeten beweglichen Körper ein leeres Mas- 
kengesicht verbindet, so sitzt hier im Gegenteile ein 
durchgeistigter Kopf auf einem wenig geschmeidigen 
Körper. Ein verschiedener Geschmack wandte sich 
dort der Bewältigung anatomischer Formen, hier der 
Wiedergabe des seelischen Ausdruckes zu, aber es 
ist die gleiche Kunststufe, in welcher heterogene 
Elemente noch nicht zur Einheit zusammenzutreten 
vermögen. Und neben diesem Antlitz, das durch den 
Ausdruck tiefer Ergriffenheit wirkt, Haupthaar und 
Bart iu regelmässig gereihten, schneckenförmigen 
Löckcheu, vliessartig, heraldisch. 

Ein Mantel mit einfachen Motiven über einem 
ünterkleide, dessen sonderbar sackförmiger Stutz- 
ärmel sinnlos gebläht ist (Abb. 1). Schematische trep- 

15 



DIK liKUiNZKNK AI'OSTELSTATUE IN DER PETERSKIRCHE. 



jn'iiartig geordnete Gewuiulfulteu im Suhosse, zwischen 
schüu modellirteu wohlverstandenen Beinen. 

Auch die Art, wie der Mantel umgelegt ist, be- 
fremdet. Ein Zipfel wurde über die linke Schulter 
geschlagen, die ganze vorn herabhängende Masse des 
Gewandes über den eingebogenen Unterarm hinaufge- 
zogen und wieder über die linke Schulter zurückge- 
woi-fen, so dass der Arm in geringer Bewegungsfähig- 
keit wie in einer Schlinge 
ruht. Der Mantel breitete 
sich nun am Rücken aus und 
wurde in zwei Windungen 
von rechts nach links um 
den Unterkörper gelegt. 
Eine Tracht, die an antiken 
Statuen nicht nachzuweisen 
ist, sich jedoch mit einem 
langen Streifen Zeuges am 
Modell künstlich ordnen 
lässt, das freilich denn mehr 
wie ein Kranker umwickelt, 
als bekleidet erscheint. 

Dergleichen kann nur 
aus missverstandener Nach- 
ahmung der antiken Tracht 
entstanden sein, niemals zu 
einer Zeit, in welcher diese 
noch lebendig war. Dabei 
eine scharfkantige Model- 
lirung der einzelnen Falten, 
während sie an den Ar- 
beiten der späteren Antike 
weich und verwaschen sind. 

Hierfür ist die Petrus- 
statue aus Marmor in den 
heiligen Grotten ein gutes 
Beispiel. (Abb. 2, weitere 
Abbildungen bei Dionysius 
Sacr. Crypt. T. IX; Garucci 
stör, dell'arte christ. T. 429, 
1-3.; F. X. Kraus, Real- 
Encyklopädie II, 784.) 

Diese Statue, zuerst erwähnt in den Kommentaren 
des Aneas Silvius, stand im Atrium der alten Peters- 
kirche, innen über der ehernen Eingangsthüre, und 
wurde von Paul V. in die Grotten übertragen, wo sie 
einen Ko.smatenstuhl einnimmt, auf dem ehemals die 
Statue Benedikt XII. sass. (Torrigius sacr. grot. 73; 
Dion. a. a. 0. 21; Sarti, Ap. ad. Dion. 20.) In der 
Beschreibung der Stadt Rom (IL 1,20) wird sie fälsch- 
lich als Kopie des Bronzepetrus ausgegeben, mit dem 




Ablj. 11). Vorderansicht der Apostelstatue iu der Peterskirche 



sie nur im allgemeinen das Motiv gemein hat. Das 
Verhältnis könnte eher umgekehrt sein. Schon 
Angelo Mai (Script, vet. V. 57) erklärte sie richtig 
für älter als die Bronzestatue. Der absichtlich alter- 
tümelnde Kopf und die Hände mit den Schlüsseln 
sind Ergänzungen aus dein 17. Jahrhundert. 

Hier haben wir wirklich eine antike Konsular- 
statue vor uns, die als Petrus adaptirt wurde. Wie 
lässig sitzt sie, wie natür- 
lich und bequem ist der 
Mantel umgeschlagen, wie 
weichlich alles, wie gerun- 
det, undulirend, müde, wäh- 
rend an der Bronzestatiie 
die Formen frisch, streng, 
eckig und gebrochen sind. 
Dort die Zeichen einer 
sclnvindenclcn, hier jene einer 
ircrdciiden Kunst. 

Eine Periode gewaltigen 
Aufstrebens, in welcher 
keine anderen benutzbaren 
Muster als die Antike vor- 
lagen, verlief am Ende des 
13. Jahrhunderts. Dahin 
hat schon Didron in einer 
berichtigenden Anmerkung 
zu einer Studie von Gri- 
mouard de Saint-Laurent 
über die Ikonographie des 
Petrus imd Paulus unsere 
Petrusstatue, die Bronze- 
statue, gesetzt und sie mit 
der Unterschrift „XII^ Si- 
ede' stechen lassen. „Wir 
halten sie", sagt er (Ann. 
arch. XXIII. 1863, 29^), 
„für eine der schönsten des 
Mittelalters und die uns den 
edelsten und am meisten 
charakteristischenTy pus des 
Apostelfürsten giebt. Aber 
ferne davon, sie dem 4. oder 5. Jahrhunderte zuzuschrei- 
ben, zeichnen wir die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts 
durch sie aus. Unserer Meinung nach gehört sie der Re- 
gierung Ludwigs des Heiligen an und wir glauben, 
dass sie in Italien in die Zeit von Innozenz IV. bis zu 
Nikolaus IV., zwischen 1252 und 1292 zu setzen sei. 
Unsere Meinung teilen auch der Zeichner M. Edouard 
Didron, der Stecher M. Gaucherei und alle Archäo- 
logen, die mit der Plastik des Mittelalters vertraut .sind." 



DIE BRONZENE APOSTELSTATUE IN DER PETERSKIRCHE. 



Diese letzte Bemerkung war wolil nichts als 
eine schalkhafte Zurechtweisung des Autors, zu des- 
sen Text Didron diese Note in redaktioneller Selbst- 
herrlichkeit gefügt hatte. Jener hatte die Statue 
ins 4. Jahrhundert gesetzt, und sollte auf diese 
Weise, nicht eben höflich, berichtigt werden. Wie 
dem auch sei, jedenfalls sind die Kenner der mittel- 
alterlichen Kunst, welche den Petrus ins 13. Jahr- 
hundert setzten, zeitlier ausgestorben. 

Didron, der das Alter der Statue richtig bezeich- 
net hatte, machte keinen Versuch, sie unter die 
übrigen statuarischen Werke des Ducento einzuord- 
nen. Sie kann nur in die Zeit fallen, nachdem Niccolö 
Pisano an den wenigen Bei- 
spielen antiker Skulptur, die 
sich zufällig in Pisa fanden, 
seinen Stil entwickelt hatte. 
Diese Periode dauerte kurze 
Zeit, denn schon Niccolü's 
Sohn Giovanni war, sei es, 
dass er selbst nach dem Nor- 
den ging, sei es durch ultra- 
montane Steinmetzen , die 
nach Italien kamen, ange- 
regt, auf jene grossartige 
Entwickelung der Skulptur, 
welche in Frankreich und 
Deutschland die Aufführung 
gotischer Dome begleitete, 
aufmerksam geworden, und 
ihre naturalistische Über- 
legenheit einerseits, ihre 
zartere Empfindsamkeit an- 
derseits hatte ihn so tief 
berührt, dass er auf glei- 
chen Prinzipien jenen neuen 

Stil der italienischen Kunst ausbildete, dessen Paulus 
von hinreissender Beredsamkeit Giotto werden sollte. 
Niccolö's Kunst wurde durch Ärnolfo di Cambio 
nach Rom gebracht. Er ist dort in Diensten Karls 
von Anjou. Am 27. August 1277 erklärt er am 
Brunnen von Perugia nicht arbeiten zu können, 
wenn er nicht die Erlaubnis vom König Karl oder 
dessen Vikar Hugo bekäme, eine Erlaubnis, die Karl 
am lu. September desselben Jahres erteilt. Die Aus- 
gabebücher für den Brunnen sind von 1281 ab er- 
halten, am 4. Februar wird Arnolfo für 24 Arbeits- 
tage bezahlt (AdamoRossi bei Vasari.Sansoni 1,308); 
34 Tage des Jahres sind bis dahin verlaufen, ziehen 
wir die fünf Sonntage ab, sowie die in diesen Zeit- 
raum fallenden, überall gefeierten Feste: Circumcisio, 




111 

1. Januar; Epiphanias, 6. Januar; Conversio S. Pauli, 
25. Januar — Purificatio fiel in diesem Jahre auf 
einen Sonntag — noch Antonius Abb;is, 17. Januar, 
den wenigstens in Siena die Scarpelliui feierten 
(Milanesi. Doc. Sen. I, 113), so bleiben die 24 bisher 
verflossenen Arbeitstage des Jahres, welche, da am 

3. Februar als dem Nachtage eines Sonn- und Feier- 
tages zugleich gewiss nicht gearbeitet wurde, am 

4. bezahlt werden. Arnolfo war also vom Beginne 
des Jahres 1281 an in Perugia beschäftigt, und da 
es nicht üblich war, mit Jahresanfang die Arbeit 
zu beginnen, sondern im Herbste oder Frühjahr, so 
deutet das auf eine fortlaufende längere Beschäfti- 
gung, wahrscheinlich vom 
Herbste 1277 an. Von Pe- 
rugia geht Arnolfo wieder 
nach Rom zurück. 

Arnolfos Ruhm knüpft 
sich an S. Maria del Fiore, 
eine Kirche, die nach einem 
fremden Plane aufgelmut 
wurde, während der seinige 
in Vergessenheit geraten war, 
und an S. Croce, die ihm 
Vasari nach seinem Gut- 
dünken ohne Gründe zu- 
teilte; seine bezeichneten Ar- 
beiten als Bildhauer aber, 
die uns noch vor Augen 
liegen, werden wenig beach- 
tet. Es sind zunächst das 
Grabmal des Kardinals Guil- 
laume de Bray in S. Dome- 
iiico zu Orvieto, nach April 
1282 entstanden. Cicognara 
giebt fälschlich 1280 als To- 
desjahr des Kardinals, worin ihm Schnaase und der 
Cicerone folgen. Er war jedoch bei der Wahl Martin IV. 
1281 noch anwesend und starb erst am 27. April 1282, 
wie seine Grabschrift beweist. Ich lasse sie in diplo- 
matisch getreuer Abschrift folgen, da sie nirgends 
fehlerlos gedruckt ist: 

sit chr(isto) gi-at(us) hie guillelm(us) tumulat(iis) 
de braio nat(us) marci titulo decoratiis 
sit per te marce celi guillelm(us) in arce 
quaeso no(n) parce d(ominu)s o(inn)ipote(n)s sibi parce 
fra(n)cia pla(n)ge vir(u)m mors istiu(s) t(ibi) miru(iu) 
defectu(m) pariet q(ui)a vix similis sibi fiet 
defleat bunc mathesis lex et de dec(re)ta poesis 
nee uou sinderesis heu m(ihi) q(uam) themesis 
bis sexeentenus binus bis b(i)s(que) viceu(us) 
ann(us) era(t) ch(i'isti) (qu)a(n)do mors aituit isti 
obiit tereio k(a)l(endas) maü 
hoc opus fccit aruolfus. 



Marmorstatue des h. Petrus m deu Urotten. 



11-2 



DIE BRONZENE APOSTELSTATUE IN DER PETERSKIRCHE. 



Aruolfbs niichstes bezeichnetes Werk ist das 
Tabernakel von S. Cecilia iu Trastevere von 1283. 
Die Inschrift ,hoc opus fecit Arnolfus anno Domini 
1283" ist uns durch Pompeo Ugonio überliefert 
(Stat. di Rom. 131). Plattner in der Beschreibung 
der Stadt Rom (II 3, 641) .setzt Zweifel in die Echt- 
lieit dieser Inschrift und Schnaase (VIII, 301), Crowe 
und Cavalcaselle (1, 117) sowie der Cicerone (5. Aufl. 
322), der dieses Tabernakel nur unter die von Arnolfo 
beeinflussten Werke aufnimmt, sind ihm darin ge- 
folgt, einzig deshalb, weil die Inschrift heute nicht 
mehr aufzufinden ist. Sie haben übersehen, dass 
Ugonio den Ort, wo die 
Inschrift angebracht war, 
genau angiebt, am Piedestal 
des Altars an der Stirn- 
seite (a piedi dell' altare 
nella faccia verso la chiesa). 
Aber gei-ade dieser Teil 
wurde in den ersten Jahren 
des 17. Jahrhunderts vom 
Kardinal Emilio Sfondrato 
vollständig umgebaut, wo- 
bei die Inschrift verloren 
ging. Man müsste Ugonio 
er.st nachweisen, dass er 
ein Inschriftenfälscher war. 
wenn man diese Inschrift 
bezweifeln wollte, er hat 
aber niemals Anlass zu die- 
sem Verdachte gegeben. 

Arnolfos drittes Werk 
mit Künstlerinschrift und 
Datum ist das Tabernakel 
in S. Paolo fuori. Ich 
gebe Jiuch hier die Inschrift 
genau, weil sich sowohl 
bei Gregorovius (Gesch. d. St. Rom V, 623) sowie 
bei Crowe und Cavalcaselle (1, 1171 Lesefehler finden: 
+ HOC 0PVS;FEC1T ARNOLFVS - CVM SVO 
SOCIO PETRO + ANNO MILLKNO CENTV 
BIS ET OCTVAGENO QVINTO SVMME DS QD 
HIC ABBAS BARTHOLOMEVS FECIT OP' FIERI 
SIB1,TV DIGNARE MERERI. Die Auflösung von 
DS QD in „deus quod" kann nicht fraglich sein. 
Gregorovius' Lösung „deus tibi" ist vollständig un- 
gerechtfertigt. Crowe und Cavalcaselle (I, 117) haben 
unrecht, von einer Zerschmetterung des Tabernakels 
während des Brandes im Jahre 1823 zu sprechen. 
Es war unverletzt geblieben und wurde beim Umbau 
der Kirciie, um Beschädigung zu verhüten, zerlegt 




— Reumontsah es so noch 1837 (Kunstblatt 1842, 79) 

— und nach dessen Vollendung wieder zusammen- 
gefügt und aufgestellt. 

Was Arnolfo vor seinem Eintritt in Rom an 
Werken der Skulptur gesehen hatte, das waren die 
Arbeiten seines Meisters und seiner Mitschüler und 
jene wenigen Antiken, die sich in Mittelitalien fanden. 
Welchen Eindruck musste nun die Fülle der 
antiken Plastik in Rom auf einen empfänglichen, 
für ihr Verständnis vorgebildeten Künstler machen! 
Marc Aurel auf seinem Bronzerosse, die Sarkophage 
in den Kirchen geborgen, die Reliefs und Statuen auf 
Triumphbogen und Säulen, 
und was sonst noch mit 
Gebäuden verbunden oder 
zerstreut vorhanden war! 
Arnolfo verspürt die 
Wirkung. Am Grabmal in 
Orvieto bildet er die ho- 
heitsvolle Gestalt der Jung- 
frau mit ihrem Diadem, an- 
tikisirendem Gewände und 
Mantel einer in Gestalt der 
Juno thronenden Kaiserin 
nach (Abbildungen bei Per- 
kins, Tuse. sculpt. I tav. V. 
darnach Lübke. Plast. 2. 
Aufl. 495; Photographie 
von Armonini in Orvieto), 
und benützt am Tabernakel 
von Sa. Cecilia für das Fi- 
gürchen des Valerius die 
Statue eines Gefangeneu 
auf dem Konstantinsbogen. 
Dessen Bruder Tiburtius 
reitet als eine zierliche 
Kopie des Mark Aurel auf 
seinem weissen Marmor])ferdchen aus der Ecke des 
Tabernakels. 

Nicht minder stark klassizireu die Eckfiguren 
am Tabernakel von S. Paolo fuori: der Lukas, eine 
herrliche römische Jünglingsfigur, in die Toga ge- 
hüllt, unter welcher die Formen des kräftigen Körpers 
sichtbar Averden. Wenn man ihn ohne seinen 
modernisirenden Kopf fände, würde er schwer von 
einer Antike zu unterscheiden sein. 

Auch Petx-us und Paulus daselbst verleugnen 
antike Vorbilder nicht. Dabei sind diese Nachbil- 
dungen nicht kalt, wie noch .so oft bei Niccolö 
Pisano, sie zeigen bei gewaltiger Bewegung eine 
ergreifende Innerlichkeit, die sie in mancher Hinsicht 



Marmorstatue Karls von Anjou, 



DIE BRONZENE APOSTELSTATUE IN DER PETERSKIRGHE. 



Miclielangelo verwandt erscheinen lassen. Ja, dessen 
Propheten und Sibyllen haben in Arnolfos Evan- 
gelisten am Tabei-nakel von S. Cecilia ihre Vorbilder. 
Wie sich diese in der Lektüre unterbrechen, um auf 
die inspirirendeu Reden der apokalyptischen Tiere zu 
lauschen, da ist der Ton zum ersten Male ange- 
schlagen, der in der Sistina wiederkliugt. 

An Arnolfos Werken erinnert auch manches 
einzelne von Eigentümlichkeiten des Bronzepetrus: 
an dem Könige und Propheten an der Vorderseite 
des Tabernakels von S. Cecilia dieselbe Form der 
Stutzärmel, wiederkehrend am Petrus des Tabernakels 
von S. Paolo; am Lukas in S. Cecilia die Art, wie 
die Linke aus dem Mantel hervorkommt; am Petrus 
in S. Paolo fuori die identische Form der Schlüssel. 
Man sehe sich einmal dort den heiligen Benedikt 
an, wie am linken Arme die Falten gebildet sind, 
um sogleich an dieselbe Form oder Missform am 
Bronzepetrus erinnert zu werden. 

Aber all das ist geringfügig gegenüber dem 
gleichen Verhältnisse zur Antike als bewundertem 
Muster, dessen Nachbildung durch das Hervorbrechen 
tiefster religiöser Erregung aufhört Nachahmung zu 
sein, sondern ein eigenartiges Kunstwerk wird. Die 
Jungfrau in Orvieto ist ein weibliches Gegenstück 
des Bronzepetrus, Fleisch von seinem Fleische, 
Geist von seinem Geiste. 

An jenen Arbeiten Arnolfos, welche die gleiche 
Hingabe an die Antike zeigen, möchten die kleinen 
Verhältnisse der Figuren auffallen. Es .sind Statuetten, 
nur die Jungfrau am Grabmal des Kardinals Guillaume 
erreicht die halbe Höhe des Petrus. Dennoch steht 
dieser als lebensgrosses Sitzbild jener Zeit in Rom 
nicht allein da. Wir deuten auf die Marmorstatue 
Karls von Anjou im Senatorenpalast (Abb. 3), vor 
der man mit den Namen Arnolfos schwer zurück- 
hält, wenn man auf ihre nahe Verwandtschaft mit 
der Jungfrau in Orvieto blickt und sich erinnert, 
dass Arnolfo in Rom in Karls Diensten stand. Schon 
Gregorovius (V, 634) wies darauf hin, dass eine 
Statue Friedrichs II. eine Art Vorbild abgab. Ich 
glaube, Karl selbst Hess sie aufrichten — dass sie 
dem Könige von den Römern gesetzt sei, wie Grego- 
rovius angiebt (V, 447), ist durch nichts erwiesen — 
nachdem er das Sitzbild Friedrichs im Kastell zu 
Capua gesehen. (Vergleiche über dieses Fabriczy im 
XIV. Bande dieser Zeitschrift 183 ff. Abbildung bei 
Agincourt Sc. Tav. 27,4.) Nicht dass diese ganz 
schematische Nachbildung einer antiken Kaiserstatue 
als Muster hätte dienen können, aber sie gab Anlass 
zu einem ähnlichen Wagnis. 



113 

Die Statue Karls ist viel lebendiger, der Kopf 
voll feiner naturalistischer Details (Abb. 4), ja sie 
übertrifft an Freiheit der Haltung auch den Petrus, 
den ich keineswegs für ein Werk von Arnolfos 
eigener Hand halten möchte, sondern als unter seinem 
persönlichen Einfluss oder vielleicht auch nur unter 
dem übermächtigen seiner Werke entstanden. 

Nach dem Namen des Autors zu fragen, wäre 
müssig. Wir kennen Arnolfos Genossen oder Schüler 
zu wenig, als dass wir sie als Individualitäten fassen 
könnten. Was wissen wir von jenem Petrus, den er 
selbst neben sich am Tabernakel von S. Paolo nennt? 
Und keines jener grossen Werke kann er allein 
ausgeführt haben. Ein Kreis von Männern hat ihn 
umgeben, unter denen sich der Autor unserer Statue 
mag befunden haben. Dass sie Art Arnolfos ist, 
darüber kann kein Zweifel sein. 

Die älteste Nachricht über die Statue findet 
sich in Maffeo Vegios Beschreibung der alten 
Peterskirche, die aus dem letzten Viertel des 15. 
Jahrhunderts stammt. Er berichtet, sie habe im 
alten Oratorium des heiligen Martinus, das rechts 
hinter der Tribüne der Kirche lag, gestanden und 
sei später in die Kapelle der heiligen Processus und 
Martinianus übertragen worden (Maffei Vegü bist, 
bas. ant. ] , 4, AA. SS. Juni Tom. VII.) 

Der Kardinal Richard Olivier, Primicerius der 
Peterskirche unter Calixt III., hatte sie dorthin bringen 
und auf ein er mit seinem Wappen versehenen Marmor- 
basis aufstellen lassen (Sarti a. D. 72; die Basis 
abgeb. tab. XXIV). Aus dieser Zeit rührt auch der 
Marmorstuhl der Statue her, ein charakteristisclies 
Beispiel der schwächlichen Marmordekoration der 
römischen Frührenaissance. Die Veranlassung zur 
Übertragung mag der Neubau der Tribuna unter 
Nikolaus V. gegeben haben. Bernardo di Matteo 
führte die Grundmauer für den neuen Bau bis gegen 
das Markuskloster, das infolgedessen wohl bau- 
fällig geworden war. Es wird seit jener Zeit nicht 
mehr erwähnt. Die Basis mit dem Wappen Oliviers 
wurde erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts von 
Benedikt XIV. durch die heutige ersetzt. 

Mancherlei Konjekturen knüpften sich in der 
Folge an das Bildwerk. Im sogenannten Anonymus 
Einsidlensis finden sich griechische Verse, die als die 
Unterschrift einer Petrusstatue gedeutet wurden. 
Das veranlasste De Magistris im Jahre 1795 dieselbe 
auf die Statue im Vatikan zu beziehen (Acta mart. 
ad Ostia tiberina 350 sqq.) und diese mit einer Basis, 
auf der jene Verse geschrieben standen, stechen zu 
lassen. Das war natürlich blosse Konjektur, die Verse 



I II 



DIE BRONZENE APOSTELSTATUE IN DER PETERSKIRCHE. 



hatten niemals weder auf einer alten oder neuen 
Basis gestanden, was schon Angelo Mai (Script, vet. 
V. 37), neuerdings Kirchhof^ (C. I. G. 1816), Henzen 
(C. I. L. VI p. XV) und de Rossi (I. C. U. R. 11) 
nachgewiesen haben. 

Eine andere Geschichte will, es sei das Erz des 
kapitolinischen Jupiters zu dem Gusse des Petrus 
verwendet worden, und so wenig war man bei ihrer 
Verbreitung um das Alter der Statue bekümmert, 
dass Cacconio den ümguss auf Geheiss des Kardinals 
Olivier, also im 15- Jahrhundert geschehen lässt 
(Vit. pont. ed. Odoinus I, 82). 

Eine dritte Konjektur, 1744 durch Sindone ver- 
treten (Descr. hist. altar. bas. vat. 145), bezog die 
Erwähnung eines Petrusbildes im Briefwechsel Leo II. 
und Leo des Isauriers auf diese Statue. Garucci hat 
diesen Irrtum ebenso fachgemäss wie witzig wider- 
legt. (St. d. a. c. I, 36.) Freunden unfreiwilligen Hu- 
mors empfehle ich die Schrift Domenico Bartolinis 
„Della celebratissima statua di bronzo del principe 
degli Apostoli etc. Roma 1867." Da wird die Statue 
auf Rat des lieiiigen Hijipolyt von Marcia Severa 



Ottacilia, der Gattin des Kaisers Philippus, bestellt, 
veranlasst die Pippinische Schenkung und wird dadurch 
zur „causa ultima immediata" des „dominio tempo- 
rale" etc. Diese Buft'onerien verdienen keine ern.ste 
Widerlegung. 

So grundlos nun alle jene Konjekturen sind, so 
schlagend sie von allen kompetenten Fachmännern 
auf epigraphischem und kirclieugeschichtlichem Ge- 
biete widerlegt sind, so hartnäckig haben sie sich 
in der deutschen kunsthistorischen Fachlitteratur 
erhalten. (Beschr. d. St. Rom II 1. 99. Schnaase 
I, 95, Gregorovius Gesch. d. St. R. II 253.) Ich habe 
diese Stellen hier nur angeführt, damit sie mir nicht 
gegen meine Zuweisung der Statue an das Ende des 
13. -Jahrhunderts möchten entgegengehalten werden. 

Ich weiss nicht, was es dem Ruhme und der Ver- 
ehrung dieser Statue nützen soll, wenn man ihre 
Entstehung in die Sterbetage der antiken Kunst 
setzt. Sie verliert nichts an innerem Werte, wenn 
wir sie als eine edle Botin der grossen neuen italie- 
nischen Kunst begrüssen. 




.'Vbb. 4. Kopf der Marmorstatue Karls vuu Aii.ioii. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



^* j, Iinicrlialb der Pariser Künstlcnteha ft ist ein heftiger 
Streit aus Anlass der Organisation des „Salons" ron ISOO 
ausgebrochen. In einer am 2(j. Dezember abgehaltenen Ver- 
sammhmg der „Gesellschaft der französischen Künstler" 
wurde nämlich trotz eines Protestes von Meissonier mit 408 
gegen 82 Stimmen beschlossen, dass die aus Anlass der 
Weltausstellung erteilten Medaillen und Preise bei den Zu 
lassungen zum jährlichen „Salon" nicht in Betracht kommen 
sollen, weil man dadurch einer Überschwemmung des „Sa- 
lons" mit mittelmässigen Werken, welche nicht mehr die 
Jury zu passiren hätten, vorbeugen will. Die Versammlung 
nahm einen äusserst stürmischen Vei'lauf, und die Folge 
war, dass Meissonier, Roll, Gervex, Dagnan=üouveret, Da- 
lou u. a. aus der Genossenschaft austraten. Nach einer 
Pariser Korresjiondenz der „Vossischen Zeitung" liegt dem 
Vorgange eine Intrigue zu Grunde, über welche der Korre- 
spondent folgende Mitteilungen macht: Die „Gesellschaft 
französischer Künstler", die seit 1881 besteht, wird von einem 
Ring beherrscht, der auf alle Rechte und Thätigkeiten der 
Gesellschaft die Hand gelegt hat. Dieser Ring ernennt die 
Aufnahme- und Preisjury des Salons, er bestimmt über Zu- 
rückweisung oder Aufnahme der Bilder , er teilt diesen 
einen guten oder schlechten Platz zu, er verleiht die Preise 
und Ehrenmedaillen, kurz er hat das Schicksal aller Künst- 
ler in der Gewalt, deren Bedeutung hier nun einmal nach 
ihrem Platz im Salon und nach ihren amtlichen Auszeich- 
nungen gemessen wird. Der Ring begünstigt seine Mitglie- 
der, deren Schützlinge, Freunde und Anhänger und unter- 
drückt schonungslos die Gegner und unabhängigen. Viele 
sonst unbegreifliche Preiszuerkennungen werden erst ver- 
ständlich, wenn man weiss, dass der Begünstigte ein Schüler 
dieses oder ein Freund jenes Ringmitgliedes ist. Der Ring 
suchte sich natürlich auch in der Weltausstellungsjury des 
vorwiegenden Einflusses zu bemächtigen, doch scheiterte sein 
Bemühen an dem hartnäckigen Widerstände des Herrn An- 
toniu Proust, der als Anhänger des Naturalismus ein ge- 
schworener Feind des Salonringes ist, in welchem die Blech- 
und Pappmaler der „Kunstschule" (Ecole des Beaux-Arts) 
und der Akademie der schönen Künste vorherrschen. In 
seiner Jury, die Herr Proust ziemlich nach seinem Gut- 
dünken ernennen konnte, sollten einmal die Kunstanschau- 
ungen der modernen Meister zur Geltung kommen. Der Ring 
unterwarf sich, weil er nicht anders konnte, aber jetzt rächt 
er sich an Herrn Proust, au der Regierung und an der Aus- 
stellungsjury , die bei der Preisverteilung mit der fürch- 
terlichsten Ketzerei vorgegangen war. Sie warf die künstliche 
Rangordnung, welche der Salonring in jahrelangem Walten 
aufgestellt hatte, schonungslos über den Haufen. Die gi-ossen 
Männer des Salons wurden auf der Weltausteilung wie kleine 
Jungen behandelt, misshandelte, unterdrückte Talente dagegen 
wurden hier ins volle Licht des Ruhmes gestellt. Mit 



Grauen sah der Ring, dass man seinen Grosspreisen, Ehren- 
Medaillen und Medaillen erster Klasse auf der Ausstellung 
Medaillen dritter Klasse, ja das schnöde Almosen einer „ehren- 
den Erwähnung" zu reichen wagte, wä.hrend Künstler, deren 
Werke man im Salon nur mit Ach und Krach überhaupt zn- 
lässt, Preise erster Klasse erhielten.' Gegen die Urteile der 
Jui7 richtet sich thatsächlich der Beschluss der „Gesellschaft 
französischer Künstler", die Preise der Ausstellung nicht in 
Betracht zu ziehen. Dazu kommt noch eins. An der Spitze 
des Ringes steht Bourjuereau. Bouguereau erwartete, zum 
Kommandeur der Ehrenlegion befördert zu werden. Er l)e- 
kam aber nichts, während Meissonier das Grosskreuz erhielt. 
Daher nun die Wut Bouguereaus und des Ringes. Eine 
Deputation der ausgeschiedenen Künstler begab sich am 
27. Dez. zu dem Ministerpräsidenten Tirard, welcher die Er- 
klärung abgab, dass er in dem Beschlüsse der Versammlung 
eine Beleidigung der ausländischen Aussteller sähe. Wenn 
der Zwist nicht beigelegt wird , will jede Partei ihren 
eigenen „Salon" veranstalten. — Kaclischrift. Als diese 
Zeilen bereits gesetzt waren, kam von Paris die Nachricht, 
dass die Majorität sich unterworfen hat. Bouguereau tritt 
vom Vorsitze der Gesellschaft der Künstler zurück, und die 
Ausstellungspreise werden im Kataloge des „Salons' aufge- 
führt. Dagegen ist das Zugeständnis gemacht worden, dass 
die bisher üblich geweseneu Befreiungen von der Annahme- 
prüfung abgeschaä't werden. 

= tt. Slrasshnry. Bei dem Wettbewerbe zur Erlangung 
des Bauplanes für die hiesige evangelische Garnisonkirche 
wurde vom Pi-eisgerichte in Berlin der erste Preis nicht er- 
teilt, aber zwei zweite Preise von je 5000 M. verliehen, und 
zwar dem Architekten Klingenberc/ in Oldenburg und dem 
Regierungsbaumeister Louis Malier in Frankfurt a. M. 

— X. //( Köln soll ein Kaiser Wilhelms-Dcnkmal in Ge- 
stalt eines Reiterstandbildes oder Laufbrunnens errichtet 
werden. Der Ausschuss für das Denkmal unter Vorsitz des 
Oberbürgermeisters der Stadt Köln schreibt einen Wettbe- 
werb aus, der sich an alle Künstler, welche deutsche Reichs- 
angehörige sind, wendet. Die Ausführung des Entwurfs soll 
für 300 000 M. ausschliesslich der Fundamentirung und allen- 
fallsigen Wasserleitung zu bewerkstelligen sein. Künstler, 
welche sich zu beteiligen gesonnen sind, haben die in einem 
Fünfzehntel der natürlichen Grösse ausgeführten Modelle mit 
einem Kennwort versehen, anonym bis zum 1. Juni 1890 an 
das Museum Wallraf-Richartx in Köln einzusenden. Name 
und Wohnort sind in einem verschlossenen Briefumschlag, 
der aussen das betreffende Kennwort trägt, anzugeben. Für 
die fünf besten Entwürfe werden Preise von 0000 M., 4000 M. 
und drei zu je 2000 M. ausgesetzt. Das Preisrichteramt ver- 
sehen Professor Alh. Baur va Düsseldorf. Professor A. Doim- 
dorf in Stuttgart, Geheimrat Professor E)ide in Berlin. Bau- 
rat Pßaumc in Köln und Professor Alb. Wolf}' in Berlin. 



Uli 



KLEJNE MITTEILUNGEN. 



^*, /'/'(' Liil/rn'c ■.lim Zirerhr der Xirilrrlcffiin;/ der 
Scillossfm'lieil in Berlin hat die Getu'hmiffunf^ des Kaisers 
orlialton. Die Gnuidstiicke sind dem Lotteriekoiuitee über- 
jielieii worden. — In Reziig auf das Nathnnhkiikmnl für 
Kaiser Wilhelm /., welches mit jener Angelegenheit in A'^er- 
liindung gebracht wird, verlautet, dass demnächst eine neue 
Konkurrenz ausgeschrieben werden wird, vermutlich auf 
Orund einer engeren Auswahl von Plätzen. 

= tt. Frcnihfiirt a. M. Das Preisgericht zur Beurtei- 
lung der von hiesigen Künstlern eingegangenen Entwürfe 
und Modelle eines auf dem Platze vor dem Zoologischen 
Garten zur Erinnerung an das erste und neunte deutsche 
Bundes- und Jubiläumsschiessen zu emchtenden monumen- 
talen Brunnen.s hat den ersten Preis dem Lehrer an der 
hiesigen Kunstgewerlieschule, Morilx Seid!, und den zweiten 
Preis dem hier thätigen Bildhauer Rudolf Eckhardt zuer- 
kannt. Da die beiden preisgelfrönten Arbeiten in ihrer jetzi- 
gen Fonu für die Ausführung nicht geeignet erscheinen, 
wird zwischen den .'Siegern ein neuer Wettstreit veranstaltet. 
=tt. Kühl. In der Wettbewerbung um den monumen- 
talen Laufbninnen, welcher auf ur^serm Weidmarkte errichtet 
werden soll, ist der erste Preis dem im romanischen Stil 
durchgeführten Modelle des hiesigen Bildhauers Alhcrmaim. 
der zweite Preis dem in Barockformen gehaltenen' Entwürfe 
des Architekten Geii'.mer und des hier thätigen Bildhauers 
Dei/cn zuerkannt woi-den. 

= tt. Landshiit. Auf dem hiesigen Friedhofe wurde 
das Denkmal für Dr. Witt, den hier verstorbenen Gränder 
und ersten Generalpräses des deutschen Cäcilienvereins, ent- 
hüllt. Der Unterbau ist aus Granit, der darüber befindliche 
Aufliau ist aus schwarzem Maimor und das daran in Lebens- 
grösse ausgeführte Porträtbild Witts aus Bronze durch die 
Ferdinand roii Millersche Erzgiesserei in München herge- 
stellt worden. Ein grosses Kreuz aus Carraramannor krönt 
das Monument. 

= tt. Karlsruhe. Professor Ernst Schnrth hat den Auf- 
trag erhalten, den Kaiser Wilhelm IL und die Kaiserin Vik- 
toria Augusta in Pastellmanier für Herrn Krupp in Essen 
zu porträtiren. Durch die Vermittelung des Auftraggebers 
sollen dem Künstler von beiden Majestäten Sitzungen ge- 
währt werden. 

=tt. Braim.'ichweiij. Die restaurirte oder eigentlich durch 
den hiesigen Baurat Winter neu aufgeführte Burg Danl- 
iiarderndc ist jetzt im liohliau vollendet. Wie in alten Zeiten, 
verbindet auch jetzt ein bedeckter Gang die Burg wieder 
mit dem Dome Heinrichs des Löwen. Ini Innern befindet sich 
im oberen Geschosse ein 46 m. langer und 13 m breiter Festsaal ; 
Marmorsäulen stützen hier die Decke, welche in Holz kunst- 
voll geschnitzt wird. Wie das Kaiserhaus in Goslar, so 
wird nach ihrer" Fertigstellung auch die Burg Dankwarde- 
rode eine Anziehungskraft für alle Kunstfreunde bilden. 

,*» Der Professor an der technischen Hochschule und 
Lehrer am Kunstgewcrbeimiscum xu Berlin, Carl Elis, ist 
am 25. Dezember gestorben. Einem Nachrufe, welchen ihm 
das Lehrerkollegium der ersteren gewidmet, entnehmen wir, 
dass Elis am 3. August 1838 in Halberstadt geboren war. 
Die Eindrücke, welche die mittelalterliehen Bauwerke dieser 
Stadt auf das empfängliche Gemüt ausübten, bestimmten 
ihn, sich dorn Studium der Architektur zu widmen. Er be- 



suchte die frühere Königliche Bauakademie zu Berlin, legte 
18(i2 die Bauführerprüfung ab und wurde auf Stülers und 
V. Quasts Veranlassung mit Restaurationsarbeiten der Kirchen 
in Arnsberg und Soest betraut. 186t) begab er sich zur Voll- 
endung seines Studiums nach Berlin, wo ihm für den Ent- 
wurf zu einem Parlamentshause seitens des Architektenver- 
eins die Schinkelmedaille zuerkannt wurde. Nach einigen 
Jahren begann er seine Lehi'thätigkeit zunächst als Assistent 
an dem früheren Gewerbeinstitut, an dem Gewerbemuseum 
und an der Kunstschule. 1873 wurde ihm der Unterricht 
über mittelalterliche Formenlehre an der früheren Bauaka- 
demie übertragen, den er bis jetzt noch an der Technischen 
Hochschule erteilt hat. 1877 legte er die Staatsprüfung als 
Baumeister ab. 1884 wurde ihm das Prädikat Professor ver- 
liehen. Die Restauration der Liebfrauenkirche in Burg, von 
ihm entworfen und ausgeführt, die Entwürfe zu den neuen 
Glasfenstem der Nikolaikirohe in Berlin und für drei Fen- 
ster des Domes in Halberstadt, künstlerisch ausgeführte 
Adressen, Diplome etc. gaben ihm Gelegenheit, nicht nur 
seine Kenntnis der mittelalterlichen Formen und vor allem 
der Technik zu verwerten, sondern auch sein schöpferisches 
Talent zu entfalten. Auf litterarischem Gebiete ist u. a. 
seine Monographie des Domes zu Halberstadt zu erwähnen 

.j,*„ Der ent/lische Landschaftsmaler William Wijld. 
welcher seit 1833 in Paris lebte, ist daselbst am 25. Dezem- 
ber, 83 Jahre alt, gestorben. 

^*^ Der Landschaftsmaler Ttoliert Kummer ist am 
29. Dezember zu Dresden im 80. Lebensjahre gestorben. 

^*^ Der Porträtmaler Albert Graefle, ein Schüler Winter- 
halters, ist am 28. Dezember zu München im 81 . Lebens- 
jahre gestoi'ben. 

^*^ Der franxiisische Historien- und Genremcder Jules 
Garnier, ein Schüler von Geröme, ist am 25. Dezember zu 
Paris im 43. Lebensjahre gestorben. 

Dem Direldor an den hjl. Museen in Berlin, Dr. 
Wilhelm Bode, ist der Charakter als Geheimer Regierungs- 
rat verliehen worden. 

J^'^, Der Kupferstecher .Juh. Eisscuhardt in Fraidvfurt 
a. M. hat den Professortitel erhalten. 

— y. über das Kloster Dajiliiii ■.irischen Athen, und 
Eleusis ist soeben eine Monographie in neugriechischer 
Sprache von Georg Lampakis {F. AafniäxK;, Ä'^iatiavixri 
\i^XaioXo-i'lii xfjq Movijg Jaifviov, Athen, Papageorgios. 188!). 
8. 144 S.) erschienen. Die mit einer Grundrisstafel der 
Kirche und zahlreichen Textabbildungen ausgestattete Schrift 
enthält in sorgfilltiger Zusammenstellung die Litteratur über 
Daphni sowie die Schicksale des Klosters bis in die neueste 
Zeit, eine eingehende Beschreibung des vom Verfasser in das 
10. Jahrhundert gesetzten Baues mit den daselbst befind- 
lichen Inschriften und Malereien und schliesslich eine aus- 
führliche Darlegung über die berühmten Mosaiken, deren 
Restaurirung nebenbei, wie kürzlich verlautete, von der 
griechischen Regierung in Angiifi' genommen ist Das Buch 
ist ein Vorläufer einer umfassenden Arbeit über die in 
Attika erhaltenen Reste des christlichen Altertums, über die 
es eine Übersicht vorausschickt, und ein willkommenes Zei- 
chen dafür, dass man in Griechenland nunmehr auch den 
Denkmälern der christlichen Epoche, an denen das Land so 
reich ist. erhöhte Aufmerksamkeit zuwendet. 



Herausgeber: Carl von Liitiow in Wien. 



- Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers E. A. Seemann. 
Druck von August Pries. 










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Fig^ 1. 



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NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



MIT ABBILDUNGEN. 



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S ist wieder und ausschliesslich 
die athenische Akropolis, deren 
Ausgrabungen einige Kunstwerke 
der älteren Zeit l)is zu den Perser- 
kriegen ergeben haben, welche 
für die Entwickelung der Kunst 
von allgemeinerer Bedeutung sind und daher hier 
besprochen zu werden verdienen. Allen voran 
stehen die Skulpturen aus heimischem Porosgestein 
(Piräuskalk), welche etwa nach 600 v. Chr. (Ol. 45) 
gemacht sein mögen und den Übergang bilden von 
der alten, langgeübten Holzschnitzkunst zu der von 
den Marmorinseln des Archipelagos eingeführten und 
bald allein gebräuchlichen Marmorplastik. Das best- 
erhaltene Stück ist ein 5,809 langes und 0,79 hohes 
Giebelfeld, welches unter Fig. 1 in Abbildung 
mitgeteilt wird; zusammen mit den wenigen Resten 
eines zweiten Giebelreliefs, das den Kampf des He- 
rakles mit dem Triton darstellte, schmückte es ein 
kleines, uns völlig unbekanntes Heiligtum auf der 
Burg, das von den Barbaren zerstört wurde und 
nicht wieder aufgebaut worden ist. 2) Trotz der hier 
und da vorhandenen Lücken ist die Darstellung 



1) Vergl. Zeitschrift XXIV, S. fSl ö: — Wir veröflent- 
liehen mit dem obigen gehaltvollen Bei'ichte die let^.te der 
lehrreichen Arbeiten, welche der verewigte Verfasser, ein 
langjähriger treuer Freund und Mitarbeiter dieser Zeitschrift, 
um wenige Monate vor seinem Tode beigesteuert hat. 

A. d. Red. 

2) Vgl. Purgold, Ephem. archaiol. 1884, Taf. 7, S. 242 fi'. ; 
1885, S. 147; P. J. Meier, Athen. Arch. Mitteil., X, S. 237 ff. 
mit Abbildung und S. 322 ff.; Studniczka ebend. XI, Taf. II, 
1, S. 61 ff'. ; Brunn, Denkmäler griech -i'öm. Skulptur, Nr. Iti. 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F I. 



leicht erkenntlich: Herakles, noch ohne Löwenfell, 
schwingt die Keule gegen die acht- oder neun- 
köpfige Hydra, deren Schlangenleib in mächtigen 
Windungen den rechten Teil des Giebels ausfüllt; 
hinter Herakles steht ein Zweigespann, dessen Zügel 
der treue lolaos hält, der mit dem linken Fuss auf 
den Wagenkasten tritt und zum kämpfenden Helden 
zurückblickt. Die Rosse senken die Köpfe und be- 
schnuppern den gewaltigen, die rechte Giebelecke 
füllenden Tascheukrebs , welcher der Hydra helfend 
naht. Die Anordnung zeugt von Geschick, die Ar- 
beit von völliger Beherrschung des damaligen Kunst- 
vermögens; einige Härten sind durch das bröckelige 
Material veranlasst. Eigenartig ist die Bemalung 
gewesen, welche von dem natürlichen hellbräunlichen 
Hintergrund das Relief bunt und zwar sehr natura- 
listisch gefärbt sich abheben Hess, — ein vereinzeltes 
Verfahren, welches sich zur Genüge wie durch die 
Kleinheit des Tempels so vor allem durch das hohe 
Alter der Skulptur erklärt; diesen beiden Umständen 
ist auch das Relief als Schmuck im Tympanou zu- 
zuschreiben. Die nackten Teile der beiden Helden 
sind fleischfarben bemalt, „während Teile, die schon 
in der Natur eine dem Ton des Steines ähnliche 
Färbung haben, wie der Panzer und die Keule des 
Herakles, das Gewand des lolaos, der Wagen 
grösstenteils und das hintere Pferd unbemalt blieben." 
Schwarz sind Haar, Bart, Augen des lolaos, Bart 
des Herakles, die vertieft gemeisselten Zungen und 
teilweise die Windungen der Hydra; rot sind Zügel 
und Wagenraud, das Köcher- oder Schwertband des 
Herakles, die Mäuler der Schlangenköpfe; Hellgrün 

lö 



HS 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



ist bei den Kopien unil lüilxeii des Untiers zur Ver- 
wendung gekommen. 

l^ie Zeit der Feisistrateischen Herrscliaft stellt 
[w E s T E n] 




■W Dorpf.M Itc: 

DER ALTE AT H E N A - T E M P E L 
AUF DER AKROPOLIS. 

Kig. a. 

sich für das attische Geistesleben mehr und mehr 
als grundlegend und massgebend heraus. Dank der 
Kuustliebe und Kunstpflege des Tyrannen wurden 
damals alle die Keime gepHanzt, deren Blüten im 



Perikleischen Zeitalter aufgingen und die Höhe alt- 
hellenischer Kultur bezeichnen. Zu den bedeutend- 
sten Werken des Peisistratos gehörte der Bau und 
künstlerische Ausschmuck des grossen 
>i Athenatempels auf der Burg, dessen 

Reste zwischen dem ihn später er- 
setzenden Parthenon und dem Erech- 
theion so vollständig wiedergefunden 
sind, dass eine genaue Herstellung 
keine grosse Schwierigkeit bietet 
(Fig. 2). ') Das Heiligtum, das 24,34 
breit imd 43,44 lang war, bestand 
im wesentlichen aus Kalkstein von 
verschiedener Härte und Güte: nur 
das Giebelgeison, die Dachziegeln, die 
Metopen und die Giebelskulptureu 
waren aus weissem Marmor. Die um- 
laufende Säulenhalle wurde von zwei- 
mal sechs und zweimal zwölf Säulen 
gebildet; Kapitelle, Sänlentrommeln 
und mancherlei andere Bauglieder des 
Tempels haben sich noch vorgefunden. 
Die beiden Vorhallen sind in der 
Wiederherstellung als templum in 
antis gegeben, können aber auch je 
durch vier Säulen gebildet gewesen 
sein, — dies sowie die Zahl der 
Innensäulen der Cella ist mit Sicher- 
heit nicht mehr anzugeben; sonst 
unterliegen Grundriss und Auflsau 
keinem Zweifel. Auffällig ist die 
Grösse des Hinterhauses mit seinen 
o drei Räumen im Verhältnis zur Cella 
üj des Götterbildes und ferner die Ver- 
^ schiedenheit der äusseren (Säulenhalle) 
^ und der inneren (Tempel) Fundamente 
iJ nacli Struktur und Material. Jenes 
j wird sich durch die von Peisistratos 
vergrösserte Feier der Panatheuäen 
und durch die dazu notwendig ge- 
wordene Vermehrung der Prozessions- 
geräte zur Genüge erklären. Den 
letzteren Umstand deutet Dörpfeld, 
dessen Kennerschaft in griechischer 
Architektur wohl kaum einen Wider- 
spruch erlaubt, dahin, dass „der 
eigentliche Naos älter ist und dass 



1) Vgl Antike Denkmäler I, 1 und 2; Dörpfeld, Atlien. 
Arch. Mitteil., X, S. 275 ff.; XI, Beilage A, S. 337 ff.; XII, 
S. 25 ff. und 120 ff'.; Petersen, ebend. XII, .S. ü2 ff.; Wernicke, 
abend. XII, S. 184 ft'. 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



119 



die äussere Säulenhalle erst später hinzugefügt 
wurde." Vielleicht dass der Tyrann, als er das 
erste Mal herrschte (560,554), zunächst nur ein 
Teraplum in antis geplant und gebaut hat, die 
Säulenhalle dagegen nebst dem Giebelschmuck 
erst während der dritten Herrschaft (537/527) 
hinzufügte? Die spärlichen Trümmer dieses mar- 
mornen Giebelschmuckes, grösstenteils erst bei den 
letzten Ausgrabungen zu Tage gekommen, hat mit 
Erfolg Studniczka zusammengesucht und als eine 
Darstellung der Gigantomachie erkannt; von der 
wohl die Mitte des Kampfes und des Giebelfeldes 



einnehmenden Athene, zugleich der besterhaltenen 
Figur, besasseu wir den Kopf schon seit 1863: der- 
selbe gehört zu dem Schönsten und Wichtigsten, 
was uns von der attischen Marniorplastik des 
sechsten Jahrhunderts übrig geblieben (vgl. Fig. 3 
und 3 a). ') Die Göttin schwang in der Rechten den 
Speer, während sie die mit der Agis beschildete 
Linke ausstreckte und in der linken Hand dem vor 



1) Vgl. Zum Kopf ausser den ersten Erwähnungen Bull, 
deirinst. 18U4, S. 8.5 und Arch. Anz. 1804, 8. 234 a, Philios, 
Ephem. arcliaiol. 1883, IV, S. 93 fl'.; Lucy Mitchell, Hist. of 
anc. sc, zu S. 214; Baumeistei-, Denkmäler, I, Nr. 3.54 ; 8yljel. 
Athen. Skulpt., Nr. 5004; Friederichs-Wolters, Ahg. Nr. 10(i; 
u. a. m. Zu den Giebelresten: Studniczka. Athen. Arch. Mit- 
teil. XI, S. 185 ff. nebst Beilage. 



ihr niedersinkenden Giganten entweder die Lanze 
entri.ss oder den Helm am Busch packte (linke Hand 
noch erhalten). Die Marmorarbeit, welche in der 
Saftigkeit und Weiche der Oberfläche ganz vortreff- 
lich ist und in der Ausarbeitung des Schlangensaums 
der Ägis grosse Fertigkeit beweist, nimmt auf den 
hohen dekorativen Platz der Darstelhmg gebührend 
Rücksicht, indem sie sich nicht allzuviel auf Details 
einlässt. Wundervoll sind die strotzende Gesund- 
heit und die sinnliche Frische, die aus dem Antlitz 
entgegenstrahlen, und bei dieser wohlthuenden Derb- 
heit doch eine Anmut im Munde und eine Freude 





Fig. 3. 

an Putz, wie sie der jungfräulichen Göttin zukommen! 
Bemalung^) unterstützte den gesunden kräftigen 
Ausdruck: das Haar und die langen Locken waren 
rot; die grossen Schuppen der Agis und ihre 
Schlangen sind abwechselnd mit Rot und mit Blau 
(oder Grün?) bemalt; der Helm blau und am Rande 
mit bronzenen Knöpfen besetzt; um den Hals lag 
ein gemaltes, vielleicht noch ein zweites metallenes 
Halsband; in den Ohren steckt je ein dicker Kopf, 
dessen Mitte ursprünglich auch eine Bronzeverzie- 
rung einnahm. Der fehlende Helmbusch war aus 



2) Nach einer grossen Photographie zu urteilen, die ich 
mir Frühjahr 1809 in Atlien kaufte, waren auch die Aug- 
äpfel gemalt, wie das wohlerhalteue rechte Auge zeigt. 

16* ■ 



12ü 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



Marmor eingesetzt. Wer der Künstler gewesen, der 
diese Athene scliuf, wissen wir nicht. Als die Perser 
zusammeu mit den übrigen Gebäuden und Kunst- 
werken auf der Akropolis auch den Atheuatempel 
des Peisistratos und die Gigantoiuacliie in seinem 
Giebel zerstörten, lebte allein der Kopf der Stadt- 
göttin, in der That ein würdiger „Vorläufer der 
Parthenos", auf den schönen Silberraünzeu, die aus 
der TvrauiuMi/.eit iu Uuihuif blieben, noch weiter, — 



Zuerst eine 0,37 m hohe Bronzestatuette, welche der 
ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts angehört (vgl. 
Fig. 4). ') Sie i.st vor allen Dingen wichtig wegen 
der Technik, indem die ä jour gearbeitete Figur aus 
zwei dünnen, herausgehämmerten Platten besteht, die 
dann durch Stifte zu einer flachen Gestalt zusammen- 
gefügt sind. Dies Zusammennieten statt des später 
allein gebräuchlichen Zusammenlötens weist trotz 
der vorgeschrittenen Ai-beit auf eine frühe Zeit des 









Fig. 4a. 



Fig. 6. 



Fig. 4b. 



alles übrige wurde von Kimou und Perikles zur Ver- 
grö.sseruug und Planirung des Burgfelsens einge- 
.stampft, um zwischen demErechtheion, das bei seinem 
erweiterten Neubau zum Teil auf den Fundamenten 
des alten Athenatempels errichtet wurde, und dem 
hart an den Südrand verlegten neuen Athenatempel 
(Parthenon) einen geräumigen Platz und Prozessions- 
weg zu gewinnen. 

Gleichfiills den neuesten Au.sgrabungen auf der 
Burg verdanken wir zwei kleinere Darstellungen der 
Athene, w'elche besondere Erwähnung verdienen. 



Entstehens, d. h. wohl eher auf den Anfang als gegen 
die Mitte des sechsten Jahrhunderts hin; daraus er- 
klärt sich auch am besten und einfachsten die grosse 
Verschiedenheit des Gesichtsausdruckes auf beiden 
Seiten. Ursprünglich war dies „Ergon sphyrelaton" 
ganz vergoldet, hat aber durch das Feuer der persi- 
schen Zerstörung mannigfach gelitten. In der Rech- 
ten hielt die Göttin einst eine besonders gearbeitete 



1) Vgl. Stais, Ephem. Archaiol. 1887, Taf. 4, S. 31 ft'.; 
Reinach, Gaz. des beaus-arts II. Per. 37, S. 63; Athen. Arch. 
Mitteil. XI, S. 453. 



NEUE ANTIKE KÜNSTWERKE. 



121 



Schale, in der abgebrochenen anderen Hand Jen 
Helm (sie), dessen Buschende noch erhalten ist. Ver- 
wandte Darstellungen der Athene kommen später 
öfter vor; man vgl. z. B. die korinthische und die 
kapitolinische Brunnenmündung. Aus der Mitte de.s 
fünften Jahrhunderts dagegen stammt die zweite 
Athenafigur, die unter Fig. 5 mitgeteilt wird und 
sich auf einem Marmorrelief von 0,53 m Höhe 
und 0,33 m Breite gemeisselt findet. 2) Athene, in 
langem, geschlitztem Chiton mit gegürtetem Über- 
wurf, auf dem Kopfe 
den hohen korinthi- 
schen Helm, steht mit 
dem Haupte gegen 
die Lanze, welche sie 
mit der Linken in 
Stirnhöhe gefasst hält, 
vornüber gelehnt da 
und hat die rechte 
Hand an die rechte 
Hüfte gelegt; das 
linke Spielbein ist zu- 
rückgesetzt; vor ihr 
steht eine Stele. Die 
strenge Einfachheit 
der Kleidung und 
der Gewaudfalteu, die 
grosse Schlichtheit 
der Stellung, der wehmütige Ernst des Gesichtsaus- 
druckes — alles im Stil der Zeit bedingt — ver- 




Fig. 5 



wahrscheinlicher dünken, dass die auf einem zwei- 
ten Block befindliche Schar der kleiner gebildeten, 
anbetenden Menschen, auf welche die Göttin herab- 
blickt, jetzt fehlt — oder vielmehr: die Athene des 
neugefundenen Reliefs ist aus einer solchen Adora- 
tionsvorlage allein herausgegriffen und zur Dar- 
stellung verwendet werden. Vgl. dazu z. B. Le Bas 
Vog. archeol. Mon. Fig. i^l. 46; 47, 2; 50; 51; u. a. m. 
Wichtige Denkmäler zur Kunstentwickelung des 
vierten Jahrhunderts verdanken wir den Ausgra- 
bungen zu Epidauros 
und zu Eleusis. Unter 
der reichen Ausbeute, 
welche die griechische 
archäologischeGesell- 
schaft aus dem hei- 
ligen Bezirk des epi- 
daurischen Asklepi- 
eion ins Centralmu- 
seum von Athen ge- 
bracht hat, verdient 
zunächst und vor 
allem Beachtung die 
Statue der bewaffne- 
ten Aphrodite (Fig. 
6). ') Die im ganzen 
wohlerhaltene Figur 
— es fehlen mir die 
Nase, der rechte Unterarm und die beiden Füsse 
— steht anmutig-leicht auf dem i-echtem Bein da. 




einigen sich zu einer stimmungsvollen Darstellung 
der jungfräulichen Göttin, wie sie ähnlich von den 
Kleinkünstlern jener kunstbegnadigten Zeit unter 
dem Einfluss der Pheidias'schen Bildungen öfter 
auf Psephismatareliefs wiedergegeben worden ist. 
Stellt die Stele etwa das Totenmal eines Helden 
dar, dem die betrachtend -nachdenkliche Haltung 
Athene's gilt? Nicht unmöglich; doch will mich 



in einfachem Chiton, welcher von der rechten Schulter 
und Brust herabgeglitten ist und aus dessen Schlitz 
das linke Spielbein unverhüllt hervorkommt, und im 
Mantel, der auf der linken Schulter aufliegend, den 
ganzen Unterteil des Körpers bekleidet; beide Ge- 
wandstücke sind so fein und diu-chsichtig, dass die 



1) Vgl. Arcluiiol. IJeltioii ISöS, 8. 1U:J u. S. 123, Nr. 1. 



1) Abg. u. bespr. Ephem. archaiol. 188(), Taf. Ki, S. 2.")G ft'. 
(Stais); Gaz. des beaux-arts IT. Per. XXXVII, S. (i8; Brunn, 
Denkmäler griech.-röm. Skulpt., Nr. 14; Kavvadias, Katalog 
lies Centralmus., Nr. 121. 



122 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



Reize des schönen Leibes unter ihnen völlig sichtbar 
werden und fast wie nackt wirken. Der Koj)f, um 
dessen gewelltes Haar ein Reif liegt, ist ein wenig 
nach links und unten geneigt; die Brust über- 
schneidet ein a\if der rechten Schulter befindliches 
Wehrgehäng, dessen Schwert an der linken Seite 
zwischen Chiton und Mantel hervorkam (der aus 
Bronze angesetzte Knauf ist weggebrochen): die 
im Ellenbogen gehobene Linke stützte eine Lanze 
auf, während die im 
Ellenbogen vorge- 
streckte rechte Hand 
wohl einen Helm 
hielt — beide Waffen- 
stücke werden durch 

das Wehrgehänge, 
wie mir scheint, ge- 
fordert und notwen- 
dig. Die Arbeit ist 
gut und weist auf 
hellenistische oder 
vielmehr römische 
Zeit, wenigstens ist 
das Gebäude (kein 
Tempel), wo es aus- 
gegrabeu, römischen 

Ursprunges; die 
Komposition erreicht 
es, die fernstehend- 
sten Eigenschaften, 
nämlich zarte Weib- 
lichkeit und kriege- 
rische Bewaffnung, 
völlige Bekleidung 
und sinnliche Nackt- 
heit, harmonisch zu 
vereinigen. Im übri- 
gen ist aber die epi- 
daurische Statue, wie 
man sofort allgemein 
eingesehen, kein Ori- 
ginalentwurf, sondern eine spätere Umbildung ') 
jener in zahlreichen Kopien und Rejiliken erhaltenen 
Aphroditefigur, als deren Original zuletzt Reinach 
(Gaz. archeol. XII. p. 250 ff.) die koische beklei- 
dete Aphrodite des Praxiteles angenommen hat, eine 
Annahme, welche zweifelsohne sehr viel Wahrschein- 
lichkeit für sich hat. In Epidauros ist meines Er- 
achtens die Koerin durch ein anderes Manteltragen 




Fig. 



und durch die Waffen zu einer der cäsarischen 
..Venus victrix" ') verwandten Gestalt gekommen. 
Obgleich es mir nicht gelungen, auch nur annähernde 
Wiederholungen der Epidaurierin im erhaltenen 
Mouumentenvorrat zu finden, halte ich es doch nicht 
für unmöglich, dass uns in ihr ein Abbild der viel- 
gesuchten cäsarischen ..Venus genetrix'' des Arkesi- 
laos erhalten ist, für welche die gleichmässige Ver- 
einigung von Aphrodisischem und Areischem '^) gut 
]iassen würde. Wie 
dem nun aber auch 
sei , diese epidauri- 
sche Aphrodite ,,iu 
Waffen" {onXiOjnrij 
oder tvojihoc) wird 
in ästhetischer wie 
in kunstgeschicht- 
licher Hinsicht im- 
mer ungemein wich- 
tig bleiben. Hat ihr 
Künstler, wie es 
scheint, eine Anleihe 
Ijei Praxiteles ge- 
macht und mit ihr 
gewuchert, so geht 
eine kleine Figur der 
Athene aus ziemlich 

später Kaiserzeit 
nu'jglicherweise so- 
gar auf Pheidias 
lind zwar auf dessen 
Athene im Ostgiebel 
des Parthenon zu- 
riUk; vgl. Fig. 7. 
Die marmorne Sta- 
tuette (0,72 m), 3) laut 
Inschrift an der ge- 
kehlten Basis ein 
Weihgeschenk an 
AthenaHygieia,stellt 
die blauäugige Toch- . 
ter des Zeus (hir, in den erhobenen Hihiden 
Schild und Lanze (abgebrochen), auf dem Haupte 
den Helm der Parthenos; während sie in heftiger 
Bewegung, die in den Falten der reichen Ge- 
wandung nachzittert, rechtshin vorwärts stürmt. 



1) Vgl. eine andere Verwendung z. B. in der Marmor- 
gruppe zu Modena (Arcb. epigr. Mitteil, aus Oest. III 1). 



1) Vgl. da/.u Bernoulli, Aphrodite, «. 184 ff. 

2) Vgl. dazu C. J. Gr. 2957; Die Cass. 4:^,43. 

3) Vgl. Kavvadias, Katal. Centralmus., Nr. 123; Petersen, 
Athen. Arch. Mitteil. XI, S. 309 ff.; Stais, Ephem. Arch. 
188ß, XII 1. 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



123 



blickt sie zurück; auf der Basis liegt der Rest einer 
Fackel (?). Spuren roter Farbe. Dieselbe Gestalt, 
nur in einer Gruppe verständlich, kehrt ausser auf 
athenischen Münzen und in Marmorrepliken in der 
Athenageburt auf der Madrider Brunnenmünduug 
wieder (Fig. Nr. 8),'j, die wohl mit Fug auf den 
Ostgiebel des Parthenon zurückgeführt wird. Hier 
ist die Göttin eben in voller Rüstung aus dem 
Haupte des thronenden Zeus herabgesprungen unter 
die unsterblichen Götter, von denen hier nur der er- 
schreckt davoneilende Hephaistos und die drei Moireu 
als Zuschauer bei dem Wunder gegenwärtig sind; 
Nike, Athene's unzertrennliche Begleiterin, fliegt mit 
dem Siegeskranze auf die neugeborene Herrin zu. 
Und diese neugeborene Athena des Pheidias'schen 
Giebels wurde zu Epidauros in 
freier Kopie als Hygieia geweiht. 
So flüchtig und grob die epidau- 
rische Statuette auch ist, es 
verleugnet sich in ihr nicht die 
hohe Schönheit der ursprüng- 
lichen Komposition des Pheidias. 
Originalarbeiten aus dem vierten 
Jahrhundert v.Chr. sind dagegen 
die beiden Nereidenbruchstücke, 
welche als figürliche Akroterien 
einst das Askleiiieiou zierten; die 
eine Figur ist anbei in Abbil- 
dung beigefügt (Fig. 9). -) Allen 
uns erhaltenen Marmorbildungen 
der durch das Meer dahinreiten- 
den Nereustöchter, und wir be- 
sitzen derer zumal aus i'ömischer 
Zeit eine nicht kleine Anzahl,-') 
stehen diese epidaurischen, zu- 
mal die hier abgebildete, an 
Schönheit des Gedankens wie 
weit voran. Mit bestrickender 




Fig. 



der Ausführung 
Anmut sitzt die 
Nereide nach Frauenart auf ihrem aus den Wogen 
aufsteigenden Tier, gegen dessen Hals sie zügelnd 
die Rechte legt. Der weite Chiton legt sich nass 
und eng an den schönen Körper und zeigt die 
Körperformen in ihrer vollen Schöne; der Mantel 
bedeckt teilweise den Schoss und wird von der er- 
hobenen Linken zierlich gehalten, so dass er einen 
Teil der Figur wie ein flatterndes Segel umgiebt. 



Der Umstand, dass das Pferd kein „Seetier-', weist 
die Figur noch in die ersten Jahrzehnte des vierten 
Jahrhunderts, wo des Skopas epochemachende Zu- 
sammenstellungen von Nereiden auf allerlei wunder- 
samen Meerungetümen entweder noch nicht vorhanden 
waren oder doch noch nicht allgemeine Nachfolge 
fanden. 

Aus Eleusis kommt der herrliche Kopf, den 
Benndorfs sicherer Blick als ein Werk des grossen 
Praxiteles erkannt hat,') mag es nun das Original 
selbst sein oder, wie ich glauben möchte, nur eine 
griechische vorzügliche Kopie, die uns das Original, 
zumal nach der verständnisvollen treft'lichen Er- 
gänzung durch Zumbusch vollkommen ersetzt; 
vgl. Fig. II). Nach einer uns erhaltenen Inschrift 
hatte Praxiteles ausser anderen 
Gestalten des eleusinischeu 
Sagenkreises auch den Eubu- 
leus dargestellt — eineu He- 
ros von Eleusis i' der im Gegen- 
satz zu seinem weltbekannten 
Bruder, dem Triptolemos, nur 
mehr an Ort und Stelle bekannt 
und verehrt ward. Derselbe 
hatte gerade an der Stelle, wo 
Hades mit der geraubten Kora 
in Eleusis zur Unterwelt hinab- 
fuh\-, die Schweine seines Vaters 
gehütet und wurde so Mitwisser 
und Mitverräter des fürchter- 
lichen Raubes. Über dem Erd- 
schlunde, in dem damals einige 
Schweine des Eubuleus mit ver- 
schwanden, erhob sich später 
jd ein kleines Heiligtum des Plutou, 

wo auch Eubuleus Verehrung 
fimd, indem an bestimmten Festtagen zur Erinnerung 
an diesen göttlichen Schweinehirten, Ferkelchen in 
jenen Erdspalt geworfen wurden. Ausser Weihin- 
schriften an Eubuleus wurde dort auch der in Rede 
stehende Marmorkopf ausgegraben, der wie die Schnitt- 
fläche beweist, einer Statue eingefügt worden ist: der 
Originalkopf, von einem Römer entführt, wurde in 
Eleusis durch die uns erhaltene Kopie ersetzt, wäh- 
rend er selbst nach Rom wanderte, dort sehr be- 
wundert und vielfach bald genauer, bald freier wieder- 
holt worden ist, wie die sog. Vergilköpfe in Mantua, 



1) Vgl. dazu Schneider, Geburt der Athene, Tat'. I, .S. 31 ff. 

2) Vgl. Kavvadias Katal. Centralmus. Nr. Uü (abg. Eph. 
ardi. 1884, IH 2) und Nr. 91 (abg. ebend. 111 3; Brunn, Denk- 
mäler grieoh.-röm. Skulpt. Nr. 19; oben Fig. Nr. 9). 

3) Vgl. dazu Bull. rom. germ. 1888, S. Ü9, Anm. 1. 



4) Vgl. — ausser Beundorf, Anzeiger der phil. histor. 
Klas.'ie der Wiener Akad. 1887, Nr. 25 — das 13. Hallesche 
Winckelmannsprogramm (1888). wo Anni. 7 dio iitirige I/itte- 
ratur verzeichnet ist. 



124 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



iiuf dem Kiipilul und iiuderswo mehr bezeugen. Er 
verdient aber audi diese Bewunderung in vollem 
Masse! Dem mächtigen Zauber und der grossen 
Schönheit dieses jugendlich-zarten Gesichts mit dem 
dichten beschattenden Haarrahmen, dem feuchten 
sfliwärmerisch-sinulichen Blick und dem schwellen- 
den liebreizenden Munde, wird sich nicht leicht ein 
Beschauer entziehen und das neugefimdene Werk des 
Praxiteles bereitwillig dem olympischen Hermes, 
mit dem es viel Gemeinschaftliches teilt, als eben- 
bürtig und würdig zur Seite setzen. Vollendet 
ist auch hier die lebendige, feine Behandlung des 
Marmors, welche im Gegensatz zwischen dem nur 



mit dem Meissel bearbeiteten wolligen Haar und der 
glatten polirten Haut die höchsten Triumphe der 
Technik feiert und vom Kopisten auf das genaueste 
wiedergegeben ist. Dass wir aber trotz dieser seltenen 
Vollendung doch nur eine Kopie, nicht das Original 
des Praxiteles gefunden haben, beweist der krank- 
hafte Fehler in der Muskulatur auf der rechten (vom 
Beschauer aus) Halsseite, auf welchen ein berühmter 
deutscher Pathologe aufmerksam gemacht hat: Praxi- 
teles wird denselben schwerlich gemacht haben, 
sondern den Kopfnicker anatomisch richtig gebildet 
haben; anders aber der Kopist, der hier — ge- 
schlafen hat. (Schluss folgt.) 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



VON CARL VON LUTZOW. 

MIT ILLUSTRATIONEN. 

(Schluss.) 




Sliizzc zum (iil Blii 



In den siebziger .lahren erweitert sieb tler Stoff- 
kreis Pettenkofens oder, besser gesagt, sein Au- 
schauungskreis. Das unstete Wanderleben, das nach 
der Auf lösimg des Ateliers in der Währingerstrasse 
begann, führte iJm zunächst nach Italien. Im Winter 
1870 — 71 finden wir ihn das erste Mal in Venedie; 



auch die kalte Jahreszeit von 1S7 — 172 brachte er 
wieder in der Lagunenstadt zu, in Gemeinschaft mit 
seinem Freunde Leopold Carl Müller, der damals den 
Palazzo Rezzonico gemietet hatte. Passini, Jettel 
und andere Landsleute gingen dort aus und ein. 
Von Venedig aus wurde von Müller und .Jettel eine 
Reise nach Unteritalieu und Sizilien unternommen, 
an welcher Pettenkofen teilzunehmen gedachte. Doch 
verzögerte sich seine Abreise und er kam nur bis 
Neapel, während die andern schon in Sizilien weilten. 
Die Bilder, Zeichnungen und Briefe des Meisters aus 
jenen Jahren geben uns Aufschlüsse über seine zeitwei- 
ligen Reisestationen '). Venedig blieb mehrere Jahre 
hindurch sein Winterquartier; wiederholt weilte er in 
den malerischen Städten Südtirols. Dazwischen fällt 
ein neuer Aufenthalt in Paris -) ; auch in München 
und in den Niederlanden wurden längere Besuche 
gemacht; zur Herstellung der angegriffenen Gesund- 
heit mussten Karlsbad, Ostende und andere Kur- 
orte aufgesucht werden. 

Es ist merkwürdig zu sehen, in welcher Weise 
dieses bewegte Leben, die Menge neuer Anschauungen 
und Erfahrungen das Wesen Pettenkofens berührt 
und auf seine Kunst eingewirkt haben. Wir finden 
ihn dadurch nicht sowohl äusserlicli bereichert als 

1) Man sehe die Daten in Dr. Frimmels Vorwort des 
Katalogs von Pettenkofens Naohlass. Wien, Miethke. 1889. 

2) Die erste Reise dorthin fiel in das Jahr 1852, wie hier 
zur Ergänzung des früher Gesagten bemerkt werden mag. 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



125 



vielmehr innerlicli vertieft; er wird ein immer strenge- 
rer und schärferer Beobachter der Natur; sein Be- 
streben, die Erscheinungswelt in ihrer schlichten 
Wahrheit und Unmittelbarkeit zu erfassen, führt ihn 
zu immer feineren und schwierigeren malerischen 
Problemen; jede Lichtabstufung vom vollen, grellen 
Sonnenschein bis zum tiefsten Dunkel eines Innen- 
raums wird auf das gewissenhafteste studirt und fest- 
gehalten; die Ateliermalerei gilt als verpönt, nur 
die Momentaufnahme befriedigt, auch die vollendeten 
Bilder tragen den Charakter von Naturstudien, in 
deren Durchbildung der höchstgebildete Geschmack 
für Wahl und Stim- 
mung der Töne wahre 
Triumphe feiert. — 
Ein köstliches Beispiel 
dieser stofflich ganz 
unscheinbaren, aber 
malerisch aufs zarteste 

vollendeten Stim- 
mungsmalerei haben 
die Leser in dem Blatte 
von Th. Alpbons nach 
der Frau „Am Spinn- 
rocken" (1876, im Be- 
sitze der Frau Gräfin 
Marie Sizzo-Noris) vor 
sich; dasselbe ist von 
Assisi datirt und findet 
in mehreren ähnlichen 
kleinen Bildern und 

zahlreichen Studien 
seine Analogien ; unter 
den Bildern seien noch 
genannt: das gewiss 
gleichzeitig mit dem 
eben genannten entstandene Bildchen „Küchen-Inte- 
rieur aus Assisi" (eine Anzahl von Geschirren an der 
Wand und auf dem einfachen Tisch), die „Idylle" (eine 
Reihe von grossen Blumentöpfen in der Sonne, von 
Schmetterlingen umflattert, ebenfalls V. J. 1876, Eigen- 
tum des Herrn Fr. Xav. Mayer), das „Innere einer 
Schusterwerkstätte in Südtirol" (1888, Eigentum des 
Obersten Heinr. v. Lachnit), die „Ungarischen Markt- 
weiber" (1SS6, in demselben Besitz) und mehrere 
andere der letzten Zeit angehörige Bildchen, in denen 
der Meister wieder auf sein früheres Lieblingsgebiet 
zurückkehrte. 

Aber am Jierrlichsten entfaltete sich Pettenko- 
fens Kunst in den aus den letzten Jahren herrüh- 
renden italienischen, seht- häufig venezianischen. Na- 

Zeitsclailt luv bildemli^ Kunst,. N. F. I- 



Pettenkoiens Porträt. 
(Nach einer Photographie aus deu letzten Jahren 



turstudien. Wer ihn in seiner vollen Eigentümlich- 
keit erftissen, seinen tiefen, stets allein auf die Sache 
gerichteten Ernst und die niemals, auch von keinem 
alten Meister, übertroffene Meisterschaft seiner Be- 
handlung, die Feinheit der malerischen Empfindung 
und des Schönheitssinnes, über die er gebot, erken- 
nen will, der muss die Kohlezeichnungen, Pastelle 
und Aquarelle aus dem Ende der achtziger Jahre 
seinem Studium unterziehen. Der eben zur Auktion 
gelangte Nachlass, aus dem wir durch die Freund- 
lichkeit des Herrn Miethke einige Proben hier vor- 
zuführen in der Lage sind, und die Sammlungen 
Eugen Miller, L. Lob- 
meyr ') u. a. bieten da- 
von das Vollendetste. 

Eugen Miller von 
Aichholz hatte die 
Wände eines ganzen 
Saales mit siebzig 
grösstenteils in diese 
Kategorie fallenden 
Werken gefüllt und 
dadurch der Petten- 
kofen- Ausstellung im 
Künstlei'hause einen 
wahren Schatz einvei'- 
leibt. Es befanden sich 
darunter einzelne vor- 
zügliche Aquarelle, wie 
z. B. die merkwürdige 
Kostümstudie mit Sat- 
telzeug, rotem Mantel, 
Degen und Federhut 
und das in markigen 
Farben prangende Blatt 
mit dem Blick auf die 
Dächer einer Häusergrupj^e, bezeichnet: a.p.Venezia 85. 
Aber der Hauptwert der Sammlung besteht in den 
Kohlezeichnungen, meistens aus dem Jahre 1886. Die 
Perle derselben ist das auf bläulichem Papier gezeich- 
nete,mit Weiss gehöhte Blatt mit einer in Rückenan- 
sicht dargestellten Näherin, welche emsig bei der Arbeit 
in ihrem Stübehen sitzt: ein Motiv, das mehrfach in 
verwandten Wendungen auf andern Studienblättern 
wiederkehrt, und auch als Bild (im Besitze des Herrn 
Marx in Frankfurt a. M.) von Pettenkofen ausgeführt 
worden ist. Der ganze Zauber einer stillen, von 
ruhigem Licht erfüllten Räumlichkeit und eines in 




1) Einige Blätter aus dieser Sammlung wareu mit Ge- 
nehmigung des kunstsinnigen Besitzera dem ersten Teile 
unseres Aufsatzes beigefügt. 

17 



126 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



schlichler Thiitigkeit dahiufliessendeu Menschenda- 
seius liegt über diesen Darstelluugen ausgebreitet, 
auf so klassische Weise, wie nur ein Rembrandt, ein 
Jan Vermeer oder Pieter de Hoogh Ahnliches erreicht 
haben. Andere, mit gleicher Meisterschaft behandelte 
Kreidezeichnungen führen uns in die Werkstatt eines 
Schmieds, eines Schusters oder eines Schlossers. 




^y 



jU/: 



L\ 



Kapuziner im Klosteiliof. 



ietusclite Federzeichnung von Avr,. V(iN Pettenkoken, 



Auch da ist es der Ausdruck der ganz in ihr Werk 
versenkten Thätigkeit, diese elementare Wiedergabe 
der einfachsten Existenzen , ohne jede Beimischung 
falscher Empfindung oder Tendenz, was den Blät- 
tern ihren unsagbaren Reiz verleiht. Merkwürdig, 
dass die beiden geistvollsten Kriegsillustratoren unse- 
rer Zeit, Menzel und Pettenkofen, zu solchen Dar- 
stellungen der arbeitenden Menschheit sich hingezogen 



fühlten. Und erst in diesen schlichten Bildern aus 
dem Leben des vierten Standes bewähren beide ihre 
ganze Kraft, freilich in charakteristisch verschiedener 
Weise. Menzel, der Dramatiker, setzt die Massen in 
Bewegung, sein „Eisenwalzwerk" ist das typische 
Bild der Grossindustrie ; Pettenkofen, der Lyriker, 
der Landsmann Fendis und Eybls, kehrt bei dem 
kleinen Handwerker, bei der ein- 
samen Arbeiterin ein; dem geräusch- 
volleu, funkensprühendeu, von dem 
Dampf und Gepoch der Maschinen 
erfüllten Räume des Berliner Meisters 
setzt der Wiener den stillen, fried- 
lichen Raum der Schusterwerkstatt, 
das sonnige Dachstübchen der Näherin 
gegenüber; von seinen Bildern der 
Schmieden und Hammerwerke sind 
diejenigen die schönsten, die uns 
diese Oertlichkeiten ohne Arbeiter, 
in den Feierstunden zeigen, so dass 
uur die Hindeutung auf die Arbeit 
des Menschen, nicht diese selbst, 
den eigentümlichen Stilllebenreiz der 
Darstellung ausmacht. 

Der äusseren Natur ruft Petten- 
kofen gern sein ,Halt still" zu, um 
alle Reize der Beleuchtung, alle 
feinen Beziehungen der Dinge in 
Ruhe studiren und wiedergeben zu 
können : da, in der engen Gasse, steht 
ein Ochsengespann mit einem Wagen 
voll grosser Fässer; der Knecht hält 
Mittagsruhe; träge Schwüle brütet 
über dem Ganzen; hier wieder blicken 
wir in den Hof eines kleineu Bauern- 
hauses, in dem eine Treppe zum 
Söller emporführt; alles ist wie aus- 
gestorben, nur die Seele des Künst- 
lers lebt und atmet in der Stille der 
Natur. — Köstliche Blätter dieser 
Art enthielt der Nachlass. Sie sind 
bei der Auktion, wie vorauszu- 
sehen war, zu hohen Preisen in 
die Mappen der Liebhaber übergegangen. — Der 
Nachlass gewährte ferner den interessantesten Ein- 
blick in die Entstehungsgeschichte mancher Bilder 
Pettenkofens , z. B. des in Miethke's Katalog unter 
Nr. 1 abgebildeten „Strassenkampfs", den wir durch 
eine Reihe von Studien in seiner ganzen Entwickeluug 
verfolgen konnten. Was im Bilde schliesslich mit 
der Unmittelbarkeit einer Momentaufnahme wirkt, ist 






AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



iu Wahrheit das Ergebnis vielfacher Erprobung, 
Neuanordnung und Beobachtung, die reife Frucht 
eines langen Denk- und Arbeitsprozesses. 

In der Scene dieses „Sti'assenkanipfs" klingt ein 
dramatisches Motiv an, das den Meister, wie v^ir ge- 
sehen, schon in den ersten fünfziger Jahren beschäf- 
tigt hatte und das auch zu dem berühmten „Duell 
im Walde" den Grundton bildet. In dieser drama- 
tischen Sphäre nun beveegen sich auch vorzugsweise 
die vielgenannten Entwürfe Pettenkofens zu dem 
„Gil Blas" des Le Sage. Er hat sich über zwanzig 
.Jahre mit diesem Gegenstaude beschäftigt, der ihm 
in der Fülle pikanter, 
drastischer und hu- 
moristischer Motive 
die erwünschte Ge- 
legenheit zu mannig- 
fach bewegten Dar- 
stellungen bot und ihn 
auf diese Weise ver- 
anlasste, wieder an 
den Stil anzuknüj)fen, 
den die Soldatenbilder 
vom Ende der vier- 
ziger Jahre zeigen. 
Aber welchen freien, 

weltmännischen 
Blick, welches Ver- 
.ständnis für das Ab- 
gelegenste und Frem- 
deste hat er seit jenen 
Tagen sich zu eigen 
gemacht! Das ganze 
Kostüm- und Waffeu- 
wesen des siebzehn- 
ten Jahrhunderts, die 
King- und Fechtbü- 
cher eines Paschen 

und Schöflfer, eines Agrippa und Fabris wurden 
durchstudirt und ausgebeutet, um zum vollen Ver- 
ständnis jeder Einzelheit in der Tracht, im Gebaren 
und Auftreten der Menschen jener Zeit zu gelangen. 
Etwa 150 im Nachlasse vorgefundene Zeichnungen, 
teils mit der Feder, teils mit dem Bleistift, in Sepia 
oder in anderer Technik ausgeführt, geben Zeugnis 
von dieser langjährigen Thätigkeit. Dazu kommen 
zahlreiche andere Studien einschlägiger Art, nament- 
lich Kostümstudien nach Bildern von spanischen und 
niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts (nach 
Murillo, Velazquez, van Dyck, Frans Hals, Pieter 
Codde, Teniers u. a.), welche wohl meistenteils auch 



127 

als Vorstudien zu der Gil -Blas -Illustration zu be- 
tracliten sind. 

Gleichwohl ist es zu einem auch nur teilweisen 
Abschluss dieser gro.ssen und reizvollen Aufgabe nie 
gekommen. Die im Nachlasse vorgefundenen Blät- 
ter zu dem berühmten Erzählungsbuche des Le Sage, 
welche bei der Auktion von Herrn Miethke erstan- 
den wurden, können nur als erste Skizzen betrachtet 
werden, in denen das malerische Talent Pettenkofens 
aufs glänzendste hervortritt, die jedoch über die 
grasszügige Andeutung der Situation und der Bewe- 
gungsmotive der handelnden Personen nirgends 




Skizze zum Gil Blas von AUG. VON Pettenkofen. 

hinausgelangt sind. Zu schärferer plastischer Modcl- 
lirung der Charaktere und namentlich des Helden 
der Erzählung ist der Meister nicht vorgedrungen. 
LTud wir dürfen darin, bei so langjähriger Beschäf- 
tigung mit dem Gegenstande, wohl einen Beweis für 
die auch sonst sich uns aufdrängende Wahrnehmung 
erblicken, dass es Pettenkofen an jener Kraft per- 
sönlicher Charakteristik fehlte, welche den Bildner 
grossen Stils, den Dramatiker vor allen, kennzeichnet. 
Auch in seinen übrigen Bildern und Studien tritt 
das persönliche Element gegen das Gattungsmässige 
und Allgemeine zurück; an dem einzelnen Menschen 
fesselte ihn nicht in erster Linie der Charakter, son- 

17* 



12S 



AUGUST CARL VON PETTENKOFEN. 



tlerii die ErsclioinuiiL!; iiiul irgend ein schlichtes Thnu 
in nialeriselier Situation. — Abgesehen von dii^ser 
Eigentümlichkeit oder, wenn man will, Schranke 
seiner Natur ist übrigens der .skizzenhafte Charakter 
von Pettenkofens Gil- 
Blas-lUustrationen woh I 
auch aus dem Umstände 
zu ei'kläreu, dass der 
Meister mit deu vorge- 
rückteren Jahren sich 

überhaupt immer 
schwieriger zum letzten 
Abschluss irgend eines 
Werkes entschliessen 
konnte. Er hat die Na- 
tur studirt unter allen 
Bedingungen ihrer Er- 
scheinung, er kannte .sie 
in jeder Beleuchtung, 
er beherrschte alle ihre 
Formen. Aber am Ende 
des Lebens war sein 
Wissen über sein Kön- 
nen so weit hinausge- 
wachsen, dass in seinem 
ohnehin grüblerischen 
und melancholischen 
Wesen eine Selbstkritik 
erwachte, die sich wie 
ein Bleigewicht an all 
sein Schaffen hing: „Wo 
fass' ich dich, unend- 
liche Natur?" — wie 
oft mag das Faustische 
Zweifel wort ihm auf die Lijjpen gedruugeu sein! — 

Auch in der äusseren Erscheinung Pettenkofens 
fand diese ernste Wandlung ihren Ausdruck. Wir 
haben luu- wenig Porträts von ihm. Der Aquarellmaler 




zum Gil Blas von 



Göbel soll ihn als Dragoner porträtirt haben. Ein 
kleines Aquarell (Nr. 313 der Ausstellung) zeigt ihn 
uns in Begleitung des Malers Brudermanu in jungen 
Jahren, leicht gekleidet, mit dem Strohhut auf dem 
Kopf, elegant bewegt, 
\ fast stutzerhaft. — Aus 
dem Jahre 18ü2 stammt 
die in un.serm Holz- 
schnitt am Kopfe des Ar- 
tikels reproduzirte Pho- 
tographie, deren Mittel- ■ 
lung wir der Freund- 
lichkeit des Herrn Prof. 
Leopold V. Schrötter in 
Wien verdanken. Eine 
Photographie aus den 
letzten Lebensjahren 
Pettenkofens liegt der 
wohlgelungenen Tusch- 
zeichuung von Fräulein 
Marie MUJkr zu Grunde, 
welche in dem auf S. 125 
befindlichen Holzschnitt 
nachgebildet ist. Es ist 
das ernste, scharf blik- 
kende Gesicht, welches 
Leubach in seinem in 
Miethke's Katalog re- 
producirten geistvollen 
Bildnis (bei Herrn Fr. 
Xav. Mayer in Wien) 
so charakteristisch wie- 
dergegeben hat. Eine 
vornehme Natur spricht 
uns daraus an, ein Auge von durchdringender Ge- 
walt, aber auch ein Zug von jener Schwermut, die 
das Erbteil aller derer bildet, welche unablässig 
nach der höchsten Palme ringen. 



OX PETIKNKDI EN. 




DIE AUSSTELLUNG ALTER GEMÄLDE 
AUS SÄCHSISCHEM PRIVATBESITZ IN LE: 



PZIG. 



VON A. ßli'EDIf.S. 




S WAR ein glücklicher Gedanke von 
einigen Kunstfreunden Leij)zigs, 
eine Ausstellung alter Bilder aas 
sächsischen Privatsammlungen zu 
veranstalten. Giebt doch eine 
solche dem Laien , dem Kunst- 
freunde und den Jüngern der Kunstwissenschaft die 
willkommene Gelegenheit, Kunstwerke zu sehen und 
mit Müsse zii sehen, welche sonst nur schwer und auf 
kurze Augenblicke zugänglich sind! In Sachsen sind 
immerhin noch eine Ijeträchtliche Anzahl interessan- 
ter alter Gemälde vorhanden, wenn auch Leipzig nicht 
mehr der Stapelplatz Deutschlands für den Kunst- 
handel ist und viele der besten alten Sammlungen 
verkauft worden sind. Dagegen ist es mit Freude 
zu begrüssen, dass in neuester Zeit einige ansehn- 
liche Kunstfreunde, von Kenntniss und Geschmack 
geleitet, mit grossem Eifer neue Sammlungen an- 
legen, die schon eine Reihe von Perlen aufzuweisen 
haben. Sehr zu bedauern ist es, dass eine der Haupt- 
sammluugen Sachsens, die des Barons von Speck- 
Sternburg , in der Ausstellung vergeblich gesucht 
ward. Sie hätte gerade einen besonders reichhalti- 
gen und wertvollen Beitrag zu derselben Ijeisteuern 
können. 

Aber trotzdem boten die 277 ausgestellten Ge- 
mälde des Schönen manches, des Belehrenden, des 
Aufklärenden noch viel mehreres. Besonders wert- 
volle Sachen sandten Graf Luckner auf Altfranken, 
die Herren Generalkonsul Thieme, Brockhaus, Felix, 
Stadtrat Dürr, Otto Gottschald in Leipzig, Herr Dr. 
Martin Schubart in Dresden. Bei der Besprechung 
der Bilder werde ich mir erlauben, die Namen der 
Besitzer kurz in Klammern beizufügen. Ich werde 
mich auch mit der Besprechung niederländischer 
Bilder begnügen müssen und erwähne nur, dass 
Dürer mit einem hochinteressanten Selbstbildnis aus 
dem Jahre 1493 vertreten war. 

Ein nicht im Katalog erwähnter kleiner ran Eych 
(aus der Leipziger Gemäldegalerie) zeigte die über- 



raschendsten Resultate der Fortschritte der Bilder- 
restauration. Früher nicht beachtet, ist dieses feine 
Porträt eines nicht gerade sympathischen, alten, beten- 
den Mannes, nachdem Herr Aloys Hauser die vor- 
sichtige Rehiigung desselben vollzogen, jetzt eins der 
interessantesten Gemälde der Leipziger Galerie. Weil 
der Mann eine etwas unschöne schwarze Perücke 
trägt, hatte irgend ein früherer Bilderverbesserer ihm 
eine Mütze darüber gemalt! 

Nehmen wir jetzt den Katalog zur Hand. Nr. 2 
ist gleich ein sehr hübsches Bildchen, intakt er- 
halten, von dem seltenen Amsterdamer Maler Arcitt 
Arcntsx, der sich später Cahcl nannte, und zwischen 
1(510 — 1630 gleichzeitig mit Arerrmup in Amsterdam 
thätig war. Diesem Meister sieht er oft sehr ähn- 
lich; nur ist der letztere feiner und meistens sorg- 
fältiger in der Zeichnung. Gerade dieses Bild ist aber 
mit grösster Liebe ausgeführt. Im Schilf sitzt ein 
Fischer mit seiner Frau, vor ihnen liegen Fische, 
eine Tabaksdose, ein Hufeisen etc. Ganz im Hinter- 
grunde sieht man Wasser und ein Feld, Avorauf ein 
Bauer mit Ptlügen beschäftigt ist. Es ist fast 
rainiaturartig gemalt und mit dem Monogramm A A 
liezeichnet. (Graf Luckner.) Die Bilder des Ärenl 
Arcnisz befinden sich im Museum zu Antwerpen 
(grosse Winterlandschaft), eine ähnliche, kleinere 
beim Verfasser, zwei leider scharf geputzte Bilder 
in der Amsterdamer Galerie, welche dem Luckuer- 
schen sehr ähnlich sehen, eins in dem Museum Boy- 
mans zu Rotterdam u. s. w. 

Arcrcaiitp war mit drei Bildern auf der Aus- 
stellung vertreten. Das schönste, aus der von 
Friesenschen Sammlung, gehört Herrn 0. Gottschald; 
es ist wie immer eine Winterlandschaft mit vielen 
Figuren. Ein feines, sehr kleines Bildchen von ihm 
(Nr. 4) gehört Herrn Generalkonsul Thieme, das 
dritte (Nr. 5), eine sehr frühe, noch etwas harte Ar- 
beit, Herrn Rud. Brockhaus. 

Backhuysen war mit besonders guten Werken 
vertreten. Sein schönstes Bild hing sogar unter 



130 DIE AUSSTELLUNG ALTER GEMÄLDE AUS SÄCHSISCHEM PRIVATBESITZ IN LEIPZIG. 



anderm Namen; es war die Nr. 35, eine stille 
See mit. Schiffen , dem -htii nm de Cappcllc zuge- 
schrieben, aber durch Dr. Schlie mit Recht als früher, 
sehr schöner Hackhnysen erkannt. (Thieme.) Eigen- 
tümlich ist auch die Nr. 9, ehie Kanone mit karten- 
spielenden Soldaten, gut gezeichnete Figuren. (Dürr.) 

Nr. 1 1 wurde wohl richtig dem Acriiont SmU zu- 
erteilt, ein BacUnii/scH ist es nicht. (Dr. Friederici.) 
Nr. 12. Inneres einer Kirche, Ist sicher ^ein ran Bässen, 
sondern ein charakteristischer .1. de Lomir, von dem 
auili die Figuren darauf sind. Nr. 13 ist ein früher, 
feiner, kleiner Jrtw/; Belkrois. (Gottschald.) Von diesem 
seltenen, oft recht verdienstvollen holländischen Ma- 
rinemaler kennen wir mir wenige Bilder, und diese 
sind sehr zerstreut: ein sehr schönes in der Haager 
Galerie, eins bei Konsul Weber in Hamburg, andere 
in den Museen zu Braunsch.veig , Madrid und ein 
ganz verdorbenes im Rijks-Museum zu Amsterdam, 
ein sehr gutes Exemplar vom .Jahre 1G68 beim Vater 
des Verfassers auf Oud Busseni (Holland). Bellevois 
hat eine kurze Zeit, wohl um 1G73 (?) in Hamburg 
geweilt, wird aber schon um 1650 in einem Leidener 
Bilderinventar erwähnt. Er hat etwas Duftiges, fein 
Empfundenes in seinen Lüften und im Wasser, aber 
die Segel seiner Schiffe sind oft etwas dunkel und 
schwer. Ein als Ruisdac! gefiilschtes Exem]dar sah 
ich in einer Sammlung in Mühlheini am Rhein, ein 
anderes, mit der falschen Bezeichnung de Vlier/rr, im 
Pariser Kunsthandel. 

Nr. 14, das Felsenthor, ist ein schöner ISerchein 
(Dr. Schubart), fein und zart ist das kleinere Bild- 
chen aus der SierstorpfFschen Sammlung (Thieme), 
recht gut der Reiter auf dem Schimmel (Gottschald), 
aber besonders lehrreich und interessant die Land- 
schaft mit Jakob, der vom Engel begleitet, von 
Laban fortzieht. (Nr. 17, Dr. Friederici.) Übrigens 
ist dieses sehr frühe, noch etwas harte, in einem sehr 
braunen Tone gemalte Bild, aus den vierziger Jahren, 
echt bezeichnet , was der Katalog nicht mitteilt. 
Berchem erinnert hier noch sehr an einen Amster- 
damer Meister Cornclis de Die, im Rijks-Museinu mit 
einem Bild vom Jahre 1647, bis jetzt Unikum, ver- 
treten. Es ist nicht unmöglich, dass dieses Gemälde 
von Berchem vor seiner italienischen Reise gemalt 
wurde. Nr. 18 ist ein Miehiel Carre. Nr. 20 ist ein 
sehr breiter Gerrit BerckheicU, eine Landschaft mit 
\'ieh. (Graf Luckner.) Geistreicher ist Nr. 22, der 
Hof einer Schenke, von seinem Bruder Ilioh, aus dem 
Jahre 1665 (Luckner), während Nr. 21, der Farben- 
reiber, ein selten feines und sorgfältig ausgeführtes 
Bild dieses Meisters ist. (Thieme). Nr. 23, der Musi- 



kant, ist leider etwas verputzt. Nr. 25 ist ein kunst- 
historisch bedeutendes Werk des Jan van Bylert aus 
dessen Frühzeit: eine sehr lebendige Darstellung 
des verlorenen Sohnes in lustiger Gesellschaft, farbig 
und frisch, gut gezeichnet, mit kleinen Figuren. 
(Thieme.) Derselbe Gegenstand vom Künstler ist 
jetzt im Handel in Amsterdam, nur noch etwas un- 
anständiger. Diese kleineu Bilder des Bylert sind 
meistens viel geistreicher und besser als seine grossen, 
an Honthorst erinnernden Gemälde. Nr. 27 war 
vielleicht eher ein rmi der Pari als ein de liloot. 
Nr. 30. Reizender BreMnihnu : der Fischkauf, fai-big, 
unterhaltend. (Thieme.) Nr. 31. Eine gute Winter- 
landschaft unter Abendbeleuchtung vom seltenen 
Eaphad Gamphwjsev , der sich hier dem rnn der Neer 
nähert, nur ist dieser viel feiner und tiefer in der 
Empfindung. (Thieme.) Nr. 36. Das Urteil des Mi- 
das, von Pietrr Cndde. Bode hat in seineu Studien 
dieses höchst bedeutende und köstliche Bild Codde's 
schon gewürdigt; die Köpfe der verschiedenen Nym- 
jihen und Satyrn , des Midas besonders sind von 
grösster Lebendigkeit und gehören zum geistreich- 
sten, was Codde je geschaffen. (Thieme.) Das schöne 
Stilleben des seltenen Middelliurger Malers Lamr.ns 
Croen (Nr. 31) gehört zum Besten, was er gemacht. 
(Dürr.) Nr. 43. Deutlich A. r. Cmos bezeichnet, 
hübsche Landschaft des Anihonie ran. der Croos aus 
dem Haag. Dieses Bild ist genau so gemalt, wie 
die Ansichten des Haag im Haagschen Gemeente- 
museum, so dass ich stets mehr zur Überzeugung 
komme, dass diese schönen Bilder von Anthonie sind, 
trotzdem man die Bezeichnung darauf immer nur 
I. r. Croos liest. Ein /. van Croos ist im Haag selbst 
bis jetzt archivalisch nicht nachgewiesen, wogegen 
in Amsterdam ein Jacob van Croos vorkommt. 

AJberi Cnijp 'War nur durch ein echtes, sehr frühes 
Bild auf dieser Ausstellung vertreten. Es ist eine 
Flusslandschaft, in wenigen Farben (ein kühles Grau 
wiegt vor) gemalt, mit schönem, klarem Himmel, und 
wie auf allen frühen Bildern, mit schwachen Figür- 
cheii. (Thieme.) Nr. 46. Guter Cornclis Decker. 
(Gottschald.) Nr. 47 ist ein Porträt des Jacob Del ff, 
nicht des Willrw Jarnlis\ Delff. der nie gemalt hat 
und ein Jahr früher starb, als dieses Bild entstand. 
(Dr. Schubart.) Es ist ein schönes, nobles Porträt; 
Jacob Delff half in seiner Jugend dem MiercveÜ (seinem 
späteren Schwiegervater) bei dem Malen und hat 
an vielen Miereveits vielleicht das meiste gemalt. 
Aus Miereveits Nachlass haben wir die Bestätigung 
dieser Thatsache erfahren. Nr. 59 ist ein Simon ran 
der Does; das gute Bild ist 6'. r. Does 1708 bezeichnet. 



DIE AUSSTELLUNG ALTER GEMÄLDE AUS SÄCHSISCHEM PRIVATBESITZ IN LEIPZIG. 131 



(Zöllnei-.) Jetzt kommt eine heikle Frage: Ist Nr. 61, 
die schöne Haushiilteriu , aus der Sammlung des 
Herzogs Peter von Kurland, wirklich von Don '-f Die 
Bezeichnung kommt mir verdächtig, wenn auch 
schon alt vor — aber schon im Anfang des vorigen 
Jahrhunderts rief der geistreiche Justus van Efi'en 
aus: mancher meint, er hätte einen Dou (een 
douwtje, eine Vogelart) und es ist nur ein Sj-ircfuir 
(eine Elster!) Von dem Dou-Nachahmer J((rolj ran 
Spreeuwcn ist ein Bild auf der Ausstellung. Ein 
Spreeuuvn ist es nun wohl nicht; aber meiner Über- 
zeugung nach ist das schöne Gemälde eine her- 
vorragende Arbeit des l'icfpr vaii, Slingelandt. (Dr. 
Schubart.) Nr. 02. Guter Pferdemarkt von Simon 
van Douiv, der auch in Rotterdam gelebt hat und 
ein Gemisch von holländischen und vlämischen Ein- 
flüssen verrät. (Gottschald.) Droorlisloot hätte man 
nicht so leicht die echt bezeichnete und 1630 datirte 
Winterlandschaft des Generalkonsuls Thienie zuge- 
schrieben, weil sie feiner, liebevoller gemalt ist, die 
Figuren sorgfältiger gezeichnet sind, als wir das 
von ihm gewohnt sind. Nr. 64 und 65 sind alte 
Kopien nach Pieter de Bloüt. Der kleine Bubhels 
(Nr. 66), Strandansicht, ist ein gutes Exemplar dieses 
in Kopenhagen so herrlich vertretenen Meisters. 
(Thieme.) Nr. 67. Guter, etwas schwarzer Diihois. 
(Thieme.) Wäre Nr. 6S nicht deutlich J. Ir Diicq 
f. 1GG5 bezeichnet , fast alle Kenner hätten diese 
Herde in gebirgiger Landschaft dem Karel Du Janlin 
zugeschrieben, dem die Arbeit auf das Haar ähnlich 
sieht. Le Ducq arbeitete gleichzeitig mit Diijanlin 
im Haag; deshalb wird die Sache wieder begreif- 
licher. Dass es so wenige Werke von ihm giebt, 
hat zwei Gründe; er gab das Malen früh auf, wurde 
Offizier und starb 47 Jahre alt. Und die wenigen 
Bilder von ihm sind wohl alle in Dujardins gefälscht. 
Der eine, unbezeichuete Dujardin der Haager Ge- 
mäldegalerie ist zweifellos ein Le Ducq. Dieses Bild 
trug vor der Reinigung auch eine falsche Bezeich- 
nung: A'. Du Jitnlin., (Dr. Lampe.) Nr. 72 ist W. C. 
Duynter bezeichnet und eine nette Arbeit dieses kaum 
35 Jahre alt verstorbenen Codde-Schülers. Es stellt 
maskirte Leute bei Fackelbeleuchtung dar. (Dr. 
Schubart.) Jan mii Goi/ci/ war mit einer frühen Ar- 
beit (1628) anwesend (Thieme), einem etwas späteren, 
an Molyn erinnernden Bilde (1633; Flinsch); auch 
Nr. 89 könnte ein echter rau Goyen sein. Eine sehr 
breit gemalte Flachlandschaft gehört der späteren 
Zeit au (1651; von Aretin), und ein Werk vom JaJu-e 
1646 ist ebenfalls ein gutes Exemplar. Überhaupt 
aber einer der herrlichsten, künstlerisch am höchsten 



stehenden van Goyeiis ist Nr. 86, gewiss auch aus 
der spätesten Zeit — zwischen 1650—1656 — eine 
leicht bewegte See mit ferner Küste. Das Bild ist 
wenig farbig, in kühlem, graulichem Tone fein aus- 
gefülirt. Entzückend ist hier die Stimmung von Luft 
und Wasser, die schöne Komposition. Ein llnixdael 
könnte fast der Urheber sein, wäre das Bild nicht 
schön bezeichnet r. (1. (Thieme.) 

Flott gemacht ist der kleine Fischerknabe des 
Fninx H„ls. (Nr. 96. Thieme.) Nr. 97 hat aber, 
glaube ich, mit der Familie Hals nichts zu schaffen. 
Das Ganze ist etwas roh, aber der Mann rechts ist 
doch tüchtig gemalt. Der Maler, der tms wohl immer 
unbekannt bleiben wird, könnte ein Amsterdamer 
aus der Umgebung des Codde, Duysttr, Pieter Potfer etc. 
sein. (Thieme.) Ein hübsches, kräftig und breit 
gemaltes Bild (Nr. 98) trägt die uudeutbare Signatur 
./. r. H.Y 1046: eine Mutter, die mit ihrem Kind in 
der Küche an der Arbeit ist. Es ist vielleicht eiu 
Rotterdamer Meister, der dem C'oruelisi SafUcveu nahe 
steht in Farbengebung uud Malweise. An ein Mit- 
glied der Familie Hals möchte ich nicht denken. 
(Thieme.) Von Claes Heck, einem schon bei van 
Mauder erwähnten Landschafter, befand sich hier 
ein 1630 datirtes, voll bezeichnetes, leider etwas stark 
geputztes Bild mit hübschen Kinderporträts. Sind 
die Porträts auch von Heck? Dieses möchte ich be- 
zweifeln, trotzdem sie das Beste am Bilde .sind. Be- 
zeichnete, recht langweilige Landschaften des Heck 
sind im Museum zu Alkmaar, zwei späte Ansichten 
des Schlosses Brederode im Amsterdamer Museum. 
Im Handel sah ich grosse, phantastische Land- 
schaften mit schlechten biblischen Staftagen von dem 
Meister. (Twietmeyer.) Eiu schöner ./. D. de Heem 
1653 ist unter Nr. 101 ausgestellt. (Dürr.) Auch der 
grosse Blumenstrauss ist ein importanter de Heeiii. 
(Thienie.) Dagegen halte ich jetzt doch das unter 
Nr. 103 katalogisirte Fruchtstück für keinen de 
Heem mehr. Die Bezeichnung ist, obwohl sie so 
schön echt aus.sieht, später darauf gesetzt. Das 
Datum 1624 aber scheint echt zu sein. Die frühe- 
sten Bilder des de Heem, die ich kenne, alle von 
1628 und 1629, sind braun in braun gemalte Bilder: 
meist Vanitas, recht klein und fein gemalt, und 
tragen sä ml lieh in ganz feinen Buchstaben die Be- 
zeichnung Johannes de Heem fecit. Eins der besten 
bei Paul Mantz in Paris, ein anderes im Suermondt- 
Mnseum zu Aachen. Dieses Bild sieht B. van der 
Ast oder Amhr. Boschaeii ähnlich. (Schubart.) 

Sehr schön und kräftig ist der Cornelis de Heem 
des Generalkonsuls Thieme (Nr. 104). Der schön 



132 



JOANNES JANSSENS. 



Jlohbcnia ans der Hohonzollernschen Sammlung, eins 
der Haiiptbilrler des Meisters, ist zu sehr bekiinnt, 
um dessen Bedeutung hier aufs neue liervorzuhehen. 
Jetzt ist er eine Zierde der Galerie Schubart in 
Dresden. Nr. li:^, das Tischgebet, ist ein höchst 
interessantes Werk eines äusserst tüchtigen Künst- 
lers: ein Mann mit gefalteten Händen sitzt vor seinem 
Mittagsbrot. Von diesem selben Meister, der an 
seiner eigentümlichen Farbe — ein vorwiegend grauer 
Ton, dabei ein kräftiges Braun und ein tiefes Blau 
— erkennbar ist, besitzt Herr P. Mantz in Paris ein 
ebenso kleines Bild, ein junger Bildhauer bei der 
Arbeit. Jenes Bild ist unbezeichnet, aber auf dem 
alten Rahmen steht: Rorstmtoi. Dieser war Schwieger- 
sohn des Firiir. Huls; man kennt nur zwei Stillleben 
von ihm, davon eins in Hampton-Court, das freilich 
anders in der Malerei ist, aber denselben Ton, eine 
ähnliche Farbenznsammenstelluug verrät. (General- 
konsul Thieme.) Nr. 115 ist wohl von Knibbergrii 
gemalt, von dem ganz gewiss (und zwar nach der 
italienischen Reise) Nr. llü ist. Das Bild ist ganz 



anders gemalt als die farbigeren, pastoseren, altei"- 
tümlicheren Landschaften des (Ullis d'Hondecoder. 
Ein bezeichnetes Bild des letzteren in Amstei'dam 
würde dieses schon beweisen. Dagegen besitzt der 
obenerwähnte Herr Mantz in Paris einen bezeich- 
neten Knihlicrgni, der als Pendant zu diesem Gemälde 
dienen könnte. Es hat den etwas flauen, matt bräun- 
lichen Gesamtton der Kiilhbcrr/ois. (Thieme.) Die 
vornehme Lautenspielerin (Nr. 118) ist immerhin ein 
echtes Bild Firfrr de Hooglis, aber aus der späteren 
Zeit, die uns nun einmal nicht das künstlerische 
Interesse seiner früheren Arbeiten einflössen kann. 
(Dr. Schubart.l Nr. 119 würde von jedem Kenner 
für einen P. de Ilouyh, erklärt werden, ja, trotz der 
Bezeichnung ist dieses auch geschehen. Aber was 
macht man mit der zweifellos alten Bezeichnung: 
Janssens f. über der Thür links? Wer ist dieser un- 
bekannte Jniisseiig? Doch nicht der rliimiscJie Künst- 
ler dieses Namens? Einstweilen bleibt dieses noch 
eine zu knackende kunsthistorische Nuss. 
(Schliiss folg-t.) 



JOANNES JANSSENS. 



MIT ABBILDUNGEN. 




JF allen Gebieten der Kunst ist es 
eine allbekannte Erscheinung, dass 
im Laufe der Zeit Schüler- und 
Nachahmerwerke auf Namen des 
Schulhauptes umgetauft wurden 
und es einer Periode der sorg- 
fältigsten Kritik, wie wir sie jetzt erleben, vorbe- 
halten blieb, die Werke der Meister von denen ihrer 
Nachfolger zu sondern. Bei wenig Meistern der 
Holländischen Malerschule ist dies wohl in höherem 
Grade der Fall gewesen, als bei den dreien ihrer Rich- 
tung nach nahe verwandten Meistern Nicolacs Maes 
(in seiner Frühzeit), Jan Venncer und Bieter de 
lloof/li. Erst die allerneueste Forschung hat eine 
Anzahl bisher völlig unbekannter Künstler ans 
Licht gebracht und vermittelst eines oder mehrerer 
bezeichneter Werke ihnen andere, mit keinen oder 
falschen Bezeichnungen versehene Bilder zugeschrie- 
ben. So kam im Jahre 1872 gelegentlich einer 
Amsterdamer Kunstauktion Esaias Boursse ans Ta- 
geslicht; so schrieb nach Analogie mehrerer inZwolle 
und im holländisclien Kunsthandel befindlichen Bil- 



der Bredius im Jahre 1882 das bisher Jan Vermeer 
genannte „Landhaus" der Berliner Galerie dessen 
Nachahmer Dirh- ran der Laen zu; so weist derselbe 
Gelehrte eine Anzahl Delfter Strassenansichteu, 
welche bis jetzt ebenfalls Vermeer hiessen, seinem 
Zeitgenossen ./. Vrid zu '); so wartet endlich ein bis 
jetzt abwechselnd Nicolaes Maes und Jan Vemieer 
genanntes Bild im Mauritshuis (Bad der Diana, Kat. 
Nr. 71c) auf eine endgültige Benennung. 

Ganz ähnlich ist es dem Künstler gegangen, 
dessen Name über diesem Aufsatz steht. Das einzige, 
was man von ihm wusste, war eine sofort anzu- 
führende Notiz bei Kramm. Jetzt hat aber die 
jüngste Leipziger Leihausstellung unter dem Namen 
Pieter de Hooghs ein bezeichnetes Bild von Janssens 
der Forschung zugänglich gemacht, und ich glaube 
ihm noch mindestens zwei bis jetzt unter dem Namen 



1) So namentlich das bezeichnete Bild aus dem Bürger- 
Thoreschen Nachlass bei Mad.Lacroixin Paris, sowie die Stras- 
senansichten der Oklenburger Galerie und der Hamburger 
Kunsthalle (Wesselhoeft). Über die.sen Meister vergleiche 
man schon Biinjer in der Gaz. d. B. A. XXI. S. 4(JiJ. 



JOANNES .TANSSENS. 



13:^ 



Pieter de Hooghs gehemle, weitbekaimte Bilder zu- 
schreiben zu köuneu, von denen das eine sich in der 
Münchener Pinakothek, das andere sich im Städel- 
scheu Institut befindet. 

Zunächst stelle ich die feststehenden Thatsachen 
zusammen. 

1. Ki-iinini (Ill,7',l!>) erwälmt t'nlii'i'iides \V\]d i'iiies 



II. In den Amsterdamer Archiven fand Bredius 
laut einer mü- jüngst zugegangenen brieflichen Mit- 
teilung 

im Jahre 1043 einen „Jan Jansz, conterfeiter," 
,, ,, 1 640 einen „Jan Janssen, Schilder", und 
,.22. Febr. 1667 Joannes Janssens, sei iiIder,woupnde 
in de Hniili'straat'' 




lull lltUl \011 J \Ss 1 I I 

J. Jansens ans einem alten Auktionskatalog (Am- 
sterdam, 16 Juni 1800): 

„Nr. 65. In dem Inneren eines Zimmers sitzt 
eine betagte Frau, welche liest; vor ihr kommt eine 
Magd mit einem Präsentirteller mit Apfelsinen. Das 
Sonnenlicht, welches durch das Fenster auf die Mauer 
fällt, bringt eine sehr gute Wirkung hervor und ist 
malerisch behandelt, h. 16 Zoll, b. 21 Zoll, von 
J. Jansens, Schüler des P. de Hoogh."-) 

2) Der holländische Wortlaut ist folgender: 
In een binnenvertrek zit een hedaagde vrouw te lezeu; 
Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



llbuu Dl L Bi.ULKHALS iu Leipzig. 

erwähnt. Letztgenannter darf schon seiner Lebens- 
zeit wegen als unser Maler betrachtet werden. Ob 



voor haar komt een dienstmaagd uiet een schenkbord niet 
Chinaasaiipels. Het zonlicht, dat door 't raam op den uiuur 
valt, doet een zeer goed effekt en is schilderachtig behandeld. 
Door J. Jansens, tliscipel van P. de Hoogh. — Kramm fügt 
hinzu, dass er nicht zu entscheiden vermöge, worauf diese 
letzte Mitteilung beruht. Er beruft sich deshalb auf die 
Autorität des Katalogsverfassers, Roeloä Meurs Pruyssenaar. 
Ebenso wenig spricht er ein Orteil darüber aus, ob unser 
Künstler mit dem Maler mehrerer im Katalog Terwestens 
erwähnter Landschaften und Stadtansichten identisch sei. 

18 



i;^4 



.lOANNRS JANSSENS. 



die beiileu or.steren uiitur sich uml mit ihm ideiitiscii 
oder auch nur verwandt sind, muss bei der Allge- 
meinheit des Namens eine offene Frage bleiben. 
Auch den Johannes Jansz, Maler aus Hambm-g. der 
^Oud Holland III löCi) am 12. April 1663 als Witwer 
sich in Amsterdam zum Aufgebot anmeldet, möchten 
wir ohne nähere Beweise nicht für identisch mit 
unserm I\l;iler erklären. Eher könnte man bei einer 




Iiineubild mit leseiuler Frau. — PiiiaUutlieU in JIiluoli 

Anekdote aus dem Leben des Em. de Wit, welche 
Houbraken (I, 286, Ausgabe von Wurzbach, S. 125) 
mitteilt, an ihn denken. 

III. In der Leipziger Ausstellung befand sich 
unter Nr. 119 des Katalogs ein Bild „Inneres eines 
bürgerlichen Zimmers", welches dem Pieter de Hoogh 
zugeschrieben wurde. Dies Bild trägt aber links, am 
oberen Thürpfosten die deutliche Bezeichnung: 



und galt als solcher auch in der Sammlung des Be- 
sitzers, des Herrn Dr. Eduard Brockhaus, bis es 
wegen der grossen Anklänge an den Stil des Pieter 
de Hoogh diesem Meister zugeschrieben wurde. 

Die beigegebene Abbildung überhebt mich der 
Mühe einer Beschreibung, nur will ich hier einzelnes 
über die angewandten Farben bemerken. Die Tisch- 
decke, Fenstervorhänge und Stnhlüberzüge zeigen 
ein auffallendes Rot, aber nicht 
etwa ein so bezeichnendes Ziegel- 
oder Zinnoberrot, wie wir es von 
authentischen Bildern des Pieter 
de Hoogh kennen, sondern eher 
ein Lackrot. Eine ähnliche Nuance 
zeigt auch das links sichtbare 
Ziegelmauerwerk. Endlich ist der 
Ueberwurf der Koffertruhe dunkel, 
schmutzig-grün. Das Bild hat am 
meisten Verwandtschaft mit den 
de Hooghs aus dem Anfang seiner 
zweiten Malweise (ca. 1665). Woll- 
ten wir also aus dieser Überein- 
stimmung die ungefähre Schüler- 
zeit des Janssens zu bestimmen 
suchen, so wäre sie um diese Zeit 
anzusetzen. Hierzu würde stimmen, 
dass beide Meister um diese Zeit 
in Amsterdam nachweisbar sind. 
Neben diesem einen bezeich- 
neten Bild glaube ich nun zunächst 
in den de Hoogh zugeschriebenen 
Bildern in Frankfm-t und München 
unbedingt dieselbe Hand zu er- 
kennen. Abgesehen vom Gegen- 
ständlichen, wovon ich eine grosse 
Anzahl von Einzelheiten sofort 

übersichtlich zusammenstellen 
werde, möchte ich ganz besonders 
auf die Behandlung des Licht, 
effektes hinweisen: das Licht fällt 
in allen drei Bildern in schräger 
Richtung von links ein und beleuchtet ausser 
einem Teil des Fussbodens ganz besonders grell 
die rechte Zimmerwand. Hierbei zeigt sich fol- 
gendes: Der Stuhl in der Ecke steht zum Teil im 
Schatten, zum Teil im vollsten Licht. Während 
er nun einerseits auf die Mauer einen starken 
Schlagschatten wirft, verursacht andererseits die Ke- 



8) Dieser letzte Buehstube hat unzweifelhaft die Fonu 
eines E, erklart sich aber doch wohl als ein F, dessen unterer 
Strich um ein Bedeutendes zu lang geraten ist. 



JOANNES JANSSENS. 



135 



Üexbeleuchtung dieser Wand einen Schatten des 
Stuhles auf der an sich nicht oder nur weuig be- 
leuchteten Hiuterwand der Stube. Ahnlicli verur- 
sacht auf dem Leipziger und dem Frankfurter Bilde 
die grell beleuchtete Stelle des Fussbodens einen 
Schatten des Tisches an der Hinterwand, ja ich 
glaube sogar beim Stuhl im Hinterzimmer des letz- 
teren Bildes noch einmal diese Erscheinung zu 
beobachten^). Schliesslich ist auch der Reflex dieses 
durch die obere Fensterhälfte einfallenden Lichtes 
auf dem geschlossenen Unterteil der Fenster in ganz 
übereinstimmender Weise auf den drei Bildern wieder- 
gegeben. 

Besteht in dieser virtuosen, mehr künstlichen 
als künstlerischen Behandlung des Lichtefifektes die 
hauptsächlichste Übereinstimmung der Bilder und 
der charakteristische Unterschied von den beglau- 
bigten Bildern Pieter de Hooghs, so werden noch 
mannigfache, an und für sich unbedeutende Einzel- 
heiten, wenn wir sie als Ganzes nehmen, bei der 
Beurteilung der Zusammengehörigkeit der drei Bil- 
der ein nicht unbeträchtliches Gewicht erlangen. 
Ich ordne sie daher in folgender Weise und be- 
zeichne dabei mit A' das bei Kramm erwähnte, mit 
B das Brockhaussche, mit F das Frankfurter und 
mit M das Münchener Bild. 



A' 


B 


F 


M 


wie B 


Inneres eines Zimmers; 
an der Wand Sonnen- 
licht, welches einen ma- 
lerischen Effekt hervor- 
hringt 


wie B 


wie B 





Das Licht fällt von links 


„ B 


„ B 


Hauptfigur eine 
lesende Fi-au 





„ K 


X K 


') 


— 


Sämtl. Figuren 
vom RUcken ge- 
sehen 


„ F 



4) Eine genaue Betrachtung dieses Gemiildes ergiebt 
noch weitere Einzelheiten des gerade hier ganz besonders 
ausgeprägten Spiels des Lichtes. Für die Abbildung ver- 
weise ich auf die vortreffliche Braunsche Photographie sowie 
auf die Radiruug Rissenhardts in dem 17. Jahrgange (1882) 
dieser Zeitschrift. Auch der dort beigegebene Text liefert 
eine gute Charakteristik, zwar nicht de Hooghs, aber Janssens'. 

f)) Die Beschreibung bei Kraram kann, allerdings nicht in 
absolut überzeugender Weise, auf eine ähnliche Scheu vor 
der Wiedergabe des menschlichen Antlitzes gedeutet werden: 
die alte Frau liest, ist also vielleicht in ähnlicher Haltung zu 
denken wie auf F und M; die Magd im Vordergrund kommt 
zu ihr und bietet ihr Apfelsinen an, ward also Wdlil rbcn- 
falls mehr oder weniger vom Rücken gesehen. 



wie B 

(zweimal) 



Zwei Fenster, unten ee- 
schlossen, oben herem- i 

fallendes Sonnenlicht 
Eine Reihe Delfter Zie- 
gel unten au der Wand 

herumlaufend 
Die Stühle mit rotem 
Leder überzogen und 
mit gelben Knöpfen ver- 
sehen 

Der Spiegel befindet 
sich zwischen den bei- 
den Fenstern 

Die Form der oberen 
Scheibenreihe, sowohl 
des erleuchteten als des 

dunkeln Fensterteils 
Die Form des Fenster- 
kreuzes 
Der Koffer mit grünem 
tjberwurf zwischen den „ B ■"•) 

zwei Stühlen rechts 

Die steife Behandlung 

der Tischdecke und ihres 

Faltenwurfes 

Die Anwesenheit einer 
Schale mit Apfelsinen, 



Bei einer so grossen Anzahl übereinstimmen- 
der Punkte, wie ich im vorhergehenden sowohl in 
der Hauptsache als auch im Nebensächlichen auf den 
vier Bildern angezeigt zu haben glaube, wird es 
schwer fallen, an der Identität der Urheber zu zweifeln. 
Wir sehen somit einen bisher unbekannten Meister 
in die holländische Malerschule eintreten, der, wenn 
er auch in vielen Beziehungen den Stempel der Nach- 
ahmung und der damit verbundenen Eifekthascherei 
an der Stirne trägt, dennoch in Bezug auf die Zeit, 
worin er lebte, ein tüchtiger Meister genannt zu wer- 
den verdient. 

Wenn ich hier in gedrängter Form meine An- 
sicht über die besprochenen Bilder dem Urteile der 
Kunstforscher möglichst schnell unterbreiten wollte, 
so behalte ich mir vor, — die Zustimmung der 
Kenner der holländischen Schule vorausgesetzt — 
die Konse(pienzen des hier Gegebenen weiter zu ver- 
folgen und eventuell das Werk des .1. Janssens zu be- 
reichern. 

Leipzig, November 1889. 

COliN. nOFSTEDE DE OUUOT. 



0) Der Lielienswiirdigkeit des Herrn Konservators A. 
Bayersdorfer in München verdanke ich die Mitteilung, dass 
auf M die Farbe des Stuhlüberzugs brannrot, die der Koft'er- 
decke liraungrün ist, sowie dass B, trotz der geringeren 
lioloristischen Wirkung, durchaus dieselbe Mache zeigt wie M. 




Die Fiudiiug Mosis. — Gemälde vou TiEPOI.O. 



DIE SCHOTTISCHE NATIONALGALERIE IN EDINBURG. 



MIT ABBILDUNGEN. 




XTER den Ijritischen Galerien ist 
die schottische in Ediuburg wenig 
bekannt; sie verdient aber nm 
einer Reihe trefflicher Bilder willen 
eine nähere Belenchtnng. Ihre An- 
fange datiren etwa vom Beginne 
dieses Jahrhunderts. Damals gab es in Schottland 
eine Gesellschaft, welche den Namen Board of 
Trustees for Manufactures führte und zunächst nnr 
die Förderung der Industrie im Auge hatte. Nach 
und nach aber wechselte das Ziel dieser verständig 
und klug geleiteten Gesellschaft, und diese wandte 
sich mehr der Wissenschaft und der Kunst zu. Sie 
eröffnete eine Kunstschule, welche für Schottland 
eine ähnliche Bedeutung erlangte, wie die Schulen 
der Königl. Akademie. Die im Jahre 1824 erfolgte 
Gründung der englischen Nationalgalerie weckte in 
Sdiottland den Gedanken einer ähnlichen Gründung 
und der Board of Trustees schien dazu berufen, 
diese Anregung zu verfolgen, zumal im Lauf der 
Jahre seine Mittel nicht unerheblich gewachsen 
waren. Aber erst im Jahre 1847 reifte der Plan 
aus und die genannte Gesellschaft vereinigte sicli 



mit dem Schatzamt zur Erbauung eines Museums, 
welches 1858 in Edinbnrg als schottische National- 
galerie eingeweiht wurde. 

Für das neue Gebäude waren auch schon eine 
Reihe Bilder vorhanden. Eine zweite Gesellschaft, 
die unter dem Titel Royal Institution sich der Pflege 
der Kunst und Wissenschaft widmete, hatte seit Be- 
ginn des Jahrhunderts eine Bildersammlung zu- 
sammengebracht, welche nun mit Unterstützung der 
Finanzkammer dem neuen Hause zugeführt wurde. 
Sie bildete den Kern der jetzigen Galerie, die bald 
durch Vermächtnisse und ausserordentliche Zuwen- 
dungen zu ihrer heutigen Grösse anwuchs. 

Regelmässige Staatszuschüsse blieben der schotti- 
schen Natioualgalerie freilich versagt; das Parlament 
war in diesem Punkte von einer unbilligen Spar- 
samkeit, unbillig, weil es der englischen und irischen 
Nationalgalerie Geld für Ankäufe zur Verfügung 
stellte, die schottische aber sich selbst überliess. 
Trotz dieser Schwierigkeiten besitzt aber diese Samm- 
lung manchen begehrenswerten Schatz, der den Be- 
such der Galerie lohnend macht. 

Die italienische Malerei ist in fast zu starkem 



DIE SCHOTTISCHE NATIONALGALERTE IN EDINBÜRG. 



137 



Maasse durch Werke der ueapolitanisclien, spätrömi- 
scheu und bolognesisclien Schule vertreten, welche 
noch von den Leitern der oben erwähnten Ivoyal 
Institution in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts 
erworben wurden, als Guido Reui dem Raftael noch 
gleichgeschätzt wurde. Von Guido Reni selbst ist 
kein Bild von besonderem Reize vorhanden; be- 
merkenswert ist allenfalls eine Venus mit den Gra- 
zien, während ein auf seinen Namen getauftes Ecce 
homo nicht echt ist. Von Reni's Rivalen Domeni- 
chino besitzt die Sammlung zwei vorzügliche Stücke, 
ein Martyrium des hl. Andreas und eine Landscliaft. 



nach Giovanni Bellini's Bachanal in Alnwick von 
der Hand L. Poussins, durch einige dem Tizian zu- 
geschriebene Werke, zwei angebliche Giorgione's, 
einen Pordenone, einen Jacopo Bassano, P. Veronese 
und Tiepolo repräsentirt. Tixicuis Landschaft (324) 
ist von beglaubigter Herkunft und stammt aus des 
Meisters Atelier, rührt indessen wohl von einem 
Schüler her, wahrscheinlich von einem Vlamäuder. 
Die unter Tizians Namen aufgeführte Ariadue ist 
eine Kopie von N. Poussin. Die an beiden Seiten 
ergänzten Streifen, welche vermutlich abgeschnitten 
worden sind, hat /?. Eft>j ergänzt, der das Bild eine 




GemälJe von Hobbema 



Ferner begegnen wir einem interessanten Bilde des 
Mailänders Bernazzano, in dessen Landschaften 
Cesare da Sesto die Staffage gemalt hat. Die Bil- 
der des genannten Meisters sind selten; in Mailand 
(Sammlung Scotti Galanti) Ijefindet sich eine Taufe 
Christi von C. da Sesto, zu welcher Bernazzano die 
schöne Landschaft gemalt hat. Im Vordergrunde 
zeigen sich einige fressende Vögel, von denen Lanzi 
erzählt, sie seien von den Vögeln für natürliche ge- 
halten worden, als man das Bild im Freien aufstellte, 
so dass sie herzugeflogen seien, um an der Mahl- 
zeit teilzunehmen. 

Die venezianische Schiüe wird durch eine Kopie 



Zeitlang besass. Das Ganze ist mit altem Firnis 
bedeckt, der seine Durchsichtigkeit bewahrt hat und 
dem Werke eine Farbenglut gielit, die man bei 
Poussin selten findet. Die Behandlung dagegen ist 
ganz Poussins Eigentum, die der von Tizian nirgends 
ähnlich ist. Der Mangel an Impasto, die harte Kontur, 
die Art des Faltenwurfs, das Frostige der kalten Töne 
ebenso wie das lebhafte Feuer der warmen weisen 
auf Poussin hin und widerstreiten dem Gedanken, 
dass Tizian die Leinwand berührt haben könne. 
Nahe bei der Ariadne hängt ein verputztes Bild, 
den Kopf eines Bogenschützen darstellend, das dem 
Giorgione zugeschrieben wird, aber möglicherweise 



,:,8 DIE RCHOTTTSCTIE NATIONAI/JALEUIE IN EDINBURG. 

I'alnui Vecchio augehört. Dif Ijeldou anderu so- Tizian, bald für Palma, Pordenone und eineu der 
o-euannteu Gior-nones haben mit diesem Meister HoiiiCazios gehaltenes Bild aus der Sammlung B«lb, 




Läiulliclies Fest. — Gemälde von Watteau. 



nichts zn schaffen, sondern sind untergeordnete Er- zweifellos ein Jacopo Bassano, dessen Bilder oft 
Zeugnisse der venezianischen Schule. Von dem Por- unter anderen, berühmteren Namen gehen. Zw« 
denone gilt dasselbe. Dagegen ist ein bald für Porträts von demselben Bassano (No. 321 und o27) 



DIE SCHOTTISCHE NATION ALGALEH IE IN EDINBURG. 



i:w 



sind richtig beuaimt. Die übrigen Venezianer, 
welche erwähnt zu werden verdienen, sind P. Vcvo- 
ncsc und Tkpolu. Von jenem befindet sich ein be- 
deutendes Bild ,Mars und Venus" in der Sammlung. 
Es ist ein Dekorationsstück, das den Meister der 
Komposition nicht so sehr erkennen lässt; aber in 
der Tiefe des Tons und der Schönheit der Figuren 
und der Lauterkeit ihrer Erscheinung zeiclmet sich 
das Bild vor manchem berühmten Stück des Meisters 
aus. Der Tiepolo, dessen Abbildung beigegeben ist, 
hat eine grosse Ausdehnung, von nahezu zwölf Fuss 
Länge und mehr als sechs Fuss Höhe. Das Kolorit 
ist hier kühler als manches der Werke Tiepolo's, 
iiber die Grösse der malerischen Konzeption und die 
Kühnheit und Leichtigkeit der Behandlung begründen 
aufs neue den wiedererwachten Ruhm des Künstlers 
als des letzten der grossen Venezianer. Die über- 
triebene Höhe der Hauptfiguren giebt der Vermutung 
Raum, dass das Werk für einen sehr erhöhten Stand- 
ort gemalt war. 

Von den übrigen italienischen Schulen ist wenig 
Bemerkenswertes vorhanden; wir nennen zwei Garo- 
falo's, die nicht gerade bedeutend sind, eine alte Kopie 
eines Lorenzo di Credi, eine Gruppe aus der Kon- 
stantinsschlacht, die aber nicht von Raffael selbst 
gemalt, sondern eine Copie, wahrscheinlich von Sal- 
vator Rosa, ist. 

Nach denitalienern kommen dieholländischenund 
vlämischeu Meister in Betracht. Die Holländer sind nicht 
zahlreich, aber Aveiseu einige gute und einige seltene 
Stücke auf. Eine bedeutende Landschaft von Jan Both 
(Nr. 528) ein Älrolaus Derchcm (Landschaft mit Vieh am 
Wasser), welcher leider etwas gedunkelt hat, ein guter 
Karcl du Janlin „Halt vor einem italienischen Wein- 
hause" (Nr. 505), eine Waldscene von Adam Pinackcr 
sind von den niederländischen Meistern zu nennen, 
welche italienischen Einflüssen unterlagen. Von den 
grossen Meistern, die ihre ganze Kunst der heimi- 
schen Umgebung verdanken, haben Hobbema und 
W. V. d. Velde ihren Weg in das Edinburger Museum 
gefunden. Von den beiden Ilobbcma's ist der kleinere 
echt und unversehrt, der andere grössere, dessen Ab- 
bildung wir beigeben, nicht ganz zweifelsfrei. Die 
hochgewachsenen Bäume der linken Seite sind nicht 
in des Meisters Art, dessen Hand jedoch an anderen 
Stellen des Bildes erkennbar ist. Die Namenszeich- 
mmg M. HOBBIMA F. 1653 (?) sieht den echten 
sehr ähnlich, ist aber eine Fälschung. Erwähnens- 
wert ist noch ein Bild des seltenen IL Ten Ocver, 
das hier lange Zeit für Cuyp galt. Der Künstler 
malte sonst nur Porträts; das gegenwärtige Stück 
ist gewissermassen auch ein Porträt, denn es 



scheint die genaue Ansicht einer holländischen Stadt 
zu sein. Im Vordergrund baden seclis wunder- 
liche Gestalten, die man ebensogut für Männer wie 
für Weiber halten kann. Der Name Jacob Bui/sdaek 
kommt zweimal vor, beidemale echt; eine schöne 
poesievüJle Skizze von licmbrandt, ein guter Baclv- 
liai-.fn, ein beschädigter und ausgebesserter J'f« .Sfeot 
zwei schöne Bildnisse von F. Hals aus dem Jahr 
IG4Ü bilden die Hauptstücke der Sammhmg, soweit 
sie aus Holland stammt. 

Von den vlämischen Meistern ist eigentlich nur 
Van Dyck zu nennen, dessen grosses, acht Fuss im 
Geviert umfassendes Bild der Familie Lomellini 
eines der Glanzstücke der Sammlung bildet. Es 
wurde von der oben erwähnten Royal Institution 
erworben und stellt den Marchese Lomellini mit 
Frau und zwei Kinderu dar. Wie viele von Van 
Dycks genuesischen Malereien, ist es in den Schatten 
schwarz geworden, doch besteht es neben Lord Cow- 
pers „Kinder der Familie Balbi" und anderen Meister- 
werken aus den Jahren 1623 — 26. Ausser diesem 
Werke weist die Galerie noch z-wei Bilder Van Dycks 
auf, das Bildnis eines gerüsteten Mannes (in Genua 
aus der Sammhmg Gentili erworben) und ein Mar- 
tyrium des h. Sebastian. Mit Smjders, Fyt und Jor- 
dacns erschöpfen wir die Namen der noch bemer- 
kenswerten Vlamänder, von denen sich hier Werke 
eingefunden haben. 

In der kleinen französischen Abteilung ragt vor 
allem das berühmte „Ländliche Fest" hervor, eines 
der besten Bilder IVaflcait'.',: Es befand sich früher 
in den Sammlungen Julienne und Randon-de-Boisset 
kam dann in Besitz der Lady Murray, welche das 
Bild dem Board of Trustees vermachte. In den 
letzten Jahren ist das Bild gereinigt worden und 
sieht nun kalt und rauh aus. Eine genaue Prüfung, 
die wenige Wochen vorher vorgenommen worden 
war, ergab, dass an der Malerei nichts verändert 
worden ist. An Leuchtkraft hat das Bild etwas ver- 
loren, aber au Haltung nichts eingelmsst. Das Bild 
ist, was die Komposition anlangt, vielleicht das glück- 
lichste von Watteau's Werken und was die Wahl 
des Gegenstandes betrifft, der das Phantastische mit 
dem Realen, die Natur und die Menschen so wohl 
in sich vereint und verbindet, so hat es schwerlich 
seines Gleichen. Der Glanz, welcher, wie zu hoffen 
ist, dem Bilde nur für einige Zeit genommen ist, 
findet sich auf einem anderen Bilde Watteau's „Schäfer 
und Schäferin mit einem Vogelnest" in voller Stärke. 
Von den übrigen französischen Meistern, welche Er- 
wähnung verdienen, sind nur noch üreuxc, Courtois 
und Gaspar Dughet zu nennen. {Mayaxine of Art.) 



110 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



— n. /'('/■ l'iniii für Oriyinah-mlirung in Berlin be- 
wi'ist mit seinem soolicn erschienenen IV. Hefte einen wesent- 
lichen Fortschritt gegen die vorhergegangenen. Es werden 
darin neun vortreffliche Leistungen geboten, von denen wir 
das Blatt von Kro.'sleifit.\, Wohnhaus am Tosilijjpo, den 
Losern dieser Blätter vorzuführen in der Lage sind. Es ziert 
den Titel des Heftes und ist mit gewohntem Gesohiok und 
Fleiss gearbeitet. Ein neues Mitglied des Vereins ist C. TT' 
Allcrs, der eine „Kunstpause" beigesteuert hat (ein Clown, 
der seine Suppe kocht, mit einer topfguckenden vierjährigen 
Artistin als Publikum), die ihre Verwandtschaft mit den 
Cirkusbildern von Allcrs nicht verleugnen kann. M'illi. Feld- 
iiiaiin giebt einen Abend in Westfalen, Hoffmaiin von FuUcrs- 
Icbcii eine Winterlandschaft, H. KohncH eine Wasserfahrt im 
Si)reewalde. Ad. Menxds „Italienisch lernen" zeigt uns einen 
Reisenden in einer Osteria, der eben seinen ersten Fiaschetto 
geleert und von der dienstthuenden Magd mit dem zweiten 
versehen wird. Daneben ist ein struppiger, wohl bettelnder 
Gesell bemüht, sein Taschenmesser aufzuklappen, um sich 
ans Vertilgen der delikaten Knoblauchzwiebeln zu machen. 
Es ist ein mit aller Menzelschen Freiheit und Kühnheit ent- 
worfenes Blatt voll urwüchsigsten Humors, das allein schon 
die Kosten des Heftes lohnt. Skarbina zeigt uns auf dem 
.Kunst und Kritik" betitelten Blatte ein zeichnendes Mädchen 
an einem Tische mit dem zuschauenden jüngeren Bnider, der 
die Kritik vertritt. Das Blatt sollte wohl eine Art Freilicht- 
radirung sein oder den Versuch machen, das Plein-air in Radi- 
rung zu übersetzen. Die aufgehellten Schatten, die hellen 
Lichtkanten, der Fensterausschnitt am Hintergi-unde deuten 
wenigstens darauf hin. Der Versuch ist nicht völlig geglückt, 
weil man dem Blatt die Mühe ansieht, die es kostete; Skar- 
bina ist sonst sicherer, hier hat er getastet, und so vortrefl'- 
lich seine Zeichnung immer ist, so hat er doch auf dem Ge- 
biete der Radirung das Virtuosentum noch nicht erreicht, 
wie auf dem Gebiete der malerischen Technik. Das Seebild 
von F. Sturm ist geschickt ausgeführt, etwa wie eine Nach- 
bildung eines Gemäldes von B. Peters. Es stellt die Hafen- 
einfahrt in Wismar dar und ist in allen Partien gleich gut 
behandelt. Als besondere Zugabe ist endlich die Porträt- 
radirung von 0. Eilers, den 72jährigen Menzel darstellend, 
rühmend hervorzuheben, eine prächtige Leistung des bekannten 
Meisters. Das ausdi-uoksvolle Antlitz des bedeutenden Mannes 
spi'üht von Leben und Geist und lässt uns den tiefen Ernst 
imd die mächtige Energie des Dargestellten erraten. Dieses 
Bildnis ist, was Auflassung und Ausführung anlangt, vielleicht 
das beste, was dem Radirer Eilers je gelungen ist; er hat 
sich hier von der Kupferstichmanier fast völlig frei gemacht 
und ein auch technisch tadelloses Blatt geschafl'en. 

Aus dem Wiener Kimstlerhause. Die diesjährige Aus- 
sfclhiMj des Aquarellistenlduhs ist im ganzen genommen we- 
niger reichhaltig als ihre Vorgängerinnen; sie ist in zwei 
Räumen, ziemlich dünn gesäet, untergebracht, macht aber 
dennoch in Folge des gefälligen Arrangements einen i-echt 
freundlichen Eindruck. Neben einer Anzahl bekannter Wie- 
ner Meister, die als Begründer und Vorstände des Klubs 
selbstverständlich bemüht sind, ihr Bestes zu bieten, behaup- 
tet aber diesmal auch ein im Vorjahr Zurückgewiesener oder 
zum mindesten halb Zurückgewiesener, nämlich Aagusto 
Bompiani, kühn seinen Platz in der ersten Reihe. Der ver- 



stossene Sohn ist mit einer Schar herrlicher Weiber vor den 
verschlossenen Pforten erschienen und hat damit wieder Ein- 
lass gefunden und wohl mit Recht. Obschon wir uns zur 
Zeit keineswegs für das am Eislaufplatz Ausgestellte er- 
wärmen konnten, freut es uns zu konstatiren, dass Boinpiaiii 
sich rehabilitirt hat; seine Schwächen liegen nicht im Können, 
sondern in zeitweiliger Flüchtigkeit. Zunächst sind sodann 
vor allem ein farbenprächtiger Kopf von Passini (Bildnis 
Prof. H. V. Angeli's) ein liebreizendes Kinderporträt (Pastell) 
von Fröschl und mehi'ere fein durchgeführte Aquarellbildnisse 
von Josefine Sicoboda zu nennen. F. Skarhinas Farbenskizzen 
sind mit seinem vollendeten Realismus von der Natur abge- 
sehrieben. Fnyc.lhart hat in seinem „Wiener Fiaker" ein 
gelungenes Gegenstück zur ,Frau Sopherl" geliefert. Von 
den Italienern fallen die Arbeiten von Silrio Eotta und C 
Bcdini vorteilhaft auf. In der Architektur glilnzt diesmal 
Bild. Bcrnt mit einer Serie von prächtigen Bildern aus Istrien, 
namentlich malerischen Motiven aus Pola, Rovigno und Capo 
d'Istria. Daran reiht sich Hans Ludiviij Fischer mit einem 
eflektvollen Winterbilde „der Albrechtsplatz in Wien" und 
einer stimmungsvollen Ansicht von Amalfi. Im rein Land- 
schaftlichen stehen E. Zetsehe und Ilmjo Dariuiiit allen an- 
deren voran. Von ersterem sind ungemein malerische Motive 
der „Burg Guffidaun bei Klausen in Tirol" ausgestellt, von 
letzterem ein Flachlandmotiv mit reizenden Baumgruppen. 
F. Ettore Eoessler brachte originelle Motive aus der Villa 
d'Este bei Tivoli, und H. Tomak ein grosses Gouachegemälde 
mit einer malerischen Partie aus Prag. Eine Reihe trefilicher 
Bilder von Landschaften und Blumen hat auch Marie Etjiier 
geliefert, und als feinfühligen Zeichner mit Blei und Feder 
lernen wir .Jos. Sturm (Rudolfswert) kennen; von schöner 
Wirkung sind besonders seine Stiftzeichnungen in Nacht- 
und Abendstimmung. Einen grösseren Cyklus von Tusch- 
und Federzeichnungen hat E. r. Luttich ausgestellt; sie 
illustriren die poetische Erzählung „Der Abt von Fiecht" von 
Carl Domanig und sind für die Vervielfältigung bestimmt. 
Der Künstler zeigt in seinen Darstellungen eine erfi-euliche 
Schwenkung vom Kalt-Stilistischen zur Natur. 

Auktion kunstf/eiccrblicJicr Gcijmstündc. Antiquar Kas- 
par Baiigg in Augsburg hält am 24. und am 25. Februar 
eine Auktion von alten Münzen, Ölgemälden, Waffen und 
Kunstgegenständen in Eisen, Silber, Gold und Elfenbein. 
Die Gemälde etc. waren seinerzeit im Besitze des 1796 im 
Stifte zu Prien verstorbenen Priors P. Maurus Sellmayr. 

Zu dm Kunstblättern. Das diesem Hefte beigegebene 
Kupferlichtbild nach Wouiverman, die Hufschmiede betitelt, 
ist eine Nachbildung des Bildes Nr. 272 der Leihausstellung 
zu Leipzig, das aus der Sammlung Schubart in Dresdenstammt. 
Wir wei-den die interessantesten Stücke dieser Ausstellung 
den Lesern dieser Zeitschrift in Heliogravüren vorführen. — 
Die „Andacht im Walde" nach H. Saleiitins anmutigem 
Bilde radirt von C. Forberg ist als Probe dem Werke von 
A. Boseiibcrg über die Düsseldorfer Malerschule entnommen, 
das wir in Heft 3 (S. 80) des neuen Jahrgangs erwähnten. 
Sal entin war bis zu seinem 28. Jahre Hufschmied, ehe er 
sich in Düsseldorf bei Schadow und Sohn und später bei 
Tidemann der Kunst widmen konnte. Er ist seit Ende der 
fünfziger Jahre durch zarte, fein durchgeführte Genrebilder 
bekannt. 



Herausgeber: Garl von IMxoiv in Wien. 



- Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers E. A. Seemann. 
Druck von August Pries. 




il K;il>>nljn Ji 



ANDACHT IM WALDF, 



Vorlag V E. A.Seemaiin mleipzi|- 



Druck V. F A.ErockhaMi 



JUSEPE DE RIBERA. 

VON KAHL WüEiaiANX. 
MIT ir.LUSTRATIONEN. 




M 12. .huiuar 1888, dem dreilum- 
dertsteu Geburtstage Ribera's, fand 
in Valencia die feierliche Ent- 
hüllung des von dem Ijcrülimten 
spanischen Bildhauer D. Mariano 
Beulliure entworfenen lebens- 
vollen Denkmals des ernsten, eigenartigen valenci- 
anischen Meisters statt, den die spanischen Kunst- 
liebhaber der Gegenwart, wie 
einer von ihnen ausdrücklich 
bezeugt, neben Velazquez und 
Goya als den grössten Künstler 
ilires Volkes verehren. Es muss 
eine erhebende Feierlichkeit 
gewesen sein. Glückwünsche 
liefen von allen spanischen und 
einigen auswärtigen Kunstge- 
nossenschaften — z. B. der 
römischen — ein; Lorbeer-, Ol-, 
Kosen- und Kamelienkränze 
wurden am Denkmal nieder- 
gelegt; in begeisterten Reden 
und Aufsätzen brachten die 
Spanier es sich wieder einmal 
zum Bewusstsein, dass auch 
sie Künstler von Weltbedeu- 
tung ihre Landsleute nennen. 
Die übrige Welt nahm an 
iler Ribera-Feier nicht einen 
solchen Anteil, wie die wirkliche 
Bedeutung des Meisters es hätte ^ 
erwarten lassen. Besonders in 
Deutschland blieb sie fast ganz 

ohne festlich Ijedentsamen Widerhall. Doch ging das 
Jahr 1888 hier nicht ohne eine glänzende, wenn auch 
mit dem Feste in keinem Zusammenhang stehende 
Huldigung für den Meister zu Ende. Carl Justi räumte 
ihm einen würdigen Platz am Sockel des grossartigen 
kuustgeschichtlichen L^enkmals des Velazcjuez ein, 
welches er in jenem Jahre der Öffentlichkeit übergab. 

Zeitsi;hrift für biUleiule Kunst. N. F. I. 



Staudbild ilinERA's iu Valencia 



Da aber Justi es selbstverständlich niclit als 
seine Aufgal)e angesehen hat, Ribera in seinem 
Werke üljer Velazquez von allen Seiten zu beleuch- 
ten, so bleibt auch nach .seiner markigen und zu- 
treffenden Charakterisirung des Meisters noch man- 
ches über ihn zu sagen übi-ig; und da die Verehrung 
bedeutender Künstler nicht an Tage und Jahre ge- 
bunden i.st, so werden die Leser dieser Blätter sich 
auch etwas nach dem Feste 
noch gern die Bedeutung eines 
Meisters vergegenwärtigen las- 
sen, dem Spanien jetzt neben 
dem Denkmal in Valencia noch 
ein zweites in seiner Vaterstadt 
Jätiva errichtet. 

Eine erschöpfende Behand- 
lung Ribera's ist freilich auch 
in dem an dieser Stelle zur 
Verfügung stehenden Rahmen 
niclit möglich; auch hier kann 
nur in kurzen Zügen ein Lebens- 
bild des Meisters entworfen 
und zugleich die Aufmerksam- 
keit der Fachgenossen auf 
einige bisher nicht genügend 
aufgeklärte Fragen in Bezug 
auf Ribera's Leben und Schaf- 
fen gelenkt werden. Eine er- 
neute Prüfung der italienischen 
und einiger bisher überliaupt 
kaum berücksichtigter spani- 
schen Quelleuberichte wird 
einiges in der That in neuem 
Lichte erscheinen lassen. 

„Von der Paiteieu Gunst und Hass verwirrt, 
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte". 

Riberas bahnbrechende Bedeutimg flu- die rea- 
listische Malerei des ganzen Südens ist freilich kaum 
jemals bestritten worden. Seine gründliche Kennt- 
nis der Formen und seine Meisterschaft in ihrer 

l'J 




142 



JUSEPE DE RIBERA. 



Wieiler<!;abi' mit der Nadel wie mit ilciu Pinsel ist 
von jeher aiierkiinnt worden. Sciion im 17. uml 
IS. .lalirhundert erschienen Zeichenvorlagen l'iir 
Künstler, welche teils aus Nachhilduntfcn seiner 
eiifeuen, offenbar zu dem gleichen Zwecke entstan- 
denen Radirnngen {Hartsrli, XX, p. 77 — 88, N. 15, 
l(>, 17), teils ans Nachzeichnungen nach einzelnen 
Teilen seiner Gemälde und Radirnngen zusammen- 
gestellt waren. Vor allen Dingen aber verstummte 
Jeder Tadel vor der Wucht, Breite und Kraft seiner 
in voüstein Farhenauftrag schwelgenden Pinsel- 
tlilirnng, welche, besonders bei der Dai-stellung des 
nackten Fleisches, der Natur in allen ihren Eben- 
heiten nnd Unebenheiten folgte und die Oberfläche 
der Haut mit allen ihren Poren, Falten, Runzeln und 
Haaren in breiter Auffassung so naturgetreu und leben- 
dig wiedergab, wie man er, noch nie gesehen hatte. 
Unser Sandraii lobt seine „fürtreffliche Manier zu 
malen". Ribera's Enkelscliüler Paalo ilc MaHcis aber 
fasste sein Staunen über die Gewalt der realistischen 
Malweise des Meisters in die Worte, seine Pinsel- 
striche schienen sich, der Rundung der Muskeln 
folgend, selbst zu runden: „che par che girino le 
]ieunellate a misura che girano i muscoli"; und sogar 
in der klassizistischen Zeit des vorigen und des 
jetzigen Jahrhunderts hat kaum ein Kenner die 
Grossartigkeit seiner Malweise herabzusetzen gewagt. 
Selbst Rapharl Mcnys mischte seinem Lobe der Pinsel- 
lührung des Meisters nur einen leisen Tadel bei. 
Lanxi, Fiorillu, Nagler, welche das Urteil ihrer Zeit 
widerspiegeln, sind voU des Lobes seiner maleri- 
schen Technik. Von den späteren Kritikern der 
strengeren Richtung erkennt Ku/jlcr zwar nur halb 
widerwillig die Meisterschaft seiner Darstellungs- 
weise au, Jak. Jlnrrkhardt aber sagt wenigstens im 
Vergleich unseres Künstlers mit den übrigen italieni- 
schen Meistern dieser Richtung: „Der Beste ist stets 
liibera". 

Weit verschiedener und im allgemeinen weit 
ungünstiger hat bis in die neueste Zeit herein da,s 
Urteil über den geistigen künstlerischen Gehalt der 
Werke Ribera's gelautet. Man fand ihn roh und 
brutal. Man ging, ohne sich die Gesamtheit seiner 
Werke, die das Gegenteil beweist, zu vergegenwär- 
tigen, von der vorgefassten Meinung aus, Ribera 
habe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur 
Henker- und Marterscenen oder doch hässliche, 
runzlige alte Heilige dargestellt. Man schob die 
Kimstrichtung des Meisters auf eine angebliche per- 
sönliche Vorliebe für das Hässliche, Schreckhche 
und Grausame, ohne zu bedenken, dass die ganze 



kirchliche Kunst des siebzehnten Jahrhunderts, von 
den Bestrebungen der Gegenreformation geleitet, 
ilurch die Darstellung der Martyrien der Heihgen — 
und zwar durch ihre möglichst packende, eindring- 
liclie, von selbst zum Realismus führende Darstellung 
— die Gemüter der Gläubigen erschüttern und er- 
heben, die verhärteten Herzen der Ketzer erschrecken 
und bekehren wollte, und ohne daran zu denken, 
dass, dementsprechend, ganz abgesehen von den Dar- 
stellungen aus der Leidensgeschichte des Heilands, 
die von jeher Geraeingut der christlichen Kunst ge- 
wesen, schon Tizian die Martyrien Johannes des 
Täufers, des heil. Lorenz und des Petrus Martyr, 
schon Paolo Veronese, ausser dem zu allen Zeiten 
beliebt gewesenen Martyrium des heil. Sebastian, die- 
jenigen der heil. Justina und des heil. Georg gemalt 
hatte, dass von den Meistern, die als die Gegen- 
füssler Ribera's bezeichnet werden, selbst die Ca- 
racci eine Reihe von Marterbildern geschaffen hatten, 
Guido Reui die Kreuzigung Petri mit realistischer 
Absicht darstellte und gerade Domenichino, den 
man in den grossten künstlerischen Gegensatz zu 
Ribera zu bringen liebt, die Todesqualen des heil. 
Andreas, der heil. Cäcilie, des heil. Petrus Martyr, 
des heil. Franciscus, der heil. Agnes, des heil. Hie- 
ronymus und noch anderer Heiligen schilderte, also 
nicht viel weniger Marterdarstellungen schuf als sein 
angeblicher Gegner selbst, ja, dass Ribera's schreck- 
lichste Folterbilder übertroffen werden von den 
Schrecken, die Rubens in seiner Marter des heil. 
Lievin, Poussin in seiner Hinrichtung des heil. Eras- 
mus dargestellt hat. 

Aus der vermeintlichen Vorliebe Ribera's für 
die Darstellung von Schreckensscenen schloss man 
dann aber auch weiter auf seinen j)ersünlichen 
Charakter, in welchem mau ein Gemisch von Hoch- 
mut, Neid, Hass, Verfolgung.ssucht und Grausamkeit 
erblickte; und man machte sich ein Lebensbild des 
Meisters zurecht, welches uns in dunklen B^arben 
vor Augen führen soUte, dass Hochmut vor den 
Fall kommt und dass eine Bosheit und Roheit, die 
selbst vor dem Morde nicht zurückschreckt, schliess- 
lich mit dem elendesten Ende, mit Verzweiflung und 
Selbstmord gesühnt zu werden pflegt. 

Von den alten Schriftstellern, die wir als Quellen 
für die Lebensbeschreibung Ribera's ansehen müssen, 
hat der älteste, Joarliini von Sandrart, der ihn 1634 
in Neapel besuchte und zufällig nur Schreckens- 
darstellungen seiner Hand gesehen zu haben scheint, 
in seiner „Teutschen Akademie" (Nürnberg 1675, 
11, S. 191) am meisten dazu beigetragen, Ribera in 



JUSEPE DE RIBERA. 



143 



erster Linie als Maler von Folterbildern in die Kunst- 
gescliiclite einzuführen. Aber er ist weit entfernt 
davon, hieraus Rückschlüsse auf Riberas persön- 
lichen Charakter zu ziehen. Er bezeichnet ihn 
geradezu als höflichen Mann. Der Spanier Palumino 
y Vr/asro, den freilich die zahlreichen Bilder hchterer 
Art de.s Meisters, die ihm in seinem Vaterlande vor 
Augen standen, nicht auf den Gedanken bringen 
konnten, ihm eine Vorliebe für das Grausige zuzu- 
schreiben, lässt ihm in seinem „Museo Pictorico" 
(Madrid 1724, p. 310—313) in aUen Stücken Ge- 
rechtigkeit vyiderfahren und giebt zvi verstehen, dass 
er, allgemein betrauert, in hohem Ansehen in Neapel 
gestorben sei. L'mi. de Bnmiiiici endlich, der seine 
„Vite dei Pittori etc. Napoletaui" (Napoli 1742, 111, 
p. 1 — 24) zwanzig .fahre nach Palomino schrieb, 
nimmt zwar als echter Neapolitaner an der Kunst- 
richtung des Meisters nirgends Anstoss und ist so- 
gar ein begeisterter Lobredner jedes einzelnen seiner 
Bilder, das er beschreibt, weiss aber seinen Chai'akter 
nicht schwarz genug zu malen und hat am meisten 
dazu beigetragen, die Lebenslieschreibung Ril>era"s 
in Verwirrung zu Ijringen. 

Oljgleich nun Cean Bennvdez in seinem „Dic- 
cionario histörico" (Madrid 1800, IV, p. 184—1(14) 
weiteren Kreisen eine gereinigte Darstellung des 
Lebens des Meisters zugänglich gemacht hat, pflan- 
zen sich durch die meisten Biographien und novel- 
listischen Darstellungen, die in unserem Jahrhundert 
über Ribera erschienen sind, uocli eine Reihe der 
Irrtümer und schiefen Auffassungen Domiuici's fort. 
Eine richtigere Gesamtauffassung des Meisters hat 
in Deutschland wohl zuerst M. Umjcr in seinen 
-Kritischen Forschungen" (Berlin 18(55, S. 159—173) 
kurz angebahnt. Ihm folgte 0. Fisennwiin in seiner 
Behandlung des Meisters in Dohma's „Kunst und 
Künstler", während gleichzeitig andere für einen 
weiteren Leserkreis Ijerechnete Bearbeitungen mit 
grosser Zähigkeit an alten L-rtümern festhalten und 
1880 ein mit Recht gelobter Roman aus der Feder 
eines unserer begabtesten jüngeren Dichter erschien, 
in dem das Bild des Schreckens-Ribera, welcher 
seine Nebeulmhler vergiftete und sich selbst das 
Leben nahm, noch einmal die jioetische Weihe 
empfing. 

(ileich an den Geburtsort und das Geburtsjahr 
Ribera's haben sich längere Zeit Streitfragen ge- 
knü))ft. Während er nach rnJonihio um 1588 in 
.lätiva, einem lioch über den Palmenhainen der 
valenciauischen Ebene thronenden befestigten Berg- 
städtcheu, dem Setabis der alten Römer, geboren 



war, hatte der Canoiiico tjirlo ('clniut m seinem in 
zehn Tagewerke eingeteilten Fremdenführer „Notitie 
di Napoh" (Neapel 1092, II, p. 99—100) schon 
längst die Behauptung aufgestellt, Ribera sei von 
spanischen Eltern in der neapolitanischen Stadt Lecce 
geboren; und Domlnici berichtigte dies dahin, seine 
Vaterstadt sei Gallipoli in der Provinz Lecce, sein 
Geburtsjahr 1593. Zu den Angaben I'alomino's 
kehrte man ziemlich allgemein, wenn auch zum Teil 
nur frageweise, zurück, seit ( 'ean Bermi/dez sie durch 
die Mitteilung gestützt, dass Ribera nach Massgabe 
seines Taufzeugnisses am 12. Januar 1588 zu Jativa 
geboren sei und dass seine Eltern Luis Ribera und 
Margarita Gil geheissen haben. Doch that man dem 
guten Cean zu viel Ehre an, wenn man ihn seitdem 
allgemein als Entdecker der Urkunde hinstellte. 
Schon 1796 hatte der spanische Gelehrte Don L'u- 
vitin Difjsdado Cnhrilleni in italienischer Sprache in 
der ,Antologia di Roma" (XXII, p. 289 K, 297 ft, 
305 S"., 313 fi'., 321 ff'., 329 ft'.) einen überzeugenden 
Aufsatz veröffentlicht, in welchem er teils aus den 
Zeugnissen zeitgenössischer Schriftsteller, teils aus 
Ribera's eigenen Namenszeichnungen nachgewiesen, 
dass der Meister in der That Spanier gewesen, in 
der That in Jiitiva geboren sein müsse; und im Nach- 
trag zu diesem Aufsatz (p. 334) veröffentlichte Dios- 
dadn denn auch die Taufurkunde, welche ihm sein 
Freund Don Juan Desjiiiiij. den er mit der Nach- 
forschung in Jätiva beauftragt, gerade noch in elfter 
Stunde übersandt hatte. Noch in demselben Jahre 
wurde diese Abhandlung, der auch Bermudez offen- 
bar die Nachricht entnommen, im „Giornale lette- 
rario di Napoli' abermals abgedruckt. Erst nach 
üiosdado's Tode aber erschien sie, von der Hand 
eines gelehrten Herausgebers mit Anmerkungen be- 
reichert, in spanischer Sjirache in Buchform, als: 
„Observaciones de Don Ramon Diosdado Caballero 
sobre la patria del pintor Josef de Ribera. Valencia 
1828." Das Taufzeugnis, welches der Herausgeber 
nach einer neuen, genaueren, in Einzelheiten ab- 
weichenden Abschrift abdruckt, erscheint in diesem 
Buche nicht mehr im Nachtrag, sondern an ge- 
eigneter Stelle im Texte (p. 46 — 47). 

Von den späteren Kuustschriftstellern erzälilt nin- 
P. Lffort in der „Gazette des Beaux-Arts" (1882, 1, 
p. 43), dass er das Taufzeugnis gesehen habe. Er 
veröffentlicht es in der Lesart Despuigs, nicht in 
der späteren lierichtigten Foriu des Herausgebers 
Diosdado's, lässt aber merkwürdigerweise das ent- 
scheidende Wort „Ribera" aus. Wir dürfen wolil 
aimehmen, dass es hier durch Druckfehler ausge- 

19* 



.HISKI'K DK IMHERA, 



lallen. Aiidereufalls würde die llrkuiule iiiclits lie- 
weisen. Gegenüber den Zeugnissen der Zeitgenossen 
llibera's, die ihn ja auch allgemein „Lo Spagnoletto", 
den kleinen Spanier nannten, nml gegenüber seinen 
eigenen Namenszeicliuungen, in denen er sich noch 
()fter, als Diosdado bekannt war, nicht nur als Spa- 
nier, nicht nur als Valencianer, sondern auch als 
Jativaner (Setabensis) bezeichnet, bedürfte es übri- 
gens der Tanfurkunde kaum. Diese Zeugnisse 
könnten nur durch einen vollständigen urkundlichen 
iknveis des Gegenteils entkräftet werden. Einen 
solchen aber haben 
weder Celano noch 
Doniinici beigebracht; 
und des letzteren bos- 
hafte Unterstellung, 
lübera habe jene 7. i- 
sät/e zu .seiner Is.l 
nienszeichnung diu 
gemacht, um sich In i 
den spanischen Vi/i - 
küuigen einzuschmi i- 
chehi, schwebt völlig 
in der Luft. 

\'(m den zeittii - 
nössischenZeugnis.v i. 
sei liier nur dasjeniu' 
Vf. I'achcco's, des 
Schwiegervaters des 
Velazquez, hervorge- 
li(djen, weil es nicht 
niii' lii'\v<'ist, wie hoch 
uiau li'ibera zu seinen 
Lebzeiten in seinem 
Vaterlande schützte, 
si indem auch, wie 
wenig man an seinem 
Spaniertum zweifelte, 
i'aclieco nennt Uihera 

in .seiner 1G49 zu Sevilla er.schienenen ,Arte de 
la pintura" (Ed. Madrid 18GG, I, p. 129)? einen 
Künstler ,,que en Niipoles acredita con famosas 
o))ras la nacion espauola" und bezeichnet ihn an 
anderer Stelle (p. 293) geradezu als „nnestro espariol 
.Insepe de Ribera". 

Über die Jugendjahre und den Bildungsgang 
Riberas gehen die Nachrichten, jenem Zwiespalt der 
Meinungen entsprechend, ebenfalls auseinander. Da 
Palomino sich aber schon in Bezug auf des Meisters 
Herkunft als der zuverlässigere erwiesen hat, so 
dürfen wir ihm auch in den Angaben folgen, der 




junge Jusepe Benito (,, Benet" steht im Taufzeuguis) 
Ribera habe seinen ersten künstlerischen Unterricht 
in der Schule Franc. Ribalta's in Valencia empfangen, 
eines Meisters, der freilich noch von der Nachahmung 
der römischen Schule ausgegangen war, in seinen 
späteren Bildern aber bereits entschieden den Über- 
gang zu der selbständigen, kräftigen, aUer Hell- 
dunkelwirkungen sich bewussten spanischen Kunst 
der neuen Aera bezeichnet, sei dann zu seiner wei- 
teren Ausbildung nach Rom gegangen und habe 
sich dort zunächst im Anschluss an die Akademiker 
durch das Studiiun 
der grossen alten 
Meister entwickelt, 
sich schliesslich ul)ei- 
auch fleissig zur 
Schule des Caravag- 
gio, des Vaters des 
italienischen Natura- 
lismus, gehalten. 
Sjiätere Schriftsteller 
liaben das in der 
Hegel so aufgefasst, 
als sei Ribera ein 
wirklicher Schüler 
Caravaggio's gewesen. 
Die beiden ältesten 
<jiudlen lassen dies je- 
doch keineswegs un- 
umwunden erkeuni'u. 
Sandrart sagt, er „w ar 
gleichfalls aus ge- 
uieldter guter Schul'. 
Palomino berichtet: 
„Ajilicose niucho ä la 
escuela del Caraba- 
gio". Seit wir wissen, 
dass Caravaggio noch 

Di.'sdciier (_;al,iiLV . „"" , , , 

ICOO in Rom lebte, 
können wir die Möglichkeit einer persönlichen 
Berührung zwischen ihm und dem jungen Ribera 
allerdings nicht mehr in Abrede stellen; aber not- 
wendig ist diese Annuliuie uui so weniger, als wir 
hören, dass Ribera noch viel später sich der Art 
Correggio's befleissigt habe, und als seine Malweise, 
sobald er sich dem Naturalismus zuwandte, nichts 
mehr von der verhältnismässig glatten Härte der- 
jenigen Caravaggio's zeigte, sondern in ihrer zugleich 
Hüssigen und festen, zugleich weichen und markigen 
Wucht durchaus eigenartig, nur, sich selbst ähnhch 
erschien. Dass die natiu-alistische Gesamtauffassung 



JUSEPE DE IM BERA.. 



145 



Caravaggio's, der alles in allem trotz seines Natura- 
lismus doch ein Sohn des 16. Jahrhunderts bleibt, 
llibera mäclitig gepackt nnd angezogen, soll deshalb 
keineswegs geleugnet werden. Bilder, wie Cara- 
vaggio's , Grablegung Christi" im Vatikan oder seine 
„Madonna vom Rosenkranz" in der kaiserlichen Ga- 
lerie zu Wien, wirken noch heute wie Vorstufen zu 
Darstellungen Ribera's. Aber wie viel freier, indi- 
vidueller, lebendiger und reifer erscheint der Natura- 
lismus Ribera's als derjenige Caravaggio's! Ribera 
hätte vermutlich, auch wenn Caravaggio nicht voraus- 
gegangen wäre, seinen 
cigeneuWeg gefunden. 
Befanden sich doch 
sclion spanische Über- 
gangsmeister, wie Roe- 
las, der ältere Herrera, 
und seihst Ribalta, sein 
Lehrer, die alle bedeu- 
tend älter waren als er, 
auf dem gleichen Wege! 
War Frans Hals, der 

grosse holländische 
Realist, der sich frei- 
lich ganz andere Auf- 
gaben .stellte als Ribera, 
aber in der malerischen 
Auffassung und Be- 
handlung zu ähnlichen 
Ergebnissen kam, doch 

wahrsclieiulich aclit 
.lalire älter als er! 
Wenn die Zeit für ge 
wisse IMchtiuigen reif 
ist, wachsen diese, als 
oh die Winde oder die 
Sonnenstrahlen sie von 
Land zu Land trügen, 
an verschiedenen Stel- 
len zugleich aus dem 
heimischen Boden hervor. Da hilft kein Sträuben; 
aber da fruclitet hinterher auch kein Streit über die 
Herkunft. Gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts 
huldigten, so verschieden sie unter sich waren, Rn- 
))ens und Rembrandt in den Niederlanden, Velazquez 
und Murillo in Spanien, Ribera in Italien in gieicii 
grossartiger Weise dem durchgeistigten Realismus, 
der sich seit mehr als einem halben Jahrhundert, 
in Bezug auf die breite Pinselführung unter dem 
Vortritte Tizians, vorbereitet hatte. Ribera war, 
nächst Rubens, der auch etwas abseits steht, der 



älteste dieser Künstler. Velazquez hat .sich wenig- 
stens einmal {.Insli, Velazquez, I, S. 148 — 150) un- 
mittelbar an ihn angelehnt. Murillo hat unzweifel- 
haft von ihm gelernt. Ribera steht in seinen besten 
Werken aber keinem jener Künstler, über deren be- 
strickenden Zauber er freilich nur selten verfügt, an 
äusserer und innerer Ausreifung, an technischer 
Meisterschaft, an geistiger Vertiefung und an dämo- 
nischer Eigenart nach. Caravaggio, dem Italiener, 
gegenüber erscheint er, obgleich er schulbildend in 
Neapel wirkte, durch und durcli als Spanier des 
1 7. Jahrhunderts. 




W. 

ichen 
licht 
«om 



rke seiner römi- 

Frühzeit sind 

bekannt. \'ou 

gins er nach 



Anbetung diT lliiien, 



l'arma, imi sicli in 
Correggio's Kunst zu 
vertiefen. Dies muss 
vor 1018 gewesen .sein. 
In Parma hatte er, wie 
Liidiiriro Cnnin-i, der 
ilm als den spanischen 
Maler aus der Gefolg- 
schaft Caravaggio's be- 
zeichnet Uche tiene 
dietro aUa scuola di Ca- 
ravaggio"), am 1 1. De- 
zember 1018 an Fei-- 
rante Carlo in IJuni 
schrieb {llülfnii. Rac- 
cülta di lettero, 1751, 
I, p. nt'J— 200), einen 
lii'il. Martin gemalt, der 
das Haupt der Itiiln- 
gnesischen Akademie 
bange für seinen eige- 
nen Ruhm maciite. In 
l'arma hatte er aber 
auch, wie L. Snini- 
iiiiirriii in seineu „Finezze de'pennelli italiaui" (Pavia 
1074, Cap. LVI, p. 174) erzäiilt, in jungen Jahren eine 
Kapelle in der Kirche S. Maria Bianca de' P. P. 
Scalzi ausgemalt, welche jeder beim ersten Anbli(dv 
für ein Werk Correggio's hielt. Leider ist weder 
das (sine noch das andere dieser Werke erhalten. 
Doiiiiiüci hat aber die Mitteilung Scaramuccia's otfen- 
har verballhornt, wenn er erzählt, Ribera habe in 
seiner Jugend in der Kirche degli lucurabili zu 
Ni'apel eine Darstellung der S. Maria Bianca ganz 
iu di'r Art Correggio's gemalt. Celano beschreibt 



Louvre zu l'ai 



1 1(3 



.TUSEPE DE RIBERA. 



11)92 (a. a. 0. I, \). 2r)7- -258) iillo Kunstwerke dieser 
Kirche, olme eines Bildes Riberas in ihr zu er- 
wäiiiiPii. Es ist daher bi'danerHch, dass auch dieser 
Iriiiini Dnniiniri's sicli in neuere Abhandhiug(!n ver- 
[ilianzt hat. 

ScaraniU(H'ia (U'zilhlt alter aneh, was bisher kaum 
oder gar uicht beaelitet worden ist, dass Ivibera da- 
mals die Absicht gehabt habe, in Parma zu bleiben, 
dass die dortigen Maler, neidisch auf sein Können, 
ihn jedoch mit dem Tode liedrolit hätten, wenn er 
nicht ginge. Darauf habe Ribera sich anderswohin 
begeben und sei seinen aller Welt bekannten Weg 
gegangen. Hierauf spielt offenbar auch Malvasia 
in der „Felsina iiittrice" (Bologna 1678, IV, p. 333) 
an, wenn er die Feindseligkeit, die Ribera später in 
Neapel den fremden Künstlern entgegengetragen 
haben soll, auf die ihn eiistmals in Parma angethane 
Schmacli (,1" obbrobrioso affronto ricevuto giä in 
Parma") zurückführt. In der That wäre es nur 
menschlich, wenn aus diesem Anlass eine gewisse 
Verbitterung gegen die oberitalienisehen Künstler in 
Ribera zurücikgeblieben wäre. Es liegt aber auch 
nahe, anzunehmen, dass gerade dieser Vorgang ihn 
sich auf sein Spauiertum besinnen liess und ihn ver- 
anlasste, nach dem damals von spanischen Vize- 
königen regirteu Neapel überzusiedeln, um hinfort 
in der Kunst nur der äusseren und seiner inneren, 
echt s])anischen Natur zu folgen. 

Wann Ribera sich in Neapel niedergelassen, 
lässt sich mit einiger Sicherheit bestimmen. Einer- 
seits setzen Lnd. Caracci's Äusserungen in dem er- 
wähnten Brief vom 11. Dezember IG 18 an Ferrante 
Carlo voraus, dass Ribera sich damals, nachdem er 
Parma verlassen, wieder nnd noch in Rom befunden 
liabe. Andererseits wird allgemein berichtet, dass 
er unter der Regierung des Vizekönigs Duque de 
Osuna in '^ le' aufgetaucht und dort rasch zu 
iiolien Eh |)orgestiegen sei. Der Herzog von 

Osuna ref. ,c von 1616 — 1620. Demnach wird 
Ribera, 31 Jahre alt, um 1619 nach Neapel über- 
gesiedelt sein. 

Sein erster Erfolg in der süditalienischen (iross- 
stadt war seine Verheiratung mit der schönen, lebens- 
lustigen nnd vermögenden Leonora Cortese, der 
Tochter eines grossen Unternehmers maleiischer Ar- 
beiten, wie Palomino sagt, eines Kunsthändlers, wie 
Bermudez ihn nennt. Sein zweiter Erfolg war die 
Ausstellung seines „Martyriums des heil. Bartholo- 
mäus", der bekanntlich lebendig geschunden wurde. 
Dem an einen Baum gebundenen Heiligen zieht 
einer der Henker die blutige Haut bereits vom Arm; 



ein anderer wetzt sein Messer; Soldaten stehen im 
Hintergrund; Engelhände reichen dem Märtyrer die 
Krone des ewigen Lebens vom Himmel herab. Ob das 
Original sicli erhalten hat, ist nicht bekannt. Da 
aber den älteren Radirungen des Meisters Ölgemälde 
seiner eigenen Hand zu Grunde zu liegen pflegen, 
so giebt seine Radirung von 1624 (Bartsch 6) wahr- 
scheinHch das WesentHche der Darstellung wieder. 
In späteren Wiederholungen milderte Ribera schritt- 
weise das Grässliche des Vorgangs. Auf dem Dres- 
dener Bilde, welches, trotz Dominici's Lob, wegen 
seiner lederartig zähen und stumpfen Behandlung 
allerdings nicht als eigenhändiges Werk des Meisters 
gelten kann, ist der Henker erst im Begritfe, den 
Arm des Heiligen mit dem Messer zu ritzen. Auf 
dem Madrider Bilde, von dem das Berliner Museum 
eiue Schulwiederholung besitzt, wird der Heilige, 
mit beiden Händen an ein Querholz gefesselt, erst 
mit diesem am Baumstamm emporgezogen, und es 
wird noch nicht einmal ein Messer zu seiner Schin- 
dung gewetzt, wie dies doch auf dem Bilde des 
Palazzo Pitti zu Florenz der Fall ist. Aber gerade 
der blutige Eindruck des ersten Bildes blieb, wie 
das zu gehen pliegt, in der Einbildnugskraft der 
Mitwelt und Nachwelt als massgebend für Riberas 
Kunstcharakter haften. In Neapel fand es bei seiner 
Ausstellung allgemeine Bewunderung. So natürlich 
war überhaupt noch nie gemalt worden, geschweige 
denn ein so grässlicher Vorgang. Welche Peinigcr- 
woUust in den Köpfen nnd Gebärden der Henker, 
aber auch welche tiefe Andaciit und Ergebenheit in 
den vom Schmerze durchwühlten Zügen des Heiligen! 
Der Vizekönig sah das Bild, hörte, dass sein 
Meister Spanier sei, berief ihn zu sich in den Palast, 
ernannte ihn zu seinem Hofmaler mit freier Woh- 
nung und ansehnlichem Gehalte und räumte ihm die 
Oberaufsicht über alles ein, was in Neapel für spa- 
nische Rechnung geiualt werden würde. Ribera war 
ein gemachter Mann, und er wusste sein Amt und 
seine herrschende Stellung im Kuustleben Neapels 
unter den sieben folgenden Vizekönigen und noch 
einigen Zwischenregenten zu behaupten. Eine un- 
absehbare Reihe von Ölgemälden, deren meiste und 
beste damals teils nach Spanien geschickt wurden, 
teils in Neapel blieben, ging nun in den nächsten 
dreissig Jahren aus seiner Werkstatt hervor. Auf- 
fallend ist, dass er uns gleich in den ersten erhal- 
tenen Werken seiner Neapeler Zeit — und von 
seineu früheren Werken haben wir überhaupt keine 
Anschauung — im wesentlichen schon in seiner 
eigensten Eigenart, der er mit leichten Abwandlungen 



f 




JJeinu niiidruijefla tßampa aiycnnif """pruvipf/nnikrto 



I Mitve Jt %\u raffinaf 



Martyrium des heil. Bartholomäus. Uadiruiig von Eibera. 



14S 



JUSEI'E DE RIBERA. 



bis an sein Lebensende treu blieb, cntgoffenlritl: als 
«gewaltiger Realist der Fonnengabe und l'insel- 
liiiirung, als Helldinikelni;iler, der scharfe Gegensätze 
von Licht und Schatten auf dem späti^r leider nur 
allzuoft durchgewachsenen dunklen Unt(u'grnnde dar- 
zustellen liebt, als treuer Sohn der Kirche, der die 
tiefste (ilaubensinbrunst mit einem fanatischen Ernste 
wiederzugeben weiss, wie kein zweiter. Dem ein- 
gehenderen Beobachter wird eine gewisse Stilwand- 
lung, der auch Ribera's Kunstsprache in dem langen 



sie mit der Zeit erlitten haben. Ribera's Stilwand- 
lungen liegen auf anderem Gebiete, auf demselben, 
auf dem sich z. B. diejenigen des Frans Hals und 
des Velazquez, bis zu einem gewissen Grade die- 
jenigen aller realistisch empfindenden Meister der 
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bewegen. An- 
fangs ist die Anordnung noch spröder, die Färbung 
noch brauner oder rötlicher, die Pinselführung bei 
aller Kraft und Breite noch fester und verschmol- 
zener. Allmählich wird alles freier, kühler, weicher, 




Tiunkeuer Silen. Radirung von Rtbera. 



/ii'ilrauui seines Schaffens unterlegen, gleichwohl 
keineswegs entgehen. Nur ist es verkehrt, diese 
Wandlungen, wie man gethan, in einer fortschrei- 
tenden Entwicklung von der Hellmalerei zur Dunkel- 
malerei sehen zu wollen. Ob Ribera's Bilder inner- 
halb seiner Gesamtrichtung einen einigermassen 
gleichmässig hellen, ob sie einen mit scharfen Gegen- 
sätzen rechnenden oder ob sie einen dunklen, manch- 
mal nur allzuviel verschleiernden Eindruck machen, 
hängt von ihrem Gegenstande und von dem Orte, 
für den sie bestimmt gewesen, hängt vor allen 
Dingen von dem Grade der Nachdunkelung ab, den 



leichter, geistreicher. Die einzelneu l'inselstri(;lie 
bleiben noch sichtbarer stehen, die Anordnung wird 
harmonischer abgerundet. Um sich zu überzeugen, 
dass dies auch bei Ribera der Fall ist, braucht man 
nur Gemälde, wie die drei Geschichten aus dem 
Leben des heil. Ignaz Loyola, mit denen Ribera noch 
während der Regierung des Herzogs von Osuna die 
Kapelle dieses Heiligen in der Kirche S. Trinitä 
maggiore (jetzt Gesii nuovo) in Neapel schmückte, 
wie die Darstellungen mit der Jahreszahl 1626, näm- 
lich den trunkenen Silen des Neapeler Museums, die 
Jakobsleiter des Madrider Museums und die Himmel- 



JUSEPE DE RIBERA. 



149 



fahrt der Magdalena in der Akademie zu Madrid, 
ja, noch die Bilder von 1630, wie die „Anbetung 
der Hirten" bei Herrn Konsul Ed. F. Weber in 
Hamburg, den „Nebukadnezar" der Kopenhagener 
Galerie, den „Archimedes" des Madrider Museums, 
und selbst noch von 1631, wie den heil. Rochus der- 
selben Sammlung, mit den späteren bezeichneten 
und datirteu Bildern des Meisters zu vergleichen, 
z. ß. mit der wunderbar reifen, köstlichen Pietä von 
1637 in San Martino zu Neapel, mit dem ausser- 
ordentlich lebendigen .Diogenes" von demselben Jahre 
in der Dresdener, mit 
der tief empfundenen 

„Schmerzensmutter" 
von 1638 in der Kasseler 
Galerie, mit der berühiü- 
ten Maria Magdalena 
von 1641 in der Dres- 
dener Sammlung, dem 
,heil. Franciscus' von 
1643 im Palazzo Pitti 
zu Florenz, der „Anbe- 
tung der Hirten" von 
1650 im Louvre zu Paris 
und mit seinen Bildern 
von 1651 in Neapel, dem 
anmutigen ,lieil. Seba- 
stian" im dortigen Mu- 
seum und der grossartig 
freien, farbigen , Kom- 
munion der Apostel" in 
San Martino, auf welcher 
der Heiland stehend in- 
mitten der ihn in den 
verschiedensten Stellun- 
gen umringenden Jünger 
das Abendmahl austeilt. 
An beglaubigten, be- 
zeichneten und datirten 
Bildern des Meisters fehlt es überhaupt in keinem 
Jahrzehnt seines Lebens. Aus manchem Jahre haben 
sich ihrer drei oder vier erhalten. Nur wenige Jahre 
aus dem Zeitraum von 1630 — 1651 bilden Lücken 
in dieser Beziehung; doch sind diese Jahre deshalb 
natürlich nicht als Lücken in seiner Thätigkeit an- 
zusehen; die in ihnen entstandenen Bilder sind nur 
entweder nicht erhalten oder zufallig nicht mit der 
Jahreszahl bezeichnet oder auch, wie das bei man- 
chen Bildern in Spanien der Fall ist, noch nicht ge- 
nügend auf ihre Bezeichnung hin untersucht worden. 
Aus dem ersten Jahrzehnt seiner Thätigkeit in 

Zeitsoliritt für bildende Kunst. N. F. I. 




Ilaria Magdalena vuu Uibep.a. Dresdener Galerie. 



Neapel sind datirte Gemälde Ribera'.-i allerdings 
selten. Nur das Jahr 1626 ist, wie wir gesehen 
haben, durch einige solche ausgezeichnet. Dagegen 
tragen verschiedene seiner Radirungen Jahreszahlen 
aus diesem Zeiti-aum; 1621 radirte er seineu schönen 
„reuigen Petrus" (B. 7) und eine seiner Darstellungen 
des heil. Hieronymus (ß. 5); die anderen beiden (B. 3 
und 4) werden annähernd derselben Zeit angehören; 
1622 radirte er die schon erwähnten drei Blätter 
mit Augen-, Ohren-, Nasen- und Mundstudien (B. 15, 
16, 17), deren Platten, was weder Bartsch nocli 
Naghr. der Zusätze zu 
ersterem veröffentlichte, 
bemerkt haben, später 
durchgeschnitten wur- 
den und so , auf den 
nrsprünghch nicht be- 
zeichneten Hälften mit 
gefälschten Nameus- 
zeichnuugen Riberas 
versehen, doppelt zum 
Abdruck gelangten. Ab- 
drücke dieser Art be- 
sitzen z. B. das Berliner 
Kupferstichkabiuet und 
die Sammlung Friedricii 
Augusts n. zu Dresden. 
Demselben Jahre 1622 
gehören die beiden ra- 
dirten Brustbilder häss- 
licher alter Männer (B. 
S und 9) an. Mit der 
Jahreszahl 1624 be- 
zeichnete Ribera die 
schon erwähnte Radi- 
rung nach seiner „Mar- 
ter des heil. Bartholo- 
mäus" (B. 6), mit der 
Jahreszahl 1628 seine 
Radirung (B. 13) nach seinem 1626 gemalten , trun- 
kenen Silen". Dieses Blatt ist wichtig, weil es im 
Vergleich zu dem Bilde zeigt, dass der Meister seine 
Kompositionen in der Radirung leicht zu verändern 
und zu verbessern liebte. Der hegende Silen der 
Radirung wirkt weit weniger abstossend als derjenige 
des Bildes mit seinem straffen, plebejischen Haar- 
wuchs. Eine Jahreszahl aus der letzten Lebenszeit 
des Meisters trägt von seineu Radirungen nur das 
Reiterbildnis Don Juan d'Austria's II. von 1648. 
Die Mehrzahl seiner Radirungen, die alle Vorzüge 
seiner sicheren und leichten Hand zeigen, miiss 



150 



.roSEPE DE RIBERA. 



in der Tluit sclion in den zwanziger Jaliroii ent- 
standen sein. 

Die Zahl der Blätter, welche Ribera radirt hat, 
wurde früher verschieden angegeben. Gori Gandd- 
liiii zählt ihrer 26 in seinen „Notizie istoriche degli 
lutagliatori" (2. ed. Siena 1808, III, p. 130—131). 
Ebenso hoch veranschlagt, ihm folgend, Ccan Bcr- 
mudez (a. a. 0. p. 189) ihre Anzahl. Der gelehrte 
Fortsetzer des Werkes von Gandelliui, der Abate 
Liii(ji (Ir An;idis (Siena 1814, XIII, p. 278—280), 
erkannte, einige hinzufügend, mehrere streichend, nur 
mehr 11 an. Bartsr-li erklärt in seinem „Peintre- 
Graveur' (Wien 1820, XX, p. 79) mit grosser Be- 
stimmtheit, die einen hätten Ribera zu viel, die 
andern zu wenig zugeschrieben. ,Le fait est qu'il 
n'a Jamals grave que dix-huit pieces, savoir Celles 
dont nous donnons la description". Es i.st demnach 
ein Irrtum, wenn man in neueren Arbeiten über 
Ribera liest. Spätere hätten die Bartsch bekannten, 
18 Blätter auf 26 vermehrt. Vielmehr ist ihm 
unseres Wissens seit Bartsch mit Sicherheit kein 
einziges früher nicht erkanntes Blatt mehr zuge- 
schrieben worden; ja, wir müssen im Gegenteil so 
weit gehen, noch einige der ihm von Bartsch zu- 
geschriebenen Blätter mit Nachdruck in Zweifel zu 
ziehen. Wie die neuere Kritik Rembrandt eine An- 
zahl der ihm von Bartsch zugewiesenen Radirungen 
abgesprochen hat, so wird es auch in Bezug auf 
Ribera geschehen müssen. Schon der oft reprodu- 
zirte, von Amor gegeisseltc, an den Baum gebundene 



Satyr (B. 12), den auch de Augelis nicht anerkennt, 
ist nicht nur wegen seines aus N und S, keineswegs, 
wie Nagler meinte, aus R, V, S, N zusammenge- 
setzten Monograrames, sondern auch wegen deut- 
licher Schwächen der Zeichnung (z. B. am linken 
Arm des Satyrs), so lebendig er im ganzen ist, nur 
schwer als Werk Riberas anzuerkennen. Mit Sicher- 
heit aber muss man ihm den ^Tritonenkampf (B. 1 1), 
dessen unruhige, kleinliche Strichlagen nichts mit 
Ribera's grosser, ruhiger, sicherer Art zu schrafifiren 
gemein haben, und mit Wahrscheinlichkeit muss 
man ihm auch den „Dichter mit dem Lorbeerkränze" 
(B. 10) absprechen, dessen ganze Formengebung und 
Nadelfülirung einer späteren Zeit anzugehören 
scheinen, obgleich schon einige der auf Grund- 
lage von Riberas Werken später herausgegebenen 
Zeichenbücher dieses Blatt aufgenommen haben. 
Ribera hat fast alle seine unzweifelhaften Radi- 
rungen bezeichnet, bald mit dem vollen Namen 
, Joseph Ribera", bald mit verschiedenen Mono- 
grammen, von denen das am meisten in die Augen 

springende die nebenstehende Form ^f-P/^ 

zeigt. Bartsch glaubt es in RIBERA und HISP 
(= Hispanus) auflösen zu sollen. Da das Zeichen 
für die letztere Silbe aber stets voransteht, so er- 
scheint es mir wahrscheinlicher, dass es in ISPH auf- 
gelöst und „Joseph" gelesen werden muss. 

(Schlnss k-Aiii.) 




Vignette von M. von Schwinh. 




NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 

MIT ABBILDUNGEN. 

IL 

(Schluss.) 

Schöpfung Gefasses und die ganze Basis. Der Kopf, an dem die 
halbe Nase neu ist und der von anderem Marmor zu 
sein scheint, ist nicht richtig aufgesetzt, sondern muss 
zusammen mit einer leichten Bewegung nach hinten 
ein wenig nach rechts vom Beschauer gewendet sein; 
schlimmer ist, dass der Kopist auf die Wiedergabe 
der seelenvollen Reize der Praxi- 



OCH auf eine anden 
des Praxitelischen Meisseis ist hier 
hinzuweisen, auf die knidische 
Aphrodite, deren weitaus beste 
Kopie, obgleich seit Menschen- 
altern vorhanden, wir doch erst 



jetzt wii'iler in ihrer unverhüll- 
teu Schönheit zu gemessen und 
zu studiren im stände sind. Es 
ist die allen Besuchern des Vati- 
kans wohlbekannte Marmorsta- 
tue der Sala a croee greca mit 
dem blechernen Gewände um 
den Unterkörper, von welcher 
einen unbekleideten Abguss zu 
erhalten der Gip)ssammlung des 
Southkensington Museums ge- 
lungen ist, — unter der Beding- 
ung, dass einzig dieser eine Ab- 
guss aus der Form hergestellt 
werde! Difficile est satiram non 
scribere — unsere unwahre Zeit 
kommt eben „ohne Feigenblätter 
und Tierfelle" nicht aus. Nach 
dem Abguss ist die Figur dann 
von Michaelis ') veröffentlicht 
und mit gewohnter Genauigkeit 
wie Gelehrsamkeit besprochen 
worden; vgl. darnach die Ab- 
bildung Fig. 11. Ergänzt sind 
an der Statue der ganze linke 
Arm von der Achsel bis auf die 
Fingerspitzen, der Nacken und 
der Hals, das linke Bein bis an 
das Knie sowie das rechte bis 
über den Knöchel (beide Beine 
sind dabei ein wenig zu lang 
ausgefallen), das Untergestell des 

1) Vgl. Michaelis im Journal of hellenic studies VIII, 
8. 324 fl'. Nr. D. und pl. 80; darnach auch Reinach. (laz. 
des beaux-arts IL Per. 37, S. 8ü ff. 




Rom, Vatikai 



telischen Knidierin, vor allem 
des feuchten anmutigen Blickes 
verzichtet hat. Dafür tritt er- 
gänzend der kleine Marmorkopf 
ein, der zu Anfang des Jahres 
1881 in Olympia gefunden wurde 
und noch im dritten Jahrhundert 
nach dem Original des Praxi- 
teles gemacht sein mag (Fig. 12) '). 
Aus diesen beiden Kopien, der 
Statue der Sala a croce greca 
im Vatikan und dem olympi- 
schen Köpfchen, vermögen wir 
nun jetzt das berühmteste Werk 
des Praxiteles, dessen Darstel- 
lung solchen künstlerischen 
Sturm erregt hat, völlig Avieder- 
herzustellen ! Die schaumge- 
borne Göttin legt eben das letzte 
Gewandstück mit der Linken auf 
das neben ihr befindliche Bade- 
gefäss und steht nun in unver- 
hüllter Nacktheit vor uns; leise 
ist der göttliche Leib zusammen- 
gezogen; nur am linken Oberarm 
glänzt noch ein schmückender 
Reif; die Rechte bedeckt die 
Scham; das Antlitz, dessen an- 
mutige Einzelformen der Schöu- 
heitsgöttiü würdig sind, blickt 
keusch and lieblich auf; die 



1) Vgl. Ausgrabungen von Olympia V, 25, A; Michaelis 
a. a. 0. S. 353 (mit Autotyp, nach dem der obige Holzschnitt 
gemacht worden ist); u. a. m. 

20* 



1.V2 



NKUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



schmaclitoudu Feuchte, der Augen, die Lieblichkeit 
des leicht geöffneten Mundes, die wirkungsvolle 
Schlichtheit des welligen Haares sichern dem 

Kopfe den Vorrang gegenüber dem schönen 
lebensirischen Leib, der zwischen zu wenig und 
zu viel Fülle glücklich die Mitte hält. Dazu kommt 
die Lebenswahrheit der Bewegung, die Keusch- 
heit des Ausdrucks, die 
Unschuld des Fleisches. 

Echt Praxiteliscli ist 
neben der fein abgewoge- 
nen Stellung der künst- 
lerische Gegensatz zwi- 
schen der glatten Nackt- 
heit der Figur und der 
krausen FaltenfiÜle des 
auf das herrlich geformte 
dreihenkeligeWeihgefäss 
(Hydria) sich legenden 
Gewandes, dadurch wird 
hier wie beim Hermes dei' 
göttliche Leib noch mehr 
hervorgehoben. Wir be- 
greifen völlig, dass die 
Praxitelische Knidierin 
den Hellenen als das vol- 
lendetste irdische Abbild 
der himmlischen Aphro- 
dite zu gelten pflegte. 

Diesen hehren Ge- 
stalten des 013'nipos reihe 
ich zunächst zwei kleine 
Werke an, welche ihre Vorwürfe aus dem 
vollen Menschenleben herausgegritten ha- 
ben und durch den packenden Humor ihrer 
naturalistischen Wiedergabe hier eine Stelle 
verdienen. Das erste Werkchen, eine kleine 
Bronze aus dem Nildelta ') und jetzt in 
der Sammlung der archäologischen Ge- 
sellschaft zu Athen befindlich, stellt einen 
Nubier d,ar, der auf den Strassen Alexan- 
driens vor sich ausgebreitete Früchte feil- 
bietet imd zum Anziehen der Strassen- 
jugend ein Affchen bei sich hat. Der 
bartlose Mann (Fig. 13), auf dem Erd- 
boden sitzend, hat das eine Bein unter- 
geschlagen, das Knie des anderen hoch heraufgezogen 
und darauf im dolce far niente beide Hände und den 




Fig. 




Fig. 13. Nuljiev mit Affen 
Broiizefigur. 



Kopf gelegt; sein Atfe sitzt auf iler Schulter untl 
sucht eifrig im Haar seines Herrn nach unberufenen 
Einwohnern. Alles ist hier getreu der Natur abge- 
sehen: die Magerkeit der Gestalt, die langen Extremi- 
täten, die lockige Haartracht, das Zusammenkauern 
beim Sitzen, das Wohlbehagen beim Thun des Allen. 
Die Bronze, in ihrer Art ein Meisterwerkchen, ist 
in Iietreff ihrer Entsteh- 
ungszeit nicht genau zu 
bestimmen: sie kann au.s 
der Zeit der Ptolemäer, 
ebensowohl aber auch 
erst aus der römischen 
Kaiserzeit stammen. 

Von den zahlreichen 
Funden, die in letzter 
Zeit der unerschöpfliche 
römische Boden uns ge- 
schenkt, begnüge ich 
mich, zwei Marmorwerke 
anzuführen, die besonders 
anziehend sind und all- 
gemeine Beachtung be- 
anspruchen dürfen. Das 
eine, ein dreiseitiges 
Flachrelief (Länge vorn 
1,10 m; an den Seiten je 
(),68m; Hohe jetzt 1,10m), 
wurde im Bezirk derVilla 
Ludovisi, wo im Altertum 
die Sallustianischen Gär- 
ten lagen, gefunden und 
ist dem lange nicht vermehrten herrlichen 
Autikenbesitz jener Villa zugefügt worden 
(Fig. 14); wozu es gedient haben mag, 
ist nicht ganz klar : vielleicht zur Umfrie- 
digung einer inmitten eines Fussbodens 
hinabführenden Treppe, wie der italieni- 
sche Herausgeber annimmt.') Dargestellt 
ist eine feierlicheWaschung, wie die flöten- 
spielende Frau der linken Nebenseite und 
die weihrauchstreuende Genossin auf der 
anderen beweisen. Beide sitzen auf zusam- 
mengelegten Kissen, jene völlig nackt, 
diese dagegen vom Scheitel bis zu den 
Zehen ganz eingehüllt; dieselbe hält auf 
linken Hand das geöffnete Kästchen, aus dem 



Marmorkoiif aus Olymiiiii 



1) Vgl. Puchstein, Ath. Arch. Mittel). VII, S. 14 Nr. 
Schreiber, ebend. X, Taf. 11, 2. S. 883. 



1) Abg. u. bespr. C. L. Visconti, Bull. arch. coiniin. di 
Roma XV (1887) Taf. 15/1(1. S. 267 ff.; die beiden Schmal- 
seiten auch abgebildet und bespr. Gaz. des lieaux-arts II, 
Per. 37, S. 73 (Weihrauchspenderin) und S. 75 (Flötenbläserin). 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



153 



sie Weihraucliköruer mit der rechten genommen 
imd in die Kolilenscliale des vor ihr stehenden 
Tliymiaterion , an dem mittelst eines Kästchens der 
dnrchlöcherte glockenförmige Deckel herabhängt '), 
AM werfen im Begriff ist. Zwischen beiden 
gellt auf der Vorderseite die Waschung vor sich: 
eine junge Maid steigt aus einem Bach empor, in- 
dem sie beide Hände auf die Schultern zweier Diene- 
rinnen legt, welche jederseits von ihr auf den Kieseln 
am Rand des Wassers stehend ihr je mit der einen 
Hand dabei behilflich sind, während sie mit den 



Stellung aus dem Schluss des sechsten .Jahrhunderts 
koi^irt ') und dabei hin und wieder des Kopirens satt 
freier verfährt (z. B. in den Falten des ausgespannten 
Tuches). Das andere Monument gehört nach Dar- 
stellung und Stil ganz dem Schlüsse des ersten 
Jahrhunderts unserer Zeitrechnung an: der Grab- 
stein eines Militärschusters, des C. Julius Helius, 
welcher laut der Inschrift seine Werkstatt in der 
Nähe der alten Porta Pontinalis gehabt hat; be- 
graben aber wurde er jenseits des Tibers vor der 
Porta Augelica , wo der Stein gefunden ward 




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T?1!'*S*»«^ 





Fig. 14. lleliel', gefunden bei der Villa Ludovi 



anderen Händen ein grosses Handtuch vor der Baden- 
den ausgespannt halten; die Frauen, merkwürdiger- 
weise auch die Badende, sind bekleidet. Es wird 
ein hochzeitliches Bad in einem einheimischen Bach 
sein, dessen feierlicher Gebrauch mehrfach bezeugt 
wird (vgl. z. B. den 10. pseudo-aeschineischen Brief; 
u. s. w.). Nicht minder anziehend als die Darstel- 
lung ist die Technik des Werkes, die in der Kaiser- 
zeit etwa des ersten Jahrliunderts eine attische Dar- 



(Fig. 15).-) Innerhalb einer rechteckigen Nisclie stellt 
in Hochrelief die leben.sgrosse Büste des Schuster.s, 
die im prächtigsten Realismus und sprechendster 
Ähnlichkeit ausgeführt ist. Nur Dutzeudarbeit — 
aber welche Sicherheit in der Wiedergabe der Indivi- 
dualität! Das volle Gesicht glatt und bartlos, die 
runzelige Stirn lioch gewölbt mit weitliin strahlender 



1) Vgl. dazu Z. B. Rochette, Mein, ehret. III. 9, 1 (Brit. 
Mus. Nr. 982) und Flandin-Coste, Perse ancienue TU, 154; 



1) Vgl. z. B. die grosse Verwandtschaft der Flötonblä- 
serin mit der „Sekline" des Euphronios (Petersb. Ermitage 
Nr. 1670; Compte rendu 1869, Taf. .')). 

2) Abg. und bespr. Gatti, Bull. arch. coniun. di Roma XV 
(1887) S. 52 ft-. Taf. :i. 



154 



NEUE ANTIKE KUNSTWEIfKE. 



Glatze, die Ohren sehr gross, die Augen klein und 
blinzelnd, die Nase stark und lang, am linken Mund- 
winkel ein behaartes Muttermal, der Hals kurz und 
dick, dazu eine gewisse Behäbigkeit und Gutmütig- 
keit, die wohlthuend wirken — ein echter Sohn der 
kaiserlichen Hauptstadt! 
Unten die Inschrift; oben 
zwei Leisten, der eine mit 
einem Soldateuschuh be- 
kleitet, nebst dem D(is) 
M(anibus). Es ist an- 
ziehend, mit diesem Grab- 
stein eines kaiserlich-römi- 
schen Schusters denjenigen 
eines athenischen Kollegen 
etwa aus der Zeit des 
peloponnesischen Kriegen. 
Namens Xanthippos, zu 
vergleichen, der sich seit 
einem Jahrhundert in Lon- 
don befindet. ') Während 
der Römer nur bedacht ist. 
sein Gesicht möglichst ge- 
treu zur Darstellung zu 
bringen , erscheint der 
Grieche von den Seinen 
(Weib und Töchterchen i 
umgeben, in Gestaltung 
und Haltung und Gewau- 
dimg ganz ideal aufge- 
fasst; in der erhobenen 
Rechten hält er einen 
Leisten, den er prüfend 
betrachtet. Der Gral)stein 
des Xanthippos führt un- 
den Idealismus des Hell( 
nentums vor, der alle,-- 
Irdische veredelt und em- 
porhebt; der Stein di'.-^ 
C. Julius Helius zeigt da- 
gegen das nüchterne Rö- 
mertum, welches einzig * 
noch im Bildnis künstlerisch 
vermag. 

Von griechischen Va.senbilderu, die in den letzten 
Zeiten durch Abbildungen bekannt gewortlen , wähle 
ich die folgenden zwei, um ihre stille Schönheit 
allen denen zugänglicher zu machen, die sich für 




diese Erzeugnisse attischer Kleinkunst interessiren 
bez. interessiren sollten. Es sind attische buntfarbige 
Grablekythen mit Totendarstellungen — Darstel- 
lungen, die durchaus nicht selten vorkommen, aber 
liier ganz besonders zart imd schön zur Wiedergabe 
gelangen. Das erste Bild- 
chen (Fig. 16) findet sich 
auf einer Lekythos in 
Athen ') und stellt den 
Augenblick dar, wo der 
bärtige Tod (Thanatos) 
und der jugendliche Schlaf 
(Hj'pnos) eine tote in das 
Leichentuch gehüllte Frau 
in die Grube zu legen im 
Begriff sind; daneben er- 
hebt sich schon der mit 
stattlicher Bekrönung ge- 
schmückte Grabstein. Bei 
I liesem letzten Liebesdienst 
der beiden für uns Men- 
sciu^n so wohlthätigeu 
/willingsbrüder ist ein 
Jüngling, doch wohl der 
iiinterlassene Mann der Ge- 
storbenen, zugegen : blickt 
rr zum letztenmal auf die 
geliebte Gestalt herab und 
hebt dabei wie grüssend 
die eiueHand — oder will 
er nach dem Hut greifen-' 
Ueber dem Vorgang liegt 
eine feierliche Stille, ein 
heiliger Friede, wie er der 
(Gegenwart der Gottheiten 
und dem Ernst des Augen- 
blicks augemessen ist. 
Ebenfalls in Atheu wird 
die andere Lekythos auf- 
liewahrt, welche in Ere- 
tria ausgegraben ist und 
deren Bild unter Fig. 17 
Am hohen Gestade des 



'"'-•'-"•'i»B-iTmiia-"~air"'~i»ri^ 

liLi^, rniiiisclieii ."^lüitärschusters 



Triumphe zu feieru wiedergegeben wird. -) 



]) Abg. Anoient raarbles of the Brit. Mus. X, 33; Ellis, 
Towiiley galleiy II, S. 106; vgl. die richtige Erklärung bei 
Friedericbs-Wolter.s, Gipsabg. ant. Bildw. Nr. lOl'J. 



1) Vgl. Collignon, Vas. peints Nr. (531 : abg. in Original- 
grösse Dumont-Chaplain, Hist. de la peint. des vas. gr. p. 
27/28; ferner Gaz. des beaux-arts IL Per. 9 p. 132 = Robert. 
Thanatos S. 27 = Rayet-Collignon , Ceramique gr. p. 231; 
vgl. Pottier, Lecythes blancs p. 24, 2; Murray. Academy 1878 
Nr. 345, p. 5(il); III. Hall. Winckclmanuspr. Anm. 204. 

2) Abg. in Originalgrösse Antike Denkmäler I. 23, 3; 
vgl. Duhn, Arch. Jahrb. II S. 242 f; Ephemeris archaiol. 
18SÜ S. 31 ff. 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



155 



Aeheron ist eiu Knäbleio ungelaiigt, in Beglei- 
tung seiner Wärterin, welche ihm einen Kasten 
voll Spielzeug und sein Lieblingstier- (Gans oder 
Ente) mitgenommen hat, zum Sjnel und Zeitver- 
treib im Schattenreich. Sie hatte den Kleinen, dem 
das Laufen noch schwer wird, anf seinen Mantel 
zur Erde gesetzt, bis 
Charon herüberkäme, ihn 
zu holen — nun ist der 
struppige Fährmann, im 
Arbeiterkittel xmd Filz- 
mütze, in der Linken die 
lange Ruderstange, da und 
streckt die rechte Hand 
nach dem Kinde aus, das 
ihn vei-wundert anguckt; 
Charon aber scheint sich 
eines gewissen Mitleids 
mit dem zarten Menschen- 
gewächs, das er diesmal 
den Toten zuführen soll, 

nicht zu entwehren, wie der Ausdruck des Gesichts 
und die Bewegung der Hand verraten. 

Geradezu epochemachend für die technische wie 
künstlerische Kennt- 
nis der antiken Ma- 
lerei ist die Menge 
von in Lebensgrösse 
gemalten Porträts aus 
der Kaiserzeit, welche 
die Herren Theod. 
Grafi) und Flinders 
Petri'-) kürzlich aus 
dem ägyptischen Fa- 
jum nach Europa 

gebracht haben. 
Während die Bilder 
des letzteren dem 
British Museum ein- 
verleibt sind, macht 
<he Sammlung Graf, 
aus etwa hundert 




Fig. ifi. Bestattung. Vaseiiliild. 




1) Vgl. darüber vor allem EJirrs. „Eine Galerie antiker 
Porträis" und Donner i-oii Riclttri; „Die enkaustische Malerei 
der Alten", München 1888 (Sondeiabdruck ans der Allge- 
uioinen Zeitung 1888, Beilage Nr. 135 Vi. und Nr. ISO); (Ininl. 
„Antike Poiträtgemiilde mit 2 Heliogi-. und TTextillustnitionen 
(vcrb. und verm. Sonderabdr. aus dieser Zeitschr. XXIV, 
8. 9 ff. und S. 39 ff.); auch Hri/drnmnn, Ber. des Sachs. Ges. 
der Wissensch. 1888, S. 295 ff'. 

2) Vgl. dazu The illnstnited Loml.ui News Vol. XCH, 
Nr. 2507, S, 717. 



Stück bestehend, augenblicklich noch eine Rund- 
reise durch die Hauptstädte unseres Weltteils und 
wartet desjenigen Museums, das sie erstehen will 
Gar mancherlei ist darüber namentlich in den 
Tagesblättern geschriel)en worden, aber im ganzen 
nur wenig Stichhaltiges und Brauchbares. Indem 
hier zu den vier Abbil- 
dungen Grafscher Bild- 
nisse, welche diese Zeit- 
schrift ihren Lesern schon 
früher gebi-acht, noch wei- 
tere vier geboten werden 
(Fig. 18), füge ich in aller 
Kürze zugleich bei, was 
zur richtigen Beurteilung 
und zum genussreichen 
Verständnis dieser antiken 
Porträts zu wissen nötig 
ist. Zunächst die Tech- 
nik. ') Diese auf dünne 
Holzplatten gemalten Por- 
in den Grabkammern da- 
Mumien auf die Gesichter 
lie ersten zweifellos enkau- 
stisch d. h. vorwie- 
gend mit Waclisfar- 
~' l)en dargestellten Bil- 
der, die wir aus dem 
Altertum besitzen 
und die uns von der 
hohen Vollendung 
dieser Malweise einen 
Begrifl" geben. Nur 
die spätesten Porträts 
sind a tempera ge- 
malt; und bei einer 
kleinen .Anzahl istbe- 
liufs sehnellerer Fer- 
tigstellung eine Ver- 
einigung von beiden 
Malweisen angewen- 
det werden. So schwer- 
fällig die enkaustisehe 
Teclinik war, welche die nach unserer Anschauung 
zähen Wachsfarben mit dem Spachtel aufsetzte imd 
mit angenäherter Hitze vertrieb, so wenig sie sich für 



träts, welche den frei 
liegenden umwickelten 
aufgelegt wurden, sind 



mmim -^mi^mimmmm^i 



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17. Sceiie am Aclieroii. VivsenbilJ. 



1) Wer sich darülter des genaueren und einzelnen unter- 
richten will, wird in Donner von Richters erschöpfenden 
Ausführungen (Anni. 28) alles finden, was nötig mul Ijranch- 
bar ist; vgl. auch denselben in den Bi>r. des fr. deutsch. 
llo(;h.stiftes N. F. V, 1, S. 57. ll'. 



ir)6 



NEUE AKTIKE KUNSTWERKE. 



liilder grösseren Umtaiiges eignete, so vollendet tritt sie 
uns in diesen Porträts entgegen, — dieselben machen 
ganz den Eindruck von mehr oder minder pastos 
gemalten Ölbildern, welche jedwede Farbenstimmung 
auf das schönste durchführen und bei aller Betonung 
der Zeichnung stets der malerischen Wirkung nach- 
gehen. Ästhetisch betrachtet stellen sie sich den 
Porträtbildern jeder vollendeten Kunst und Zeit 
völlig ebenbürtig zur Seite. Besonders bewunderns- 
wert ist bei den Malern, die doch nur durchgebildete 
Handwerker, keine Künstler in höherem Sinne waren, 
die ]iackende iiliysiognomische Wiedergabe der ein- 
zelnen linli\ liluiii. wobei es gleicligültig ist, wenn 



heit und Naturwirklichkeit in der Vorführung der 
beiden ponipejanischen Spiessbürger nichts zu wün- 
schen übrig. ') Man erkennt leicht, dass hier Früchte 
eines Baumes vorliegen, wenn auch Technik und 
Vorlagen verschieden sind und verschieden wirken. 
Hand in Hand mit diesem Realismus geht auf den 
Grafscheu Bildern eine gewisse Schablonenhaftig- 
keit in anatomischen Einzelformen (z. B. in den 
gross geöffneten Augen, deren oberes Lid unnatürlich 
hoch zurückgezogen ist, und in den meist nur flüchtig 
angelegten Ohren), was sich leicht aus der Fülle der 
Nachfrage uiid dem mehr oder weniger Handwerks- 
mässigen der Herstellung erklärt. Denn wie einerseits 



•flTß^rv^ 




■\inmieiiitoit 



nicht entschieden werden kann, ob die Gesichter 
für die dereinstige Bestattung im voraus direkt nach 
dem Leben gemalt sind oder ob sie etwa erst nach 
dem Tode nach vorhandenen Bildern für die Mumien 
kopirt wurden. Die Wahrheit der Auffassung und 
der Wiedergabe steigert sich zu einem Realismus, 
der im ersten Augenblick völlig modern scheint. 
Aljer vereinzelt steht dieser Realismus im Altertum 
durchaus nicht: wir finden hin und wieder z. B. in 
Pompeji Porträts, welche al fresco auf die Wände 
gemalt, den gleichen Realismus in Auffassung und 
Ausführung bekunden. Ich kann mir nicht versagen, 
als Beweis dafür hier ein in den sechziger Jahren aus- 
gegrabenes Familienbild nach einer Photographie anbei 
mitzuteilen (Fig. 19). Dasselbe stellt das jJompejanische 
Eliepaar, P. Paginus Proculus und seine Ehefrau, ihn 
mit der Schriftrolle etwa als Duovir, sie mit dem Sti- 
his als „Musis amica" dar und lässt an Ungeschminkt- 



<!iif< als allein richtiger Standpunkt zur ästhetischen 
Beurteilung der Porträts festzuhalten ist, dass die 
Maler ähnlich wie die pompejanischen Maler nicht 
Künstler im höheren Sinne, sondern nur in der Über- 
lieferung fest geschulte Kleiukünstler gewesen, so 
wächst dadurch andererseits nur unser staunendes 
Entzücken über ein Kunstvermögen, dessen namen- 
lose Handlanger und Dienstleute so etwas zu leisten 
im stände sind, wie diese enkaustischen Bildnisse aus 
dem Fajum mit ihrer technischen Fertigkeit, ihrer 
malerischen Gewandtheit, ihreranatomischenKenntnis, 
ihrer physiognomischen Treffsicherheit es sind. Was 
würden wir erst zu schauen bekommen, wenn das 
Werk irgend eines der berühmten griechischen Maler 
dem Schoss der Erde entstiege! Was endlich die 



1) Vgl. auch die sehr massige Abbildung im (iiorn, 
degli sc. di Pomp. NS. I 2 S. ,'')7 ff.; zu dem städtischen Amt 
des Mannes vgl. C. I. Liit. IV N. •>22; (JöO; 1122; u. ü. 



NEUE ANTIKE KUNSTWERKE. 



157 



Zeitbestiiumuug der Porträts, welche uns eine fertige 
Mischung der griechisch-römischen mit der ägyp- 
tischen sowie mit der jüdischen Rasse vorführen, 
l)etrifFt, so scheint die Sitte, statt plastiscli ausge- 
i'ülirter Mumiendeckel die Leichenhülle zn bemalen 
und das Porträt darauf anzubringen, etwa gegen den 
Schlnss des ersten christlichen Jahrhunderts in 
Ägypten aufgekom- 
men zu sein und im 
folgenden Jahrhun- 
dert vornehmlich ge- 
blüht 7A\ haben. In 
die Mitte dieses Jahr- 
hunderts , wo das 
alte Pharaonenreich 
durch und nach Ha- 
drian noch einen 
kurzen Nachsommer 
des Friedens und des 
Ruhms genoss und 
noch einmal alle 
Künste herrlich ge- 
diehen , fällt der 
Hauptteil, fallen die 
besten der erhaltenen 
Porträts ; mit dem 
Aufhören der Mu- 
ni ienbestattung ge- 
gen die Mitte des 
fünften Jahrhunderts 
hören denn auch die 
mehr und mehr a 
tempera gemalten 
Mumiengesichter auf. 
Anziehend ist es, den Kreisgang zu beobachten, 
den die Gräberporträts im Nilthal während eines 
Zeitraums von 5000 Jahren zurücklegen. In der 
Epoche der Pyramiden erwachte der denkbar aus- 
geprägteste Realismus; dann tritt mit dem Maras- 




mus des neuen Reiches immer mehr und mehr 
Schematismus und Scliablonentum an die Stelle, 
welche auch die hellenische Kunst der Ptolemäer- 
zeit nicht zu bewältigen vermag. Das wird mit der 
Herrschaft der Römer anders: das Porträt, dessen 
künstlerische Ausbildung die Kaiserzeit in erster 
Linie förderte, wird aucli im ägyptischen Toten- 
kultus wieder indivi- 
~j .„^ (lueller und schliess- 

licli realistischer — 
mit den Grafschen 

Mumienbildnissen 
aus dem Fajuni ist 
der Kreislauf der 
Wiedergabe mensch- 
licher Physiogno- 
mien erfüllt, das Por- 
trät wieder da an- 
gelangt, wo es in 
den ersten Zeiten 
des alten Reiches 
begonnen hatte. So 
liieten diese spre- 
chend lebendig ge- 
malten eukaustisch 
ausgeführten Mu- 
miengesichter ans der 
römischen Kaiserzeit 
nach allen Seiten hin 
genug des Interessan- 
ten und Wichtigen, 
aber in erster Linie 
erweitern sie in un- 
geahnter Weise un- 
sere Kenntnis von der vom Geschick stiefmüttei'lich 
behandelten klassischen Malerei und geben uns einen 
Begriff von der Höhe, welche der Realismus in der 
Kunst des klassischen Altertums erreicht hat. 

U. innUEMANN. 



Paginus I'ioculus und seine Gemahlin. Pomiiejanisclies Freskobild. 




Zeitschrift lur bil.leude Kunst. N. F. I. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND 
UND EDUARD MÖRIKE. 



MIT(iKTI<:iLT VON JÄKOB BAECIITOLIK 



13. Schwinil an Möriko. 
Sein- verehrter Freund! 

Angefangen oder fertig, ich möchte meinen Brief haben, 
der durch das Hereinbrechen der Buchhändler - Geschichte 
unterbrochen worden ist. 

Meiner Rechnung und Vorhaben nacli sollte ich deu 
nächsten Sonntag in Stuttgart sein, wenn aber alles zu Stein 
und Bein gefroren ist, da bleibt man besser hinterm Ofen 
sitzen. Bitte mich also nicht zu vergessen und empfehle 
mich den sämmtlichen Damen bestens. 

Ihr ergebener M. v. Schwind. 

M. ?,. März 1S(;7. 

14. Schwind an Mörilce. 
Verehrter Freund ! 

Sie werden sich was schönes von mir denken, dass Sie 
mir die schönen Bücher schenken, und ich schreibe nichts. 
Unser Allergnädigster hat mir noch Aufträge aufgehängt, die 
mich mit den noch übi-igen Wiener Arbeiten so ins Gedränge 
brachten, dass ich morgen noch ai'beiten muss und Dienstag 
will ich schon abreisen . . . Wo die Zeit und Stimmung her- 
nehmen! 

Es sei Ihnen also angezeigt, dass ich beide Bände') mit 
dem grössten Vergnügen gelesen habe. Ich und meine Frau. 
Wenn Sie zu etwas Illustrationen wollen, da brauchte man 
keine Seite zu überschlagen, und Sie sollten auch gar nicht 
lange warten. „Der Schatz" und die Geschichte, wo die 
Kinder Theater spielen'), hat mir gar zu gut gefallen. In dem 
„Hutzelmännchen'' ist die Venuischung des feenhaften und 
purzliohen ganz ausgezeichnet lustig. Da brauchte man nur 
sofort zu zeichnen. 

Auf der Photographie schaut meine Frau allerdings 
etwas unbehaglich aus; macht auch mitunter etwas finstere 
Gesichter, aber sie hat nebst ihrer freundlichen, auch noch 
ihre possierliche Seite, und erträgt ihr Schicksal, eine Malers- 
frau zu sein, mit ziemlich viel Grazie. Ich wollte nur, Sie 
kämen einmal nachzusehen wie's bei uns zugeht. Wir 



1) Die vierte Aullage der (jedichte und die vier Er- 
zählungen in der neuen Ausgabe. 

2) „Lucie üelmeroth". 



waren die Osterfeiertage am See draussen, das sollte Ihnen 
nicht wenig gefallen, der junge Schnee in den Bergen, die 
Sonne auf dem See, und die schönen Waldungen! Das Bier 
ist (iott sei Dank schlecht genug, aber dafür kann man 
sorgen. Aber Ihre Frauen lassen Sie nicht fort, das dm-ch- 
schaue ich. 

Dienstag solls aber fort gehen, und dieser Brief stellt 
zugleich einen Abschied vor. AVer weiss, ob nicht Wien 
diesmal ein ruhiger Winkel bleibt, während es anderswo 
drunter und drüber geht. Item, ich male drauf los, so lang 
sie mich nicht vom Gerüst herunter schiessen. 

Ein etwaiger — sehr ei'wünschter und im Stillen ge- 
wünschter — Brief findet mich — Wien, Landstrasse Wasser- 
gasse No. 4. Leben Sie recht wohl, freuen Sie sich der 
4. Ausgabe, empfehlen Sie mich Ihren gi-ossen und kleinen 
Damen allerbestens und behalten in gutem Andenken 
Ihren ergebensten 

Freund Schwind. 

M. l'T. April 18GT. 

15. Schwind an Mörike. 

Wien, il. 11. .luni 1S07. 
Sehr verehrter Freund! 

Ich wollte, Sie müssten einmal in eine fremde Stadt 
und fresco malen, damit Sie wüssten, wie es schmeckt, 
wenn einem niemand schreibt. Man könnte gerade eben so 
gut auf dem Zolielfang sein inid da fragte es sich noch, ob 
die Kälte nicht noch anrrenehmer ist als die Hitze, die man 
aussteht. 

Es geht Tag für Tag wie in der Tretmühle uiul 
Samstags, wo aber nicht einmal ausbezahlt wird, wie bei 
den beneidenswerthen Steinbaueni, thun einem alle Kno- 
chen weh. 

Wissen Sie, was mich jetzt so oft erinnert? Wenn ich 
im Stadtpark frühstücke und zwar um 6 Uhr Morgens, so 
kommt die leibhaftige Prinzessin Rothtraut mit ihrer Mama 
oder was es ist. Von oben bis unten vornehm, die schön- 
sten Füsschen, prachtvolle Haare und dabei so frisch und 
munter, dass man ihr den zierlichsten Muthwillen zutrauen 
möchte. Nun wir wissen, wie sie aussieht, fehlt nichts mehr, 
als dass wir sie zeichnen. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



159 



Was macht die 4. Aullage? Mit meiner Arbeit geht's 
sehr vorwärts, und nächste Woche dürfte das für dies Jahr 
bestimmte grosse Bild fertig sein. Stellenweise denke ich 
der Fresco-Malerei einiges abgewonnen zu haben, was sie 
bisher für sich behalten hat. Es giebt dann noch ein halbes 
Dutzend Kinder, deren jedes einen Tag kostet, und etliche 
Korrekturen an den Arbeiten vom vorigen Jahr, dann gehen 
wir wieder heim und haben diese Theater-Geschäfte, die 
jetzt im 4. Jahr spielen, glücklich vom Halse. 

Für sehr erspriesslich förderlich und angenehm würde 
ich einen Brief von Ihnen ansehen, mit einigen guten Nach- 
richten von Ihnen und den werthen Ihrigen. Die Geselligkeit 
ist für mich, der ich weit draussen wohne und nach der 
Arbeit müd bin, nicht gross; dagegen die Kunstverhältnisse 
mit einem starken Beischmack von Bukarest oder Odessa 
versetzt. Leben Sie recht wohl und nehmen Sie meine 
Adresse mit einigem Wohlwollen in Ihr Herz auf. 

Schwind. 

Wien. Lamlstrasse. Wassergasse No. 4, i. St 

l(j. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 
Jetzt wäre ich wieder in Nieder-Pöcking bei Starnberg. 
Sie brauchten also nicht einen so weiten Brief wie nach 
Wien hinunter zu schreiben, was, wie ich wohl weiss, eine 
zuwidere Geschichte ist — um mich wissen zu lassen, wie 
es Ihnen sammt Familie geht. Nach so langem Mangel an 
Nachrichten wäre es eine rechte Gutthat, wenn Sie mir der- 
gleichen zukommen Hessen. Ich habe zu berichten, dass ich, 
Gott sei's getrommelt und gepfiffen, meine Arbeit in Wien 
ohne jeden Verdruss und ohne Krankheit oder Unwohlsein 
oder sonstige Störung glücklich zu Ende gebracht habe. In 
Anbetracht, dass der Spass alle Tage um 7 Uhr früh an- 
geht und mit einer kleinen Unterbrechung von 10 — 11 allen- 
falls bis 5 Uhr dauert, wenn auch nicht alle Tage, kann ich 
in meinen Jahren von Glück sagen, dass es so gegangen 
ist. Frau und Tochter haben das Ihrige dazu gethan so 
wie mein alter Camei'ad Moosdorf, der schon die Feldzüge 
auf der Wartburg und in Reichenhall mitgemacht hat, sich 
als ein Muster von Ausdauer und Freundschaft bewährt hat. 
Aber Alles hat seinen Lohn gefunden. Die Frau kriegt einen 
neuen Schwiegersohn, die Tochter einen braven Mann, Me- 
dizinmann in Wien; Moosdorf eine selbständige Arbeit in 
seiner Heimat, die, wenn es auch "wieder lausige Götter') 
und Göttinnen sind , doch den Mann für Zeit Lebens gegen 
Mangel schützt; der Maurer, der alle Tage auf dem Fleck 
war und ein Stück so schön angetragen hat wie das andere, 
hat vom Bau aus eine Gratification von ÖU Fl. erhalten 
nebst manchem guten Trinkgeld und meine Wenigkeit kann 
sagen: ich brauche keine halbe Stunde mehr zu verkaufen, 
denn ich brauche kein Geld mehr erstens, und zweitens oder 
allererstens steht zu Mozarts Andenken die Zauberflöte an 
dem Fleck gemalt, wo sie hingehört, und das Auslachen und 
Nasenrümpfen hat ein End. Möge jede redliche Arbeit so 
ihren Lohn linden, wenn auch tamen sed tandem! Ein paar 
Jahre wollen wir's noch treiben. Vor der Hand habe ich 
für die heirathende Tochter eine Titelblattzeichnung für ihr 
Haushaltungsbuch gemacht ,2) und ein Aquarell für den 
König, hoffentlich das letzte, und einiges für ein zweites ge- 
werbliches Heft, so bequeme Sachen, denn ich bin etwas 
müd und bis die Hochzeit vorbei ist, kommt doch keine 



1) Karl Moosdorfs „Amor und Psyche" im Altenburger 
Schlosse. 

2) Vgl. L. von Führich, M. v. Schwind S. 'J4 (1671). 



rechte Kuh ins Haus. Die Mörike-Zeichnungen liabo ich mit- 
gehabt und viel Freude damit gehal)t. Ich liin doch noch 
auf Leute getrotten, die Ihre Gedichte nicht kennen. Hoffent- 
lich büffeln sie jetzt daran . . . Mit den besten Grüssen an 
Ihre grossen und kleinen Damen 

Ihr alter Freund 

Schwind. 

17. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 

Auf zwei Briefe keine Antwort bekommen, ist auf dieser 
ordinären Welt beinahe einer Kriegserklärung gleich. Da 
ich mir aber gar nicht denken kann, was Sie zu einer solchen 
treiben könnte, anderseits nicht die geringste Lust habe, 
meine diplomatischen Beziehungen abzubrechen, so erlaube 
ich mir ergebenst zu vermelden, dass ich im Gegentheil 
sehr von der Lust geplagt bin, mich wieder einmal nach 
Stuttgart cisenbahnlich befördern zu lassen. Wir werden 
gerade nicht jünger, und es wird hier ein Orakelspruch er- 
zählt, der mir sehr einleuchtet. Frage: Wann hat ein armer 
Münchner auch einmal eine gute Stunde? Antwort: Wenn 
er nach Nymphenburg geht, da hat er eine gute Stunde 
hin. Wenn er also nach Stuttgart geht, hat er sechs gute 
Stunden. 

Ich bin daran, mit wieder einer Lieferung Geräth- 
schaften fertig zu werden, 20 Blätter, die möchte ich Ihnen 
zeigen. Dessgleichen habe ich Photographien von den 
Bildern für das Foyer im Wiener Opernhaus. 

Frage also an, ob Sie da sind, und ob es bestimmte 
Tage oder Zeiten gibt, in denen der Tübinger Vischer in 
Stuttgart ist. 

Die neuen Briefe von . . . haben was Komisches für 
mich; die höchste Begeisterung für alles, was BauemlackI 
ist, und dabei gar nicht bemerken, dass alle diese social- 
comunistischen Bilder genau für den Salon des Banquiers 
und Stutzers berechnet sind, das geht über meinen Horizont, 

Ich habe auch so lachen müssen über einen über- 
schwenglichen Artikel aus Stuttgart über den Aufenthalt 
des Clavier-Abbes Lisst, Nach den unglaublichsten Adora. 
tionen dessen, als Künstler und Mensch — kommt auf ein- 
mal der „Mephisto Walzer" zum Vorschein, Hat man je so 
was Eselhaftes gesehen! 

Bei mir ist es recht einsam, seit meine zweite Tochter 
aus dem Haus ist. Gott sei Dank ist jetzt wenigstens 
meine Frau wieder guter Dinge, nachdem sie, ich weiss 
nicht wie lang, vom Zahn- und Halsweh Tag und Nacht 
geplagt war. 

Meister Scherzer habe ich auf einen Augenblick ge- 
sehen, von der Panting-Cur etwas üliel zugerichtet. Es wird 
fast gescheidter sein, seinen Bauch zu behalten und dabei 
frisch auf zu sein. 

Leben Sie recht wohl, verehrter Freund, empfehlen Sie 
mich sammt Frau Ihren Damen und lassen Sie sich's ein 

paar Zeilen kosten. 

Ihr ganz ergebener 

M. v. Schwinil. 
München, d. 20. Oktober 1867. 

IS. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 
Vor allem steht fest, dass mein Tochterl nicht, um die 
ihr zugedachte Vase verkürzt werden darf). Es wird also 
hiemit feierlichst darauf Beschlag gelegt, — ergritten und 



1) Mörikes bekannte Ijorcher Liebhaberei in der Tö]i- 
ferkunst. 

21* 



Ibii UIUEKWECUSEL ZWISCHEN MUIUTZ VON .SCHWIND UND EDUARD MülüKE. 



Ix'/.i'ichnot — und os wird meine Sorge sein, mich iluvr zn 
lieuiiUhtigoii, was man Besitzergreifen nenut. 

Nvicli Stuttgart zu gehen, wenn Sie in Lorch sind, könnte 
mir gar nicht einfallen. Ob über meine Sachen geschrieben 
wird oder nicht, ist mir am Ende ganz Wurst, und \'erleger 
oder nicht Verleger, geht auch auf eins hinaus. Dass Ihre 
(ies\nidheit nicht in der Ortbiung ist, ist eine traurige Ge- 
schichte. Es ist noch ein Glück, dass Sie so gut damit zu- 
rechtkommen. Dass bei Ihrer guten Frau auch noch eine Ner- 
venwirthschaft sich etablirt hat, ist noch vollends das ärgste. 



licn im Ort. In drei Tagen, erzählt er, sei er im klaren ge- 
wesen, dass diese drei Familien in fünf wüthende Parteien 
gespalten sind und da sei er wieder abgereist. 

Bei mir ist jetzt sehr viel zu thun, umsomehr als ich 
mich auf eine etwas lange Arbeit eingelassen habe. Dennoch 
hefte ich auf einen schönsten Samstag Mor-gen, an dem es 
abreiserlich aussieht. Es wird wohl der Zug von Nördlingen 
nach Lorch mit dem von München nach Nördlingen zusam- 
menhängen. 

Da Sie das Zimmer nicht verlassen, finde ich Sie jeden- 




Erzengel Michaels Feder. Zeichnung von M. von Schwind zu dem Gedicht von Mörike. (Nach einer Photographie.) Vgl. S. 



Davon weiss ich auch ein Lied zu singen. Wir arbeiten alle 
zu viel und haben zu wenig Freude. Da kommt das Ding 
her. Bei mir wird's mit den Jahren besser. Nur ver- 
schluckten Arger kann ich nicht vertragen. 

Wenn Ihnen das Leben in einer so kleinen Stadt taugt, 
bleiben Sie dort. Ich habe auch schon daran gedacht, aber 
eigentlich ist mir München zu langweilig und ich wäre lieber 
in Wien. Mir fällt bei Lorch eine Erzählung eines Freun- 
des ein. Er dürstet nach Ruhe, sucht im Lande herum ein 
Städtchen, wo die Menschen friedlich beisammen leben, 
Ruhe, Friede, Eintracht. Endlich lässt er sieh nieder in 
einem romantischen Paradiese. Es sind ausser Bauern und 
friedlichen Bürgern nur drei ineinander verheirathete Fami- 



falls zu Haus, und ich kann auch auf all den S]iektal(cl 
hinauf einen ruhigen Tag brauchen. . . . 

26. Dez. 1867. 

So schrieb ich gleich nach 'Empfang Ihres Briefes, der 
besten Meinung, in ein paar Tagen mich auf den Weg zu 
machen. Nun war aber mein Sohn in Carlsruh. Ich wollte 
mit ihm irgendwo zusammentretten. Derweil kam er plötz- 
lich hierher — item die Zeit war verpasst, und ich musstc 
nach Wien, wo ich vom 1.5. November bis 2. Dezember 
mich aufhielt. Eine zwanzigjährige Tochter in die Fremde 
verheiraten, das ist ein Stück Arbeit, und ein Wiedersehen 
über alles kostbar. Gott sei Dank sieht sie vortrefflich 
aus, und ist höchlichst zufrieden, und in meinem Geschäft 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÜRIKE. 



Ißl 



liiim ich gL'iado rocht um einen grossen Unsinn aufzuhalten. 
.Seit ich zurück bin, plagte ich mich mit kleinen Ausbesse- 
rungen herum, und bekam am rechten Ellbogen einen grossen 
roten heissen Fleck, begleitet von allgemeiner Verkiiltung, 
so dass ich nicht ausgehen und nichts thun konnte. Nun 
haben wir Weihnacht hinter uns und steuern dem neuen 



und es ist eine solche Ehre für sie, dass ich nicht abhussen 
kann, Sie zu quälen. Dessgleichen werden Sie geplagt mit 
einer Sendung von Zeichnungen, wenn ich weiss, wo Sie 
jetzt eigentlich sind. In dem einsamen Lorch oder in dum 
gleichfalls einsamen Stuttgart? Wollen Sie mir das mit 
zwei Worten zu wissen machen? Sie wundern sich gewiss, 




Das ri'arrliciiis zu rloviTSiilzbacb. ZeichEung vou M. VON .Schwind liir Eh Mukikk. (Nach einer Pliotograiikie.) Vgl. S. 107 



Jalir zu. Wenigstens bringt man da seine Briefschulden in 
Ordnung. Reden wir also von dem gescheidtesten, von jenem 
schönen Topf aus Erden, und dessen Beförderung nach 
München. Ich weiss es — packen ist das ärgste — aber 
hoöentlich gibt es in Stuttgart auch Menschen, die so was 
besorgen, um Geld und gute Worte Allenfalls ist der 
photographische Buchhändler mit einem solchen individus 
bekannt und schaö't es herbei. Mein Tochterl freut sich so, 



dass ein Mensch so närrisch ist, und zeichnet 40 Ijlätter voll 
Uhren, Tintenzeuge, Lampen, Schlösser u. dergl. Teufelszeug. 
Ich habe aber von Natur aus eine Goldschmieds- Ader im 
Leib, die mir keine Ruhe lässt. 

Hoft'entlich haben Sie Weihnachten gesund und fröh- 
lich unter den Ihrigen zugebracht, und gehen dem neuen 
Jahre wohlgemut entgegen. Ich für mein Teil denke, trotz 
meinen Jahren, noch was zu leisten. 



I(;2 I5R1EKWECHSEL ZWISCHEN MOIUTZ VON SCHWIND UND EDUAItD MÖRIKE. 



lili lialic iiiicli (UnimR'r Weiso wii'iU'r in iMiic grosse 
AiIumI eingeliwscn — wie Grilli)iir/.or sagt — so lango Saclion, 
woruiitiT er Trauerspiele versteht. leh liabo den alten Herrn 
— 7() Jahre — in Wien besucht, und mit ihm von dieser 
Arbeit, der (Sesehiehte der Melusine, gesproehen, mit der 
Bemerkung, dass das Wunderbare dermalen ausser Credit 
sei. Sagt er darauf: Ich habe ein Gespräch in 4 Versen 
gemacht, das heisst: 

„Lasst mir doch das Wunderbare 

(tar mancher hat's vor mir geehrt; 

Allein das Menschliche — das ist das Wahre". 

„ .,Das Wahre — aber kaum der Mühe werth." " 

Nicht übel. Das ist Schade, dass Sie den Mann nicht 
kennen. In Paris waren Bilder von mir, die glänzend durch- 
gefallen sind, was mich eigentlich freut, denn ich möchte 
diesen Hanswursten nicht gefallen. Sind aber wieder eigene 
Kau/.(! unter den Franzosen. An Kaulbach schreibt Einer, 
sie wüssten keine Gegenstände — bei uns — er nennt auch 
mich, schiene daran kein Mangel zu sein, und bliebe gewiss 
eine Menge unausgenützt liegen; wir möchten ihnen von 
unserm Überfluss schicken. Das ist doch vortreftlich. Wäre 
ich des Französischen mächtig, so bekam' er einen Brief von 
mir. Mit Staunen bin ich erfüllt über X. Im Ganzen so 
gescheidt und im detail so dumm! Spricht ganz trocken 
aus, ein Bild soll gar nichts vorstellen — blos Malerei — . 
Der soll sich wundern, was die in ein Paar Jahren für Ge- 
schmiers vorbringen. Die Kunst ist ein sehr aristokratisches 
Ding, da Isisst's die Herrn Demokraten sitzen. — Aber was 
kümmert Sie das diimme Zeug? Sie leben in einer andern 
Welt; die neue Ausgabe ist reizend. Erstens ist das Por- 
trait ganz gut ') — Der Druck grösser, und die neuen Ge- 
dichte einzig, eins schöner als das andere. Werden immer 
wieder hervorgeholt und gelesen, und werden immer schöner. 

Jetzt empfehlen Sie mich Ihren grossen und kleinen 
Damen, bedauern Sie mich, dass ich um den Besuch ge- 
kommen bin. und freuen Sie sich mit mir, dass es wieder 
auf den Fiühling losgeht, wo man wieder an's Reisen den- 
ken kann. Thun Sie ein übriges wegen des Topfes und lassen 
Sie mich wissen, wo Sie stecken. Gesundes und glückseliges 
neues Jahr wünsche ich Ihnen und Ihr ungetrübtes Wohl- 
wollen und fröhliches Wiedersehen 

M. 2G. Dez. 1807. '^O" Ihrem Freund Schwind. 

19. Schwind an Mörike. 
Verehrter Freund ! 

Das werthe Paar heisst: Ferdinan<l IJauernfeind Med. 
Dr. und Maria ditto^) hat geheirathet am !J. September 
18Ü7. Am 8. war die Braut 20 Jahr alt geworden, am 3. hatte 
das respektable Aelternpaar seine silberne Hochzeit gefeiert. 

— — Da Sie nun, wie es scheint, ganz ernstlich ein 
Hafner werden wollen, wäre es ein Verbrechen, Ihnen mein 
für das deutsche Gewerbwesen unentbehi-liches Werk länger 
vorzuenthalten.^) Eine gänzliche Umwandlung, ein uner- 
hörter neuer Aufschwung kann gar nicht ausbleiben. Nur 
Schade, dass sich kein Verleger dafür findet, und es bei 
näherer Betrachtung auch keinem zuzumuthen ist, dem 
deutschen Nationalstolz mit einer Sache entgegen zu treten, 
die sich untersteht, ohne sehnsüchtigen Hinblick auf Paris 
zu existiren. Wovon Ihnen Vi.schcr erzählt hat. Die Schwer- 
steine — die wurden in einer Zeitschrift gebracht. Es war 
Thesous, der den (irabstein seines Vaters aufheben soll. 

1) Mörikes Porträt in der 4. Anfluge der Gedichte. 

2) Schwinds zweite Tochter. 

3) S. o. S. IfJl. 



Fallstatt' im Waschkorlj und ein Hausknecht, der einen 
Koö'er eintritt. Es war damals eine Antwort auf die esel- 
hafte Frage so vieler Ästhetiker: In welchem Stile sollen 
wir verzieren? Da- habt ihr griechisches, mittelalterliches 
und modernes, aber alle drei sind schwer auf die Unterlage 
drückende Gegenstände — Papierschwerer. Mit eigentlichen 
Ornamenten habe ich mich wenig eingelassen, meine Thätig- 
keit fängt da an, wo das bezeichnende gerade dieses Ge- 
räths anfängt. Sie ist epigrammatisch und illustrirend. Ich 
lege ein Heft Almanach von Radirungen bei (sehr schön 
eingebunden, den Versen von Feuchtersieben zu Ehren'). 
Ich hoffte, mit einem solchen Jahresgeschenk etwas zu ver- 
dienen, machte aber gleich so gänzlichen Fiasco, dass nicht 
weiter daran zu denken war. Später war ich veranlasst, 
mehreres für eine Thongeschirrfabrik zu zeichnen, wovon ich 
einiges in die Sammlung aufgenommen habe , . einiges war 
für einen Silberarbeiter, der mir sie als unbrauchbar zurück- 
schickte und so machte sich das Ding. Eine Stunde werden 
Sie sich schon damit unterhalten. 

Ich habe Ihre 4 Erzählungen wieder gelesen und mich 
ein paar Abende damit ergötzt, den Lebenslauf des magern 
Hansels zu entwerfen-). Es fehlt noch ein Bild, wo ihn die 
Königin reitet. Sehen sie einmal, was das Pferdl für Si- 
tuationen durchmacht? In guten Tagen könnte man 's für 
Ihre zwei Töchterin herrichten. 

Billigerweise sollte ich Ihnen einiges schöne sagen über 
die 4. Ausgabe, das lass ich aber fein bleiben. Über solche 
Sachen zu reden , ist ein poetischer Akt, und kann nichts 
anderes sein, und dazu gehört auch eine poetische Sprache, 
mit der ich nicht dienen kann. So viel kann ich Ihnen 
aber sagen: Wie nobel ist es, dass so wenig neues daran 
ist. Ein anderer wm'de sein Gäulchen anders hetzen. Dann 
kann ich Ihnen sagen, dass ich in Anerkennung der köstlichen 
Vollendung Ihrer Gedichte 5 Wochen lang an meiner Lyrik 
gesessen bin, feilend und nachhelfend. Damit aber auch die 
Kritik liicht fehle, muss ich gestehen, dass ich einen trauri- 
gen Einblick in Ihren Charakter gethan habe. Wenn Sie 
sich dazu bekennen, noch unpraktischer zu sein, als unser 
werther Freund Richter 3), da bin ich mit meinem Latein zu 
Ende. Ich habe immer geglaubt, der hätte das Übermensch- 
liche geleistet! 

Zuletzt möchte ich noch wissen, wie dieser Fuss heisst. 
( — v^ — ) Laberdan etwa. Von der Melusine wäre sehr viel zu 
sagen. Ein Punkt ist ungeheuer kitzlich, dass sie nemlich 
keinen Fischschwanz hat. Das ist oftenbar ein boshaftes 
Geschwätz, dessen Entstehung gezeigt werden muss, und es 
geht zum grossen Gewinn für das ganze. Wir werden's 
schon einmal anschauen. 

Sonst geht alles gut, nur etwas einsam, seit die zweite 
Tochter fcvrt ist. Auch muss ich noch etwas für Wien machen 
und das ist schrecklich langweilig. 

Die Foyerbilder schicke ich ein andres mal, es muss 
viel dazu geschrieben werden, oder angenehmer „gesprochen". 

Lassen Sie sich Ihre Einsamkeit recht behagen: Sie sei 
gesegnet, wenn sie ein paar (iedichte einträgt. Leben Sie 
recht wohl, und empfehlen mich der Frl. Schwester. Alles 



Schöne von der Frau. 

Münch. 31. Jan. 1808. 



Ihr ergebenster Freund Schwind. 



1) Zürich 1844. 

2) „Der Bauer und sein Sohn«. Vgl. Führich, S. 102. 

3) Bezieht sich auf mein Hochzeitgedicht für Marie 
Breitschwert — Anm. Mörikes. Gedichte, S. 257: „Freund 
Richter, immer praktischer, zog den Beutel." 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



163 



20. Schwind an Mörike. 
Verehrter Freund! 

Eine Kiste ist heute gepackt worden, onus centum came- 
loiTim. Das Büchlein mit den Tabakspfeifen ') wollte sieh 
nicht reclit gruppiren, habe also die Zeichnungen von den 
Ik'icheiihallern lieiyclegt, und die Durchzeichnung von Hohen- 
schwangau. Hei den Kirchensachen ist zu bemerken, dass 
die Figiu- des Crucitixes ihre guten 7 Fuss misst, und die 
andern im Verhältuiss. Die Stationen sind 4 Fuss hoch, 
auf Goldgrund und vertbeilen sich um die ganze Kirche so, 
dass das erste und das letzte Bild neben der Chornische 
sind. Das Kreuzbild ist gerade der Kanzel gegenüber. 
Unterhalten Sie sich recht gut damit, und wenn Sie fertig 
sind, bitte die Adresse Doet. .T. Siebert in Frankfurt a. M. 
Grosser Hirschgi-aben 12. drauf zu machen, und gegen Schein 
abmarscbiren zu lassen. 

Es wartet dann noch der Grossberzog von Weimar darauf. 
Halten Sie nur Ihre guten Vorsätze wegen des Blumen- 
topfes fest, ich habe schon gegen alle Welt damit renommirt, 
und käme in die scbmählichste Verlegenheit. Damit mir 
München vollends unausstehlich wird, ist mein alter Freund 
Lachner pensionirt worden, und mit ihm alle gute Musik. 
Der alte König Ludwig war taub, der König Max blieb 
nie bis zu Ende, da gieng's, dass man was gutes aufführte. 
Der regierende aber, mit seinen Herren Liszt und Wagnei', 
wird uns Nägel in die Ohren schlagen, dass es nur so 
pumpert. Bisher hat man sich doch an der Musik erholen 
können von den schäbigen Statuen und der verrückten 
Architektur. — Sie haben eigentlich ganz recht, dass Sie 
in Lorch sitzen. Frühlingsbesuch soll nicht ausbleiben, 
wonn's nach mir geht. Sind Sie so freundlich zu sorgen, dass 
die Sachen nicht auf der Post liegen bleiljeu, und erfreui'U 
recht )jald mit einem Brieflein 



Ihren M. Schwind. 



M. G. Febr. ISOS. 



21. Epistel an Moritz Schwind. 2) 

Von Eduard Mörike. 

Ich sah mir deine Bilder einmal wieder an 
Von jener treuen Schwester, die im hohlen Baum 
Den schönen Leib mit ihrem Goldhaar deckend, sass 
Und schaut, und sieben Jahre schwieg und spann, 
Die Brüder zu erlösen, die der Mutter Fluch 
Als Raben, sieben Raben, hungrig trieb vom Haus. 
— Ein Kindennärchen, darin du die Blume doch 
Erkanntest alles menschlich Schönen auf der Welt. 
Von Blatt zu Blatt, nicht rascher als ein weiser Mann 
Wonnige Becher, einen nach dem andern, schlürft. 
Sog ich die Fülle deines Geistes ein, und kam, 
Aus sonnenheller Tage Glanz und Lieblichkeit 
In Kerkernacht hinabgeführt von dir, zuletzt 
Beim Holzstoss an, wo die Verschwiegne voller Schmach, 
Die Fürstin, ach, gebunden steht am Feuerpfahl. 
Da jagt's einher, da stürmt es durch den Eichenwald, 
Milchweisse Rosse, lang die Hälse vorgestreckt, 
Und, gleich wie sie, die Reiter selber athemlos — 
Sie sind's die schönen Knaben all' und .lünglinge! 
Ach, welch ein Schauspiel! — Doch was red' ich dir davon? 



— ,,Hi('i", sagte huliund neubch ein entzückter Freund, 
Ein Musiker, „zieht Meister Schwind zum Schlus.se noch 
Alle Register auf einmal, dass Einem das Herz 

Im Leibe schüttert, jauchzt und bangt vor solcher Pracht! 

— Wenn dort, ein rosig Zwillingspaar auf ihrem Schooss, 
Die Retterin auftaucht und der Aennsten Jammerblick 
Sich himmlisch lichtet, während hier der König, sich 

Auf das Scheitergerüste stürzend, hingeschmiegt das Haupt 

Die nackten Füsse seines Weilies hold umfangt; 

Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht 

In aller Busen staunend mit? Und doch zugleich 

Wer lächelt nicht, wenn seitwärts dort im Hintergrund, 

Vom Jubelruf des Volks erstickt, ein Stimmchon hell 

Sich hören lässt, des Jüngsten von den Sieben, der 

Als Letzter kommt geritten, mit dem einen Arm 

Noch fest im Rabenflügel, auf die Schwester zu!'' 

— Genug und schon zu viel der Worte, Theuerster! 
Ich knüpfte seufzend meine Mappe zu, 

Sass da, und hieng den Kopf — warum? Gesteh' ich dir 

Die grosse Thorheit? Jene alte Grille war's, 

Die lebenslang mir mit der Klage liegt im Ohr, 

Dass ich nicht Maler werden durfte. Maler, ja! 

Und freilich keinen gar viel schlechteren als dich 

Dacht' ich dabei. Du lachst mit Recht. Doch wisse nun: 

Aus solchem Traumwahn freundlich mich zu schütteln traf, 

Wunder, deine zweite Sendung unversehens 

Am gleichen Morgen bei mir ein! Du lassest mich, 

O Freund, was mir für mein bescheiden Theil an Kunst 

Gegeben ward, in deinem reinen Spiegel seh'n. 

Und wie! — Davon schweig" ich für heut! Nur dieses noch: 

Den alten Sparren bin ich los für alle Zeit, 

So dünkt es mich — es wäre denn, dass mir sofort 

Der böse Geist einflüsterte, dies Neuste hier 

Sei meine Arbeit lediglich: die Knospe brach 

Mit Einem Mal zur vollen Rose auf — man ist 

Der gi'ossen Künstler Einer worden über Nacht. ') 

22. Schwind an Mörike. 
Verehrter Freund ! 
Den schönen Blumentopf habe ich zu meiner Freude 
im besten Zustand erhalten, habe ihn der Tochter noch 
nicht geschickt, weil ich demnächst selbst nach Wien gehe 
und ihn dann selbst mitbringe. Entschuldigen Sie also, 
dass sie sich noch nicht bedankt hat. Mich selber betreftend, 
war ich in einem miserablen Zustand. Kopfweh , Halsweh. 
Ziehen in den Gliedern, Blödsinn arbeiteten zugleich an 
mir. Angst vor der Grippe, Müdigkeit und drgl. trieb 
mich endlich ins Bett, wo ich fast den ganzen Tag schlief, 
bis sich endlich die ganze Geschichte in einen Schnupfen 
erster Sorte auflöste. Nach langem Schneuzen gab's end- 
lich gestern ein tüchtiges Nasenbluten. In Folge dessen 
schlief ich sehr gut und erwachte heute nach sechs scheuss- 
lichen Tagen zum erstenmal wieder mit einer Art Wohl- 
sein, erhöht durch einen glänzenden Morgen und eine nicht 
unbehagliche Mattigkeit. In dieser guten Situation traf 
mich Ihr Brief, und Ihre köstlichen Verse. Sie können 
sich denken, wie ich für meine Person schnalzte, nachdem 
ich der Meisterschaft dieses herrlichen Gedichtes das ge- 
hörige Staunen gezollt hatte. Bis ins kleinst« Winkel 



1) Der oben erwähnte Almauach vini Radirungeii von 
Schwind und Feuchtersieben. 

2) Abgedr. in der Wochenbeilage zur Allg. Zeitung von 1808 ; 
Westermaims Monatshefte 130.40; Schwäbisches Dichterbuch. 



1) Der Schluss dieser Epistel bezieht sich auf drei nach- 
mals veröffentlichte Zeichnungen zu meinen Gedichten: „Ach 
nur einmal noch in meinem Leben", „Märchen vom sichern 
Mann", „Erzengel Michaels Feder". — Anmerkung Eduard 
Mörikes. Vgl. d. Abb. auf S. lüO u. IUI. 



164 BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MOBITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



liinoin, ist alles warmes, feines Leben. Sie wisse)i, ich bin 
uiehts zum schreiben. Weil aber dieses schöne (leclicht 
nicht verständlich ist ohne die gewissen Zeichnungen, an 
denen Sie allerdinp:s mehr Verdienst haben als ich; denn 
wenn solche Figuren einmal erfunden .sind, so ist. es keine 
grosse Kunst sie zu zeichnen. Da ist es mit den Stuttgarter 
B\ichhäudlcr-Tropfeu nicht gegangen ist, so werde ich mir 
auf eigene Faust einen Verleger suchen, der — vorausge- 
setzt un<l augefragt, dass Sie nichts dagegen haben — das 
Ding in die Oetleutlichkeit bringt und zwar: 
Der Pfarrhof von Cleversulzbach 
hipistel an E. Mörike von M. Schwind. 
Man lässts geradezu erscheinen, wie irgend eine andere 
Vervielfältigung. Warte nur Ihre Antwort ab. 

Wenn mir einmal so was erfrischendes begegnet, wie 
Ihre Zuschrift, so wirkt es aber auch gehörig, wie bei einem 
Sonntags- Schnupfer. Der' ganze Pack, der bei Ihnen war, 
und ein noch grösserer bei mir zu Hause liegen Jahrelang 
da, ohne dass ein Verleger darnach fragt, ohne dass die 
holde deutsche Nation davon Notiz nimmt. Wenn daher 
einmal etwas auszeichnendes and schmeichelhaftes kommt, 
da bin ich auch bei der Hand, und lass mirs schmecken in 
„meinem kalten Magen." ') Also schönsten Dank, und wenn 
ich Sie mit dem ersten Grün au den Bäumen besuche, 
milchen Sie sich wieder auf eine Schiflsladung gefasst. 
Von der Frau alles Schöne. 

Ihr ergebenster 

M. v. Schwind. 
M. 28. Febr. 1868. 

23. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 
Kennen Sie die grossartige Geschichte von dem Ofticiers- 
Uurschen und den Zündhölzeln? F;in Lieutnant schickt seinen 
Bedienten um Zündhölzeln und fragt ihn, wie er sie bringt, 
ob er auch was ordentliches gekauft habe. Antwort: Ganz 
gut sein's, i hab's alle probirt. 

So sind die H . . . . von Kunsthändlern. Sie können 
(U-st die probirten Zündhölzeln brauchen, und von diesem 
Standpunkt aus sind mir auch meine Mörike - Zeichnungen 
als unverkäuflich zurückgeschickt worden. .Jetzt hol' sie 
alle mit einander der Teufel! Abgedroschene Heilige und 
Weibsbilder ma,g ich nicht machen, und anderes mögen sie 
nicht, es sei denn Pferde und Hunde. 

Ich werde sorgen und das baldigst, dass Sie's bekommen 
und das verehrungswürdige Publicum kann fressen, was 
es will. 

Selbiger Angritf auf meine Gesundheit ist auch nicht 
so glatt abgelaufen. Ich habe zu früh wieder gearbeitet, 
um die Wiener Sachen fortzubringen und habe mich — 
vielleicht auch durch irgend einen Zug — wieder verdorlien. 
Summa, ich lungere 4 lange Wochen herum, und Ijin nmli 
nicht recht auf dem Strumpf. Das bissl Briefschreiben 
strengt mich an. Von Reisen ist noch gar keine Rede. 

Ihr liebenswürdiges Gedicht habe ich für Paul Heyse, 
der davon entzückt ist, abgeschrieben. Er colportirt es 
tajifer. Ich hofte, Sie halten mich nicht für einen bescheidenen 
Lumpen. Was machen Sie denn in Ihrem stillen Lorch? 
Sind Sie Heissig? Ich rechne immer nach und finde, dass 
ich dies Jahr eigentlich gar nichts genulclit habe. Seit der 



Gripjie schlaf ich den halben Tag und die andere Hälfte 
wird irgendwie todtgeschlagen. 

Wissen Sie, was eine schöne malerische Aufgabe istV 
Di6 Fee Lau')- Dass dieser ernsthafte Charakter fünfmal 
lachen muss, das ist etwas darstellbares. Dreimal lacht sie 
schon. Nur mit dem Klötzle Blei schaut's bedenklich aus. 

Leben Sie recht wohl, verehrter Freund, und erfreuen 
Sie einen geärgerten und siechen Mann recht bald mit ein 
paar Zeilen. 

Ihr ergebenster Freund 

M. V. Schwind. 

München, d. liO. März 1808. 

24. Schwind an Mörike. 

Verehrter Freund! 

Diesmal waren es schwere Sachen, die mich das erste 
Grün haben versäumen lassen. Die Vollendung der Wiener 
Arbeit verzögerte sich schmählich durch eine Versäuraniss 
von 2 Monaten, die ich einem Esel von alten Freund danke, 
dem ich etwas zu helfen gedachte, durch die Wiederkehr 
der heillosen Grijipe und wurde mir vollends verbittert 
durch den Selbstmord meines alten Freundes, des Archi- 
tekten V. d. Null, den die leidige Hetzerei der Aeniter und 
die gemeine Schimpferei .j — Journalisten endlich zur Ver- 
zweiflung brachte. So kam ich endlich verstimmt an, noch 
kränkelnd imd matt, auch noch voll Sorgen, ob den Bildern 
kein Schaden zugestossen, auf dem Transport oder beim Ein- 
setzen. — Es ging alles gut vorüber und ich hatte ein ge- 
wisses Gefühl von Genugthuung. als mir die .letzten 4 Kreuzer 
aufgezahlt wurden. 

Ich sitze jetzt ganz allein mit meiner Frau und einem 
sehr spassigen Hund, am See (Post Starnberg bei München) 
und beschäftige mich mit der Fee Lau, Blätter, fünfmal 
rauss sie lachen und einmal ei'nsthaft sein. Zu Lucie Gel- 
merod, die ich gar sehr Hebe, ist ein Initial da, und Blät- 
ter von dem Kindertheater und der Flucht auf dem kleinen 
Pferd. 2) Ich mache nihig weiter. Ihre „Rothtrauf kann 
ich versprechen, jetzt warte ich mit Reisen, bis etwas fertig 
ist. Ich bin auch müd und habe kein Geld. Ein Besuch 
in Lorch heisst bei mir Aufenthalt in Ulm, Lorch, Frank- 
furt wenigstens 2 Wochen, Carlsruh und Stuttgart. Bei 
Ihnen, wenn Sie nicht so haussässig wär'en, hiesse eine Reise 
nach Starnberg 5 — 6 Stunden fahren und damit basta. 

Das Haus ist ganz leer bei mir. Ja, Sie können ein 
Gartenhaus für sich haben. Wald, Gebirg, See, quantum 
vis, Kost und liOgis quantum sat, und mit welchem gusto 
wollte ich arbeiten! Und welch manches schöne Gedicht 
sollte Ihnen Ruhe, liandschaft und lange Weile entlocken. 
Sei's gewagt, Sie noch einmal einzuladen! Von Haus sind 
Sie doch schon einmal weg. Von Buchhändlern reden wir 
lieber nicht. Haben Sie die Prachtausgabe TJhlands gesehen? 
Die „Freya" läge mir immer noch am nächsten. Vor der 
Hand machen wir's, auch in der Ueljerzeugung, dass alles, 
was ich mache, standhaft zurückgewiesen wird. 

Leben Sie wohl, verehrter Freund, und erfreuen midi 
bald mit einem aufmunternden Briefe. 

Ihr ergebenster Freund 

Schwind. 

Nieder Pöcking, d. 12. Mai 1808. 



1) Reminiscenz aus Mörikes „Der Bauer und s{mii Sohn, 



1) In Mörikes IlLdzelmännehen. 

2) s. o. S. ir,s. 



GURLITTS GESCHICHTE DES BAROCKSTILS, DES 
ROKQKO UND DES KLASSICISMUS. 



MIT ILLUSTRATIONEN. 




LS die ersten Hefte von Giirlitts 
Werk ') erschien eil, liiess es von 
vielen Seiten , die Zeit zu einer 
derartigen Arbeit sei noch nicht 
gekommen, es fehle noch an Vor- 
arbeiten. Und wirklich war der 
iStund des Wissens in der einsclilägigen Richtung 
namentlich in Deutschland noch sehr niedrig. Es 
mag für Gurlitt nicht unerfreulich sein, dass in klarer 
Weise festgestellt wurde, wie viel von der deutschen 
Baukunst des 17. und 18. Jahrhunderts vor Er- 
scheinen seines Werkes auf litterarischem Wege in 
Deutschland zu erfahren gewesen ist: dieser unfrei- 
willigen Mühewaltung unterzog sich G. Ebe in seinem 
Werke über die Spiltrenaissance. Man blättere es 
durch! Noch erscheint Berlin als der Mittelpunkt 
alles Schaffens im Barockstil. In der Schilderung 
des klassischen Barockstils füllt die Darstellung der 
Verhältnisse in Preussen 13 Seiten, die des ganzen 
übrigen Deutschlands 18 Seiten. In weitere Gebiete 
des Schaffens hat noch niemand einen Einblick. Was 
nicht in den Hauptstädten errichtet ist, entging der 
Beachtung. Fast nur jene Bücher, welche die Ar- 
cliitektenvereine von Wien, München, Karlsruhe, 
Dresden, Berlin zu iliren Verbandstageu herausgaben, 
boten Zuverlässiges. Nur Berlin besass schon eine 
eigene Kunstgeschichte jener Zeit, welche zusammen- 
fiel mit dem grossen staatlichen Aufschwung Preus- 
sens. Aber die Berliner Ortsgeschichte litt unter 
den Folgen ihrer Vereinzelung. Es fehlten ihr die 
Vergleichspunkte, der Zusammenhang mit den all- 
gemeinen Kunstströmungen. So konnte es kommen,' 
dass sellist ein Gelehrter wie Woltmann das Zeug- 
haus und die Oper gerade um ihres Klassicisraus 
willen als Werke deutschesten Geistes feiern konnte, 
während gerade sie die Geschmacksrichtung der 
Pariser Akademie am schärfsten vertreten, dass man 



1) Stuttgart, Ebnnv & Seubcvt. 2. n 
lande, Frankreich, England, Doutscliland). 
Zeitsp.lirift für liiUleiule Kunst, N. F. I. 



Han.l (NIo.l.T- 



dafür Schlüter als von Italien Ijeeinflnsst darstellte, 
obgleich er vielleicht der nationalste Künstler jener 
Zeit ist. 

Es galt also, nicht sowohl aufzubauen, als auch 
vorher wegzuräumen ; und zwar nicht nur in 
Deutschland. 

Für die Behandlung des italienischen Barock- 
stils war Jakob Burckhardts Anschauung bisher 
allein massgebend. Gurlitt baut auch seine Beur- 
teilung auf diesem Grunde auf. Aber sie gipfelt 
anders. Als Biirckhardt schrieb, galt es noch, die 
Renaissance vor der Sti'enge der klassisch-hellenisti- 
schen Anschauungen zu verteidigen, war man noch 
weit entfernt von jener Stilduldung, welche unserer 
Zeit eigen ist. Gurlitt stellte sich die Aufgabe so, 
dass er die Zeit zu schildern habe und die von ihr 
geschaifene Kunst nur nach dem Grundsatze beur- 
teilen dürfe, ob sie der rechte, sichere, formgewandte 
Ausdruck jener sei. Diese Art der Kritik macht sich 
namentlich bei der Beurteilung Berninis und Borro- 
mini's geltend. Gurlitt will weder loben noch tadeln, 
sondern erklären. Aber die Macht der künstlerisclien 
Individualitäten packt ihn doch wiederholt so fe.st, 
dass er mit ihnen durch dick und dünn geht, ja 
selbst den Altar von St. Peter in Rom kräftig ver- 
teidigt. So gewinnt das ganze Buch auch einen in- 
dividuellen Grundzug, da es nicht etwa längst aner- 
kannte Meinungen wiedergiebt, sondern überall die 
eigenen Anschauungen in den Vordergrund stellt. 
Notwendig war dies bei der grossen Menge der ganz 
neu in die Kunstgeschichte eingeführten Bauwerke. 
Es ist aber seit Milizia und Quatremere de Quincy, 
also seit 100 Jahren, über die ganze Epoclie nicht 
objektiv geurteilt worden, ausser durcli Biirck- 
hardt! Der Wert der einzelnen Künstler war feil- 
weise ganz falsch geschätzt worden, je nachdem die 
ältere Kunsfgeschichtschreibung zu ihm stand. Ginlio 
Homano, der Freund Vasaris, wurde gepriesen, der 
Mailänder Meister Tilialdi war fast vergessen, Ale.ssi 



1G() 

uud Vignola waren für Schüler Michclangelo's er- 
klärt, dessen Kirnst sie gruudsiitzlicli widerstrebten, 
Bernini nach dem Urteile der Franzosen unterschiltzt, 
Borroniini verlacht, Gnarini für einen Narren erklärt. 



GURLITTS GESCHICHTE DES BAROCKSTILS, DES ROKOKO UND DES KLASSICISMÜS. 

gefochten werden. Aber er selbst bittet in der Vor- 
rede um Berichtigungen, war sich also völlig be- 
wusst, dass er noch Unfertiges geschaffen habe. 
In Frankreich steht es nicht viel anders. So 
gross die französische Kunst- 
litteratur ist, fehlt ihr doch 
eine Zusammenstellung der 
Bauthätigkeit jener Zeit. Es 
mangelt nicht an Künstler- 
biographien und Einzel- 
schriften üljer hervorragende 
Bauten. Die Franzosen 
selbst haben noch kein Buch 
veröifentlicht, in welchem 
die Kunstentwickelung ihres 
Landes an der Hand der 
ästhetischen Lehren jener 
Zeit planmässig dargestellt 
wurde. So war auch hier 
die Untersuchung haupt- 
sächlich auf eigene Anschau- 
ung und ältere Quellen an- 
gewiesen. In unserer Zeit 
nationaler Voreingenommen- 
heit i.st es erfreulich zu 
sehen, dass Gnrlitt sicli 
völlig auf den Standpunkt 
der Gereclitigkeit stellt und 
in nnbeirrter Weise die etwa 
seit 1700 überwiegend wer- 
dende Bedeutung der fran-, 
/.i'isisclicii Kunst schildert, 
ohne die mächtigen Strö- 
mungen zu verstecken, welche 
von den Niederlanden und 
\itn Italien in die Hauptstadt 
Ludwigs XIV. und Ludwigs 
W. einbrachen. Der Streit 
/wischen dem Barock und 
dem Rokoko, der sich na- 
mentlich im Kampfe zwi- 
schen Bernini und Perrault 
uud nach des letzteren Sieg 
in dem Streite mit Blondel 
dramatisch lebendig äusserte, 
wird eingehend geschildert, 
das Rokoko als die Versöhnung beider Richtungen 
dargestellt, bis endlich die Gesetzmässigkeit und 
kritische Strenge der Klassicisten auch die letzten 
Triebe der lustigen Köuigszeit unter die Guillotine 
der Resel brachte. 




JesuUenkiiclic zu Löwen von Lucas Faid'herbe 1G17— 1097. (Aus GuELlTTS Geschiclite des Barockstils.) 

Nach allen Seiten hin musste Gurlitt durch Studien an 
den Bauwerken selbst, wie in der gleichzeitigen Litte- 
ratur, die Mittel herbeitragen, um seine Anschauungen, 
soweit es die Anordnung des Buches gestattete, zu 
verteidigen. Manches wird anfeclitbar sein und an- 



aUKLlTTS GESCHICHTE DES BAROCKSTILS, DES ROKOKO UND DES KLASSICISMUS. 107 



l 



England hatte das Messer derselben geschliffen. 
Unsere Kenntnis der britischen Baukunst stand Ijis- 
her fast auf Null. Die neuere englische Litteratur 
darüber lässt sich auf 10 Zellen herzählen. Fergus- 
sons und Brittons veraltete Darstellung der Zeit war 
das einzige annähernd brauchbare Werk, auf dem 
Lübke, Ebe u. a. ihre Arbeiten 
aufbauten. Ausser einigen Le- 
bensbeschreibungen war sonst 
nichts vorhanden. Es ist Gurlitt 
gelungen, ein ziemlich rundes 
Bild jener Kunst zu schaffen, 
somit etwas festzustellen, was 
die Engländer selbst noch nicht 
wissen, was selb.st Buckle sich 
entgehen Hess, dass nämlich mit 
dein Beginn der grossen Einwir- 
kung ihres Geistes auf dem Fest- 
lanile in der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts auch ihre Bau- 
kunst für Europa massgebend 
wurde, dass der Klassicismus 
jeuer Form, die wir Empire zu 
nennen pflegen, von ihnen eben- 
so erfunden ist, wie jene 
Tischlergotik und der natürliche 
Gartenbau, welche die Kinder 
englischer Empfindsamkeit sind. 
Für Deutschland hat Gur- 
litt den ungelieueren Stoff nach 
neuen Gesichtspunkten geordnet. 
Er nimmt zwei l'arallelströmun- 
geu an: eine süddeutsch-katho- 
lische und eine norddeutsch- 
jirotestautische. Die erstere be- 
ginnt früher mit den Werken 
der Jesuiten. Zunächst stellt 
Gurlitt fest, dass diese nicht im 
sogenannten Jesuitenstil, d. h. in 
prunkvoller Überladung bauten, 
s<mdern ihre Geistesriclitung in 
trockener Latinität nach den 
Regeln Vignola's ausdrückten. 
Mit dem Jahre 1660 etwa Ijegin- 
nen die grossen Territorialbeherrscher eine regere Bau- 
thätigkeit, namentlich die Klöster. Sie bedienen sich 
oberitalienischer Maurer und Stukkaturen, welche 
eine eigenartige, auch nach Italien, selbst nach Rom 
zurückwirkende Kunst ausüben. Um 1690 beginnen 
deutsche Meister sie zu verdrängen, die dann sich zu 
grösster Virtuosität erheben, indem sie die Raum- 



grösse der Italiener mit der Vielgestalt der Deutschen 
verbinden. Zu den bekannten Namen Fisclier 
V. Erlach und Hildebrandt in Wien treten teilweise 
ganz neue Namen: ein Prandauer, die Dientzen- 
hofer, Ettner, Timm, Bart, Gumpp. Die faust- 
sichereu Asam in München fassen dann in ihrer 




Sf.hönboiDliai)elle zu Wiuzbuig von Joh. Balthasar Ncumaiui 1CS7— 1753. 
(Aus GUKLiTTS Geschichte des Barockstils) 

Weise das Können der Zeit zu glanzvollen dekora- 
tiven Leistungen zusammen. 

In Nonhleutschland zeigen die Dinge einen 
anderen Verlauf Das Bauen begann au den kleinen 
Höfen in originellen, der Kunst vor dem grossen 
Kriege entsprechenden Formen. Bald aber kamen 
die Niederl:'lndi'r, nach ihnen die Hugenotten in die 



KiS (JUKLITTS GESCHICHTE DES BAHOCKSTHjS, DES KOKOKO [JND DES KLASSICISMUS. 



Hauplstiidte iiud bildeten die Arcliitelvtur mit über- sciiiiuuiigeu eiu uud bewirkt, dass die junge Blüte 

k'gener Schulung, aber beselieideneui KiHiiiru iiucli schnell in der Dürre der Uegelrichtigkeit verwelkt, 

ihrer Weise um. Nur im Kirchenbau liegegueten Schon 1730 hat die greise Akademie und ihre Lehre 

sich beide Bestrebungen: dort eiitnehmeu die Deut- in fast ganz Norddeutschland gesiegt, den Barock- 

schcn die (Innult;ribiiikcii der l'icdi"-tkirclie den stil zerstört und dem liokiiko Platz geschafft, in dem 




Sclilosskapelle zu Cliarlotteuburg von J. F. Eosaniler v. Goetie. 
(Aus GUKLiTTS Geschichte des Barockstils.) 



Niederländern, bilden ihn aber mit der erwachenden 
Vertiefung des protestantischen Gefühls weiter. Um 
dieselbe Zeit, wie im Süden, siegen auch im Norden 
die Deutschen über die Eingewanderten , indem 
Schlüter, Pöppelmann und Bih' auftreten. Aber die 
klassische Bildung, die litterarische Denkweise des 
Nordens führt die französischen Grundsätze und Au- 



sicli nun der Formeneifer der Nation viel länger 
ergeht, als bei anderen Völkern. 

Es kommt nur an vereinzelten Stelleu später zu 
ein(!r nationalen Selbständigkeit, und zwar sind dies 
auch im Norden alle jene Stellen, welche die auf- 
klärende Bildung weniger erreichte. Wer auf der 
Höhe der Zeit stand, hielt die Kunst eines Neumann, 



GURLITTS GESCHICHTE DES BAROCKSTILS, DES lUJKOKO UND DES KLASÖICISMUS. 169 



Schlauii und auderer Meister der geistlicheu Höfe 
für gotisclie ürilleu iiu Gegeusatze zu der erliiibeueu 
Einfachheit, welche von tler Akademie zu Paris, uud 
der siiiulicheu Zierlichkeit, welche von den Kunst- 
handwerkern gelehrt wurde. So etwa dachte Fried- 
rich der Grosse, Avelcher, der englischen Palladio- 
Schwärmerei folgend, in Potsdam alle Paläste des- 
selben als Zinshäuser wiederholen Hess, da seine 



vorführt uud dadurch unsere Kenntnis der Kunst- 
geschichte ganz bedeutend erweitert. Gegenüber 
diesem Hauptvorzuge treten einzelne Mängel zurück, 
nämlich dass der ungeheuere Stoff nicht vollständig 
beigebracht werden konnte — es fehlen z. B. Sizilien, 
Pyreuäenhalbinsel, Ostseeländer — dass das heftweise 
Erscheinen einige Kapitel, die zusammengehören, 
auseinandergerisseii hat uud dass sich an manchen 



I'J' -.1 SÄ' 




S. Cxiovanui iu Laterauo zu Rom von Alessaiidro GaUlei 1091—1737. (Aus Gurlitts Geschichte des Barockstils.) 



eigenen Architekten seineu Wünsclien Entsprechendes 
nicht zu schaffen vermochten. 

Gurlitt schliesst mit der Zeit um 1780. Es bleibt 
noch eine kleine Kluft offen bis zu Schinkel und 
Kleuze. Hoffentlich wird auch diese bald gefüllt 
werden. Dem Gurlittschen Werke dürfen wir nach- 
rühmen, dass es uns eine gewaltige Fülle r.eueu 
Stoffes unter sachgemäss gewählten Gesichtspunkten 



Stellen mehr Druckfehler finden, als billigerweise zu- 
lässig sind. Eine zweite Auflage des Werkes, die 
hoffentlich nicht allzulange auf sich warten lässt, 
wird wenigstens die letzten beiden Mängel mühelos 
beseitigen. Schon in seiner jetzigen Gestalt schliesst 
es sich würdig an die seiner Vorgänger Kugler, 
Burckhardt und Lübke an. — mi. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



Zeitschrift des Aachenei- Geschichtsvereins, im 

Auftnijje (k'r wissiML^rliaftliclicn Kouiinission lu'raiisgc- 
gclien von h'iihiinl l'ick, Aioliiviir der Stiidt Aachen. 
XL Band, ISSi). 
In vielen Jalirgängeti der genannten, ülieraus sorgfältig 
geleiteten Zeitschrift finden sich bemerkenswerte, ja -wichtige 
Beiträge 7Air Kunstgeschichte. Braucht man doch in Aachen 
nur in die Fülle dessen hineinzugreifen, was der Ort selbst 
bietet, um des Anregenden genug zu finden. So lirachte 
die Zeitschrift des Aachener Geschichtsvcrcins in einem der 
ersten Jahrgänge (lll, i)7 ff.) eine Studie über den antiken 
Sarkophag, der als Sarg Karls des Grossen gedient hat. 
Späterhin folgten wertvolle Aufsätze über die Palastkapelle 
zu Aachen, über „Allirecht Dürer in Aachen" und manches 
andere. Der jüngste Band ist nun ganz besonders reich an 
knnstgcschichtlichen Mitteilungen, weshalb hier auf ihn auf- 
merksam gemacht werden soll. S. IGO ff. begegnet uns ein 
Artikel über den „Aachener Domschatz und seine Schicksale 
während der Fremdherr.schaft" , S. 278 eine Studie ülier 
„römische Münzen aus der Umgebung von Aachen". Von 
hervorragender Bedeutung ist P. Clemens Artikel über „die 
Porträtdarstellungen Karls des Grossen" (S. 184 ft'.) Über 
das, was E. aus'm Weerth vor einiger Zeit in den Bonner 
Jahrbüchern ülier denselben (legenstand beibrachte'), geht 
die neue Arbeit weit hinaus. Der Autor nimmt ganz natur- 
gemäss von den litterarischen Quellen und den gleichzeitigen 
Darstellungen seine Ausgang.spunkte, wobei er einleitend 
von den Bildnissen der Merowingcr spricht. Bezüglich des 
grossen Karl verdankt man bekanntlich die ausführlichste 
und älteste Personbeschroibung der vita Caroli des Einhard, 
deren Worte allein den breiten, kräftigem Körper, den runden 
Kopf, das grosse lebhafte Auge, die grosse Nase, den kurzen 
Hals und anderes so bestimmt umschi'eiben, wie es mit Worten 
eben leicht möglich war. Dichterisch gefasst wjrd die Per- 
sonbeschreibung von Thcodulf und Angilbert. „Völlig authen- 
tische Zeugnisse über die Leibcsgestalt Karls d. Gr. gewährt 
aber noch die Untei'suchung seiner im Aachener Münster be- 
wahrten Gebeine". Clemens Studie macht es so gut wie sicher, 
dass zu Aachen thatsächlich die Gebeine Karls d. Gr. aufbewahrt 
werden. Bezüglich der gleichzeitigen Bildnisse ist zunächst eine 
negative Erkenntnis von Bedeutung. Führten die Mcrowinger 
gleichzeitige Porträtsiegel, so benutzten dagegen die Arnul- 
fingor antike Gemmen. „Karls d. Gr. Siegel haben für die 
Geschichte des karolinigischen Porträts nicht den Wert wie 
die seiner Nachfolger: der Kaiser bediente sich nur antiker 
Gemmen , eines Intaglios mit der Büste des Kaisers Com- 

modus früher allgemein für Karls Porträt gehalten, 

und eines zweiten mit der Büste des Jujiiter Serapis . . . . " 



1) 78. lieft: „Die Reiterstatuette Karls des Grossen aus dem 
Dome zu Metz." 



Ein wirkliches Bildnis haben wir nun aber an der Bleibulle 
vor uns, die sich im Cabinet des antiques zu Paris befindet. 
Karls Brustbild wird hier fast von vorn gesehen. Clenien 
geht nunmehr auf das Grabmal Karls in Aachen, auf die 
Wandgemälde im Kaiserpalast zu Aachen und den Bilder- 
kreis der Pfalz zu Ingelheim an der Hand der Quellen unil 
der neuesten Litteratur ausführlich ein, um dann vom Mosaik 
im Triklinium des Lateran und in Santa Susanna in Rom 
zu sprechen. Als Bildnisse, die stilistisch für gleichzeitig 
zu erachten sind, anerkennt Clemcn die Reiterstatuette des 
Museo Carnavalet in Paris (vorher in Metz) und die Bild- 
nisse in den Handschriften der Leges Barbarorum. Die bei- 
gegebenen Abbildungen treten ergänzend zu dem hinzu, was 
in der oben erwähnten Arbeit von Ernst aus 'm Weerth ab- 
gebildet worden. Wenn wir etwas an Clemens Arbeit ver- 
missen, so ist CS eine übersichtliche Zusammenfassung der 
gewonnenen Ergebnisse am Schluss, was übrigens leicht 
nachgeholt werden kann. Eine scharfe Trennung der noch 
vorhandenen Bildnisse von den in den Quellen oder in der 
Litteratur genannten aber nicht mehr erhaltenen, würde sich 
dabei von selbst ergeben. Fr. 

* Von dem früher licreits von uns angekündigten Werke 
ülier die Uciiiiisia/isil/e Expedition des Ornfoi Krirl Lmicl.o- 
ronsl.-i wird demnächst der erste Band im Verlage von 
Tempsky erscheinen. Derselbe behandelt die Städte Pam- 
phyliens und Pisidiens, und zwar hauptsächlich die Denk- 
mäler von Aspendos und Side, wozu noch die von Perge, 
Adalia und Sillion hinzukommen. Die Beschreibung der 
Reise rührt vom Grafen C. Lanckoronski selbst, die gelehrte 
und kün.stlerische Bearbeitung der Denkmäler von den Pro- 
fessoren G. Nieiiicmn und Emj. Petersen her, welche an der 
Expedition teilnahmen. Das Werk umfasst 31 Tafeln in 
Heliogravüre, zwei von Kieiicrt gezeichnete Karten und zwei 
Stadtpläne in Farbendruck, endlich 112 zinkographische Text- 
illustrationen. Der Text erscheint in deutscher, französischer 
und polnischer Sprache. Die Heliogravüren wurden vom 
k. k. militärgeogi-aphischen Institut, die Zinkos von Angerer 
und Göschl in Wien ausgeführt. Sämtlichen Abbildungen 
liegen Naturaufnahmen von Prof. Niemann zu Grunde; luu- 
zwei sind nach Aquarellen von Prof. v. Liehtcnfcls ausgeführt, 
für welclu' Photographien als Vorlagen dienten. Die Ab- 
bildungen entsprechen in Bezug auf Treue und künstlerische 
Vollendung den höchsten Anforderungen. 

* Die sehr dankenswerte Aufzeichnung der „Bau- und 
Knnstdenhm liier TImrimjcns", welche von uns früher bereits 
mit gebührender Anerkennung begrüsst. wurde, ist kürzlicli 
um ein neues, sechstes Heft vermehrt worden, welches dii' 
Denkmäler des Amtsgerichtsbezirkes Saalfeld im Herzogtum 
Sachsen-Meiningen enthält. Der Herausgeber, Dr. P. LclifetdI. 
hat in diesem Bezirke sämtliche Orte (ganz wenige kleine 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



171 



ausgenommen) persönlich besichtigt und auch die gesamte 
Literatur selbst für das Werk nutzbar gemacht Die Stadt 
Saalfeld, von deren alter Kunstblüte noch erhebliche Reste 
zeugen, lohnte diese Bemühungen in besonders ergiebigem 
Masse. Der Band wird durch eine Eeihe schöner Licht- 
drucktafeln und zahlreiche instruktive Textabbildungen illu- 
strirt. Ob die von dem Verfasser eingeführten Bildzeichen: 
^ für Kundbogen, fl für Spitzbogen u. s. w. wirklich von 
Nutzen und überhaupt notwendig sind, möchten wir be- 
zweifeln. Die Sprache hat für die einfachen und auch für 
die reicheren, komplizirteren Formen hinreichend kurze und 
leicht verständliche Bezeichnungen geschaffen. 

^*^ Über rkii xtim Donibaitmviskr in Strassl/iny ijc- 
iriildlcn Architcldcn Franx. Schiiil-, bringt die „Deutsche 
Bauzeituüg" folgende Mitteilungen: Architekt Franz Schmitz, 
der in den letzten Jahren die Geschäfte des Diözesanbau- 
meisters des Erzbischoftums Köln versehen hat, ist der Fach- 
genossenschaft als einer der Ersten unter den lebenden Mei- 
stern deutscher Gotik bekannt, wenn er auch in seinem 
stillen und zurückgezogenen Wii-ken der Öffentlichkeit weni- 
ger Gelegenheit gegeben hat, sich mit ihm zu beschäftigen 
als sein Schüler Hartel (dessen Nachfolger er jetzt geworden), 
(icbildet in der Kölner Domhütte, ist er nach dem Austritt 
Fr. Schmidts von lS5(j bis 18G8 als Douiwerkmeister das 
künstlerische Haupt derselben gewesen; er hat aus dieser 
Stelle scheiden müssen, als sich über die Herausgabe der 
von ihm begonnenen Veröfientlichung über den Dom unaus- 
gleiclibare Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem 
Vorstande der Hütte, Dombaumeister Geh. Regierungsrat 
V'oigtcii, entspannen. Wie schon vorher, hat er seit dieser Zeit 
rille Reihe trefflicher Bauten als ausführender Architekt ge- 
scliatt'en, aber auch in der Wiederherstellung mehrer hervor- 
ragender mittelalterlicher Bauwerke, unter denen nurSt.Severin 
in Köln und das Münster in Bonn genannt werden mögen, 
hat er sich aufs beste bethätigt. Hat der neue Meister von 
Strassburg das lilj. Lebensjahr auch schon überschritten, so 
erfreut er sich doch noch einer Kraft und Frische, die nach 
menschlichem Ermessen vollauf dafür zu bürgen scheinen, 
dass er imstande sein wird, die gegenw."irtig begonnenen 
Arbeiten zu einem guten Ende zu führen. 

X. — In Bremen starb am 7. März der Architekt 
Heinrich Müller, der in seiner Vaterstadt wegen seiner künst- 
lerischen Leistungen und bürgerlichen Verdienste hohes An- 
sehen genoss. Er hat viele trefl'liche Bauten in Bremen aus- 
geführt, die Börse, die St. Renibertikii'che , das Musomns- 
gebäude, das Logengebäude, den Aussichtsturm im Bürgor- 
park u. a. Besonders beliebt war er als Festanordner; in 
den letzten drei Jahrzehnten ist in Bremen fast kein grosses 
Fest gefeiert worden, ohne dass er für den künstlerischen 
Schmuck gesorgt hätte. PiS giebt kaum ein grosses künst- 
lerisches Werk in Bremen, bei dem Müller nicht mehr oder 
weniger die treibende Kraft war; verdankt doch auch die 
Kunsthalle seinem Eifer ihre Entstehung, hatte doch der 
Bürgerpark einen Freund in ihm gefunden, dessen wirkungs- 
vollem, die eigenen Interessen hintansetzendem Auftreten es 
vornehmlich mit zu verdanken ist, dass der Heger und Pfle- 
ger dieser künstlerischen i'arkidee sein grosses Werk zu Ende 
führen konnte. Das Gewerbemuseum und der Künstlervereiu 
shid seiner Initiative entsprungen, aber auch die Loge, der 
er angehörte, hat Ursache, ihm dankbar zu sein für das so 
prächtige und zweckmilssig eingerichtete Logengebäude an 
der Sügestrasse. Eine grosse Freude hat der Verstorbene 
während seiner langen wechselreichen Krankheit gehabt. 
Ihm ist gelegentlich seines 70. Geburtstages, welcher am 
2 Februar ISSii gefeiert wurde, der Beweis geliefert worden. 



dass Bremen sein Wirken cUinkbar und freudig anerkennt 
und dass er Freunde besass in allen Gesellschaftskreisen 
seiner Vaterstadt. 

Zu Cornelius' Campo Santo. Es sind etwa 25 Jahre, 
dass ich in den bekannten Kupferstichen nach Conielius' 
Campo Santo einen Fehler der Zusammenstellung erkannte 
und in einem öffentlichen Vortrage darauf .aufmerksam zu 
machen Gelegenheit erhielt. Seitdem habe ich öfter Kunst- 
freunde und Kunstgelehrte darüber gesprochen und immer 
den Eindruck erhalten, dass die Sache noch keine Verbrei- 
tung gefunden hatte. Möglich, dass nun inzwischen andere 
auf das Gleiche gestossen sind und irgendwo darüber schon 
das Nötige gedruckt ist ; dann bitte ich um Verzeihung für 
die folgende Mitteilung, die für den andern Fall doch ihren 
Wert haben möchte. In einem der gelesensten Werke 
Kants hat sich eine gar nicht schwer erkennbare Versetzung 
mehrerer Blätter, die den Zusammenhang empfindlich stört 
nahe an hundert Jahre lang durch alle Auflagen hindurch 
erneuert und kein Leser hat sie entdeckt. In jenen Stichen 
findet sich auf dem mit A b bezeichneten Blatte rechts als 
Hauptbild die Steinigung des Stephanus mit den Lünette 
„Dem Lamm allein die Ehre", in welcher Heilige und Mär- 
tyrer dem Lamm huldigen; darunter auf der Predelle Sodom 
und Gomorrha. Die Predelle ist an ihrem richtigen Orte, 
dagegen gehören Hauptbild und Lünette auf das Blatt C c 
links, wo sich statt dessen dasjenige Hauptbild nebst Lünette 
jetzt voi-findet, welches auf Ab an die vorhin bezeichnete 
Stelle gehört. Hat man den Umtausch hei'gestellt , so er- 
giebt sich die dem Gesamtplane entsprechende Anordnung: 
A b Ostwand A a 

Lehen Jetoi. 



Links 


Ün-Iils 




Lull. Jesus und reuige 


Lull. Jesus und Siiiukr. 




Sünder. 




Fügt hinzu: 


Hauptl). Die Elielireclie- 


Hauptli. Urihing nm 


Jesu 


riii. 


fi'irhlbriirlli(/t'n. 


Geburt 


Pred. Sintflut, als alt- 


Pred. Sodom u. Gomor- 


und 


testamentliclie 


liia, als alttest. 


Tod. 


Beziehung zur 


Kontrast zur Dar- 




Sünde. 


bietung d. Heils. 





Südwand. 
LrhfH ,!rr Ajiashl. 



linl.-s L. Paulus inedigt. 



Paulus liekelirt. 

Paulus als 

Saulus. 



Paulus erweckt 
vom Tode, 
heilt dureli 



Schatten, 
ist kleinmütig 
u. Verleugner. 



Aus- 
giessuiig 

des 
heiligen 
Geistes. 



Lei 



liid-s h. Heilig,: n. Mir- 

tijn.r um (las 

Lamm. 

II. S/riihanvs Tod. 

P. Treiben der 

Pharisäer. 

m-lils L. Uekelirung des 
Ooruelius. 
II. liekehrung des 
Kümmerers. 

P. Diana von 
Ephesus. 

ICVDOLF SKVI'h'L. 



X. — //( Arnheini wird für nächstes Jahr eine inter- 
nationale Kunstausstellung geplant, welche vom 1."). Juli bis 
1.5. September 1S91 dauern soll. Die Ausführung des Ge- 
dankens liegt in Händen einer Gesellschaft, deren Präsident 
der Advokat F. N. L. Abersmi ist. 

* Über die innere Aussclimückung ^i'sl;>instlii.tti}risrlie)i 
Hofmusetinia in Wien entneliiiien wir der „Internat. Kunstaus- 
stellungs-Zeitg." die nachfolgenden Angaben: „Die Plafonds 



172 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



clt'i' bereits erütliictcii WallciisiimniUing eiitbolireii iiücli 
L'iiiiger kleinerer Malereien, welehe in den übrigen selion 
vollendeten ornamentalen Grund eingesetzt werden sollen. 
Die Säle des Iloehparterros in diesem (lebäude haben vor 
denjenigen des Schwesterpalastos manche Zier voraus. Da 
über ihrer Mitte die Mauern der Bildersiile im Ilauptgeschoss 
aufruhen, so stehen in jeder Saalmitte ein oder /.wei kolos- 
sale Säulen, welche den Ri'unnen ein majestätisches Ansehen 
gewähren. Es sind durchweg Monolithe grauen, schwarzen, 
tiofbraunroten Marmors oder blassroten Granits mit vergol- 
deten Basen und Kapitalem aus Bronze. Nur der Saal mit 
den Waffen aus der Zeit Karls V. und derjenige der giiechi- 
schen l'lastik haben Pfeiler statt Säulen; jener der Renais- 
sance-Goldschmiedekunst ist schmäler und länger, daher 
ohne Deckenträger. Das funkelnde Gold seines unschätz- 
baren Inhaltes wird sich von lichtgrauen, beinahe weissen 
Manuorwänden abheben, diejenigen im Saale der griechischen 
Skulpturen sind lichtgelber, endlich jene im Saale der Re- 
naissancebronzen dunkelbrauner Marmor. Die Decken haben 
reichen malerischen Schmuck von Grotesken, dazwischen 
Embleme der verschiedenen habsburgischen Fürsten, den 
Plafond im Saale der Goldschmiedearbeiten bedecken Stucka- 
turen, in deren Mitte ein grosses Ölgemälde bestimmt ist, 
dessen Gegenstand eine Verherrlichung der hervorragendsten 
Kunstfreunde der Dynastie in Gesellschaft der bedeutendsten 
Künstler und Gelehrten ihrer Zeit ist. Im schon fertigen 
grossen Waö'ensaal sind die Wappenschilder des österreichisch- 
spanischen Hauses Habsburg in Farben an den Gewölben 
zu sehen, wie sie dem Zeitalter Karls V. entsprachen. Ein 
kleinerer Saal, welcher die Prunkmöbel des 10. und 17. Jahr- 
hunderts umschliessen soll, wird Stofl'tapeten entsprechender 
Stilistik bekommen. Die Säle der ägyjjtischen Sammlung, 
deren Decken auf originalen Lotossäulen von Alexandria 
ruhen, haben an den Wänden genaue Kopien der Malereien 
in den Felsgräbern von Beni-Hassan-el-Goddim, die Plafonds 
sind verschiedenen Deckenmalereien in Königsgiübern nach- 
gebildet. Die Anlage des grossen Stiegenhauses mit der 
Kuppel unterscheidet sich im wesentlichen nicht von der- 
jenigen des naturhistorischen Museums. Die Lünetten, welche 
die berühmtesten Maler darstellen und noch von Mahui 
heiTÜhren, harren der Anbringung; das grosse Deckenbild, 
Apotheose der Kunst, geht unter den Händen Munlcacsy's in 
Paris seiner Vollendung entgegen. Es kostete dem ernsten, 
an düstere Töne und Schatten gewöhnten Meister schwere 
Mühe, sich in das seiner Art fremde Thema zu finden; eine 
ganze Reihe von Skizzen mussten einander alilösen, bis der 
Künstler selbst zufrieden war, nun scheint er — soviel sich 
nach der Photographie des letzten Entwurfes ein Schluss 
ziehen lässt — auf die rechte Bahn gekommen zu sein. — Auf 
dem herrlichen Platze zwischen den beiden Gebäuden, zu 
Seiten des Denkmals Maria Theresia's , werden nun noch 
monumentale Brunnen aufgestellt." 

.^ Die Ahnahnic der Lanijersclie)i Fresl.en in der ,SV-///o.s.s-- 
nirlHehnfl zu Ilaidliniisen (Miinclirii) ist beendet und die 
iJbertragimgsai'beiten in der städtischen Handelsschule haben 
lii'gonnen. . H(;rr Chemiker A. Kr Im bediente sich bei Abnahme 
dieser künstlerisch und kunsthistorisch bedeutenden Fresken 
znin 'iVil des neuerdings in Rom von Bardini bei Abnahme 
der Overlieeksclien liildcr in der Ca.sa, l'arHiiildy iingcw<'iideten 



Methode (überkleben der Bildflächen mit in heissen Leim 
getauchten kleineren Leinwandstücken), fand indessen im 
Laufe seiner Arbeit dass bei entsprechender Verhärtung der 
Leinwandschicht sogar der feine Malgrund mit abgesprengt 
werden könne und entschied sich dann bezüglich der grösseren 
Bilder für ein von ihm erfundenes, höchst geniales Ver- 
fahren, das mehr Sicherheit bot und das sich auch voll- 
ständig bewährte. Es wäre sehr zu wünschen, wenn Herr 
Keim auch die berühmten Rottmannschen Fresken in den 
Arkaden auf seine erpi-obte Art herabnehmen und dann an 
einen passenden Ort überführen würde ; denn wenn sie blei- 
ben, wo sie gegenwärtig sind, ist ihr Untergang nur eine 
Frage der Zeit. 

A Defregger hat ein reizendes Genrehildchen , „Das 
Märchenbuch", auf der Staffelei, in welchem der Künstler 
mit seltenem Verständnis die Herzensregungen der Kleinen 
wiedergiebt. Der Entwurf zu einem weiteren Bilde „Das 
Ariston" zeigt einen italienischen Knaben, der einer Gesell- 
schaft Tiroler Bauern dieses ihnen noch unbekannte Insti-u- 
ment vorspielt. 

A Ilisiurische Snmiiiliiiig der Münchenei- Kimstiergenossen- 
schaß. Die Münchener Künstlergenossenschaft versendet ein 
Cirkular,in welchem sie alle Freunde auffordert, ihr das nötige 
Material zu einer Sammlung zu liefern, welches geeignet er- 
scheint, der Zukunft ein klares Bild ihrer eigenen Geschichte 
und der ganzen Münchener Kunstentwickelung zu bieten. 
Wir kommen später darauf zurück. 

X. — Berliner Kiinstaiilction. Am 9. April und folgende 
Tage bringt die Kunstauktipnsfirma B. Lrpkr in Berlin eine 
grössere Zahl von Kupferstichen und Radirungen, worunter 
eine Sammlung des Professors T/iierscIi, wertvolle Dürerfolgen, 
viele schöne und seltene Blätter nach P. P. Rubens und van 
Dyck, etwa 1100 auf Braunschweig bezügliche Porträts und 
eine beträchtliche Zahl Hamburgensia sich befinden. Den 
Beschluss machen eine Reihe Aquarellen und Handzeich- 
nungen und eine ganze Kunstbibliothek bestehend aus Kupfer- 
werken und Kunsthandbüchern zum Teil aus dem 
Nachlasse von O. Pletscli. Der Katalog hat nicht weniger als 
2050 Nummern. 

X. — FrntiJ.finier Kinixirtulliimrii. Am 1. April ver- 
steigert Und. Bangel in Frankfurt a. M. lüS Gemälde älterer 
imd neuer Meister, teils in Auftrag der Kunstler; am folgen- 
den Tage eine kleine Sammlung von Antiquitäten und Kunst- 
gegenständen, einige Musikinstrumente, Münzen und Me- 
daillen, worunter eine Thalersammlung mit seltenen Stücken. 
* Zit den Kimsthläftern. In der beifolgenden Radirung 
von Th. Alplinn.s führen wir den Lesern eine Reproduktion 
des schönen Bildes aus dem Park der Villa Borghese von 
Roh. liiiß in Wien vor und brauchen zur Erläutei-ung des 
Blattes dem in Nr. 1 dieses Jahrganges über das Bild Ge- 
sagten kaum noch etwas hinzuzufügen. Der Radirer hat 
die höchst schwierige Aufgabe, das grosse, an landschaft- 
lichen Details und Staffagen reiche Gemälde mit seiner in 
zarten Tönen abgestuften Stimmung in das kleine Format 
der Platte zu übersetzen, in meisterhafter Weise geli'ist. 
Das Bild ist inzwischen in den Besitz des regierenden 
Fürsten Johiuin von und zu Liechtenstein in Wien fiber- 
gegangen. 



Herausgeber: Carl von LiiUow in Wien. — b'eiligirt unter Venuitwortlicldteit des Verlegers /.'. A. 

Druck von Aiyiisl Pries. 



^ t-- 








Das städtisrlie Spiel- und Festliaus in Worms. 

DAS STÄDTISCHE SPIEL- UND FESTHAUS IN WORMS. 

MIT ABBILDUNOEN. 




US jahrhundertelanger Weltfremde 
ist Worms in neuester Zeit wie- 
der eine vielgenannte Stadt ge- 
worden, indem es durch die jüngst 
stattgehabte Eröffnung seines 
Spiel- und Festhauses die Blicke 
diT knustsinuigen AVeit auf sich gezogen hat; und 
wahrlich mit Recht, denn durch diese That hat die 
Bürgerschaft von Worms ein leuchtendes Beispiel dafür 
gegeben, dass unser deutsches Volk noch sehr wohl 
imstande ist, viel Geld und viel Zeit für den Ge- 
winn rein idealer Güter freudig zu opfern. 

Der in Worms schon lange rege gewesene 
Wunsch, ein eigenes Theatergebäude zu besitzen, 
erhielt festere Gestalt nach der über alle Erwartung 
gelungenen Aufführung des Herrigscheu Lutherfest- 
spiels durch Wormser Bürger im Jahre 1883, dessen 
Veranstalter, Friedrich Schön, einer der ersten Bürger 
der Stadt und eiu Kunstfreund edelster Art, dem 
Verfasser, Hans Herrig, Gelegenheit gab, seine lange 
gehegten Ideen über Reform der deutschen Bühne 
zum ersten Male praktisch zu erproben. Der Ver- 
siudi gelang und fand die denkbar günstigste Auf- 
nahme. Diese Aufführungen hatten damals in einer 

Zeitscluilt für liildeiide Kunst. N. F. I. 



Kirche stattgefunden auf einer durchaus dekorations- 
losen Bühne, deren Einrichtung wir weiter unten 
besprechen wollen und, wie gesagt, der Erfolg war 
ein derartiger, dass man beschloss, die so glücklich 
betretene Bahn weiter zu verfolgen, das Volksschau- 
spiel im edelsten Sinne des Wortes weiter auszu- 
bilden und zu pflegen. Nun aber zeigte sicii der 
Mangel eines passenden Raumes; der Gedanke, ein 
Theater zu bauen, trat alsbald in den Vordergrund, 
und wieder war es Friedrich Schön, der die grosse, 
mühevolle Arbeit unternahm, den gefassten Plan 
zur Wirklichkeit werden zu lassen. Die kurz darauf 
erschienene Schrift „Luxustheater und Volksbühne" 
von Hans Herrig half schnell den Boden bereiten, so 
dass mau sehr bald mit einem Architekten wegen 
der nötigen Pläne in Unterhandlung treten konnte. 
Dem Zuge der Zeit folgend, hätte man eigentlich 
auf Grund eines recht weitläufigen Programms eine 
Konkurrenz ausschreiben und unter den eingegange- 
nen Arbeiten eine womöglich recht charakterlose 
wühlen müssen, aber glücklicherweise geschah hier 
nichts derartiges. Durch Vermittehmg von Hans 
Herriw war in dem ihm Itefreundeten Baumeister 
Othi March in Charlottenburg bald der rechte Mann 

■>3 



17-1 



DAS STÄDTISCHE SIMEL- UND PESTHAUS IN WORMS. 



gefuiiden, der die Sache niit Begeisteniug ergriff, 
und wie ein walirer Künstler nicht nötig hat, 
erst tastend zu suchen, so war denn auch March 
mit dem Grundgedanken überraschend schnell ins 
klare gekommen. Da die zur Verfügung stehende 
Bausumme zuerst nur 350000 M. betrug, so musste 
der Künstler sich auf einen Faehwerkbau beschränken, 
der aber bei aller Einfachheit die drei Hauptbe- 
(lingungen glänzend löste, indem er künstlerische 
Schönheit mit Zweckmässigkeit und möglichster 
Billigkeit vereinigte. Nach Vollendung der Pläne 
trat Schön mit seiner Schrift: „Ein städtisches Volks- 
theater und Festspielhaus in Worms" hervor, die 
mit überzeugender Wärme geschrieben, das Unter- 
nehmen schnell förderte und die nötigen Mittel viel 
reichlicher fliesseu machte, so dass der ursprüngliche 
Plan durch einen anstossenden Festsaalbau nebst Er- 
frischungsräumen erweitert werden und das Ganze 
massiv in Steinbau aufgeführt werden konnte. Aller- 
dings erforderte der so erweiterte Plan einschliesslich 
Grundstück, innere Einrichtung und Dekorationen ein 
Kostenaufwand von 540 000 M., eine Summe, die 
sich später in Folge weiterer Ansprüche auf 61 1 000 M. 
erhob, welche ohne besondere Schwierigkeiten von 
der Bürgerschaft aufgebracht wurden. So konnte 
denn ein Bauwerk erstehen, das seinem Meister 
sowohl als auch der Stadt Worms zu höchster 
Ehre gereicht. Die beigegebenen Abbildungen und 
der Grundriss lassen leicht erkennen, wie es der 
Künstler vermieden hat, die ganze Anlage unter ein 
Dach zu bringen und dass er die landläufige Renais- 
sance verschmähte, dafür aber mit Rücksicht auf 
den gegenüberliegenden Dom den romanischen Stil 
erwählte, den er aus dem Bedürfnis heraus frei ent- 
w-ickelte. So entstand ein Bauwerk, dessen mäch- 
tige Linien einen grossen, selbst von der Nähe des 
Domes nicht beeinträchtigten Eindruck machen. 
Überall tritt die Konstruktion klar zu Tage, nirgends 
giebt es Bemäntelungen, die nur äusserer Schönheit 
dienen; Zweckmässigkeit und Schönheit gehen ziel- 
bewusst Hand in Hand; der würdig ernste Eindruck, 
den der Eintretende in der gewölbten, von Granit- 
säulen getragenen Eingangshalle empfängt, begleitet 
ihn in fortwährender Steigerung durch das ganze Haus. 
Wie aus dem Grundriss ersichtlich, besteht der 
Zuschauerraum aus einem mächtigen, gegen 1200 
Personen fassenden Rundbau, welchem sich hinten 
das Bühnenhaus und vorn der Stirnbau mit dem 
Haupteingange vorlegt. Mit die.sem Hauptl)au ist, 
wie schon oben gesagt, ein bedeutender Flügelbau 
verbunden, der die Tageswirtschaft und einen Fest- 



saal mit kleiner Bühne für Orchester und kleinere 
Aufführungen enthält. Dieser Saal wird von einer 
die Konstruktion des Dachstuhls zeigenden Holz- 
decke überspannt, ähnlich derjenigen im Festsaale 
der Wartburg. 

Betrachten wir nun den Ausgangspunkt des 
Ganzen, die Bühne in ihrer eigentümlichen Anord- 
nung. Diese hält im wesentlichen an den Einrich- 
tungen fest, die sich bei den Aufführungen des 
Lutherfestspiels in vielen Städten bewährt haben. 
In ausgesprochener Zweiteilung setzt sich die Bühne 
aus einer Vorderbühne und einer Hinterbühne zu- 
sammen. Erstere hängt durch eine Freitreppe mit 
dem Zuschauerräume unmittelbar zusammen, stellt 
also jene ideale Gemeinschaft der Schauspieler mit 
den Zuschauern wieder her, die im Theater der 
Alten wie im englischen Theater zu Shakespeare's 
Zeit bestand. Ein Abschluss der Vorderbühne gegen 
den Zuschauerraum kann nicht erfolgen; die Schau- 
spieler treten entweder durch die beiden Seiten- 
thüren oder von der Hinterbühne her auf; auch 
kann, im Fall, wo die Scene sich aus einem Zuge 
entwickelt, der Weg mitten durch den Zuschauer- 
raum genommen werden. Die Hinterbühne lässt sich 
durch einen Vorhang, der sich seitlich öffnet, ab- 
schliessen. In der Wand, welche Vorder- und Hinter- 
bühne trennt, sind über den beiden Seiteneingängen 
Fenster und über der Bühnenöffnung ein drei- 
geteilter Söller angebracht; hier denkt man Personen 
auftreten zu lassen, die aus dem Inneren eines 
Hauses heraus, von einem Turme oder Balkon zu 
sprechen haben. Dekorationen fehlen ganz; statt 
ihrer dienen dunkelbraime StofFbekleidungen den 
handelnden Personen als Hintergrund. 

Fragen wir nun, wie sich diese Bühneneinrich- 
tung bei den ersten Aufführungen bewährt hat, so 
lässt sich ehrlich darauf antworten, im grossen und 
ganzen recht gut, wenngleich noch mancherlei z>i 
ändern und zu bessern bleibt. So müssen vor allen 
Dingen die trübseligen, von der Lutherbühne bei- 
behaltenen, tiefbraunen Vorhänge entfernt und 
durch andersfarbige ersetzt werden, denn gegen- 
über dem strahlend heiteren Hause machte die 
Bühne den Eindruck eines Krankenzimmers. Wir 
möchten dafür in bescheidenen Farben gemalte 
Gobelinimitationen vorschlagen, damit der düstere 
Eindruck, den die Bühne jetzt macht, verschwindet. 
Immerhin ist hier aber ein sehr dankenswertes Ver- 
suchsfeld gegeben. Alsdann erscheint es uns doch 
dringend geboten, bei Scenen, die im Freien spielen, 
einen einfach gemalten Hintergrund zu benutzen. 



DAS STÄDTISCHE SPIEL- UND FESTIIAUS IN WORMS. 



Wenn Herrig behauptet, unser modernes Theater 
mit seiner übertriel)enen Bühnenausstattung lege die 
Phantasie lahm, anstatt sie zu beflügeln und die 
vielen Verwandlungen seien störend und ermüdend, 
so muss man ihm durchaus recht geben; wenn er 
aber als echter Bilderstürmer nun alles zum Tempel 
hinauswirft, so mag das von seinem Standpunkte 
aus richtig sein, nur darf er nicht auf alisolute Zu- 
stimmung der unbefangenen Beurteiler rechnen; denn 
es heisst doch schwerlich die Phantasie beflüuelu. 



175 

es ist keine Entfaltung möglieh, alles schiebt sich 
vor einander her. Wie wir hören, hatte March die 
Vorderbühne 1 m tiefer projektirt, von der Bauver- 
waltung wurde sie aber um so viel zurückgerückt, 
um im Zuschauerräume mehr Platz zu gewinnen. 
Die Anlage des letzteren ist aus dem Grundriss 
leicht verständlich. Die grosse Masse der Zuschauer 
ist auf der ebenerdigen Fläche des Raumes unter- 
gebracht, nur eine geringe Zahl findet in den auf 
beiden Seiten des Halbkreises angeordneten „Lauben" 




Civundriss des stäiltisclien Spiel- und Feslhauses in Worms 



wenn man eine Handlung, die sich im Freien ab- 
spielt, in dunkler Kammer vor sich gehen lässt. 
Leider verbietet der Raum ein weiteres Eingehen 
auf Dekorationsfragen. Darüber wäre vielleicht ein- 
mal ein besonderes Kapitel zu schreiben; nur soviel 
sei gesagt, Rückkehr zur Einfachheit ist nötig; die 
Dekoration soll uns nicht mehr glauben machen 
wollen „das ist", sondern möge bescheiden sprechen 
„das bedeutet". 

Abgesehen von diesen Änderungen erscheint 
eine Vergrösserung der Vorderbühne durch Hinaus- 
schiebung derselben nach vorn dringend geboten, 
denn der Raum ist zu schmal zu beengt, wenn eine 
grössere Anzahl von Personen sich darauf bewegt; 



und den darüber liegenden „Emporen" Platz. Gegen- 
über der Bühne öffnet sich eine tiefe Nische mit 
einer schönen Orgel, wo bei dem Lutherfestspiele 
und ähnhchen Volksstücken die Sänger ihren Sitz 
haben, bei anderen Aufführungen lassen sich diese 
Plätze noch für Zuscliauer benutzen '). Unter an- 



1) Die AufsteUuiifj und Bonutzuiig der Orgol hat sicli 
als ausserordentlich wirkungsvoll erwiesen; allen Beteiligten 
dürfte der gi'Ossartige und erhebende Augenblick unvergessen 
bleiben, wie den Kiiiser bei seinem Eintritt in das Haus 
brausender Orgclklang empfing, als er die zweite Aufführung 
des Volksschauspiels „Drei Jahrhunderte am Rhein'' von 
Hans Herrig mit seiner Gegenwart beehrte. Es ist nur un- 
begreiflich, dass Herrig die Bethörung der Sinne, die nach 
seiner Doktrin unzulässig ist, in diesem Falle gutheisst, ihr 

23* 



1711 



DAS STÄDTISCIIK SPIEL- UND FESTIIAUS IN WORMS. 



(loren AulTühniugeii verstellen wir 
Theater- und O]>ernvorstelluugeii 
Bühne gleichfalls benutzt werden 
werden soll. Zu diesem Zwecke 
tnihne weggenommen und durch 
setzt, die mit Versenkungen und 
versehene Hinterl)üline aber mit 
A'orhang ausgestattet. In dieser 
Bühne wolil niri^l ))ciiiit/t wnili'i 



die herköninilieheu des Hauses. Man hat den Versuch gemacht und 

, für welche die dasselbe mit Schulkindern voll besetzt, die auf ein 

kann und benutzt gegebenes Zeichen so schnell wie möglich hinaus- 
wird die Vorder- strömten; in 40 Sekunden war das Haus leer, ein 

ein Orchester er- Resultat, zu dem die sehr geräumigen und lichten 

anderem Zubehör Umgänge nicht wenig beitragen. Auch in Hinsicht 

Dekorationen und auf Sicherheit ist der Bau mustergültig; elektrisches 

Weise wird die Lielit und Dampfheizung lassen eine Feuersgefahr 

I ilcim die Volks- fast ;ius!4'i'.'sclilo:<si'u ersclieiiicii. PicwiiiKli'i-nswrrt ist 




aufführungen dürften doch nur zu gewissen Zeiten 
und Anlässen stattfinden, da deren öftere Wieder- 
holungen sich wegen des erforderlichen Zeitauf- 
wandes für die Beteiligten von selbst verbieten. Ein 
grosses gemaltes Oberlicht im Zuschauerräume er- 
möglicht übrigens Vorstellungen bei Tageslicht, die 
Herrig besonders befürwortet. 

Der Zuschauerraum macht mit seiner in lichten 
Farben gehaltenen Malerei, die sich dem Stile des 
Gebäudes anschliesst, einen durchaus freundlichen 
und festlichen Eindruck. Eine grosse Anzahl von 
Thüren ermöglichen eine sehr schnelle Entleerung 



sogar sehr geneigt ist. wilhrend er sich gegen .ierle farVipn- 
frische Dekoration alilehnend verhält. 



dabei, dass ein Architekt, der nie ein Theater baute, 
gleich beim ersten Wurf technisch so Vollendetes 
schaffen konnte, einen Bau, der bestimmt sein dürfte, 
Schule zu machen, selbst was die künstlerische Aus- 
drucksweise betrifft; denn der Künstler hat hier ge- 
zeigt, wie der romanische Stil zu einer Renaissance, 
auch in der Ornamentik berufen sein dürfte, die sich 
für unsere modernen Frofanbauten auf das glück- 
lichste verwenden lässt. 

Über das Äussere wäre noch zu sagen, dass rote 
Sandsteingliederungen die hell verputzten Mauer- 
flächen wohlthuend unterbrechen und sämtliche 
Dächer, einschliesslich der Kuppel mit bunt gla- 
sirten Ziegeln eingedeckt sind; Form und Farbe ver- 



MAETO 



JUSEPE DE IMBERA. 



einigen sich zu einem eigenartig schönen Ganzen. 
— Wie nun an diesem Bau alles ungewöhnlich ist, 
so auch die BeschaftuBg der Mittel, die folgender- 
masseu aufgebracht wurden. Aus der Wormser 
Bürgerschaft wurden verlorener Weise 238 703 M. 
gegeben, von der Stadt Worms unter gleicher Vor- 
aussetzung lOOOlJO M. Die städtische Sparkasse gab 
hypothekarisch 150 000 M. gegen sehr niedern Zins, 



den Rest brachte! die veranstaltete Lotterie reichlich 
ein. So ist denn der künstlerische Betrieb durchaus 
unbelastet, denn die geringen Zinsen werden durch 
die Verpachtung der Wirtschaft allein aufgebracht. 
Das alles hat eine Stadt von 23 000 Einwohnern 
geleistet. Möge das gegebene Beispiel von Kunst- 
sinn vind Opfermut Nachahmung finden! 

TH. KUTSCHMANN. 



JUSEPE DE RIBERA. 

VON KAHL WOEiniANN. 
MIT ILLUSTRATIONEN. 

(Schluss.) 




EHREN wir zur Lebensgeschichte 
Riberas zurück, welche, abgesehen 
von dem Ereignis, das, wie wir 
sehen werden, seinen Lebensabend 
trübte, nicht mehr reich an Wech- 
seltallen war, so haben wir nur 
noch bei einigen Jahren zu verweilen, welche durch 
Nachrichten über ihn oder durch Hauptwerke seiner 
Hand, ausser den schon genannten, bezeichnet werden. 
Im Jahre 1625 besuchte ihn, wie Justi zuerst 
ans Licht gezogen hat, der spanische Hofmaler 
Jiisrpc Mnrtincz, der Verfasser der „Discursos Practi- 
cables del nobilisimo arte de la Pintura". In diesem 
Buche (p. 33—36), welches erst 1866 in Madrid von 
Val. Cardercra herausgegeben wurde, erzählt uns 
der Freund und Lehrer eben jenes Don Juan, der 
nachmals so rücksichtslos in den häuslichen Frieden 
Ribera's eingriff, dass er den Meister 1625 in Neapel 
besucht und ihn (nach Art der modernen Inter- 
viewer) über allerlei ausgefragt habe. Bemerkenswert 
ist, dass Ribera ihm sagte, er sei in Stadt und 
Königreich Neapel sehr gut aufgenommen und an- 
gesehen, und seine Werke würden ihm daselbst zu 
seiner vollen Zufriedenheit bezahlt. Noch bemerkens- 
werter aber fand Martinez, dass Ribera nicht, wie 
er erwartet hatte, Raffaels Grösse herabzusetzen 
suchte, sondern die Fresken in den vatikanischen 
Stanzen in begeisterten Ausdrücken als die Grund- 
lage jeder Geschichtsmalerei pries. Wer sich den 
heiligen, gewissenhaften Ernst vergegenwärtigt, der 
aus allen Werken Ribera's leuchtet, wird keine 
andere Antwort aus seinem Munde erwartet haben, 
umsoweniger, da er es durch die Wendung „en parti- 
cular en sgiis historiados" umging, sein Lob allzu- 



deutlich auf Raffaels (_)1- und Stalfeleimalerei auszu- 
dehnen. Ribera war ausschliesslich Ol- und Staffelei- 
maler. Die besten und einsichtigsten realistischen 
Ol- und Stafieleimaler der Gegenwart leugnen so 
wenig, wie Ribera, dass die monumentale Wand- 
malerei zu Grunde gehen müsse, wenn sie sich der 
Grundsätze, die Raffael in den Stanzen geleitet 
haben, entsehlagen zu können vermeinte. 

Die römische Accademia di San Luca hatte also 
keine Ursache, Ribera zu verleugnen. Sie ernannte 
ihn in der That bald nach dieser Zeit zu ihrem 
Mitgliede. Die meisten erzählen, dies sei 1630 ge- 
schehen; Justi meint, es sei 1628 gewesen. Es 
lässt sich jedoch nachweisen, dass Ribera spätestens 
1626 in den Schoss der römischen Akademie auf- 
genommen worden. Schon in der Inschrift jenes mit 
der Jahreszahl 1626 versehenen Sileubildes im Museum 
zu Neapel bezeichnet er sich nach meiner eigenen, 
vor Jahren genommenen Abschrift, deren Richtigkeit 
mir die Direktion des Museums für diesen Aufsatz 
gütigst bestätigt hat, ausdrücklich als „Accadenik-Uft 
Ronnmus''. 

Im Jahre 1630 besuchte Velazquez seinen schon 
berühmten Landsmann; um 1634 aber empfing Ribera 
den Besuch unseres Sandrart, den er zu dem Cava- 
liere Massimo Stanzione begleitete, dem Guido Reni 
verwandten Neapeler Meister, zu dessen Hauptgegnern 
Ribera in der Regel gezählt wird. Damals wenigstens 
standen die beiden Meister mit einander also noch 
auf dem Besuchsfusse. Ein besonders ausgezeichnetes 
rehgiöses Bild Jvibera's aus dem Jahre 1634 ist des 
Meisters ruhig-milde „Anbetung der Hirten" in der 
Kathedrale zu Valencia. 

Im folgenden Jahre, 1635, malte er eins .seiner 



178 



.HiSKI'K DE ItlURUA. 



reinsten, klarsten, leuchtendsten lliuiptwerke, die be- 
rühmte „Coneepoion", die echt spanisehe mystische 
Darstelhing der unbefleckt Empfangenen und Em- 
pfangenden in der Hiuinielsglorie, welche das 
Augnstinerinnenkloster zu Salamanca schmückt. 
Schon Koelas hatte ähnliche Darstellungen in Spanien 
zu Ehren geliraeht. Murillo's „Concepciones" haben 
die spanische Auffassung dieses Gegenstandes später 
durch die ganze Welt getragen; aber alle, die Ri- 
bera's „Concepcion" in Saliunanca gesellen haben, 
stimmen darin über- 
ein, dass sie von keiner 
Darstellung Murillo's 
au Grossartigkeit der 
Auffassung und Tiefe 
des Ausdrucks iiber- 
troft'en worden sei. 

Sein bestes er- 
haltenes und bezeich- 
netes Bild von 1(136 
ist der empfinduugs- 
volle „Heil. Sebastian" 
des Berliner Museums. 
In Bezug auf die köst- 
liche, edel abgerun- 
dete und farbensatte 
Pietä von 1637 sei 
noch bemerkt, dass 
Ribei'a sie, wie Domi- 
nicierzählt, im Wett- 
streit mit Massimo 
Stanzione für die Mön- 
che von San Martino 
geraalt hatte. Man 
war freundschaftlich 

übereingekommen, 
beide sollten ein Bild 
malen und das beste 

sollte gewählt werden. Stanzione aber musste selbst 
anerkennen, dass Ribera den Preis errungen habe. 
Es darf uns daher nicht wundern, diesen 163S mit 
grösseren Arbeiten für dasselbe Kloster San Martino 
beschäftigt zu finden. Für den Platz über dem 
Haupteingange und für die Zwickel des Kirchen- 
schiffes malte er Moses, Elias und die zwölf Patri- 
archen und Propheten. Hinter den Bogen sitzend, 
scheinen sie in leibhaftiger Gestalt über den Gläu- 
bigen zu thronen. 

Aus dem Jahre 1640 stammt des Meisters dem 
Untergange nahe, unzweifelhaft aber einmal sehr 
schön gewesene „Geburt Christi" im Escorial. Dem 




Der hl. Procopiiis, von liiBEiiA. St. Petersbiir 



.lalir(! 1641 gehören seine Hauptbilder der Dresdener 
Galerie an: ausser der schon erwähnten, in ihrer 
Zelle knieenden, von einem Engel mit einem Tuche 
bekleideten Magdalena noch der ergreifende „Heil. 
Franciscus auf den Dornen" und die „Befreiung 
Petri aus dem Gefängnisse". Für die Lebensgeschichte 
des Meisters ist das Magdalenabild insofern von Be- 
deutung, als es, wie allgemein angenommen wird, 
die wunderbar schönen, reinen, noch ganz von kind- 
licher Unschuld verklärten Züge seiner Tochter Maria 
li'osa zeigt, deren Un- 
^ ■«^1 glück ihm nachmals 
so nahe ging. Sie 
kann 1641, nach dem 
Bilde zu urteilen, nicht 
viel älter als zwölf 
Jahre gewesen sein. 

Im Jahre 1642 
malte Ribera unter 
anderem den jungen 
grinsenden Bettlerinit 
dem Klunipfuss und 
der wohl auf Stumm- 
heit deutenden Almo- 
sentafel um den Hals, 
welcher, ein Wunder 
an scharfer Charak- 
teristik und lebendi- 
gem Vortrag, die Salle 
Lacaze des Louvre 
ziert. Gelegentlich 
derartige Volkstypen 
ohne Idealisirung fest- 
zuhalten, gehörte da- 
mals zu den Auf- 
gaben , welche die 
Meister der realisti- 
schen Richtung sich 
im Norden wie im Süden stellten. Frans Hals, Velaz- 
quez und selbst Murillo waren Meister dieser Gattung. 
Ribera hat sich jedoch nur verhältnismässig selten in 
ihnen versucht. Dem „Pied-bot" des Louvre reihen sich 
unter seinen Werken in dieser Art zunächst nur die 
„Bärtige Frau mit dem Kinde an der Brust", welche sich 
früher in der Academia de San Fernando zu Madrid 
befand, der an einem Apollokopf herumtastende 
„Blinde Bildhauer" des Madrider Museums und etwa 
noch das „Hökerweib" der Münchener Pinakothek 
an. Schon seine sogenannten „Bettelphilosophen" 
der Madrider Sammlung, der „Archimedes" und die 
übrigen, erheben sich durch ihre Haltung und ihr 



JUSEPE DE RIBERA. 



179 



Beiwerk über das Durchschnittsmass des sittenbild- 
lichen Konterfeis, und seine zahlreichen Brustbilder, 
Kniestücke und ganzen Gestalten bärtiger alter 
Männer, die, mit Apostel- oder Heiligennamen ver- 
sehen, einen Hauptbestandteil seiner Werke bilden, 
all diese heiligen Hieronymus, Paulus, Petrus, An- 
dreas u. s. w. sind trotz der erstaunlichen Lebendig- 
keit, mit der ihre alten, von der Zeit und dem Wetter 
durchfurchten, von greisem Haupt- und Barthaar 
umwallten Köpfe veranschaulicht werden, schon 
ihren Typen nach keineswegs immer einfache Nach- 
l)ildungen bestimmter Modelle, sondern durch reinen 
Adel der Gesichtszüge in das freie Reich der Schön- 
heit erhobene, durch den Ausdruck tiefster Glaubens- 
iubrunst innerlich beseelte Kunstschöpfungen echte- 
ster Art. Man betrachte daraufhin nur den heil. 
Hieronymus (N. 994) und den heil. Andreas (N. 973) 
im Madrider Museum, den heil. Procopius (N. 334) 
der Ermitage zu St. Petersburg und selbst den lieil. 
Andreas der Dresdener Galerie! 

Die Jahreszahl 1G43 findet sich, ausser auf dem 
„Heil. Franciscus" des Palazzo Pitti, nach Bermudez, 
noch auf Ribera's berühmtem Bilde des Gekreuzigten 
in der Kirche S. Domingo zu Vittoria und, nach dem 
von Justi in der Kunstchrouik 1890, Sp. 320 be- 
sprochenen Katalog der Sammlung des Earl of 
Northbrook, auf dem reinen, liebenswürdigen Bilde 
der heil. Familie mit der heil. Katharina im Besitze 
dieses glücklichen englischen Lords. Vielleicht waren 
es gerade diese tief religiösen Bilder, welche den 
Papst veranlassten, Ribera im folgenden Jahre in den 
Christusorden aufzunehmen. Nach diesem Jahre 
wird er auch urkundlich {QualaiuU, Memorie, V, 
p. 170 und 177) als „Cavaliere" bezeichnet. Die 
Jahreszahl 1644 trägt seine „Abnahme des heil. An- 
dreas vom Kreuz" in der Münchener Pinakothek. 
Doch weichen die Schriftzüge der Bezeichnung 
dieses Bildes von denjenigen der unzweifelhaft echten 
Inschriften des Meisters erheblich ab, und der „Ster- 
bende Seneca" derselben Sammlung kann trotz seiner 
Bezeichnung und der Jahreszahl 1645 sicher nur 
als Jugendwerk Luca Giordano's, des fruchtbarsten 
Schülers des Meisters, angesehen werden. 

Ein Hauptbild Ribera's, das grosse, hellleuch- 
tende Gemälde der heil. Jungfrau mit den Zügen 
seiner inzwischen zur lieblichen Maid erblühten 
Tochter Maria Rosa, welches er für die Nonnen der 
Klosterkirche der heil. Isabella zu Madrid malte, 
entstand 1646. Die Züge der Tochter des Meisters 
trug es a])er nur kurze Zeit. Die Nonnen Hessen 
sie durch Claudio Coello verändern, als sie vernahmen. 



dass Maria Rosa den Lockungen der irdischen Liebe 
nicht widerstanden habe. 

Im folgenden Jahre, 1647, vollendete der Meister 
das grosse, in tiefster Farbenglut leuchtende Gemälde 
des unversehrt aus dem feurigen Ofen hervorgehen- 
den hl Januarius in der berühmten Capella del 
Tesoro des Domes zu Neapel. 

Die Geschichte der malerischen Ausschmückung 
dieser Kapelle bildet bekanntlich ein inhaltreiches 
Blatt der neapolitanischen Kunstgeschichte. Alles, 
was von dem Neid, dem Hass, der Verfolgungssucht 
der neapolitanischen Maler gegen ihre aus Rom und 
Oberitalien zuziehenden Genossen erzählt wird, knüpft 
sich an diese Geschichte; und Ribera erscheint in 
neueren Erzählungen gerade innerhalb dieser Vor- 
gänge als das Haupt der Verschwörer, welche vor 
Drohungen, ja selbst vor dem Morde nicht zurück- 
geschreckt seien, um ihr Ziel, die Vertreibung 
der auswärtigen Künstler, zu erreichen. Eine 
aktenmässige Darstellung dieser Geschichte hat au 
der Hand der Urkunden J/. Giialaiidi in seinen 
Memorie (Bologna 1844 V, p. 128 — 177) veröffent- 
licht. Ribera hatte die ganze Begebenheit fast von 
Anfang an mit erlebt. Die „Deputation der Schatz- 
kapeUe" hatte schon 1612 beschlossen, die Decke, 
die Halbbogenfelder, die Zwickel und die Wände des 
achteckigen Raumes mit Gemälden schmücken zu 
lassen. Zuerst hatte man die Absicht, den Cavaliere 
d'Arpino, einen der berühmtesten Schnellmaler jener 
Tage, kommen zu lassen. Dieser ging nach langen 
Verhandlungen den Vertrag ein, die Arbeit im Ok- 
tober 1618 zu beginnen, liess seine Auftraggeber 
aber im Stich. Als er auch nach Jahresfrist nicht in 
Neapel eingetroffen war, erklärte die Deputation den 
mit ihm geschlossenen Vertrag für hinfällig und 
wandte sich an Guido Reni. Guido erschien im Früh- 
ling 1621 in Neapel, um die Arbeit zu beginnen. 
Jetzt aber erwachte der Neid der neapolitanischen 
Maler, besonders Belisario Corrente's (oder Corren- 
zio's), eines in Griechenland geborenen fruchtbaren 
Wand- und Deckenmalers, welcher die Freskenmalerei 
in Neapel gepachtet zu haben glaubte. Belisario 
liess, wie urkundlich feststeht, den Gehilfen Guido's 
ermorden (nicht nur durchprügeln, wie Spätere be- 
richten) und diesen selbst mit dem Tode bedrohen. 
Guido reiste sofort ab und war nicht zu bewegen, 
wiederzukommen. Nach diesen Vorgängen und nach 
erneuten vergeblichen Anstrengungen, den Cavaliere 
d'Arpino oder einen anderen berühmten fremden 
Meister für die Arbeit zu gewinnen, beschloss die 
Deputation 1623, den V'ersucli mit einheimischen 



ISO 



lUSEPE DE KM HERA. 



Künstlern zu niaclicn. h'iihrizio SantaFt'cle erhielt 
ilie künstlerische Oberleitung; :ils Gtehilfe wurde ihai 
Giambattista Carraceiolo bewilligt; ;ils jener aber sah, 
(lass er mit diesem allein nicht durchkam, rief auch 
Fabrizio einen fremden Gesellen zur Hilfe, Guido's 
Schüler Fr. Gessi, der im Herbst 1624 in Neapel 
eintraf. Schon am 17. Januar 1625 aber erklärte 
die Deputation ihre Unzufriedenheit mit allen bis 
dahin fertiggestellten Arl)eiten. Gessi wurde heim- 
geschickt. Fabrizio 
Santafede starb bald 
darauf. Seine Erben 
und Carraceiolo wur- 
den später abgefun- 
den. Am 2. Dezember 
1628 beschloss die 
Deputation, eine Art 
Wettstreit zu eröffnen. 
Die Künstler, welche 
zur Probe malen woll- 
ten, mussteu sich ver- 
pflichten, zurückzu- 
treten, wenn ihre Ar- 
beit nicht den Beifall 
der Deputation fände. 
Es meldeten sich zwei 
Neapolitaner, jener 
BelisarioCorrenteunil 
Simone Papa. Im Ja- 
nuar 1629 vollendeten 
diese ihreProbestücke. 
Aber die Deputation 
beschloss am 22. Febr. 
desselben Jahres, ihre 
Arbeiten nicht zu 
übernehmen, sie zu 
entlassen und Dome- 
nichino zu berufen, 
der damals der gepriesenste Meister der akade- 
misch-eklektischen Schule von Bologna war. Dass 
sich jetzt die genannten neapolitanischen Maler, 
welche sich allerdings tief in ihrer künstleri- 
schen Ehre gekränkt fühlen mussten, zusammen- 
thaten, um Domenichino an der Durchführvmg der 
Arbeit zu verhindern, ist erklärlich, deshalb aber 
nicht minder unverzeihlich. Domenichino erhielt, 
nachdem er die Berufung angenommen, Drohbriefe. 
Er verlangte Sicherheit. Diese wurde ihm zugesagt. 
Am 4. Juni 1631 traf er in Neapel ein. Am 4. 
November 1633 erklärte die Deputation sich mit 
allem einverstanden, was der Meister bis dabin voll- 




Der hl. Antonius von Pailna, von Ribera. Madrid, Altademie. 



endet hatte; 1631 aber reiste Domenichino jilötzlich 
nach Rom; aus den Urkunden lässt sich nur ent- 
nehmen, dass er dort Geschäfte zu erledigen gehabt; 
aus einem Briefe aber, den Domenichino sefljst gleich 
nach seiner Ankunft in Frascati über die neapolita- 
nischen Zustände an den Kardinal Aldobrandini 
schrieb {(1. P. Bcllori, Vite de' Pittori etc. Roma 
1672 I, p. 342—343), geht allerdings hervor, dass 
es Zwistigkeiten mit der Deputation und dem Vize- 
könig waren, vor 
denen er geflohen; 
von Drohungen sei- 
tens neapolitanischer 
Künstler ist jedoch in 
diesem Briefe keine 
Rede. Die Zwistig- 
keiten wurden beige- 
legt. Zu Anfang des 
.Jahres 1635 kehrte 
Domenichino nach 
Neapel zurück , und 
nun arbeitete er hier, 
wenn auch nicht un- 
verdrossen, so doch 
unablässig, mit dem 
Beistande seines Schü- 
lei-s Franc. Raspantini 
(Vgl. PasserijYite etc. 
Roma 1772, p. 44) an 
dem grossen Werke 
weiter. Schon hatte 
er an den Kuppel- 
fresken zu malen be- 
gonnen, als er im 
Frühling 1641 starb. 
Dass er an Gift ge- 
storben, wie seine 
Witwe behauptete, 
hat selbst Malrasla (Felsina pittrice, Bologna 1678 II, 
p. 335) nicht geglaubt; Bellori (a. a. 0. p. 345) erwähnt 
nichts davon; und Domenichino's Freund Pft.s.scri' (a. a. 
0. p. 44) spricht nur von „einigem Verdachte der Ver- 
giftung". Dass aber die neapolitanischen Künstler 
ihn vergiftet hätten, hat weder seine Witwe, noch 
sonst jemand in der älteren Zeit behauptet. Soweit 
ein Verdacht vorlag, wurde er den eigenen entfern- 
teren Verwandten Domenichino's zugeschoben, mit 
denen er während der letzten .lahre seines Lebens 
ganz zerfallen war. Nach allem, was Malvasia und 
Bellori berichten, liegt die Annahme nahe, Domeni- 
chino habe an einer Art von Verfolgungswahn ge- 



JUSEPE DE RIBERA. 



181 



litten und sei iin diesem gestorben. Hieraus würde 
sich dann auch die Schwäche seiner letzten Arbeiten 
erklären. Nach seinem Tode wurden zur Abschätzung 
der unvollendet hiuterlassenen Gemälde der Kapelle 
von selten der Erben Massimo Stanzione, von seilen 
der Deputation Ribera gewählt. Beide gaben über- 
einstimmend — also auch hier keine Gegnerschaft 
zwischen diesen beiden Künstlern! — das Gutachten 
ab, dass der angefangene Teil der Kuppelfresken 
nicht von Domenichino selbst gemalt, sondern, 
dem Vertrage entgegen, 
Schülerarbeit sei. Das 
fertige Stück wurde 
daher heruntergeschla- 
gen, die Erben wurden 
zum Schadenersatz ver- 
urteilt und Giovanni 
Lanfranco erhielt nun- 
mehr den Auftrag, die 
ganze Kuppel zu malen, 
während Massimo Stan- 
zione und Ribera beauf- 
tragt wurden, je eines 
der noch nicht vollen- 
deten Seitenaltarbilder 
zu malen. So entstand 
Ribera's „Heil. Janua- 
rius", den er 1647 ab- 
lieferte. Er hatte sich 
14()ü Dukaten für das 
Bild ausbeduugen, er- 
mässigte den Preis aber 
jetzt hinterher ,per ge- 
nerositä", wie in der 
Quittung steht, auf 
1000 Dukaten. 

Mit Nachdruck 
muss betont werden, 

dass Ribera's Name in anderem Zusammenhange als 
diesem mit dem Drama der Ausmalung der Capella del 
Tesoro überhaupt nicht genannt wird, weder in den 
Urkunden, noch in den alten Schriftquellen. Dass 
Ribera gesagt haben soll, Domenichino „könne nicht 
malen" beweist doch wahrlich nicht, dass er an den 
Ränken der genannten ueapolitauischen Maler gegen 
ihn teilgenommen. Jeder Künstler der Richtung 
Ribera's sagt noch heute, ob nun mit Recht oder 
mit Unrecht, von jedem Künstler der Richtung Do- 
menichino's, er könne nicht malen. Dass Ribera aber 
in seiner Eigenschaft als oberster Ratgeber des 
Vizekönigs in Kunstangelegenheiten, eingedenk des 

Zeitsdirilt lur Ijildeiide Kunst. N. F. I. 




Der hl. Seliastian, von Rii!EU.\. Madrid, rradomuseiiin. 



Apelleischeu Wortes „manum de tabula", die Gemälde, 
welche Domenichino für Spanien zu malen hatte, 
manchmal für vollendet erklärte, ehe letzterer selbst 
sie dafür gelten lassen wollte, mag diesem ein grosser 
Verdruss gewesen sein, gereichte ihm aber wahr- 
scheinlich nur zum Vorteil. Hätte Ribera ihm schaden 
wollen, so hätte er den Vizekönig sicher nicht ver- 
anlasst, Bilder bei ihm zu bestellen. Kurz, nichts 
spricht dafür, dass Ribera, solange Domenichino lebte, 
auch nur den leisesten Versuch gemacht habe, ihm 
die Ausführung eines 
der Ölgemälde in der 
KapeUe streitig zu 
machen; und in Bezug 
auf die Kuppel-, Zwik- 
kel- und Bogenfresken 
konnte er von selbst gar 
nicht auf einen solchen 
Gedanken kommen. 

In demselben Jahre, 
in dem Ribera sein 
herrliches Januarius- 
bild vollendete, brach 
der Aufstand des Ma- 
saniello aus. Dass Ri- 
bera, der Spanier, der 
Hofmaler des Vizekö- 
uigs, sich an demselben 
nicht beteihgte, ver- 
steht sich von selbst. 
Er soUte aber bei dieser 
Gelegenheit seinen Zu- 
sammenhalt mit dem 
Hofe in eigener Art 
büssen. Don Juan 
d'AustriaH., der 1629 
geborene, also erst 
achtzehnjährige natür- 
liche Sohn Philipps IV., erschien noch in demselben 
Jahre, zur Niederwerfung des Aufstands abgesandt, 
mit 22 Kriegsschiffen und 40 Transportfahrzeugen 
vor Neapel. Am 15- Oktober fand die Beschiessung 
statt; bald darauf hielt der junge Fürst seinen Ein- 
zug in die Stadt. Dass Ribera 1648 sem Büdnis 
radirte, ist schon erwähnt worden. Dass Don Juan 
d'Austria zu Ribera in Beziehung trat, ist umsoweni- 
ger zu verwundern, da er, ein Schüler des obenge- 
nannten Martinez (vgl. Diseursos etc., Einleitung 
p. 45), selbst malte und ein leidenschaftlicher Kunst- 
freund war. Aus seinen Beziehungen zu Ribera aber 
erwuchsen Beziehungen zu Maria Rosa, der schönen 

21 



1S2 



•TUSEPE DE RIBERA. 



Tochter des Meisters, und dem Verhältnis Dou 
Juans zu Maria Rosa entspross 1650 eine Tochter, 
welche 1G56 in das Kloster de las Desealzas zu 
Madrid gebracht wurde, 1666 daselbst den Schleier 
nahm und 16S6 starb. Diese Thatsachen, die man 
in Zweifel ziehen konnte und mu.sste, so lange sie 
nur teilweise und nur durch Domiuici bekannt waren, 
haben neuerdings durch die in der Madrider Natio- 
ualbibliothek aufgefundenen nachgela.ssenen Papiere 
des Jesuitenpaters Nithard, des Beichtvaters der 
Königin Marianne von Österreich, ihre volle urkund- 
liche Bestätigung erhalten. Veröffentlicht ist dieser 
Thatbestand nicht zuerst von P. Lcfort in der Ga- 
zette des B.-A. (1882, 1, p. 40—43), wie man, durch 
dessen Ausdrucksweise verleitet, angenommen hat, son- 
dern schon vier Jahre früher von Don Jose Maria Awial 
in seinem „Discurso" über Ribera (Madrid 1878, p. 24). 

Dass Ribera sich diese Ereignisse, während deren 
Verlauf er 1649 noch einen zweiten Besuch von 
Velazquez erhielt, zu Herzen genommen, ist anzu- 
nehmen. Dass er sie sich aber keineswegs in dem 
Masse zu Herzen genommen, dass er, wie Domiuici 
erzählt, fortan keinen Pinsel mehr angerührt, sich 
in die Einsamkeit zurückgezogen habe und eines 
schönen Tages 1649 spurlos verschwunden sei, be- 
weist die Jahreszahl 1650 auf seiner schönen „An- 
betung der Hirten" im Louvre, beweisen die Jahres- 
zahlen 1651 auf seinen beiden bereits erwähnten, 
vom weichsten Schmelze umflossenen letzten Bildern 
in Neapel. Es steht nichts im Wege, Palomino fol- 
gend anzunehmen, dass Ribera erst 1656, 67 Jahre alt, 
gestorben sei. Sind beide Daten aber genau, so 
müsste er, da er am 12. oder, weil die Kinder damals 
in der Regel am Tage nach ihrer Geburt getauft 
wurden, am 11. Januar 1588 geboren ist, vor dem 
11. oder 12. Januar 1656 gestorben sein. 

Ein vollständiges Verzeichnis der Werke Ribera's 
zu geben, lag nicht in der Absicht dieses Aufsatzes. 
Ohne einen erneuten, eigens zu diesem Zwecke unter- 
nommenen Besuch Neapels und Spaniens würde ein 
solches Verzeichnis auch nicht aufzustellen sein. In 
der „Revista de Espaua* vom 30. März 188S (T. 
CXX p. 168 — 210) hat Augus-to Danrila Jaldero eine 
„Reseüa critica de las obras de Jose Ribera" ver- 
öffentlicht, welche, wenn sie auch manchen schätzens- 
werten Wink über den Verbleib der für Spanien 
gemalten Werke des Meisters giebt, im ganzen doch 
das Gegenteil von dem ist, was wir unter einem 
„kritischen Verzeichnis" verstehen würden. Man kann 
ihr nicht einmal eine vollständige und sorgfältige 
BenutzuniT des gedruckten Materials nachrühmen. 



Ein Verzeichnis der Haudzeichuungen des Mei- 
sters aufzustellen, ist noch nicht versucht worden. 
Vergleicht man die Handzeichnungen, die ihm in den 
bedeutendsten Sammlungen zugeschrieben werden, 
mit einander, z. B. den auch von Morelli anerkann- 
ten „heil. Hieronymus" des Dresdener Kupferstich- 
cabinets mit den Blättern, die im Louvre, in den 
Uffizien und in der Albertina seinen Namen tragen, 
so gewinnt man die Überzeugung, dass es uns an 
einer zuverlässigen Grundlage für die Beurteilung 
der Handzeichnungen des Meisters noch fehlt. 

Die im Laufe unserer Untersuchungen genannten 
Gemälde Ribera's werden schon ihren Gegenständen 
nach genügt haben, das Vorurteil zu zerstreuen, als 
habe der Meister vorzugsweise Henkerscenen gemalt. 
Haben wir doch gesehen, dass selbst von seinen 
Darstellungen der Marter des hl. Bartholomäus wahr- 
scheinlich nur die erste Fassung wirklich abstossende 
Züge enthielt! Bei seinen späteren eigentlichen 
Marterbildern hat Ribera, massvoll genug, entweder 
den Augenblick vor der Marter selbst gewählt, wie 
auch in seinen schönen Darstellungen des hl. Lorenz 
im Vatikan und in der Dresdener Galerie, oder den 
Zeitpunkt veranschaulicht, wo der Märtyrer bereits 
ausgelitten hat oder siegreich aus den Qualen her- 
vorgegangen ist, wie sein heil. Januarius. Die Marter 
des heil. Sebastian aber, welche er unzählige Male 
gemalt — es sei noch an die schönen Darstellungen 
dieses Heiligen in den Museen von Madrid und Va- 
lencia erinnert — ist von jeher hauptsächlich als An- 
lass zur Wiedergabe reiner Jünglingsschönheit be- 
nutzt werden. Gerade Ribera's heilige Sebastiane, 
denen sich sein heil. Antonius in der Madrider Aka- 
demie und seine heiligen Magdalenen, denen sich 
die Susanna des Städelschen Instituts zu Frankfurt 
a. M. in dieser Beziehung anschliessen, beweisen, dass 
der Entdecker der Schönheit, die runzligen alten 
Greisenköpfen eigen sein kann, der Darstellung keu- 
scher Jugendschönheit nicht minder gewachsen war. 
Dass er in seinen religiösen Gemälden der Darstel- 
lung asketischer Weltfluclit und des tragischen Pathos 
der Leidensgeschichte Christi einen besonderen Spiel- 
raum gegönnt hat, soll damit keineswegs geleugnet 
werden. Niemand wird ihm einen Vorwurf daraus 
machen. Gerade die Darstellungen der heiligen Ein- 
siedler in ihren Grotten, von denen noch diejeni- 
gen des heil Einsiedlers Paulus in Madrid und im 
Louvre, diejenigen des heil. Hieronymus in St. Peters- 
burg und in Neapel hervorgehoben seien, und die 
Darstellungen aus der Leidensgeschichte Christi, von 
denen noch die „Grablesjungen" in London und im 



JUSEPE DE RIBERA. 



183 



Lo,.ne genannt werfen müssen gehöre« zu seinen Auch von l(,ibei-a-s n.ythologischon Gem.-ilden 

chonsten ergre: endst.n che Tiefe seines Empfin- scheinen hauptsächlich nu/ die früheren ^t dem 

dens am deuthehsten offenbarenden Werken. Gleich- Furchtbaren gespielt zuhaben. InZZmLZ 

wohl stehen semen tragisch empfundenen Andachts- theus" und seinem „Ixion'' des Madn^Museu" 







r 4 








bildern fast ebensoviele ruhig abgeklärte und hell- 
freudige gegenüber. Von seinen „Concepciones" sei 
noch diejenige des Madrider Museums erwähnt, von 
anderen Darstellungen dieser Art noch seine „Heil. 
Dreieinigkeit" in derselben Sammlung und sein „Christus 
im Tempel" in der kaiserlichen Galerie zu Wien. 



hat er offenbar einmal Ijciduische den christlichen 
Martyrien an die Seite setzen gewollt. An den „Ixion" 
knüpft sich Sandrarts Erzählung, dass Herr Lucas 
van Uflel in Amsterdam, dem das Bild ursprünglich 
gehörte, es schleunigst wieder nach Italien verkauft 
habe, nachdem seine ehrsame Hausfrau sich derge- 

24* 



ISl 



JUSEPE DE RIBERA. 



stalt au ihm versehen, dass sie einem Kinde mit den 
verkrümmten Fingern des Gemarterten das Leben 
jreschenkt habe. Sein „Apollon nurt Marsyas" von 
lÜI^O, dessen Verbleib nicht bekannt ist, muss, ob- 
gleich auch hier die Parallele zwischen dem heid- 
nischen und dem christlichen Geschundenen nahe 
liegt, nach Justi's Beschreibung (Velazquez I, S. 306 
und 324) durchaus keinen grausigen Eindruck ge- 
macht haben. Sein „Venus und Adonis" in der Ga- 
lerie Corsini zu Rom und sein grosser, bei einem 
der Brände des Madrider Schlosses untergegangener 
„Triumph des Bacchus", von dem sich nur zwei 
Bruchstücke im Madrider Museum erhalten haben, 
stehen vollends auf anderem Boden. Einzig in ihrer 
Art unter seinen Werken ist die lebensgrosse Dar- 
stellung eines Frauenzweikampfs in derselben Samm- 
lung. Sie trägt zur Vervollständigung des im wesent- 
lichen spanischen, nicht italienischen Gesamteindracks 
der Kunst Ribera's bei. 

Jedenfalls ist Ribera einer der ernstesten Künst- 
ler, die jemals gelebt haben. Von heiligem Ernste 
ist stets seine Auffassung beseelt. Ein Lächeln hat 
er kaum jemals, ein Lachen niemals dargestellt. Er 
ist auch vielleicht der einzige Künstler des 17. Jahr- 
hunderts, der niemals, weder unmittelbar noch mit- 
telbar, der Sinnlichkeit des Zeitgeistes geopfert bat. 
Mit nicht minder heiligem Ernste tritt er der Natur 
gegenüber, in deren unverfälschter Wiedergabe er zwar 
fast niemals den Selbstzweck, wohl aber stets eine 
Vorbedingung seiner oft genug in der Linien- 
führung veredelten, stets aufs tiefste durchgeistigten 
Schöpfungen gesehen hat; und mit demselben heiligen 
Ernste geht er auch an die Ausführung seiner Bilder. 
Die zahllosen Schülerarbeiten, die in manchen öffent- 
lichen und privaten Sammlungen für Werke seiner 
Hand ausgegeben wurden und noch werden, haben 
die richtige Beurteilung seines malerischen Könnens 



erschwert. Ribera's echte Werke beweisen, dass 
kein Künstler ernster als er mit den Darstellungs- 
mitteln gerungen hat, bis es ihm gelang, den Pinsel 
und die Farben seinem Willen unterthan zu machen. 
Auch der Farbenlüsternheit des Auges hat er kaum 
jemals Zugeständnisse gemacht. Wenn eins seiner 
letzten bezeichneten Bilder, die „Kommunion der 
Apostel" in San Martino zu Neapel, heller und far- 
benfreudiger erscheint, als die meisten seiner früheren 
Bilder, so ist das Zugeständnis in diesem Falle augen- 
scheinlich nur der verständigen dekorativen Rück- 
sicht auf das Gegenstück des Bildes, das „Gastmahl 
beim Pharisäer" der Erben Paolo Veronese's ent- 
sprungen. Mag sonst seine Farbengebung infolge 
von Nachdunkelungen heute auch manchmal noch 
finstrer erscheinen, als sie gemeint war, ernst war 
sie überall von Anfang an. Seine eigenartigsten 
Bilder zeigen, wie diejenigen Rembrandts, wenig 
Farben, aber viel Farbe. 

Alles in allem erscheint uns Ribera weit weniger 
als ein Nachfolger Caravaggio's, denn als ein Mit- 
streiter des freilich durch Hunderte von Meilen von 
ihm getrennt wirkenden Frans Hals in der Befreiung 
der Kunst von den Banden des hergebrachten Schlen- 
drians und als ein fast ebenbürtiger Vorläufer des 
Velazquez einerseits, Murillo's und Rembrandts ande- 
rerseits. Wer von der Kunst nur umschmeichelt und 
angelächelt, erheitert oder gar verführt sein will, der 
wird es schwer finden, ein rechtes Verhältnis zu Ribera 
zu gewinnen. Wer aber von der Kunst Wahrheit, 
Ernst, Kraft, Feuer und Leidenschaft verlangt, wer 
von ihr zwar erquickt, aber auch gepackt, erschüt- 
tert und begeistert sein wLU, der wird, wenn er sich 
an die echten Werke Ribera's hält, nicht zaudern, 
ihm seinen kunstgeschichtlichen Platz in der näch- 
sten Nähe der grössten unter den grossen Meistern 
anzuweisen. 





WILHELM RIEFSTAHL 

VON IL E. ^r)N BEh'LEPSCR. 
MIT ABBILDUNGEN. 




AS MICH betrifft, so hoffe ich 
auch noch ein Stück weiter zu 
kommen, wenigstens in der Er- 
kenntnis des rein Malerischen; 
ich hoffe die Ökonomie in der 
Anordnung, das Abthun des .. Zu- 
viel", ili'ii Iciiieu Zusammenhang zwischen Land und 
Leuten künftig glücklicher zu treffen. Das merke ich 
schon, dass ich aus diesem katholischen Gebirgswesen 
nicht mehr heraus komme — wozu auch? Es ist 
so schön, eine so reiche Welt, wenn die Motive auch 
immer verwandt unter einander sein wei'den." Die 
wenigen Worte dieses Briefes , den Riefstahl ge- 
legentlich der Beschickung der Pariser Weltaus- 
stellung 1877 an seine Frau schrieb, legen des da- 
hingegangenen Meisters Wesen, die Richtung seiner 
Arbeiten so klar dar, dass es dazu wohl keines wei- 
teren Kommentares bedarf. Riefstahl war einer der 
wenigen, der nicht da und dort Studien malte, um 
diese dann zu einem beliebigen Bilde zu verwenden. 
Für ihn lag die Lösung der Aufgabe, die er sich 
gestellt hatte, darin, die räumliche Umgebung in 
völligen Einklang mit seinen Figurenbildern zu 
bringen, kurz den ganzen Zusammenhang dessen, was 
er malte, so zu geben, wie er ihn in der Wirklich- 
keit gesehen und erfasst hatte. Es giebt ja Leute, 
die ohne jemals nur mit einem Fusso ein Kloster be- 
treten zu haben, immer und immer wieder die weisse, 



die braune, die schwarze Kutte malen und vermöge 
der dabei in Anwendung gebrachten geleckten Tech- 
nik diese ihre Arbeiten stets als gut gehende Ware 
an den Mann zu bringen wissen. Nur wenige kom- 
men über einen gewissen Bannkreis der Anschauung 
hinaus. Dies hängt wohl hauptsächlich damit zu- 
sammen, dass viele Künstler keinen Wert darauf legen, 
andere Dinge darzustellen, als sich ihnen im tag- 
täglichen Handel und Wandel, der so ziemlich leiden- 
schaftslos dahinfliesst, zeigen. Dieser Umstand vermag 
auf der einen Seite eine hohe Meisterschaft heran- 
zubilden, wie sie sich z. B. in Enhuber, Defregger 
u. a. ausspricht, einer ganzen Reihe anderer ausser- 
ordentlich tüchtiger Künstler nicht zu gedenken, 
welche das Wesen der cisalpinen Natur und ihrer 
Bewohner als ihr Arbeitsfeld erkoren haben und 
ihren Werken jenen Stempel aufzudrücken wissen, 
der in dem Ausspruche gipfelt: Das ist Wahrheit. 

Nur wenigen glückt es, sich von gewissen Fes- 
seln frei zu machen, die mehr oder weniger mit 
der angeborenen Anschauung des heimischen Bodens 
eng verknüpft sind. Man schaue nur den grösseren 
Teil jener Bilder an, die Scenen aus dem italieni- 
schen Leben, von in Deutschland wohnenden Künst- 
lern gemalt, darstellen. Trotz des blauen Himmels 
und der schwarzen Haare, der braunen Hautfarbe der 
Figuren und des nötigen sonstigen Apparates an Ko- 
stümen und landschaftlichem oder architektonischem 



1S6 



WILHELM KIEFÖTAHL. 



Beiwerke liegt in der Mehrzaiil solcher Darst.ellimgen 
ein unverkennbar deutscher Zug, weil der, der sie 
machte, mit dem südlichen Wesen und seiner Em- 
ptiudungsiiusserung nicht in jenem Grade verwachsen 
ist, als es die wirklich lebensvolle Wiedergabe sol- 
cher Dinge verlangte. Das Genie natürlich, das sich 
überall mit Leichtigkeit in der äusseren Erscheinuugs- 
welt zurecht findet, wird auch da in den meisten 
Fällen das Richtige schnell treffen. 

Kiefstahl, ein geborener Mecklenburger (er ist 
geboren am 15. August 1827 zu Neustrelitz) bietet 
in dieser Hinsicht ein ausserordentlich charakteristi- 
sches Beispiel; er lebte sich dermassen in die Art 
und Gewohnheit des Gebirgsvolkes ein, verstand in 
so eminentem Masse all jene Wechselbeziehungen 
zwischen dem Menschen und der Natur, in der er 
lebt, dass seine Leistungen riach dieser Seite hin mit 
zum Besten zählen, was die neuere deutsche Kunst 
aufzuweisen hat. Ihm kam es nicht lediglich auf 
ein paar malerisch zusammengestimmte Farbflecken 
an, die für das Auge angenehm prickelnd wirken, 
ebenso wie ein flott zusammengestellter Strauss von 
Blumen aller Gattungen. Nein, seine Figuren standen 
stets auf dem Boden, auf dem sie auch in Wirklich- 
keit stehen. Wenn ihm zuweilen der Tadel anderer 
vorwarf, seine Arbeiten litten au einer gewissen 
Härte, so hatte diese letztere ihren bewussten Grund, 
den jeder einsieht, der mehr im Freien^ unter dem 
allseitig sich geltend machenden Lichte arbeitet, als 
im Atelier. Denn dies gewährt ja eigentlich keine 
Kontrolle der Natur gegenüber und lässt so leicht das 
Hauptgewicht auf ein angenehmes Farbenkonzert 
legen, das an sich in vielen Fällen ausserordentlich 
fein zusammengestimmt sein mag, aber mit der 
wahren Erscheinungswelt uur wenige Berührungs- 
punkte hat, geschweige denn, dass Natur und Dar- 
stellung sich decken. Das eine hat eine Berechtigung 
ebenso wie das andere. Oft zieht der Held einer 
Dichtung in ungeheurem Masse an, der in seiner 
wirklichen Gestalt manches zarte Gemüt abstossend 
lierühren würde. Andererseits kann aber die Dar- 
stellung der Wahrheit, auch wenn sie nicht ein- 
schmeichelnd wirkt, jenen Grad von künstlerischer 
Vollendung haben, der ihr das Lob der Besten nicht 
vorenthält, an denen jeder tiefere Gehalt aber selbst 
mit tausend Laternen umsonst gesucht würde. Rich- 
tige Beobachtung der feineren Regungen und Be- 
wegungen ist ein Gut, das nur wenigen beschieden ist. 

Riefstahl war in seiner Art schon lange ein 
Plein-air-Maler, ehe die meisten seiner deutschen Kol- 
legen daran dachten, die Figuren, die sie im Freien 



handelnd darstellten, auch mit den Konsequenzen 
darzustellen, die sich notwendig an jede Erscheinung 
knüpfen, welche unter gänzlich unbeschränkten 
Lichtverhältuissen steht. Es ist ausserordentlich be- 
zeichnend, wie ein in München lebender, ausser- 
ordentlich tüchtiger norwegischer Künstler, beim 
Anblicke der Reproduktion von Riefstahls , Forum 
Romanum" (mit der Kapuziner -Prozession) sagte: 
,Das ist ja eine Photographie nach der Natur!" Zwar 
lag es Riefstahl ferne, die Darstellung der Natur im 
Gewöhnlichen oder, wie man es vielfach antrifft, im 
geradezu Hässlichen zu suchen. Seine Arbeiten 
tragen alle den Stempel einer künstlerisch geadelten 
Ausdrucksweise, denn er ging vor allem von dem 
Prinzip aus, dass jeglicher Erscheinung, solle sie 
schön wirken, ein gewisser Rhythmus eigen sein müsse. 
Und dieser Rhythmus ergiebt sich für den ganz von 
selbst, der die Natur anschaut, wie sie ist, ohne da- 
bei eine irgendwie gefärbte Brille zu tragen, jene 
Brille, die jedem blindlings einer ausgesprochenen 
Richtung Folgenden bald dazu verhilft, gewisse kon- 
ventionelle Dinge als Grundpfeiler der Ausdrucks- 
weise zu betrachten. Auch das künstlerisch Revolu- 
tionäre kann konventionell werden, sobald die daraus 
entspringenden Arbeiten nicht mehr der Ausfluss m- 
eigenster, durch strenges Studium erworbener Über- 
zeugung sind, sondern einfach einer gegebenen Tages- 
parole folgend die Mode auf den Schild erheben. 

Riefstahl war von Hause aus Landschafter. Aus 
dem Anschauen seiner Themata wuchsen ihm all- 
gemach die Figuren heraus, die gerade für diese 
Stelle bezeichnend waren, und als er sich mehr und 
mehr der Figurenmalerei zuwandte, da hatte bei ihm 
die Überzeugung vom notwendigen Zusaminenhang 
zwischen Mensch und umgebender Natur so starke 
Wurzeln geschlagen, dass er niemals eines ohne das 
andere zu geben vermochte. Deshalb sind seine Ar- 
beiten auch stets vollständig in sich abgeschlossen ; 
er war keiner jener Wandlungen unterworfen, die 
man selbst an Künstlern von bedeutendem Können 
wahrzunehmen Gelegenheit hatte und noch hat. Er 
schwankte nie, vielmehr war er stets er selbst und ar- 
beitete nie nach „berühmten Mustern" ; das erklärt sich 
am leichtesten daraus, dass er Autodidakt im vollsten 
Sinne des Wortes gewesen ist und sich seine Über- 
zeugung nicht von den Leinwanden anderer, sondern 
stets am richtigen Orte, an der Natur selbst holte, 
wobei er immer mit scharfer Prüfung sich selbst 
gegenüber vorging und nichts dem Zufall überliess. 
und wie er so als Künstler eine in sich völlig ab- 
geschlossene Natur war , so war er es auch als 



WILHELM RIEFSTAHL. 



187 



Mensch Der Dünk«l, der in vielen Fällen die Bei- 
gabe des Erfolges ist und stets die Einseitigkeit der 
Begabung mit unfehlbar richtigen Streiflichtern 
beleuchtet, ist in Künstlerkreisen nicht geringer ver- 
treten als bei jedem andern Stande. Die einen suchen 
ihm beredten Ausdruck zu geben durch ein manch- 
mal recht komisches Vornehmthun, das vom Vor- 
nehmsein immer ein gut Stück weit absteht, andere 
glauben, durch tüchtige künstlerische Leistungen das 
Anrecht auf möglichst rüpelhaftes Wesen zu haljen 
und sehen solche Gebarung als den einzig berech- 
tigten Ausfluss genialen Wesens an. Riefstahl war 
in seinen Äusserungen stets von jener überlegenen 
Feinfühligkeit, die selbst wenn sie tadelt nie ver- 
letzt, an jedem Ding nicht bloss die schlechten, 
sondern in erster Linie die guten Seiten hervor- 
zuheben bestrebt ist. Von Hause aus nicht mit 
jenem Masse von Kenntnissen versorgt, — er stammte 
von kleinbürgerlichen, geistig aber kerngesunden 
Eltern , die fiir ihren Wilhelm keine lange Schul- 
und Bildungszeit zu bestreiten vermochten, — die 
eine gewisse leichterworbene und dennoch bedeut- 
same Grundlage für das spätere Leben bilden, hat 
er durch eigenes Studium sich zu einer Feinheit 
des Urteils in Sachen litterarischer Natur zum Bei- 
spiel aufgeschwungen, das den gründlichen Kenner 
verriet. Vielleicht hat gerade in dieser Hinsicht, wie 
das ja des öfteren der Fall ist, die Begabung der 
Mutter stark mitgewirkt, denn sie soll eine vortreff- 
liche Erzählerin und von köstlichem Humor in ihrer 
ganzen Lebensanschauung gewesen sein. Riefstahl 
stellte an sich selbst trotz der angetretenen Sechziger 
die ausserordentlichsten Forderungen und fand dabei 
doch immer Zeit, seinen Freunden ein Stündchen zu 
widmen, seineu KoUegen, wo sie es wünschten, in 
ausgiebigstem Masse seinen Rat zu teil werden zu 
lassen, und in solchen Fällen stand die Überzeugung 
dessen, was er sprach, felsenfest bei ihm, gänzlich 
unbeeinflusst von irgend einem andern Willen als 
dem, das Wahre zu treffen. Mit Recht hat ihn des- 
halb das Aufnahmegericht der internationalen Aus- 
stellung in München (188S) zu seinem Voi-sitzenden ge- 
wählt. Einen parteiloseren Präsidenten zu finden, wäre 
wohl schwer gewesen. .Jene geradezu fürchterliche 
Arbeit, das Aburteilen von einigen tausend Werken 
nämlich, hat wohl seine schon zuvor erschütterte 
Gesundheit gebrochen, so dass er am 11. Oktober 
desselben .Jahres verschied , viel betrauert von seinen 
Freunden, denn die Menschen von seiner Art sind 
selten. Unter Künstlern keine Feinde und Neider 
haben, das ist das untrüglichste Zeichen für den 



ganzen Charakter. An Riefstahls Grabe stand nur 
die Trauer, Neid und Missgunst hörten nicht, wie 
sonst so gar oft, die Erdschollen mit Genugthuung 
auf den Sarg niederfallen. 

Die Verhältnisse im elterlichen Hause Riefstahls 
lagen so, dass man dem in die Welt zu seinen Lehi-- 
jahren Hinausziehenden keine Strümpfe voll Dukaten 
ins Ränzlein packen konnte. In Berlin versuchte 
er (1843), erst bei dem Dekorationsmaler Gropius 
unterzukommen. Sein Wunsch erfüllte sich je- 
doch nicht, und so besuchte er faute de mieux die 
Akademie, an der zu seiner Zeit bekanntermassen 
ein nichts weniger als in künstlerischen Dingen fort- 
schrittlicher Geist herrschte. Schirmers Art und 
Weise zog den jungen Künstler vielfach an. Neben 
seinen Studien lithographirte er fleissig und verdiente 
sich damit seinen Lebensunterhalt. 1848 übertrug 
ihm Franz Kugler die Herstellung der Tafeln zu 
seiner Kunstgeschichte, und Riefstahl trat hier 
mit den architektonischen Formen aller Zeiten in so 
nahe Bekanntschaft, dass diese Seite seiner Thätig- 
keit ihm in vielen Dingen des späteren Lebens zur 
Basis wurde, denn seine Architekturen, die er ausser- 
ordentlich fein zu staflfiren verstand, atmeten ein 
Verständnis der Form, das man durchschnittlich nur 
bei ganz wenigen Malern trifft. Die meisten von 
diesen letzteren blicken, weil ihnen vieles daran un- 
verständlich ist, mit einer gewissen Herablassung 
auf jene Kunst, in die man heute au manchem Orte 
auch das hineinzutragen versucht, was man auf einem 
Bilde als malerische Zufälligkeiten bezeichnet. Die 
übertragenen Arbeiten nahmen übrigens unseren 
Künstler dermassen in Anspruch, dass er nicht zum 
Malen kam oder, wenn dies der Fall war, so stellte 
sich als Aufgabe die Darstellung irgend eines Dinges 
in den Vordergrund , an dem wohl selten eines 
Künstlers Auge sich erfreut hat. So wurde ihm 
u. a. von der Verlagshandlung von Velhagen und 
Klasing in Bielefeld der Auftrag, eine Aufnalime von 
Bielefeld, dann eine solche von Dortmund zu machen, 
worauf dann die Aktiengesellschaft der Spinnerei 
Ravensberg dem jungen .Künstler die Aufgabe (es 
war gewiss eine solche!) stellte, dieses ihr Fabrik- 
gebäude aus der Vogelperspektive mit landschaftlicher 
Umgebung zu malen. Übrigens, wie alles in der 
Welt, hatte auch das seine zwei Seiten, denn in der 
Folge wurde an Riefstahl durch den Verlagsbuch- 
händler R. L. Friederichs die Aufforderung gestellt, 
zu einem Praclitwerke über Westfalen die nötigen 
Illustrationen zu zeichnen. Er that es, und Kenner 
wie Oswald Achen))ach sowie der bekannte lUustra- 




Dr.E.AniertfK"? 



■in axm i:n Iieipzig. 



VOR DER DORFSCHENKE. 

Hamnilung Thieme , Leipzig. 



Druck V F. A3roclcha 




.,n,l> p 



Heliogr v DrE.Äbert & C 



REMBRANDTS GATTIN. 

Besitzer Herr Graf Luckner auf Altfranke 



ij^ vE.A. Seemann in Leipzig. 



Druclc V. F. A.Brocldiaus m Leipzig. 



DIE AUSSTELLUNG ALTER GEMÄLDE AUS SÄCHSISCHEM I>RIVAT15ESITZ IN LEIPZIG. 18Ö 



tor und in jener Zeit durch seine ornamentalen 
Kompositionen beliebte Sclieuren standen nicht an 
zu erklären, dass diese Arbeiten „unbedingt an der 
Spitze aller derartigen künstlerischen Unterneh- 
mungen ihrer Zeit" stünden. Übrigens ist das erste 
Ölbild, was er malte, „Nordische Haide", bereits 1846 
entstanden und war auch gleich vom „Verein der 
Kunstfreunde im preussischen Staate" angekauft 
worden. Doch hat dieser Erfolg ihn dennoch nicht 
unmittelbar dazu geführt, nur mit dem Pinsel zu 



arbeiten; denn sein zweites Bild, das allerdings grosses 
Aufsehen machte, die „Straudpredigt", eine Reise- 
erinnerung von Rügen, entstand erst Ende der fünf- 
ziger Jahre. Dort war übrigens bereits der Kern 
dessen vorhanden, was sich im weiteren Verlaufe so 
fein gestimmt bei dem Künstler entwickelte, die 
Betonung des figürlichen Teiles der Landschaft 
gegenüber, die für ihn mehr als blosser „Hinter- 
grund" war. 

(Schlu.ss folgt.) 



DIE AUSSTELLUNG ALTER GEMÄLDE 
AUS SÄCHSISCHEM PRIVATBESITZ IN LEIPZIG. 



VON A. BREDIUS. 
(Sohhiss.) 




IX BIS jetzt unbekannter Land- 
schafter, dessen Waldlandschaft 
uns an die frühen Arbeiten des 
llohhcma denken lässt, ist J. Ilooft. 
Auch erinnert das Gemälde an 
ein Bild des K. Gael im Mainzer 
Museum. (Nr. 12U; Thieme.) Nr. 121 ist ein schwacher 
Wuutcr Kiiijff. dessen Hauptbild in der Leipziger 
Galerie hängt. (Dr. von Meyer.) Symon Kirk, ein 
geistreicher Amsterdamer Genremaler, erst kürzlich 
gehörig gewürdigt (Jahrb. d. Preuss. Kunstsamm- 
lungen, 1889), war hier mit einem interessanten Werk 
„Die Toilette" anwesend. Er ist hier farbiger als 
sonst; der weisse Atlas ist vortrefflicli gemalt. 
(Thieme.) Gut ist auch das Viehstück von Kloii/j), 
um 1060 in der guten Zeit des Künstlers gemalt. 
(Brockhaus.) Den Zeitgenossen des van Goyen, 
Ffanfois Knibbergen, der schon früh Italien besuchte 
imd seiner Zeit in Holland recht beliebt war, lernt 
man in seiner bezeichneten Eifellandschaft kennen. 
Er ist auch in der Galerie Leipzigs vertreten. 
Paul Mantz zu Paris besitzt zwei sehr verschie- 
dene Bilder von ihm, beide bezeichnet, das früheste 
noch Elzheimerschen Eiufluss verratend. Er ist 
hauptsächlich an seinem blonden, mattbräunliehen 
Gesamtton und einem gelblichen, etwas flauen 
Grün, zu erkennen. Seine Lüfte sind meistens 
sehr schön und wahr gemalt. (Nr. 125; Thieme.) 
Einen recht schönen, noch frühen tVoiitcr Kiiyß' 
schickte Generalkonsul Thieme ; der Baumschlag ist 

Zeit.schvitt t'iir bildeiule Kunst. N. F. I. 



hier noch in Esaias van de Velde's Art, das Wasser 
aber schon recht charakteristisch für KnyiF, vorn 
dunkel, grau stahlblau, im Hintergrunde hell, fast 
weiss. (Leipzig.) Auch Knyff war in der Leipziger 
Ausstellung mehrfach vertreten. (Thieme.) Reizend 
und anmutig ist das Bildnis eines hellblonden jungen 
Mädchens von Jan Lievens. Derselbe Kopf (I. L. be- 
zeichnet) in anderer Haltung in der Galerie von 
Hannover. Es ist aus der Frühzeit des Lievens, aber 
anziehender als seine Greise dieser Periode. (Thieme.) 
Nr. 131 ist sicher ein Thomas IVyck, sehr farbig, 
beinahe bunt. (Brockhaus.) Die breite, geistreiche 
kleine Landschaft Nr. 135 ist wohl von Roghman, 
die Signatur undeutlich, Man noch zu lesen. Man 
vergleiche z. B. das Amsterdamer Bild (Dr. Beck.) 
Der etwas absonderliche Meerhout, ein um 1640 
thätiger holländischer Landschaftsmaler, der in 
dunkeln, bräunlichen Tönen malte und dessen Bilder 
selten sind, befand sich hier in zwei Exemplaren. 
(Dr. Schubart, Thieme.) Das beste seiner Bilder 
hängt in Dessau, ein grosses, spätes, schwaches Bild, 
in einem ganz anderen , blaugrünlichen Tone in 
Amsterdam. Nr. 144, ein etwas langweiliger aber 
sehr gut erhaltener Metsti (Herr und Dame am 
Spinett), aus der Galerie des Herzogs von Kurland, 
ist in den Details ausgezeichnet, nur sind die Köpfe 
gar unbedeutend. (Dr. Schubart.) Claes Molcnatrs 
schönstes und merkwürdigstes Bild wurde von 
Generalkonsul Thieme eingesandt. Es ist eine Bleiche 
bei Haarleui mit der Jahreszahl 1647 bezeichnet. 

25 



100 DIE AUSSTELLUNCx ALTER GEMÄLDE AUS SÄCHSISCHEM PRIVATBKSITZ IN LEIPZIG. 



Damals fing Riiindacl erst au zu malen und dieses 
Bild ist schon ganz in seinem Geiste gemalt! Die 
Windmühle, die Häuser sind kräftig und farbig ge- 
malt, das ganze Bild ist energischer und besser als 
seine späteren Arbeiten. Ein ganz ähnliches, kolo- 
ristisch noch kräftigeres Bild besitzt Herr Geheimrat 
Michel in Mainz- Jou Mioise Molcnaor war gut ver- 
treten. Nr. 147 ist ein frühes Werk, Plünderung 
eines Edelhofes, datirt 163G, in Amsterdam entstan- 
den unter Einfluss von Codde, Quast, Kick und ähn- 
lichen Meistern, mit denen er dort verkehrte. (Thieme.) 
Auffallend viel besser, ja ein wunderbar schönes 
Bild ist das nur ein Jahr später entstandene Fa- 
milienfest bei Herrn W. van Loon zu Amsterdam. 
Ungewöhnlich, aber hübsch und frisch, sind die 
Fischer am Strande des Herrn R. Brockhaus, recht 
gut die fröhliche Gesellschaft des Herrn Gottschald. 
Nr. 148 ist dagegen .sicher kein Moleneier, auch wohl 
kein ./. Steoi, wie behauptet wurde. Es muss von 
einem der Söhne des Fr. Hals sein. Ein ganz ähn- 
liches Bild, auch ein Mann und eine Frau, die in 
einer Nische lehnen, aber noch breiter und geist- 
reicher gemalt, befindet sich bei Konsul Weber in 
Hamburg und ist echt Hnls bezeichnet, wahrschein- 
lich von Ilarincn Hals. Dieses Gemälde hat lebens- 
grosse Figuren von sehr rötlicher Karnation, wie sie 
die Söhne des Hals liebten. (Thieme.) Der Meuraiit 
des Herrn Thieme, eine sonnige, fein avi.sgeführte 
Landschaft mit einem Bauernhofe, gehört zu seinen 
besten und trefflichst erhaltenen Werken. (Nr. 154.) 
Sechs Bilder sind dem van der Neer zugeschrieben. 
Nr. 156 ist ein schönes, frühes Bild, eine Flussland- 
schaft bei Sonnenuntergang, etwas braun und hier und 
da peinlich sorgfaltig gemalt. (Graf Luckner.) Eben- 
falls früh ist die 1646 datirte Mondscheinlandschaft 
des Dr. Schubart, sehr fein in der Stimmung und 
schön erhalten. Vielleicht das bedeutendste ist die 
Dorfstrasse im Mondschein des Herrn Generalkonsul 
Thieme. Zwar etwas dunkel und schwarz, ist dieses 
Bild doch von einer grossartigen Wirkung durch 
den fein beobachteten und meisterhaft wiederge- 
gebenen Mondschein; dabei ist die Landschaft an und 
für sich ein Meisterstück. Es liegt eine grosse Poesie 
in dieser Mondscheinlandschaft; welch eine fried- 
liche, feierliche Stimmung! Der Dordrechter Jan 
Olis trat mit zwei Konversationsstücken auf; das 
feinere (Nr. 172) besonders gut und vollendet (Brock- 
haus), das grössere etwas flüchtig und sehr flott ge- 
malt. (Gottschald.) Nr. 174 ist ein früher (1637) 
Adriaen van Oslade; vielleicht ist dasselbe von dem 
seinem Bruder Isaak zugeschriebenen Gemälde zu 



.sagen. (Nr. 175; Thieme.) Nr. 180 ist ein kunst- 
historisch merkwürdiger ripim-ker: eine echt hollän- 
disclie Landschaft, Wald mit Fischern etc. Das Bild 
ist angenehmer und frischer als die meisten seiner 
italienischen Veduten. (Thieme.) Nr. 181 ist wohl 
das schönste, farbenfrischeste Bild des Egbert rau 
der Pocl, das ich kenne: ein trefflich kompouirtes Still- 
leben von prächtiger Wirkung. (Thieme.) Ob die 
schlafenden Nymphen des Herrn Gottschald nicht eher 
von Haensbrrgrii als von rnpknhun; sind? Man denke 
an die Schweriner Bilder. 

Besonders merkwürdig ist eine kleine feine Ma- 
rine des Jan oder des Julias PorcclUs. Es .sind von 
starkem Winde getriebene Kriegsschiffe bei felsiger 
Küste. Die Wirkung des Windes ist gut wieder- 
gegeben; Luft und Wasser schön ineinander gehend. 
Jedenfalls ist das Darmstädter Bild von diesem Pw- 
rcllis, vielleicht Julius, dem jüngeren. Es ist nur J. P. 
bezeichnet. (Thieme.) Der Fischmaler Pieter de 
Putter, dessen zuweilen etwas hart, aber sehr tüchtig 
gemalte Hechte imd andere Flus.sfische in letzter 
Zeit mehr Beachtung fanden, ward hier in dem vor- 
züglichsten Exemplar, einem grossen, dekorativen 
Bild (Nr. 185), in kräftigem warmbraunen, leuchten- 
den Ton gemalt, vorgeführt. Er war der ältere 
Schwager, vielleicht der Lehrer des Atinihaiii rau 
Bcycren. (Thieme.) 

Uruibmuilt fehlte nicht. Sein früher Studien- 
kopf (aus dem Anfang der dreissiger Jahre, um 
(1633 — 34) ist schon sehr breit und fett gemalt, von 
grossem Charakter und warmer Farbengebung. (Dr. 
Schubart.) Höchst bedeutend und dabei anziehend 
in hohem Masse ist sein weibliches Bildnis aus dem 
Jahre 1635, nach Bode die Schwester seiner Gattin 
die Titia üylenborch. Ungemein malerisch in der Hal- 
tung, lässt das hübsche Mädchen, das steht, den 
rechten Arm auf einer Stuhllehne ruhen und schaut 
den Zuschauer freundlich an. In den Farben sind 
noch viele kühle Töne gewählt, die uns an ,,die 
grünen Rcmbreiudt des Dr. Bode" erinnern ; der 
Hintergrund ist noch kühl grau, der Farbenauftrag 
bereits ein sehr kräftiger, pastoser. Die Kleider- 
tracht ist phantastisch ; die Dame ist mit Perlen 
reich geschmückt und trägt ein farbenreiches Ko- 
stüm. Dieses Gemälde war in einem Brande arg 
mitgenommen, wie es schien, ist aber durch Hauser 
in Berlin ganz trefflich restaurirt. Besitzer ist Graf 
Luckner auf Altfranken. 

Das unter Nr. ISS katalogisirte Stillleben er- 
innert in vielen Details an die Stillleben auf den 
frühesten Bildern Rembrandts. Wir finden hier seine 



DIE yUlSSTELLUN(i ALTER GEMÄLDE IN SÄCHSISCHEM PRIVATBESITZ IN LEIPZIG. 101 



beliebte Schärpe, iuicli auf dem Simson vou 162S zu 
Berlin, dem Petrus aus der Peinselieu Sammlung (bei 
Baron von der Heydt) u. s. w. Die Kürbisflascbe 
von dem Paulus in Stuttgart, der indische Säbel von 
andern Bildern, ein Turban, alles ist da. Bode meint 
wohl mit Recht, dass es von einem unbekannten 
Meister aus der Leidener Schule, von dem die Mu- 
seen zu Budapest und Dresden je ein Bild aufweisen, 
in ersterem der Schatzgi-äber, in letzterem (als Doit) 
ein grosser Eremit. Ein kühler Ton wiegt in diesem 
Gemälde vor. (Thieme.) Höchstwahrscheinlich ist 
Jlerman Stcenwyck der Urheber, der 162S — 1633 
zu Leiden wohnte. Nr. 189 ist ein Blumenstück 
von Comdis Kick, auch C. K. bezeichnet; er war 
der Sohn von Simon Kick. Ein vollbezeichnetes 
Bild von jenem besitzt Dr. van der Burgh im 
Haag. Selten und recht hübsch und farbig ist der 
kleine Salomon Eomhouts (Nr. 190), dieses Mal kein 
Strand, sondern eine Schusterwerkstatt. (Dr. Scliu- 
bart.) Der Bo7iici/n von Prof. Dr. von Meyer ist ein 
gutes, charakteristisches Spezimen dieses Meisters. 
Der kleine -/. //. lioos von Dr. Lampe ist ausser- 
gewühnlich hübsch, wie ein Bcrchcvi; das Bildchen 
ist 1Ü69 datirt. Der liiihens, die Hälfte des Bades 
der Diana, ohne den Aktäon, lässt etwas unbefrie- 
digt. Es ist auch wohl ein recht spätes Bild. (Dr. 
Schubart.) Euisdacl war von allen holländischen Mei- 
stern am reichsten vertreten, besonders durch herr- 
liche frühe Arbeiten, liebevoll durchgeführt, fett, 
pastos gemalt, uicht oder wenig nachgedunkelt, 
frisch nach dem Leben, in der Umgegend von Haar- 
lem gesehen. Hervorzuheben sind die schöne, grosse, 
baumreichc Düne bei Abendbeleuchtung, 1647 datirt, 
von Generalkonsul Thieme. (Nr. 201.) Der See am 
Waldesrand (1648) von demselben, die herrliche 
Eichengruppe am Meeresufer mit dem schönen Blick 
auf die See, 1647 (Dr. Schubart) und dessen Dorf- 
eingang, auch ein frühes Gemälde. All diese frühen 
Bilder geben Stücke Natur wieder, so wie sie der 
grosse Künstler gesehen, ungeschmückt, sorgfältig 
gemalt, von grosser Naturwalirheit und reizvoll 
durch das Einfache, Ungekünstelte. Spätere Bilder 
sind die grosse Dorflaudschaft des Herrn Twietmeyer 
(Nr. 202), etwas leer und unangenehm, aber echt, 
Nr. 200, das Landhaus am See, mit schönem, be- 
wölktem Himmel, aber etwas schwarz geworden. 
(Thieme.) Nr. 203 ist eine treffliche alte Kopie nach 
dem Berliner Gemälde. Nr. 204 ist auch eine alte 
Kopie nach einem mir in englischem Privatbesitz be- 
kannten Original, Nr. 205 dagegen ist ein interessan- 
tes frühes Bild mit feiner Staffage des Bcrchcm. 



Auch die Staffage des grossen Thieme'schen Bildes 
von 1647 (Nr. 201) ist bestimmt von Bcrchcm. Eben- 
falls ist das schöne Bild in der Hamburger Kuust- 
halle von 1647 von Bcrchcm staffirt; auch das kleine 
in der Dupperschen Sammlung zu Amsterdam 
(1653) hat Figürchen von Bcrchcm. Dieses alles lässt 
auf ein freundschaftliches Verhältnis der beiden Maler 
schliessen, die bis 1653 noch zusammen in Haarlem 
weilten. 

Sein Onkel Salomon war mit mehreren Bildern 
vertreten. Besonders schön ist die W^interlandschaft 
mit guten Figuren (1661), von Dr. Schubart, und 
eine Flusslandschaft des Generalkonsul Thieme nait 
Kühen im Wasser (1659). Bei dem Bilde Nr. 211, 
von 1651, glaubte ich in den Kühen die Hand seines 
Sohnes, des .Jacob ran liuisdael IL zu erkennen 
Dieses schöne Bild gehört Herrn Gottschald. Nr. 212 
ist kein Bild von Salomon van Ruifidacl, sondern von 
einem bis jetzt noch nicht in die Kunstgeschichte 
eingeführten Meister aus Leiden, Maerten Fransz de 
Hülst, wahrscheinlich dem Vater des Frans de Iliiht. 
Ein ganz ähnliches Bildchen ist im Kunsthaudel zu 
Berlin zu haben und mit Namen und Jahreszahl 
1639 versehen. Ein besseres Bild in Hamburg beim 
Grafen Balny d'Avricourt. Seine Figuren erinnern 
lebhaft an Salomon Ruisdael, auch an Salomon Rom- 
bouts; er malt breit, kräftig und ist recht farbig. 
Das Landschaftliche braun und noch altertümlich. 

Zwei Gemälde , die mau eher dem van Qoycn 
zuschreiben wüi-de, sind der Bezeichnung nach sehr 
frühe Arbeiten des Herman Saftlcren. Im Gegensatz 
zu seinen späteren, fein ausgeführten Bildern sind 
diese Gemälde flott und geistreich, fast breit gemalt, 
dabei wenig farbig, beinahe monochrom. (Thieme 
und Gottschald.) Nr. 216 a ist ein schönes Exemplar 
seiner Rheinlandschaften, noch früh (1643), poetisch, 
von malerischer Auffassung. (Dr. Brockhaus.) Eine 
sehr schöne Strandansicht mit untergehender Sonne, 
welche eine .Jagdgesellschaft beleuchtet, wird Willem 
SrlicUimx zugeschrieben. (Thieme.) Besonders gut 
war Sorgh vertreten. Sein schlafender Bauer, dem 
ein Genosse den Rauch ins Gesicht bläst (Nr. 255), 
ist ein vortreffliches, schön komponirtes, in feinstem 
Helldunkel gemaltes Bildchen ersten Ranges. (Herr 
0. Gottschald.) Es ist 1656 datirt. Früher, aber 
gleich vorzüglich sind zwei kleine Porträts (1641), 
das eines alten Herrn und .seiner würdigen Elie- 
gattin. Der schöne, charaktervolle Kopf des Mannes 
ist wie ein de Keyser gemalt, voll Lebenswahrheit. 
(Dr. E. Brockhaus.) Nr. 230, der Geograph, ist 
wolil mit Recht dem Dou-Schüler Jacob van Sprecuu-cn 



192 DIE AUSSTELLUNG ALTKK' UKiMÄLDE IN SÄCHSISCHEM PIM VAT13ES1TZ IN LEH'ZIÜ. 



ziiLjeschriobcn. Von diesem seltenen Meister , der 
auch dem lionhraiKlt etwas abgesehen liat und 1611 
zu Leiden geboren wurde, sali man auf der Düssel- 
dorl'er Ausstellung zwei bezeichnete Bilder, ein drittes 
liiingt in der Kopenhagener Galerie, ein viertes in 
einer Amsterdamer Kirche (ein Eremit, leider ver- 
dorben). Dieses Gemälde hat ein gutes Helldunkel 
und eine gute, nicht kleinliche Ausführung aufzu- 
weisen. (Gottschald.) Adriaenvan Stalbnnt, ein Land- 
schafter, der sich Breughd anschloss und dessen Ma- 
nier nach Holland einführte (in Middelburg, wo er 
wohnte, war z. B. Maiheus Molanus sein Nachfolger), 
würde hier eine seiner besten, sorgMtigsten und dabei 
anmutigsten Arbeiten, eine Dorfstrasse am Kanal, 
wiedergefunden haben. Es ist von schönem, leucliten- 
dem Kolorit. (Dr. Schubart.) Jan Stcois Wein, Weib 
und Tabak gehört zu seinen anständigsten, zu gleicher 
Zeit aber vollendetsten Bildern. Ein Bauer bläst 
einem jungen, hübschen, schlafenden Frauenzimmer 
aus seiner Pfeife Tabakswolken ins Gesicht; eine 
Alte im Hintergrund freut sich sichtlich darüber. 
Die Stilllebensachen auf dem Bilde sind von feinster 
Ausführung: die Köpfe von trefflicher Charakteristik. 
(Dr. Schubart.) Nr. 235, südliche Landschaft, möchte 
ich eher Fr. Milkt als Sivanevdt zugeschrieben sehen. 
Drei schöne Teiiiers waren ausgestellt. Nr. 239 ist eine 
noch frühe, aber schöne Versuchung des heil. An- 
tonius, eins seiner besten Exemplare dieser Gattung. 
Die Köpfe noch recht Brouwerartig. (0. Gottschald.) 
Sein Stillleben, mit Hund und Mann, ist ebenso glück- 
lich komponirt wie herrlich gemalt in schönstem 
Silberton (Mitte der vierziger Jahre) und tadellos 
erhalten, eins der Bilder des oft nicht gerade be- 
deutenden Künstlers, welches geeignet ist, unseren 
Respekt vor ihm zu erneuern. (Dr. Schubart.) Ebenso 
fein und malerisch anziehend ist das Stückchen 
Landschaft und Stillleben rechts auf dem Thieme- 
schen Bilde (Nr. 235), Bauern vor der Schenke. Auch 
das Übrige ist schön und das ganze Bild allerersten 
Ranges für den Meister. (Es stammt aus der Samm- 
lung des Lord Leonards.) Ter Borch fand man mit 
einem sehr frühen Bilde, einer Wachtstube, leider 
nicht mehr ganz intakt (Brockhaus), und einem tüch- 
tigen Damenporträt seiner späteren Zeit. (Thieme.) 
— Wer ist der J. Thomas, der den hübschen, ele- 
ganten Flötenbläser mit seiner sympathischen Freun- 
din malte? Ist das Bild wirklich von dem 1673 in 
Wien verstorbenen Jan, Thomas? 

Nr. 246 ist ein beachtenswertes Spezimen der 
anziehenden Landschaften des Esaias ran Jr Vcldc 
(Gottschald), Nr. 247 dagegen eine Landschaft, welche 



nie von dem Radirer Jan, ran <h Yrhir gemalt ist. 
Diese merkwürdige , minutiös durchgeführte Ar- 
beit erinnert sowohl an die frühesten Bilder des 
vari der Neer als auch an einige Werke des seltenen 
Jan Wommrman. Die beiden Willem van de Vrlde 
(Nr. 248/249) sind echte, gute, aber wohl spätere 
Arbeiten des Meisters. (Thieme.) Wer ist aber der 
Meister, der Nr. 252, einen jungen Jäger in einer 
Landschaft a la ran Goycn malte? Bis jetzt weiss 
das niemand. Nur kann ich mitteilen, dass sich im 
Privatbesitz zu Rotterdam ein ähnlicher .Täger in ähn- 
licher Landschaft, beide sicher von denselben Künstlern, 
befindet. Herr Fop Smit kaufte es, ich meine für 20001) 
Gulden, als A. Cuyp von Herrn Pappelendam, der es 
lange besass. Der Bildnisraaler ist sicher ein bedeu- 
tender dem ( 'uyj) nahestehender Künstler gewesen ; aber 
Verspronck hiess er nicht. (Thieme.) Eine fein ge- 
malte Ansicht des Louvre von Ahraham de Verirer, 
in schönem, ins Graue spielendem Ton, gehört gleich- 
falls Herrn Thieme. Ob die Waldlandschaft (Nr. 262) 
von Waterloo ist? Es sind nur einzelne bezeichnete 
Bilder von diesem bekannt, z. B. die Münchener 
Landschaft, welche dieser sehr ähnlich sieht. Ai'- 
chivalisch ist eben festgestellt , dass der Ttadirer 
Waterloo auch gemalt hat. Dieses Bild hat in- 
zwischen grosse Anklänge an Arbeiten von Joris 
Verhagen. Sehr gut ist das Exemplar von Jan TTy- 
nants mit Figuren von A. ran de Velde des Stadt- 
rats Dürr. 

Nr. 269 ist ein reizendes, helles Bild von Enia- 
nnrl de Witte, nicht früh mehr, aber auch nicht so 
schwarz, schwer und dunkel wie manche späten 
Bilder. Nr. 270 ist sicher von Ilendrick van Vliet und 
trägt die falsche Bezeichnung E. d. W., dagegen die 
echte Jahreszahl 1652. Ein Vergleich mit Nr. 255 
wird die Richtigkeit dieser Behauptung darlegen. 
Es ist aber ein sehr grosser, bedeutender Vlirt. 
(Luckner.) Nr. 271 hat nichts mit Jan Wouivrnnan 
zu thnn. Einstweilen bleibt es fraglich, wer der 
Maler dieses guten Bildes ist. Ein Haarlemer ohne 
Zweifel. In Betracht kommt Ondenrogrje; vielleicht 
ist es ein Spätbild von C. Vroom? (Thieme.) 

Zwei treffliche frühe Arbeiten des PliiUjis Woa- 
nrrman sind da — das gi-osse mit der Hufschmiede, 
ein Kapitalbild ersten Ranges, hell , leuchtend , mit 
noch ziemlich betouten Lokalfarben, wie sie die 
früheren Bilder aufweisen, aber ohne den oft unan- 
genehm kalten, ins Graue gehenden Ton der Spät- 
Ijilder, auch mit grösserem Enthusiasmus gemalt. 
Die Bilder diesei- Zeit sind künstlerisch die am höch- 
sten stehenden. (Dr. Schubart.) 



NEUE WUNSTHLÄTTEI!,. 



193 



Aus derselben Zeit ist das feine, reizvolle Bild- 
chen , dessen glückliclier Besitzer Generalkonsul 
Thieme ist. Es stellt einen Reiter mit Bauern in 
sonniger Landschaft dar; auch hier sind noch stärkere 
Lokalfarhen bemerkbar. In dieser Zeit hat Woiiwcr- 
iiiaii ein stärkeres Inipasto als später. Nr. 274 und 



275 sind sehr gute Exemplare des oft geringen Picter 
Wduuriinan; besonders das erstere ist ein farbiges, 
schönes Bild von ihm. (Dr. Beck.) 

Zum Schluss sei gesagt, dass Nr. 277 ein guter 
Zrrmaii ist, der das Datum 1G5G trägt. Thieme.) 

.1. liltEÜIUS. 



NEUE KUNSTBLÄTTER. 




IE Tannhäuser, der Genüsse 
att, sich nach Bitternissen 
i'hnte, so strebte die französi- 
che Kunst eiuigermassen aus 
er eleganten Zierlichkeit her- 
11 ;uis, in die sie zuni grössten Teil 
geraten war, als sie Millet und seine Jünger hervor- 
brachte. Mit einer natürlichen Notv?endigkeit trat diese 
Richtung hervor, ähnlich wie eine helle Farbe die ihr 
zugehörige Komplementärfarbe im gesunden Organis- 
mus hervorruft. Millet ist nur als Gegensatz verständ- 
lich, nicht minder als auf litterarischem Gebiete Zola 
und seine ihm nachgaloppirenden Kunstprinzipienrei- 
ter. Dass diese Kunst des herben Ernstes an Ausdeh- 
nung und Einfluss gewonnen hat, beweist ihre Not- 
wendigkeit. Auch in anderer Beziehung stellt uns die 
wehmütig trübe Art der Milletschen Richtung ihre be- 
schränkten echten Erdensöhne vor Augen. Sie sind 
nicht nur Männer der Arbeit, sondern auch der 
Stetigkeit. Sie klelien an der Scholle, ihr Blick haftet 
am Boden, von dorther empfangen sie ihre Daseins- 
berechtigung als wahre Brüder des Riesen Antäus. 
Ihr irrendes Auge kehrt sich nicht dem strahlenden 
Gestirn des Tages zu; ihr stumpfer Sinn kennt nicht 
den Fau.stischen Trieb ins üngemessene. Durch diese 
dumpfe Eingeschränktheit, durch das Beharren im 
freudelosen Einerlei stehen sie beständig als mah- 
nende Gestalten vor der flatterlustigen, geuusslieben- 
den, nach Veränderung, nach neuen Eindrücken und 
schnellem Genuss strebenden Welt. Darum wirkt 
diese Kunst so sammelnd, fast zur Andacht stimmend, 
weil ein Hauch von Askese von ihr aus imd auf 
den Beschauer übergeht. 

Zu diesen Betrachtungen regt eine neue Radi- 
rung von W. Strang an, welche, obwohl von einem 
Engländer, ganz im Sinne Millets entworfen und 
ausgeführt ist. „Nach der Arbeit* betitelt sich das 



im Verlage von .Jac(pies (Jasper in Berlin erschienene 
anziehende Blatt. Wir haben zwei Milletsche Voll- 
blutgestalten vor uns, den „Mann mit der Hacke", 
der nach beendeter Arbeit, sein Gerät im Arm neben 
seiner ihm zugekehrten Frau sich niedergesetzt hat. 
Sie scheint ihm zuzusprechen, indessen er mit halb 
erloschenem Blick ermüdet ins Weite starrt; ihn 
mag nur das Gefühl nach Befriedigung des Ruhe- 
bedürfnisses beherrschen. Sein alter Filz ist tief 
über die Stirn gezogen und verrät einen nun dem 
Ende sich zuneigenden, brennend heiss gewesenen 
Tag. Die Dämmerung hüllt alles schon in dunkle 
Schleier ein, nur am wolkeubedeckten Himmel ziehen 
sich noch die Lichtmassen des schwindenden Tages 
hin. Dem Gegenstände entsprechend, ist die Be 
handlung des Blattes breit und vertrieben, der Aqua- 
tintamanier sich nähernd und doch voll Kraft und 
scharfer Deutlichkeit. Das Bild gleicht etwa dem 
piano gehaltenen Schlüsse eines Adagio's in Moll, 
das gedämpft verklingt. 

Hellere, freudige Töne klingen an in einem 
zweiten Blatte desselben Verlegers, der mit Glück 
die internationale Bahn betreten hat. Es ist eine 
Radirung von Krostewitz nach dem Bilde „Fähr- 
manns Töchterlein" von Yecnd King. Der gewandte 
Urheber des Blattes hat nach der sorgfältig ausge- 
führten Originalradirung den Gegenstand auf unsern 
Wunsch in kleinerem Massstabe für diese Zeitschrift 
wiederholt; die Beigabe der Radirung enthebt uns 
daher einer Beschreibung des Vorwurfes. Yeend 
King wurde im .Jahre 1855 geboren und war, ehe 
er zur selbständigen Malerei überging, hei einem 
Fabrikanten buntfarbiger Scheiben thätig. Arbeits- 
mangel und ein innerer Trieb zu höherer Bethäti- 
gung seines Talentes veranlassten ihn zum Aufgeben 
dieser Stelle. Er wurde Schüler von William Brom- 
ley und ging später nach Baris. Im Jahre ISS'J er- 



194 



NEUE KUNSTI51iÄTTER. 



regte er durch eiue in sehr grossem Mussstabe aus- 
geführte Herbstlaudschaft „Fi-oiu Green to Gold" 
lebhaftes Aufsehen iu der Ausstellung der lioyal 
vVeadeniy. Seine Landschaften geniesseu in Eugland 
einen guten lUif, wegen ihrer frischen leuchtenden 
Farbe und unmittelbaren Wahrhaftigkeit. 

W. Ki-ostewitz, dessen bewegliches Talent unsere 
Leser aus mehreren Blättern schon kennen, hat noch 
zwei andere Arbeiten für Herrn Casper in Berlin 
geliefert: es sind zwei Landschaften, von Diaz und 
von Diijn-e. Auf diese beiden hochgeschätzten fran- 
zösischen Landschafter an dieser Stelle ausführlich 
einzugehen, ist wohl unnötig ; sie haben bereits ihren 
festen Platz in der Geschichte der Malerei einge- 
nommen. Die eigentümliche koloristische Begabung 
des Narcisse Diaz ist auch in der Nachlnldung, die 
der deutsche Künstler ausgeführt hat, noch erkenn- 
bar, obschon das wesentliche Moment, die Gegen- 
sätze der Farben, hier fehlen muss. Die flotte, leichte 
Behandlung, der saftige Gesamtton entspricht der 
Malweise des südfranzösischeu Mei-sters durchaus. 

Wendet sich der Kunstverleger mit den vorge- 
nannten ßadirungen au die Kenner und Kunstfreunde, 
welche die Delikatessen der Kunst mit Behagen zu 
gemessen verstehen, so bietet er in der Madonna 
von D. Morclli ein Blatt dar, welches nicht nur inner- 
halb dieses höher gelegenen und enger gezogenen 
Kreises, sondern auch bei den breiteren Schichten 
des Volkes allgemeines Wohlgefallen erregen wird. 
Dieses Werk ist sowohl wegen des Gegenstandes als 
wegen der Technik von Interesse. Der Maler lebt in 
Neapel und sein Name kündigt schon seine italienische 
Herkunft an. Sein Bild thutdies weit weniger; ja man 
wird kaum auf einen Italiener raten, wenn nach der Na- 
tionalität des Malers gefragt wird. Die porträtartig 
aufgefasste Madonna sitzt auf einem Thronsessel und 
hält einen prächtigen kleinen Jesusknaben in den 
Armen, der nach Kinderart das linke "Händchen zum 
Munde führt. Ein weiter dunkler Mantel hüllt die 
Gruppe ein, dessen Faltenwurf reiche Bewegung zeigt. 
Das ausdrucksvolle Gesicht der Madonna ist von einem 
weissen Kopftuche beschattet; die demütige Haltung 
und die gesenkten Lider drücken ihre fromme Er- 
gebenheit und das stille Mutterglück aus, das sie 
empfindet. Ihr zu Füssen sind Rosen ausgestreut. 
Es ist ein Bild von Innigkeit und Sanftheit, dessen 
zarte Ausführung (durchradirte Photogravüre) un- 
gemein anspricht. Die Technik, welche die W eich- 
heit der Heliogravüre mit der Kraft des radirten 
Striches zu vereinigen strebt, ist eine Errungenschaft 
der neuesten Zeit. Duixh diese Verbindung der 



mechanischen Nachbildung mit der Hand des Künst- 
lers wird der Kupferdruck noch ausdrucksfähiger 
und wirkungsreicher, als er ohnehin schon war. Die 
ganze Leistungsfähigkeit dieser zwiefachen Technik 
wird freilich erst erkennbar werden, wenn die voll- 
ständige Skala der tiefen und hohen Töne verwendet 
werden wird, was in dem vorliegenden Blatte noch 
nicht geschehen konnte, weil dieses aut die starken 
Gegensätze Verzicht leistet. 

Zum Schlüsse möchten wir noch auf zwei grosse 
radirte Blätter hinweisen, die der Beachtung der 
Kunstfreunde wert sind. Das erste ist die Burg 
Hohenzollern, von Wilh. Feldmann radirt (Verlag von 
E. Mitscher). Der junge Künstler macht, wie man 
an der neuen Leistung bemerken kann, rasche Fort- 
schritte. Die Unsicherheit in der Behandlung der 
Landschaft, die eigentümliche Härte, welche sich auf 
der im vorigen Jahre veröffentlichten Darstellung 
der Kudelsburg noch bemerklich machte, ist fast 
völlig verschwunden. Die Landschaft gliedert sich 
und gewinnt Übersichtlichkeit und Tiefe. Die kahlen 
Stellen, welche infolge der breiten Behandlung auf 
dem früheren Blatte auffielen, sind einer verständnis- 
vollen Behandlung der Fläche gewichen. Nur der 
Himmel hat seine Schwere noch nicht verloren. Die 
Wolken ballen sich zu massig zusammen, weil die 
zarten Übergänge in den Schatten noch mangeln. 
Am Horizont löst sich der Himmel nicht von der 
Erde ab. Die Technik der Radirung bietet ja Ele- 
mente genug, durch deren geschickte Benutzung jede 
Unklarheit vermieden werden kann. Der Wolken- 
schatteu, welcher breit auf dem Berge lagert und 
die aufragende Burg zum Teil bedeckt, weist darauf 
hin, dass hier eine sonnige Landschaft beabsichtigt 
war; da musste nun der Gegensatz zwischen den 
sonnigen und den schattigen Stellen stärker betont 
werden. Dann würde das Ganze auch an Klarheit 
nicht unerheblich gewonnen haben. Besonders zu 
loben ist die charakteristische Wiedergabe der Vege- 
tation, des Baumschlags und Gestrüpps. 

Das letzte Blatt, welches wir rühmend hervor- 
heljen, ist die überaus sorgfältig gearbeitete und mit 
feiner Berechnung ausgeführte Radirung von E. For- 
bcrg nach dem Ölgemälde von W. Sohn im Leip- 
ziger Museum, das eine Witwe mit ihrer Tochter 
beim Advokaten darstellt. Das Bild ist unter dem 
Namen „Eine Konsultation' wohl allgemein bekannt. 
Es ist ein untadeliges Kunstwerk des bekannten Ra- 
dirers, das der Kunstverein für Rheinland und West- 
falen seinen Mitgliedern als Nietenblatt im ver- 
gangenen Jahre dargeboten hat. Alle Einzelheiten 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



195 



sind darin mit gleicher Liebe behandelt, reich, aber 
nicht kleinlich, und dabei hat der Künstler alle De- 
tails so soro'fiiltis:? znsamniengestimnit, dass ein reiner, 



harmonischer imd ganz befriedigender Eindruck 
zielt wird. ,| Sn. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



— Kiiii.ifiviriii hl Ila>ii/iiirrj. In tler letzten Aussclniss- 
versammlung wurden an Stelle der aus dem Vorstände sta- 
tuteuffemäss ausscheidenden Herron: £d. Behrens sen., Aug. 
W. F. Müller und Wilh. Xylander, in den Vorstand des 
Kunstvereins gewählt die Herren: Ed. Behrens jun., Karl 
Meister und Valentin Ruths. — Mithin und nach Verteilung 
der Ämter konstituirt sich der Vorstand für das laufende 
Geschäftsjahr, wie folgt: Syndikus Dr. Merck, erster Vor- 
sitzender; Arnold Otto Meyer , zweiter Vorsitzender; Ed. 
Behrens jun., erster Kassirer; H. D. Hastedt, zweiter Kassirer; 
Karl Meister, erster Schriftführer; Dr. W. von Melle, zweiter 
Schriftführer; Karl Rodeck, Valentin Ruths, Aufhängekom- 
mission und Jury; Adolf Glüenstein, Archivar. — Gefällige 
Mitteilungen sind von nun an erbeten an: Herrn Karl Meister, 
Schriftführer des Kunstvereins, Kunsthalle, Hamhui-g. 

0. Der Bericht des Kasseler Kiinstivrcins für die Jahre 
1888 und 1889 ist soeben veröft'entlicht worden. Se. Maj. 
der Kaiser hat das Protektorat über den Verein, welches 
Kaiser Friedrich fast zwanzig Jahre hindurch ausgeübt, über- 
nommen. Die Leistungen des Vereins sind recht günstige; 
während in den beiden Vorjahren nur 312 Kunstwerke in 
der permanenten Ausstellung des Vereins in dem grossen 
Oberlichtsaale des Kunsthauses ausgestellt waren, sind in der 
Berichtsperiode 462 zur Ausstellung gekommen. Die grosse 
Ausstellung im Herbst 1SS9. für welche leider die Stadt keine 
geeigneten Räume besitzt und die sich deshalb in der Galerie 
des Messhauses ein wenig würdiges Unterkommen suchen 
musste, umfasste 728 Kunstwerke, also bedeutend mehr wie in 
den Vorjahren, trotzdem die Auswahl eine viel strengere war, 
wie flüher. Der Kasseler Verein wirkt bei der den Aus- 
stellungscyklus leitenden Vereinigung der Kunstvereine west- 
lich der Elbe mit allen Kräften dahin, dass bei Aufnahme 
von Bildern möglichst streng verfahren wird, und dies mit 
vollem Recht. Es kann der Kunst, den Künstlern und den 
Kunstvereinen nichts nützen , wenn schlechte oder ganz 
miltelmässige Bilder ausgestellt worden. Eine geringere 
Zahl wirklich guter Werke erregt viel mehr Interesse und 
nützt nach allen Richtungen mehr, wenn sie allein ausge- 
stellt, als wenn sie in einem Schwall von schlochten Sachen 
versteckt werden. Die gleichen Grundsätze snlKrn dir Kinist- 
vereinc auch bei ihren Anschaffungen zur \'erlosiiiig Iriten 
und da nur Gutes erworben werden. Damit würde man um- 
somehr fördern können, als die Mittel, welche in Deutsch- 
land für solche Zwecke verwendet werden, recht erhebliche 
sind. Der Kasseler Verein hat für seine zur Verlosung an- 
geschafften Gemälde 10421,50 M. ausgegeben. Ausserdem 
hat er den Ankauf von 29 Gemälden an Private zum Preis 
von 8409 M. vermittelt. Die Zahl der Vereinsmitglieder be- 
trug am Ende des Jahres 693, ausserdem waren 718 Jahres- 
karten, welche zum Eintritt in die permanente Austeilung 
berechtigen, gelöst worden. Als Nietenblatt kamen drei 
Blätter aus dem Liezcn-Mayerschen Paustcyklus zur Ver- 
teilung. 

P.— d. Im italienisclien Senat ward unlängst ein vom 
Minister Boselli vorgelegter Gesetzentwurf über die Errich- 
tung liiiliercr Arvliitcldiirseliiikii angenommen, der ohne 



Zweifel auch die auswärtige Fachwelt interessiren wird. 
Dem Referenten des Ufficio centrale, Senator Cremona, ge- 
lang es, durch eine von der römischen Presse sehr sympa- 
thisch besprochene Rede einige wichtige Modifikationen des 
Entwurfs durchzusetzen, vor allem, dass die höheren Archi- 
tekturschulen nicht, wie Boselli befürwortet hatte, an den 
Kunstakademien in Rom, Neapel und Florenz, sondern an 
den Ingenieurschulen in Bologna, Mailand, Neapel, Palermo 
Roni und Turin errichtet und ausserdem zwei weitere als 
selbständige Anstalten in Florenz und Venedig begründet 
werden sollen. Man begrüsst es in Italien mit lebhaftem 
Beifall, dass die Pflege der Architektur nicht auf drei Orte 
beschränkt bleiben, sondern in sachgemässer Anwendung 
des Decentralisationssystems acht grosse Mittelpunkte haben 
soll. Mit Recht wies der Minister wie der Referent auf die 
mannigfaltigen Unzuträglichkeiten hin, welche die bisherige 
Verquickung von Architektur und Ingenieurkunst in Italien 
mit sich bi-achte. Schon lange gaben die Uebergi-iö'e der 
letzteren zu schweren Bedenken Anlass, da nur zu oft, wie 
in der betreffenden Senatsverhandlung betont ward, junge 
Leute, deren Studien nicht über die Unterklasse hinaus- 
gingen, nach einer praktischen Thätigkeit als Assistenten bei 
Strassenbauten u. s. w. sich den Titel „Ingenieur und Archi- 
tekt" anmassen und auch die Anerkennung desselben sei- 
tens der Regierung nicht selten erlangen. Diesen Übergriffen 
werde leider stark Vorschub geleistet durch die verbreitete 
Meinung, dass für die praktische Bauthätigkeit der sogenannte 
künstlerische Sinn , ein gewisses Geschick im Zeichnen und 
eine oberflächliche Kenntnis Palladio's und Vignola's genüge 
und die wissenschaftliche Ausbildung dem Kunstgefühl wohl 
gar hemmend entgegenwirke. Gerade diese wissenschaftliche 
Grundlage will der Gesetzentwurf nach Möglichkeit festigen, 
dem blossen Empirismus und Dilettantismus einen Damm 
setzen und dadurch für die architektonische Kunst eine neue 
Blüte anbahnen, gleich weit entfernt vom akademischem 
Zopf wie von den wilden Delirien der Neuerungsapostel. 
„Ob wir in unseren Zeiten noch eine grosse Architektur haben 
werden, lässt sich nicht sagen", schreibt Eugenio Checchi 
anlässlich des Gesetzentwurfs in dem römischen Blatte „Fan- 
fulla della Domenica", „aber sicherlich wird das mühevolle 
Suchen nach neuen stilistischen Ausdrucksformen im moder- 
nen Italien zugleich durch künstlerische und wissenschaft- 
liche Normen geleitet sein. Nie werden wir voraussichtlich 
einen Glockenturm Giotto's noch eine Kuppel Brunellesco's 
oder ein Camposanto von Pisa wieder haben, aber monumen- 
tale Museen und Paläste, Theater, Ausstelliingsgebäudc u. s. w. 
werden wir immer haben können; arbeiten wir deshalb da- 
rauf hin, dass eine durch die Wissenschaft gestärkte Kunst 
den Mangel an genialen Kräften soviel wie möglich aus- 
gleiche." 

X. — Von den Wettbewcrlipläncn zum Bni( eines 
Kunstgewerbemuseums für Düsseldorf welche vom 24. März 
bis zum Ostersonntag in der städtischen Kunsthalle aus- 
gestellt waren, ist der Entwurf mit dem Motto »Con 
amore", dessen Urheber der Architekt Karl Heeher hier- 
selbst ist , mit dem ersten Preise gekrönt worden. Der 



106 



KLP]1NE MITTKILUNGEN. 



selbe hat zur Lösung der Aufgabe unter den eigenartigen 
Terrainverhiiltnissen einen glücklichen (iriff gethan, indem 
er nach berühmten Mustern in jedem (leschoss einen 
glasüberdeekten Siiulenhof mit Umgängen und daran an- 
schliessend die Ausstellungs- und Verwaltungsräume an- 
gelegt hat. Die Stirnseite nach dem Friedrichsplatze zu, 
gegenüber der Nordseite der städtischen Kunsthalle zu ge- 
legen, ist im Stile der italienischen Hochrenaissance ent- 
worfen. Als Material ist natürlich womöglich Sandstein ge- 
dacht, andernfalls Sandsteinprofile mit Tuflstein- und Ziegel- 
füllungen. Bei dem Entwürfe der Aussenseite hat Hecker 
mehr schöne Verhältnisse und Gliederung geben als durch 
eine reiche Ornamentik wirken wollen, und sein Stimseiten- 
entwurf macht bei aller Einfachheit eine vornehme Wirkung. 
Der zweite Preis ist dem Eutwiu-fe der Architekten und 
Lehrer an der Kunstgewerbeschule zu Ofl'enbach, .Iriluh Lieb- 
hin mul Karl Wiryciiid, zuerkannt worden. Auch dieser 
Entwurf findet wegen der glücklichen Lösung der Aufgabe, 
welche auf die eigentümlichen Verhältnisse des zu bebauen- 
den Grundstückes, namentlich auf die unregelmässige Begren- 
zung nach der Nordseite zu und auf die späterhin wahr- 
scheinlicherweise notwendig werdenden Erweiterungsbauten 
in geeigneter Weise Rücksicht nimmt, allgemeine Anerken- 
nung. Die Aussenseite mit Säulen und Pilastern mit strenger 
Krönung ist reicher als diejenige des Heckerschen Entwurfs 
und von prächtiger Wirkung. Ausser diesen beiden preis- 
gekrönten Entwürfen ist einem dritten mit dem Motto ,,Ben- 
venuto Cellini'- eine lobende Krwähnnng zuteil geworden. 

1. Aiisyrahumj eines iiiiiisrln II Ti mjie/s. Auf Anregung 
des Sekretärs des deutschen ariliiiulogisclien Instituts in Rom, 
Prof. Petersen, hat die italienische Regierung im verflossenen 
Winter unter Leitung des Ausgrabungsinspektors Dr. Orsi bei 
Gerace Marina in Kalabrien an der Stelle des alten epizephy- 
rischen Lokri die Ausgrabung eines ioninchcn Tempels vor- 
genommen. Derselbe hat an den Frontseiten 6, an den Lang- 
seiten 17 Säulen, Basen und Kapitelle. Die letzteren stehen 
denen des Heratempels von Samos am nächsten, auch hat 
Dörpfeld, der sich zu genauerer architektonischer Aufnahme 
an Ort und Stelle begab, als das zu Grunde liegende Mass 
die samische Elle erkannt. Die Erhaltung des Tempel ist 
leider eine schlechte. Von architektonischen Skulpturen 
haben sich jedoch vor der Westfront einige, wahrscheinlich 
von Giebelfiguren herrührende Fragmente gefunden, von denen 
die Gruppe eines neben seinem Rosse stehenden Jünglings, 
beide Figuren von einem Triton getragen, am besten erhalten 
ist. Nach dem Stile möchte Petersen diese Skulpturen nicht 
vor 400 V. Chr. ansetzen. Der besprochene Tempel ist über 
einem älteren von etwas abweichender Orientirung errichtet. 
Die Publikation in den Schriften des archäologischen Instituts 
steht bevor. 

pp. ÄJis Bremen. Die Frage über den Standort unsei'es 
Kaiser-Wilhelm-Denkmals scheint nun endgültig durch den 
neuei'lichen Beschluss der Bürgerschaft geregelt zu sein. 
Leider bleibt es danach beim Alten — nämlich bei der Auf- 
stellung des Denkmals auf dem kleinen Platze an der Seiten- 
front des Rathauses. Eine grosse Anzahl von Bürgern hatte 
sich vereinigt, um diese unglückliche Wahl abzuwenden; 
eine mit rund 10000 Unterschriften bedeckte Bittschrift, die 
auf den Platz vor dem jüngst vollendeten neuen Bahnhofe 
hinwies, war an die Bürgerschaft gerichtet worden; diese 
entschied sich aber mit knapper Mehrheit gegen den Vor- 
schlag. Der beste Platz würde unzweifelhaft der Marktplatz 
sein, wo das Denknnil an der Prachtfassade des Rathau.ses 



den würdigsten Hintergrund gefunden hätte. Das Denkmals- 
komitee hatte ihn auch zuerst ins Auge gefasst. Aber der 
grosse steinerne Roland, der hier seit Jahrhunderten Wache 
hält, legte ein Veto gegen den ihm zugedachten Platz- 
wechsel ein. Wir meinen, in diesem Falle hätte nach dem 
Worte des Dichters doch wohl der Lebende recht haben 
dürfen. Dem Roland hätte es nicht geschadet, wenn er 
neben dem Haupteingange an der Seitenfront des Rathauses 
einen seiner Würde als Hüter des Rechtes angemessenen 
Platz gefunden hätte, während das Kaiserdenkmal an dieser 
Stelle viel zu nahe vor das Seitenportal gerückt und einer 
nur einigermassen ausreichenden Perspektive entbehren 
wird. Es wird damit in gewissem Sinne „beseitigt", was 
doch auf keinen Fall der Wunsch der alten Hansestadt sein 
kann. — Erfreulicher ist, was wir über eine andere monu- 
mentale Zukunftsschöpfung zu berichten haben. Ein neuer 
öffenflieher Brunnen wird auf der Kreuzung der Bismarck- 
strasse mit der Schwachhauser Chaussee demnächst er- 
richtet werden, und zwar auf Grund einer Schenkung, die 
ein Bremer Bürger, H. A. Oildemeistcr, seiner Vaterstadt 
gemacht hat. Der Brunnenstock soll im wesentlichen aus 
einer Überlebensgrossen Bronzegruppe nach einem Modell 
des Bildhauers Aw/ust Sommer in Rom bestehen, einen 
Centauren darstellend, welcher mit einer Schlange kämpft, 
aus deren Rachen sich der Wasserstrahl erhebt. — Mit unserer 
NordweMeutschen Ausstellung wird bekanntlich auch eine 
Allgemeine deutsche Kunstausstellung verbunden werden, 
für welche der letzte Anmeldetermin auf den 15. April ge- 
setzt ist. Die günstige Lage Bremens für den Verkehr der 
Reisenden aus überseeischen Ländern lässt auch von dort- 
her einen starken Besuch erwarten, so dass die Beschickung 
der Ausstellung den deutschen Künstlern schon aus rein ge- 
schäftlichen Gründen zu empfehlen ist. Die Kunstausstellung 
erhält ein eigenes Gebäude in der günstigsten Lage, die der 
Ausstellungspark bietet. 

P. — Basel. Nachdem 1880 au die Stelle der früheren 
Kataloge der „Mittelalterlichen Sammlung'' ein Führer ge- 
treten war, ist neuerdings wieder ein illustrirter „Katalog" 
erschienen (Preis 1 Fr.). Derselbe giebt den ganzen Besitz 
des Museums in kurzen Beschreibungen, die wertvollsten 
Stücke in guten, wenn auch etwas kleinen Lichtdrucken 
wieder. Die Sammlung enthält bekanntlich mehr als ihr 
Name verspricht; ja die nachmittelalterlichen Sachen über- 
wiegen ganz bedeutend. Eine grössere Anzahl Besitzstücke 
des Museums sind durch die Publikationen von W. Wacker- 
nagel, Moritz Heine und Alb. Burckhardt allgemein bekannt 
geworden. Gleichwohl werden auch die Abbildungen des 
Katalogs willkommen sein. 

X. — Das „Mädchen mit dem Kätzchen spielend", wel- 
ches wir dem gegenwärtigen Hefte als Sonderblatt beigeben, 
ist eine Originalradirung des geschätzten Genremalers B. 
Noi'denbcrg in Düsseldorf, der sich hier mit Glück auf der 
Kupferplalte versucht. Der Lebenslauf des 1822 geborenen 
Künstlers ist wohl allgemein bekannt. Er begann als Vieh- 
hirt, ähnlich wie Defregger, stieg dann zum Zimmermaler 
empor, welchen Beruf er sieben Jahr betreiben musste. 
Hierauf arbeitete er als Handwerker und konnte ei'st 1851 
mit 2ii Jahren an die Akademie nach Dösseidorf gehen, wo 
er unter Th. Hildebrandt studirte. Er ist viel gereist, be- 
schränkt sich aber in seinen Genrebildern auf die Schilderung 
des heimatlichen schwedischen Lebens. Das vorliegende 
Blatt beweist, dass Nordenberg kein Neuling in der Behand- 
lung der Radirtechnik ist. 



Ib 



iiKwbcr: Carl ran Liil:iar in Wien. 



- Redigirt unter Verantwortlicldieit des Verlegers F. A. Seemann. 
Druck von Auyusl I'rias. 




JJirtmar.a 4 SetX Hoflcuplerdiutl-Kei Dtü 



DER ZEUS DES PHIDIAS ZU OLYMPIA. 



VON n^.AMELUXG. 
MTT ABBILDUNGEN. 




ER olympisclie Zeus des Phidias war 
las herrlichste Werk, welches die 
plastische Kunst der Griechen nach 
allen einstimmigen Zeugnissen des 
Altertums hervorgebracht hat, und 
doch sind wir bei allem Studium 
der l\uiist_ü,eschichte diesem Werke kaum nahe ge- 
kommen — in wirklicher Erkenntnis. 

Es sind wenig mehr Worte gemacht, als einfach 
die Ausbrüche der Bewunderung einer Zeit wieder- 
holt worden, welclie zu denselben noch Berechtigung 
hatte, da sie das leibhaftige Bild vor Augen sah. 
Durch die Schleier der Vergangenheit zur lebendigen 
Anschauung vorzudringen, das 
Wei-k nach den Hilfsmitteln, 
die wir besitzen, aus sich selbst 
und aus seiner Zeit verstehen 
zu lernen, soll hier ein Versuch 
gemacht werden. 

Diese Hilfsmittel sind vor 
allen Dingen: die Münzen aus 
Hadrians Zeit mit dem Haupte 
oder dem ganzen Bild des Got- Zeus 

tes. Ferner die Beschreibung 

des Pausanias, welche nur für die äussere Gestalt 
zu verwerten ist; daneben die Schilderung des Dio 
Chrysostomus, die nur als solche zu betrachten ist, 
da sie aber mit offenem Auge und Herzen geschrieben 
ist, für den inneren Gehalt des Werkes zu beachten 
sein wird, und endlich, da ein jeder Künstler aus 
seiner Zeit heraus schafft, eine darauf sich beziehende 
Zeitbetrachtung und die Untersuchung, welche Ein- 
drücke Phidias bestimmen konnten, auf diese Weise 
gerade die Idee des höchsten Gottes zu verkörpern. 
Bei der Betrachtung des Werkes selbst wird uns die 
Vergleichung mit dem späteren Zeusideal, vor allem 
mit dem Zeus von Otricoli, von Diensten sein. 

Die Beschreibung des Pausanias lautet: ,Es 
sitzt der Gott auf einem Throne, aus Gold gebildet 

Zeitsclirift fuv bildende Kunst. N. F. I. 




und Elfenbein. (Die Fleisehteile aus Elfenbein, die 
Haare, der Bart aus Gold, die Augen wahrscheinlich 
aus Edelstein). Ein Kranz ruht auf seinem Haupte 
aus Ölzweigen. In der Rechten hält er die Nike, 
auch sie aus Gold und Elfenbein; sie trägt eine 
Siegesbinde und auf dem Haupte einen Kranz. In 
der Linken ruht das Scepter, mit allen Arten von 
Metallen geschmückt. Der Vogel, der auf dem 
Scepter sitzt, ist der Adler. Von Gold sind auch 
die Sohlen des Gottes und der Mantel ebenfalls; in 
den Mantel sind aber Figürchen und Blumen, näm- 
lich Lilien, eingelegt." *) Der Thron war mit zahl- 
reichen Bildwerken in Relief und Malerei ge- 
schmückt; auf der Lehne um- 
gaben das Haupt des Gottes 
die beiden Dreivereine der 
Hören und Chariten. 

Ehe wir uns nun zu der 
genauen, analytischen Betrach- 
tung der Formen des Hauptes 
wenden, wie sie uns das Münz- 
'^'-^'' bild erhalten hat, möchte ich 

inze aus der Schilderung des Dio 

einen Satz herausgreifen und 
damit einen Begriff feststellen, welcher die Grundlage 
für unsere Behandlung sein soll. Dort heisst es: 
„Unser Zeus in Olympia ist friedlich und ganz 
milde, wie der Lenker eines ruhigen und einigen 
Griechenlands.' Also mit einem Wort — ein Frie- 
densfürst. Teilweise war dies schon durch die Be- 
stimmung der Statue für Olympia geboten, das ein 
Versammlungsort sein sollte, an dem sich alle griechi- 
schen Stämme ohne Feindsehgkeit zusammenfiinden; 
ja während der olympischen Spiele sollten die Kämpfe, 
offene und verhaltene, in ganz Hellas ruhen. Doch 
in den Worten des Rhetors liegt noch mehr ; es soll 
dieser Zeus nicht nur der Lenker eines einigen, son- 



1) Braun, Künstlei-geschichte. 



26 



lOS 



I)EI{, ZEUS DES Pill DIAS ZU OLYMPIA. 



ilern auch niliigon (irieclunilauds .sein, eines Landes, 
das keine Stürme, auch nicht von aussenher, bedrohen 
und beunruhigen. Ist ein Land in solch schönem 
Zustande, so bedarf es offenbar eines andern Lenkers, 
als in den Irr- und Wirrsalen des Krieges. Es ist 
ein ander Ding, ein Volk in Kriegsnot zu kom- 
mandiren, mit Macht die Feinde aufs Haupt zu 
schlagen, als in den Leitern Tagen des Friedens ein 
weise waltender Richter imd Lenker des Volkes zu 
sein. Auch werden die Zeiten, in denen ein Fürst 
zu regieren hat, nicht ohne Einfluss auf Wesen und 
Gestalt bleiben. So ist denn dieser Zeus nach Dio 
..friedlich und ganz milde", „milde und ehrwürdig, 
in einer Gestalt, an der der Krummer nicht gezehrt." 

Wie weit nun die Gestaltung des Haui:)tes auf dem 
Münzbilde, welches wir mit Recht für eine stilgetreue 
Kopie des Originals halten dürfen, mit dem Begriff 
eines Friedensfürsten übereinstimmt, werden wir jetzt 
zu untersuchen haben. Wir müssen die Formen des 
Kunstwerks befragen; denn wie die Seele sich den 
Körper bildet, so schafft sich die Idee des Künstlers 
die Form, notwendig, organisch, aber ungestört von 
den tausend äusseren Einflüssen der Wirklichkeit, 
unbedingt, schön und klar. 

Beginnen wir mit dem Auge und seiner näch- 
sten Umgebung. Das weit geöffnete, ruhige Auge 
blickt gerade aus, in der Richtung des Hauptes nach 
vorwärts. Doch bemerkt man, wenn man die Zeich- 
nung des oberen Augenlides beachtet, welches am 
entschiedensten in schräger Richtung der Nasen- 
wurzel zu emporgezogen ist, und die Sehachse mit der 
Horizontalachse des Hauptes vergleicht, dass der Blick 
nicht der Neigung des Kopfes gefolgt ist. Anders 
die Augenbrauen, welche sich in schönem Bogeti 
das Auge etwas überspannend in der Richtung auf 
die Nasenwurzel herabziehen. Der Blick, in seinem 
Umfang nach oben durch die Neigung der Augen- 
brauen beschränkt, leitet unter diesen hervor ruhig 
auf den Andächtigen im Tempel. Diese Konstel- 
lation der Augen und Brauen ist sehr ausdrucks- 
voll; wir gebrauchen sie selbst, wenn wir einer ims 
gegenüberstehenden Person mit einem ernsten imd 
tiefen Blick in die Augen sehen wollen. Man senkt 
leise den Kopf; die Augenbrauen folgen dieser Be- 
wegung, wohl um gerade das Gesichtsfeld zu ver- 
ringern. Zugleich gewinnt das Auge durch den 
Schatten etwas Tiefes und Ernstes. Dieser Blick 
hat etwas liebe- und verständnisvoll Eindriiir/endes. 
nichts sclim-f Durchdrinyendes '). 

1) Zuweilen kann ein solcher Blick etwas schwärmerisch 
sinnlich cnscheinen, wie bei dem Eros des Praxiteles, wo 



Nach oben wird das Auge durch die hohe, von 
dem goldenen Haar in schönen", Wellenlinien um- 
flossene Stirn überdacht. Eine Schwellung, welche 
sich oberhalb der Nase und der Augen ausbreitet, 
läuft in den leichten Hebungen der Oberaugenhöhlen- 
ränder aus. Die Stirn ist für den plastischen Aus- 
druck der Sitz der Intelligenz, der geistigen Kraft. 
Hinter dieesr klaren, von keiner Falte gefurchten 
Stirn, auf der auch die genannte Schwellung, da- 
durch, dass sie nicht in scharfen, kantigen Flächen 
vorspringt, sondern in welligen sich heraushebt, auf 
kein unliarmonisches Überwiegen und energisches 
Vordrängen der Denkkraft schliessen lässt, — hinter 
dieser Stirn vermuten wir eine ruhige Weisheit, 
welche kein Unglück hat trüben können, an der der 
Kummer nicht gezehrt. 

Nicht in merkbarem Absatz, sondern in schöner 
Wellenlinie geht die Stirn in die Nase über. Die 
reine, längliche Fläche der Wangen lässt durch die 
Falte um Nase und Mund ein leichtes Lächeln er- 
kennen. Dies und die leise Öffnung des Mundes 
deuten auf mildes, gütiges Gewähren. Diese Ge- 
sichtszüge, welche in äusserlich formaler Beziehung 
eine wunderbare Schönheit zeigen, und einen in 
allen Teilen harmonisch durchgebildeten Inhalt zum 
Ausdruck bringen: Güte, Milde, Ernst, Weisheil 
und rnhitje Klarheit, — dieses Antlitz umrahmen 
Haar und Bart. Das Haar fällt vom Scheitel in 
ruhigen Strähnen herab und liegt unten auf der 
Schulter, wo es, der Bewegung des Hauptes folgend, 
nach vorwärts wallt. Die Stime wird auf jeder Seite 
von zwei grösseren Flechten umrahmt. Die oberen 
teilen sich am Scheitel und fallen im Bogen herab. 
Über diese quellen die unteren hervor und ziehen 
sich im Doppelbogen hin, bis sie hinter dem Ohr 
verschwinden. Unter ihnen noch vor dem Ohr f^illt 
eine Strähne herab und leitet zum Bart über, welcher 
ebenfalls in ruhigen Linien von den Wangen, der 
Oberlippe und dem Kinn lang herabwallt. Das Ein- 
fache, Schlichte dieser Haartracht, das Weiche dieses 
Haargelockes passt durchaus zu dem Eindruck, wel- 
chen wir von dem Antlitz erhielten. 

Das Haar fasst ein Olkranz zusammen, dessen 
Blätter sich in schöner Weise den Linien des Haares 
anschmiegen und über das Haupt erheben. Hier, an 
der Spitze des Kranzes, haben wir zugleich den höch- 



dieser Ausdruck noch durch die seitliche Neigung des Kopfes 

verstärkt ist. So sagt Ibykos: 

„Wieder unter schwarzen Wimpern 
Mit bcthörenden Augen schaut mich Eros an." 
(Geibel, kl. Liederb. S. 47.) 



DER ZEUS DES PHIDIAS ZU OLYMPIA. 



199 



sten Punkt der ganzen Statue ereiclit. Von hier aus 
wollen wir nun den vollen Reiz der Linienführung, 
welche in diesem Punkte gipfelt, klar machen. 

Zunächst führt hierher die Linie des Kranzes, 
welche, in der Höhe des Ohres am Hinterkopf be- 
ginnend, in schräger Richtung als Grundlage für 
den Bogen des mächtigen Hinterhauptes aufwärts 
führt. Verfolgen wir dann die Konturen der Stirn- 
Hechten, wie sie, das Antlitz im länghchen Oval um- 
schliessend, zuerst allmählich in Wellenlinien, dann 
im kräftigen Bogen nach aufwärts führen. Denken 
wir ferner an die ganze Statue und ihren Umriss. 
Beide überarme sind gesenkt; der linke Unterarm 
hebt sich wieder, aber nur bi.s zur Schulterhöhe; 
dem entspricht die von der rechten Hand ebenfalls 
aufstrebende Nike. 

Zweierlei fällt uns dabei auf: erstens das beinahe 
architektonische Entsprechen der beiden Seiten, wel- 
ches im Verein mit dem Thronen den Eindruck der 
Ruhe hebt; zweitens das unaufhaltsame Aufwärts- 
streljen aller Linien. Hiezu kommt, dass, nach den 
Formen des Hauptes zu urteilen, ein bestimmtes 
Streben nach Schlankheit im Gegensatz zur Breite 
hervortritt. Es kann uns dies beides wohl durch 
nichts klarer gemacht werden, als wenn wir uns an 
deu gotischen Bau.stil erinnern; auch hier das ent- 
schiedene Vortreten des Schlauken, des Aufstreben- 
den. Immer wird unser Auge sanft ansteigend nach 
oben gezogen, bis es dem Blicke des Gottes begegnet 
der sich liebevoll zu uns herabsenkt. Ganymeds Ge- 
füld ergreift uns: 

„Hinauf! Hinauf strebt's. 
Es schweben die Wolken 
Abwärts, die Wolken 
Neigen sicli der sehnenden Lielje. 
Mir! Mir! 
In eurem Schosse 
Aufwärts ! 

Umfangend umfangen! 
Aufwärts an deinen Busen, 
Allliebender Vater!" (doetbc.) 

Fassen wir noch einmal alles zusammen: deu 
eindringlichen Ernst des Auges, das gütige, milde 
Lächeln, verstärkt durch die leise Öffnung des Mun- 
des, die Weisheit und ruhige Klarheit, welche die 
Stirn offenbart, die Ungetrübtheit und Abgeklärtheit 
aller Formen, welche auf gleiche Eigenschaften des 
Geistes schliessen lassen, endlich die Schlichtheit 
und Weichheit des Haares, der schmiegsamen Locken, 
— und, ehe wir uns zur Schilderung des Dio zurück- 
wenden, treten wir zur Vergleichung vor den Zeus 
von Otricoli, welchen man früher für eiue Wieder- 
holung des olympischen hielt. 



„Bei ihm ist alles Energie und Konzentration. 
Die inneren Augenwinkel setzen tief und entschieden 
ein und drängen in scharfer Anspannung nach innen 
gegen den schmalen Nasenrücken, der in sichtbarem 
Gegensatz dazu sich steil und hoch erhebt als un- 
mittelbare Fortsetzung der in ihrer Mitte stark vor- 
gebauten hohen Stirn, in welcher die Energie und 
InteUigeuz des Gottes ihren Hauptsitz hat. Diese 
Kräftigkeit findet ihre Ausgleichung in der breiten 
Basis, den nach den Seiten stark hervortretenden 
Oberaugenhöhlenrändern des Stirnbeins, mit denen 
nach unten eine gleich starke Betonung des Backen- 
knochens sich in Einklang setzt. In dieser Um- 
rahmung liegt das Auge und erhält nicht nur von 
oben einen vollen Schatten: auch von der Seite wird 
es durch den Augendeckel stark belastet, welcher 
den Bogen des oberen Lides drängt und dadurch 
bewirkt, dass die Blicke der beiden Augen, leicht 
konvergirend und wie nach innen schielend, gegen 
die Mitte zu sich sammelnd, ruhig und fest auf einem 
bestimmten, naheliegenden Augenpunkte sich ver- 
einigen." So schildert Brunn ') treffend das Ober- 
gesicht der Büste von Otricoli. 

Vergleichen wir nun dies schwerbelastete Auge 
mit dem freien, offenen Auge unseres Zeus, das nur 
leicht beschattet ist durch die gesenkten Brauen; 
mit diesen wieder die fast wagerecht, energisch sich 
nach der Nasenwurzel zusammenziehenden Brauen 
des von Otricoli. Hier die mächtig gegliederte 
Stirn, auf der die Falte zu beachten ist: dort die 
ruhige, nur in einer Schwellung leicht gehobene 
Stirn. Hier die kräftige Nase mit gehobenen Rücken 
und mächtigen Nü.stern; dort die feine, nur an der 
Spitze leicht hervortretende Nase. Hier die kurzen 
gedrungenen Wangen mit kräftig vortretenden Backen- 
knochen; dort die glatten, längeren, nur znm Lächeln 
verzogenen Wangen. Hier die fast quadratische, mehr 
ins Breite gehende Form des Gesichtes; dort die ovale, 
an der alle umfassenden Linien nach oben leiten. Der 
grösste Unterschied jedoch zeigt sich in der Behaud- 
lung des Haupthaares und Bartes. Diese au der 
Stirn mächtig aufstrebenden, in schweren Massen 
herab und vorwärts wallenden Locken, dieser kurze, 
vordrängende, über den Lippen kräftig sich vor- 
windende, krausgelockte Bart passt durchaus zu der 
Energie und Gedrungenheit aller anderen Formen, 
ebenso wie das schlichte, langwallende Haar des 
olympischen in Harmonie mit den Formen des Haup- 
tes steht. Hier ist es nicht — das Material legt den 

Deutsche Monatshefte, Heft 351, 



Dez. 



1) Wcstermanns 
18S5. 



■2on 



DER ZKUS DES PHIDIAS ZU OLYMPIA. 



^'ergk■icll iiiiliL' — ein milclitij^-o.s Ausstrahleu von Herrschaft nun und den König soll das Feste und 

Glanz, wie bei dera von Otricoli, sondern ein leich- Grossartige der Gestalt darthun, den Vater und die 

tes Umspielen ruhiger, segensreicher Sonnenstrahlen. Fürsorge das Milde und Liebreiche, den Schirmer 

Es ist in diesem späteren Zeushaupt nicht nur der Städte und der Gesetze die Ehrwürdigkeit und 

alles ins Gewaltigere gesteigert, sondern es ist ein der Ernst, den Schutzgott der Freundschaft, der 

ganz anderes Ideal verkörpert. Damit soll nicht ge- Fremden und der Flüchtigen, kurz und gut die 



sagt sein, dem Zeus des Phidias mangele der Aus- 
druck der Energie; ebenso wenig, wie dem andern 
der Ausdruck der Güte und 
Milde fehlt. Hier muss 
aber nach den grundlegen- 
den Begriffen gesucht wer- 
den, welche diesen Dar- 
stelhmgen desselben G otte.s 
eiu so verschiedenes Ge- 
präge gegeben haben. 

Fanden wir in dem 
Zeus des Phidias die Weis- 
heit, die ungetrübte Ruhe 
des Gemütes, die hohe Macht 
des Geistes, so erkennen wir 
als bestimmendes Prinzip 
in der Schöpfung des Zens 
\on Otricoli die mächtige 
Energie zum Handeln, ein 
pathetisch nicht ungetrüb- 
tes Wesen, die volle Kraß 
des Geistes. Der olympische 
Zeus ist ein Gott in reiner, 
ungestörter Wesenheit; auf 
der Stirne des von Otri- 
coli hat die Zeit eine Falte 
gegraben; sein Auge blickt 
nicht sorgenfrei, das des 
olympischen ernst, aber 
ruhig. Und jetzt komme 
icli zu den Worten des 
üio zurück. Der Zeus des 
Phidias ist der weise, milde 




Zeus von Otricoli. 



Menschenliebe zeigt das Milde uud Glückverheis- 
sende, den Besitz und Früchte Spendenden zeigt die 
Einfachheit und Gross- 
mut; denn dem, der un- 
gekünstelt giebt und Gutes 
thut, sieht die Güte am 
meisten gleich. — Wer von 
den Menschen ganz müh- 
selig uud beladen ist, nach 
vielen Unglücksfällen und 
Trauer im Leben, und wer 
kennt nicht mehr den 
süssen Schlaf, der soll vor 
das Bild hintreten, und 
siehe , er wird alles ver- 
gessen, was es im mensch- 
lichen Leben Herbes und 
Furchtbares zu leiden 
giebt; denn es ist eiu An- 
blick , „lindernd Kummer 
und Zorn, von allen Ubelu 
erlösend. " ' 

In wimderbarer Weise 
wareu nun all diese Ge- 
danken auch in den Bildern 
verkörpert, welche den 
Thron schmückten, uud 
gerade die in die Augen 
springende Bedeutung der- 
selben und ihrer Zusam- 
menstellung giebt uns 
einen Beweis, dass wir zu 
einem richtigen Resultat 



Sie vergegenwärtigten die Lö.sung des Hasses in 
Liebe in dem Wechsel des menschlichen Lebens, 
welches sich im bunten Wechsel von Bildern aus 
den verschiedensten Sagenkreisen darstellt '). 



Lenker eines ruhigen und einigen Griechenlands, der allein durch Betrachtung des Kopfes gelangt sind. 
Zeus von Otricoli der umsichtige, energische Leuker 
eines von Stürmen innen und aussen bedrohten 
Griechenlands. 

Jetzt werden wir auch die übrigen Worte des 
Rhetors mit mehr Verständnis hören: „Sieh, ob du 
die Gestalt des Gottes nicht allen seinen Beiwörtern 
entsprechend finden wirst. Denn Zeus allein wird 
Vater und zugleich König der Götter genannt, 
Schirmherr der Städte und der Freundschaft, dazu 
Schutzgott der Flehenden und der Fremden, Spender 
des Lebens und Gedeihens und alles Guten. — Die 



1) Diese Art dem Verständnis nahe bringen, sind vielleicht 
am besten Sohiller's Worte über die schöne Diktion geeignet, 
Vifelche ich seinem Aufsatz „Ober die notwendigen Grenzen 
beim Gebrauch schöner Formen" entnehme: 

„Das Interesse der Einbildungskraft ist. ihre Gegenstände 
nach Willkür zu wechseln; das Interesse des Verstandes ist, 
die seinigen mit strenger Notwendigkeit zu verknüpfen. So 
sehr diese beiden Interessen miteinander zu streiten scheinen, 



DER ZEUS DES PHIDIAS ZU OLYMPIA. 



•201 



Beginnen wir bei den Armlehnen. Sie wurden 
gestützt durch Sphinxe, welche über getöteten Jüng- 
lingen ruhten. Sie sind übereinstimmend als Sym- 
bole der göttlichen Allmacht über Leben und Tod 
gedeutet worden. Auf den Leisten zunächst darunter 
war auf einer Seite der Tod der Söhne der Niobe 
durch Apolls Pfeile, auf der andern der der Töchter 
durch die der Artemis dargestellt: ein göttliches 
Strafgericht, ohne Erbarmen durchgeführt. Auf den 
nächsten die Füsse verbindenden Balken nach unten 
zu waren neben der Darstellung der acht alten Wett- 
kampfarten, deren Bedeutung in Olympia natürlich 
ist, die Kämpfe der Amazonen mit Herakles und 
seineu Begleitern, unter denen Theseus genannt wird, 
gebildet. Gerade durch Nennung des Theseus wird 
die Vermutung nahe gelegt, es handle sich um den 
Raub der Autiope; dieselbe wird späterhin noch ge- 
stützt werden. Es ist dies ein Kampf zwischen Be- 
wohnern der Erde ohne Versöhnung bis zur Nieder- 
lage der einen Partei, hier der Amazonen, durchge- 
führt. Jetzt kommen wir zu den Schranken mit den 
Gemälden des Panänos. Auf jeder waren augen- 
scheinlich drei getrennte Bilder gemalt, deren Ent- 
sprechendes von einer Schranke zur andern zu er- 
kennen ist. Je die ersten Bilder waren: I 1, Atlas 
und Herakles; H 1, Herakles mit tlem Löwen von 



so giebt es doch zwischen beiden einen Punkt der Vereinigung, 
und, diesen aus/.ufinden , ist das eigentliche Verdienst der 
schönen Schreihart. 

Um der Imagination Genüge /.u thun , muss die Ivede 
einen materiellen Teil oder Körper haben, und diesen machen 
die Auscliauungen aus, von denen der Verstand die einzelnen 
Merkmale oder Begriffe absondert." 

„Stehen also die Anschauungen, welche den körperlichen 
Teil zu der Rede hergeben, in keiner Saohverknüpfung unter- 
einander, scheinen sie vielmehr als unabhängige Glieder und 
als eigene Ganze für sich selbst zu bestehen, verraten sie die 
ganze Unordnung einer spielenden und bloss sich selbst ge- 
horchenden Einbildungskraft, so hat die Einkleidung ästhe- 
tische Freiheit und das Bedürfnis der Phantasie ist befrie- 
digt." — „Um auf der andern Seite dem Verstände Genüge zu 
thun und Erkenntnis hervorzubringen, muss die Rede einen 
geistigen Teil, Bcdr.utiinr/, haben, und diese erhält sie durch 
die Begriffe, vermittelst welcher jene Anschauungen auf- 
einander bezogen und in ein Ganzes verbunden werden." 
..Die Begriffe entwickeln sich nach dem Gesetz der KoiicemUij- 
keii, aber nach dem Geseta der Freiheit gehen sie an der Ein- 
bildungskraft vorüber; der Gedanke bleibt derselbe, nur 
wechselt das Medium, das ihn darstellt. So verschafft sich 
der bei'edte Schriftsteller aus der Anarchie selbst die herr- 
lichste Ordnung und errichtet auf einem immer wechselnden 
(! runde, auf einem Strome der Imagination, der immer fort- 
fliesst, ein festes Gebäude." 

In den Ausdruck der Sprache übersetzt, wäre also die 
Summe der Bildwerke eine in schöner Diktion, d. h. in 
wechselnden Anschauungen dargestellte Entwickelung von 
Begi'iflen. 



Nemea; IH 1, Prometheus luid Herakles. Atlas und 
Prometheus waren von Zeus bestraft; hier naht der 
Sohn desselben Gottes, um dem einen seine Last, 
Himmel und Erde, wenn auch nur für geringe Zeit 
zu nehmen, und den andern von seiner Fessel zu 
befreien. Der Löwe von Nemea war als ein Leid 
den Menschen von Hera gesendet; Herakles tötet 
ihn unter dem Schutz der Zeustochter Athene. Das 
Übereinstimmende in diesen drei Darstellungen ist: 
Ein von den Göttern verhängtes Leid wird von einem 
Menschen zwar, doch nicht ohne Hilfe der Götter 
gelöst. 

Wir denken an die Niobiden zurück; dort wurde 
ein Leid unbarmherzig durchgeführt, hier wird es 
gelöst; die erbarmende, versöhnende Liebe wird 
thätig. 

Als die Bilder, welche mm jedesmal au zweiter 
Stelle gemalt waren, nennt Pausanias: I 2, Theseus 
imd Peirithoos; U2, Ajas undKassandra; III 2, Acliill 
und Peuthesilea. Am deutHchsten ist die Bedeutung 
der letzten Darstellung; es ist die Wandelung der 
Feiiuischaft in Liebe. Wir erwarten dasselbe Thema 
auch in den zwei übrigen ausgeführt zu sehen. Bei 
der ersten ist dies möglich, wenn wir mit Petersen ') an- 
nehmen, dass nämlich hier die Versöhnung der beiden 
Helden, die Schliessung der ewigen Freundschaft nach 
ihrem ersten Zweikampf gemalt war. Das Bild II 2 
lässt sich indes absolut hier nicht einreihen, und alle 
Deutungsversnche sind gescheitert. Wie, wenn wir 
hier ein Missverständnis des Pausanias entdecken 
könnten, das leicht erklärlich wäre und uns zugleicli 
den Weg zur bessern Erkenntnis führte? Wenn auf 
diesem Bilde folgendes dargestellt war: Ein Weib 
flieht ängstlich zu einem Palladium und sielit sich 
mit flehendem Blick nach einem Krieger um, welcher 
es mit gezücktem Schwerte verfolgt, so war die 
Deutung auf Ajas und Kassandra eine durchaus nahe- 
liegende. 

War aber keine andere möglich? Wir sind im 
troischen Sagenkreis ; man könnte an Polyxena 
und Neoptolemos denken; doch auch hier ist keine 
Lösung in Liebe. Aber noch ein drittes Weib wird 
verfolgt mit gezücktem Schwert, flüchtet sich zum 
Palladium, wird aber verschont, da ihr Auge das 
ihres Verfolgers trifft und im Bunde mit der halb 
entblössten Brust die Liebe im Herzen desselben von 
neuem emporflammen lässt; mit einem Wort: es war 
Helena und Menelaos. In der That ist hier das Miss- 
verständnis des Pausanias, der sich den geistigen Zu- 

1) Kunst des l'heidias. 



202 



DER ZEUS DES PHIDIAS ZU OLYMPIA. 



saiunieiiliiuig der Koiiipositiuiien uiclit weiter klar 
«femacht zu haben schuiiit, leicht zu verstehen, und 
die nuleidliche Disharmonie, welche durch dies eine 
Bild geschaffen war, beseitigt. Jetzt haben wir auch 
hier die Lösung des Hasses in Liebe. 

Wenden wir uns nun zu den Bildern, welche an 
dritter Statt auf jeder der Schranken standen. 1 3, 
Hellas und Salamis; 11 3, Hippodamia und ihre 
Mutter; III 3, zwei Ilesperiden. Es sind dies je zwei 
Frauen, welche in Sage und Geschichte in engem Zusam- 
menhang stehen mit Kämpfen um den höchsten Preis. 
Sie haben für den Helden, wenn er Sieger bleibt, 
den Preis in Händen, welcher an Wert das Glück 
des Sieges weit übertrifft, die Hesperiden, jene Apfel, 
nach deren Erlangung er frei sein sollte; Hippodamia, 
ihre Liebe und den Besitz einer neuen Heimat für 
Pelops; Hellas und Salamis, für die Griechen Wolil- 
stand und Gedeihen. Wir finden die höchsten Güter, 
welche nach dem Wechsel des Schicksals das Leben 
schmücken. 

Die Gedanken, welche die Bilder in ilirer Reihen- 
folge zur Anschauung bringen, sind also : Aufhebung 
des von den Göttern verhängten Leides, Wandlung 
des Hasses in Liebe nnd Verleihung des höchsten 
Siegesp)reises durch die milde Gnade der Götter. 

Das Thema der mittleren Bilder finden wir 
noch in breiterer Ausführung und direkter An- 
schliessung an den oberen Amazonenkampf auf dem 
Schemel des Gottes behandelt. Dort war dargestellt 
der Kampf des Theseus und der Amazonen unter 
Teilnahme der Athener, also jener Kampf in Athen 
selbst, wohin die Amazonen gekommen waren, um 
den Raub der Antiope zu rächen. Pausanias sieht 
darin nur den ersten Kampf der Athener gegen 
Nicht-Stammesgenossen. Wir werden dem Geiste 
des Phidias näher kommen, wenn wir nicht nur eine 
überflüssige Wiederholung des Amazonenkampfes an- 
nehmen, sondern, wie Petersen will, das Ende des 
Kampfes durch die Vermittelung der von Liebe für 
Theseus ergriffenen Antiope. 

So sehen wir in all diesen Gemälden denn einen 
Gedanken fortlaufend zur Anschauung gebracht: im 
Gegensatz zu Tod und Verderben den Eintritt der 
Liebe in die Weltregierung und die Bethätigung 
ihrer versöhnenden Macht. 

Diesen Grundakkord finden wir nun am deut- 
lichsten angegeben an der Stelle, an welcher der 
Bewunderer seine Betrachtung begann, an der 
Schwelle, welche den Andächtigen von dem er- 
habenen Sitz des Gottes trennte. Dort war darge- 
stellt: das Emporsteigen der Aphrodite aus den 



Meereswellen und ihr Em])fang durch die Olympier; 
der Eintritt der Liebe in die Welt. Das war das 
erste Bild, das sich in seiner ganzen ernsten Be- 
deutung darstellte, denn hier ist es nicht Pandemos, 
die irdische, sondern die himmlische Liebe, Urania, 
welche in Erscheinung tritt. 

Und nun lenkt sich unser Blick noch einmal 
nach oben; da schweben zu Häupten des Gottes die 
Hören Eunomia, Dike, Eirene und die Chariten 
Euphrosyne, Thaleia und Aglaia. Diese nochmalige 
symbolische Darstellung der heiteren, segenspenden- 
den, wohlmeinenden, friedlichen, gerechten Weisheit 
der höchsten Richtermacht vollendet das Bild. 

Die Summe 'aU dieser Gedanken lässt sich in 
keinem Satz schöner ausdrücken als in der Ver- 
kündigung der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe 
und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohl- 
gefallen! 

So also stellte sich das Ideal des höchsten Gottes 
und seiner Weltregierung im Geiste des Phidias dar. 
Wie aber? Entspricht dies Bild demjenigen, das 
wir sonst aus Sagen und Bildwerken von Zeus 
haben? — Wir sahen, wie dies Ideal in der späte- 
ren Zeit gänzlich verändert wurde; auch in der 
vorangehenden werden wir vergeblich nach Ana- 
logien suchen. Fast möchte uns ein solches Wesen 
dem Zeus fremd erscheinen, und wir werden an 
einen Ausspruch Quintilians erinnert: die Schönheit 
des olympischen Zeus habe etwas zu der überkomme- 
nen religiösen Anschauung hinzugefügt. 

Um nun zu erkennen, wie sich in Phidias' Geist 
diese überkommene Anschauung so weit läutern 
konnte, müssen wir die Verhältnisse und Umgebun- 
gen in Betracht ziehen, in welchen dieser Künstler 
sich entwickelte. 

Phidias gehörte zum engsten Freundeskreise des 
Perikles. In diesem tritt ein Mann von besonderer 
Bedeutung hervor, der Philosoph Anaxagoras. Er 
soll auf Perikles und den Geschichtschreiber Thuky- 
dides einen entscheidenden Einfluss ausgeübt haben. 
Liegt es da ferne, das Gleiche bei Phidias vorauszu- 
setzen? — Von der Lehre des Anaxagoras heisst es 
nun, sie habe zuerst als ordnendes Prinzip des Welt- 
alls nicht den Zufall, noch die Notwendigkeit ange- 
nommen, sondern den reinen und allein unvermischten 
Novg, den Geist der Vernunft, welcher die Elemente 
sonderte; gegenüber dem ewig unentrinnbaren, zwin- 
genden Schicksal einen weltbelebenden und ordnen- 
den Geist der Weisheit, welcher nie der Stempel der 
wahren Liebe fehlt. 

Und auch für diese Seite, die Liebe, suchen wir 



DER ZEUS DES PHIDIAS ZU OLYMPIA. 



203 



eine Analogie iu der riiilosopbie nicht vergebens. 
Parmenides von Elea, welcher 460 v. Chr. etwa nach 
Athen kam, stellte in seiner Lehre Eros als erster- 
schaifenes Wesen in der Schöpfung hin, also die 
Liebe als Urgrund der bestehenden Welt. 

Verwandte Vorstellungen verbindet Agathon in 
dem Symposion des Piaton. Wie ein echter Dichter 
fasst er Eros ganz persönlich und wundert sich dar- 
über, dass Hesiod und Parmenides denselben den 
ältesten Gott nennen; er meine, Eros sei der 
jüngste der Götter, denn unmöglich wären all die 
Gewaltthätigkeiten gewesen, wenn er unter ihnen 
geweilt hätte, sondern Liebe und Frieden, wie jetzt, 
seitdem Eros die Götter beherrsche. Auch Zeus 
sei des Liebesgottes Schüler geworden in der Herr- 
schaft über Götter und Menschen. „Vordem aber 
geschah viel Furchtbares, auch den Göttern, da die 
Notioendüjieit herrschte; seit aber dieser Gott ge- 
boren ist, entsprang alles Gute Göttern und Men- 
schen aus der Liebe des Scliöncn. Denn dieser Gott: 

Frieden bringt er den Menschen, Meeresstille den Wassern 
Wider der Stürme Wüten, Ruhenden süssen Schlaf.') 

Es ist natürlich, dass sich mit diesen Lehren der 
überkommene Glaube an die alten Götter nicht in 
allen Punkten vertrug; und doch war es unmöglich, 
diesen, der so fest in den Herzen des Volkes wurzelte, 
plötzlich herauszureissen, besonders bei dem griechi- 
schen Volke, das bei seinem schönen Anthroi^omor- 
phismus zu der lebendigen Anschauung der Gottheit 
immer eines sinnlichen Momentes bedurfte, das die 
Lehre vom Geist natürlich gänzlich entbehrte. Da 
konnte niemand anderes die hohe Mission erfüllen, 
die beiden Geistesrichtungeu vermittelnd zu ver- 
söhnen, der neuen Lehre Gestalt zu verleihen mit 
den Mitteln der alten, die alte Lehre mit den Ge- 
danken der neuen zu veredeln, — niemand anders 
als der Künstler. Lehrende Philosophen sind nur 
für die Gebildeten verständlich und richten selbst 
unter diesen dadurch, dass sie nur halb verstanden 
werden, und durch die Gefahren, welche jeder Bruch 
mit alten Überzeugungen mit sich führt, oft grosse 
Verwirrung an. Apodiktische Staatsgesetze ver- 
schärfen nur die Gegensätze und haben, wie uns 
die Geschichte lehrt, zu blutigen Kriegen geführt. 
Allein der Künstler spricht eine allen verständliche 
Sprache und in dem Schwung der Begeisterung, in 
ivelchen er uns versetzt, folgen wir ihm gern in 
alle Tiefen und Höhen menschlicher Gedanken. 

1) obröq iaziv o noiwv 

tiQi'jVtjv fitv tv ctrD-iJOjTioK;, neXüyei ift yalrivriv 
vr/ve/iilav ävi/Kov, xolxy ö'vnvov vtjxijärj. 



Glücklich der Künstler, welcher diese Mission 
erkennt! Zu versöhnen ist ja seine Aufgabe. Glück- 
lich das Land, welches einen solchen Künstler den 
seinen nennt! Griechenland durfte es in dieser Zeit 
sein. Die grössten Geistesheroen finden wir an 
dieser Aufgabe thätig '). 

Pindar hebt es in der ersten olympischen Ode 
selbst hervor, dass die Aufgabe des Dichters sei: 
„Läuterung der Vorstellung über die Götter und 
die Weltorduuug, innerhalb seines nationalen Glau- 
bens einen Fortschritt zu reinerer, höherer An- 
schauung zu erreichen" -). 

,Das Ziel, welches Aschylos in der tragischen 
Kunst verfolgte, schloss in sich die höchste Aufgabe 
des ringenden Menschengeistes, nachzuweisen, dass 
die göttliche Weltordnung mit der Intelligenz der 
Sterblichen im vollsten Einklang stehe" ''). „Die Ge- 
samtheit der religiösen und ethischen Vorstellungen 
des Äsehylos, wie sie aus seinen Dichtungen ent- 
wickelt worden sind, hat zwei Faktoren: treues Ver- 
harren auf der Basis des Volksglaubens und das 
Bestreben, denselben durch Läuterung und Ausbil- 
dung zum Ausdruck einer sittlich vollendeten An- 
schauung zu erheben" ^). „Es reinigte sich aber 
alles, was die religiöse Gefühls- und Denkweise des 
Aschylos in sich barg, in der reinen Idee von Zeus". 
„Der vollendete weise Gott ist es, der die Sterblichen 
zur Besonnenheit, zum Guten anleitet (odo^Oag), der 
die sittliche Ordnung der menschlichen Gesellschaft 
begründet und den Schutzflehenden auch Gnade an- 
gedeihen zu lassen weiss. In seinen Händen ruht 
Aisa oder Moira, die Weltordnung, und darin, dass 
diese einen sittlichen Charakter an sich trägt, löst 
sich der scheinbare Widerspruch zwischen Schick- 
salsbestimmung und Freiheit des menschlichen Wil- 
lens.'' — „Dem Äsehylos verdankt der hellenische Volks- 
glaube lue entschiedene Durchführung des Satzes, dass 
die göttliche Weltwaltung eine gerechte sei. Aber 
indem Aschylos zur Begründung dieses Satzes sein 
Augenmerk hauptsächlich auf den Nachweis richtete, 
dass den Frevler unbedingt die Strafe Gottes ereile, 
dem Gottesfürchtigeu aber ein leicUoses Leben be- 
schieden sei, hatte er in schroifer Verfolgung dieses 
Gedankens zugleich der Kehrseite desselben eine 
festere Begründung gegeben, dass jedes schwerere 



1) Die folgenden Citate sind aus Dronkes Aufsätzen; 
,,Die religiösen und sittlichen Vorstellungen des Aschylos, 
Sophokles und Pindar." Fleckeiseus Jabrli. für Philologie, 
IV. Supplementb. 

2) a. a. 0. S. 4. 
:i) a. a. 0. S. 20. 
4) a. a. 0. S. 54. 



204 



DER ZEUS DES PHIDIAS ZU OLYMPIA. 



Leiden, welches die Götter den Menschen senden, 
auch als Strafe für einen Frevel anzusehen sei." ') 

Überschauen wir dagegen den ganzen sicheren 
Gewinn, der sich aus Dichtungen des Sopliohlcs er- 
giebt. „Das Walten des alles überwachenden und 
lenkenden Zeus besteht nach Sophokles' Vorstellung 
nicht mehr bloss darin, dass es dem Einzelnen Un- 
glück oder Lebenssegen gemäss seinem Handeln und 
Wandeln zuwägt; sondern die Gesamtheit der Sterb- 
lichen umfasst Zeus mit vorsehender Weisheit in 
seinem grossen Weltplane und ordnet den Einzelnen 
ein in das Ganze, dessen sittliche Harmonie zu wahren 
der höchste Endzweck der göttlichen Weltherrschaft 
ist. So sendet der Gott dem Menschen auch ohne 
dessen Verschulden schwere Leiden zu. Diesem aber, 
welcher die Absicht der göttlichen Vorsehung nicht 
zu durchschauen vermag, geziemt es dann, in from- 
mer Demut sich in das Gottverhängte zu ergeben" '-), 
„nicht in dumpfer Resignation, sondern in wahrem 
Gottvei-trauen, welches von der Weisheit der gött- 
lichen Fügungen, wenn er sie auch im einzelnen nicht 
zu deuten vermag, lebendig durchdrungen ist." Bei 
Äschylos sind Kraft uud Gewalt die beiden treuesten 
Diener des Zeus; die Sittlichkeit seiner Menschen 
beruht nur auf der Furcht vor göttlicher Strafe. Bei 
Sophokles sitzt auf Kronions Thron, ihm beigesellt, 
für jeden Fehl die Gnade; seine Menschen sühnen 
ihre Fehltritte selbst aus eigenem sittlichen Be- 
dürfnis. 

Mit Sophokles sind wir wieder in den engsten 
Freundeskreis des PeriUrs eingetreten. Bei diesem 
finden wir ebenfalls jene Tendenz, versöhnend zwi- 
schen den beiden Richtungen der Alten und Jungen 
zu wirken. Wir lesen darüber in Ad. Schölls Leben 
des Sophokles^): „Es wäre ohne die Überzeugung 
von dem Recht und der Macht der Intelligenz die- 
sem Staatsmanne nicht möglich gewesen zu wagen, 
was er wagte, als er die neue Gestalt der Volks- 
verfassung betrieb und durchführte. — Um so we- 
niger wäre es gelungen, hätte er nicht die allgemeine 
Religiosität möglichst geschont. Er hob die Schön- 
heit der Religion, er veredelte und erweiterte ihre 
Feste, und er baute ihr die schönsteu Festhallen und 
Tempel." 

In der Geschichte der Plastik treffen wir in der 
Zeit kurz vor Phidias eine merkwürdige Erscheinung, 



1) a. a. 0. S. G7. 

2) a. a. 0. S. 8.3. 

3) S. 99. 



welche auf ähnliche Bestrebungen hinzuweisen scheint 
Zu Phigalia in Arkadien war ein altes Bild der De- 
meter Meläna mit einem Pferdekopf, auf den Händen. 
Delphin und Taube, verbrannt. Onatas, dessen Thä- 
tigkeit sich um die Jahre 468 — 65 v. Chr. erstreckt, 
wurde beauftragt, ein neues Bild zu schaffen. Er 
kopirte nicht direkt das alte, sondern schuf, wie er 
sagte, nach Traumerscheinungen. Brunn bemerkt 
hierüber (Künstlergesch. I, S. 87 [122]: „Immer er- 
kennen wir hier das erste mächtige Anzeichen eines 
Strebens nach Freiheit, nach ungehemmter Ent- 
wickelung und organischer Bildung. Aber ebenso 
erkennen wir durch das teilweise Festhalten an 
einem alten Vorbilde, dass die wahre, volle Ideal- 
bildung der Götter nicht erreicht war. Sie blieb 
dem Genius eines Phidias vorbehalten." 

In der That treffen wir diesen nun im Kreise 
aU der besprochenen Geistesheroen als Teilhaber ihrer 
Bestrebungen in der freien Ausgestaltung des Ideals. 
Er bildet in Olympia einen Zeus, aber nicht den 
des alten Glaubens, den in lebhafter Aktion befind- 
lichen, mächtigsten Gott, sondern den ordnenden 
Geist der Vernunft, welcher jedem seine Bahnen 
weist, den gütigen Geist der Liebe, welcher die 
Leidenschaften trennt und sänftigt, den Gott, dessen 
Wille die Harmonie des Weltgetriebes ist. So hat 
er auf unvergleichliche Weise den Herzen der Grie- 
chen die Philosophie eines Anaxagoras, eines Par- 
menides nahe gebracht und sie doch nicht gezwungen, 
aus all ihren ererbten Vorstellungen herauszutreten; 
er hat sie nicht aus ihrem Glauben gerissen, aus 
dem sie alle Kraft und Begeisterung zu ihren gröss- 
teu Thaten gesogen hatten, und hat sie doch durch 
die Läuterung der Anschauungen der wahreren, rei- 
neren Erkenntnis zugeführt. 

So ist denn vor wie nach Phidias eine tiefe 
Kluft und in unerreichter Höhe ragt er empor? 

Das Genie macht keine unmöglichen, aber weite 
Schritte; wie es Phidias möglich war, diesen einen 
Schritt, viele Entwickelungsstufen auf einmal über- 
springend, zu machen, glaube ich auseinander gesetzt 
zu haben. 

Die Bewimderung vor seinem Werk kann durch 
diese Betrachtimg nur gehoben sein, und wir rufen 
seinem Zeus die Worte des gleichgesinnten Dich- 
ters zu : 

In nie alternder Jugend wohnst du 
In OIympo.s' lichtem 
Sti-ahlendem Ghuiz, o König!') 



1) Sophokles, Antigene V. G02— 604. 



WILHELM RIEFSTAHL 



VON //. E. VOX BEULEPSCn. 
MIT ABBILDUNGEN. 

(Schluss.) 





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(IX DAS Jahr 1860 fällt Riefstahls 
V^erheiratung; zusammen mit sei- 
i'i" jungen Gattin machte er im 
ihre darauf die erste Studien- 
reise ins Gebirge, nach Appenzell. 
Das war der eigentliche Wende- 
punkt in seiner künstlerischen Laufbahn. In der 
Zeitschrift „Argo" (Kunst und Dichtung, herausge- 
geben von Fr. Eggers, Th. Hosemann und B. v. Lepel) 
hatte er noch in den kurz vorhergegangenen Jahren 
eine Reihe landschaftlicher Arbeiten niedergelegt, 
zum Teil romantischer Natur, so das Jagdschloss, 
das Schloss im Walde, den Freistuhl (nach Immer- 
manns Oljerhof) u. a. m. Jetzt wandte er sich mit 
Entschiedenheit der Figurenmalerei zu. Ein Be- 
gi'äbnis, das er mit ansah, gab dazu den Aulass. 
Das Appenzeller Inner-Rhoder Völkchen, das sowohl 
durch seine originelle Tracht als auch durch die 
in der ganzen Schweiz bekannte Schlagfertigkeit der 
Antworten bekannt ist, hatte bis dahin nur einen 
Schilderer gefunden, der es wirklich bis zur Wurzel 
kannte, E. Rittmeyer. Leider aber sind die zahl- 
reichen, . äusserst originellen Arbeiten dieses Künst- 
lers nie zu jenem Abschlüsse gelangt, der eigentlich 
das notwendige Bedingnis zum allgemeinen Be- 
kanntwerden bildet. Riefstahl dagegen erfasste seine 
Aufgabe mit dem Ernste , der in seinem ganzen 
Wesen lag. Die Scenerie ist hoch droben im Ge- 
birge. Vor dem schmucklosen Kirchlein warten 
Pfarrer und Gemeinde auf den Leichenzug, der eben 
um eine Ecke biegend über die Alptriften daher 
kommt. Ringsum schauen wilde felsige und beeiste 
Gipfel auf die Stätte nieder. Der Künstler hatte mit 
dem Bilde eine neue Saite angeschlagen, ihr. Klang 
war rein, sonor, klar. Er hat das nämliche Motiv 
später wiederholt, wie er denn überhaupt manchen 
Stoff zu wiederholten Malen behandelte, aber nicht 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



im Sinne jener „Künstler", welche, mit einer Kom- 
position einmal im reinen, dieselbe auf einem ganzen 
oder halljen Dutzend gleichgrosser Leinwanden auf- 
tragen, eines nach dem andern gleichmässig unter- 
und übermalen und so ein erfreuliches Bild von der 
Produktivität geben, die beinahe an maschinelle 
Vervielfältigung erinnert. Riefstahl war es, wieder- 
holte er die Behandlung eines Thema's, darum zu 
thun, den Stoff nochmals gründlicher als zuvor zu 
bearbeiten, Mängel, die er bei der ersten Aus- 
führung entdeckt hatte, zu vermeiden, kurzum, dem 
Ganzen einen höheren Ausdruck zu verleihen. Der 
bekannte französische Ai'chäolog und Architekt 
VioUet-le-Duc sah im Herbste 1873 Riefstahls Wie- 
derholung des „Hochthaies am Säntis' und schrieb 
in ungemein liebenswürdiger, fein empfundener Weise 
darüber eine längere kritische Äusserung, ohne den 
Autor persönhch gekannt zu haben. Übrigens liess 
die Anerkennung auch andererseits nicht auf sich 
warten. Die Jury der Berliner Ausstellung ehrte 
Riefstahl durch Verleihung der goldenen MedaiUe, 
der Preis der Seidlitzstiftung fiel ihm zu, und er 
wurde zum Mitgliede der Berhner Akademie er- 
nannt (] 862). Zwar hat er die Schweiz später noch 
wiederholt besucht, auch verschiedene Stoffe von 
dorther zu Bildern verarbeitet, doch reichte keines 
an jenen ersten, gross wiedergegebenen Eindruck 
hin. Dafür aber wurde nun ein anderer Teil der 
Hochalpen sein Lieblingsaufenthalt, woher er stets 
reiche Schätze an Studien mitbrachte: das Passeyer- 
thal in Südtirol. Dort empfing er die Anregungen 
zu den meisten seiner späteren Arbeiten. Seinen 
ersten Aufentlialt daselbst beschreibt er ausserordent- 
lich charakteristisch in einem Briefe an seine El- 
tern: „. . . Es soll mir wohl thun, keine Zeitungen 
und keine Krinolinen zu sehen. Ich denke, das.s, 
wenn ich so längere Zeit an diesem Orte lebe, so 



506 



WILHELM RIEFSTAHL. 



muss es rechte, gute Bilder geben, denn ich lebe 
ja doch nur für den einen Zweck und selie und höre 
nichts anderes. 0, wer mit mir auf der Höhe des 
Jaufenpasses stehen könnte und wir sähen vor uns 
das tiefe Passeyerthal, rechts mit den eisigen Otz- 
thaler- Fernern und hinter uns eine ebenso grosse 
Versammlung von Bergriesen in heiterem Mittags- 
glanze — ein wundervoller, berauschender Anlilick! 
Es ist möglich, dass ich mit Knaus dort zusammen- 
treffe imd der ist auch der einzige, den ich dort 




Studie von IllEFSTAIIL. 

ha))en möchte . . .". 1863 wanderte er gleichen 
Zweckes halber noch höher ins Gebirge hinauf, nach 
Lazis. In einem von dort datirten Briefe (9. August 
1863) erzählt er: „Nachdem ich nun noch einen Hügel 
erklommen hatte, erblickte ich erst den letzten Thal- 
grund, eine mit vielem Steingeröll und vielen Blöcken 
und an einigen Stellen mit schmutzigen Schneeresten 
bedeckte Alpe, welche sich geradeaus an einem 
mächtigen Gebirgsstocke von 10000 Fuss Höhe, 
teilweise mit Schnee und kleineren Gletschern be- 
deckt, Hochenwilde genannt, hinaufzieht, links und 
rechts abei' in enge Seitenthäler sich verliert. Mitten 
auf dem Alpengrunde kauern vier bis fünf dunkel- 
braune Holzschuppen mit grauen Schindeldächern, 



von Felsblöcken umgeben, zwischen denen der Bach 
hinfliesst. — — — Je näher ich kam, desto trost- 
loser sah es aus; eine räucherige Bauernhütte, ganz 
aus Holz mit Fensterlöchern von 1 1/2 Fuss im Qua- 
drat wurde mir als Wirtshaus bezeichnet. Ich 

trat in den niedrigen, dunklen Flur; in der grossen 
schwarzen Küche mit dem mächtigen Herde kochte 
eine grosse, dicke Bäuerin irgend eine Mehlsuppe 
und eine alte Frau mit gichtischen Gliedern wankte 
um sie herum. Mein Gepäck lag schon in einem 
andern niedrigen dunklen Gemache 
und sah mich höhnisch an, dass ich 
mich für längere Zeit gemütlich und 
vorsorglich eingerichtet hatte, nun 
aber in diese Höhle gekommen war. 
Auf mein Befragen um Nachtquartier 
sagte mir die Dicke: „Betten hon mer 
kaue, mer können Ihnen aber Leinen- 
tücher geben, um im Heu zu schlafen." 
Auch das noch! Verstimmt nahm ich 
ein leidliches Mahl von Eiern und 
Wein, und überlegte, ob ich nicht 
lieber gleich wieder umkehren sollte; 
doch wäre es lächerlich gewesen, aus 
diesen Gründen die ganze Partie, von 
der ich mir doch etwas Rechtes ver- 
sprochen hatte, aufzugeben, obgleich 
ich vorläufig nicht einsehen konnte, 
was hier für meine Zwecke zu finden 
sein würde. Als ich so beschnien 
(beschneit, d. h. reingefallen) dasass, 
kamen ab und zu von den Landlenten, 
die beim Heueintragen beschäftigt 
waren, einige in die Stube, barfüssig, 
schmutzig, erhitzt, aber meistens 
Prachtkerle, einige Riesen, mit un- 
geschorenem Barte, fast alle schön, 
jeder interessant. Von dem herrischen Gast wurde 
wenig Notiz genommen. — — — Da trat ein 
städtisch gekleideter Mann ein, der mich freund- 
lich anredete und mit dem ich, wie ich mich nach- 
her erinnerte, in St. Leonhard vor einigen Tagen 
zusammengesessen hatte. Dieser war hier in der 
Sommerfrische, ein Bürger von Meran, Bäcker- 
meister, dessen Hauptzweck gerade war, im Heu zu 
schlafen wegen Rheumatismus, denn dem kurzen, 
höchst würzig duftenden Alpenheu wird grosse Heil- 
kraft zugeschrieben neben den himmlisch kühlen 
Lüften und den kalten, klaren Quellwassern dieser 
Höhen. Mir wurde leichter. Ein ferneres, tröst- 
liches Moment waren zwei Zithern, die an der Wand 



■p. 




WILHELM RIEFSTAHL. 



207 



liiugeu u. s. w.; mau ist hier SÜDO Fiiss über Meer . . . . 
Nach und nach erschienen einige Prachtexemplare 
von den Hirten, wahre Titanen; ich schaute ihnen 
mit Vergnügen den ganzen Abend beim Kartenspiel 
zu. Und nun zu Bett. Voran der „Häuser", der die 
Zither sehr hübsch gespielt hatte. Mit der Laterne 
gings zu einem der Schuppen, Leiter hinauf, Lein- 
tuch und Decke aufs Heu gebettet und Gute Nacht. 
Da lag ich in dem duftenden Lager, um mich fächel- 
ten kühle Lüfte, die zu dem offenen 
Thore und den hundert handbreiten 
Fugen frei aus- und einzogen, und 
zu dem allem das gleichmässige Brau- 
sen des dicht an dem Stadel vorbei- 
schiessenden Bergwassers. — — — 
Ich erwachte aber froh und gestärkt, 
machte am Brunnen Toilette, genoss 
einen guten Kaffee und Butterbrod und 
bin nun mit allen unbequemen Neuig- 
keiten meiner Lage ausgesöhnt. Die 
Leute haben sich auch schon soweit 
an mich gewöhnt, dass mir heute 
ein prächtiger Kerl bereits Modell 
gestanden hat. Heute nachmittag 
kommt der Paul, ein Schafliirt und 
der zweitgrösste germanische Riese, 
von einer Alpe herunter und steht mir 
auch. Der grösste aber ist der Michel 
Königsrainer, ein Senn mit einer 
j)rachtvollen Gestalt und metallenem, 
tiefem Organ; die Leute erscheinen 
noch riesenhafter durch die niedrigen 
Stuben, in die man immer tief ge- 
bückt eintreten muss .... Heut mor- 
gen kam eine Prozession von Pfelders ';' 
her, es ist der Tag Laurentii, des 
Schutzpatrons der Hirten. Sie zogen 
zu dem Marienbilde vor meinem Hause, 
knieten nieder, beteten unter Vorsprechen des Geist- 
lichen die Litanei und den Rosenkranz und zogen dann 
betend wieder ab. Du kannst Dir denken, wie mir das 
gerade passt!" Als ßiefstahl später nach Ausstehung 
vieler Entbehrungen, welche jedoch keineswegs hin- 
dernd auf den Fortgang seiner Studien wirkten, nach 
St. Leonhard zurückkehrte, traf er dort auch i-ichtig 
mit Knaus und einem Dutzend namhafter Künstler 
zusammen. Dem wiederholten, langen Aufenthalt 
in Passeier und seinen Hochthälern, dann auch ähn- 
lichen Studien im Montavou und Bregenzer V7ald 
verdankt nun eine ganze Reihe grösserer und 
kleinerer Bilder ihr Entstehen, so das „Begräbnis 



in Passeyer" (in mehreren Varianten vorhanden), 
„Feldandacht von Passeyerer Hirten", „Prozession 
im Passeyerthal", „.Jahrmarkt in Vorarlberg", dann 
das wundervolle Stimmungsbild „Am Allerseelentage" 
(Natioualgalerie in Berlin), wozu sich der Künstler 
das Motiv im Bregenzer Walde geholt, dort bis in 
den November hinein geblieben war, um aiis eige- 
ner Anschauung die Gebräuche, die seltsam nonnen- 
hafte Verschleierung der Weiber an jenem Tage 




Studie vou Eiefstahl. 

kennen zu lernen. Neben der intimen Schilderung 
der Volkslebens im Gebirge, und zwar speziell in 
Hinsicht auf seine religiösen Gebräuche, ging bei 
Riefstahl noch eine weitere künstlerische Neigung 
einher, und das war die Liebhaberei für Schilderungen 
aus dem Klosterleben. Doch fasste er seine Themata 
auf diesem Gebiete nie von jener karikirenden Seite 
her an, die in unseren Tagen Mode geworden ist. 
Das Schöne, wahrhaft Grosse des Mönchslebens, jene 
Momente, wo der eigentliche Geist, der durch die 
ganze Institution geht, sich in klarer, ernster und 
würdiger Weise zeigt, das sind viel, viel heiklere 
Aufgaben, die feinerer Beobachtung, zarterer oder 



20S 



WILHELM K1KI<\STAIIL 




Studie von Riefstahl. 



uiiu.-litigerer EiupHiiduii^' und Aiiftkssuiig 
bedürfer, als das der Fall ist, wenn der 
Zechtisch und die Weinlaune in den Vorder- 
grund treten. Es klingt zwar gewiss für 
manchen „nur national" gesinnten Mann 
sehr ketzerhaft, wenn man darauf liinweist, 
dass in der französischen Kunst eine so 
ausgebildete, stets ihr enthusiastisches 
Publikum findende Geschmacklosigkeit, 
wie die in Deutschland ausgebildete, kiu'z- 
weg als „Mönchsmalerei" bezeichnete Art 
von Darstellungen des klösterlichen Lebens 
nicht existirt. Jenes einseitige Karikiren, 
wie man es vielfach antriift, darf durch- 
aus nicht verwechselt werden mit dem, 
was man eine wahre, charakteristische 
Zeichnung nennt. Riefstahl zeigte sich 
;iuch in dieser Richtung als eine fein- 
fühlige, noble Natur, wie sie aus all seinen 
Arbeiten spricht. 1864, gelegentlich der 
Rückreise aus Passeyer, entstand die Idee 
zu dem grossen Bilde „Prozession der 
Mönche im Chore des Kapnzinerklosters 
zu Meran". Es wurde ein Meisterstück, 
das ihm 1868 auf der Bei'liner Ausstellung 
die grosse goldene MedaiUe eintrug. Höre 

man darüber seine eigenen Worte: 

„Noch au demselben Tage wohnte ich der 
Vesper im Chor bei und beschloss, das 
zu malen. Um ein Pult, mit grossen Foli- 
anten besetzt, gruppiren sich vier Mönche, 
und die andern, von denen auf meiner 
Studie wenig zu sehen ist, stehen umher. 
Es kann nur interessant werden durch die 
Charaktere, die Farbe des Ganzen ist fast 
braun in braun. Einige der Herren haben 
mir versprochen, zu sitzen, und so hoffe 
ich alles zusammen zu bekommen zu einem 
Kapuzinerbilde, wie ich es längst zu malen 
gewünscht habe." Der Pater Guardian, 
anfangs wohlgestimmt, fürchtete, die jungen 
Patres möchten sich zu sehr in Anschau- 
ung der Arbeit Riefstahls, der, so lange 
es immer nur anging, im Chore arbeitete, 
zerstreuen, imd- — doch lassen wir den Künst- 
ler selbst weiter reden (4. Septbr. 1864): 
. . . „Die scheinbaren Weiterungen mit dem 
neuen Guardian hatten ihren Grund in den 
Freiheiten, welche sich die jungen Patres 
herausgenommen, indem sie in hellen Hau- 
fen immer um mich waren, jubelnd jeden 



WILHELM RIEFSTAHL. 



209 



neuen Koiif begrüssten (wenn er auch gar nicht sehr 
gelungen war) und sich ganz dem Reize dieser Ab- 
wechselung überliessen. Es erfolgte die Weisung, 
sich an die Regel zu halten; einzeln soUe mir jeder, 
den ich wünsche und der selbst wolle, zu Diensten 
stehen. So ist es mir möglich geworden, meine 
Studie durchzumalen und 
ausserdem 14 Blatt Studien 
zu zeichnen. Durch die häu- 
figen Gebete und Messen 
geht viel Zeit für mich ver- 
loren. Gelingt es mir jedoch, 
in Innsbruck, vom Pater 
Provinzial ein Habit zu er- 
langen, so kann ich midi 
als wohlgerüstet für diesen 
Gegenstand betrachten." Das 
Bild fiel vortrefflich aus, und 
nebenbei sei gesagt, dass er 
einem der Patres die Züge 
Ad. Menzels gab. In der 
gleichen Richtung bewegen 
sich eine Reihe anderei- 
Schöpfungen Riefstahls, sn 
das „Tischgebet im Kapu- 
ziner-Kloster", „Kloster am 
Inn" (Volders bei Hall), und, 
wovon noch zu sprechen sein 
wird, die Mönchsprozession 
am Forum Romanum zu 
Rom. 

Es wurde eingangs er- 
wähnt, dass der Künstler 
in seinen jungen Jahren die 
Illustrationen zu Kuglers At- 
las der Kunstgeschichte ge- 
zeichnet hat. Aus jener Zeit 
hing ihm eine grosse Nei- 
gung für die Architektur 
überhaupt an, ein Umstand, 
der vermöge der damit in 
Frage kommenden Kennt- 
nisse nur bei ganz wenig Malern zutrifi't; denn das 
Auge i.st durchschnittlich so einseitig gebildet, wie der 
Mensch. Jene umfassende Bildung, die gerade Rief- 
stahl so ausserordentlich auszeichnete und ihn aus 
diesem Grunde stets zum gebildeten Beurteiler den 
Leistungen anderer gegenüber machte, ist leider bei 
der Künstlerwelt im grossen Ganzen eine äusserst 
seltene Erscheinung. 

Riefstahl war in Dingen architektonischer Natur 




Studie zur „Segiuuig der Alpen" von Riefstahl. 
Ölskizze im Besitz des Herrn Dr. J. Vogel in Leipzig 



nicht nur sehr wohl bewandert, somlern er wusste 
dieser seiner Erfahrung auch praktisch Rechnung 
zu tragen. Ebenso wie ihm das Gebirge mit seinen 
Bewohnern nur dann die wahre Befriedigung ge- 
währte, wenn er die Wechselbeziehung zwischen 
beiden in seinen Darstellungen voll und ganz er- 
schöpft zu haben glaubte, 
so ging es ihm mit seinen 
priesterlichen Gestalten und 
den Räumen, in denen sie 
sich bewegen. Der wunder- 
volle Kreuzgang zu Br-ixen 
in Südtirol, das herrliche 
Sommerrefektorium zu Maul- 
bronn veranlassten das Ent- 
stehen einer ganzen Reihe 
von feinen künstlerischen 
Schöpfungen ; den Glanz- 
punkt aber alles dessen, 
was der Künstler in dieser 
Hinsicht bisher gesehen imd 
genossen hatte, war Rom. 
1868 war Riefstahl von Berlin 
nach Karlsruhe übergesie- 
delt, den Herbst darauf zog 
er zum erstenmale nach der 
Halbinsel des Apennin, nach 
der Tiberstadt, die heute 
leider von Tag zu Tag 
mehr ihren Charakter ein- 
büsst. 

Am meisten nalim unter 
jenen Aufgaben, die Rief- 
.stahl sich alsbald stellte, das 
l'antheon seine Aufnierk- 
•samkeit in Anspruch, „ . . . 
was mir auf den ersten Blick 
am meisten imponirt hat 
und mir nicht wieder aus 
dem Sinn gekommen ist. 
Ein furchtbar ernsthafter, 
schwarzer Riese, das best- 
erhaltene Römermonument hier, davor ein schöner 
malerischer Zopfbrunnen mit Treppen, und hohe 
schwarze Häuser, dunkle Gassen ringsum. Gerade 
hier wimmelt es stets von den schönsten römischen 
Gestalten, Landleuten, so schön plastisch, farbig und 
würdevoll, wie ihre Vorfahren. Dazu vielleicht ein 
Leichenzug mit Fackeln, hier wunderbar ergreifend. 
In Gottes Namen denn, b'j.y Fuss beinahe, die 
Leinwand steht schon da . , ." Unterm 5. Februar 



210 



WILHELM lilEFSTAIIL. 



sclireiht er weiter: „Das Paiitlieoii ist nun in An<^ritt' 
genommen, aber immer mehr sehe ich die grosse Arbeit 
daran. Die Grösse reiclit kaum aus; der Gegenstand 
würde auch ein viel bedeutenderes Format füllen; 
es Hesse sich in ihm alles ausgeben, was mich in 
dieser Richtung an katholischem Wesen je gereizt 
hat" und an einem anderen Orte: „Es ist, um ka- 
tholisch zu werden, so eindringlich, so tiefernst und 




Studie vou Uiei'stahi,. 

schön", sagt er, „schon düukt mich die Grösse von 
5'/., Fuss nicht genügend für einen Gegenstand, der 
eine Quintessenz von Rom sein wird und in den 
man alles hineinlegen kann und hineinlegen muss." 
Die Arbeit glückte vortreti'lich und befindet sich, wie 
auch „Das anatomische Theater von Bologna" in der 
Dresdener Galerie. Von der römischen Reise rührte 
auch das ganz eminente Bild „Forum Romanum" 
mit Kapuzinerprozession her. Es ist so recht der 
Ausdruck vollendeter^, künstlerischer Anschauungs- 
weise, die sich im Figürlichen ebenso sehr aus- 



sjiricht als es Itei dein grussartigen architektonischeu 
Hintergrunde der Fall ist. 

Riefstahl war vom Grossherzoge von Baden an 
die Spitze der Karlsruher Akademie gestellt worden. 
Sein Wirken dort war ein fruchtbringendes und se- 
gensreiches. Er führte nicht nur den Titel eines 
Direktors, sondern er füllte diese seine Stelle auch 
ganz in dem Geiste aus, wie es solch ein wichtiges 
Amt verlangt. Die gewissenhafte Be- 
sorgung alles dessen, was diese ehren- 
volle Stellung mit sich brachte, trat 
jedoch vielfach seinen persönlichen 
Arbeiten in den Weg, und so legte er, 
der aus seiner Stellung keine gewöhn- 
liche Sinekure machen konnte und 
wollte, dieselbe anfangs 1878 nieder. 
Riefstahl zog sich denselben Som- 
mer ins Montavon zurück. Auf einer 
Alpe ob Gaschurn, Lifinar genannt, 
lebte er während Wochen ganz allein 
und machte dort die Vorstudien zu 
seinem Bilde; „Die Glaubensboten". 
Die grossartige Natur des Gauera- 
thales erweckte den Gedanken in ihm, 
um so mehr als gerade auf der Alpe 
selbst eine mächtige Felsplatte schon 
seit uralten Zeiten als Zusammenkunfts- 
ort der verschiedenen Thaleinwohner 
benutzt wurde. Er malte den StofP 
aber erst nach seiner Übersiedelung 
nach München. Auf einem gewalti- 
gen Felsbrocken haben heidnische 
Priester das Opfer dargebracht, rings- 
um lauscht die Menge des Volkes. 
Von uutenher aber nahen die zwei 
Glaubensapostel Gallus und Colum- 
bauus, gegen welche einer der opfern- 
den Priester das Messer zückt. Die 
grossartige Gletscherwelt des umlie- 
genden Gebirgsstockes bildet den land- 
schaftlichen Rahmen des gewaltigen Bildes. Eine„Seg- 
uung der Alpen" im christlichen Gewände war schon 
1879 vorausgegangen und ist trotz der wenigen Figuren 
(drei Sennen und der das Feuer weihende Kapuziner) 
eine ausserordentlich ansprechende, grossgedachte 
Komposition. Verschiedene Bilder aus Tirol (Kiuder- 
begräbuis in Passeyer, Kreuzgaug in Brixen, Kloster- 
exameu u. a.) bezeichnen des Künstlers Aufenthalt zu 
München, das übrigens keines seiner Werke besitzt.') 



1) Nach den seitherigen Vorgängen bei Feststellung 
dos bayerischen Kultusetats wird es überhaupt in Zukunft 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



211 



Das letzte Werk, das eigentlich für die inter- 
nationale Ausstellung des Jahres 1888 zu München 
bestimmt war, ist die „Feuerweihe am Karsamstag" 
(Passeyer). Alles lebende Feuer, Kerzen, Lampen, 
Herdfeuer etc. werden am Karfreitag gelöscht. Am 
nächsten Morgen wird auf dem Kirchhofe ein Feuer 
angezündet, der Geistliche weiht es, und die Be- 
wohner tragen die brennenden Scheite auf ihre 
Wiesen und Felder, damit auf dem Erdgrunde der 
himmlische Segen ruhen möge. Riefstahl fand bei 



als ein Mirakel anzusehen sein, wenn Bilder guter Meister 
anders als durch Schenkung in die Galerien kommen. Be- 
kanntermassen hat die Majorität des bayerischen Landtages 
volle 20000, sage zwanzigtausend Mark bewilligt für „Kunst- 
zwecke"; dabei klopften die grossmütigen Vaterlandsvertreter 
an die gehobene Brust und verkündigten laut, dass sie die 
Kunst stets unterstützten; nur sei die gegenwärtige Art der 
Anschauung nicht nach ihrem Geschmacke. Möge sich das 
die Münchener Künstlerschaft gesagt sein lassen und zur 
Umkehr auf den eingeschlegenen Irrwegen sich entschliessen, 
sonst lastet die ganze Schwere des vernichtenden Urteils der 
drei Kammerredner, Kunstkenner und Kritiker Dr. Daller, 
Dr. Geiger, Dr. Orterer auf ihnen! 



dem Geistlichen zu Stuls für einige Zeit freundHche 
Aufnahme, um seine Studien zu dem genannten Zwecke 
zu machen, doch ängstigte es schUesslich den geist- 
lichen Herrn, den Protestanten weiter im Widum 
zu beherbergen, und Riefstahl ging, ohne einen ihm 
als genügend erscheinenden Abschluss erreicht zu 
haben, wieder nach München. Trotzdem war das 
Bild im Frühjahre 1888 vollendet. Kurze Zeit nach- 
her übernahm er das Präsidium der Aufnahmejury. 
Er trug den Keim des Todes bereits in sich; am 
1 1. Oktober legte er sein Haupt zur ewigen Ruhe nieder. 
Ein grosser Strauss von Alpenblumen, den ihm 
kurze Zeit zuvor noch ein jüngerer Schüler und 
Freund aus den Alpen gesandt hatte, stand neben 
seinem Sterbelager. Es war der letzte Gruss aus 
Gefilden, in denen sein klares, blaues Auge gar oft 
die wunderbare Pracht der Alpenwelt in ernstem 
Staunen, in andächtiger Bewunderung geschaut hatte. 
Wenn einer sie in ihrer wahren Grösse erkannt und 
erfasst hat, so ist es Wilhelm Riefstahl gewesen. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND 
UND EDUARD MÖRIKE. 



MITGETEILT VON JAKOB BAEGHTOLD. 
(Schluss.) 



'J5. Schwind an Möriko. 
Verehrter Freund ! 

So weit war' ich mit den 8 Compositionen zur Fee Lau 
fei'tig. Jetzt möchte ich natürlich wissen, ob Ihnen die 
Sachen gefallen. Habe also eine Zeichnung gepaust, und 
erlaube mir, sie Ihnen zuzuschicken. Fällt Ihr Urteil günstig 
aus, so müsste man Cotta unten-ichten , dass nicht nur 12, 
sondern viel mehr Blätter garantirt sind. (Am besten wohl 
durch Ilartmann.) Ist er noch gesonnen, ein Mörike-Albuni 
zu unternehmen, so mag er es sagen. Beliebt er eine illu- 
strirte Ausgabe des Hutzelmännchens, wäre der fortlaufende 
Teil der Erzählung in Holzschnitten zu illustriren, wovon 
auch schon ein Teil da ist, die Geschichte mit dem magern 
Pferd zu ergänzen, Lucie Gelmerod in Stand zu setzen und 
dergl. mehr, was eine illustrirte Ausgabe der Erzählung gäbe, 
was auch nicht zu verachten ist, und eine Albumssammlung 
nicht ausschliesst. 

Meine Frau hat mich tüchtig ausgemacht, dass ich 
meiner Einladung an Sie nicht eine eben so di'ingliche an 
Ihre Frau Gemahlin beigefügt habe. Ich sehe aber schon, 
es wird nicht dazu kommen. Sie sind bald wie unser Freund 
Fellner, der auch in keinen Eisenbahn-Wagon zu bringen 
war. Auf Pfingsten erwai'te ich meinen Sohn aus Ulm, kann 
also wieder nicht fort. 

Lassen Sie mich recht bald wissen, was Ihre Meinung 
ist, und zwar höchst aufrichtig, und ob Sie an Haiimann 



schreiben wollen, oder ob ich es thun soll. Ich möchte 
etwas beitragen, dass Ihnen ein Wunsch erfüllt wird — 
bin aber begierig, was der deutsche Buchhandel für Aus- 
reden beibringen wird. 

Ihr ergebenster Freund 

Schwind. 
Nieder-Pöcking liei Starnberg, d. 22. Mai 1868. 

26. Schwind an Mörike. 
Verehrter Freund! 
Damit Sie wissen, wo der Kopf hingehört, der sich auf 
dem Uraschlagbogen findet, sende ich Ihnen die ganze Com- 
position. Es ist das eine von den bedenkliehen. Das Wieder- 
hallen des Schmatzes an den Gebäuden ist etwas kühn, aber 
wie soll maus machen? Gott Vater in einer etwas humo- 
ristischen Autfassung wird auch nicht recht sein, und vollends 
die ganz unzüchtige Umarmung des dicken Quardians und 
der wohlbeleibten Wirtin ist gar zu unanständig'). Sie 
dürfen überzeugt sein, dass so eine Bestie von Verleger, 
wenn gar nichts mehr aufzutreiben ist, sogar moralisch wird. 
Kümmert mich aber gar nicht. Bitte nicht zu vergessen, 
dass so ein durchgezeichnetes kaum mehr als die Anordnung 
zur Anschauung bringt — die feineren Striche sind natürlich 



1) Betrifft die erst nach M. v. Schwinds Tode heraus- 
gekommenen, von Julius Naue radii-ten sieben Umrisse: „Die 
Historie von der Schönen Lau'' 1875. 



•212 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MORIKE. 



Saclie der Ausführung in's runde. Ich bin auch im Ganzen 
nicht viel weiter mit der Arbeit, habe auch noch gar keine 
Studien gemacht. Weil Sie jetzt nur im Ganzen zufrieden 
sind, bin ich schon froh. Für mich ist ein guter Contur das 
leserlichste und schönste. 

Dass wir Sie nicht zu sehen kriegen, ist schlimm genug. 
Ich muss jetzt sehen, wie ich mich losreiss. Ich bin auch 
nicht mehr so beweglich als vor Jahren, wo ich ein wahrer 
Virtuose im Reisen war. 

Ich habe mich wieder an die Melusina gemacht, die 
immer besser aneinander passt. Es wird ziemlich in der Art 
angeordnet, wie der Lachnerische Fries. Das hat seine ver- 
teufelten Mucken, es ist aber jetzt alles überwunden. 

Leben Sie recht wohl, empfehlen mich der Frau Ge- 
mahlin bestens und schreiben wieder einmal 
Ihrem ganz ergebenen 
N.P. d. 29. Mai 1868. M. v. Schvrind'). 







Zeichnung Sohwinds zur ,, Schönen Lau" von MöEiKE. 
(Verlag der Göschenschen Buchliandlung, Stuttgart.) 

27. Schwind an Mörike. 
Vereinter Freund! 
Ks darf Sie gar nicht wundern, Ijrauchen auch gar 
nicht zu erschrecken, wenn Sie von einem Besuch bei Ihrem 
Bauerlichen Freund, oder von der schönen Linde-) zurück- 
kehrend, auf Ihrem Kanapee, der Länge nach ausgestreckt, 
mein d'ScaXov^) liegen sehen. Es ist das keine Ankündigung 



1) Vier hiei'her gehörige Briefe Schwinds von Juli bis 
Oktober 1868 bleiben wegen ihres durchaus intimen Cha- 
rakters weg. 

2) Neuenstadt an der Linde. 

3) Anm. Mörikes: ,ei6caXov — bezieht sich auf die Lek- 
tih-e von Daumers Buch, der Mystagog, das er Ijei mir in 
Lorch antraf und aus dem wir einige Geschichten von Doppel- 



oder , Meldung' sondern blos eine starke Sehnsucht meines 
gewöhnlichen „Ich's", sich in diese angenehme Situation 
zurückzuversetzen. 

Es ist mir gar nicht undeutlich, dass es sehr unartig 
ist, Ijei einem Besuch sich hinzulegen und einzuschlafen, 
ja was noch himmelschreiender ist, seinen Gastfreund aus 
seinem eigenen Zimmer zu vertreiben — so ist es erstens das 
gescheiteste zu schlafen, wenn man hundemüde ist, und gar 
zu behaglich, aufzuwachen, und sich wie durch Zauberei, in 
die Stube — ich möchte fast sagen , in die Atmosphäre eines 
ersehnten Freundes versetzt zu fühlen. Viel ])oetischer, als 
wenn man, gemeinerweise zur Thür hineinkommt. Also 
nehmen Sie's nicht übel. Die Nacht im Wirtshaus war durch 
ein zärtliches Gespräch meines Nachbars mit seinem Hund 
— er prügelte ihn nämlich durch und warf ihm seine Misse- 
thaten in einer fulminanten Rede vor — auf kurze Zeit gestört, 
der Morgen war aber von einer reizenden Klarheit und ich 
war nahe daran, an Ihrem Hause eine Serenade anzu- 
stimmen. 

Der Weg bis Donauwörth ist derselbe, den ich als Hoch- 
zeitsreisender machte, und seitdem nicht mehr. Ich kam 
ziemlich erfroren an, auch mit einer Erkältung versehen, 
was mir ziemlich neu ist, habe aber die ganze Geschichte 
verschlafen und weiss heute von all dem Zahnweh, Zungen- 
weh u. dgl. nichts mehr. Es hat sich alles in einen wohl- 
thätigen Schnupfen aufgelöst. 

Mit der Geisterseherei ists am Ende vrie mit dem Siegel- 
lack, wenn man es reibt, zieht es Papierschnitzel an, und 
dergleichen Dinge mehr, es ist aber zum petschiren auf der 
Welt. So kann man aus des Menschen Geist auch allerhand 
herausfrottiren , aber vernünftig denken wird ziemlich das 
gescheiteste sein, was er thun kann. 

Unsere angenehmen Spaziergänge und Gastmahle werden 
mir unvergesslich sein, und nichts sollte mir lieber sein als 
Ihre herzliche Gastft-eundschaft an Ihnen und Ihrer Frau 
Gemahlin, in meinem Hause, nach Kräften zu erwidern. Sie 
sind aber ein Heide und kommen nicht. Wenigstens sollten 
Sie sich schämen, noch kein Bild von Rafael gesehen zu 
haben, das ein Skandal, ein Argerniss, eine Sünde in den 
heil. Geist ist. Dixi. Möge Ihr stilles freundliches Asylleben 
durch nichts gestört werden. 

Ihr alter Freund Schwind. 

M. 22. Nov. 1868. 

28. Schwind an Mörike. 

Verehrter Freund ! 

Graf Platen schreibt in seinen Lebensregeln: „Schreibe 
an deine Freunde nicht zu oft und nicht zu selten." Wie 
oft damit gemeint ist, wird zwar nicht klar, aber ich denke 
von Ende November bis halben Januar ist eine hübsche 
Zeit. Ich nehme an, dass keine Abhaltung schlimmer Art 
eingetreten ist, und werde wohl das rechte treffen, wenn icli 
liehaupte, die Lehre vom Intestinal - Vers will nicht recht 
zum Dui'chbruch kommen, und Sie mühen sich innerlich ver- 
geblich ab, den überwundenen Standpunkt zu behaupten 
und wollen sich immer noch nicht in die Arme der Zu- 
kunfts-Poesie werfen, wo allein Heil ist. Was wollen Sie! 
Vergebliche Mühe! Sehen Sie, ich habe den grossen Schritt 
gethan, und beschwöi'e Sie, ein gleiches zu thun. Ich bin 



gängern etc. zusammenlasen". Es existirt eine Zeichnung 
Mörikes datirt 20. Nov. 1868: Schwind liegt schlafend auf 
dem Sopha, ein struppiger Kater sitzt auf ihm, am Boden 
lietft das Buch von Daumer. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



213 



Musiker geworden und zwar Zukuufts-Musiker, im zweiten 
höheren Grade. Weg mit dem alten, steifen, trocknen Noton- 
system! Veraltet, überwunden, abgethanes Zeug — es 
braucht ein neues, durchgeistigtes, lebensvolles Ausdrucks- 
mittel für meine neuen ungeahnten Gedanken — ob es 
Töne, Bilder oder der Teufl weiss was sind, das ist auch 
ganz Wurst — ich habe das unglaubliche geleistet. Bei- 
liegende Hrn. Joachim gewidmete Sonate') sei ein redender 
Beweis. Er gesteht, dass er nicht im Stande ist, sie zu 
sjiielen — dieser Hexenmeister auf der Geige! Aber sie ist 
nacbgfdriickt worden, bevor sie noch erschienen ist, und in 



der im Kopf haben. Und die Menge Pferde! Ein paar 
I'ferdchen kann einen toll machen. Item, ich bin alle Tage 
daran und freue mich darauf. Die Sammlung an Personen 
zählt jetzt 3(3 Nummern und wird auf 40 kommen. Auch 
ein Verleger in der Person des Kunsthändlers X, der die 
Kaulbach'schen Sachen verlegt, ist herangeschlichen. Wer 
weiss, was geschieht. Es ist nur schwer, meine Sachen in 
seine „Trauerwaaren - Handlung" einzuschieben. Es soll bei 
den Leuten alles schwarz sein. Das Gesicht hätten Sie 
sehen sollen, mit dem er diesen Titel herunterwürgt hat. 
Schadet ihm aber nicht. Der neue Schnee bringt mir Lorch 




Le cliat noii'. Zeichnung von M. von Schwind. Joseph Joarhim gewidmet. (Nach einer Photograpliie.) 



den „Signalen für Musik" glänzend neben Werken von 
Bülow angezeigt. Preis 54 Kr! Welch ein Erfolg! Neben- 
bei kann bemerkt werden, dass Joachim und ich dem be- 
rühmten Orden von der schwarzen Katze unter dem Hrn. 
Kapellmeister Scholz als Ober-Katze, angehören, und dass 
dieser unscheinbare Anlass es war, — der diesen Biesen- 
schritt in der Musik hervomef. Und da Sie mitunter ein 
Freund von Narrenspossen sind, bin ich so frei, Ihnen gegen- 
wärtiges zuzusenden. Ausserdem bin ich wieder hübsch ge- 
plagt gewesen. Die Melusine, so „eine lange Arbeit" wie 
(irillparzer eine Tragödie nennt, hat ihre verzweifelten 
Mucken. Man muss bei jeder Kleinigkeit den ganzen Plun- 



1) Es ist die bekannte Katzensonate: „Le chat noir. 
firandes variations de concert, dedie ä Mr. .Joseph Joachim 
]iar Moriz de Schwind" 1866. 

Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. I. 



recht in Erinnerung, und ich denke, Sie leben da ganz nach 
Lust. Die Aufregungen der Besuche werden Sie nicht pla- 
gen. Jetzt empfehlen Sie mich der Frau Gemahlin bestens, 
und schreiben wieder einmal ein paar Zeilen 

Ihrem ergebensten 

M. v. Schwind. 
München 19. 2. 09. 

Mein ci'ämXov ist gewiss auf dem Kanapee gelegen. 
Nichts gesehen? 

29. Schwind an Mörike. 

Sehr verehrter Freund ! 
Ich will Sie nur mit zwei Worten dringend ersuchen, 
ja nicht an mich zu schreiben. Ich bin über Ihr Befinden 
unterrichtet, und beruhigt, also sollen sich nicht zum Schreiben 

28 



•214 BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MOIHTZ VON SCHWIND UND EDUARD MüRlKE. 



quiilcii. Kopfwi'h ist eine fatiile Sache, aber Unaufgclcgtheit. 
meinetwegen Faulheit sind beneidenswerthe Sachen. 

Ich arbeite mit einem sozusagen lasterhaften Fleiss an 
der Melusine herum, bin auch über den schlimmsten Berg 
beinahe weg, aber wo/.uV Hihler gibt's doch genug auf der 
Welt. Lassen Sie sich lieber zwei schöne Anmelduugsge- 
schichten erzählen, die Lachner begegnet sind, der einem 
Trilumer so wenig ähnlich sieht, als auf dieser Welt nur 
möglich ist. Er sitzt mit seiner Familie am Tisch, wo man 
eben zu Nacht gegessen. In einem Moment, wo alles schweigt 
zerführt die gläserne Salatschüssel in tausend Splitter. Er 
schreil)t sich die Uhr genau auf und erhält in ein paar 
Tagen die Nachricht, dass ein alter Freund in derselben 
Stunde und Minute auswärts gestorben. 

Ebenso erklingt nach dem Tode seiner Frau spät Abends 
auf dem Klavier ein fest angeschlagener G-dur Akord, den 
nächsten Abend schwächer, den dritten wie verhallend. Er 
kennt den Ton des Klavier's genau — überzeugt sich, dass 
Niemand im Zimmer gewesen und gewesen sein kann, kurz 
alles in Ordnung. 

Leben Sie recht wohl und bessern Sie sich in Ihrer 
Gesundheit, so wie auch die veiehrte Frau Gemahlin. 

liiild werden wir wieder vom ersten Grün reden können. 
Ilir ganz ergebenster 

M. V. Schwind. 

.M. 10. Febr. l.S(i<). 

30. Schwind an Mörikc. 
Sehr verehrter Freund! 

Es war nicht meine Absicht, Sie zum Schreiben zu 
forciren, gleichwohl ist es aber geschehen. Insofera ist mir 
ganz recht geschehen, dass ich die schauderösen Verse an 
( jryllos habe lesen müssen, die mir keinen schlechten Schrecken 
verursacht haben. „Stirb sodann", das liesse ich mir noch 
gefallen, aber „werde Asche" das ist zu viel verlangt. Es 
hat überhaupt noch gar keine Eile bei mir, denn trotz den 
ruchlosen Verlegern finde ich es auf der Welt gar nicht übel, 
namentlich wenn sie so schön grün wird. — • 

Exemplare ,Das Pfarrhaus von Cleversulzbach" wird 
Ihnen die Kunsthandlung zustellen lassen, da ich selber dieser 
Tage verreise, um meinem Sohn einen Besuch in der Nähe 
von Belgrad (!) abzustatten. Auch nicht übel. Von seinen 
Fenstern sieht er über die Pussta weg am Horizont den 
Balkan! 

Mir thut eine Erholung Not, denn ich arbeite seit dem 
neuen Jahr an der vertrackten Melusine und zwar diesmal 
an der ganzen Reihe zugleich — natürlich, da es eigentlich 
ein einziges Bild ist, 19 Zoll hoch und dabei 40 Fuss lang 
— bis da nur alle Einteilungs-Geschichten und Motive be- 
standen waren, das hat was gebraucht. Eins ist bei so 
langen Geschichten äi-gerlich, dass so mancher kleinere Ge- 
da.nke unter den Tisch fällt. Was ist aber zu machen! 

Wollen Sie mir einen recht grossen Gefallen thun? 
Es ist weder ein Brief, noch ein Gedicht, noch eine Hafner- 
Arbeit — und doch von allem etwas. Wir haben eine junge 
Freundin, Laohner's Tochter, ein Mädl, die gewöhnlich nicht 
viel spricht, aber schön und liebenswürdig ist, wie wenige. 
Die erklärt frisch weg, „Schön Roth traut" sei das allei'- 
schönste Gedicht auf der ganzen Welt, und sie ist in der 
Litteratur bewandert. Möchten Sie es nicht eigenhändig für 
si(! abschreiben? Sonderbare Zumuthung, aber Sie machen 
dieses treffliche Wesen glücklich! 

Wollen Sie einen Groschen dran wenden und es ihr 
selber schicken, so heisst sie Frl. Mimi Lachncr, München 
Dienersgasse No. 11, 3 St. 



Wollen wir sehen, was Sie thun. 

Die Szene mit dem Prior und der dicken Wirthin '), 
hab ich kolorirt! das ist zu lustig. Sie werden's schon sehen. 

Sonst ist die Frau von dem heillosen Zahnweh frei! 
Gott sei's getrommelt und gepSflen. Vielleicht reist sie 
bis Wien mit. Wenn ich also da >mten nicht erschlagen 
werde al solito, habe ich in 14 Tagen oder so wiis wieder 
die Ehre. 

M. Schwind. 

M. 11. Mai 180(1. 

31. Schwind an Mörike. 

Sehr verehrter Freund! 

Ich habe meinen Skalp -Skalp glücklich wieder nach 
Haus gebracht, bin aber nicht in Belgrad gewesen. Hab' 
ich ungeschickter Mensch die Verse vergessen, an denen 
die Fee Lau versprochen hat, ihre Landsleute zu ei'kennen ! 2) 
Wäre also der Hauptzweck doch verfehlt gewesen. 

Übrigens bin ich sehr befriedigt heimgekehrt, denn ich 
habe meinen Sohn gesehen, ganz zufrieden mit seiner Situa- 
tion, schaffend zur grössten Zufriedenheit , seiner Brodgeber, 
und gewissermassen berühmt; denn er ist der Glückliche, 
der die ersten Pfähle zu einer Brücke über die Donau ge- 
schlagen hat, was für Ungarn ein Ereignis ist. Desgleichen 
in Wien meine Tochter, mit einem allerliebsten Kinde, und 
in einer sehr freundlichen Wohnung, also ganz glücklich. 
Das Theater, an dem ich mitgeholfen habe malen, ist ein 
wahres Wunder. Ein so poetisches Stück Architektur wie 
die Stiege, Fojer und Loggia, steht glaube auf der ganzen 
Welt nicht wieder. Der Kaiser, dem ich in einem zu leihen 
genommenen Frack meine Aufwartung machte, um mich für 
den Leopolds-Orden zu bedanken, war ausserordentlich freund- 
lich, und überdiess war Hochzeit in meines Bruders Hause 
— also alles prächtig. 

Gestern erst sah ich Lachner, wo ich erfuhr, dass Sie, 
statt michmit meiner unverschämten Bitte abfahren zu lassen, 
wirklich so freundlich waren, der Mimi ein eigenhändiges 
Exemplar „Rothtraut'" zukommen zu lassen. Das gute Mädel 
ist ganz glücklich, und ich fürchte nur, dieses gute Ding, 
das bis jetzt so bescheiden war, wird jetzt stolz werden und 
uns nicht mehr anschauen. Nur mit einem schriftlichen Dank 
an Sie will's gar nicht weiter gehen. Sie sagt, Ihnen gegen- 
über schäme sie sich. Wollen sehen. 

Herr Bruckmann wird Ihnen zuschicken oder zugeschickt 
hallen das erste Blatt von „Das Pfarrhaus von Cleversulz- 
bach. Mörike's Freunden gewidmet von M. S." 

Möge es Ihnen Freude machen und möge alle Welt 
daraus lesen, wie sehr ich Sie verehre! 

Ich sitze an der Melusina und habe die Ehre zu ver- 
sichern, dass das Ding gar nicht gehen will. Ich sehe nicht 
recht und mache einen Schnitzer nach dem andern. 

Vielleicht wär's gescheidter, ich liesse die ganze Ge- 
schichte liegen und begnügte mich mit leichteren Sachen. 
Gryllos, Gryllos! 

Recht schön, aufmunternd und erquickend wäre es, 
wenn man daran denken könnte, Sie, Verehrtester, einmal 
zu entwurzeln und für etliche Tage hieher zu bereden. Es 
ist von Lorch auch nicht weiter, als von der Canzleistrasse 
nach Cannstadt. Einsteigen und aussteigen, damit ist's fertig! 
Wie würde 'sich Lachner freuen! Ich werde so bald nicht 



1) Aus der schönen Lau. 

2) Vgl. Mörike's (lesammelte Schriften. 187S. 2, 140 f. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 215 



wegkommen und bin von meinen Irrfahrten etwas müd. Leben 
Sie recht wohl, seien Sie noch einmal schönstens bedankt, 
empfehlen mich der Frau Gemahlin und vor allem schreiben 
recht bald 

Ihrem ganz ergebenen 

M. V. Schwind. 
Nieder-Pöcking bei 
Starnberg, 11. 6. 69. 

32. Mörike an Schwind. 
Lorch, den Jun. (j'.l. 



„Zuvörderst zeigt sich eine hohe Pilgerin 
Am Gartenpförtchen, mütterlichen Blicks den Strauss 
Hinnehmend aus der Kinder Hand und einen Trunk, 
(So gut, wie wir ihn eben haben hier zu Land); 
Mein ungeschlachter Riese in der Höhle dann, 
Vom jungen Gott bei seinem dumpfen Werk belauscht: 
Dein ganzes Mark und alle Schalksanmuth und -Lust 
Ist hier beisammen, wie nur irgend sonst einmal. 
Schön-Rahel dann, die Engelsfeder in der Hand. 
Ein atmend Bild, in Paradiesesluft getaucht!" 



Mit diesem neulich wieder aufgefundeneu Fragmente 
einer vor Jahr und Tag für Sie, Verehrtester, entworfenen 
und nicht zur Ausführung gekommenen Epistel hab' ich das 
Vergnügen, Ihnen die glückliche Ankunft Ihres neuesten Ge- 
schenks zu vermelden. — 

Es ist ein prachtvolles Blatt, das mir und den Meinen, 
teils an und für sich als ein dreifaches treffliches Kunst- 
werk, teils aber auch als unschätzbares öffentliches Denk- 
mal Ihrer Freundschaft, die grösste Freude macht. — Ich 
nahm es dieser Tage, um es zunächst in meinem engsten 
Kreise vorzuzeigen, mit nach Stuttgart, wo es bereits im 
Kunsthandel zu haben, jedoch noch nicht ausgestellt war. 

Gewiss wird Herr Bruckmann für eine ausführliche 
Anzeige von tüchtiger Hand in der Allgem. Zeitung Sorge 
tragen, — dann wollen wir sehen, wie unsere beiderseitigen 
Freunde sich bei dieser Einladung benehmen. — 

(Häuschen, mach' die Thüren auf, 

Sieh nur, ob sie kommen!) 

Natürlich ist dabei vorzüglich auf die Masse der Ihrigen 
zu rechnen. Ich aber habe von diesen nebenbei vielleicht 
den Vorteil, dass sie mein Buch als Kommentar mit kaufen 
müssen. — 

Jetzt, bester Herr, meinen hei'zlichen Glückwunsch zur 
wohl vollbrachten Reise, auf welcher Ihnen nur das Ange- 
nehmste sowohl in Essek als in Wien begegnet ist. 

Ich bin Ihnen bis über Belgrad auf der Karte fleissig 
nachgegangen und habe mir den Balkan als ihr letztes Aug- 
ziel angeschaut. — Dass Ihnen aber bei der Rückkehr in 
Ihr stilles Atelier die Melusina mit einer zweideutigen Miene 
entgegengetreten sein soll, wird hoflentlich nur Täuschung 
sein. — Sie sagen nicht bestimmt, wo eigentlich der Haken 
sitzt. — Liegt er an der Erfindung, so kann, wie es dem 
Künstler und dem Dichter ja hundertmal geschieht, ein ein- 
ziger glücklich erleuchteter Moment, auf dem man sich die 
Zuversicht im Innern nur stet erhalten muss, ohne sich da- 
rum zu hetzen, mit einem Mal Alles in's Gleiche bringen. 
Dass die ganze Konception an einem entscheidenden Fehler 
leide, der sich erst jetzt im Verfolg der Arbeit offenbarte, 
ist mir nicht wahrscheinlich. 



Vorige Woche besuchten mich Prof. Vischer und Ber- 
thold Auerbach. — Da war auch viel von Schwind die Rede, 
und in welchem Sinn , können Sie denken. — Leider war 
das photographische Blatt damals noch nicht angekommen 
und fast wollte ich mir die Haare darüber ausreissen, dass 
ich auch Ihre 7 Zeichnungen zur Lau nicht bei der Hand 
hatte, sie sehen zu lassen! 

Was ist denn ihr urteil von Makart's vielbesprochener 
Pest in Florenz? — 

Leben Sie wohl und seien bestens Ihrem Genius em- 
pfohlen! — 

Viel Schönes, wenn ich bitten darf, Ihrer verehrten Frau 
Gemahlin, sowie dem Lachner'schen Hause. — An der grossen 
Genugthuung, welche Ihr Freund durch sein neuestes Or- 
chesterwerk in dem Oster -Konzert erlebte, hab' ich seiner 
Zeit (nach dem Bericht der Allgem. Ztg.) auch redlichen An- 
teil genommen. — 

Wie immer ganz der Ihrige 

E. M. 



33. Schwind an Mörike. 

Verehrter Freund! 

Bei mir eine solche Wirtschaft im Haus, dass ich gar 
nicht zum Schreiben komme. Meine zwei verheiratheten 
Töchter sind da mit ihren 3 Kindern und zwei Kindsmädeln 
— thut sieben Frauen-Zimmer. Was Sie von der Melusina 
schreiben, zeigt mir, wie gut Sie wissen, wo Einen der Schuh 
drücken kann. Es war aber hauptsächlich eine gewisse Angst 
vor dem Entschluss, sich wieder drei Monate hinzusetzen 
und mit Hindernissen, wovon nachlassende Augen das be- 
deutendste ist, zu arbeiten. Was ist aber zu thun? Ich habe 
in Gottes Namen angefangen und stecke jetzt bis über die 
Ohren drin. Es geht auch alle Tage etwas besser — also 
machen wir fort und sehen, was herauskommt. 

Sie fragen mich, was ich von Makart's Bild halte? Er- 
stens habe ich's gar nicht gesehen, weil ich den ganzen 
Mann und die ganze Wirthschaft hinlänglich aus früheren 
Sachen kenne. Diese Konzert-Possen'mit ihrem Hinter- 
grund sind mir von Herzen zuwider. 

Wahrscheinlich ist es sehr zeitgemäss. 

Eine so grosse Arbeit hat das dumme, dass man eine 
Menge anmuthiger kleiner Gedanken darüber versäumt, und 
die ganze lange Zeit an nichts anderes recht denken kann. 
Wahrhaftig, sein ruhiger Schlaf ist Einem verkümmert, denn 
es träumt Einem immer von dem Teufelszeug. Ein Monat 
ist aber herum und die andern werden auch vergehen. Ich 
erinnere mich an ein Gedicht von Grillparzer, worin er kla- 
gend bemerkt, dass Abends die Schützen nach Hause kehren, 
jeder mit irgend einer kleinen Beute — er aber, der's nur 
auf einen Hirsch abgesehen, sei leer ausgegangen — Hätt' 
ich doch auch mit Schrot geladen! schliesst die Sache. 

Es nutzt aber alles nichts, morgen kommen zwei schöne 
Nixen an die Reihe, auf die ich mich sehr freue, und nächste 
Woche ein sehr gefährliches Bild, auf das ich mich schon 
lange freue, und so kommt's immer dicker, bis auf einmal 
Feierabend da ist. Zum Glück ist der klagende Schlusschor 
mit einem aus Schleiern bestehenden Nebel noch das Aller- 
einladendste. Wollen Sie so gnt sein, meiner etwas bedenk- 
lichen Latinität etwas zu Hülfe zu kommen. Es ist ein Fel- 
sen, auf dem steht: 

„hie erant fontes Melusinae"; 
heisst das: hier war der Brunnen der Melusina? 

28* 



216 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MORIKE. 



Empfehlen Sie mich der Frau Gemahlin allerbesten« und 
lassen Sie sieh's in dem schönen Tjorch recht wohl sein. 
Ihr ganz ergebener 
Nieder-Pöcking M. v. Schwind. 

bei Stai-nberg, 30. Juni 1SG9. 

34. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 

Wie sehr recht hat der alte Grillparzer, wenn er sagt: 
„mit den langen Sachen ist es nichts mehr." Darunter ver- 
steht er Trauerspiele, und ich verstehe darunter 45 Schuhe 
Melusina. Es wird. Gott sei's geklagt, immer mehr statt 
weniger, und man meint, es sei gar nicht zu erleben. Eine 
wichtige Gruppe fehlt noch ganz; 4'/2 Schuh müssen durch 
neue ersetzt werden und dann fehlt überall die Feile. Es 
wird mein ganzer Landaufenthalt bis Ende September noch 
drauf gehen. Aber was ist zu machen? Früher habe ich 
meine 8 — 10 Stunden des Tages gearbeitet und dann ge- 
sungen und gepfiffen; wenn ich jetzt von 8 — 1 arbeite, bin 
ich halb todt. 

Gryllos, Gryllos! — Dazu war das ein Spektakel im 
Hiius mit zwei Töchter, drei Enkel, vier Mägd' und' einer 
Nichte, einer Halsgeschwürgeschicht, einer Freundin, der ihr 
Mann stai'b, der meine Frau vier Tage und Nächte zuschauen 
half, . . . zwei Schwiegersöhne, Abschiede, Wiedersehen, da- 
zwischen eine endlose Wascherei, Kocherei und aller Teufel! 
Folge davon, dass meiner Frau ihre ganze Nervenwirtlischaft 
aus dem Leim ist und sie irgend wohin auf's Land muss, 
um sich zusamm' zu klauben. Das ist das schönste Arbeits- 
wetter, das man sich wünschen kann. 

Ein Gutes hat's — dass ich entschuldigt bin, meine 
Arbeit nicht zur Ausstellung gebracht zu haben. Sei'n Sie 
froh, dass Sie's nicht sehen müssen. Es sind rari nantes, 
kleine zierliche Dinge da, aber summa summarum ist höchst 
lietrübt. Altersschwäche epidemisch! Gott sei Dank, ich habe 
gute Bilder genug gesehen. Von Ihnen etwas zu hören, wäre 
gar zu schön. Wäre die vertrackte Melusina nicht, ich hätte 
Sie schon längst auf ein paar Tage besucht. Vielleicht ist 
ein Zeitpunkt nicht fern, wo es angezeigt erscheint, sich et- 
was aufzufrischen. 

In meiner Einsamkeit höre ich gar nichts von dem 
,, Pfarrhaus von Cleversulzbach". Zeitungen lese ich auch 
nicht, also habe ich gar keine Ahnung, ob das Publicum 
davon Notiz nimmt oder nicht. Wahrscheinlich das letzte. 
Wenn ich auf einer Ausstellung an meine Sachen denke, so 
ist mir ganz zu Muthe wie manchmal im Traum, wo man 
in der Kirche ist, oder auf sehr belebter Strasse, und bemerkt 
auf einmal mit Schrecken, dass man seine Hosen zu Haus 
gelassen hat. 

Leben Sie recht wohl, verehrter Freund. Ich thäte viel- 
leicht besser, mich mit einer simpeln Visiten-Karte Ihnen 
in's Gedächtnis zu rufen, als mit diesem sehr dummen Briefe 
— aber er wird besser als jene darthun, dass ich ein ver- 
win-tes und verteufeltes Leben führe, bis es dem Himmel 
gefällt, es zu ändern. 

Ihr ganz ergebener 

M. v. Schwind. 

N. P., 11. Aug. 186'J. 

35. Mörike an Schwind. 

Lorch, d. 25. Aug. 69. 
Verehrtester! Wir beide haben uns, wie ich aus Ihren 
lieben Briefen sehe, was die Gestalt unserer Häuslichkeit be- 



trifft, längere Zeit in ziemlich ähnlicher Lage befunden. — 
Es ging sehr bunt bei Ihnen zu, bei mir nicht weniger, theils 
durch befreundete Besuche von da- und dorther, theils den 
den 4—5 Wochen langen Vacanzaufenthalt der Kinder und 
meiner Schwester Clara. — Ein grosser Unterschied besteht 
indessen in der Art, wie wir diese Tage zubrachten; denn 
während ich auf alle Thätigkeit verzichtete, ist Ihre schöne 
Nymphe doch von einer Station zur anderen fortgerückt, 
und wenn sich nur erst Ihre edle Hausfrau wieder von den 
mancherlei Troublen erholt haben wird, bleibt Ihnen wenig 
Ursache zu klagen. — 

Um mir die Melusina wieder vollkommen zu vergegen- 
wärtigen , liess ich das betreffende Bändohen von Gustav 
Sohwab's Sammlung deutscher Volksbücker kommen, und 
fand, wie zu erwarten war, dass dieser Stoff' sich unter Ihrer 
Hand vielfach modificirt, erweitert und vergeistigt haben 
muss. — Sie können sich vorstellen, wie verlangend ich bin, 
etwas davon zu sehen. — Der klagende Schlusschor mit 
seinen Nebelschleiern hat meine Phantasie zugleich beson- 
ders lebhaft angeregt. — Die Inschrift auf dem zwischen 
Anfang und Ende des Cyklus gestellten Felsen anlangend 
habe ich nur den Zweifel, ob das vergangene Tempus so dicht 
neben der gegenwärtigen Handlung in den Bildern sich recht 
passen will; ob es nicht vielleicht besser ganz einfach , Fon- 
tes Melusinae" hiesse? — 

Dass diese Kompositionen in ihrer ersten Form nicht 
auf der Münchener Ausstellung erscheinen, ist mir durchaus 
nicht leid. — So etwas ist für die grosse neugierige Menge 
zu gut und übrigens will es für sich allein genossen sein. — 
Hier war „die Widerborstigkeit" (Beilage zur Allgem. Zeitung 
vom 15. Jun. München. Kunstberioht) des Künstlers ganz am 
Platze. — 

Sie geben uns Aussicht auf einen Besuch für den Herbst 
— das wäre recht schön, um so mehr, da wir uns ein folgendes 
Jahr wohl schwerlich in Lorch wieder sehen werden. — 
Nachgerade vermisst man doch sehr das ungetheilte Familien- 
leben und der doppelte Haushalt macht sich zu lästig. — 
Auf Martini ziehen wir weg. — Wenn Sie kommen, bringen 
Sie ja von Ihrem Neuesten einiges mit, und geht dies nicht, 
doch etwas Älteres. — ■ 

Ueber das „Pfarrhaus von Cleversulzbach ' ist irgend 
eine öft'entliche Stimme auch zu mir noch nicht gedrungen. 
Wir erhalten die Zeitschriften immer spät, packweise ge- 
sammelt ; so weiss ich nicht, was in der weiten Welt darüber 
etwa schon verlautet hat. — Soviel ich persönlich von Ein- 
zelnen höre, ist Jedermann bezaubert von dem Blatt! — 

Beifolgenden Spass verwenden Sie gefälligst zum näch- 
sten besten Geburtstag innerhalb Ihres Familien- oder Be- 
kanntenkreises. — Natürlich ist nur das Verschen von mir, 
den Ausschnitt habe ich von einer kunstfertigen Stuttgarter 
Freundin. — 

Herzliche Grüsse und Empfehlungen von Haus zu Haus. 
Ihr ganz ergebener 
E. Mörike. 

Zwei Lückenbüsser aus meiner gegenwärtigen 
Leetüre. 

„Die Vittoria von Albano, das l)erühmte Modell in 
Rom — war klein, ein plastischer Mangel; ihr Kopf schien 
die verschiedensten Ideale in sich zu vereinigen; das Stau- 
nenswerthe war eben die Vereinigung, aber scharf geprüft, 
konnte doch keins in dieser Vereinigung nach allen Teilen 
befriedigend erscheinen, und der plastisch edle Kopf konnte 
überhaupt nicht jene 'Kefe des Ausdrucks haben, die nur da 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MOKITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



217 



ist, wo ein gewisser Grad von Unregelmässigkeit die Linie 

des Formenadels mit zartem Striche durchbricht." — 

„Eine Orgie am Abgrund ist tragisch, komisch, oder 

sie ist frivol und begründet von innen heraus Hässlichkeit 

des vorgeblichen Kunstwex"ks". — 

Hierbei ist mir Makart's Gemälde eingefallen. — 
Von wem denken Sie, dass diese Sätze seien? — 

36. Schwind an Mörike. 

Sehr verehrter Freund! 

Wie sehr ich über Ihren Brief erfreut war, können Sie 
sich gar nicht denken. Ein paar Tage vor seiner Ankunft 
traf ich einen verruchten Schwaben auf dem Dampfschiff, 
der von einer schweren Krankheit wissen wollte, die Sie be- 
fallen. Ich war noch im Schwanken, an wen ich mich um 
Nachricht wenden wollte, als Ihr Schreiben frisch und ge- 
sund ankam. Zierlicheres als Ihre freundliche Sendung ') ist 
mir noch nicht vorgekommen. Es wird in kurzer Zeit Ge- 
legenheit haben, es abzugeben, und Sie können mich in vorn- 
hinein um das Erröthen beneiden, mit dem es angenommen 
werden wird. Da heisst es wieder: ,,von Bock war so glück- 
lich, das Strumpfband zu finden, von Kalb war so glücklich, 
es zu überreichen". Tausend Dank. Mit der Melusina geht's 
mir wie Einem , der sich mitten in den See gearbeitet hat 
und jetzt schwimmen muss, sonst ersauft er. Athem und 
Kräfte langen noch, Gott sei Dank, und das jenseitige Ufer 
ist jedenfalls schon viel näher, als das diesseitige. Die Kiste, 
in der die aufgezogenen Papierbogen von München nach 
Starnberg gebracht wurden, kann geradeso die gemalten auf- 
nehmen, und ich sehe nicht ein, warum sie nicht, statt di- 
rekt nach München, ihren Weg über Lorch nehmen soll, 
Rahmen und Gläser brauchen wir nicht. Von den 6 ersten 
Bogen habe ich Skizzen und dachte schon öfters, sie auf 
einer ländlichen Rolle Ihnen zuzuschicken — sie sind aber 
zu schlecht. Drei fast fertige Zeichnungen habe ich ausge- 
mustert der Einteilung zu lieb! — Es darf Einem eben keine 
Mühe zu viel sein. 

Ludwig Richter, „der praktische", wird erwartet. Ich 
dachte daran, Sie abermals mit einer Einladung nach München 
zu plagen, aber Sie würden nicht kommen! 

Dass Sie endlich wieder nach Stuttgart gehen, finde 
ich ganz begreiflich. Sie sind lang genug von den Kindern 
weggewesen. ,, Fontes Melusinae" wird das bessere sein, 
obwohl ich mir aus der vergangenen Zeit nicht viel ge- 
macht hätte. 

Wer die „Lückenbüsser" geschrieben haben könnte, 
kann ich mir nicht denken. Es kann aber ein Kunstschreiber 
von Profession gewesen sei, weil er ganz frisch weg Dinge 
schreibt, die nicht so waren. Die schöne Vittoria (Caldoni) 



1) „Das ausgeschnittene Röschen ist damit gemeint!' 
Anm. Mörike's. Ein kleines Kunstwerk jener Freundin des 
Dichters, welche die reizenden Silhouetten anfertigte. Vgl. 
Gedichte S. 285. Zum ausgeschnittenen Röschen achrieb 
Mörike die Verse; 

„Ich hatt ein Röslein wunderzart 

Auf diesen Tag für Dich gespart. 

Allein es welkte vor der Zeit, 

Ihm selbst wie mir zu grossem Leid. 

Es welkt' und starb! — Vielleicht jedoch, 

Sein bitter Loos ihm zu veraüssen. 

Vergönnst Du seinem Schatten noch. 

An Deinem Feste Dich zu grüssen." 



in Albano war kein Modell. Nicht nur, dass niemand ihr 
kleines allerliebstes Körperchen gesehen hat, — ich selber 
habe mir das Vergnügen, ihren reizenden Kopf zu zeichnen, 
mit der plumpen Zumuthung von etzlichen Dukaten ver- 
scherzt. 

Ich war einen Abend im Hause (palazzo Caldoni) und 
bemerkte gar nichts weder von mangelnder Unregelmässig- 
keit, noch mangelndem Ausdruck, und hätte sie am liebsten 
aufgefressen. Sie war über die erste Frische weg, und befi'agt, 
ob sie sich unwohl fühle oder dgl., antwortete sie ganz artig : 
m'anohe maritü. Auch nicht übel. 

Einen Lückenbüsser kann ich Ihnen auch mittheilen. 
Sagt Einer über die grosse Ausstellung: Wollte Einer in der 
Litteratur etwas Ahnliches herstellen — versteht sich mit 
Ausnahmen — so müsste er eine Sammlung von Abtritt-In- 
schriften herausgeben — und es ist nicht weit gefehlt, Gott 
sei's geklagt. 

Mit den besten Grüssen Ihr gang ergebener 

M. V. Schwind. 

N. P., 28. Aug. 186t). 

37. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 

Jetzt hätte ich gemeint, es ginge mit der Melusina ein 
Ende her — aber dem ist nicht so. Ein sehr wichtiges Stück 
stellt sich als so abscheulich heraus, dass nichts übrig bleibt, 
als es ganz neu zu machen. Glücklicher Weise habe ich 
noch so viel Kräfte aufgebracht, dass die neue Anordnung 
feststeht, und das andere findet sich von selber. Das muss 
ich aber sagen; ich fange nicht bald wieder so eine lange 
Wurst an; aber wie es jetzt beisammen steht, macht es sich 
nicht schlecht, und es rechtfertigt sich, dass ich so lang 
brauche. 

Das Einpacken in Starnberg zeigte sich als ein so um- 
ständliches Unternehmen, dass ich den Gedanken aufgeben 
musste, die Kiste in Lorch aus- und einzupacken ; auch waren 
die Lücken noch gar zu fühlbar. 

Unterdessen ist der Winter herangekommen, wir haben 
recht hübschen Schnee auf Dächern und Strassen, und der 
vorgehabte Besuch in Lorch ist in die Brüche gegangen. 
Nächster Tag' geht meine Frau nach Frankfurt zur Tochter, 
da kann ich wieder nicht fort, möchte auch nicht mehr, bis 
das Stundenwerk vom Halse geschafl't ist. 

Sie können dieser Schreiberei ansehen, dass ich ausge- 
trocknet bin wie ein Häring; sämmtliche Geistesstärke, na- 
mentlich das Sitzfleisch, dieser Urgrund alles Sohaft'ens, em- 
pört sich gewaltig. Gleichwohl suche ich noch so viel auf- 
zubringen, um Ihnen zu sagen, dass ich mit dem Namens- 
tags-Gedichte eine ungeheure Freude erlebt habe, dass Wahr- 
scheinlichkeiten dafür da sind, dass man sich in Person 
bedanken wird, dass ich immer wieder einmal in Ihren Ge- 
dichten lese, dass ich fleissig an Sie denke und mich gewaltig 
freuen würde, wieder einmal von Ihnen zu hören. Empfehlen 
Sie mich Ihren Damen allerschönstens und vergessen nicht 
Ihren 

ganz ergebenen M. v. Schwind. 

Münclu^n, 28. Okt. 1869. 

38. Schwind an Mörike. 
Verehrter Freund! 

Wenn Einer eine so grosse Arbeit wie die Melusina 
anfängt, ist er eigentlich ein Narr, und wenn er sie durch- 
führt, ist er noch einmal einer. Aber was nützt es, das zu 



218 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



wissen! Das Laster sitzt zu fest und liisst Einem keine Ruhe. 
Heute habe ich den letzten Unterrock gemalt und einige 
tjrüne Blätter. Ex est, an die Wand gestellt und ein Tuch 
darüber! Herogegen das Ränzl gepackt und morgen geht's 
nach Wien! Seif dem neuen Jahr, also zwölf volle Monate 
hange ich nun, mit Ausnahme eines Ausflugs im Frühjahr 
und G oder 8 lausigen Zeichnungen, hange ich an diesem 
opus und onus, kein Wunder, dass ich vollständig auf dem 
Hund bin. „Non sono fiaoco, ma sono mezzo morto'' schreibt 
ein italienischer Maler an den Herzog von Mailand. 

Jetzt wird einmal 14 Tage gefaulenzt, dann wollen wir 
sehen, was wir gemacht haben. Ohne Zweifel das achte 
Weltwunder. Wenn nur Freund Mörike in einem guten Pelz 
und geheiztem Wngon die Rundfahrt um die Welt, von 
Stuttgart nach München, zu wagen zu bewegen wäre. Es 
ist gar leicht sagen: wir packen das Zeug in eine Kiste; 
wenn's aber drum und dran geht, wird Einem grün und 
gelb, und ob das aufgezogene Papier die Kälte aushält ohne 
Schaden, weiss der Teufel. Die Glässcr sind ohnedem hin, 
Gläser, deren Anschaftung meine mangelhaften Kenntnisse 
im Einmaleins bedeutend gefördert haben wird. Ich weiss 
jetzt ganz genau und für immer, dass 9x0 = Sl ist. So was 
merkt man sich. 

Ich kann die Wiener, die sich lang und bestimmt auf 
mich freuen, nicht sitzen lassen; sonst Hesse ich die Gelegen- 
heit nicht vorbei, mit Ihnen und Lachner zusammen einen 
Abend zu verkneipen. Aber es geht nicht mehr. Grüasen 
Sie den Alten vielmals, und gratuliren zu den Leipziger und 
hoftentlich auch Stuttgarter Erfolgen. Ich habe heute gegen 
die Tochter Mimi geprahlt, wenn sie mit mir zu der Auf- 
führung der jCatharina')'' dem Papa zur Überraschung nach 
Stuttgart führe, würde sie bei Mörike statt meiner auf dem 
Kanapee einquartirt werden. Ist das wahr oder nicht? 

Morgen früh werde ich sehr behaglich aufstehen, weil 
die verdammte Arbeit nicht mehr auf mich wartet. Jetzt 
muss was her in grösserem Massstab, wenige Figuren, und 
recht durchgebildete Hände, Köpfe, Falten. Mit der Kohle 
gezeichnet und leicht gefärbt; das geht auch vom Fleck. 
Leben Sie tausendmal wohl und gönnen Sie mir die Freude, 
Ihnen das angenehme Ereignis gleich mitzutheilen. Ein Stein 
ist vom Herzen. 



M. 7. Dez. ISC'J. 



ÜO. S c h w i n d 



Verehrter Freund ! 



Ihr a,lter M. v. Schwind. 



Möril 



Gratuliren Sie mir, wenn's gefällig ist, zur glücklichen 
Vollendung der Melusina. Seit gestern ist sie dem verehrl. 
Publico vorgeworfen, wie es Gebrauch ist, zum Besten des 
Künstler-Unterstützungs -Vereins. Das war einmal ein festes 
Stück Arbeit, und ich hoffe, der T — wird mich sobald 
nicht wieder reiten, mich auf ein solches Opus centum ca- 
melorum einzulassen. Beiliegend das Programm , das wir 
dem Verehrlichen in die Hand geben, von mir verfasst, von 
Heyse gebilligt, üeber dem Portal des Wasserpalastes steht: 

Heilig gleich dem höchsten Schwur 

Sei dieses Hauses Geheimniss. 

Eidbruch ist Trennung. 



Eben hat mich auf der Stiege eine alte Jungfer abgefasst 
und hat mir eine Viertelstunde vorgewinselt, wie schön das 
sei und welch eine Wohl that, und welches Entzücken! Prosit. 
Das wäre alles recht, aber wie macht man's, dass Sie es an- 
sehen? Ein Transport ist ein gräulicher Umstand. Die Ge- 
schichte aufzustellen, eine mühsame und bedenkliche Sache, 
und schicke ich es nach Stuttgart, so liegen schon sechs 
Briefe bei mir, es zu allen möglichen wohlthätigen Zwecken 
auszustellen, die ich alle abschlägig bescheiden muss. Alles 
an diesem Unglücks-Werk ist doppelt so schwierig, als ich 
mir's gedacht habe! Aber was hilft's! Trotz dem trefflich 
geheizten Wagen kommen Sie doch nicht. 

Vor der Hand habe ich gar keine Freude davon. Alle 
kleinen Erfolge, an die ich gedacht habe, sind in's Wasser 
gefallen, und die ganze Belohnung wird jetzt eine lang- 
weilige Schacherei, bei der ich von vornherein das Fieber 
kriege und bei der nichts heraus kommt. Es wird wieder 
„dem Vortrag des Dore angenähert" werden sollen. Quod 
aber non. Vor der Hand habe ich mich an Zeichnungen zu 
einer Prachtausgabe des „Don Juan" gemacht, in der Art, 
wie die des „Fidelio" (Rieter-Biedermann, Leipzig und Winter- 
thur). Es kriegen zwei Freunde „Kupferstecher" damit et- 
was zu verdienen. Jedenfalls liegt uns dieser Lumpazi näher, 
als die Witteisbacher Hausgeschichte, und auf alle diese 
Nixenohöre habe ich einen Durst, mich mit ordentlichen 
Mannsbildern abzugeben. Auch verlangt mich's nach einem 
grössern Format. Ich lasse mich nämlich nur für das Stich- 
recht bezahlen und behalte die Cartons für mich. Was 
sagen Sie zu der Verbreitung des ,, Pfarrhauses von Clever- 
sulzbach?'' Sehr aufmunternd? Jetzt bitte aber wieder ein- 
mal um ein paar Zeilen ; ich habe schon so lange von Ihnen 
und den Ihrigen nichts gehört. 



M. 28. 1 1870. 



Ihr ergebenster 

M. Schwind. 



1) Franz Lachner's „Catharina Cornaro", welche damals 
in Stuttgart aufgefühi-t wurde. 



Fontes Melusinae. 
Der Brunnen der Melusina. 

Melusina, aus dem Geschlechte der Wasserfeen, wird 
der Sage nach von einem Grafen Lusignan an einem eni- 
samen Waldbrunnen gefunden. Trotz der Warnungen ihrer 
Schwestern erhört sie dessen Liebeswerben und verlobt 
sich ihm. 

Mit glänzendem Gefolge erscheint sie im Thal zum 
frohen und missliebigen Staunen der Verwandten und Diener 
des Grafen, und wird die Seine am Altar. 

Am ersten Morgen auf der Burg nimmt sie ihrem Gatten 
den Schwur ab, unter Androhung ewiger Trennung, sie nie 
zu stören, wenn sie sich allmonatlich in das geheimnissvoll 
über Nacht entstandene Haus zurückzieht, wo sie im ango- 
Ijornen Element neue Kraft und Jugend athmet. 

Im reichsten Eheglück, gesegnet mit sieben Kindern, 
genügt das abergläubische Geschwätz des Gesindes — das 
Kinder und Verwandte belauschen — Neugierde und Misstrauen 
des Mannes anzufachen. 

Eidbrüchig — lässt er sich verleiten, die geheimnissvollc 
Halle zu betreten. Jammer und allgemeine Flucht, der Ein- 
sturz des Hauses sind das Ende seiner glücklichen Ehe. In 
einsamer Nacht wird nur noch von Zeit zu Zeit eine trauernde 
Gestalt an der Wiege der jüngsten Kinder gesehen. 

Er ergreift den Pilgerstab und, von Sehnsucht gepeinigt, 
treibt es ihn an den wohlbekannten Waldbrunnen, wo er die 
Entflohene findet. Nach Nixensatzung küsst sie ihn zu Tod 
unter dem Wehklagen ihrer Schwestern. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



219 



40. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 

Ein Brief von mir, der die Ausstellung der Melusina 
meldet, muss sich mit dem Ihren gekreuzt haben. Wünsche 
alles mögliche Gute in Nürtingen. Es ist schwerer, als man 
glaubt, einen Aufenthalt wählen ; aber vor allem glaube ich, 
war Ihnen Stuttgart nicht sehr an's Herz gewachsen. Also 
(Jlück auf! Gleich heute früh bin ich zu Lachner gegangen, 
der von dem gefragten Herrn selbst gar nichts wusste, mich 
aber an die rechte Schmiede schickte, nämlich an Professor 
Bheinberger, der desselbigen Lehrer ist und dem jede Dis- 
cretion ohne weiters zugetraut wei'den muss. Auf dem 
Nebenblatt') werde ich bemühen, wörtlich aufzuschreiben. 
Melusina findet grossen Beifall. Fast komisch ist es, dass 
als ganz besondere Merkwürdigkeit immer hervorgehoben 
wird, dass Einem ein Schauer über den Buckel läuft bei der 
letzten Umarmung, oder dass Einem das Herz aufgeht, oder 
kurz, dass sich der Beschauer innerlich erregt fühlt. Wer 
mag ein Buch lesen, oder ein Musik hören, oder ein Drama 
sehen, ohne einige Erregung zu spüren? Und in unsrer 
Kunst ist es eine Rarität! Da dank ich.' Fragt sich aber 
sehr, ob mir dieser Umstand nicht zum Fehler angerechnet 
wird? „Don Juan" macht sich. Finden Sie nicht, dass sich 
der alte Lachner auf Goethe auswächst? 

Mit den schönsten Grüssen 
ganz der Ihrige 

M. :]I. 1. 1870. M. V. Schwind. 

41. Mörike an Schwind. 

Nürtingen, den 11. Febr. 1870. 

Herzlichen Dank, verehrtester Freund, für Ihre glück- 
liche Bemühung in der Gr — sehen Angelegenheit? — Die er- 
betene Auskunft erfolgte so schleunig, war so erschöpfend 
und bestimmt, dass nichts zu wünschen übrig blieb. — Mich 
selbst berührt die Sache keineswegs, demungeachtet liegt mir 
viel daran, dass mein Name (als Mittelsperson) unter keinen 
Umständen dabei genannt wird, und was Sie in dieser Hin- 
sicht bewirken, danke ich Ihnen und Herrn L. noch insbe- 
sondere recht sehr. — 

Die Melusina hätte sich denn also öffentlich erstmals 
gezeigt und das gehörige Aufsehen gemacht. Das vorläufige 
Lob-Gestammel, das Ihnen bei der Ausstellung zu Ohren kam 
(von der Schönheit, die Einem das Gruseln erregt etc.), ist 
gar nicht zu verachten. — Nun mögen nach und nach die 
Kunstrichter kommen , um diese unbefangenen Naturlaute, 
ein Jeder nach Vermögen, mit und wider Willen, auf alle 
Weise zu variiren, auch etwa dies und jenes daran abzu- 
mäkeln, was Sie sehr wenig rühren wird. — Ich für mein 
Teil muss mich mit der Hoffnung trösten, das grosse Werk 
zu seiner Zeit in einer Reproduction zu sehen , die sicher- 
lich nicht ausbleiben wird. — 

Da Sie nunmehr am „Don Juan" sind, so fällt mir ein, 
auf einige neuerdings sehr lebhaft angeregte Fragen auf- 
merksam zu machen. — Lesen Sie doch im (eingegangenen 
Cotta' sehen) Morgenblatt von 1865, No. 32 — 34 einen Aufsatz 
meines Freundes Bernhard Gugler: „Zur Oper Don Juan", 
so wie in der (gleichfalls eingegangenen) Wochenausgabe zur 
Augsburger Allgem. Zeitung 18()7, No. 19 und folg. „Die 
Handlung im D. J.'' vom gleichen Verfasser 2). — Sie haben 



an diesen wohlgeschriebenen scharfsinnigen Aufsätzen, auch 
abgesehen von Ihrem eigenen Geschäft, gewiss Ihre Freude; 
besonders aber könnte den Zeichner unter anderem inter- 
essiren, was gegen die auf allen Theatern übliche Beteiligung 
des Chors im Finale des 1. Actes erörtert ist. — Ich möchte 
wohl gelegentlich Herrn Lachner's Ansicht gerade über letz- 
teren Punkt erfahren. — 

In der Beilage erhalten Sie etwas zur Unterhaltung 
nach Tisch vor dem Mittagsschläfchen: die Abschi-ift eines 
Briefs von dem Ihnen bekannten Stuttgarter Schusterskobold 
zur Zeit meines Lorcher Aufenthalts an meine Schwester 
Clara nach Stuttgai-t gerichtet und vom Elisabethenberg da- 
tirt, den Sie mit mir vom Kloster aus auf eine Stunde Weg.s 
gesehen haben '). 

Ihre Bemerkung über die Persönlichkeit Ihres Freundes 
ist in der That nicht ohne. — Er hat etwas von dem ruhig 
imponirenden vornehmen Air Papa Goethe's. Vorzüglich 
aber fiel mir die angenehme Tiefe seiner Stimme auf. — 

Mir und den Meinigen ergeht es bis jetzt an unserm 
neuen Wohnsitz ordentlich — war' nur die fürchterliche Kälte 
nicht, deren man sich kaum erwehren kann. 

Mit den besten Wünschen und Empfehlungen nach allen 

'®" Ihr ganz ergebener 

E. Mörike, 

42. Schwind an Mörike. 
Sehr verehrter Freund! 

Ich hoffe, ich habe Ihnen keinen Schaden damit zu ge- 
fügt, dass ich Sie zuerst veranlasste, Ihre Fahrt nach Stuttgart 
aufzuschieben, und dann nicht kommen konnte. 2) Es mel- 
dete mir ein Herr L. . . seinen Besuch für Sonntag Morgens 
au — er käme in der Absicht, die Melusina zu kaufen. Da 
war nun kein Spass zu machen. Ich war die Einladungs- 
Geschichten, die Sorgen und vor allem das miserable Gefühl 
des herum-Hausirens so satt, dass mir nichts angenehmer sein 
konnte, als Bild, Verlags-Recht und die ganze Schererei -auf 
einmal los zu werden. Es ist auch so fertig geworden, und 
inclusive einige Schinderei , ganz zu meiner Zufriedenheit. 
Es scheint ein sehr ordentlicher Mann und Ihr Freund Kaiser 
wird als Photograph fungiren. 

So wäre denn der widerwärtige Theil dieser Geschichte 
auch absolvirt. In poeticis zeigt sich jetzt bei mir eine grosse 
Ebbe. Don Juan ist im Contur fast fertig: 5 grosse Kom- 
positionen, kleine Gruppen; fehlen noch einige Naturstudien, 
die zu machen ich immer zu faul bin. So geht die Zeit hin 
in einem unentschlossenen Wesen, das nicht schaifen und 
nicht geniessen will. 

Soll ich sagen, wie gern ich Sie besuchte? Was kann 
mich abhalten? Zeit habe ich genug; ein Aufenthalt in 
Reichenhall soll angetreten werden, wo ich noch weiter von 
Ihnen bin und mit meiner Frau allein, also noch unbeweg- 
licher — die Reise ist gleich null — das Wetter wird auch 
gut, und ich bleibe immer hier, um zu verzichten und wie- 
der zu verzichten. Da schlag doch das Donnerwetter drein! 



1) fehlt. 

2) Rektor B. Gugler, der feinsinnige Musikkenner, be- 
rühmt durch seine Bearbeitung des „Don Juan", Mörike's 
vertrauter Freund und ganz in seiner Nähe a\if dem Prager- 
friedliof in Stuttgart begraben. Er hat den schönen Nekro- 



log auf Mörike in Chrysander's Allg. musikal. Zeitg. 187.5, 
Nro 43 — 44 geschrieben. 

1) Gedruckt in der Schrift: Mörike und Notter von 
J. E. von Günthert, S. 43 S. 

2) Mörike wohnte damals in Nürtingen; dies geplante 
Zusammentreffen mit Schwind in Stuttgart bei der Melusine- 
Ausstellung unterblieb, immerhin hat der Dichter das Werk 
gesehen und schreibt über den Eindruck an seinen Freund 
Prof. Mährlen: „Die Melusine hat mich innerlichst erquickt, 
erschüttert und belebt!" 



•220 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



Mich verlangt, etwas zu hören, wie Ihnen j(-'ne hetriiliti' 
Nixengeschichte vorkommt. Am Knde i^t sie gar nicht so 
hetrübt, denn am Ende ist es gescheidter, in einem schönen 
Augenblick zu sagen: „sei stille, mein Herz", als für sich 
und andere eine Last Quittungen zu unterschreiben und Zei- 
tungen zu lesen. Leben Sie recht wohl und nehmen Sie mir 
mein Lamentabl nicht übel. Es wird wohl so der Welt Lauf 
sein Vielleicht reisse ich mich doch noch los und erobre 
mir einen schönen Tag in Ihrer Gesellschaft. 

Mit den schönsten Empfehlungen an Ihre Damen 
Ihr ergebenster 

M., 18. 4 1870. M. V. Schwind. 

43. Schwind an Mürike. 
Sehr verehrter Fi-eund! 

Mein letzter Besuch hat gar keinen angenehmen Nach- 
druck hinterlassen. Der Teufel soll den zweiten Stock holen, 
sammt der finsteni Stiege und der Aussicht auf die spani- 
schen Wände von Hausdäohern. Hoftentlich sind Anstalten 
getroffen, sich angenehmer zu placiren '). 

Was sagen Sie aber zu mir? Ich habe mich mit vieler 
Mühe und Glück auf's angenehmste eingenistet, mein Pfahl- 
bau am See ist das charmanteste, was man sehen kann, 
Wald, See und Gebürg. Ein liebenswürdiges gewohntes 
Atelier, die heimlichsten Plätzchen im Garten, die reizendsten 
Aussichten in die schöne Ferne — meine schöne Wohnung 
in der Stadt, König, Akademie — alles auf seinen Platz ge- 
schoben, Kritik gebändigt, Geld genug — und nun kommt 
mir so heilloser Verdruss dazwischen, dass es mir ein grau- 
licher Gedanke ist, je wieder dahin zurückzukehren. Ich 
habe die ^V'ahl, mich entweder in München zu Tod zu ärgern 
vor Neid und Entbehrung, gequälte Tage hinzubringen, ohne 
Poesie und arbeitsunfähig, was der Teufel aushalten mag, 
oder in meinen alten Tagen in irgend einem fremden Loch 
ein lausiges Wirthshausleben anzufangen. Und wo ich hin- 
schaue und wie ich mich abquäle — es ist kein Einrichten 
oder Ausgleichen mehr herauszufinden. Wahrscheinlich ist 
das die Belohnung für die jahrelange Anstrengung mit der 
Melusina. Den glänzenden Humor und die Geistesfrisehe 
können Sie sich vorstellen. Da können Sie sich ein wenig 
trösten über Ihre vertrakte Wohnung und über die reizenden 
Landstrassen um Nürtingen. 

Ich sitze in Reichenhall. Ein Vergnügliches habe ich 
erlebt, dass ich einen geistreichen Mann mit Ihren Gedichten 
bekannt gemacht habe. Der Kerl ist ganz erwärmt. Melu- 
sina war in Mannheim, Heidelberg, Frankfurt — ist dermalen 
in Wien und erfreut sich überall des gleichen Beifalls. Ich 
pfeif ihnen drauf. Hätt' ich lieber meinen alten Frieden. 

Uebermorgen reise ich zu meiner Tochter nach Wien 
(Franziskaner Platz No. 6 bei Dr. Bauernfeind), von da ab- 
stecherischer Weise zu meinem Sohn an die untere Donau. 



1) Mörike schreibt nach Sohwind's Tod einmal an dessen 
Schüler, den Historienmaler Julius Naue: — „Bei dieser Ge- 
legenheit (Ijei einem Wohnungswechsel) fällt mir ein artiger 
Ausdruck von Schwind wieder ein. Ihm wollte mein hiesiger 
Aufenthalt und insbesondere mein Quartier, das ich jetzt 
eben verlasse, gar nicht gefallen. Wir standen zusammen am 
Fenster gegen die Strasse, wobei ich ihn doch ernstlich auf 
das malerische Dachgewinkel der gegenüberstehenden alten 
Häuser aufmerksam machte, „das selbst ein Ludwig Rich- 
ter nicht ganz verschmähen würde". „„Ja, ja — versetzte 
er mit jenem gutmüthigen Spott in den Augen — „„uur 
ist es immer ein Unterschied, ob man etwas interessant findet, 
oder ob man sich damit vermählt!"" 



Lachner verheirathet Sohn und Tochter an einem Tage, 
Anfangs August. Empfehlen Sie mich bestens und werfen 
Sie den Brief in's Feuer. Es ist wohl dumm, so was zu 
schreiben, aber alles kann man auch nicht in sich hinein- 
fressen. 

Ihr aufrichtig ergebener 

M. v. Schwind. 
Reichenhall, 7. Juni 1S70. 

44. Frau von Schwind an Mörike. 

München den 3. Dezember 70.') 
Sehr verehrter Freund! 

Diessmal schreibt meine Frau statt meiner; wir wollen 
versuchen, ob ein solcher Brief nicht geeigneter sei, Ihnen 
eine Antwort zu entlocken, als einer von mir. Ausserdem 
bin ich seit zwei Monaten in einer argen Discrepanz mit 
meinen Augen, die mir nicht erlaubt zu schreiben, zu lesen 
oder gar zu zeichnen ; eine Congestion gegen den Kopf hin- 
terliess eine Schwäche der Augenmuskeln, die sich hoftent- 
lich durch fortgesetztes ausgezeichnetes Faullenzen wieder 
geben wird; — den Augen selbst fehlt nichts. 

Zu Ostern war es das letztemal, dass wir uns gesehen 
haben; Weihnachten ist nicht weit, also ist es angezeigt, 
wieder anzuklopfen. Seitdem war ich mit meiner Frau 
G Wochen in Reichenhall, dann bis Anfangs Juli in Wien 
bei meiner Tochter, und gieng von da nach Marienbad, wo 
ich in der seltsamen Lage war, zu dem schlankeren Theil 
der Menschheit zu gehören. Leider nöthigte mich der Aus- 
bruch des Krieges, nach kaum 14 Tagen die Kur zu unter- 
brechen, die mir so vortrefflich angeschlagen hätte, (iott 
sei Dank ! die gefürchteten Turkos blieben aus und ich 
brauchte nicht, wie ich fürchtete, mit Frau und Tochter 
irgend wo in's Gebirg zu flüchten, sondern setzte mich an 
den Starnberger See und arbeitete an den Compositionen 
zu Grillparzer's Werken, die nun als Entwürfe da liegen. 
Eine Zeit lang plagte ich mich mit einer Art Gedicht zum 
Lobe der erstaunlichen Gerechtigkeit des Geschickes und 
des deutschen Volkes, das seinem Erzfeind einen so schönen 
Sommersitz anweist, wie die Wilhelmshöhe, und seinen 
Freund und Wohlthäter in so einem verwünschten Nest wie 
Nürtingen stecken lässt. Somit haben Sie meine ganze Ge- 
schichte und es wäre schön, wenn Sie sich entschlössen, 
einige Zeilen daran zu wenden, mir eine frohe Stunde zu 
verschaften. Trotzdem ich aufs allerbeste versorgt bin und 
meine Frau sich hinlänglich plagt, mich über'm Wasser zu 
erhalten, bleiben, bei der ungewohnten gänzlichen Unthätig- 
keit, gelangweilte, ja melancholische Stunden nicht aus. 

Mich Ihren Damen bestens empfehlend, bleibe ich in 
aufrichtiger Freundschaft Ihr ganz ergebener 

M. V. Schwind. 

„Mein guter Mann hat mir grosse Angst und Sorgen 
gemacht, aber nun geht es, Gott sei Dank! um vieles besser, 
und nach Ausspruch der Aerzte soll es ja wieder ganz gut 
werden. Bitte, erfreuen Sie ihn bald mit den sehnlichst er- 
warteten Zeilen." (Nachschrift der Frau von Schwind.) 

45. Mörike an Frau von Schwind. 
Gestatten Sie, verehrteste Frau, dass jetzt, nachdem der 

erste Sturm des Ihnen auferlegten schweren Leides einer 
ruhigen Trauer Raum gegeben haben wird, auch ich mich 
den vielen Freunden anschliesse, die sich, im eigenen Schmerz 
um den Dahingeschiedenen, gedrungen fühlen, Ihnen ein 
Zeichen innigster Theilnahme an Ihrem schrecklichen Ver- 
lust zu geben. — Ich habe keine Worte, um völlig auszu- 

1) Der letzte, diktirte Brief Schwind's an Mörike. 



BRIEFWECHSEL ZWISCHEN MORITZ VON SCHWIND UND EDUARD MÖRIKE. 



221 



drücken, wie diese Todesbotschaft auf mich wirkte. — Sie 
war um so erschütternder, je unerwarteter sie mir nach 
jenen letzten, von Ihrer Hand geschriebenen Zeilen kam. — 
Wie quälend fiel es mir zugleich auf's Herz, dass in der 
Zwischenzeit kein Wort, kein Gruss mehr hat gewechselt 
werden sollen, dass überhaupt schon längerher die widrigsten 
Umstände meinerseits eine gemüthliche Mittheilung nicht 
mehr aufkommen lassen wollten! — Dieser Gedanke und 
was mir damit unwiederbringlich verloren ging, trübt mir 
die Erinnerung an unser schönes Verhältniss mehr als ich 
sagen kann! — 

Für Sie, verehrte Frau, muss das erhebende Bewusst- 
sein alles dessen, was ihnen an der Seite des unvergleich- 
lichen Mannes so viele Jahre zu geniessen vergönnt war, 
und was dagegen Sie als treue, so ganz für ihn geschaifene 
Gefährtin auf seinem nicht immer gleich ebenen, ruhmvollen 
Lebenswege ihm gewesen sind (ich weiss das aus seinem eigenen 
Munde), der beste Trost, die vollste Genugthuung sein. 

Ich habe ein grosses Verlangen, vom Hingang des Ver- 
ewigten und seiner letzten Krankenzeit wo möglich etwas 
Näheres zu hören. — Unmittelbar durch Ihre Bemühung 
soll dies natürlich nicht geschehen; vielleicht jedoch erlauben 
Sie, dass einer meiner Münchener Freunde auf eine Viertel- 
stunde bei Ihnen vorspreche, um mündlich einzuholen, was 
ich durch Andere nicht leicht erfahren kann. — 

Mich und die Meinigen, die ganz meine Gefühle teilen, 
Ihrem Wohlwollen empfehlend, verharre ich in grösster Ver- 
ehrung -,, , . 

° Ihr ergebenster 

Eduard Mörike. 
Nürtingen, d. 19. Febr. 1871. 

4Ü. Schwind's Tochter an Mörike.') 
Sehr geehrter Herr! 
Verzeihen Sie, dass ich im Namen meiner anneu Mutter 
diese Zeilen an Sie richte. Sie selbst ist noch nicht im 
Stande, Ihrem Wunsche zu entsprechen und Ihnen Nachricht 
über die Krankheit und den Tod unsers guten theuern Vaters 
zu geben. 

Unser lieber Vater war nur eilf Tage krank: anfäng- 
lich bekam er einen heftigen Anfall von Athemlosigkeit, 



1) Am 8. Febr. 1871 war Moritz von Schwind gestorben. 
Seine Tochter, Frau Dr. Bauernfeind, theilte Mörike die im 
vorigen Briefe gewünschten Einzelheiten mit. 



wobei er furchtbar litt und wir Alle glaubten, er müsste 
sterben. Doch wurde ihm nach einigen Stunden leichter, 
nur blieb natürlich eine grosse Schwäche zurück. Die Aerzte 
sagten, bei diesem Anfall sei ein kleines Gefäss in der Lunge 
gesprungen und es sei eine Entzündung dazu gekommen. 
Diese Entzündung hat sich nach acht oder neun Tao-en wie- 
der gehoben, und so hatten wir doch wieder Hoffnung, des 
Theuren Leben zu erhalten, trotz der immerwährenden Er- 
stickungsanfalle, die ihn quälten. Doch sagten uns die 
Aerzte immer, sie hätten die grösste Sorge, ob das Herz, das 
sehr schwach und stark verfettet sei, die Krankheit aushalten 
könne. 

Ihre Befürchtungen waren leider nur zu begi-ündet. Am 
8. gegen V25 Uhr Nachmittags lehnte er sich plötzlich in 
seinen Stuhl, in dem er sass, zurück, that ein paar schwere 
Athemzüge, und ohne Kampf oder Schmerz, mit friedlich 
verklärtem Angesicht entschlief er. Wir verlieren den besten 
liebevollsten Vater, unsre Mutter den edelsten Gatten. Schenken 
Sie, verehrter Herr, dem theuren Verblichenen ein gutes An- 
denken; er hat Sie ja auch so hoch geschätzt. 
München, 20. 2. 71. 

Im Sommer erhielt Mörike von Julius Naue den Stich 
von Schwind's „Germania" und die ergreifende Zeichnung 
Naue's, die den Meister auf dem Totenbett darstellt. Mörike 
antwortete am 17. Juni 1871: 

,An Pfingsten hatte ich nach einer schlechten Nacht 
weit in den Tag hinein geschlafen. Da wurde mir ein Zei- 
tungstelegramm, die jüngsten Greuelthateu der Pariser ent- 
haltend, aufs Bett gelegt. Erschüttert und entsetzt dacht' 
ich den Dingen eine Zeit lang nach und nun kam Ihre mäch- 
tige Rolle. Begreiflich litt es mich jetzt nicht länger in den 
Federn mehr. Welch' eine Überraschung! Zufällig war es . 
„die Germania", die mir zuerst vor Augen kam und die mir 
über jenem Höllengraus wie eine himmlische Erscheinung, 
recht wie ein lichter, frischgewasohener Stern am Horizont 
aufstieg!" — — 

„Und nun sein Todtenbild I Darüber möcht' ich lieber 
gar nichts sagen. Beim ersten Blick darauf schoss mir das 
Wasser in die Augen; dann aber ging das herbe persönlich 
gemischte Schmerzgefühl alsbald in jene andere allgemeine, 
nur noch rein schöne und erhabene Empfindung über, die 
hier allein zu herrschen hat." 




Zeitschrift für bildende Kunst N. F. I. 



EIN ÖSTERREICHISCHER SOLDATENMALER. 

MIT ABBILDUNGEN. 




unmögliche Attaque. 



sozialer Geltung, und wie er, so ist auch der Soldat 
seit geraumer Zeit schon ein beliebter YolkstjipHs, 
wie in Wirklichkeit, so auch im Bilde gern gesehen, 
und in diesem ebenso gern belacht, wenn es chargirt, 
als mit warmer Anteilnahme betrachtet, wenn es 
ein getreues Conterfei ist. Wer das letztere haben 
will, mit grossem Ernst, aber nicht ohne einigen 
Humor ausgeführt, dessen übermütige Glanzlichter 
in einem Porträt bekanntlich niemals fehlen dürfen, 
wenn es seinem Gegenstande allseitig gerecht werden 
soU, dem wird das vor wenigen Monaten vom Herrn 



ie kaiserliche und 
königliche öster- 
^^ reichische Armee, 
die stolze Erbin vielhun- 
dertjähriger Traditionen, hat 
gleich den übrigen grossen 
Heeren Europas, den Trä- 
gern unserer schweren Frie- 
densrüstung, im Laufe der 
letzten fünfundzwanzig 

Jahre tiefgreifende Wand- 
lungen durchgemacht. Die 
mit der allgemeinen Wehr- 
pflicht eingeführte Neube- 
waffnung und die moderne Taktik verursachten einen ge- 
waltigen Umschwung des militärischen Denkens, der An- 
sichten von Pflicht und Dienst; sie steigerten die an den 
Soldaten, den Offizier, den Kommandanten und Heerführer 
zu stellenden Anforderungen ins Ungemessene. Alte, für 
die Heeresleitung längst existirende Institutionen erhielten 
Wirkungssphären, deren blossen Namen die zu den Vätern 
versammelten, rühmlich bekannten Haudegen, stiegen sie 
aus ihren Ehrengräbern, ratlos gegenüber stehen würden. 
Neue, bei ihrer Gründung von jenen braven Herrn mit Kopf- 
schütteln angesehen, erwiesen sich lebensföhig, wuchsen ins 
Breite, festigten und behaupteten sich. Immer mehr und mehr 
füllte sich die beklagenswerte Kluft, welche einst Civil und 
Militär geschieden; der Offizier gewann mit den höheren 
geistigen Anforderungen, denen er entsprechen musste, au 
Hauptmann Älfons Danx.er publizirte Buch eine will- 
kommene Gabe sein. Die Gunst des Schicksals fügte 
es, dass dessen Verfasser, im Begriffe, die Völker 
Österreich-Ungarns in Waffen, , Unter den Fahnen" 
zu schildern, uacli der zur Illustration ihrer Arbeit 
völlig geeigneten künstlerischen Kraft nicht lange 
zu suchen brauchte. ') Der Name Mi/rhach mit eigen- 



1) unter den Fahnen. Die Völker Österreich-Ungarns 
in Waft'en. Im Vereine mit Gustav Bancalari und Franz 
Rieger, verfasst von Älfons Danxcr. Mit 11 Taf. in Farbendr. 
und 138 Testabbildungen nach Originalzeichnungen von 



EIN ÖSTERREICHISCHER SOLDATENMALER. 



223 



tümlichen festen Zügen in die Ecken flottgezeichneter 
Bildchen hingesetzt, hatte in der Kunstwelt längst 
einen guten Klang. 

Felician Freiherr von Myrbach-Iiliciiifcld geriet 
in die Malerkarriere durch einen jener Zufälle, von 
denen uns in Biographien gar oft berichtet wird, 
dass sie der Laufbahn des betreffenden Individuums 
Ziel und Richtung gewieseu haben. Das Histörchen, 
welches im Leben Myrbachs die prädestiuirende 
Rolle spielt, unterscheidet sich aber in doppelter Be- 
ziehung vorteilhaft von den Anekdoten ähnhchen 
Schlages. Erstens ist es historisch und zweitens ge- 
hört es in das humoristische Genre. Im Februar 
1853 zu Galeszcziki in Galizien geboren, Sohn eines 
hochgestellten Staatsbeamten — sein Vater war 
zuletzt k. k. Landespräsident — kam er mit elf 
Jahren in das k. k. Kadetteninstitut zu Hainburg. 
In dieser gegenwärtig nicht mehr existirenden 
Anstalt fungirten Unteroffiziere alten Stiles, k. k. 
Feldwebel als Aufseher und — Erzieher! Einer 
derselben mit besonders verlockendem Exterieur fiel 
dem jungen Kadettenschüler auf und er zeichnete in 
das Aufgabenheft dessen Porträt. Aber das wachende 
Feldwebelauge ertappte ihn. Die Zeichnung wurde 
konfiszirt und der unglückliche Autor vor den In- 
spektionsofFizier geschleppt. Der Herr Feldwebel 
mochte sich später an diesen Tag nicht gern erin- 
nert haben. Seine Erwartung, dass den Missethäter 
eine empfindliche Strafe treffen werde, erfüllte sich 
nicht. Der Inspektionsoffizier begann helUaut zu 
lachen, belobte den Zeichner ob der grossen Ähn- 
lichkeit und bald machte das Aufgabenheft die Runde 
unter allen Offizieren der Anstalt. Sie insgesamt, 
allen voran der Zeichenlehrer, wurden aufmerksam 
auf den Zögling, dieser selbst auf das Feld, für das 
er besonders begabt. Sein Hauptaugenmerk galt von 
jetzt an weit mehr seiner künstlerischen als seiner 
militärischen Ausbildung. 

Im Jahre 1871 aus der Wiener-Neustädter Aka- 
demie als Lieutenant hervorgegangen und in 'ein 
Jägerbataillon eingeteilt, kam er mit letzterem nach 
Mauer („auf die Mauer") bei Wien in Garnison. Die 
Zeit ausser Dienst war damals noch ziemlich breit 
bemessen; da wurde denn häufig in die schönen 
Gegenden von Kalksburg, Kaltenleutgebenu.s.w. aus- 
geflogen, natürlich immer den Malkasten an der rechten 
Seite, während der Säbel an der linken baumelte. 
Es ereignete sich, dass an den Herrn Lieutenant 
die Ordre erging mit seinen Triariern die Schön- 

Fclician Freilien-n v. Myrbach. Prag, Wien, Leipzig 1889, 
Tempsky. gr. 8». 471 S. 



brunner Schlosswache zu beziehen. So oft dies der 
Fall war, kam regelmässig der „ßursch" (Offiziers- 
diener) mit einer kleinen Reisetasche hinter seinem 
Herrn einhergetrabt. Sie enthielt Gipsmodelle, nach 
denen zeichnend der Herr Kommandant auf seiner 
Stube hernach sich die Grillen vertrieb und des 
24 stündigen Wachdienstes bleierne Langeweile eini- 
germassen zu bekämpfen suchte. Schon nach sechs- 
monatlichem Truppendienst ward der damals neun- 
zehnjährige Offizier in das k. k. miUtärgeographisehe 
Institut berufen. Die Thätigkeit daselbst beanspruchte 
nur den Vormittag; Nachmittag und Abend konnten 
der weiteren Ausbildung gewidmet werden. Prof. 
Eisenmenger, eben damals (1872) an die Akademie 
gekommen, nahm den strebsamen Sohn des Mars 
als Gast in die allgemeine Malerschule auf, und dieser 
verlor drei voUe Jahre hindurch von allen freien 
Augenblicken, die ihm zu seinen Studien gegönnt 
waren, thatsächlich auch nicht einen einzigen. Aber 
weiss der Himmel, wie es kam und woran es lag. 
besagte Studien fanden nicht den verdienten Beifall 
bei des Herrn Lieutenants unmittelbarem Vorgesetz- 
ten. Eines Tages Hess ihn dieser rufen und be- 
deutete ihm barsch, dass seine Stellung am k. k. 
militärgeographischen Institut keine Sinekure sei. Der 
tiefgekränkte Subalterne gab sofort seine Demission, 
musste bald darauf zur Truppe einrücken, garniso- 
nirte mit derselben in Dalmatien und in Untersteier- 
mark, machte den Feldzug in der Herzegowina mit 
und kehrte nach 3 '-2 Jahren, reich an neuen Ein- 
drücken, wieder nach Wien zurück. Er hatte die 
Geschichte vom gestrengen Herrn Feldwebel und 
dem geistreichen Inspektionsoffizier in neuer, nur 
etwas veränderter Auflage noch einmal erlebt. Dem 
Herrn Bureauchef im miUtärgeographischen Institut 
waren seine künstlerischen Bestrebungen ein Greuel 
gewesen; die Kommandanten, unter denen er seit 
seinem Austritt aus der genannten Anstalt zu dienen 
das Glück hatte, waren denselben nicht nur nicht 
abhold, im Gegenteil, sie brachten ihnen das leb- 
hafteste Interesse entgegen, unterstützten und för- 
derten sie nach Kräften. Jetzt, als Zeichenlehrer an 
die Wiener Kadettenschule kommandirt und daselbst 
täglich nur drei Stunden dienstlich gebunden, hatte 
Myrbach Zeit und Müsse genug, sich ganz und voU 
seinen artistischen Neigungen zu widmen. Professor 
Huber unterrichtete ihn im Pferdezeichnen, Professor 
von Lichtenfels ging ihm als wohlwollender Meister 
beim Landschaftszeichnen an die Hand; den grössten 
Einfluss aber übte nach wie vor auf ihn Professor 
Eisenmenger. Dieser empfing seinen ehemaligen 

29* 



•224 



EIN OSTERKEICHISOHKR SOLDATENMALER. 



,Gast'', der inzwischen einen zweiten Stern auf seineu 
Kragen bekommen hatte, mit offenen Armen; der 
Herr Oberlieutenant avancirte in dessen Spezialschule 
und schuf hier sein erstes Bild: „Die Feuerlinie des 
19. Feldjägerbataillous im Gefechte von Kremenac 
am 17. August 1878 (angekauft um 2000 Gulden 
von Sr. Maj. dem Kaiser). 

Der Schüler hat den Stunden im Atelier seines 
gediegenen Lehrers stets eine lebhafte Erinnerung 
bewahrt. Dankbar gesteht er, demselben fast alles 
zu schulden, was ihn im Leben als Künstler weiter 
bi-achte. 



Landmauns zu verfolgen. Es ist dies das „Paris 
illustre" (Paris, Boussod, Valadon & Cie.), in welchem 
der Name Myrbach ebenso häufig figurirt, die wie 
der echten Vollblutfranzosen, eines Renouard, Roche- 
grosse, Adrien Marie, Deroy, Lhermitte, Courboin etc. 
Und wahrhaftig, mag er die französischen Truppen 
und deren Gegner in den entscheidenden Momenten 
der Tonkin-Expedition, oder Zaschauer am Renn- 
platz, die Bummler bei den Antiquarläden in den 
Galerien des Odeontheaters oder die einsame Winter- 
promenade eines alten aristokratischen Paares im Bois 
de Boulogne , die markerschütternden Scenen des 







J^^jWji 




Einquartierung bei Regen. 



Und es hat ihn weiter gebracht. Im Jahre 1881 
zog er den Waffenrock aus und übersiedelte nach 
Paris. Seine Absicht war, drei Jahre dort zu bleiben, 
um sich weiter auszubilden. Aus den drei Jahren sind 
nun neun Jahre geworden. Das Bild „Boulevard 
Saint-Michel", 1883 im Salon ausgestellt, brachte 
ihm einen schönen Erfolg und machte ihn rasch 
bekannt. Bald verlangte man von ihm Zeichnungen 
des Bildes, sei es für- illustrirtc Kataloge, sei es für 
Journale, und jetzt fuhr der Illustratorenkobold in 
ihn. Ein Auftrag folgte dem andern, und bald war 
er nicht mehr in der Lage, allen an ihn ergehenden 
Anforderungen zu entsprechen. Wir hatten nur in 
einem Journal Gelegenheit, die Thätigkeit unseres 



spanischen Erdbebens oder die drollige Situation 
einer Maskengesellschaft schildern, die, am Faschings- 
dienstag wegen Zahlungsunfähigkeit arretirt , am 
Aschermittwoch ob der Klage des Marqueurs vor 
dem Zuchtpolizeigericht Rede stehen muss: er giebt 
seinen Pariser Kollegen in charakteristischer Auf- 
fassung, lebensvoller Anordnung und Chik im Vor- 
trage in nichts nach. Das „Carreau des Halles", im 
1886er Jahrgange des vorhin genannten Journals er- 
schienen, ist unter seinen farbigen Blättern wohl 
das umfangreichste und die glänzendste Probe seines 
grossen Könnens und seiner ausgezeichneten Be- 
gabung. Eines der liebenswürdigsten aber im 1883 er 
Band das „Noel au Tyrol apres la Messe de Minuit", 



EIN ÖSTERREICHISCHER SOLDATENMALER. 



225 



die Heimkehr der Landleute von der Mitternachts- 
mette, der Gang der festlich gestimmten Männer, 
Frauen und Kinder über die schneebedeckte, hie und 
da von dem matten Lichte ihrer Handlaternen phan- 
tastisch erhellte Landschaft thalabwärts von dem 
Dorfkirchleiu, dessen Fenster im Hintergrunde am 
F'usse der Alpenriesen erschimmern. 

Vielleicht kennt mancher unter den Lesern die 
Cahiers de l'Enseignement (Paris, Baschet). Der 
kuriose Liebhaber kann in denselben ausser Schlan- 
gen, Congonegern und sonstigen Ungeheuern binnen 
einer Viertelstunde auch sämtliche Armeen des Kon- 



reichischen Soldaten in jeder möglichen dienstlichen 
und ausserdienstlichen Situation, aber immer geist- 
reich aufgefasst und mitunter in Gestalten, die sich 
dem Gedächtnisse ebenso tief und unauslöschlich ein- 
prägen, wie der elegante, mit dem Monocle im Auge 
an dem General uud seiner Suite vorüber das Ter- 
rain herunterjagende blonde deutsche Ulanenoffizier 
seines Kollegen Caran-d'-Ache. (Paris illustre). Auf 
seine Leistungen im einzelnen einzugehen, ist uns an 
dieser Stelle leider nicht möglich. Wir müssen uns 
damit begnügen, einige der gelungensten im Texte 
zu reproduzireu. 







\oiiucl en der Schwärme 



tinents kennen lernen, gezeichnet zum Teil von den 
Künstlern des „Paris illustre" wie Marius Roy (Eng- 
land), Caran-d'-Ache (Deutschland) u. a. Begleitet 
vom Text des Obersten Dailly, hat uns Myrbach in 
den genannten Cahiers vor zwei Jahren ungefähr 
die „Uniformes de l'Armee Autrichienne" vom Ar- 
cierengarden angefangen bis herab zum Trainsolda- 
ten in wahrheitsgetreuen , schneidigen Typen vor 
Augen gestellt. Sie verhalten sich zu seinen Arbeiten 
für das Danzersche Werk wie die Vorläufer zu den 
eigentlichen Propheten, wie die Verheissung zur 
Erfüllung. Er zeigt uns in letzterem den öster- 



Über die litterarische Seite der Danzerschen 
Publikation zu urteilen ist nicht unsere Aufgabe. 
Die Organisation des Volksheeres bringt es mit sich, 
dass es schier keine Familie im weiten Reiche des 
Hauses Habsburg-Lothringen giebt, die nicht eine 
oder mehrere Mitglieder in dessen Reihen zählte. 
Die tiefe Sympathie der Völker Österreich-Ungarns 
für das Heer sichert dem Buche , Unter den Fahnen' 
von vornherein eine weite Verbreitung, einen aus- 
gedehnten Leserkreis. Möge es dazu beitragen, das 
Vertrauen in die Institution zu kräftigen; wir werden 
es nötig haben in der Stunde der Gefahr! 

.7. DEBNJAC. 




KLEINE MITTEILUNGEN. 



Arthar Meuuell, Hoklrne Chrntiik (kr U'rf/inrr. Leipzig, 
Verlag der litterarisclien Gesellschaft 188Ü. gr. Fol. Preis: 
200 Mark. 
H. A. L. Wie zu erwarten war , hat das vorjährige 
Wettin fest eine wahre Flut von Schriften aller Art zu Tage 
gefördert. Wenige berafene und sehr viele unberufene I'e- 
dern haben sich mit gi'össerem und geringerem Glück be- 
müht, das seltene Fest durch ihre Huldigung zu verschönern. 
Dementsprechend ist der bleibende Gewinn, den die Wissen- 
schaft aus dieser überaus regen Produktion gezogen hat, ein 
geringer. Zu unserem Bedauern müssen wir bekennen, dass 
für ihre Zwecke auch aus dem eben angeführten Pracht- 
werke wenig zu holen ist. Obwohl der Bearbeiter Arthur 
Mennell sich der Fördei-ung aller in Betracht kommenden 
königl. Sammlungen rühmt um. die Unterstützung einzelner 
hervorragender Fachmänner lobend hervorhebt, hat er sich 
weder, was die Auswahl und Anordnung der von ihm repro- 
duzirten Kunstblätter und Karten anlangt, von wissenschaft- 
lichen Gesichtspunkten im strengeren Sinne leiten lassen, 
noch auch in den vorangestellten einleitenden, etwas phrasen- 
haften Bemerkungen tiefere historische Kenntnisse verraten, 
es müsste denn sein, dass man seine Bezeichnung des Kur- 
fürsten Moritz als „Moritz der Grosse" als einen Beweis für 
sie ansehen wollte. Vor allem vermisst man bei vielen Blät- 
tern genaue Fingerzeige über die Fundorte der einzelnen 
vervielfältigten Stücke und über den Zusammenhang, dem 
sie entnommen sind. So kommt es, dass wirMennells „Gol- 
dener Chronik" nur den Wert eines vornehm ausgestatteten 
Bilderbuches zur Geschichte Sachsens und der sächsischen 
Fürsten zuerkennen können, nicht aber, was wir erwartet 
haben und erwarten durften, den eines auf Grund sorgfältiger 
Studien ausgeführten Bilderatlases zur Erläuterung der säch- 
sischen Geschichte, wie ihn z. B. Könnecke in so muster- 
hafter Weise für das grosse Gebiet der deutschen Litteratur- 
geschichte geliefert hat. Um dem Leser dieser Zeilen einen 
Begriff von dem bunten Inhalt der „Goldenen Chronik" zu 
geben, sei erwähnt, dass in ihr nicht nur zahlreiche Porträts 
sächsischer Fürsten, von Heinrich dem Erlauchten an bis 
hinab zu König Albert und seiner Gemahlin, zu finden sind, 
sondern auch Ansichten sächsischer Städte aus ältester Zeit, 
z. B. von Meissen, Freiberg und Leipzig, Karten der sächsi- 
schen Lande, Abbildungen von Münzen und Staatssiegeln, 
Nachbildungen von Urkunden, historische Schilderungen und 
festliche Veranstaltungen, namentlich aus der Zeit Augusts 
des Starken. Letztere waren im vorigen Sommer in der 
Rokokoausstellung des königl. Kupferstichkabinets zu Dres- 
den zu sehen. Sie verdienen aus kunsthistorischem Interesse 
entschieden durch die Vervielfältigung allgemein zugänglich 
gemacht zu werden; aber was nützen ein paar einzelne, zu- 
fällig herausgegriffene Proben bei der grossen Menge gleich- 
wertiger, aber übergangener Stücke? Das Gleiche gilt von 
den wenigen Beispielen, welche die Bauthätigkeit der Wet- 
tiner und ihre Pflege des Kunstgewerbes veranschaulichen 
sollen. Denn sie zu würdigen, genügen die paar Abbil- 
dungen von Prachtstücken aus dem Grünen Gewölbe, das 
Titelblatt aus Pöpelmanns Zwingerwerk und die Wiedergabe 
einiger Städteansichten von Canalctto keineswegs. Es wäre 
weit besser gewesen, die eine oder andere Seite sächsischen 



Wesens, das in der „Goldenen Chronik" veranschaulicht wer- 
den soll, herauszugreifen und sie eingehend zu bearbeiten, 
als von jeder etwas, aber von keiner ein Ganzes zu bieten. 
Den Schluss des Werkes bilden Photographien der Fest- 
bauten und Augenblicksbilder aus dem Festzuge. Obwohl 
sie durchgehends wohl gelungen sind, fallen sie doch sehr 
aus dem Rahmen des übrigen Werkes heraus und wären 
unseres Erachtens besser weggeblieben. Die meisten der auf 
der Höhe dieser Technik stehenden Lichtdrucke sind von 
Skngel d- l\farkcti in Dresden, eine kleinere Anzahl von 
Rammler <('• Jonas, gleichfalls in Dresden geliefert worden. 
Ausserdem sind noch die Druckereien von F. Ä. Brockhaiis 
und von Giesecke d- Devrient in Leipzig an der Herstellung 
des Werkes beteiligt gewesen; letztere hat zum Teil alte 
Originalplatten für den Neudruck verwenden können. Dem 
Originaleinband hätte eine sorgfältigere und geschmack- 
vollere Behandlung nichts geschadet. Die unklare Zeichnung 
der auf blauem Grund aufgelegten Goldornamente dient 
einem so teuren Werke wenigstens in unseren Augen nicht 
zur Empfehlung. 

X. — Nicolas Rohert-Fleury, wohl der älteste Maler, ist 
am 5. Mai in Paris gestorben. Es war der Meister des roman- 
tischen Geschichtsbildes, der die ergreifende Wirkung seiner 
Bilder durch feste Zeichnung seiner Gestalten, die Schärfe 
und Wahrheit des Ausdrucks sowie die malerische Ausfüh- 
rung zum Teil wenigstens zu erreichen wusste. „Er verstand 
es nicht blos", sagt Julius Meyer in seiner Geschichte der 
französischen Malerei von ihm, .,das Lokal, Kostüm und Ge- 
räte der Vergangenheit wiederzugeben; er zeigte zugleich 
eine Fähigkeit, Charaktere zu schildern, Menschen, die das 
Gepräge ihrer Zeit und einer erfüllten Individualität tragen, 
sowie, indem er die Form deutlicher und entschiedener her- 
ausarbeitete als sonst die Romantiker, in seine Figuren nicht 
nur den momentanen Wurf, sondern nahezu auch die dauernde 
Erscheinung des Lebens zu bringen." Darin bildet er den 
Übergang von der romantischen zu der die Gegensätze ver- 
mittelnden, eigentlich historischen Kunstweise, 'deren vor- 
nehmster französischer Vertreter Delaroche ist. Nachdem 
Robert-Fleury 1824 und 1827 mit geschichtlichen Genre- 
bildern hervorgetreten war, die einfache, massig bewegte Vor- 
würfe behandelten, und schon ein geübtes malerisches Ta- 
lent verrieten , stellte er 1833 eine Scene aus der Bartholo- 
mäusnacht aus, die der volle Ausdruck zugleich seiner 
Kraft und seiner auf den schlagenden dramatischen Moment 
eines entsetzlichen Schicksals gerichteten Phantasie war: 
Brion, der Erzieher des Prinzen von Conde wird vor seinem 
Bette von drei Soldaten niedergestochen, deren einen der 
junge Prinz mit schmerzlichem Aufschrei vergebens abzu- 
wehren sucht. Das Bild befindet sich im Luxembourg. Seit- 
dem schilderte Robert-Fleury mit Vorliebe Schreckensscenen, 
z. B. Inquisitionsscenen , die Plünderung eines jüdischen 
Hauses in Venedig, ein Autodafe, die Hinrichtung des Ma- 
rino Faliero imd andere Greuel. Als bestes Bild des Malers 
gilt das „Religionsgespräch zuPoissy", 1S40 entstanden, das 
sich gleichfalls im Luxembourg befindet. In diesem einfachen, 
harmloseren Vorgange zeigt sich der wahre Wert des Künst- 
lers, der hier mit reinem künstlerischem Sinne seine ganze 
Leistungsfähigkeit entfaltet. Endlich hat Robert-Fleury mit 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



227 



Erfolg in einer Reihe von Darstellungen, Eiiisoden aus dem 
Leben grosser Künstler und Gelehrter behandelt, z. B. Mu- 
rillo als Knabe; Michelangelo seinen Diener pflegend; Karl V. 
und Tizian, Montaigne in seiner Sterbestunde u. a. „Was die 
Ausführung anlangt", so beschliesst J. Meyer seine Bespre- 
chung des Künstlers, „so Hess sich der Meister seit den 
fünfziger Jahren durch das Streben nach kräftiger Glut des 
Kolorits öfters zu einer braunroten Tonleiter verführen, die 
den Farben ein verbranntes Ansehen giebt und durch den 
Mangel an Saft und Frische die koloristische Wirkung be- 
einträchtigt; auch verliert die Form an Geschmeidigkeit und 
der ganze Eindruck lässt fühlen, dass des Künstlers Phan- 
tasie sich ausgelebt hat." Robert-Fleury vpurde am 8. Aug. 
1797 geboren und zvrar in dem damals französischen Köln. 
1804 zog er mit seinen Eltern nach Paris. Er wurde ein 
Schüler von Gros, Horace Vernet und Girodet, ging zweimal 
nach Italien und Hess sich 1826 in Paris nieder. Er war 
Mitglied vieler Akademien, 1865 — 66 Direktor der französi- 
schen Akademie in Rom und seit 1867 Kommandeur der 
Ehrenlegion. 

X. — Der Oenrcmaler Maz Todt, Urheber vieler fein 
ausgeführter, zeichnerisch und koloristisch schätzbarer Bilder, 
ist am 7. Mai in München einem Herzleiden erlegen. 

* Über den Wettbetcerb für das Kaiser- Wühnlm-Üenkmal 
in Breslau bringt die „Bresl. Zeitg." einen Bericht, welchem 
wir das Nachfolgende entnehmen : Es sind 40 Entwürfe 
eingelaufen, darunter eine grosse Zahl von Berliner Meistern. 
Ti. Bcijas fehlt. Dagegen hat Fritz Schaper einen Entwurf 
zum Wettbewerb beigesteuert. Fei'uer sind vertreten: Calan- 
drelli mit einem Modell von hervori'agend wirksamer Breiten- 
silhouette, Max Klein, J///(/e)-«-Charlottenburg, dem es ge- 
lungen ist, einen reizvollen Abschluss des Denkmals nach 
dem Stadtgraben hin zu konstruiren. Es sei hierbei be 
merkt, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Ein- 
sender den Platz neben dem Gouvernementsgebäude gewählt 
hat; weitaus die meisten haben den Platz neben der Haupt- 
wache zum Standort des Denkmals bestimmt. Ausser den 
erwähnten Arbeiten finden wir einen Entwurf von den be- 
kannten Bildhauern Otto, Bäncald, Kaffsack, ferner von dem 
Schlesier Qrütiner, von Hidding, einem Schüler von Begas, von 
Bergmeyer und Werner Stein; der aus Obersohlesien ge- 
bürtige, in Berlin wohnende Bildhauer Böse ist mit einem 
Entwurf vertreten, der ein ausserordentlich starkes Talent 
verrät. Aus Breslau hat sich neben Christian Belirens, dem 
Vorsteher des Meisterateliers für Bildhauerei im Museum, 
welcher zwei Entwürfe ausgestellt hat, noch der Bildhauer 
Seeger mit einem Entwurf beteiligt. In der Auffassung des 
Kaisers, welcher der Programm Vorschrift gemäss zu Pferde sitzt, 
finden die mannigfaltigsten Variationen statt. Die einen be- 
tonen die kaiserliche Majestät, zeigen ihn im Hermelinmantel 
mit federbuschgeschmücktem Helm, charakterisiren ihn als 
Feldherrn; andere geben ihm ein schlicht bürgerliches Aus- 
sehen, um ihn als den Friedensfürsten zu kennzeichnen; der 
sieggekrönte Held wird bei einigen durch den Lorbeerkranz 
bezeichnet, den sie ihm auf das entblösste Haupt gedrückt 
haben etc. Nur in ganz vereinzelten Fällen sind an den 
Denkmälern Beziehungen dargestellt, welche erkennen lassen, 
dass das Kunstwerk die Hauptstadt Schlesiens zieren soll; 
auf einem Sockelrelief sehen wir das bekannte Scholzsche 
Bild, welches den König Friedrich Wilhelm III. zeigt, wie 
er auf dem Breslauer Exerzierplatz die Scharen der Frei- 
willigen begrüsst, ins Plastische übersetzt. Im ganzen spiegelt 
die Ausstellung drastisch den Zwiespalt wieder, in dem sich 
die moderne Plastik bewegt: ideale und realistische Dar- 
stellungsformen kämpfen miteinander um die Vorhen'schaft ; 



an manchen Arbeiten erscheinen beide Ausdrucksweisen 
harmlos-gemütlich vereinigt. Alles in allem betrachtet, wird 
die Aufgabe des Preisgerichts , das Beste herauszufinden, 
nicht allzu schwer sein. Viele Entwürfe scheiden von vorn- 
herein aus. Da, wie es heisst, fünf Preise zur Verteilung 
gelangen sollen, so ist Aussicht vorhanden, dass keiner der- 
jenigen, die unzweifelhaft etwas Besonderes. Hervorstechen- 
des geleistet haben, unbelohnt aus dem Wettbewerb her- 
vorgeht. 

y. Der Verband deutsclier Arcliitehien- und Ingenieur- 
rereine in Berlin erlässt einen neuen Aufruf für das geplante 
Semper-Denl-mal, für welches bisher 1900Ü Mark zusammen- 
geflossen sind. Die Ausführung des Bronzebildwerkes ist in 
die Hände von Prof. ./. Schilling gelegt. Der vereinbarte 
Preis für das Denkmal ist 200U0 M. ohne Fundamentirung 
und die Kosten für Umgitterung und Enthüllung. Sempers 
Bedeutung als Architekt und Gelehrter, seine Verdienste um 
die Wiederbelebung des Kunstgewerbes, sowie der mächtige 
Einfiuss seiner baukünstlerischen und schriftstellerischen 
Werke auf die Kunstrichtung unserer Tage machen es der 
Mitwelt zur Pflicht, sein Andenken würdig zu ehren. Bei- 
träge nimmt die Kassenverwaltung des Semper-Denkmals zu 
Händen des Herrn Baumeisters Karl Eberhard in Dresden 
und der Vorstand des Vei'bandes deutscher Architekten- und 
Ingenieurvereine, Berlin W. 41, entgegen. 

H. A. L. Dresdener Ausstellungen. Die Ernst Arnoldsche 
Kunsthandlung (Adolf Gutbier) in Dresden bietet ihren Be- 
suchern gegenwärtig eine höchst instruktive Ausstellung von 
Nachbildungen französischer Gemälde unseres Jahrhunderts, 
von Gericault und Delacroix an bis hinab zu Bastien-Lepage 
und Puvis de Ghavannes. Sie besteht zum grössten Teil aus 
vorzüglichen Photographien des bekannten Braunschen Ver- 
lages in Dornach, doch weist sie auch einzelne Photogra- 
vuren und Radirungen, z. B. das herrliche Blatt Ch. IValtners 
nach Millets „Angelus" auf. Die Nachbildungen der Gemälde 
Bastien-Lepages sind der Hauptsache nach dem Werke von 
L. de Fourcaud entnommen, das gegenwärtig auch neben 
dem Werke Konrad Fiedlers über Hans von Marees in der 
zweiten Vierteljahrsausstellung des königl. Kupferstichkabi- 
netes vorgeführt wird. Über letztere hat Karl Wocrmann 
im Dresdener Journal vom 1. und 2. April dieses Jahres einen 
die Bedeutung der beiden Männer klar legenden Artikel ver- 
öfi'entlicht , den wir namentlich wegen seiner Würdigung 
Bastien-Lepages der allgemeinen Beachtung warm empfehlen 
möchten. 

H. A. L Aqiiarellausstellung in Dresden. Nach Meldung 
Dresdener Zeitungen wird auf der von der Dresdener Kunst- 
genossenschaft für den Monat August geplanten zweiten 
internationalen Ausstellung von Aquarellen, Pastellen und 
Handzeichnungen auch der Kupferstich und die Radirung vor- 
züglich vertreten sein. In die Ausstellungskommission sind 
folgende Herren gewählt worden: Prof. Dicilic , Architekt 
Fleischer, Maler Förster, Maler Frcije, Maler Oberstlieutenant 
z. D. von Oötx., Maler Heyn, Architekt Haenel, Bildhauer 
Müller, Prof Kicssling, Bildhauer Ockebnann, Hofrat Prof 
Pauirels, Prof. Prrller , Prof. L'ade, Prof. Rentsch, Maler 
Schregcr, Architekt Schroth, Prof. Dr. Steche, Maler Stichart 
und Baurat Weidner. Als auswärtige Mitglieder traten der 
Kommission bei: Maler Bantxer, z. Z. in Paris, und Kupfer- 
stecher Köpping. Von Nichtkünstlern gehören der Kommis- 
sion an: Kommerzienrat Günther, Kommerzienrat HuUxseh, 
italienischer Vizekonsul Baron von Locella und Oberregie- 
rungsrat von SeidlitK. Se. Majestät König Albert hat geruht, 
das Protektorat der Ausstellung zu übernehmen. 



228 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



IT. A. L. K/(n.i(niisstdlmif/s!if/Ile. Seit mehveren Monaten 
erfreut sich Dresden einer neuen, ger;luniip;en Halle für Kunst- 
ausstellungszweeke. Sie ist von Herrn Weinhilndler Tlianim 
in seinem Grundstück, Ferdinandstrasse 19, errichtet und mit 
Oberlii-lit ausgestattet worden, während sie am Abend elek- 
trisch beleuchtet wird. Wir verzeichnen hier zunächst nur 
die Thatsache der Errichtung , welche für das Dresdener 
Kunstleben einen erfreulichen Aufschwung herbeiführen kann, 
da die Halle Raum genug bietet, um eine grosse Fülle von 
Kunstwerken aufzunehmen. Dagegen haben wir keine Ver- 
anlassung, auf die bisher ausgestellten Gemälde und Statuen 
zurückzukommen. Ist doch bis jetzt von besseren Werken 
noch nichts ausgestellt worden, was nicht schon von früheren 
Ausstellungen ausserhalb Dresdens her bekannt gewesen wäre. 
Leider scheint man von selten der Direktion den Haupt- 
nachdrnck auf Sensationsstücke von möglichst grossen Di- 
mensionen zu legen. Sonst würde man die Ausstellung kaum 
mit ./. Weisem „Unterbrochene Trauung", Makarts „Früh- 
ling'' und V. Sochors „Prozessionsbild" eröflhet haben, neben 
denen nur wenige kleinere Bilder, wie z. B. ein Diefx, in 
Betracht kamen. Sobald die Ausstellung hervorragendere 
und nicht schon bekannte Kunstwerke enthält, gedenken 
wir ihr an dieser Stelle eine eingehendere Besprechung zu 
widmen. » 

A. B. KunstaussteUung im Haag. Am 10. Mai wurde 
im Haag im hübschen Saale der Malergesellschaft „Pulchri 
shtdio" eine sehr interessante Ausstellung alter hoUändischa- 
Gemähle aus Privatbesitz eröft'net. Darunter befinden sich 
AVerke von Rembrandt (das schöne Frauenportät von Baron 
van Weede, ein kleiner Rabbiuerkopf vom Jahre 1047, das 
Bildnis seiner Mutter (früh um 1028) etc., Werke von Brou- 
wer, Jan Steen, Jacob und Salomon Ruisdael, Teniers, van 
der Neer, van Beyeren, Metsu, Ter Borch, zwei Delfter Ver- 
meer, Ostade, Dusart, van der Heyden, Asselyn, Wynants, 
W. van de Velde, Miereveit, Jacob Backer, de Baen, Camp- 
huysen etc. An 150 ausgewählte Sachen meist erten Ranges, 
kommen zur Ausstellung. Die Ausstellung dauert bis zum 
1. Juli. 

L. Krakaii. Die Stadtverordnetenversammlung hat in 
ihrer Sitzung vom 28. April 1. J. den Beschluss gefasst, den 
Theaterbau um den Preis von 400000 Fl. nach den Plänen 
des Architekten Johann Zawicjski, welcher neulich zum 
Professor an der hiesigen Gewerbeschule ernannt worden ist, 
in Angriff zu nehmen und demselben die Bauleitung zu 
übertragen. 

X. — Der E//biileiis/,-/ipf des Praxiteles, welcher in Heft 5 
dieses Jahrganges besprochen und abgebildet wurde , ist 
neuerdings auch von Riid. ,Scliireinit\, in Berlin ergänzt 
worden und in den Handel gebracht. Die Kunstanstalt von 
Gebr. Sc/iiiUi in Berlin Unter den Linden bringt sowohl Ab- 



güsse des so ergänzten als des unergänzten Kopfes zum 
Verkaufe. 

X. — Wiener Kimstauktion. Die Firma C /. Waiera 
versteigert am 19. Mai und folgende Tage eine schöne Samm- 
lung von Handzeiohnungen und Kupferstichen des Joh. El. 
Ridinger. Die erste Abteilung umfasst 140 Zeichnungen und 
Aquarelle von denen einige vortreffliche Blätter autotypisch 
wiedergegeben sind. Es sind fast lauter Tier- und Jagd- 
studien, dabei ein Selbstporträt des Künstlers im Jagdkostüm. 
Von Ridingers Stichen sind 270 Nummern aufgeführt, dabei 
viele Seltenheiten. Den Beschluss machen Zeichnungen, 
Aquarelle undOlstudien neuererMeister, darunter viele Wiener, 
z. B. Gauermann, in grosser Zahl. Es ist eine in vielfacher 
Beziehung beachtenswerte , reiche und vielseitige Auktion, 
in Summa 78.") Nummern. 

X. Kölner Kunstauktion. Von der Firma J. M. Ueberle 
(M. Lempertz Söhne) in Köln werden uns wieder zwei Ver- 
steigerungen auf einmal angekündigt, die das lebhafte In- 
teresse aller Kunstfreunde verdienen. Die Gemäldesammlung 
des Fabrikbesitzers Fr. Paulig in Sommerfeld, 90 Nummern 
stark, kommt am 19. und 20. Mai zur Gant. Sie enthält 
niederländische, italienische und deutsche Meister des 15. 
bis 18. Jahrhunderts. Acht Lichtdrucke sind dem splendid 
ausgestatteten Kataloge beigegeben, welche Gemälde von 
A. H. van Beyeren, Dürer, Heda, J. van Goyen, Angelika 
Kauffmann, J. Peters (Staffage von D. Teniers d. j.) E. Til- 
borch, D. van Toi wiedergeben. — Eine Reihe hervorragen- 
der alter Kunstsachen aus Privatbesitz und aus dem Nach- 
lasse des Oberstabsarztes Dr. Fröling werden vom 20. bis 
23. Mai au Meistbietende losgeschlagen. Es sind Arbeiten 
der Textilkunst, eine Schlüsselsammlung, Geräte, Metall- 
arbeiten, Emaillen, keramische Erzeugnisse, Gläser, Möbel 
und Musikinstrumente; insgesamt gegen 580 Nummern, von 
denen ein beträchtlicher Teil in Lichtdruck abgebildet ist, 
darunter, wie ersichtlich, viel wertvolle, schöne Stücke. 

X. — Die diesem Hefte beigegebene Heliogravüre giebt 
das auf S. 190 dieses Jahrganges erwähnte Bildnis von der 
Hand Rembrandts wieder, das Graf Luckner auf Altfranken 
im vorigen Herbst zur Ausstellung nach Leipzig sandte. Nach 
Dr. Bode stellt es die Schwester von Rembrandts Gattin dar, 
entgegen der gegenwärtigen Unterschrift, die das Porträt 
als Saskia kennzeichnet. Das Bild ist zwar an einzelnen 
Stellen von den Unbilden, die es erlitten, hart mitgenommen ; 
immerhin lässt es die Hand des Meisters in seinen wesent- 
lichen Zügen erkennen. Die Kopftracht hat ursprünglich 
eine andere Form gehabt, ein breitkrämpiger Hut beschattete 
das Gesicht der jungen Frau, wie sich noch deutlich erkennen 
lässt. Das zierlichere Hütchen, das an seine Stelle getreten 
ist, scheint eine Selbstkorrektnr des Meisters zu sein. 




Herausgeber: Carl von lAU\iiie in Wii 



^ Redigivt unter Verantwortlichkeit 
Druck von August Pries. 



es Verlegers E. A. Seemann. 




JAN MATEJKO. 

BI0(JHA1'H1.SCHE SKIZZE VON LEONARD LEPSZY. 
MIT ILLUSTRATIONEN. 




IE FAMILIE des berühmten polni- 
scheu Historienmalers, dessen Cha- 
rakterbild ich hier entwerfen will, 
stammt aus Böhmen. Sein Vater 
Franz Xaver Matejko war Musiker 
und siedelte sich im ersten Viertel 
des lautenden Jahrhunderts in der damaligen Repu- 
blik Krakau an. Er heiratete eine Krakauerin aus 
der Familie Rosberg. Von den vielen Kindern, mit 
welchen die glückliche Ehe gesegnet war, haben 
sich zwei Söhne rühmlich hervorgethan : der ältere, 
Franz Eduard (geb. 1828 f 1872), als ernster For- 
scher auf dem Gebiete der Geschichte und Litteratur, 
und sein jüngerer Bruder Johann Aloisius oder, wie 
er sich kurzweg schreibt, Jan Matejko, geb. 30. Juli 
1838. Die Mutter Hess ihn beim Sterben in jugend- 
lichem Alter zurück. Der Vater gab sich viel Mühe, 
um die Kinder fromm und arbeitsam zu erziehen. 
Schon in früher Jugend verriet Matejko eine 
unbezähmbare Lust zum Zeichnen, zum Kopiren aller 
in Büchern befindlichen Bilder, womit er seine freien 
Stunden ausfüllte, was aber dem Vater nicht recht 
schien, der den Kleinen unablässig zum Lernen mahnte. 
Im 14. Lebensjahre verliess der Kleine das St. 
Anna-Gymnasium, um seinen inneren Trieb an der 
Kunstschule in Krakau zu befriedigen und sich aus- 
schliesslich der Kunst zu widmen. Da kam im 

Zeitschrift l'iir bildende Kirnst. N. F. I. 



Jahre 1852 Kaiser Franz Joseph nach Krakau. Der 
Einzug, dem der junge Künstler zusah, übte auf 
ihn einen so mächtigen Eindruck dass er, obwohl 
ohne die nötigen Vorkenntnisse, zur Palette griff 
und zum ersten Male selbstständig eine Komposition 
entwarf: „Der Einzug des hohen Gastes", was für 
das weitere Wirken des Künstlers bedeutungsvoll 
werden sollte. 

Von jeher ein stilles, nachdenklich in sich ver- 
schlossenes Gemüt und durch nichts als durch einen 
ausserordentlichen Eifer in der Arbeit sich aus- 
zeichnend, war Matejko anfangs den herben Be- 
merkungen der Lehrer ausgesetzt, welche ihm und 
seinem Vater den Rat erteilten, er möge, um die 
Zeit nicht zu verlieren, lieber die Schule verlassen 
und anderswo in einer andern Richtung sich auszu- 
bilden suchen. Ungeachtet dessen liess er sich von 
seinem Vorhaben und von dem inneren Drange, 
Maler zu werden, nicht ablenken. 

Obwohl die Krakauer Lehrer speziell in diesem 
Falle den späteren Künstler verkannt haben, muss 
doch auch hervorgehoben werden, dass sie es waren, 
die, von wahrer Empfindung für die Kunst beseelt, es 
verstanden haben, den Eifer für dieselbe ihren Schülern 
in vollstem Masse eiuzuflössen. Auf diese Weise haben 
Männer wie Matejko und Grottger die ersten Grund- 
lagen für ihr Schaffen in Krakau gelegt. Der eine 

30 



230 



JAN MATE.IKO. 



wie der andere liai dort die ihm eigene Rich- 
tung empfangen und ist ihr treu geblieben. Die 
freien Stunden dienten Matejko dazu, um Porträts 
seiner Verwandten tmd Aquarelle historischen In- 
halts zu malen. Sein erstes Bild „Die Zaren 
Szujski, vom Feldherni Zolkiewski vor den König 
Sigismund 111. geführt" kaufte im Jahre 1853 ein 
Milcen eigentümlicher Art, ein armer, von dem Ge- 
mälde entzückter Fischer Golemberski. Dieses Bild 
zeigt noch geringes Verständnis für korrekte Zeich- 
nung, eine rohe, unausgebildete Maltechuik, aber 
eine würdige und ernste künstlerische Auffassung. 
Nach sieben Jahren schwerer, unaufhörlicher Arbeit 
au der Kunstschule zu Krakau — Matejko's Zeich- 
nung nahm inzwischen den Charakter einer unge- 
wöhnlichen, sklavischen Subtilität an — errang 
Matejko ein Stipendium, das ihm eine Reise nach 
München ermöglichte, die er am 10. Dezember 1858 
antrat. 

In München wurde er, um von neuem eine 
systematische Schule durchzumachen, in den Vor- 
bereitungskursus gewiesen. Eine ganze Reihe aka- 
demischer Akte stammen aus jener Zeit. Gleich zu 
Anfang hatte Matejko einen Studienkopf mit Blei- 
stift ausgeführt, der dem Prof. Anschütz dermassen 
gefiel, dass er sich damit sofort zu W. v. Kaulbach 
begab, um ihm denselben zu zeigen. Die Aner- 
kennung, die Matejko's Arbeiten an der Münchener 
Akademie fanden, ist mit einer Medaille für eine 01- 
farbeustudie bekräftigt worden, — es war der erste 
Ehrenpreis in seinem Leben. Ausser den erwähnten 
Schularbeiten beschäftigte sich Matejko eifrig mit 
dem Studium der Kunst- und Kostümgeschichte und 
füllte seine Mappen mit Aquarellen von durchwegs 
historischen Stoffen. In München ward dann auch 
sein erstes bedeutenderes Bild angefangen, die »Ver- 
giftung der Bona Sforza" (Abbildung in Matejko's 
Album). Dasselbe legt in der Wahrheit und drama- 
tischen Lebendigkeit des Ausdrucks und der Insce- 
uirnng, sowie in der schon ganz charakteristisch 
Matejko'schen Zeichnung und Malerei ein sprechen- 
des Zeugnis für das hervorragende Talent des 
Malers ab. Der Aufenthalt in München hat auf 
seine künstlerische Entwickelung klärend einge- 
wirkt; von jener Zeit an hat er seinen eigenen Stil. 
Das erwähnte Bild ist somit der Markstein seiner 
Jugendzeit. Nach zehn Monaten des Verbleibens 
in München, wovon zwei Monate für die schwere 
Erkrankung am Typhus entfallen, trat er die Rück- 
reise nach der Heimat an. 

Nach erfolgter Heimkehr beschloss der junge 



Künstler, die während seiner acht Studienjahre ge- 
sammelten Materialien zu bearbeiten und als Werk 
zu veröffentlichen. Binnen kurzer Zeit erschienen 
dauuds (1860) die Tafeln der gediegenen kultur- 
und kostümgeschichtlichen Publikation, welche einen 
wichtigen Behelf zum Entstehen seiner künftigen 
Schöpfungen bilden sollte. In dieser litterarisch- 
artistischen Arbeit hat der Meister gewissermassen 
das Programm seiner späteren Thätigkeit auf dem 
Gebiete der historischen Malerei niedergelegt. Sie 
umfasst die Zeitperiode von 1200 — 1795, die er auch 
thatsächlich im Laufe seines regen Lebens skrupulös 
durchgearbeitet und aus welcher er beinahe alle 
wichtigeren Momente der vaterländischen Geschichte 
durch bedeutungsvolle, tief durchdachte, die Epochen 
genial charakterisirende Bilder verherrlicht hat. Das 
Werk enthüllt uns in dem sechzehnjährigen Knaben 
einen Forscher, der die ernsten und langwierigen 
Studien nicht scheute, um sein Ziel zu erreichen. 

Diejenigen, die ihn in jenen jungen Jahren ge- 
kannt haben, erzählen, wie er schon damals uner- 
müdlich thätig und arbeitsam war, alles, was ihn 
umgab, aufmerksam erforschend, die Natur mit ihren 
Offenbarungen, den Menschen mit seinen Seelenbe- 
wegungen scharfsinnig belauschend. Er sieht den 
Blitz, den Sonnenstrahl in des Menschen Angesicht, 
sieht seine innerste Erregung, sein Erstaunen, die 
Enttäuschung, die Angst, den Schrecken und den 
Schmerz, die Freude, die Bewunderung und das Ent- 
zücken, wie sie sich in seinem Auge widerspiegeln, 
und wie sie seinen Körper zur charakteristischen 
Bewegung reizen. Seine Mappen füllten sich mit un- 
gezählten Studien und Skizzen, man begegnete ihm 
in allen öffentlichen Bibliotheken studirend, in den 
Ausstellungen und Privatsammlungen die Kunst- 
gegenstände abzeichnend, in den Kirchen, Schloss- 
ruinen, innerhalb des schmutzigen, jüdischen Stadt- 
viertels die alten, halbzerfallenen Häuser durch- 
spähend. Keine neue geschichtliche Publikation 
blieb ihm unbekannt: mit einem Worte, durch einen 
riesigen Fleiss bildete sich diese bewunderungswerte, 
genial begabte Natur aus. Später erst ward er in 
seinen Bemühungen sehr unterstützt von dem ge- 
lehrten Bibliothekar Muczkowski, den er durch 
die Schenkung eines seiner Bilder ehrte. Die Stadt 
Krakau, mit ihren Denkmälern, mit den Über- 
resten einstiger Pracht, bedeckt von jahrhunderte- 
langem Staub der Vergessenheit, mit Veit Stossens 
mächtigen Skulptiu^en, den Zunftmalerwerken in den 
Gotteshäusern, der eigentümlichen Architektur der 
Gotik und der Renaissance, — alles insgesamt 



JAN MATEJKO. 



231 



übte auf das jugendliclie Gemüt einen mächtigen 
Zauber aus und gab seinen Werken ihr unverkenn- 
bares Gepräge. 

Das kurze zweimonatliche Verweilen in der Me- 
tropole Österreichs an der Wiener Akademie der 
bildenden Künste (von Mitte Mai bis Mitte Juli ISOO) 
war für Matejko's künstlerische Laufbahn bedeutungs- 
los. Hier hat er unter Direktor Kuben sein Ölge- 
mälde , Johann Kasimir, auf Bielany dem Stadt- 
brande zusehend" (Abbildung im Matejko-Album) an- 
gefangen, aber die auf wenig geschickte Art aus- 
ge.sprochenen Bemerkungen, der Vorwurf der Un- 
kenntnis der vaterländischen Geschichte haben den 
auch sonst ungemein empfindsamen Mann tief ge- 
kränkt und in der Unmöglichkeit, die ihm gegebenen 
künstlerischen Ratschläge zu befolgen, verliess Ma- 
tejko Wien und kehrte nach Krakau zurück. 

Am 26. Oktober 1860 starb sein Vater und er 
bezog nunmehr das väterliche Haus, in dem er ge- 
boren wurde. So endete die Jugendzeit des Meisters, 
welche hier aus dem Grunde ausführlicher behandelt 
wurde, um auf die Einflüsse hinzuweisen, welche zu 
seinem Emporwachsen beigetragen haben. — Im 
Jahre 1861 heiratete Matejko Fräulein Giebultowska 
aus Wisnicz. Aus dieser Ehe sind vier Kinder: 
Thaddäus (Maler), Helene, Beata und Georg ent- 
sprossen. 

Bald finden wir Matejko nun auch auf der 
grossen Weltbühne. Im Pariser Salon des Jahres 
1865 erschien zum ersten Mal ein Bild von ihm: 
„Skarga predigend" und trug ihm die goldene 
Medaille ein, als Siegespreis des internationalen 
Wettkampfes. Die Neuigkeit des gewählten Stof- 
fes, welcher bis dahin beinahe unbenutzt blieb, 
die originelle Auifassung, die unübertroffene Cha- 
rakteristik, alles wirkte zusammen und errang das 
volle Lob der Kritik. — Skarga, der Hofprediger, 
die edelste Seele, ein tiefer Denker und heisser 
Patriot, ein Gelehi'ter ersten Ranges, ein makelloser 
Charakter, die Mustergestalt eines Almoseniers und 
Begründers von humanen Instituten, welche Jahrhun- 
derte ihren wohlthätigen Einfluss auf die Linderung 
der Not der Armen ununterbrochen üben, — steht 
vor unseren Augen, durch den Sonnenglanz verklärt, 
in dramatischer Bewegimg. In hinreissender Be- 
geisterung schleudert er auf die Köpfe des versammel- 
ten Hofes und der Grossen des Staates die donnern- 
den, prophetischen Worte von den traurigen Folgen 
des Mutwillens im öffentlichen Leben, und mit un- 
erschrockenem Mute verweist er den Magnaten ihre 
Au.sartung. Er predigt beredt von dem Bedürfnisse der 



Einheit in der Religion, von der Konsolidiruug der 
sozialen Verhältnisse und idealer Gesetzgebung. Vor- 
gebeugt sitzt der König Sigismund 111. da, ein Mann 
der halben That. Aber nicht gegen den König richtet 
sich die Glut der Beredsamkeit, denn Skarga ist 
selbst eine mächtige Stütze des Thrones, sondern gegen 
die in nächster Nähe zwischen ihm und dem König 
stehende Gruppe der drei rebellischen Magnaten aus 
dem Jahre 1606, den ehrgeizigen Kronmarschall Ni- 
kolaus Zebrzydowski, den dämonisch dreinschauenden 
Fürsten Janusz Radziwill und den „Teufel" Stanislaus 
Stadnicki. Schaut, sagt durch sein Bild der Meister, 
in der zügellosen Freiheit des privilegirten Standes, 
welche die, wenn auch theoretisch schönsten, Gesetze 
des Staates zu nichte macht, in der Ungebundenheit der 
stolzen Oligarchen, die, nicht achtend die königliche 
Gewalt, gleich dem Könige im Lande wirtschaften, 

— darin liegt die eigentliche Ursache des Verder- 
bens, und zur Bestätigung dessen geleitet uns Matejko 
in den die erste Teilung Polens beschliessenden 
Reichstag zu Warschau (gemalt im Jahre 1865 — 66, 
Abbildung in Matejko's All)um) und zeigt uns das 
Eintreffen der Prophezeiliung Skarga's. Am Boden 
rollt das russische Gold, durch die halboffene Thür 
funkeln drohend die Bajonnette des Feindes und im 
Saale spielt sich ein Drama ab, erhaben und furcht- 
bar, wie wenn ein durch den Seesturm zertrümmertes 
Schiff mit seinen Insassen in den Meereswellen unter- 
geht. Den verruchten, durch des Feindes Gold ge- 
wonnenen Wüstlingen gegenüber liegt am Boden der 
weitblickende Repräsentant des unterjochten Landes 

— Rejtan. Er wirft sich auf die Erde mit dem 
Ausrufe: „Nur über meinen Körper dürft Ihr zu so 
böser That schreiten." Derselbe Rejtan , der aus 
grenzenloser Vaterlandsliebe später im Wahnwitz 
sein Leben endete. — Auf der Pariser Weltaus- 
stellung des Jahres 1867 sah der Kaiser von Oster- 
reich dieses Gemälde und wendete dem Meister seine 
hohe Gunst zu. Er kaufte das Bild um 50 000 fl. 
aus seiner Privatschatulle und dekorirte den Künstler 
mit dem Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens. (Ab- 
bildung des Gemäldes in Matejko's Album.) Das Bild 
hat in seiner Heimat eine scharfe Kritik hervorge- 
rufen , man war unzufrieden damit, dass Matejko, 
statt die schönen Momente der nationalen Geschiciite 
darzustellen, an die bitteren Erfahrungen und Ei'- 
lebnisse erinnerte. Diesen Tintenkampf gegen ihn 
spiegelte der Maler selbst ab, indem er um diese 
Zeit (1867) ausser dem bekannten Bilde „Der Alche- 
mist" „Das Verlesen des Todesurteils* auf die Lein- 
wand warf, in welchem letzteren Bilde er selbst im 

30* 



232 



JAN MATEJKO. 



Busshenul am Priiiiger stellt, die Kritiker über als 
wohlweise Richter, ernste Kerkermeister imd Schart- 
riehter fuugiren. 

Andrerseits Hess der Krakauer Meister nicht 
lange auf sich warten, um das von ihm aufgestellte 
Thiitigkeits- und zugleich Lebensprogramm weiter 
zu entwickeln. Ein belangvolles Ereignis wai'd jetzt 
zum Motiv gewählt, ein Gegenstand, dessen leitende 
idcr in den Worten ..Durch die Einheit werdet ihr 



liehen „Bathory vor Pskow" (Abb. in den „Denkmälern 
der Kunst") aus. Die Tapferkeit der polnischen Sol- 
daten unter der Führung des Heldenkönigs erfocht 
über die nordische Macht bedeutende Siege, die bei 
Pskow ihren Abschluss fanden — sie schnitten das 
Zarenreich vom Baltischen Meere ab — die Politik des 
Jesuiten Possevino hielt den König in seinem sieg- 
reichen Fortschreiten auf und der Tod des Bathory 
vernichtete den grossartigen Plan, Russland aus Europa 




Kinder des Künstlers. Gemälde von Jan Matejko. 



stark werden" ausgesprochen ist, „Die Union 
von Lublin" (Abbildung in den „Meisterwerken der 
Holzschneidekunst" und im Matejko-Album). Im 
Jahre 1569 haben sich Polen und Lithauen eidlich 
die Brüderschaft gelobt und treu dieselbe seitdem 
gehalten. Stark und geachtet war das Polenreich in 
dem Augenblicke, wo vor Gott und vor dem Könige 
das Knie des Magnaten sich beugte. Das Gemälde 
wurde im Wege der öifentlichen Sammlungen für 
das Landtagsgebäude in Lemberg angekauft. Aus 
Paris langte um diese Zeit (1870) die Auszeichnung 
der Ehrenlegion für Matejko an. 

Im Jahre 1871 stellte der Meister seinen treft- 



zu verdrängen. — Als Gegenstück dazu vollendete der 
Künstler im Jahre 1875 in der erstaunlich kurzen 
Zeit von einem Monate das Bild des ruhmvoll be- 
siegten Gegners Bathory 's und Tyrannen des eigenen 
Volks „Iwan des Schrecklichen". Das Bild ist trotz 
der oberflächlichen, beinahe skizzenhaften Behand- 
lung von hochtragischer Wirkung. Es veranschau- 
licht den schrankenlosen Despotismus, der, ähnlich 
wie in der grossen französischen Revolution, in der 
massenhaften Hinschlachtung Unschuldiger gipfelte. 
Es folgen sodann „Maciek Borkowic" (1872j, 
„Nikolaus Kopernikus" (1873) und mehrere Porträts. 
Die frauzösische Akademie ernannte den Meister zum 



JAN MATEJKO. 



233 



korrespondirenden Mitgliede und aus Prag kam die 
Einladung, die dortige Direktorstelle an der Aka- 
demie der bildenden Künste zu übernehmen. Jedoch 
die geliebte Heimat zu verlassen, konnte sich Matejko 
nicht entschliessen. Krakau, welches auf seinen Mit- 
bürger stolz ist, hat ihm dafür die herzlichsten 
Manifestationen bereitet. Die angesehensten Männer 
begaben sich damals nach Wien, um die Abänderung 



Bild ist „Veit Stoss", eine von Matejko mit Vorliebe 
behandelte Gestalt, die den beiden Städten Krakau 
und Nürnberg angehört. Durch diesen mittelalter- 
lichen , leidenschaftlich schöpferischen Geist ange- 
zogen, vielleicht auch durch eine gewisse Wahlver- 
wandtschaft, die scharfe Charakteristik und Energie, 
welche beide kennzeichnet, kehrte Matejko zu diesem 
Thema in den Jahren 1855, 1862, 1863 und 1865 immer 




des von der damaligen Regierung gefassten Planes 
zu erwirken, die Kunstschule in Krakau zu schliessen, 
— und es gelang. 

Am 30. August 1S73 erfolgte die kaiserliche 
Ernennung Matejko's zum Direktor der neuorgani- 
sirten Kunstschule. Dieselbe hat ihre weitere Ent- 
wickelung und fortschrittliche Umgestaltung aus- 
schliesslich dem neuen Führer zu verdanken. 

Matejko's Historiengemälde lassen sich in poli- 
tisch geschichtliche und in kulturhistorische einteilen. 
Die letzteren vervollständigen die erstereu zu einem be- 
deutungsvollen Ganzen. Ein solches kulturhistorisches 



i 1^1 11 



wieder zurück. Es ist ein wunderbares Paar, welches 
am Palmsonntag in die Sebalduskirche zu Nürn- 
berg tritt — der blinde neunzigjährige Greis mit 
durchgebrannten Backen, mit einem edelgeformten 
Kopf, den der tiefe Schmerz über die erlebte Schmach 
durchrieselt — geführt von der Enkelin, dem lieb- 
lichen, unschuldigen Gretchen, welches ihn zu seinen 
Skulpturen leitet, um sie mit der Hand, wenn nicht 
mit dem Auge, berühren zu können. 

Im Jahre 1874 folgte „Die Einweihung der 
Sigismuudglocke". An einem sonnigen Tage des 
Frühjalirs 1521 sollte in Anwesenheit des Hofes die 



234 



JAN MATE.1K0. 



grösste Glocke in Polen in tli-r Katliedmle der 
Hauptstadt aufgezogen werden. Die Pi-acht strotzt 
in Farben und goldig schimmert die Sonne und 
blendet das Auge; die schönsten Frauen, die Kava- 
liere, Senatoren und Pagen umringen das kunst- 
sinnige Königspaar, der Fürstbischof hat die kirch- 
liche Weihung erteilt und 

„Jetzo mit der Kraft iles Stranges 
Wiegt die Glock' mir aus der Gruft, 
Dass sie in das Reich des Klanges 
Steige in die Himmelshift." 

Oberhalb der Glocke steht der Meister Ilaiifi 
Bcltnni aus Nürnberg, eine männliche, kräftige, künst- 
leri.'^che Gestalt; er schwingt seinen Hammer und 
giebt den ersten bedeutungsvollen Schlag. 

Da tönt ein sonorer, voller G-Tou mit einem 
ernsten, langdauernden Nachklange, die sich zu einem 
rührenden Ganzen verschmelzen , erhebend auf die 
Versammelten wirkend. Alles horcht herzbeklemmt 
auf den wunderbaren Klang, gerührt an das Gerüste 
gelehnt steht mit seiner Laute, die in Resonanz den 
Ton wiederholt, der Hofmusiker Backfark. Nur 
eine Dissonanz dringt in die Luft, nur ein Kontrast 
sticht aus dem Bilde hervor: er ist verkörpert 
in dem hellseherischen Hofnarren zu Füssen des 
Thrones. Mit einem Aufschrei starrt Stanczyk in 
die Leere, — in seinen Ohren läutet ein Klage- 
ruf der Glocke über die Zukunft dieses Volkes, er 
will ihn nicht hören und hält sich die Ohren mit 
einer heftigen Bewegung zu. — Überall erscheint 
dieser witzige und geistvolle Hofnarr der Jagellonen, 
Stanczyk. Sein Wesen hüllt sich in die Rolle eines 
tiefsinnigen Staatsmannes, der die Folgen der poli- 
tischen Fehltritte immer richtig zu beurteilen weiss. 
So zeigt er sich in dem noch im Jahre 1S62 ge- 
raalten Bilde, dar-stelleud den Stanczyk am Tage der 
angekommenen Nachricht von der Einnahme der 
Stadt Smolensk durch russische Truppen (Abb. im 
Matejko- Album). Der Anblick des traurigen, an die 
Zukunft denkenden Hofnarren erschüttert den Zu- 
schauer durch den Gegensatz gegen die Figuren des 
Hintergrundes, die lustigen Teilnehmer des Hofballes, 
die sich arglos der Kurzweil und der Tanzlust hin- 
geben. Derselbe Hofnarr erscheint in den Bildern: 
, Stanczyk, Zahnschmerzen simulirend", „Gamrat mit 
Stanczyk" und „Huldigung Preusseus". 

Auf die Person Matejko's zurückkommend, wollen 
wir hier einfügen, dass im Jahre 1875 auf ihn eine 
Denkmedaille geprägt wurde. 

Wie Matejko sich eine Sclilacht des Mittelaltei-s 
vdrstcllt, veranschaulicht er in dem Gemälde: „LMe 



Schlacht bei Grunwald" (gemalt 1878). Da stürmen 
die mit Schwert und Lanze bewaffneten Ritter auf- 
einander los, begleitet von dem Fussvolk, das im 
hartnäckigen Kampfe um den Sieg ringt. Es han- 
delt sich um die Waffenthat des lithauischen Gross- 
fürsten Witold, der an der Spitze des polnischen 
Heeres einen Sieg über die deutscheu Ordensritter 
davontrug und dadurch deren Ausbreitung für lange 
Zeit hemmte. 

In eine uns näherliegende Zeitperiode führt uns 
,,Die Huldigung Preussens im Jahre 1525" (vollendet 
im Jahre 1882). Der gutmütige König Sigismund I., 
statt die Landschaften des in der Auflösung sich be- 
findenden Ordens Polen einzuverleiben, lässt sich zu 
einem politischen Fehltritt verleiten und willigt ein 
in die Säkularisation Preussens, mit seinem Schwester- 
kinde, dem Fürsten Albrecht von Brandenburg, als 
Lehensmann an der Spitze. Dieser Akt bedeutet eine 
folgenschwere Errungenschaft der Brandenburger 
Politik, welche nur einen Huldigungseid vor dem 
königlichen Oheim gekostet hat. Der Pomp der 
königlichen Herrlichkeit und der Jubel über das 
äussere Gepränge des mit Gold beschenkten Volkes 
vermögen nicht des Königs kummervolles Angesicht 
zu erheitern. Auf den Thronstufen sitzt wieder jener 
mahnende Geist der Staatsklugheit — Stanczyk, 
dessen Seele abwesend, teilnahmslos vertieft in die 
Zukunft, dreinschaut. Man kann ihn vergleichen mit 
dem Narren des Königs Lear. An das Gemälde knüpft 
sich die Erzählung, dass ein hervorragender spani- 
scher Maler, als er dasselbe in Rom sah, tief er- 
schüttert der Leinwand sich näherte und die Hand 
derjenigen Gestalt küsste, durch welche der Meister 
auf seinem Bilde porträtirt erscheint. 

Das Jahr 1878 brachte dem Meister weitere 
Zeichen der Anerkennung. Die Raffaelakademie zu 
Urbino übersandte ihm das Diplom des korrespon- 
direnden Mitgliedes, in Paris ward ihm für die 
„Union" die grosse goldene Ehrenmedaille zuerkannt 
und am 29. Oktober veranstaltete man für ihn eine 
grosse Ovation in Krakau. Von allen Seiten, wohin 
die polnische Zunge dringt, kamen die Abgesandten 
der verschiedensten Institute, um das hohe Verdienst 
des Meisters um die heimische Kunst zu feiern. Als 
Ehrengeschenk erhielt er ein Scepter, das Symbol der 
königlichen Würde in der Kunstwelt. 

Die folgenden Jaltte, in denen eine Fülle von 
kleineren Bildern und Porträts, wie jenes, in der Ab- 
bildung S. 232 wiedergegebene, seiner Kinder (1879) und 
andere entstanden, brachten dem Meister den Besuch 
Sr. Maj. des Kaisers vonösterreich am 2. September 1880. 



JAN MATEJKO. 



235 



In seiner stattlich dekorirteu Wolmnug euiiiliug der 
Meister den Monarchen, welcher ihm bei dieser Ge- 
legenheit die besondere Gunst erwies, dass er das 
durch den Meister dargebotene Bild „Die Zusammen- 
kunft hei Wien von 1515" gnädigst annahm. Ein 
Jahr später (1881) entstand „Die Republik von 
Babin" , die köstliche Darstellung eines im XVI. 
Jahrhundert gegründeten humoristischen Gelehrten- 
vereins voll aus dem Leben gegriffener lustiger Motive. 
Zur zweihundertjährigen Jul)iliiumsfeier des Entsatzes 
von Wien und der Befreiung des bedrängten Christen- 
tums aus der drohenden Gefahr der Türkenmacht im 
Jahre 1683 schuf Matejko sein Kolossalgemälde 
„Johann Sobieski vor Wien". Das allgemein be- 
kannte Bild braucht hier nicht näher besprochen zu 
werden. Matejko widmete dasselbe zunächst der 
Nation, mit dem ausgesprochenen Wunsche, dieselbe 
möge es als Nationalgeschenk dem Papste Leo III. 
verehren. Das W^erk hat neben den Stanzen Raf- 
faels im Vatikan seinen Ehrenplatz gefunden. In 
einer Privataudienz händigte der Papst persönlich 
dem Meister dafür das Kommandeurkreuz des Pius- 
ordens mit dem Stern ein. 

In demselben Jahre feierte Matejko das fünf- 
undzwanzigjährige Jubiläum seiner künstlerischen 
Thätigkeit. Durch eine Ausstellung der Werke des 
Meisters in Krakau und durch die dargebrachten 
Ovationen wurde der denkwürdige Tag aufs würdigste 
begangen. 

In der letzten Zeit (1883—1889) beschäftigten 
Matejko zwei seiner grössten Schöpfungen, die als 
Gegen.stücke zu betrachten sind, „Die Jungfrau von 
Orleans" und „Kosciuszko bei Raclawice". Schiller 
und Matejko haben die Jungfrau von Orleans 
nicht der fremden, sondern der eigenen Nation 
wegen dargestellt, und beide Werke können infolge 
der Meisterschaft der Auffassung und Durchfüh- 
rung als Eigentum der ganzen Menschheit bezeich- 
net werden , weil sie die erhabensten Empfin- 
dungen wecken, dabei aber gleichwohl zum Ruhm 
und zur Ehre des engeren Vaterlandes die Gedenk- 
steine liefern. Es wäre daher nicht gerecht, wenn 
man in Matejko's „Jungfrau von Orleans" (188G) 
bloss eine Illustration der schönen französischen Ge- 
schichtserzählung sehen wollte, um sie willkürlich 
je nach nationaler Empfindsamkeit zu beurteilen, 
nein , es ist in derselben der Triumph der Unter- 
drückten überhaupt zu erblicken und zugleich die 
Hinweisung auf eine höhere Macht , in welcher die 
Geschicke der Welt ruhen. Die einfache Dorfmagd 
ergreift die Fackel des Nationalbewusstseins und ent- 



flammt die in jedem edleren MenschenluTzen ruhende 
Vaterlands- und Freiheitsliebe. Gleich einer Lawine 
fängt die Bewegung zuerst klein und langsam an, 
wird dann immer allgemeiner, mächtiger und endlich 
zu einer Riesenkraft, die alles um sich her nieder- 
reisst, alle Hindernisse zerschmettert, wenn der Tag 
des Sieges und der Erlösung gekommen ist. Vom 
Himmel herab ertönen die Worte der Friedensengel: 
,.He.il! Heil der Jungfrau, der Krretterin!" 
und 

., Reims öffnet seine Thore, alles Volk 
Strömt jauchzend seinem Könige entgegen. 



und einer Freude Hochgefühl entbrennt ; 
Und ein Gedanke schlägt in jeder Jrust, 
Was sich noch jüngst in blut'gem Hass getrennt. 
Das teilt entzückt die allgemeine Lust." 

Das stellt das Bild dar. Bedeutsam ist die Wir- 
kung, welche Matejko's geniales Werk im Lande 
hervorrief. Diejenigen, die es gesehen, kehrten immer 
wieder zurück; in dem überfüllten Saale herrschte 
eine weihevolle Stille, — da fiel vor das Gemälde 
eine Blume aus der Menge und an einem Tage, 
wie nach Verabredung, füllte sich der Boden mit 
einer Unzahl von Blumen und Kränzen. Der Meister 
war verstanden! 

Im Mai 1888 ging aus dem Atelier Matejko's 
dann das kolossale Gemälde „Kosciuiszko bei Racla- 
wice" hervor. Der Freiheitsheld zweier W^eltteile 
belebte das Selbstbewusstsein des im Frondienste 
jahrhundertelang niedergehaltenen Volkes, jedoch 
nicht nach Art französischer Revolutionäre. Durch- 
drungen von den Grundsätzen seines edlen Freundes 
Washington, wandte er sich ab sowohl von den Ja- 
kobinern als auch von jenem Teile der altpoluischen 
Szlachta, die nichts von einer Gleichberechtigung der 
niederen Stände hören wollte; aber er fühlte sich als 
Anführer des Volkes, welches er allmählich in seine 
Rechte einsetzen wollte, jenes Volkes, das unter der 
Wirkung der Manifeste Kosciuszko's wie unter einem 
Zauber aus dem heimatlichen Boden emporwuchs. 
Sein Heldenruf begeisterte die schlecht bewaffnete 
Menge i die er in kürzester Zeit zu einer tüchtigen 
und schlagfertigen Armee heranbildete. Das Geklin- 
der Sensen, der Anblick der roten Krakuska erfüllte 
den Feind mit einem Schreckensfieber, und die Wut des 
AngriÖ's überwand die überlegene Anzahl des Feindes. 
Es siegte die Kraft der Begeisterung für das Vater- 
land, für Religion und Freiheit, die sich endlich in 
der enthusiastischen Begrüssung des Helden äusserte. 
Diese Szene schildert uns das Gemälde (s. S. 233). 

Das Bild war für das Nationalmuseum in Krakau 



na 



JAN MATE.TKO. 



gemalt, und richtig bt'zeiuhnete es Graf A. Potocki 
in seiner Ansprache an Matejko bei Empfang- 
nahme des Meisterwerks, indem er sagte: „Es ist ein 
Strahl der Vaterlandsliebe, der das grosse Herz des 
Volkes erleuchtet.'' Der Gedanke des Werkes hat 
aber auch in den Stimmen der Presse weit über die 
Grenzen des Vaterlandes hinaus einen verständnis- 
vollen Widerhall gefunden. 

Im Jahre 1889 entstand „Die Aufnahme der 
Juden in Polen durch den König Ladislaus Herman" 
(1096). Dasselbe befindet sich im Besitz des in Wien 
ansässigen Reichsratsabgeordneten Dr. A. Rapoport. 

Am 14. Jnni 1887 verlieh die Jagellonische Uni- 
versität zu Krakau Matejko die Doktorwürde honoris 
causa. Am 28. Juni 1887 besuchten sein Atelier 
der Kronprinz von Osterreich, Erzherzog Rudolf, 
mit seiner durchlauchtigsten Gemahlin. Auch wurde 
er um dieselbe Zeit mit dem neugeschaffenen gol- 
denen Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft de- 
korirt. Ausserdem erhielt der Meister im Laufe der 
Jahre die Ehrentitel von der Akademie der bilden- 
den Künste in Wien, von derselben in Berlin, von 
der wissenschaftlichen Gesellschaft in Belgrad, dem 
wissenschaftlichen Vereine in Posen, das Ehren- 
bürgerrecht der Städte Krakau, Lemberg,Przemysl u. a. 
— Die letzte Anerkennung und Auszeichnung, die 
Matejko zu teil wurde, war die einstimmige Er- 
nennung zum Ehrenuiitgliede der Wiener Künstler- 
genossenschaft. 

Wenn man sich alle die umfangreichen Werke 
des Meisters vor Augen hält, so muss man staunen 
über die Zahl und Gestaltenfülle dieser tief- 
durchdachten Schöpfungen. Mit dem Blicke des 
scharfsinnigen Beobachters übersieht der Künstler 
alle Momente des politischen und sozialen Volks- 
lebens, erwägt die Ursachen des politischen Ver- 
falls , die schwachen und guten Seiten des Volks 
und seiner Führer, und so schildert er in seinen 
Werken die Geschichte der eigenen Nation; er schöpft 
aus der Quelle der ungeschminkten Wahrheit und 
bringt alle wichtigen Momente zur Anschauung, 
gleichviel ob sie Ruhm oder Verderben mit sich ge- 
bracht. Deshalb erscheinen uns Matejko's Schöp- 
fungen wie ein wunderbares Buch der Weisheit, aus 
welchem alle Völker Beispiele und Erfahrungen 
schöpfen können. In der Darstellungsweise der Er- 
eignisse, in der Kraft des Ausdrucks und dem tiefen 
Sinne seiner Werke ist Matejko mit Shakespeare zu 
vergleichen. Statistenfiguren leidet er nicht, alle 
seine Gestalten haben, trotz der häufigen Überladung 
seiner Bilder, immer einen historischen oder allego- 



rischen Wert und alle kennzeichnen den Grund- 
gedanken des Meisters oder die Epoche. Er wieder- 
holt es oft seinen Schülern, dass der schöne Gedanke, 
die erhabene Idee immer den Vorrang vor den gefäl- 
ligen Mitteln und der Form haben soll. 

Die Behauptung mancher Kritiker, dass in Ma- 
tejko's Bildern der Rachegeist zum Vorschein komme, 
ist nicht richtig. Nach Schiller hat die Rache, „wo 
sie sich auch äussern mag, etwas Gemeines, weil sie 
einen Mangel an Edelmut beweist." Wie ein goldener 
Faden zieht sich durch Matejko's Schöpfungen eine 
glühende, alles veredelnde Vaterlandsliebe. Er führt 
dem Zuschauer die Verirrungeu seiner Nation vor 
Augen, weil er ihm die Folgen des Bösen zeigen 
will, stellt die Korruption und die Unthat mit 
Verachtung an den Pranger und geleitet uns zu 
grossen Thaten und zum Sieg, um zu zeigen, wie 
gross die innere Kraft des Volkes war und ist. Er 
ermuntert, erinnert an die eigene Kraft und beweist, 
dass diese sich oft bewährt hat, zeigt die frühere 
Macht des zerfallenen Staates, führt seine Geistes- 
grössen vor und prophezeit seine Zukunft. Matejko 
zeigt sich darin als ein grosser Patriot, er will den 
Geist seiner Nation gesund und kräftig sehen, will 
denselben durch die Anschauung seiner ruhmreichen 
Geschichte stärken und mit der Hoffnung auf eine 
bessere Zukunft erfüllen, daher kann er mit dem 
Dichter sagen: 

„Nun leibt und lebt mein Geist in meinem Lande, 
Mit meinem Leibe sog ich seine Seele ein. 
Ich und mein Vaterland sind eins. 
Ich heisse Million, denn für Millionen 
Lieb' ich und leide!" 

(Mickiciricx, Improvisation.) 

Nur in knappen Worten wollen wir über Ma- 
tejko's Person sprechen. Die Abbildung zeigt die 
ungewöhnlichen, stark markirten Gesichtszüge des 
Künstlers (nach einer Photographie von A. Szubert 
in Krakau). Er ist von kleiner Gestalt, wohlklingen- 
der Stimme, leicht, aber ernst in seiner Bewegung. 
Von zehn Uhr morgens bis zur späten Abendstunde 
arbeitet er in seinem Atelier, Diese Stunde abwar- 
tend, umgeben Scharen von Armen die Ausgänge 
der Kunstschule. Wohlthätigkeit zu üben , ist ein 
Bedürfnis seines edlen Herzeus. Bis in die späte 
Nacht vertreibt er sich dann die Zeit im Kreise seiner 
Familie, setzt sich oft zum Klavier, um in der Well 
der Töne die Inspirationen zu seinen malerischen 
Schöpfungen zu suchen. Zur Charakterisirung seiner 
Opferwilligkeit genügt es, daran zu erinnern, dass 
er die grössten Gemälde: „Joh. Sobieski bei Wien", 
„Huldigung" und „Johanna d'Arc" der Nation zum 



•lAN MATEJKO. 



237 



Geschenke gemacht hat. Auf wiederholten Keisen be- 
suchte er Deutschland, Frankreich, Italien, Russland 
und die Türkei. Im öifentlichen Leben interessirt sich 
Matejko eifrig für alles, in Kunstsacheu ergreift er 
immer das Wort und wirkt in dieser Richtung sehr 
erspriesslich. Bei der Frage der Errichtung eines 
Monumentes für den Dichter Mickiewicz lieferte Ma- 
tejko einen tretilichen, höchst originellen Entwurf, 
der von dem Bildhauer Orulomski gut empfunden und 
verstanden in Gips verkörpert wurde, dessen Aus- 
führung in Bronze aber der vorzeitige Tod des ener- 
gischen Landesmarschalls Zyblikiewicz vereitelt hat. 
Der Nebenbeschäftigung in Mussestunden entstammen 
ungezählte Zeichnungen , Skizzen und Entwürfe, 
worin sich das Genie des Meisters oft in wunder- 
barer Weise kundgiebt. Wir nennen die prächtigen 
zwölf Ölskizzen zur Kulturgeschichte Polens, die 
geistreichen Bleistiftskizzen für das Lemberger Poly- 
technikum, für den Ikonostas der griechisch-katho- 
lischen Kirche in Krakau, für den Hochaltar auf 
dem Wawel mehrere Bilder religiösen Inhalts und 
endlich seine Porträts, die zu den vorzüglichsten 
unserer Zeit zu zählen sind. Auch in der kirchlichen 
Wandmalerei wird Matejko's Name noch in späteren 
Jahrhunderten rühmend genannt werden. Mit wahrer 
Aufopferung seiner gebrochenen Gesundheit leitete 
der Meister die künstlerischen Arbeiten für die poly- 
chrome Ausmalung der kürzlich prachtvoll restaurir- 
ten gotischen Marienkirche in Krakau. Alle Ent- 
würfe und Kartons sind sein eigenstes Werk. Dabei 
erregt die wunderbare Auffassung der Gotik, bei 



einem Meister, dessen sonstiger Stil sich eher dem 
Barocco nähert, Erstaunen und Bewunderung. Trotz 
vielfacher Opposition drang er mit seinen Entwürfen 
durch. Er verstand es, viele seine Schüler anzueifern, 
an dem von ihm geschaifenen heiligen Werke un- 
eigennützig mitzuwirken, dessen Zustandekommen 
er mit aller Mühe und noch überdies durch eine 
namhafte Geldspende unterstützte. Und so werden 
wir in nächster Zeit ein Denkmal des Genius und 
Fleisses Matejko's bewundern können, geschaffen an 
einer heiligen Stätte, an welcher er so oft seine 
stille Andacht zu verrichten pflegte. Indem wir den 
grossen Meister in seiner genialen Schaffenskraft 
auch auf dem Gebiete der Kirchenmalerei kennen 
gelernt haben, hegen wir den heissesten Wunsch, 
dass ihm der Himmel seine Gesundheit und seine 
Kräfte auch weiterhin erhalte, damit auch das herr- 
lichste und schönste Denkmal der einstigen Grösse 
und Blüte Polens, die Schlosskirche in Krakau, 
von ihm nach seinen Angaben und in seiner Geistes- 
grösse wiederhergestellt werde. 

Es war unsere Aufgabe, eine kurze Biographie 
des Künstlers zu geben und die geistigen Wurzeln 
aufzudecken, die den Meister zu seineu eigenartigen 
Schöpfungen getrieben haben. Die Frage, wie er 
die so grossartig angelegte Aufgabe gelöst hat, wie- 
weit er in Komposition und Ausführung der Sache 
gewachsen war, die Frage nach seiner Bedeutimg 
anderen Meistern und Schulen gegenüber, diese zu 
lösen, möge der Zukunft und einer anderen Feder 
vorbehalten bleiben. 




sterbender Krieger. DrutlisUiuk luis Uciu Kuociuszku, vuii J.i.\ .AIate.iko. 
Zeitsehril't für liildende Kunst, N. F. I. 




Fig. 1. Buddha-Kloster uiul Felseiltempel von Ajnnta 



INDISCHE MALEREI. 

VON /.. IL FISOBEn. 
MIT ABBILDUNGEN. 




Fig. 2. Buddha. 
Aus den Fresken von Ajunta. 



'ÜR DAS geistige Le- 
hen eines Volkes sind 
seine Kunstleistungen 
ein sicherer Massstab. 
Der Schaffenstrieb, 
der einen Staat bildet, 
diesen befestigt und 
vergrössert, die Riva- 
lität auf allen Gebieten 
des Geistes mit andern 
Völkern und Staaten 
treibt auch die Blüten 
der Kunst. Stehen- 
bleil)en ist Rückschritt, der sich am frühesten und 
auffallendsten in der Kunst bemerkbar macht. Die 
orientalischen Völker befinden sich zumeist in einem 
solchen konservativen Zustande. Die einzige Fähig- 
keit, welche sie noch bewahrt haben, ist die, zähe 
an ihren geistigen Errungenschaften zu halten, ohne 
sich selbst bewusst zu sein, wie die Erinnerung an 
die einstige geistige Grösse immer mehr verblasst. 
Staaten und Religionen haben ihre Analogien, 
die sich auch in der Kunst ausdrücken. Betrachtet 
man heute jene byzantinischen Heiligen, welche uach 
alten Mustern für die orthodoxe russische Kirche 
gemalt werden, so wird man wohl die Empfindung 
haben, dass die Kunst auf diesem Gebiete wenig 
mehr zu erwarten hat. Die Geschichte dieses Kunst- 



zweiges ist abgeschlossen und kann nur zurückgrei- 
fend auf Besseres stossen. 

Die Kunst in Indien ist in demselben Stadium, 
und es würde sich kaum der Mühe lohneu, sich mit 
ihr zu befassen, wenn sie uns nicht zurückführen 
würde zu jenen Zeiten, in denen sie noch schaffend 
auftrat. Es hat offenbar in der Geschichte Indiens 
einen Zeitpunkt gegeben — und dieser scheint 
gar nicht so weit hinter uns zu liegen — in wel- 
chem in dem geistigen Leben ein absoluter Still- 
stand eintrat. Dieser äussert sich auch in allen 
Teilen der Kunst und des Kunsthandwerkes und 
hängt wahrscheinlich mit der gänzlichen Unter- 
drückung Indiens durch die Engländer zusammen, 
welche den ohnedies selten übersprudelnden Geist der 
Indier vollständig lahm legten, indem sie diesen alle 
geistigen Arbeiten abnahmen. 

Die indische Malerei bietet heute thatsächlich 
ein klägliches Bild und ist, wie die indische Kunst 
überhaupt, nur insofern interessant, als sie noch ihre 
alte Technik bewahrt und an derselben strenge fest- 
hält. Sie ist mit einem Wort eine schlecht konser- 
virte Kunst früherer Jahrhunderte. 

Am meisten bekannt sind die modernen indi- 
schen Miniaturen auf Elfenbein, welche eine sehr 
aiisgebildete Technik und minutiöse Ausführung be- 
kunden. Die manuelle Fertigkeit der Indier ist oft 
geradezu bewundernswürdig, wird aber leider auch 



INDISCHE MALEREI. 



•2S9 



zur Hauptsache. Der goldene Tempel von Amrizar 
auf einen Manschettenknopf gemalt, gilt als Gipfel- 
punkt der Kunstleistung. 

Gemälde auf Papier zeichnen sich durch die- 
selben Eigenschaften aus; nach alten bewährten 
Mustern werden sie fort und fort kopirt, nur die 
Geldgier des Indiers veranlasst manchmal einen Maler, 
von den gewohnten Motiven abzuweichen und bei- 
spielsweise Volksscenen zu malen, weil diese von 
Reisenden gerne gekauft werden. Wie gedankenlos 
ein Indier arbeitet, sah ich in Agra. Der Taj gilt 
als das schönste Bauwerk Indiens und von jeher 
malten ihn indische Maler mit gutem Erfolge; das 
scheint auch vor hundert Jahren so gewesen zu sein, 



Thorbogeu das lebensgrosse Reiterporträt eines Für- 
sten gar nicht schlecht gemalt erscheint. Daneben aber 
laufen an den Wänden die gleichfalls lebensgrossen 
Porträts des ganzen Hofstaates und des Militärs fort, 
welche letzteren eine auffallende Ähnlichkeit mit den 
Soldaten auf schlechten europäischen Kinderbilder- 
bogen haben. 

Die moderne indische Kunst ist nach dem Ge- 
sagten nicht anders aufzufassen, als eine schlecht 
konservirte Kunst früherer Jahrhunderte (Fig. 4 u. 5). 
Die Engländer sind bemüht, den Indiern occidentale 
Kunstanschauungen aufzupfropfen und haben zu 
diesem Zwecke in allen grossem Städten eine „School 
of Arts" errichtet, in welcher die braunen Kunst- 




Fig. 3. Modernes FresUogemälde im Teiniiel vou Taujore. (Nach eigener pliolograplüsclier Aiifnalime.) 



und fort und fort wird der Taj gemalt und ver- 
kauft, die Kunst des Tajmalens ging von Vater auf 
Kinder und Kindeskinder über. Daher kommt es, 
dass heute noch Bilder gemalt werden, auf welchen 
die Figuren Kostüme aus dem vorigen Jahrhundert 
tragen und junge Gartenaulagen gemalt sind, wo heute 
mächtige Cypressen stehen, die auch schon wieder 
die Kinder jener dort gemalten Bäumchen sind. 

Auch auf dem Gebiete der Wandmalerei ist 
dieselbe Beobachtung zu machen. Sowohl der orna- 
mentale Schmuck, aus stilisirten Blumen, der die 
mohammedanischen Bauten ziert, als auch die reli- 
giösen Darstellungen an den Tempelwänden machen 
zuweilen Anspruch auf Kunstwert. Einer alten Tra- 
dition folgend, sind sie mit vielem Geschmack und 
Geschick ausgeführt (Fig. 3). Wo die Maler aber die 
Tradition verlassen, tritt ihre Unfähigkeit sofort zu 
Tage; so in der Residenz vonTanjore, wo unter einem 



Jünglinge mit vielem Fleiss vor der Venus von Milo, 
dem Fechter und dem Diskuswerfer sitzen. Es mögen 
diese Schulen viel Erspriessüches leisten, der indi- 
schen Malerei wird dadurch aber jeder Rest von 
Eigentümlichkeit genommmen. 

Einst waren die Kunstverhältnisse Indiens ganz 
andere; in ältester Zeit war ein frischer Zug und ein 
stetes Vorwärtsschi'eiten zu vermerken. 

Im Nordwesten Indiens finden wir Anklänge 
an die griechische und römische Kultur (200 v. Chr. 
bis 100 n. Chr.), was die Skulpturen an den Buddha- 
tempelu deutlich zeigen; ja die Weiterentwicklung 
dieser Kunst brachte sogar eine Kunsterscheinung 
hervor, in welcher wir eine Art Renaissance und 
Barockzeit zu erkennen glauben. Diese Kunstepoche 
gehört der Herrschaft der Dschainasekte, einer spä- 
teren Abzweigung vom Buddhismus an. 

31* 



21(1 



INDISCHE MAI.EÜEl. 



Dur Kontakt der Mittelnieerslaaleu uiit liuliun 
war iu antiker Zeit ein viel regelbar, als man schlecht- 
hin anzunehmen geneigt ist. Der Umstand allein, 
dass römische Goldmünzen in Indien gangbares Geld 
waren, ist erwiesen, und es haben aucli die Indier 
vielfach diese Münzen für ihre eigenen Prägungen 
zum Muster genommen. 

Über die Malerei, die vergänglichste der Künste, 
haben wir leider erst 
aus viel späterer Zeit 
sichere Daten. 

Es bleibt noch 
eine dankbare Auf- 
gabe der Kunstfor- 
schung, in die Ge- 
schichte der indi- 
schen Malerei einzu- 
dringen; wir stossen 
auf sehr zerstreute 
Kunstwerke, welche 
eine hohe Stufe ein- 
nehmen, aber selten 
erhalten wir sicheren 
Aufschluss über den 
Ursprung derselben. 
Ich habe in Indien 
in den Museen sehr 
viele alte Bilder ge- 
sehen und stets mein 
Augenmerk darauf 
gerichtet; aber nicht 
einmal aus den dar- 
gestellten Personen 
lässt sich ein sicherer 
Auhaltsjjunkt für die 
Zeit, in welcher sie 
gemalt wurden, ge- 
winnen. Solche Be- 
zeichnungen der Bil- 
der sind: Jehangis, 
um 1790 gemalt, 

Shah Zehan II. 1739, 179(1 gemalt, Rajput, 1740 
gemalt, Aladin Muhammed Shah 1290, 17-10 gemalt. 
Noch seltener erfiihrt man den Namen des Künstlers. 
Nur in Bombay fand ich im Museum ein Bild, von 
welchem der Maler bekannt war; es war dies ein 
Porträt Schah AUums II. Der Name des Künstlers 
war Gulan Ali Khan. Im allgemeinen glaube ich nicht, 
dass es indische Bilder giebt, die viel älter als 200 
Jahre sind; wenigstens sind mir keine solchen be- 
kannt, von denen ein höheres Alter nachweisbar wäre. 




Fig. -1. Modeiuei Miniatuigemdldu. Siva uud seine Krau. 
(Sammlung Lanckükonski.) 



Schon allein die Namen weisen nach dem Nor- 
den hin, und es lässt sich auch nicht verkennen, 
dass diese Malereien mit der persischen Kunst in 
Verbindung stehen, wenn sie sich auch auf den ersten 
Blick von dieser unterscheiden. 

Die guten alten Malereien auf Papier, Miniatur- 
gemälde auf Elfenbein, sowie miniaturartige Gemälde 
zu Buchillustrationen gehören fast ausschliesslich dem 
Nordwesten Indiens 
au, jenem Teile von 
Indien, der heute zu- 
meist von Mohamme- 
danern bewohnt ist. 
Wer zum ersten- 
mal eine solche 
Sammlung indischer 
Malereien sieht, ist 
nicht nur von dem 
Kunstwerte dersel- 
ben überrascht, son- 
dern mnss auch un- 
willkürlich an die 
Ijesteu Miniaturen 
unseres Mittelalters 
denken. Besonders 
alle Arbeiten, welche 
aus Delhi stammen, 
zeichnen sich durch 
eine strenge, richtige 
Zeichnung aus, und 
))ei aller Zartheit der 
Ausführung durch 
eine gewisse Gross- 
artigkeit der Auffas- 
sung. Wohl ist bei 
scenischen Bildern 
Perspektive und Dar- 
stellung etwas unbe- 
holfen, aber mit einer 
solch reizenden Nai- 
vetät verbunden, wie 
sie nur in unseren Gemälden des 14. Jahrhunderts zu 
finden ist, ja man verzeiht ihnen sogar manche 
obscöue Darstellung, weil sie — natürlich mit Aus- 
nahmen — keinem unlauteren Motive entstammt. 

Die Naivetät paart sich häufig mit sehr poeti- 
schen Gedanken; Landschaft und Figuren sind stets 
iu Einklang; erstere erinnern wieder sehr häufig an 
alte italienische Meister, bei welchen die Landschaft 
und Architektur den Vorgang der Darstellung er- 
läutert, oft iu Verbindung mit kleinen Darstellungen 



INDISCHE MALEIIEI. 



241 



im Mittel- und Hintergründe, welche Geschehenes 
oder Kommendes andeuten, um erzählend die Haupt- 
handlung zu ergänzen. Von solchen Darstellungen 
finden sich sehr schöne Beispiele im Museum von 
Lahore, wie die Geschichte des Padischah Allaud 
Din in 15 Bildern. Die Vorwürfe zu den Bildern 
sind sehr häufig mythologischen Inhaltes oder Scenen 
des Krieges, der Jagd, häufig auch Scenen aus dem 
Leben berühmter Heiliger, poetische Darstellungen 
von Legenden (Fig. 6 u. 7). 

Sehr gepflegt war die Porträtmalerei, fast durch- 
wegs in kleinem 
Masstabe, wenn die 
Bildnisse nicht als 
Miniaturen auf El- 
fenbein in Me- 
daillonform gemalt 
wurden. Ich brau- 
che für die Qualität 
dieser Arbeiten nur 
anzuführen, dass in 
der Albertina in 
Wien ein solches 
Bild unter dem 
gewiss schmeichel- 
haften Namen Haus 
Holbein eingei'eiht 
erscheint. 

Die Feinheit 
der Ausführung, 
aufweiche die indi- 
schen Maler stets 
ein Gewicht gelegt 
zu haben scheinen, 
geht stets gleichen 
Schritt mit strenger 
charakteristischer 
Zeichnung sowie 
mit der Zartheit 
des Kolorites, ohne in Süsslichkeit auszuarten, und 
das Kolorit bekundet stets einen feinen Farbensinn der 
Maler. Gold wird sehr häufig angewendet, besonders 
da, wo grelle Farben dadurch zu mildern sind. Selbst 
die Umrahmungen der Bilder , jene Kartons , auf 
welche das zu bemalende Papier aufgeklebt wurde, 
sind gemalt. Zumeist umgiebt das Bild unmittelbar 
ein ornamentirtes Band, der übrige Rand ist gewöhn- 
lich mit Goldblumen gemustert. 

Was die Technik dieser Bilder anbelangt, so sind 
sie fast durchwegs in Gouache ausgeführt, aber in 
einer Weise, welche der alten Temperamalerei ähnelt. 




Eine Menge Zeichnungen finden .sich vor (Fig. 8 
u. 9.), welche entweder als unvollendete Bilder oder als 
Studien aufzufassen sind. Ich vermute letzteres, da auf 
diesen Blättern sehr häufig Randzeichnungen von De- 
tails, oft derselbe Kopf in verschiedenen Stellungen zu 
finden sind, sowie flüchtige, nur angedeutete Notizen 
in Farbe. Diese offenbar nach der Natur gezeich- 
neten Studien scheinen dem Maler zur späteren Aus- 
führung von Bildern gedient zu haben, da er wahr- 
scheinlich nicht nur eines, sondern viele solcher 
Bilder zu machen hatte und die zumeist dargestellte 

hohePersönlichkeit 
nicht oft zu einer 
Sitzung zu haben 
gewesen sein dürfte. 
Die ausgeführten 
Porträts sind stets 
mit allem Beiwerk 
bis aufs kleinste 
Detail ausgeführt 
und der Name des 
Dargestellten ist 
häufig in den rei- 
chen ornamentalen 
Rahmen in kalli- 
graphischer Schrift 
eingefügt. 

Ich besitze eine 
Anzahl von solchen 
Studien, sowie halb- 
vollendete Bilder, 
aus welchen man 
deutlich die ganze 
Malweise ersieht. 
Eine strenge Kon- 
turzeichnung, bis 
in die kleinsten 
Details mit Feder 
und Tusche herge- 
stellt, liegt dem Gemälde zu Grunde, worauf dann die 
Lokaltöne erst mit dünnen Farben aufgetragen wurden, 
so dass immer noch die Zeichnung durchzusehen war. 
Die Fleischtöne sowie die Lokalfarben der Gewänder 
und einzelner Gegenstände wurden sodann mit stär- 
keren deckenden Farben aufgetragen, um so einen 
festen entschiedeneu Grund für die folgende Schattirung 
und Detailzeichnung zu gewinnen. Zuweilen sind 
einzelne Partien stückweise fertig gemacht, während 
andere bis auf die Zeichnung noch unvollendet stehen, 
so dass es fast den Eindruck macht, dass sich zwei 
Maler in die Arbeit geteilt hätten. Eigentümlich ist 



.\Ue Burliillustration. Malerei aus LIlIIii 
(Sammluug Lanckoronski.) 



242 



INDISCHE MALEIJKI. 



den iudiscliL'u Malereiun, d;iss die Farlieu möglichst 
dick in einer Art Grundirung aufgetragen, dabei 
aber sehr glatt über die ganze Fläche verteilt sind. 
Diu starke Versetzung der Farbe mit einem Binde- 
mittel lässt dieselbe nicht kreidig erscheinen, wo- 
durch besonders in Fleischtönen und dem Weiss von 
Marmor ein eigentümlicher, der Natur des Stoffes 
sehr entsprechender Effekt ei'zielt veird. Diese starke 
Grundirung hat aber zur Folge, dass solche Bilder 
leicht abspringen, wenn sie nicht auf sehr starkem 
Karton aufgezogen sind , man findet daher sehr 



eine ausserordentlich zarte Behandhuig der Details, 
welche die indischen Gemälde stets auszeichnet. Man 
kann oft bemerken, dass das Papier durch die Ein- 
wirkung des feuclitwarmen Klimas Indiens sehr ge- 
litten hat, so dass ein Aqviarell im gewöhnlichen 
Sinne fast zerstört wäre, während diese Bilder noch 
in voller Farbenfrische prangen, was namentlich zu 
vermerken ist, da das angewendete Bleiweiss auch in 
unserem Klima stets Veränderungen unterworfen ist. 
In dieser Beziehung sind diese Malereien als 
Temperamalereien aufzufassen; es kommt aber auch 




Fig. 7. Alles Miuiiiturgemälde. — Museum zu Laliore. (Nach eigener iiliutograpliisuher Aufualime.) 



häufig Bilder, aus welchen einzelne Stellen ausge- 
sprungen sind. 

Es scheint aber, dass das starke Versetzen der 
Farben mit Bindemittel, was besonders beim Weiss 
(Bleiweiss) auffällt, noch einen besonderen Grund 
hat, nämlich die Farben vor Oxydation zu schützen. 
Dieses Bindemittel i.st, wie die chemische Analyse 
deutlich ergab, Dextringummi, mit welchem sowohl 
das Papier nach der aufgetragenen Zeichnung über- 
strichen, als er auch den Farben beigemischt wurde. 
Die Farben erhalten dadurch einen eigentümlichen 
Schmelz, der oft an Elfenbein erinnert und besonders 
in Fleischtönen sehr angenehm wirkt. Die Glätte 
des so hergestellten Untergrundes gestattet auch 



vor, dass Bilder auf Holz oder an die Wand gemalt 
noch überdies mit einem B'irniss überzogen wurden, 
welche Malereien dann ganz an jene persischen Pa- 
piermachearbeiten erimiern , welche allbekannt sind, 
und deren Industrie im nördlichen Indien (Kaschmir) 
besonders gej)flegt wird. 

Im Fort von Labore sind die Pfeiler, welche 
die mit Glasspiegel eingelegten Decken tragen, mit 
den feinsten derartigen Malereien verziert. Zwischen 
Ornamenten und Blumen in persischem Stile sind 
einzelne Bilder eingefügt und das Ganze mit Firniss 
überzogen. Ahnliche Malereien finden sich auch 
im goldenen Tempel von Amrizar, der ein Hindu- 
tempel ist. 



INDISCHE MALEREI. 



243 



Wandmalereien kommen verhältnismässig selten 
vor; der farbige Schmuck der mohammedanischen 
Bauten wird zumeist durch verschiedene Arten 
Mosaik erzielt, so jene an Florentiner Mosaik 
erinnernden im Taj Mahal oder die aus kost- 
baren Steinen in weissen Marmor eingelegten 
Ornamente im Fort von Agra. Am häufigsten 
kommt Mosaik aus glasirten farbigen Thon- 
platten vor, wie sie so reich an der Moschee 
Vezier Khan oder den zahlreichen Grabdenk- 
mälern in der Umgebung von Labore vor- 
kommen. Oft hat die Malerei das zu kostbare 
Material zu ersetzen. Ein ganz einziges Bei- 
spiel mohammedanischer dekorativer Malerei 
findet sich aber in der Haupthalle von Sikan- 
darah bei Agra. 

Diese Malereien sind stark beschädigt, 
stellenweise aber restaurirt; so viel man aber 
an den alten Malereien noch sieht, sind die- 
selben ganz eigenartig. Ziemlich realistisch 
gemalte und ganz in modernem Sinn zu Orna- 
menten verarbeitete Pflanzenformen bilden die 
Motive. Mir ist speziell ein schöner Fries in 
Erinnerung, der aus Lotosblättern und Blüten 
besteht, welche ornamental den Raum erfüllen. 
Im ganzen ist der genannte Raum mit dem 
den Arabern eigenen dekorativen Geschmack 
ausgemalt, die Tbornische ist modern, wahr- 
scheinlich nach altem Mu.ster, hingegen die 
Flächen an der Aussenseite mit üliertrieben 
vergrösserten Kornblumenornamenten Ijemalt. 

Die dekorative Malerei im grösseren Stile 
schien in der Zeit, als die buddhistische Reli- 
gion die herrschende in Indien war, einen 
schönen Anfang genommen zu haben und war 
auf dem besten Wege, sich zu hoher Kunst 
zu entwickeln. Die buddhistische Religion ist 
gegenwärtig aber bis auf kleine Reste in Cey- 
lon und in den Thalern des Himalaja gänz- 
lich aus Indien verdrängt, weshalb nur Schutt- 
haufen und Ruinen, grossartige Felsentempel 
von ihrer früheren Ausbreitung und Macht 
dieser Religion zeugen. Die Skulpturen, welche 
sich unter den Ruinen der Buddhatempel im 
Nordwesten von Indien und in Afghanistan 
finden, zeugen von einer hohen Entwicklung 
der Kunst und zugleich von ausgesprochen 
griechischem Einfluss. Die Kunstwissenschaft 
schäftigt sich gegenwärtig eingehend mit diesen 
höchst interessanten Kunstwerken, von welchen 
man in allen Museen Indiens schöne Beispiele 



findet. Die schönste Statue befindet sich im Museum 
in Delhi, ein weibliches lebensgrosses Standbild. Es 
ist daher ganz begreiflich, dass wir von der Malerei, 




be- 



. Alte Porträtstudie (ZciclimiiiK aus Dullii.) Im Besitze des Autors. 

welche in dieser Epoclie blühte, kaum Beispiele vor- 
finden, ja wir würden keine Ahnung davon haben, 
hätte sich nicht die grossartige Tempel- untl Kloster- 
anlage von Ajunta erhalten. 



•21 ; 



INDISCHE MALEREI. 



Die Felsentemi^el daiiren aus der Zeit vom 
2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 7. n. Chr. Säulen 
und Plafonds sind mit Skulpturen und Malereien, die 
Mauern mit Fresken aus dem Lehen Buddha's (5. Jahr- 
hundert n. Chr.) geschmückt. Leider sind dieselben 
sehr ruinirt, aber dennoch sieht man noch genug, 
um über diese Arbeiten zu staunen. Die Ornamente, 
welche in kühnen Verschlingungen von Tier- und 
Pflanzenformen die acht Seiten der Säulen zieren, 
sind nicht nur von einer staunenswerten Fülle von 
Formen, sondern auch von einer Feinheit der Farbe 
und bekunden einen Farbensinn, der eben so staunen- 
erregeud ist wie grossartigc Konzeptidii der o-i-osscn 
Wandgemälde. An die-, 
sen Gemälden , welche 
oft Hunderte von Figu- 
ren darstellen, bemerkt 
man ohne Mühe ver- 
schiedene Zeiten und 
verschiedene Künstler. 
Wir begegnen aber 
nicht nur ausgesprochen 
indischen Formen, son- 
dern finden sehr häufig 
Ornamente oder Friese, 
welche ebenso gut aus 
einem Zimmer in Pom- 
peji stammen könnten. 
Besonders häufig kommt 
der Mäander in verschie- 
denen Verschliugungen 
vor, wie er sehr häufig, 
plastisch und perspek- 
tivisch gemalt, in Pom- 
peji als Randleiste oder 
selbst in Mosaik vorkommt. Mag diese Ähnlichkeit 
auch eine zufallige sein, so verdient sie doch gewiss 
erwähnt zu werden, namentlich weil ja Pompeji und 
Ajunta ziemlich zu derselben Zeit blühten, wenn es 
mir auch sehr gewagt erschiene, eine Beziehung zwi- 
schen beiden mir zu vermuten. 

Die schon erwähnten Fresken aus dem Leben 
Buddha's sind leider so ruinirt, dass die Gesamt- 
wirkung der Bilder schwer zu beurteilen ist. Die 
einzelnen Figuren sind sehr charakteristisch und be- 
wegt, nur Buddha zeichnet sich .stets durch vornehme 
Ruhe aus und erinnert fast an einen Christus von 
Cimabue. 

Der Charakter der Gesichter, Kostüme und Fri- 
suren an den dargestellten Figuren zeugt von einer 
Rasse, welche ganz verschiedou ist von jenen altern 




Fig. 5. Moderne Buchvignette. 



Monumenten in Bhaja, Karli, Bhauhut und Sanchi. 
Man vermutet, dass die Entstehung dieser Bilder ins 
5. Jahrhundert u. Chr. fällt, und es sind dies die ein- 
zigen Malweisen aus dieser Zeit. 

Mr. Griffits, der Direktor der Kunstschule in 
Bombay, hat sich der schwierigen Aufgabe unter- 
zogen, alle Malereien, welche in Ajunta noch vor- 
handen sind, dadurch vor dem Untergange zu retten, 
dass er genaue Kopien davon machte, welche er 
seinerzeit zu publiziren gedenkt. Ich war so glück- 
lich diese Sammlung zu sehen, durch welche man 
erst zum Vollgenuss dieses wahren Kunstschatzes 
kduniit, Iji'idcr uiir es mir nicht vergönnt, einzelne 
Beispiele aus dieser 
Sammlung für den vor- 
liegenden Aufsatz zu 
verwerten. 

Die heutigen Bud- 
dhatempel in Ceylon, 
zumeist Felseutempel 
(Vihara), sind zwar 
neben rohen plastischen 
Buddhafiguren , reich 
mit Fresken bemalt, 
diese aber sind von 
eben so geringem Kunst- 
wert wie die Skulpturen. 
Nicht ohne Interesse 
sind hingegen die Be- 
malungen der Säulen 
und Thürfüllungen im 
grossen Tempel von 
Kaudy. 

In Hindutempeln 
kommt überhaupt selten 
dekorative Malerei vor, die Malerei dient in der Regel 
nur zur Polyehromirung der Plastik, welche in 
ziemlich roher Weise nahezu Regel ist. Nennens- 
werte Wandgemälde habe ich nur in Tanjore in 
Südindien gesehen. Dieselben schmücken die Rück- 
wände offener Nischen, in welchen steinerne Lingams 
aufgestellt sind (Fig. 3). 

Ich kann nicht unerwähnt lassen, dass sich in 
Wien eine grosse Anzahl guter alter indischer Ge- 
mälde in verschiedenen öffentlichen und Privat- 
sammlungen finden; vor allem sei hier auf eine ganze 
Reihe von Bildern der besten Qualität aufmerksam 
gemacht, welche das kaiserliche Lustschloss Schön- 
brunn birgt. In dem linksseitigen Trakte unter den 
Fremdenzimmern befindet sich das sog. Feketinzim- 
nier, nach dem so benannten kostbaren chinesischen 



LIONARDO DA VINCI'S UND HANS HOLBEINS D. J. HANDZEICHNUNGEN IN WINDSOR. 245 



Holze, mit welchem es getäfelt ist, benannt. In diese 
Holztäfelung sind in barocken Rahmen bis zur Decke 
hinauf eine grosse Anzahl dieser Bilder eingelassen, 
welche zu den besten indischen Malereien gehören. 
Sie sind miniaturartig gemalt, und es scheint, dass 
sie mehreren Cykleu angehören. Die Bilder sollen 
angeblich in Maria Theresia's Zeit aus Konstantinopel 
nach Wien gelangt sein; wahrscheinlich aber ist es, 
dass dieselben seinerzeit von einem indischen Füi'sten 



als Geschenk hieher kamen und zu diesem Zwecke 
eigens bestellt worden sind. Letzteres beweisen die 
unregelmässigen Formen der Bilder, welche speciell 
für die barocken Rahmen, welche sie umgeben, 
komponirt erscheinen. Ein Cyklus der Bilder scheint 
mir aus dem Leben Schah Jehans entnommen zu 
sein, da das Porträt dieses Fürsten, welches ich zu- 
fälligerweise als Studie besitze (Fig. 9) darunter 
auffallend häufig vorkommt. 



Fig. 9. Porträtstudie (Schah Jehan II.). 
Im Besitze des Autors. 



LIONARDO DA VINCI'S UND HANS HOLBEINS D. J. 
HANDZEICHNUNGEN IN WINDSOR. 



VON OUSTAV FBIZZONI. 
MIT ABBILDUNGEN. 




EM wahren Kunstfreunde kann 
kaum ein höherer Genuss zu teil 
werden, als der, welcher aus der 
Betrachtung und dem Studium der 
Handzeichnungen der grossen Mei- 
ster sich ergiebt. Entsteigt ja bei 
der Ausführung dieser Blätter der erste, fri.sche 
Gedanke ihrer Seele und spricht uns auf die klarste 
und harmloseste Weise ihr Gemüt und ihre Anf- 
fassungsweise daraus an! 

Unter den Sammlungen solcher Art nimmt be- 
kanntlich diejenige der Königin von England in der 
Bibliothek des Schlosses zu Windsor eine der her- 
vorragendsten Stellen ein. Diese Schätze, welche 
bis vor kurzem aus verschiedenartigen Gründen 
schwer zugänglich waren , sind nunmehr in ihrer 
Mehrzahl dem grossen kunstliebenden Publikum er- 
schlossen worden durch die von der berühmten 
Firma Braun in Dornach angefertigten photographi- 
schen Aufnahmen, welche uns die kostbarsten Ori- 
ginale der Sammlung durch treue Faksimiles vor 
Aug>!n führen. 

Die Sammlung von Windsor hat bekanntlich 

Zeitschrift für bildende Kunst N. F. I. 



Arbeiten der grössten Meister der Renaissance so- 
wohl aus Italien als aus Deutschland aufzuweisen, 
ja von zweien derselben, nämlich von Lionardo da 
Vinci und von Hans Holbein d. j., kann man ge- 
radezu behaupten, dass sie in keiner anderen Samm- 
lung so reichlich vertreten sind , wie hier. Den 
Braunschon Aufnahmen gebührt somit das Verdienst, 
das eingehende Studium dieser Künstler um vieles 
erleichtert zu haben, indem man sich mit der Be- 
trachtung der von ihnen herstammenden Blätter dem 
Ursprünge ihres geistigen Schöpfungsprozesses nähern 
kann und sie auf die anschaulichste Weise würdigen 
lernt. 

Was kommt da nicht alles vor unter den Stu- 
dien eines so reichen Genius wie Lionardo! Pferde- 
studien, Skizzen zu der Reiterstatue des Franc. Sforza, 
sowohl in der bewegten Stellung als in ruhiger Hal- 
tung, Allegorisches, Mythologisches, Mechanik, Bäume 
und Gräser, aber vor allem Darstellungen des mensch- 
lichen Körpers imd Kopfes, die er nach allen Seiten 
hin zum Hauptgegenstande seiner Forschung ge- 
wählt hatte. 

Zieht man überhaupt die grosse Zalil der von 

32 



246 LIONARDO DA VINCFS UND HANS HOLBEINS D. J. HANDZEICHNUNGEN IN WlNDSüR. 



Lionardo noch vorhandenen Blätter in Betracht, wobei 
man erkennt, dass er nichts zu gering schätzte, um 
es gelegentlich zeichnend aufzunehmen, so möchte 
man zu dem Schlüsse kommen, dass das Zeichnen 
für ihn ein wahres Bedürfnis, gleichsam seine zweite 
Natur gewesen sei, dass er somit seiner Neigung 
gemäss die Kunst vielmehr aus innerem Triebe ge- 



oder in einer anderen künstlerischen Technik auszu- 
führende Werke betrieben wurde. 

Selbst Holbein, der, wie gesagt, mit Lionardo 
in Windsor am reichsten vertreten ist, bildet darin 
keine Ausnahme, da ja der grösste Teil seiner Zeich- 
nungen für die Ausführung, sei es in der Malerei, 
sei es im Holzschnitt oder in der Goldschmiedekunst 





Bildniszeichnung des Thomas Lord Vaux von Hans Holbein d. j. — Wiiidsor-Castle. 
(Photographie von Braun.) 



pflegt, als dass er damit getrachtet hätte, der Welt 
durch vollendete Werke imponiren zu wollen, da er 
ja von solchen, wie man weiss, nur eine geringe 
Zahl zu stände gebracht. — Lionardo's Thätigkeit 
unterscheidet sich also von der der andern Künstler 
dadurch, dass das Zeichnen für ihn an und für sich 
den Wert einer bildlichen Sprache hatte und zwar 
nicht nur für künstlerische, sondern auch für wissen- 
schaftliche Zwecke, während es sonst mehr oder weni- 
ger mit Rücksicht auf andere, z. B. in der Malerei 



bestimmt gewesen. Was seine in Windsor aufbewahr- 
ten Blätter anbelangt, so sind es sämtlich, eines aus- 
genommen, Porträtstudien. — „Nur wer mit diesen 
Zeichnungen vertraut ist" , sagt Woltmann, „kann 
zu einem Urteil über Holbein als Bildnismaler in 
seiner englischen Zeit gelangen, ebenso wie nur der- 
jenige von seinem Schaffen in der Baseler Epoche 
sich ein Bild machen kann, der die Handzeichnungen 
der Baseler Sammlung genau kennt." 

Die Art der Ausführung mit verschiedenfarbiger 



LIONARDO DA VINCI'S UND HAN8 HOLBEINS D. J. HANDZEICHNUNGEN IN WINDSOR. 247 



Kreide, und bisweilen mit schriftlichen Andeutungen 
der zu gebrauchenden Farben, lässt darauf schliessen, 
dass wenigstens der grösste Teil dieser Bildnisse zur 
Übertragung in Gemälde bestimmt war. Die Dar- 
gestellten sind lauter Personen aus den höheren 
Ständen, welche der 
Umgebung des Kö- 
nigs Heinrich VHI. 
angehört haben 
müssen, meist cha- 
rakteristische,wenn 
auch nicht immer 
schöne Köpfe. — 
Eines der anzieh- 
endsten und besser 
erhaltenen ist wohl 
das Bildnis des 
Thomas Lord Vaux, 
demBeschauernach 
rechts zugewandt, 
welches beiliegend 
unsern Lesern vor- 
geführt wird. Hol- 
beins Anlagen als 
Porträtmaler könn- 
ten sich kaum in 
einem andern Wer- 
ke auf prägnantere 
Weise kund geben: 
so rein, so naturtreu 
und zugleich mit 
so feinem Kunst- 
sinn ist das Ganze 
behandelt! In den 
Gesichtszügen und 
in dem Ausdrucke 
der Augen lässt 
sich der sichere und 
gewissenhafte Ein- 
blick des Meisters 
in sein Modell er- 
kennen; Bart und 
Haare in ihrer 
weichen Manier mit dem trefflichen Schimmer des 
Helldunkels, ja der Sammeteft'ekt des schief stehen- 
den Baretts verleihen dem Antlitze einen Reiz, wel- 
cher durch das Unvollendete der Kleidungsstücke 
nur erhöht wird, indem es die Betrachtung des Be- 
schauers um so mehr auf den Kopf hinleitet. Mau 
merkt überhaupt sowohl in diesem Porträt als in 
den andern, wie ernst der Künstler es gemeint mit 




Porträtstudie von Lionardo da Vinci. — Windsor-Castle 
(Photographie von Braun.) 



der Lösung der ihm jedesmal gegebenen Aufgabe, 
wie gleichmässig er danach gestrebt hat , die Mo- 
delle, welche vor ihm standen, nicht anders aufzu- 
fassen und wiederzugelien, als sie sich in ihrer Er- 
scheinung ihm darstellten. 

Anders verhält 
es sich mit Lionar- 
do. Er lässt sich 
nicht leicht von 
bestimmten Aufträ- 
gen in Anspruch 
nehmen; sein leb- 
hafter Drang, jede 
natürliche Erschei- 
nung zu ergründen, 
lässt ihn zum Stift 
und zur Feder grei- 
fen, um sie direkt 
für den Ausdruck 
der seinem Geiste 
vorliegenden Ob- 
jekte zu verwerten. 
Den Menschen 
aber gefällt er sich 
als solchen im all- 
gemeinen Begriff, 
sowohl nach seiner 
inneren als nach 
der äusseren Ge- 
staltung und Be- 
wegung zu behan- 
il.'ln. Er ist inso- 
fern als der Huma- 
nist par exceUence 
! 1 1 iter den Künstlern 
11 bezeichnen. Man 
:'he sich in der 
\ V^indsorsammlung 
■ine erstaunlichen 
iiaatomischen Stu- 
dien , seine Akte, 
Händemodelle, Ka- 
rikaturen u. s. w. an 
und ganz besonders seine physiognomischen Auf- 
nahmen. Er übertrifft alle Meister an Lebendigkeit, 
an Grazie, au Gewandtheit der Hand. 

Lernt man in der That in dem ihm zugedachten 
Material das Echte von dem Unechten unterscheiden, 
so muss man schliesshch anerkennen, dass er mit 
der Linken freier und leichter gearbeitet hat, als es 
sonst jemand mit der Rechten zu thun vermag. — 

32* 




248 



DAS SNEWELINSGHE ALTARWEHK DES HANS BALDUNG GRIEN. 



In seiueu Studien nach menschlichen Köpfen kommen 
lanter ausgeprägte Typen zum Vorschein; derjenige, 
den wir für die Abbildung erwählt haben, das be- 
zaubernde Mädchenprofil, stammt wohl aus seiner 
früheren florentinischen Zeit: so jugendlich frisch und 
zart steht er sich dar. Nichts lässt uns dai-in ahnen, 
dass der Künstler ein vollendetes Porträt daraus 
machen wollte, sondern es war ihm augenscheinlich 
darum zu thun, für sich selbst ein gefälliges weib- 
liches Ideal festzustellen, gerade so wie er in andern 
Fällen Ähnliches bezweckte, wenn er verschieden- 
artige Gesichter seinem Gedächtnisse einprägte, um 
sich sodann mit den entsprechenden Abbildungen 
einen Schatz von denkwürdigen Erscheinungen zu 
sammeln. 

Freilich bleibt dabei nicht ausgeschlossen, dass 
er sich aus Anlass der von ihm auszuführenden 



grösseren Werke die Vorbereitung mannigfacher 
Studien angelegen sein liess. Seine bekannte lange 
Überlegung, bevor er sich an das grossartige Werk 
des Abendmals machte, wird durch die Erhaltung 
gar mancher Skizzen bezeugt. Das Gleiche gilt für 
das Reiterstandbild, für das unvollendet gebliebene 
Gemälde von der Anbetung der heil, drei Könige 
u. s. w. 

Wollte man endlich einen Vergleich anstellen 
zwischen Holbein und Lionardo, in ihrer Eigenschaft 
als Bilduismaler, so könnte man sie in kurzen Worten 
wechselseitig auf folgende Weise charakterisiren: 
Holbein ist der eclite und schlichte Porträtist, wel- 
cher in seiner zeitgemässen Entwickelung den Höhe- 
punkt der deutschen Renaissance erreicht, Lionardo 
dagegen ein tiefer Physiolog, zugleich aber von dem 
feinsten und edelsten Kunstsinne beseelt. 



DAS SNEWELINSGHE ALTARWERK DES HANS 
BALDUNG GRIEN. 



MIT ABBILDUNGEN. 
VON GABRIEL VON TEREY. 




M Münster von Freiliurg im Breis- 
gau, wo der Hauptaltar durch die 
Meisterwerke unseres Künstlers 
geschmückt ist und eins der gröss- 
ten Monumente auf dem Gebiete 
der deutschen Malerei des 16. Jahr- 
liunderts aufweist, befindet sich hinter demselben in 
einer der Kaiserkapellen des Chorumganges ein zweites 
Werk von Haus Baidung. 

Woltmann und Woermann ') schreiben: „Im 
Freiburger Münster eine Verkündigung nebst den 
beiden schönen Flügeln, welche die Taufe Christi 
und den Johannes auf Pathmos zeigen." In einem 
schlichten Altarschrein sind nun die beiden noch 
vorhandenen Bilder vereint; bis zu welchem Grade 
die Verkündigimg hier erwähnt zu werden eine Be- 
rechtigung findet, werden wir später sehen. Herr 
Bauinspektor Baer^) widmete einige Worte diesen 
Bildern; durch seine gefällige Mitteilung habe ich 
Näheres über die ursprüngliche Form des Altarwerkes 



1) Oeschiclite der Malerei von H. Woltmann und K. 
Woermann. Leipzig 1882. Bd. II, S. 443. 

2) Baugescliichtliche Betrachtungen über Unserer lieben 
Frauen Münster von Franz Baer. Freiburg 1880. S. 53. 



erfahren. Dasselbe war eine Stiftung Snewelins und 
befand sich seit der Zeit in der Snewelinskapelle, 
muss ein ganz hervorragendes Kunstwerk gewesen 
sein, auch dem Reichtum und der Bedeutung des 
Ritters von Snewelin entsprochen haben. In den 
zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts soll der Altar 
bereits in der KaiserkapeUe gestanden haben, und 
zwar vollständig erhalten. Das Altarwerk bestand aus 
einem oberwärts in einem Dreieck auslaufenden Mittel- 
stücke, zwei Thüren und zwei hinter demselben an- 
gebrachten kleineren unbeweglichen Flügeln. Das 
Mittelstück, eine Holzschnitzarbeit, enthielt Maria mit 
dem Kinde auf geflochtenem Reisig sitzend, ihr zur 
Seite Joseph schlafend. Die Bildwerke waren gefasst 
und bemalt, hatten aber, als Schreiber ') dies schrieb, 
bereits bedeutend gelitten ; er fügt ferner hinzu: „Der 
Hintergrund, gleichfalls bemalt, stellt auf der einen 
Seite die Stadt mit der Aussicht auf einen See dar, 
auf der anderen aber Rosengebüsch, auf dem bunt- 
farbige Vögel sich wiegen. Die Thüren enthalten 
von innen auf der einen Seite die Taufe Christi im 



1) GesobicMe und Beschreibung des Münsters zu Frei- 
liurg im Breisgau von Prof. H. Schreiber. Freiburg 1825. 
S. 264 ff. 



DAS SNEWELINSCHE ALTARWERK DES HANS BALDUNG GRIEN. 



249 



Jordan, auf der andern den Evangelisten Johannes 
in der Begeisterung, von aussen aber die Verkün- 
digung Maria. Auf den mehr zurücktretenden kleinern 
Flügeln sind die Bilder Johannes des Täufers und 
Johannes des Evangelisten dargestellt. An dem Unter- 
.satze findet sich rechts das Wappen der Familie 
Snewelin, links der knieende Stifter." 

Ferner erfahren vrir, dass ein gewisser Glänz 
um 1840 das Altarwerk „restaurirte", d. h. es wurde 
auseinandergerissen, imd die beiden Flügelbilder be- 
finden sich zur Zeit in der obenerwähnten Kaiser- 



in der Breite. Diese zwei noch erhaltenen Bilder 
sind, wie oben erwähnt, in einem schlichten Altar- 
schrein vereinigt. 

Das erste Bild stellt die Taufe Christi im Jor- 
dan dar. Johannes ist bärtig, mit brauner Hautfarbe 
und olivenfarbigem Kleide, die Brust ziemlich weit 
entblösst, die Gewandung vom Rücken herabfallend. 
Wir sind in einer prächtigen, für Baidung charak- 
teristischen Landschaft mit hohen Bergen, der als 
lebendiges Element der Fluss beigegeben ist, in wel- 
chem Christus steht und von Johannes die Taufe 




Johannes auf Fathmos luid Taufe Christi, von Hans ßALUu.si 



kapeile; was mit dem Rest des Altars geschehen, habe 
ich bis jetzt noch nicht ermitteln können. Von 
der Verkündigung Maria, welche Weltmann und 
Woermann erwähnen, scheint heute auch nichts mehr 
vorhanden zu sein; möglich wäre es, dass sie jetzt 
gegen die Wand gewendet ist und wir sie somit 
nicht sehen können; doch wohl eher dürfen wir an- 
nehmen, dass sie auseinander gesägt wurde. Es ist 
mir nicht möglich gewesen, die gegen die Wand 
gestellte Seite des Altarschreines zu besichtigen, und 
somit haben wir von dem ganzen prächtigen Altar- 
werke nur noch die Darstellungen der Taufe Christi 
im Jordan und die des Johannes auf Pathmos. Ein 
jedes Bild misst ca. 125 cm in der Höhe und 75 cm 



erhält. Im Kontrast zu der braunen Hautfarbe fin- 
den wir beim Christus die Karnation von grünlich 
blauem Schimmer, wir werden unwillkürlich an Lio- 
nardo's Karnationen erinnert. Hinter dem Christus 
ein in ein weisses Gewand gekleideter Engel mit gol- 
denen Haaren und mächtigen Flügeln, die Hände 
durch ein mausfarbiges, ins Violette überspielendes 
Tuch verdeckt, ein in Itahen sein- früh vorkommen- 
des Motiv, welches wir unter anderem bei Hans 
Burgkmair ') wiederfinden. Christus und Johannes, 
beide mit goldenem Nimbus, die über dem Haupte 



1) Leben und Leiden Christi des Hans Burgkmair. S. 
tlirtlis Liebhaberbibliothek. (Blatt mit der Darstellun;; der 
Taufe Christi.) 



■250 



DAS SNEWELINSCHE ALTARWERK DES HANS BALDUNG GRIEN. 



des Christus schwebende Taube ist ebenfalls mit 
goldenem Nimbus umgeben. Am Ufer und auf 
Bergesrücken Schlösser. In den blauen Wolken 
thront Gottvater; von «einem Körper ist nur der obere 
Teil sichtbar. Was u.as aber bei diesem Bilde am 
meisten auffällt und Grien, vs^enn auch alles gegen 
ihn sprechen wttrde , auf den ersten Augenblick 
verrät, ist die sehr stark outrirte Stellung des etwas 
gebeugten linken Fusses des taufenden Johannes. 
Sie erscheint uns dermassen v- dreht, dass wir gerne 
an jene Studie von 1511 ') denL m; mag sie auch nur 
als eine Aktstudie aufgefasst werden, immerhin giebt 



wie die Fruchtkränze der della Robbia, die obwohl sie 
einem alten Motiv angehören, eine Revolution in der 
Kunst des Quatrocento in Italien hervorriefen. Vor 
Johannes liegt auf dem Boden ein geschlossenes Buch 
in dunkelgrünem Einbände mit goldenen Spangen 
und Beschlägen. Ein mit goldenem Nimbus um- 
gebener Adler steht auf dem Buche und verhüllt 
den mittleren Beschlag. In grauen Wolken, um- 
grenzt von einer goldenen Einsäuraung, steht auf 
einem Halbmonde die bekrönte Madonna mit ihrem 
Kinde, das, die Mutter liebkosend, an ihre Brust die 
Hand legt. Ein grüner Mantel bedeckt sie fast, das 




Schloss Horneck, Skizze vou;Hans Baldung. 



sie uns den Beweis, wie gerne Baldung sich so 
schwierige Motive wählte, die aber in praktischer 
Verwendung eine noch viel unnatürlichere Form, wie 
dies der Fall auf unserem Bilde ist, erhalten haben. 
Das zweite Bild stellt den heil. Johannes auf 
Pathmos dar. In einem dunkel rosafarbigen Ge- 
wände mit goldenen Locken, in der Linken das Tinten- 
fass, mit der Rechten in das auf seine Knie ge- 
stützte Buch schreibend, sitzt er vor einem dürren, 
mit Moos bewachsenen Baume. Es ist dies eine in 
der deutschen Kunst des 16. Jahrhunderts so cha- 
rakteristische Darstellung des Baumes, eine urwüch- 
sige, echt deutsche Erfindung, wie ich sagen möchte, 



1) Hans Baldung Griens Skizzenbuch, herausgegeben 
von Prof. Dr. M. Rosenberg. Frankfurt 1889. 



goldene Haar fällt von ihren Haupte herab. Rechts 
von der Wolke im Hintergrunde ein Schloss, hinter 
welchem der Bergrücken emporsteigt; graziös und 
zart, ich möchte sagen, wie eine gotische Monstranz 
erscheint es uns. Die Bastionen sind blau, das Schloss 
in heUrosa Farbe, die Dächer braun; die Zugbrücke 
fehlt auch nicht. Und fragen wir nach dem Namen 
des Schlosses: es ist kein Luftschloss. Die mit dem 
Monogramm des Künstlers bezeichnete 37. Tafel des 
oben erwähnten Skizzenbuches giebt uns den Auf- 
schluss. Es ist kein anderes, als das Schloss Hor- 
neck, in getreuer Wiedergabe, nach der feinausge- 
führten Skizze Baidungs, und somit fand dieselbe 
ihr Verwendung auf unserem Bilde. Trotzdem unser 
Künstler das Schloss in zwei Skizzen von verschie- 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



251 



denem Standpunkte entworfen hat, brachte er auf 
unserem Gemälde jene an, welche für seinen ästheti- 
schen Feinsinn ein neues Beispiel uns vor Augen führt. 
Fragen wir endlich nach der Datirung dieser 
zwei Bilder, so können wir mit Sicherheit annehmen, 
dass sie vor 1525 entstanden sind. Denn in diesem 
Jahre wurde das bereits im Jahre 1515 verlassene 
Schloss Horneck im Bauernkriege zerstört, ferner 
lautet die Inschrift zu dem Fensterschmuck der 
Snewelinkapelle: „lUustris eques Joannes Schnew- 
lin Gogu. Gresser, Proconsul, hoc opus pietatis ergo 
fieri curavit. Quod tandem post ultima ejus fata, 
quibus demandatum est, legitime posuerunt 1525"; 
ferner trug das Baldungsche Bild am Untersatze 
das Wappen der Familie Snewelin, und was von 
grösserer Wichtigkeit für uns ist : der Donator, wel- 
cher entweder 1525 oder bereits vorher starb, kam 
ebenfalls auf demselben vor. Aus diesen Thatsachen 



muss geschlossen werden, dass das Altarwerk jeden- 
falls vor 1525 entstanden ist; wenn wir aber die 
stilistischen Gründe und die ganze Art und Weise 
der Komposition, besonders die gewisse Befangen- 
heit in der Darstellung des Johannes auf Pathmos, 
ins Auge fassen, so möchte ich, bis archivalische 
Forschungen über die Reise Baidungs in diese Gegend 
(wobei anzunehmen ist, dass auch das Schloss Weins- 
berg in seinem Skizzeubuch verewigt wurde), ferner 
genauere Angaben über die Bestellung oder Entstehung 
des Altarwerkes uns lähere Aufschlüsse geben wer- 
den, die Bilder um i510 ansetzen. 

Das Licht in ler Kapelle, wo die Bilder jetzt 
ihren Platz gef'^'ulen haben, ist leider dermassen 
schlecht, dass mir eine photographische Aufnahme 
unmöglich war; eine kleine flüchtige Skizze füge 
ich hier bei, sowie die Skizze Nr. 37 aus Baidungs 
Skizzenbuch. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 



^** Bcr Qcschichtsmalcr Otto Meiiydherg, ein Schüler 
von Solin und Schadow, der fast ausschliesslich religiöse Bil- 
der gemalt hat, ist am 28. Mai in seiner Vaterstadt Düssel- 
dorf im 73. Lebensjahre gestorben. 

^*^ In BcMig auf die beiden tcettcifernden Kiiristaiis- 
sleHiingm in Paris hat der Minister dahin entschieden, dass 
die im Budget für Ankäufe von Kunstwerken angesetzte 
Summe von 225000 Frs. dem alten „Salon" in dem Industrie- 
palaste verbleibt, ebenso wie der Preis des „Salons" und die 
Reiseunterstützungen. Daneben hat der Minister aber auch 
75000 Frs. für Ankäufe in der Kunstausstellung des Mars- 
feldes bewilligt. 

**, Zum Xri/Ixiu eines Kunstatisstcllungsyehüudcs in 
Berlin. Die Berliner Kunstgenossenschaft ist durch die Er- 
klärung des preussischen Kultusministers vom 19. April (vgl. 
Nr. 2.3 der Kunstchronik, S. 372), nach welcher bei einem 
Neubau der Kunstakademie auch für ein Lokal für perma- 
nente Kunstausstellungen gesorgt werden soll, nicht befrie- 
digt worden. Sie hat deshalb eine Denkschrift herausge- 
geben, in der nach einem Rückblick über die bisherigen 
Schritte zur Erlangung eines Kunstausstellungsgebäudes die 
an ein solches zu erhebenden Anforderungen hinsichtlich des 
Raumes und der Einrichtung ausführlich begründet werden. 
Zum Schluss der Denkschrift werden die Wünsche der Ber- 
liner Kunstgenossenschaft dabin zusammengefasst, dass sie 
erklärt, ,.1. dass mit dem vom Herrn Minister in Aussicht 
gestellten wiederholten Provisorium eines kleineren Aus- 
stellungsgebäudes für permanente Kunstausstellungen dem 
dringenden Bedürfnis in keiner Weise Rechnung getragen 
wird ; 2. da die Berliner Künstlerschaft nicht nur den Wunsch 
hat, ihre eigenen Erzeugnisse hier permanent ausstellen zu 
können , sondern das lebhafteste Interesse daran hat, auch 
die Kunstthätigkeit anderer Nationen und Kunststädte in 
umfassendster Weise hier zur Anschauung des Publikums zu 



bringen, und nachdem durch allerhöchste Initiative die denk- 
bar günstigste Stelle, die historische Stätte